Cover: Welten eines Lebens

Welten eines Lebens
Vom Virologen zum Mahner für Demokratie


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 126
ISBN: 978-3-99185-139-4
Erscheinungsdatum: 14.04.2026
Ein Essay zu den viralen digitalen Tendenzen der Moderne, eine Reflexion über geistige Freiheit und die Unterschiede zwischen digitaler und menschlicher Intelligenz, ein Plädoyer für Chancengleichheit und das Erkennen der wahren Qualitäten des Lebens.
Ein „Silent-Generation-Fossil“ kommt zu Wort


Soll ich mir das antun? Ist es vernünftig? Es wird doch so viel Gescheites und eben auch Schwachsinniges zum Besten gegeben, nach dem Motto: „Jeder blamiert sich, so gut er kann“ (Kulenkampff, H. J., TV-Unterhaltung, 1921–1998). Vielleicht darf hier eine Legitimierung zum Schreiben angenommen werden, wenn es als „letzte Reifeprüfung“ angesehen wird. Es wäre unehrlich zu behaupten, es kümmere mich nicht, ob es interessierte Leser geben wird oder nicht. Ein potenzieller Unterhaltungswert korreliert wahrscheinlich damit, inwieweit ich meinem Vorsatz, „sine ira et studio“ („ohne Zorn und Eifer“) (Tacitus (58–120), Annalen) zu schreiben, gerecht werde.

Zur Niederschrift verzichte ich bewusst auf schriftliche Unterlagen, da es kein Tagebuch oder Ähnliches gibt. KI-Programme nicht zu nutzen, gehört zu meinem intellektuellen Anspruch für Aussagen, die auf ein selbständiges Denkvermögen abzielen. Bei meinem Versuch nehme ich bewusst Grenzen meines Erinnerungsvermögens in Kauf und oute mich damit als Skeptiker für alle Unfehlbarkeitsorgien. Auch wenn es meinem Willen entspricht, unvoreingenommen in meinem Lebenslauf zu forschen, ob sich so etwas wie ein roter Faden im Denken und Handeln erkennen lässt, ziehe ich es vor, mein Unterfangen als Chancenverständnis-Analyse und Meinungssuche zu verstehen. Als Hypothese steht: Ich habe ein gutes Leben. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, sehe ich diese Meinung mit folgenden Argumenten bestärkt: Geburt in einer Zeitperiode, in welcher ein Arbeiterkind mit Fleiß, Anstand und einer Prise Glück einen sozialen Aufstieg bewerkstelligen durfte.

Auf der Suche nach dem roten Faden will ich mich vergewissern, mit welcher Geisteshaltung ich alltäglichen und philosophischen Fragen begegne und einmal begegnet bin: Wie stehe ich zur Evolution der Menschheit und wie nehme ich meine eigene Entwicklung wahr? Wie beeinflusst sportlicher Wettbewerb die Geisteshaltung junger und alter Menschen? Sind bestimmte Faktoren und Muster für die berufliche Wahl verantwortlich? Ist die sogenannte déformation professionnelle eine Fiktion? Welchen Anteil haben Selektion und Zufall bei einem Erfolg? Was sind Gründe für Vorurteile? Wie ist mit Behauptungen und Vertragsbrechern umzugehen? Wo hört Meinungsfreiheit auf (Stammtisch, öffentliche Meinungsbildner, soziale Plattformen)? Ist der „ewige Frieden“ (Kant) eine Illusion? Ist Bewusstmachen ein akademischer Zeitvertreib? Was bedeutet „gesunder Menschenverstand“? Sind wir beim Urteilen immer mit einem Bein an eine ideologische Fessel gebunden? Würde ich etwas ändern, falls ich die fiktive Chance für ein zweites Leben hätte?

In einem Gedankenbeispiel – das Leben ist ein Spiel, Golf ist seriös – hängt die Meinung, ob es sich um einen Witz, eine Weisheit, Provokation, Zynismus oder typische Golfermentalität handelt, von meiner Humorfähigkeit, meiner Geisteshaltung und meinem Wissen ab. In einem Gesichtspunkt – dem Streben nach Chancengleichheit – ist das Golfspiel im Vergleich zum Alltagsleben seriös. Mit der Anwendung des „Handicaps“ (Amateur-Golf) erlaubt eine nach transparenten Regeln korrigierte Spielstärke eine faire Ausgangslage für einen „gerechten“ Sieger. Anders erfüllen die aktuellen Maßnahmen, die für eine erfolgreiche Besteigung des höchsten Berges (Mount Everest) in Mode sind, das Kriterium für einen grotesken Murks mit zerstörerischen Konsequenzen. Mit dem gelebten Fairnessgedanken und demokratischen Spielregeln wären ein „gutes Leben“ und „sozialer Frieden“ für mehr Menschen als aktuell möglich. Voraussetzung dazu ist der Wille verantwortungsbewusster, aufgeklärter Bürger. Im Moment tritt der amerikanische Präsident Donald Trump als mächtigster Politiker diese Ansicht mit Füßen respektive mit dem Einsatz der Armee gegen die eigenen Bürger (10. Juni 2025, Los Angeles). Leider scheinen sich auch die Versprechen für eine gerechtere Welt aus dem Klub der reichsten Menschen (Silicon-Valley-Milliardäre) als Illusion zu erweisen. Anstatt Wissen (Macht) für alle droht alles Wissen für wenige (Plattformbetreiber) die neue Macht zu werden. Die in demokratischen Verfassungen verbriefte Freiheit und Unantastbarkeit der Menschenwürde wird mit schleichender Propaganda für digitale Intelligenz, fälschlicherweise als künstliche Intelligenz (KI) verkauft, in Frage gestellt. Meinungsfreiheit à la Elon Musk (null Verantwortung, null Respekt) wird in einer rechtsfreien, digital kontrollierten Welt gefeiert. Wehret den Anfängen, bevor es zu spät ist. Es scheint mir nicht unangebracht, an das Urteil des Gerichts über den übermächtigen Sokrates nachzudenken. Das Scherbengericht war in der Antike ein politisches Verfahren, um missliebige oder zu mächtige Bürger zu entfernen. Was bringt es für mich und andere, wenn ich meine „Altersweisheit“ mit der Gedanken- und Ideenwelt der jungen, lebenserfahrungsbedürftigen Zeit konfrontiere? Auch wenn ich bis zum heutigen Tag einer selbstständigen, modekritischen Sichtweise nachstrebe, bleibe ich in der Wahrnehmung ein Subjekt meiner Generation. Was heute als Verbrechen verfolgt wird, wurde damals als Skandal oder Kavaliersdelikt empfunden. Ich denke da an Verhaltensweisen auf der Straße (alkoholisierter Zustand, Raserei) und im Bett (Nötigung durch den Stärkeren). Warum hat die „Me-too-Bewegung“ so lange auf sich warten lassen? So betrachtet, wird mein Wertekatalog zum größten Teil zu einer Sammlung von Ideen, die sich einer Auseinandersetzung zwischen meinen Interessen und dem gesellschaftlichen Angebot von Vorbildern und traditionellen Werten herauskristallisieren. Unter Angebot verstehe ich Elternhaus mit Freundeskreis, Schule, Universität, Armee, Medien, Politik und Religion. Die Geschichte der Menschheit kann als Theateraufführung epochaler Ereignisse und Erfindungen beschrieben werden. Wir diskutieren häufig bloß in dem Sinne, welche Interpretation wir bevorzugen respektive welche Aussagen als Behauptung, Aufklärung (investigativer Journalismus), Propaganda, Fake News oder glaubwürdige Information zu gelten haben, wie in Talkshows zelebriert. Ich frage mich: Könnten Transparenz und Verzicht auf übermäßigen Gebrauch der asymmetrischen Information (Insiderwissen, Geheimwissen) auf der politischen Bühne den galoppierenden Vertrauensverlust der Bürger verlangsamen? Ich werde später im Kapitel „Tierwelt“ auf die Form des differenzierten Opportunismus alias Altruismus zu sprechen kommen. Zunächst zu den Zeitenwenden. In der Menschheitsgeschichte spielt(e) die Erfindung von neuen Kommunikationsmitteln die wesentliche Rolle, um Zeitenwenden hervorzurufen. Es ist denkbar, dass der evolutionäre Erfolg von Homo sapiens (vor dreihunderttausend Jahren) auf der Funktion von Großeltern beruht, die Wissen und Erfahrung auf die nächste Generation weitergeben konnten. Die Neandertaler (circa vor vierzigtausend Jahren ausgestorben, zwei Prozent Gene in unserer Spezies „überlebt“), wahrscheinlich geistig und körperlich unserer Spezies ebenbürtig, wurden weniger alt, und damit gab es praktisch keine Großelterngeneration, zudem lebten sie in kleineren sozialen Gemeinschaften. Die nächste Kommunikationsstufe darf in der Bemalung von Höhlenfelswänden vor dreißig- bis vierzigtausend Jahren gesehen werden. Einen weiteren Fortschritt der Kommunikation stellt die bildhauerische Darstellung mythologischer Ideen dar, gefolgt von der Erfindung der Schriften (vor ca. achttausend Jahren), dem Buchdruck (1440), der Telegraphie (1792) und schließlich dem Halbleiter (1947) als Wegbereiter des Zeitalters der digitalen Intelligenz.

Parallel zur materiell-technischen findet eine philosophisch-intellektuelle Evolution statt, vom Mythos zur Philosophie und Aufklärung. Das angesammelte Wissen und die angehäufte Menge an diversen Gütern haben schon lange eine für das Individuum schwer verständliche Komplexität erreicht. Diese Situation wird von einigen zur Machtausübung missbraucht. Viele sind verunsichert, (zu) viele trösten sich mit allen möglichen Narkotika.

Dies soll zur Einleitung meines Versuchs einer Alterswortmeldung genügen.




Warum schätze ich Kant?


Kants Denken und die KI

Kant hat vor zweihundertfünfzig Jahren mit seinem Denkansatz in unzähligen Publikationen die Zeitenwende für eine moderne wissenschaftliche Auseinandersetzung und Bewusstmachung der menschlichen Existenz und seiner Umwelt eingeläutet. Trotz oder wegen der bisherigen Erfolge der Wissenschaft regt sich eine unreflektierte, faktenverleugnende Stimmung in den Köpfen vieler Menschen. Und es scheint, dass sich wider die Versprechungen der digitalen Intelligenz ihre Auswirkungen vor allem auf die bildungsschwächeren Mitmenschen kontraproduktiv entfalten.

Kants berühmtem Buch „Kritik der reinen Vernunft“ in der zweiten Fassung von 1787 entnehme ich den gelungenen Versuch, uns bewusst zu machen, was Egoismus für ein denkendes Lebewesen bedeutet. Für mich liefert er mit nachvollziehbarer Argumentation ein Verständnis für den Stellenwert einer „praktischen Vernunft“, nicht synonym mit gesundem Menschenverstand, einem Verstand, den die Mehrheit der Bevölkerung für die Bewältigung der Alltagssorgen und der täglichen Arbeit mit Selbstverständlichkeit und ohne besondere Mühe einsetzt.

Als bedeutender Denker lieferte Kant Überlegungen, die die praktische Vernunft dazu legitimieren, das Primat über die reine Vernunft zu beanspruchen. Was meint er damit? Für Kant sind beispielsweise Gott und die Welt Ideen a priori. Das sind Ideen, die wir ohne Erfahrung und ohne Zuhilfenahme unserer Sinneswelt denken können, wir können sie auch nicht mit anderen Begriffen definieren respektive beweisen. Diese Ideen können unsere praktischen Probleme und Aufgaben selbst nicht lösen. Sie können uns aber davor bewahren, angesichts von Irrtümern und Ideologien „selbst verschuldet in Unmündigkeit“ zu verfallen. Um diesen Appell mit Konfliktpotenzial zwischen Herr und Knecht neuzeitlich zu bewerten, bietet sich die Analyse im Buch „Kritik der zynischen Vernunft“ von Peter Sloterdijk an: „Nun kann man keinen Menschen dazu überreden, an den ‚Geist der Utopie‘ oder ein ‚Prinzip Hoffnung‘ zu glauben, wenn er keine Erfahrungen und Motive in sich entdeckt, die diese Ausdrücke mit Sinn füllen“. Für die Internetgeneration buchstabiert: Es braucht einen analytischen Verstand als Worthülse mit „Medienkompetenz“ im Umlauf, um sich nicht schleichend zu Vollidioten und süchtigen Sklaven von Big Business machen zu lassen. Beim Ausbruch der Französischen Revolution war Kant fünfundsechzigjährig, damals wahrscheinlich der berühmteste Philosoph weltweit, sicher im damaligen Preußen. Aufgrund seiner Reputation wurde er gebeten, zu erklären, was das Wort „Aufklärung“ eigentlich bedeute. Eine seiner berühmten Formulierungen zur Beantwortung lautet: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ (Kant)

Als Vertreter der Generation „Silent Fossil“ würde ich mir wünschen, doch eher als utopisch angedacht, dass alle zukünftigen User vor dem ersten Besuch einer Social-Media-Plattform ein Testat vorlegen müssen. Das Testat bestätigt, dass der Userkandidat das „Aufklärungszitat“ von Kant gelesen hat (falls er/sie/es und andere des Lesens kundig sind) und last but not least auch verstanden hat. Ob dann der lizenzierte User mit dem Zitat einverstanden ist, sich daran hält und sein Verhalten regelmäßig checkt, ist eine andere Sache. Schon das Bewusstmachen-Lassen wäre cool. Im Übrigen handelt es sich bei einer echten Kommunikation um eine Kaskade von circa sechs bis mehr Schritten, je nach Gusto sortiert. Das Social-Media-Spektakel ist in der Regel auf den ersten Schritt, auf die Information (digitale Datenübertragung), beschränkt, was auch der Absicht der Plattformbesitzer entspricht: versklaven, kontrollieren und „exponentiell garnieren“. Liebe junge Leute, klemmt euch in den A… und macht die lohnenden Hausaufgaben. Als passionierter Kantleser (nicht studierter Philosoph oder Germanist) einiger ausgewählter Schriften meine ich zu verstehen, weshalb der große Denker im gleichen Atemzug bewundert und gehasst werden kann. Er war ein angesehener Intellektueller seiner Zeit in Bildung und Politik, ein Kind von nichtbegüterten pietistischen Eltern (ein Onkel hat finanziell und als ein Ständemitglied das Studium ermöglicht), dem ein formidabler sozialer Aufstieg gelungen ist. Aufgrund seiner Denkansätze in unzähligen Schriften und Büchern, offenbar nicht für alle leicht verständlich formuliert, gilt er auch zu Recht als Wegbereiter der Menschenrechte, der Grundrechte Deutschlands und als Pionier für eine moderne wissenschaftliche Denkweise in vielen Wissensgebieten. Er lehrte seine Studenten „philosophieren“ und nicht die Philosophie an sich.

Er machte mit seinem philosophischen Denkansatz klar, dass einem vernünftigen Egoismus vor einem radikalen und gleichgültigen Egoismus der Vorzug zu geben ist. Ich versuche, diese Meinung mit einem von ihm erwähnten Beispiel seiner Denkweise zu illustrieren. Dabei ist zu bedenken, dass Kant in der Zeit von Voltaire, Rousseau und anderen Geistesgrößen lebte, die alle auch über Gott und die Welt diskutierten. Übrigens sei anzumerken, dass die Darwinsche Lehre erst nach Kants Tod publik gemacht wurde. Kant behauptet, dass man die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann, weil „Gott“ eine Idee a priori ist. Demzufolge kann man auch nicht beweisen, dass es ihn gibt. Aus praktischen Vernunftgründen kann man jedoch Gott als eine moralische Instanz ansehen. Das erleichtert die Akzeptanz von moralischen Gesetzen, die Menschen sich geben wollen. Unnötig zu verdeutlichen, dass eine solche Ansicht für eine politisch-religiöse Gesellschaft ein Horror sein muss(te). Damit stellt er auch fest, dass Glaube eine Privatangelegenheit ist und ein Glaube keine Legitimation für eine politische Machtausübung bietet. Ach, warum ist das so schwer zu verstehen! Auch als Atheist fühle ich mich moralischen Werten verpflichtet, weil ich Freiheit im Sein und Denken als „höchstes Gut“ ansehe, was ohne Frieden nicht zu haben ist. Und dieser Friede beginnt in mir selbst. Eine eindrückliche Formulierung dazu ist Kemal Atatürk gelungen: „yurtta sulh cihanda sulh“ (deutsch: Friede in der Jurte (Nomadenzuhause), bedeutet Friede in der Welt). Mit unserer Lebenserfahrung lernen wir, dass eine solche Maxime, zwar vernünftig gemeint, eben bloß als Kompass verstanden werden kann. Ich kehre zu den Gedanken über Egoismen zurück. Wenn Madame de Meuron (1882–1980), eine Aristokratin des Berner Patriziats, mit dem Bonmot „Syt ihr öppert oder nämmet ihr Lohn?“ (Sind Sie jemand oder sind Sie Lohnempfänger?) karikiert wird, ist diese Meinung in ihrer Ideologie notwendig vernünftig. In einer direkten Demokratie sollte sie so absurd klingen, dass man darüber nur Witze machen kann. Meine Generation hat sich über diese Witze amüsiert. Wenn wir uns solchen Spaß weiter leisten wollen, müssen wir uns für ein demokratisches Gedankengut ohne Wenn und Aber engagieren. Eine direkte Demokratie wie die aktuelle schweizerische Variante kommt meiner Meinung nach (mit dreiundachtzig Lebensjahren, achtundzwanzig Jahren als Ausland-Schweizer in der Türkei in privilegierten Lebensverhältnissen in Relation zum türkischen Normalbürger) wahrscheinlich der besten aller bisher versuchten Staatsformen (austarierte, vom Volk supervisionierte Machtpolitik, Wille zum sozialen Frieden, Anerkennung und Förderung der uneigennützigen Freiwilligenaktivität) am nächsten. Es gibt kein System, das allem und allen gerecht wird. Es geht darum, ein für eine qualifizierte Mehrheit menschenwürdiges System zur Entfaltung kommen zu lassen.

Bei aller Anerkennung der Verdienste von Kant darf nicht darüber hinweggesehen werden, dass bei ihm wie bei vielen Größen damals wie heute sowie generell praktisch bei allen Menschen eine unübersehbare Diskrepanz zwischen dem Gesagten und Geschriebenen einerseits und dem tatsächlichen Tun und Denken andererseits (Trickserei, Zynismus und so weiter) existiert. Zu diesem Thema ist festzuhalten, dass es außerordentlich schwierig ist, wenn nicht unmöglich, dem „wahren Menschen“ in der Beurteilung gerecht zu werden. Verschiedene Arten von Lügen und konstruierten Darstellungen – neudeutsch Fake News – verunmöglichen eine „richtige Biografie“. Wahrscheinlich sind die eigene Weltanschauung und der persönliche Charakter des Berichtenden die größten Widersacher und sogar Verhinderer richtiger Darstellungen. Mit diesen Überlegungen ist nicht klar, inwieweit die aus heutiger Sicht zum Teil schrulligen, rassistischen und frauenfeindlichen Ansichten des unermüdlichen Denkers Kant nur den vorherrschenden Meinungen und Verhaltensweisen der Zeit geschuldet sind oder nicht (u. a. keine Frauen an Universitäten). Nach Manfred Kühn, einem Biografen von Kant, ist wahrscheinlich die in den Schulen vermittelte Lebensart von Kant eine Karikatur des senilen Kants respektive die seinem Freund Green zugeschriebene Lebensführung. Da der junge und arrivierte Kant in den besten Gesellschaften verkehrte (u. a. regelmäßige Hofeinladungen durch die Gräfin Keyserlingk (1729–1791)), ist anzunehmen, dass er auch dem irdischen Genuss nicht abgeneigt sein konnte. Für das bessere Verständnis der überlieferten Sesshaftigkeit und der praktisch fehlenden Reisetätigkeit ist die Hypothese attraktiv, dass Reisen im 18. Jahrhundert für Normalsterbliche sehr teuer, zeitraubend und beschwerlich war. Zudem wurde Kant viel Wissen von damaligen Weltreisenden und Insiderwissen über gute Beziehungen zu Gelehrten, Unternehmern und Staatsdienern am Hof Friedrichs des Zweiten, der übrigens sehr wohlwollend, gar protegierend für Kant eingestanden ist, zugänglich gemacht. Unmittelbar nach dessen Tod bekam Kant die damals übliche Medienzensur schmerzhaft zu spüren.
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