Wie er wurde
EUR 26,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 142
ISBN: 978-3-99185-059-5
Erscheinungsdatum: 11.12.2025
Waldemar Behrendt, Jg. 1953, erinnert sich an seine Kindheit im ostpreußischen Polen. In berührender und persönlicher Weise erzählt er von seiner Familie, dem Leben auf dem Bauernhof und der Schule. Die biografischen Texte werden von seinen Gedichten begleitet.
1. Rechtfertigung
Alle nachstehenden Gedichte sind von mir geschrieben. Fremdzitate habe ich eindeutig gekennzeichnet.
Georg Simmel:
„Würde mit einem Schlage
jede auf frühere Aktionen hin
den Seelen verbliebene
Dankreaktion ausgetilgt,
so würde die Gesellschaft,
mindest wie wir sie kennen,
auseinanderfallen.“
Ich:
Auf gut Deutsch:
Ohne Dankbarkeit
kein Zusammenhalt.
William Shakespeare (Heinrich IV.):
„Sage, was du zu sagen hast,
wie ein Mensch aus dieser Welt!“
Unkraut
„Konversation“ –
klingt angesagter als
„Unterhaltung“,
doch nicht treffender.
„Dornen und Disteln“,
nicht Unkraut,
„soll er dir tragen“ – der Acker –
lesen wir im Buch Genesis.
Und die Unterhaltung?
In ihr steckt Leben –
sie schenkt uns Halt,
streckt die Hand aus;
wir suchen und finden uns
in anderen und
zugleich andere in uns.
Sie bestimmt unser Dasein,
gibt ihm eine Stimme –
in der Realität;
nein, nicht in der Realität,
da nicht die Realität,
sondern die Wirklichkeit wirkt.
Zeitvergessen wandert mein Gemüt durchs Vaterland, nicht wissend, warum. Stumm betrachte ich jeden Feldweg, jeden Baum, den See, den Wald, die Menschen. Oh nein! Die Schulzeit soll mir meine erhabene Stimmung nicht verderben. Und meine tausend Ängste sollen auch wegbleiben, soll sie der Teufel holen! Bloß, was mich erhob und erhebt, soll in meiner Seele blühen. Der Verstand muss schweigen: Er entwürdigt, er zehrt an meinen Kräften, er zerlegt das Schöne in Bausteine, die einzeln hässlich sind. Ja, ich befürchte, einiges davon zu verstehen. Vielleicht bin ich nur deshalb traurig. Und meine Erwartungen, die mein Bewusstsein weckt, sollen auch begraben werden. Obschon ich mir einbilde, mich zu kennen, zweifle ich daran. Zu viele widersprüchliche Regungen verunsichern mich, am meisten die unscheinbaren und dennoch folgenreichen.
Sobald ich über das Universum sinniere, wird mir im wahrsten Sinne des Wortes schwindlig. Diese Ausdehnung verwirrt mich dermaßen, dass ich aufhören muss, mir diese vorzustellen. Je tiefer ich in sie dringe, desto unheimlicher wird sie. Ähnlich geht es mir, wenn ich über das Menschliche, genauer gesagt, mein Bewusstsein nachdenke, auch wenn dieses vermeintlich im geschlossenen Raum steckt. Die menschliche Seele gleicht dem Universum, mithin kann ich ihre Grenzen niemals erfassen. Abertausende Regungen führen zu noch mehr Gedanken und Handlungen, die oft nicht zu erklären sind, da ich die menschliche Seele niemals klar erfassen kann. Ein Blick des Gegenübers reicht, um mich zu erheben, zu erniedrigen oder zu verunsichern, wobei alle drei zuvor stehenden Verben nur sehr grob diese Gefühle beschreiben. Eine einzelne Darlegung derselben würde hierzu jeweils ein umfangreiches Buch erfordern. Daher werde ich auf jeden Fall nur bei mir bleiben und nichts Fremdes hinzudichten, auf keinen Fall mutmaßen, wohl wissend, dass mir eine detaillierte Schilderung der Seele nicht gelingen kann. Meine Wahrhaftigkeit soll mich beim Rückblick unterstützen, denn ich schreibe für mich, um mich selbst zu verstehen und mithin zu heilen. Ich werde mittels meiner Erinnerungen oft aufschlagen, jedoch niemals ausschlagen, es sei denn im Allgemeinen.
Natürlich möchte ich ausschließlich über mein Leben schreiben, auch wenn es unvermeidlich ist, subjektiv zu bleiben. Meine Gefühle, mein Denken und mein Leben will ich gnadenlos und ungeschminkt zerlegen, ohne Schwulst und Gepränge. Dem werde ich meine Geständnisse unterwerfen, auch wenn diese mich krümmen sollten. Nur was ich gesehen, empfunden und erlebt habe, soll mich dabei leiten, wobei mich gewisse Gelassenheit dabei unterstützen soll. Da mein Leben auch vom Einfluss meiner Familie und Umgebung nicht frei sein kann, werde ich diese Einflüsse mittels Hervorhebungen zu schildern versuchen. Ich frage mich: Soll ich mein Erzählen mit den von mir geglaubten Ursachen meines Zustandes beginnen oder mit den vermuteten Folgen desselben? Ich muss, so mein Entschluss, nach dem Hin und Her, mit den Ursachen beginnen. Denn alle Folgen entwickelt das Gewissen, und dieses erst mit dem Wachwerden des Geistes, also mit dem Beginn des Reifens, also ein paar Jahre hernach.
Vom verlorenen Schaf
Seht zu, dass keines verloren geht.
Denn ich sage euch:
Bloß die Herde bewahrt das Herden-Denken.
Verirrt sich eines;
So wird es mit der Wirklichkeit infiziert.
Und dieses eine, das Verwirrte:
Reißt auch die anderen neunundneunzig
In den Abgrund der Wahrheit.
Meine Kindheit war nie einsam gewesen, ich war niemals ein Einzelgänger. Im Gegenteil: Ich liebte es, in der Gesellschaft zu sein, denn diese machte mich glücklich und formte aus mir einen Menschen, der sich langsam, wenngleich taumelnd, zum Individuum entwickelt hatte. Spreche ich heute mit Waltraud, meiner Schwester, so weiß sie so gut wie nichts aus dem Dorfleben zu erzählen. Ich hingegen: Es gab kein Haus im Dorf, das ich nicht von innen gesehen hätte. Was suchte ich dort, frage ich mich immer noch. Gut, oft schickte mich meine Mutter zu Nachbarn, um Sauerkraut, Salzgurken, Tomaten und mehr zu kaufen. Besonders das Sauerkraut und die Salzgurken, beides von polnischer Hand hergestellt, wurden von uns gern gegessen. Sorry, nicht nur von Hand, denn das Sauerkraut wurde mit nackten Füßen ins Fass getrampelt.
Wer wäre ich, wenn ich nicht diejenigen gehabt hätte, die mir Sinn gegeben haben? Die davorstehenden Sätze schrieb ich, um Missverständnisse zu vermeiden. Aber ich war tatsächlich nie ich selbst. Ich bin auch kein Denker. Diese Behauptung ist keine geheuchelte Demut, denn diese ist mir fremd. Alles, worüber ich schreibe, sind meine Gefühle und Empfindungen, derentwegen ich leide, wobei hinter dem Leid möglicherweise reine Eitelkeit steckt. Ich suchte und fand auch einiges, dennoch können es immer noch Gefühle sein, die ich nicht ganz zur Empfindung erhoben habe. Für Gefühle sei das Herz zuständig, für die Empfindungen Herz und Verstand – so meine Meinung. Und der Nährboden für Gefühle wurde uns während der Kindheit bereitet, auf Empfindungen müssen wir selbst kommen, wir müssen sie finden. Meine Oma strickte die ganzen Winterabende Socken. Wer von uns Sinnvolleres geleistet hat, wage ich nicht zu beurteilen, denn ich kenne den Sinn des Lebens nicht, obschon ich viel darüber nachdachte. Beide hatten wir nur ein Ziel: der zermürbenden Langeweile zu entkommen, mit dem Unterschied, dass Omas Socken wärmten. Dennoch lebte und lebe ich gern.
Schopenhauer irrte, als er behauptete: „Muße ohne geistige Ausfüllung ist Tod und lebender Menschen Grab.“ Oh nein! Denn je mehr Gedanken ich mir über das Leben und den Menschen mache, desto unglücklicher werde ich. Oh, wie beneide ich diejenigen, die reisen, fernsehen, chatten, tanzen, spielen, in Kneipen sitzen usw. Warum? Je tiefer ich über uns Menschen nachdenke, umso mehr erschüttert mich das. Die Motive unseres Handelns ziehen mich zuweilen in den seelischen Abgrund. Die nicht enden wollenden Kriege, Misshandlungen, Neid, Hass und vieles mehr werde ich niemals begreifen können. Spielte ich Billard, so ginge es mir wesentlich besser, glaube ich – Herr Schopenhauer.
Ausgepflügt
Habe getan,
was andere verlangt.
Habe auch gedacht,
was andere vorgaben.
Habe geglaubt,
was andere erheuchelt.
Und gewünscht habe ich,
was andere für richtig hielten.
Habe auch einen Beruf,
den andere ersehnt.
Folge der Erziehung?
Nein!
Ich bin an sich so:
ohne Ich.
Doch muss ich erwähnen:
Meinen Sehnsüchten blieb ich treu.
Zum Glück fiel es keinem auf.
„Übrigens: worüber kann ein anständiger Mensch mit dem größten Vergnügen reden? Antwort: über sich selbst. Also werde auch ich über mich selbst reden.“
Ich aber sage euch
Zuhören,
ohne die Absicht, helfen zu wollen.
Zuhören,
ohne den Wunsch, ermutigen zu müssen.
Zuhören,
ohne das Ziel, antworten zu müssen.
Zuhören,
ohne den Genuss, Mitleid zu empfinden.
Zuhören,
ohne das Erzählte, werten zu müssen.
Zuhören,
ohne den Ehrgeiz, verstehen zu müssen.
Zuhören,
ohne das Verlangen, selbst gehört zu werden.
Zuhören,
nur zuhören,
sonst gar nichts.
Sollten Fragen folgen, dann erst …
Was nun: zuhören oder reden? Steht das Zitat aus „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Dostojewski im Widerspruch zu meinem „Gedicht“? Natürlich höre ich schon die Stimmen der Klugen: sowohl als auch. Aber: Kann ich meine Erfahrungen anderen zumuten? Ja, sage ich mir, denn in ihnen werden sich auch andere finden, die über ähnliche Erlebnisse grübeln. Einige aber seien sich dessen nicht bewusst, weshalb es ihnen vergleichbar schlechter gehe. Anmaßend? „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, sagt Wittgenstein. Aber ich möchte nicht schweigen und schon gar nicht hinsichtlich meiner Empfindungen, die oft tatsächlich nicht greifbar sind oder nicht begreifbar scheinen. Auch die sich bekämpfenden Gedanken sind mir wichtig: Sie bewusst machen, nicht abschieben. Natürlich kann ich emsig wie eine Ameise mein Leben überstehen, ohne zu wissen, warum ich gelebt habe und wozu all diese Zweifel waren. Am Ende werde ich möglicherweise feststellen, dass mein Vorhaben, über mich zu schreiben, tatsächlich anmaßend gewesen war. Dennoch möchte ich auf meine große Freude, über mich zu schreiben, nicht verzichten. Ich hoffe, in meinen Empfindungen das zu finden, was ich suchte und suche. Nein, ich stehe nicht wie der Ochs vor dem Berg, denn ich befinde mich bereits in einem langen Anlauf.
Der große Schopenhauer schrieb auch, bezogen auf den Stil des Schreibens, dass nur, wer was zu sagen habe, schreiben solle. Und schon wieder werde ich verunsichert, denn ich frage mich: Habe ich was zu sagen? Nein, ich wünsche, darüber nicht nachzudenken, sonst wird mein Vorhaben in Zweifeln versinken. Bei näherem Betrachten: Was meinte er mit dem „Sagen“? Waren seine Gedanken und seine Erfahrungen bedeutender als die eines Menschen, der die Welt einfältig verinnerlicht? Gewöhnlich fühlt sich die Kulturelite uns weit überlegen. Was ermächtigt sie aber dazu? Obschon ich mich auf sie eingelassen hatte, fand ich keine klare Antwort auf die Frage, was der Sinn des Lebens ist, sondern zumeist hochtrabende und mich verwirrende Schriften, wenngleich ich ohne diese nicht leben wollte und möchte. Und dennoch folge ich einer wichtigen Warnung Schopenhauers: „Vielmehr aber sollte ganz im Gegenteil ein Autor sich vor nichts mehr hüten als vor dem sichtbaren Bestreben, mehr Geist zeigen zu wollen, als er hat; weil dies im Leser den Verdacht erweckt, dass er dessen sehr wenig habe, da man immer und in jeder Art nur das affektiert, was man nicht wirklich besitzt. Eben deshalb ist es ein Lob, wenn man einen Autor naiv nennt; indem es besagt, dass er sich zeigen darf, wie er ist.“ Nun werde ich mich zeigen, wie ich bin.
Sinn
Ich suchte:
den Sinn für die Welt,
den Sinn für das Leben,
den Sinn für mein Leben.
Ich fand:
keinen Sinn für die Welt,
keinen Sinn für das Leben,
keinen Sinn für mein Leben.
Gleichwohl fand ich:
wohlwollende Taten,
gefälliges Lächeln,
zärtliche Umarmungen,
sonnige Tage,
friedliche Heimat,
Tränen der Wonne, –
die ich nicht genoss.
Plötzlich drängte sich mir wieder die Frage auf: Warum muss ich überhaupt schreiben? Ich hoffe, dass dies die beste Lösung gegen meine Traurigkeit und Menschenscheu ist, die zuweilen unerträglich sind. Gedanklich habe ich bereits alles verdaut, ohne jeglichen Erfolg. Nun ist mein Schreiben eine Art therapeutische Wanderschaft durch meine ersten zweiundzwanzig Jahre. Ich behaupte, ich hatte viel Glück im Leben, denn ich war stets gesund, mehr oder weniger erfolgreich in der Schule, auf der Arbeit und auch glücklich in meiner Familie. Und jetzt, warum bin ich dennoch traurig? Dostojewski: Der Mensch ertrage nur den Weg zum Ziel, niemals aber das Ankommen. Da mir nur noch das Schreiben fehlt, schreibe ich in der Hoffnung, wieder ein Ziel zu haben und unterwegs zu sein. Lebhaft stecken in meiner Seele viele Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugendzeit. Diese meine innere Welt hielt ich stets verborgen, denn ich schämte mich oft ihrer, wollte nicht verhöhnt werden.
„Tolstoj beispielsweise hat gegen Ende seines Lebens, empfindlich für den Ozean des sozialen Leidens um ihn herum, mit dem Schreiben aufgehört und dazu aufgefordert, sozial Nützlicheres zu tun, als erfundene Geschichten zu erzählen.“ (Rüdiger Safranski in „Nietzsche“.
Mittlerweile habe ich diese Ohnmacht überwunden, glaube ich, deshalb schreibe ich. Sollte ich mich an manchen Stellen wiederholen, so sind es keine rhetorischen Kniffe, die ich ohnehin nicht kenne, sondern Äußerungen meiner Zerstreutheit. Übrigens: Was soll ich sonst tun? Menschen in meiner Nähe kann ich, wie bereits erwähnt, kaum noch ertragen, deshalb meide ich sie. Lese ich Bücher, so verfolgt mich das Gefühl der ständigen Wiederholung des bereits Gelesenen. Dass dies anmaßend ist, weiß ich! Wer allerdings dies behauptet, hat mehr oder weniger mit der Leerheit der Seele zu kämpfen. Aber womit sie füllen, wenn kein Füllstoff zu finden ist? Schaue ich mir die Nachrichten im Fernsehen an, „bauen“ sie mich auf, sagen mir: Mein Gott, wie gut du leben darfst in Anbetracht des Weltelends! Ich nehme mir vor, das Gerät nicht mehr einzuschalten, es gelingt mir aber nicht.
Und dann kam noch Nietzsche hinzu. Ich bildete mir ein, meistens selbstlos zu handeln, so wie man mich im Religionsunterricht, in der Schule und zu Hause gelehrt hatte.
Alle nachstehenden Gedichte sind von mir geschrieben. Fremdzitate habe ich eindeutig gekennzeichnet.
Georg Simmel:
„Würde mit einem Schlage
jede auf frühere Aktionen hin
den Seelen verbliebene
Dankreaktion ausgetilgt,
so würde die Gesellschaft,
mindest wie wir sie kennen,
auseinanderfallen.“
Ich:
Auf gut Deutsch:
Ohne Dankbarkeit
kein Zusammenhalt.
William Shakespeare (Heinrich IV.):
„Sage, was du zu sagen hast,
wie ein Mensch aus dieser Welt!“
Unkraut
„Konversation“ –
klingt angesagter als
„Unterhaltung“,
doch nicht treffender.
„Dornen und Disteln“,
nicht Unkraut,
„soll er dir tragen“ – der Acker –
lesen wir im Buch Genesis.
Und die Unterhaltung?
In ihr steckt Leben –
sie schenkt uns Halt,
streckt die Hand aus;
wir suchen und finden uns
in anderen und
zugleich andere in uns.
Sie bestimmt unser Dasein,
gibt ihm eine Stimme –
in der Realität;
nein, nicht in der Realität,
da nicht die Realität,
sondern die Wirklichkeit wirkt.
Zeitvergessen wandert mein Gemüt durchs Vaterland, nicht wissend, warum. Stumm betrachte ich jeden Feldweg, jeden Baum, den See, den Wald, die Menschen. Oh nein! Die Schulzeit soll mir meine erhabene Stimmung nicht verderben. Und meine tausend Ängste sollen auch wegbleiben, soll sie der Teufel holen! Bloß, was mich erhob und erhebt, soll in meiner Seele blühen. Der Verstand muss schweigen: Er entwürdigt, er zehrt an meinen Kräften, er zerlegt das Schöne in Bausteine, die einzeln hässlich sind. Ja, ich befürchte, einiges davon zu verstehen. Vielleicht bin ich nur deshalb traurig. Und meine Erwartungen, die mein Bewusstsein weckt, sollen auch begraben werden. Obschon ich mir einbilde, mich zu kennen, zweifle ich daran. Zu viele widersprüchliche Regungen verunsichern mich, am meisten die unscheinbaren und dennoch folgenreichen.
Sobald ich über das Universum sinniere, wird mir im wahrsten Sinne des Wortes schwindlig. Diese Ausdehnung verwirrt mich dermaßen, dass ich aufhören muss, mir diese vorzustellen. Je tiefer ich in sie dringe, desto unheimlicher wird sie. Ähnlich geht es mir, wenn ich über das Menschliche, genauer gesagt, mein Bewusstsein nachdenke, auch wenn dieses vermeintlich im geschlossenen Raum steckt. Die menschliche Seele gleicht dem Universum, mithin kann ich ihre Grenzen niemals erfassen. Abertausende Regungen führen zu noch mehr Gedanken und Handlungen, die oft nicht zu erklären sind, da ich die menschliche Seele niemals klar erfassen kann. Ein Blick des Gegenübers reicht, um mich zu erheben, zu erniedrigen oder zu verunsichern, wobei alle drei zuvor stehenden Verben nur sehr grob diese Gefühle beschreiben. Eine einzelne Darlegung derselben würde hierzu jeweils ein umfangreiches Buch erfordern. Daher werde ich auf jeden Fall nur bei mir bleiben und nichts Fremdes hinzudichten, auf keinen Fall mutmaßen, wohl wissend, dass mir eine detaillierte Schilderung der Seele nicht gelingen kann. Meine Wahrhaftigkeit soll mich beim Rückblick unterstützen, denn ich schreibe für mich, um mich selbst zu verstehen und mithin zu heilen. Ich werde mittels meiner Erinnerungen oft aufschlagen, jedoch niemals ausschlagen, es sei denn im Allgemeinen.
Natürlich möchte ich ausschließlich über mein Leben schreiben, auch wenn es unvermeidlich ist, subjektiv zu bleiben. Meine Gefühle, mein Denken und mein Leben will ich gnadenlos und ungeschminkt zerlegen, ohne Schwulst und Gepränge. Dem werde ich meine Geständnisse unterwerfen, auch wenn diese mich krümmen sollten. Nur was ich gesehen, empfunden und erlebt habe, soll mich dabei leiten, wobei mich gewisse Gelassenheit dabei unterstützen soll. Da mein Leben auch vom Einfluss meiner Familie und Umgebung nicht frei sein kann, werde ich diese Einflüsse mittels Hervorhebungen zu schildern versuchen. Ich frage mich: Soll ich mein Erzählen mit den von mir geglaubten Ursachen meines Zustandes beginnen oder mit den vermuteten Folgen desselben? Ich muss, so mein Entschluss, nach dem Hin und Her, mit den Ursachen beginnen. Denn alle Folgen entwickelt das Gewissen, und dieses erst mit dem Wachwerden des Geistes, also mit dem Beginn des Reifens, also ein paar Jahre hernach.
Vom verlorenen Schaf
Seht zu, dass keines verloren geht.
Denn ich sage euch:
Bloß die Herde bewahrt das Herden-Denken.
Verirrt sich eines;
So wird es mit der Wirklichkeit infiziert.
Und dieses eine, das Verwirrte:
Reißt auch die anderen neunundneunzig
In den Abgrund der Wahrheit.
Meine Kindheit war nie einsam gewesen, ich war niemals ein Einzelgänger. Im Gegenteil: Ich liebte es, in der Gesellschaft zu sein, denn diese machte mich glücklich und formte aus mir einen Menschen, der sich langsam, wenngleich taumelnd, zum Individuum entwickelt hatte. Spreche ich heute mit Waltraud, meiner Schwester, so weiß sie so gut wie nichts aus dem Dorfleben zu erzählen. Ich hingegen: Es gab kein Haus im Dorf, das ich nicht von innen gesehen hätte. Was suchte ich dort, frage ich mich immer noch. Gut, oft schickte mich meine Mutter zu Nachbarn, um Sauerkraut, Salzgurken, Tomaten und mehr zu kaufen. Besonders das Sauerkraut und die Salzgurken, beides von polnischer Hand hergestellt, wurden von uns gern gegessen. Sorry, nicht nur von Hand, denn das Sauerkraut wurde mit nackten Füßen ins Fass getrampelt.
Wer wäre ich, wenn ich nicht diejenigen gehabt hätte, die mir Sinn gegeben haben? Die davorstehenden Sätze schrieb ich, um Missverständnisse zu vermeiden. Aber ich war tatsächlich nie ich selbst. Ich bin auch kein Denker. Diese Behauptung ist keine geheuchelte Demut, denn diese ist mir fremd. Alles, worüber ich schreibe, sind meine Gefühle und Empfindungen, derentwegen ich leide, wobei hinter dem Leid möglicherweise reine Eitelkeit steckt. Ich suchte und fand auch einiges, dennoch können es immer noch Gefühle sein, die ich nicht ganz zur Empfindung erhoben habe. Für Gefühle sei das Herz zuständig, für die Empfindungen Herz und Verstand – so meine Meinung. Und der Nährboden für Gefühle wurde uns während der Kindheit bereitet, auf Empfindungen müssen wir selbst kommen, wir müssen sie finden. Meine Oma strickte die ganzen Winterabende Socken. Wer von uns Sinnvolleres geleistet hat, wage ich nicht zu beurteilen, denn ich kenne den Sinn des Lebens nicht, obschon ich viel darüber nachdachte. Beide hatten wir nur ein Ziel: der zermürbenden Langeweile zu entkommen, mit dem Unterschied, dass Omas Socken wärmten. Dennoch lebte und lebe ich gern.
Schopenhauer irrte, als er behauptete: „Muße ohne geistige Ausfüllung ist Tod und lebender Menschen Grab.“ Oh nein! Denn je mehr Gedanken ich mir über das Leben und den Menschen mache, desto unglücklicher werde ich. Oh, wie beneide ich diejenigen, die reisen, fernsehen, chatten, tanzen, spielen, in Kneipen sitzen usw. Warum? Je tiefer ich über uns Menschen nachdenke, umso mehr erschüttert mich das. Die Motive unseres Handelns ziehen mich zuweilen in den seelischen Abgrund. Die nicht enden wollenden Kriege, Misshandlungen, Neid, Hass und vieles mehr werde ich niemals begreifen können. Spielte ich Billard, so ginge es mir wesentlich besser, glaube ich – Herr Schopenhauer.
Ausgepflügt
Habe getan,
was andere verlangt.
Habe auch gedacht,
was andere vorgaben.
Habe geglaubt,
was andere erheuchelt.
Und gewünscht habe ich,
was andere für richtig hielten.
Habe auch einen Beruf,
den andere ersehnt.
Folge der Erziehung?
Nein!
Ich bin an sich so:
ohne Ich.
Doch muss ich erwähnen:
Meinen Sehnsüchten blieb ich treu.
Zum Glück fiel es keinem auf.
„Übrigens: worüber kann ein anständiger Mensch mit dem größten Vergnügen reden? Antwort: über sich selbst. Also werde auch ich über mich selbst reden.“
Ich aber sage euch
Zuhören,
ohne die Absicht, helfen zu wollen.
Zuhören,
ohne den Wunsch, ermutigen zu müssen.
Zuhören,
ohne das Ziel, antworten zu müssen.
Zuhören,
ohne den Genuss, Mitleid zu empfinden.
Zuhören,
ohne das Erzählte, werten zu müssen.
Zuhören,
ohne den Ehrgeiz, verstehen zu müssen.
Zuhören,
ohne das Verlangen, selbst gehört zu werden.
Zuhören,
nur zuhören,
sonst gar nichts.
Sollten Fragen folgen, dann erst …
Was nun: zuhören oder reden? Steht das Zitat aus „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Dostojewski im Widerspruch zu meinem „Gedicht“? Natürlich höre ich schon die Stimmen der Klugen: sowohl als auch. Aber: Kann ich meine Erfahrungen anderen zumuten? Ja, sage ich mir, denn in ihnen werden sich auch andere finden, die über ähnliche Erlebnisse grübeln. Einige aber seien sich dessen nicht bewusst, weshalb es ihnen vergleichbar schlechter gehe. Anmaßend? „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, sagt Wittgenstein. Aber ich möchte nicht schweigen und schon gar nicht hinsichtlich meiner Empfindungen, die oft tatsächlich nicht greifbar sind oder nicht begreifbar scheinen. Auch die sich bekämpfenden Gedanken sind mir wichtig: Sie bewusst machen, nicht abschieben. Natürlich kann ich emsig wie eine Ameise mein Leben überstehen, ohne zu wissen, warum ich gelebt habe und wozu all diese Zweifel waren. Am Ende werde ich möglicherweise feststellen, dass mein Vorhaben, über mich zu schreiben, tatsächlich anmaßend gewesen war. Dennoch möchte ich auf meine große Freude, über mich zu schreiben, nicht verzichten. Ich hoffe, in meinen Empfindungen das zu finden, was ich suchte und suche. Nein, ich stehe nicht wie der Ochs vor dem Berg, denn ich befinde mich bereits in einem langen Anlauf.
Der große Schopenhauer schrieb auch, bezogen auf den Stil des Schreibens, dass nur, wer was zu sagen habe, schreiben solle. Und schon wieder werde ich verunsichert, denn ich frage mich: Habe ich was zu sagen? Nein, ich wünsche, darüber nicht nachzudenken, sonst wird mein Vorhaben in Zweifeln versinken. Bei näherem Betrachten: Was meinte er mit dem „Sagen“? Waren seine Gedanken und seine Erfahrungen bedeutender als die eines Menschen, der die Welt einfältig verinnerlicht? Gewöhnlich fühlt sich die Kulturelite uns weit überlegen. Was ermächtigt sie aber dazu? Obschon ich mich auf sie eingelassen hatte, fand ich keine klare Antwort auf die Frage, was der Sinn des Lebens ist, sondern zumeist hochtrabende und mich verwirrende Schriften, wenngleich ich ohne diese nicht leben wollte und möchte. Und dennoch folge ich einer wichtigen Warnung Schopenhauers: „Vielmehr aber sollte ganz im Gegenteil ein Autor sich vor nichts mehr hüten als vor dem sichtbaren Bestreben, mehr Geist zeigen zu wollen, als er hat; weil dies im Leser den Verdacht erweckt, dass er dessen sehr wenig habe, da man immer und in jeder Art nur das affektiert, was man nicht wirklich besitzt. Eben deshalb ist es ein Lob, wenn man einen Autor naiv nennt; indem es besagt, dass er sich zeigen darf, wie er ist.“ Nun werde ich mich zeigen, wie ich bin.
Sinn
Ich suchte:
den Sinn für die Welt,
den Sinn für das Leben,
den Sinn für mein Leben.
Ich fand:
keinen Sinn für die Welt,
keinen Sinn für das Leben,
keinen Sinn für mein Leben.
Gleichwohl fand ich:
wohlwollende Taten,
gefälliges Lächeln,
zärtliche Umarmungen,
sonnige Tage,
friedliche Heimat,
Tränen der Wonne, –
die ich nicht genoss.
Plötzlich drängte sich mir wieder die Frage auf: Warum muss ich überhaupt schreiben? Ich hoffe, dass dies die beste Lösung gegen meine Traurigkeit und Menschenscheu ist, die zuweilen unerträglich sind. Gedanklich habe ich bereits alles verdaut, ohne jeglichen Erfolg. Nun ist mein Schreiben eine Art therapeutische Wanderschaft durch meine ersten zweiundzwanzig Jahre. Ich behaupte, ich hatte viel Glück im Leben, denn ich war stets gesund, mehr oder weniger erfolgreich in der Schule, auf der Arbeit und auch glücklich in meiner Familie. Und jetzt, warum bin ich dennoch traurig? Dostojewski: Der Mensch ertrage nur den Weg zum Ziel, niemals aber das Ankommen. Da mir nur noch das Schreiben fehlt, schreibe ich in der Hoffnung, wieder ein Ziel zu haben und unterwegs zu sein. Lebhaft stecken in meiner Seele viele Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugendzeit. Diese meine innere Welt hielt ich stets verborgen, denn ich schämte mich oft ihrer, wollte nicht verhöhnt werden.
„Tolstoj beispielsweise hat gegen Ende seines Lebens, empfindlich für den Ozean des sozialen Leidens um ihn herum, mit dem Schreiben aufgehört und dazu aufgefordert, sozial Nützlicheres zu tun, als erfundene Geschichten zu erzählen.“ (Rüdiger Safranski in „Nietzsche“.
Mittlerweile habe ich diese Ohnmacht überwunden, glaube ich, deshalb schreibe ich. Sollte ich mich an manchen Stellen wiederholen, so sind es keine rhetorischen Kniffe, die ich ohnehin nicht kenne, sondern Äußerungen meiner Zerstreutheit. Übrigens: Was soll ich sonst tun? Menschen in meiner Nähe kann ich, wie bereits erwähnt, kaum noch ertragen, deshalb meide ich sie. Lese ich Bücher, so verfolgt mich das Gefühl der ständigen Wiederholung des bereits Gelesenen. Dass dies anmaßend ist, weiß ich! Wer allerdings dies behauptet, hat mehr oder weniger mit der Leerheit der Seele zu kämpfen. Aber womit sie füllen, wenn kein Füllstoff zu finden ist? Schaue ich mir die Nachrichten im Fernsehen an, „bauen“ sie mich auf, sagen mir: Mein Gott, wie gut du leben darfst in Anbetracht des Weltelends! Ich nehme mir vor, das Gerät nicht mehr einzuschalten, es gelingt mir aber nicht.
Und dann kam noch Nietzsche hinzu. Ich bildete mir ein, meistens selbstlos zu handeln, so wie man mich im Religionsunterricht, in der Schule und zu Hause gelehrt hatte.

