Von den Bergen ans Meer
Das Leben auf den Färöer-Inseln
EUR 30,90
Format: 20 x 27 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-99130-910-9
Erscheinungsdatum: 25.02.2026
Die unergründlichen Wege der Liebe führten Monika Joensen-Stauss von der Schweiz auf die Fáróerinseln. Einfühlsam und persönlich berichtet Joensen-Stauss aus ihrem Alltag im Hohen Norden, mit Rezepten zum Ausprobieren, Bildern und einer Prise Humor gewürzt.
Alles hat seinen Anfang
Ich parkte das Auto ruppiger als normal vor dem Haus unserer Freunde, die wir von der Jugendgruppe als unsere „Schlottereltern“ betrachteten, und stapfte die Treppe hoch. Hier fanden wir stets eine offene Türe – ein Nest der Geborgenheit, um sich innerlich zu erwärmen, wenn die Welt rundum kalt wurde.
Bei ihnen sollte nun so eine Blondine mit blauen Augen aus dem Hohen Norden für drei Monate im Haushalt mithelfen. Sie kam von einem Ort, von dem wir alle noch nie etwas gehört hatten und nicht mal wussten, dass er überhaupt existierte. Wir suchten auf der Landkarte mit der Lupe bewaffnet nach den paar Tüpfchen im Meer irgendwo zwischen Dänemark und Island, den sogenannten Färöer-Inseln.
Als dann aber das erste Bild von dieser neuen Haushalthilfe rumgezeigt wurde, funkelte es aus den Augen all der anwesenden männlichen Wesen, wie wenn diese blauäugige Fee schon alle zu Prinzen verwandelt hätte. Nun gab es kein anderes Thema mehr, worüber gesprochen wurde.
Sie hieß Jónvør, hatte eben das Abitur gemacht und wollte Deutsch lernen.
Ich flüsterte Ruth, unserer Schlottermutter, heimlich zu, dass ich mich die drei Monate mehr oder weniger abmelden und mich vermutlich nicht so oft sehen lassen würde, bis sich alles wieder einigermaßen normalisiert hätte.
Als ich jedoch an jenem Tag in die Küche trat, kam mir eine junge, sympathische Frau entgegen, reichte mir die Hand und stellte sich als „Jónvør“ vor. Sie war von mittlerer Größe, wirkte ruhig und besonnen, und mit ihren blauen Augen strahlte sie eine Freundlichkeit aus, die mich innerlich überzeugte.
Hatte ich mich mit dem Datum ihrer Ankunft geirrt? Ich stutzte, reichte ihr die Hand und eine lebenslange Freundschaft hatte ihren Anfang genommen.
Heute ist sie meine Schwägerin, … aber darüber erzähle ich etwas später mehr.
Während ihres dreimonatigen Schweiz-Aufenthalts als Au-pair knüpfte Jónvør viele Freundschaften. Sie hatte stets diese bewundernswerte innere Ruhe, äußerte sich nie negativ über irgendetwas und zeigte Verständnis und Anteilnahme.
Obwohl sie in der Familie Roost mit ihren acht Kindern feste Aufgaben zu erledigen hatte, durfte ich völlig frei und spontan für uns beide planen. Wir gingen zusammen einkaufen, in den Zirkus, auf den Markt, machten spezielle Ausflüge und mein Vater lud uns beide sogar ins Zürcher Opernhaus ein. Es war fast etwas komisch, jemandem in ihrem Alter so viel Neues zeigen zu können, das sie nicht kannte und das sie begeisterte. Während unserer gemeinsamen Ausflüge sprachen wir viel über den Unterschied zwischen den Inseln und der Schweiz und sie erzählte mir viel aus ihrem Leben.
Wir aus der Jugendgruppe mieteten ein großes Auto und planten gemeinsam eine Schweizerreise. Wir wollten Jónvør so viel wie möglich von unserer Heimat zeigen. Es gab so viele wunderschöne Orte, die sie unbedingt sehen sollte.
Wegen der Schweizer Schokolade, als Heimwehmittel eingenommen, verwandelte Jónvør sich in wenigen Wochen von Kleidergröße 38 zu Größe 44. Ruth musste mit Jónvør eine neue Garderobe anschaffen.
Wir fühlten uns alle mitschuldig, dass sie so zugenommen hatte. Wir wussten, dass sie Schokolade liebte und machten sie stets auf neue Sorten aufmerksam. Zum Glück nahm sie, zurück auf den Inseln, in Kurzzeit mühelos alles wieder ab.
Großmutter Roost konnte sich den Namen Jónvør nicht merken und nannte sie „Rösli“.
Wir lehrten Jónvør „Schwyzertütsch“ und Begriffe wie „Chuchichäschtli“ oder „Häsch äs heisses Joghurt im Sack“. Daran zerbrach sie sich fast die Zunge, übte aber tapfer weiter. Dass der Begriff „heißer Joghurt“ keine Bedeutung hatte, verrieten wir ihr nie.
Der Tag des Abschieds nahte und ein trauriges Gefühl machte sich bei den meisten breit. Ich hatte erwartet, dass sie mich als ihre beste Freundin einlud, sie einmal zu besuchen. Das hätte ihrer färöischen Mentalität jedoch absolut nicht entsprochen, was ich erst später zu verstehen lernte. Jónvør jedoch lud ALLE ein, sie im nächsten Sommer auf den Färöerinseln zu besuchen.
Erich Roost bildete mit einem Teil seines Bläserorchesters eine Gruppe mit der nötigen Besetzung und begann nach Jónvørs Abreise im Oktober 1980 die Sommerferien 1981 zu planen. Da sollte es für zwei Wochen auf die Färöer-Inseln gehen. „Wer nichts bläst, kann singen“, erklärte Erich und wählte dazu entsprechende Schweizerlieder.
17 Leute stiegen im Juli 1981 in Winterthur in den Zug Richtung Kopenhagen. Von dort gab es entweder das Fährschiff oder ein Flugzeug der SAS auf die Inseln. Wie waren wir gespannt … Jónvør hatte mir so viel von ihren Inseln erzählt und beim Erzählen spürte man die Liebe und Verbundenheit, die sie zu ihrer Heimat hatte. So flogen wir gespannt dem Land des Maybe entgegen … Eine Welt, die uns Schweizern völlig neu und unbekannt war.
Später gewannen die Färöer an der EM in Landskrona, Schweden, 1992 im Fußball gegen Österreich 1:0. Das ließ die Welt, oder mindestens die Fußballfans, aufhorchen! Und unterdessen sind diese 18 abgelegenen, geheimnisvollen Inseln für viele, die den Norden und die Wildnis des Meeresklimas lieben, ein erwünschtes Ferienziel.
Mykines und danach Leirvík
Die Landung auf der kurzen Landepiste war beinahe unheimlich; wir dachten, im Meer zu enden. Kaum hatte das Flugzeug aufgesetzt, machte der Pilot eine Vollbremsung. Waren Gepäckstücke oder Handtaschen nicht gut genug unter dem Vordersitz verstaut, sausten sie im Mittelgang nach hinten und der Inhalt verstreute sich im Gang und zwischen den Sitzen. Diese Landung, von der wir noch lange sprachen, wäre ganz normal, versicherte man uns.
Seither hat sich vieles geändert. Die Landepiste wurde verlängert, das Flughafengebäude modern ausgebaut und die Färöer besitzen seit 1987 ihre eigene Fluggesellschaft. Die „Atlantic Airways“ hat zu diesem Zeitpunkt vier Flugzeuge und zwei Hubschrauber. Der Typ der Flugzeuge ist für die Wetterverhältnisse ideal. Der Flugverkehr wurde in den letzten Jahren neben Kopenhagen, Billund, Aalborg, Reykjavík, Bergen Edinburgh, Paris mit Direktflügen nach Barcellona, Palma, Mallorca, Gran Canaria und als Neuestes New York erweitert.
Jónvør und ihre Freundin Lena erwarteten uns am Flughafen. Als Erstes wollten sie uns eine ganz winzige, abgelegene Insel zeigen, die für ihren Vogelreichtum bekannt war. Mit einem kleinen Schiff fuhren wir nach Mykines. Das Schiff schwankte in den Wellen und Erichs Gesichtsfarbe verfärbte sich von weiß zu grün. Mir war auch schrecklich übel. Welche Erleichterung, als wir nach einer halben Stunde mit starkem Wellengang endlich an einem wackeligen Steg anlegten! Hier in Mykines sollten wir über Nacht in einem alten Haus wohnen. Die Toilette befand sich im Keller des Hauses nebenan. Wir kamen uns vor wie in einer Berghütte in den Schweizer Alpen. Nur waren wir nicht von saftigen grünen Matten und Bergketten umgeben, sondern vom Meer, das unberechenbar dröhnte, wenn die Wellen gegen die Felsen aufschlugen.
Als Jónvør und Lena uns nach dem Nachtessen mit mehreren Sorten selbst gebackener Kekse überraschten, wurden unsere Lebensgeister langsam wieder geweckt, die Seefahrt war bald vergessen und wir erinnern uns an einen außerordentlich unterhaltsamen und lustigen Abend.
Das Wissen, dass uns am Tag darauf die Rückfahrt bevorstand, vermochte bei den Seeuntauglichsten die Stimmung jedoch etwas zu trüben.
Am folgenden Tag kämpfte sich das Boot tapfer auf dem Rückweg durch die turbulenten Wellen. Im Bus nach Leirvík, Jónvørs Geburtsort, wurde nicht viel gesprochen und die meisten versuchten nach den Strapazen der Seefahrt zu schlafen. In meinem misslichen Zustand bereute ich es einen Moment jämmerlich, überhaupt mitgereist zu sein.
Vor Jónvørs Zuhause in Leirvík standen, auf uns wartend, ihre Mutter und ein junger Mann – der Jüngste ihrer vier Brüder. Und nun muss doch erwähnt sein, dass Jónvør mir nie Fotos von ihrer Familie gezeigt hatte. Ich wusste nicht einmal, wie viele Brüder und Schwestern sie hatte. Das Einzige, was ich wusste, war, dass sie acht Geschwister waren – gleich viele wie die Familie Roost, bei der sie in der Schweiz war. Dieser Bruder von Jónvør, mit dem ich mich knapp 1 ½ Jahre später verheiratete, hieß Ingvar.
Ingvar erzählte mir viel später schmunzelnd, dass es um ihn geschehen war, als er mir das erste Mal in die Augen schaute und mir die Hand gab. Ich dagegen war beeindruckt, mit welcher einfühlsamen, liebevollen Art Jónvør mit ihrem Bruder kommunizierte und die ganze Organisation unserer Ferientage besprach und durchführte. Natürlich verstand ich kein Wort, aber ich beobachtete sie ständig und bewunderte sie.
Fuhren wir irgendwohin, achtete Ingvar stets darauf, dass ich bei ihm im Auto war. Darüber machte ich mir weiter keine Gedanken und als ich später Jónvør fragte, ob sie denn von unserem inneren Magneten nichts gemerkt hätte, antwortete sie ganz gelassen: „Natürlich nicht – ich mag dich ja so gut und fand es nur natürlich, dass Ingvar dich auch mochte. Ich hätte es eher komisch empfunden, wenn ihr einander nichts zu sagen gehabt hättet. Ich hatte ihm ja, bevor ihr kamt, viel von dir erzählt.“
Auf Ausflügen ging er neben mir her und erklärte mir auf Englisch vieles von den Inseln oder er setzte sich neben mich, um mir zu übersetzen. Wir waren ja stets mit der Gruppe zusammen und ich genoss es, Jónvørs Bruder kennenzulernen, der ihr mit seiner Art so sehr ähnelte.
An einem Abend jedoch, auf dem Heimweg, kam er mir allein hintennach und fragte, ob er mir eine Sehenswürdigkeit zeigen könnte, er hätte ja ein Auto – und schon fuhren wir los. Diese Fahrt wurde für uns der Anfang unserer gemeinsamen Reise durchs Leben.
Nach diesen Ferien wussten wir, dass wir heiraten wollten und hatten auch darüber gesprochen, wie das Ganze anzugehen wäre. Für mich war es irgendwie sofort klar, dass ich auf die Färöer-Inseln ziehen wollte, um zu versuchen, dort zu leben. Wir einigten uns aber auch gleichzeitig, dass, wenn ich es nicht schaffte, wir in die Schweiz zögen und Ingvar weiterhin als Kapitän auf hoher See arbeiten würde.
Ingvar arbeitete zu dieser Zeit als Kapitän auf einem dänischen Supertanker namens Kate Mærk. Die zeitliche Regelung war: drei Monate auf See und drei Monate zu Hause.
In der Schweiz sind die meisten Familien am Wochenende zusammen und ich konnte es mir schwer vorstellen, sollten wir einmal Kinder haben, mit ihnen so viel allein zu sein. Deshalb war ich von dieser Lösung nicht sehr begeistert. Auch kannte ich einige Familien in der Schweiz mit einem ausländischen Elternteil und verstand, dass es nicht immer einfach war, als Ausländer mit der schweizerischen Mentalität zurechtzukommen oder die Sprache zu lernen. So wollte ich lieber zuerst selber versuchen, im Heimatland meines Mannes zu leben, bevor ich ihn diesen Herausforderungen aussetzte.
Da Jónvør und ich während ihrer Zeit in der Schweiz oft über die Unterschiede zwischen der Schweiz und den Färöern sprachen, kamen mir später viele Dinge irgendwie bekannt vor. Oft dachte ich für mich: „Natürlich, genau das versuchte mir Jónvør zu erklären und so meinte sie es.“ Unwissend hatte sie mich recht gut für meinen bevorstehenden Neustart vorbereitet und mir den Einstieg in mein neues Leben mitten im Atlantik erleichtert. Aber auch ihren Bruder hatte sie auf den Besuch aus der Schweiz erfolgreich vorbereitet. Um einen Hochsee-Kapitän und eine Violinistin vom Festland zu verkuppeln, braucht es doch spezielle Gaben.
Nun musste ich zurück in die Schweiz, aber mit einem neuen Ziel vor Augen.
Ich zweifelte keinen Moment daran, dass mein Entschluss nicht gelingen würde. Andere hatten da etliche Bedenken und einige versuchten mich auch „zur Vernunft zu bringen“.
Rückblickend wird mir bewusst, was für ein Wagnis ich so gutgläubig eingegangen bin, und wundere mich manchmal doch selber über den Mut, den ich damals hatte.
Als unsere Kinder in die Jahre kamen, in denen solche Themen aktuell wurden, und sie wissen wollten, wie wir uns denn kennengelernt hatten, sagte ich ihnen immer ganz bestimmt, dass ich ihnen nur davon erzählen würde, wenn sie mir versprachen, es mir nicht gleich zu tun. Ich wollte meine Enkelkinder einmal häufiger sehen, als es meinen Eltern möglich war. Und dann kam ich mit einer ganzen Reihe von Argumenten, die dagegen sprachen, bis zu den teuren Flugbillets jedes Jahr, damit wir meine Familie in der Schweiz sehen konnten. Lachend endete ich aber meine kleine Predigt damit, dass ich es trotz alledem nochmals gleich machen würde.
Alle unsere vier Kinder sind mit färöischen Männern und Frauen verheiratet! Wenn ich sie jeweils wissen lasse, wie dankbar ich darüber bin, sie und ihre Kinder häufig sehen zu können, meint Adrian, unser Ältester, schmunzelnd: „Wir wollten ja nicht den gleichen Fehler machen wie du, Mama“.
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Ich parkte das Auto ruppiger als normal vor dem Haus unserer Freunde, die wir von der Jugendgruppe als unsere „Schlottereltern“ betrachteten, und stapfte die Treppe hoch. Hier fanden wir stets eine offene Türe – ein Nest der Geborgenheit, um sich innerlich zu erwärmen, wenn die Welt rundum kalt wurde.
Bei ihnen sollte nun so eine Blondine mit blauen Augen aus dem Hohen Norden für drei Monate im Haushalt mithelfen. Sie kam von einem Ort, von dem wir alle noch nie etwas gehört hatten und nicht mal wussten, dass er überhaupt existierte. Wir suchten auf der Landkarte mit der Lupe bewaffnet nach den paar Tüpfchen im Meer irgendwo zwischen Dänemark und Island, den sogenannten Färöer-Inseln.
Als dann aber das erste Bild von dieser neuen Haushalthilfe rumgezeigt wurde, funkelte es aus den Augen all der anwesenden männlichen Wesen, wie wenn diese blauäugige Fee schon alle zu Prinzen verwandelt hätte. Nun gab es kein anderes Thema mehr, worüber gesprochen wurde.
Sie hieß Jónvør, hatte eben das Abitur gemacht und wollte Deutsch lernen.
Ich flüsterte Ruth, unserer Schlottermutter, heimlich zu, dass ich mich die drei Monate mehr oder weniger abmelden und mich vermutlich nicht so oft sehen lassen würde, bis sich alles wieder einigermaßen normalisiert hätte.
Als ich jedoch an jenem Tag in die Küche trat, kam mir eine junge, sympathische Frau entgegen, reichte mir die Hand und stellte sich als „Jónvør“ vor. Sie war von mittlerer Größe, wirkte ruhig und besonnen, und mit ihren blauen Augen strahlte sie eine Freundlichkeit aus, die mich innerlich überzeugte.
Hatte ich mich mit dem Datum ihrer Ankunft geirrt? Ich stutzte, reichte ihr die Hand und eine lebenslange Freundschaft hatte ihren Anfang genommen.
Heute ist sie meine Schwägerin, … aber darüber erzähle ich etwas später mehr.
Während ihres dreimonatigen Schweiz-Aufenthalts als Au-pair knüpfte Jónvør viele Freundschaften. Sie hatte stets diese bewundernswerte innere Ruhe, äußerte sich nie negativ über irgendetwas und zeigte Verständnis und Anteilnahme.
Obwohl sie in der Familie Roost mit ihren acht Kindern feste Aufgaben zu erledigen hatte, durfte ich völlig frei und spontan für uns beide planen. Wir gingen zusammen einkaufen, in den Zirkus, auf den Markt, machten spezielle Ausflüge und mein Vater lud uns beide sogar ins Zürcher Opernhaus ein. Es war fast etwas komisch, jemandem in ihrem Alter so viel Neues zeigen zu können, das sie nicht kannte und das sie begeisterte. Während unserer gemeinsamen Ausflüge sprachen wir viel über den Unterschied zwischen den Inseln und der Schweiz und sie erzählte mir viel aus ihrem Leben.
Wir aus der Jugendgruppe mieteten ein großes Auto und planten gemeinsam eine Schweizerreise. Wir wollten Jónvør so viel wie möglich von unserer Heimat zeigen. Es gab so viele wunderschöne Orte, die sie unbedingt sehen sollte.
Wegen der Schweizer Schokolade, als Heimwehmittel eingenommen, verwandelte Jónvør sich in wenigen Wochen von Kleidergröße 38 zu Größe 44. Ruth musste mit Jónvør eine neue Garderobe anschaffen.
Wir fühlten uns alle mitschuldig, dass sie so zugenommen hatte. Wir wussten, dass sie Schokolade liebte und machten sie stets auf neue Sorten aufmerksam. Zum Glück nahm sie, zurück auf den Inseln, in Kurzzeit mühelos alles wieder ab.
Großmutter Roost konnte sich den Namen Jónvør nicht merken und nannte sie „Rösli“.
Wir lehrten Jónvør „Schwyzertütsch“ und Begriffe wie „Chuchichäschtli“ oder „Häsch äs heisses Joghurt im Sack“. Daran zerbrach sie sich fast die Zunge, übte aber tapfer weiter. Dass der Begriff „heißer Joghurt“ keine Bedeutung hatte, verrieten wir ihr nie.
Der Tag des Abschieds nahte und ein trauriges Gefühl machte sich bei den meisten breit. Ich hatte erwartet, dass sie mich als ihre beste Freundin einlud, sie einmal zu besuchen. Das hätte ihrer färöischen Mentalität jedoch absolut nicht entsprochen, was ich erst später zu verstehen lernte. Jónvør jedoch lud ALLE ein, sie im nächsten Sommer auf den Färöerinseln zu besuchen.
Erich Roost bildete mit einem Teil seines Bläserorchesters eine Gruppe mit der nötigen Besetzung und begann nach Jónvørs Abreise im Oktober 1980 die Sommerferien 1981 zu planen. Da sollte es für zwei Wochen auf die Färöer-Inseln gehen. „Wer nichts bläst, kann singen“, erklärte Erich und wählte dazu entsprechende Schweizerlieder.
17 Leute stiegen im Juli 1981 in Winterthur in den Zug Richtung Kopenhagen. Von dort gab es entweder das Fährschiff oder ein Flugzeug der SAS auf die Inseln. Wie waren wir gespannt … Jónvør hatte mir so viel von ihren Inseln erzählt und beim Erzählen spürte man die Liebe und Verbundenheit, die sie zu ihrer Heimat hatte. So flogen wir gespannt dem Land des Maybe entgegen … Eine Welt, die uns Schweizern völlig neu und unbekannt war.
Später gewannen die Färöer an der EM in Landskrona, Schweden, 1992 im Fußball gegen Österreich 1:0. Das ließ die Welt, oder mindestens die Fußballfans, aufhorchen! Und unterdessen sind diese 18 abgelegenen, geheimnisvollen Inseln für viele, die den Norden und die Wildnis des Meeresklimas lieben, ein erwünschtes Ferienziel.
Mykines und danach Leirvík
Die Landung auf der kurzen Landepiste war beinahe unheimlich; wir dachten, im Meer zu enden. Kaum hatte das Flugzeug aufgesetzt, machte der Pilot eine Vollbremsung. Waren Gepäckstücke oder Handtaschen nicht gut genug unter dem Vordersitz verstaut, sausten sie im Mittelgang nach hinten und der Inhalt verstreute sich im Gang und zwischen den Sitzen. Diese Landung, von der wir noch lange sprachen, wäre ganz normal, versicherte man uns.
Seither hat sich vieles geändert. Die Landepiste wurde verlängert, das Flughafengebäude modern ausgebaut und die Färöer besitzen seit 1987 ihre eigene Fluggesellschaft. Die „Atlantic Airways“ hat zu diesem Zeitpunkt vier Flugzeuge und zwei Hubschrauber. Der Typ der Flugzeuge ist für die Wetterverhältnisse ideal. Der Flugverkehr wurde in den letzten Jahren neben Kopenhagen, Billund, Aalborg, Reykjavík, Bergen Edinburgh, Paris mit Direktflügen nach Barcellona, Palma, Mallorca, Gran Canaria und als Neuestes New York erweitert.
Jónvør und ihre Freundin Lena erwarteten uns am Flughafen. Als Erstes wollten sie uns eine ganz winzige, abgelegene Insel zeigen, die für ihren Vogelreichtum bekannt war. Mit einem kleinen Schiff fuhren wir nach Mykines. Das Schiff schwankte in den Wellen und Erichs Gesichtsfarbe verfärbte sich von weiß zu grün. Mir war auch schrecklich übel. Welche Erleichterung, als wir nach einer halben Stunde mit starkem Wellengang endlich an einem wackeligen Steg anlegten! Hier in Mykines sollten wir über Nacht in einem alten Haus wohnen. Die Toilette befand sich im Keller des Hauses nebenan. Wir kamen uns vor wie in einer Berghütte in den Schweizer Alpen. Nur waren wir nicht von saftigen grünen Matten und Bergketten umgeben, sondern vom Meer, das unberechenbar dröhnte, wenn die Wellen gegen die Felsen aufschlugen.
Als Jónvør und Lena uns nach dem Nachtessen mit mehreren Sorten selbst gebackener Kekse überraschten, wurden unsere Lebensgeister langsam wieder geweckt, die Seefahrt war bald vergessen und wir erinnern uns an einen außerordentlich unterhaltsamen und lustigen Abend.
Das Wissen, dass uns am Tag darauf die Rückfahrt bevorstand, vermochte bei den Seeuntauglichsten die Stimmung jedoch etwas zu trüben.
Am folgenden Tag kämpfte sich das Boot tapfer auf dem Rückweg durch die turbulenten Wellen. Im Bus nach Leirvík, Jónvørs Geburtsort, wurde nicht viel gesprochen und die meisten versuchten nach den Strapazen der Seefahrt zu schlafen. In meinem misslichen Zustand bereute ich es einen Moment jämmerlich, überhaupt mitgereist zu sein.
Vor Jónvørs Zuhause in Leirvík standen, auf uns wartend, ihre Mutter und ein junger Mann – der Jüngste ihrer vier Brüder. Und nun muss doch erwähnt sein, dass Jónvør mir nie Fotos von ihrer Familie gezeigt hatte. Ich wusste nicht einmal, wie viele Brüder und Schwestern sie hatte. Das Einzige, was ich wusste, war, dass sie acht Geschwister waren – gleich viele wie die Familie Roost, bei der sie in der Schweiz war. Dieser Bruder von Jónvør, mit dem ich mich knapp 1 ½ Jahre später verheiratete, hieß Ingvar.
Ingvar erzählte mir viel später schmunzelnd, dass es um ihn geschehen war, als er mir das erste Mal in die Augen schaute und mir die Hand gab. Ich dagegen war beeindruckt, mit welcher einfühlsamen, liebevollen Art Jónvør mit ihrem Bruder kommunizierte und die ganze Organisation unserer Ferientage besprach und durchführte. Natürlich verstand ich kein Wort, aber ich beobachtete sie ständig und bewunderte sie.
Fuhren wir irgendwohin, achtete Ingvar stets darauf, dass ich bei ihm im Auto war. Darüber machte ich mir weiter keine Gedanken und als ich später Jónvør fragte, ob sie denn von unserem inneren Magneten nichts gemerkt hätte, antwortete sie ganz gelassen: „Natürlich nicht – ich mag dich ja so gut und fand es nur natürlich, dass Ingvar dich auch mochte. Ich hätte es eher komisch empfunden, wenn ihr einander nichts zu sagen gehabt hättet. Ich hatte ihm ja, bevor ihr kamt, viel von dir erzählt.“
Auf Ausflügen ging er neben mir her und erklärte mir auf Englisch vieles von den Inseln oder er setzte sich neben mich, um mir zu übersetzen. Wir waren ja stets mit der Gruppe zusammen und ich genoss es, Jónvørs Bruder kennenzulernen, der ihr mit seiner Art so sehr ähnelte.
An einem Abend jedoch, auf dem Heimweg, kam er mir allein hintennach und fragte, ob er mir eine Sehenswürdigkeit zeigen könnte, er hätte ja ein Auto – und schon fuhren wir los. Diese Fahrt wurde für uns der Anfang unserer gemeinsamen Reise durchs Leben.
Nach diesen Ferien wussten wir, dass wir heiraten wollten und hatten auch darüber gesprochen, wie das Ganze anzugehen wäre. Für mich war es irgendwie sofort klar, dass ich auf die Färöer-Inseln ziehen wollte, um zu versuchen, dort zu leben. Wir einigten uns aber auch gleichzeitig, dass, wenn ich es nicht schaffte, wir in die Schweiz zögen und Ingvar weiterhin als Kapitän auf hoher See arbeiten würde.
Ingvar arbeitete zu dieser Zeit als Kapitän auf einem dänischen Supertanker namens Kate Mærk. Die zeitliche Regelung war: drei Monate auf See und drei Monate zu Hause.
In der Schweiz sind die meisten Familien am Wochenende zusammen und ich konnte es mir schwer vorstellen, sollten wir einmal Kinder haben, mit ihnen so viel allein zu sein. Deshalb war ich von dieser Lösung nicht sehr begeistert. Auch kannte ich einige Familien in der Schweiz mit einem ausländischen Elternteil und verstand, dass es nicht immer einfach war, als Ausländer mit der schweizerischen Mentalität zurechtzukommen oder die Sprache zu lernen. So wollte ich lieber zuerst selber versuchen, im Heimatland meines Mannes zu leben, bevor ich ihn diesen Herausforderungen aussetzte.
Da Jónvør und ich während ihrer Zeit in der Schweiz oft über die Unterschiede zwischen der Schweiz und den Färöern sprachen, kamen mir später viele Dinge irgendwie bekannt vor. Oft dachte ich für mich: „Natürlich, genau das versuchte mir Jónvør zu erklären und so meinte sie es.“ Unwissend hatte sie mich recht gut für meinen bevorstehenden Neustart vorbereitet und mir den Einstieg in mein neues Leben mitten im Atlantik erleichtert. Aber auch ihren Bruder hatte sie auf den Besuch aus der Schweiz erfolgreich vorbereitet. Um einen Hochsee-Kapitän und eine Violinistin vom Festland zu verkuppeln, braucht es doch spezielle Gaben.
Nun musste ich zurück in die Schweiz, aber mit einem neuen Ziel vor Augen.
Ich zweifelte keinen Moment daran, dass mein Entschluss nicht gelingen würde. Andere hatten da etliche Bedenken und einige versuchten mich auch „zur Vernunft zu bringen“.
Rückblickend wird mir bewusst, was für ein Wagnis ich so gutgläubig eingegangen bin, und wundere mich manchmal doch selber über den Mut, den ich damals hatte.
Als unsere Kinder in die Jahre kamen, in denen solche Themen aktuell wurden, und sie wissen wollten, wie wir uns denn kennengelernt hatten, sagte ich ihnen immer ganz bestimmt, dass ich ihnen nur davon erzählen würde, wenn sie mir versprachen, es mir nicht gleich zu tun. Ich wollte meine Enkelkinder einmal häufiger sehen, als es meinen Eltern möglich war. Und dann kam ich mit einer ganzen Reihe von Argumenten, die dagegen sprachen, bis zu den teuren Flugbillets jedes Jahr, damit wir meine Familie in der Schweiz sehen konnten. Lachend endete ich aber meine kleine Predigt damit, dass ich es trotz alledem nochmals gleich machen würde.
Alle unsere vier Kinder sind mit färöischen Männern und Frauen verheiratet! Wenn ich sie jeweils wissen lasse, wie dankbar ich darüber bin, sie und ihre Kinder häufig sehen zu können, meint Adrian, unser Ältester, schmunzelnd: „Wir wollten ja nicht den gleichen Fehler machen wie du, Mama“.
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