Der Angriff des Kriegers auf das Friedliche
Die Quelle des Antisemitismus
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 316
ISBN: 978-3-7116-0207-7
Erscheinungsdatum: 30.08.2024
Im weiten historischen Bogen wird der Antisemitismus als Feindbild der kleinen Herrscherklasse verfolgt. Die Juden bilden durch kritisches Denken, Bildung und Friedlichkeit ein für die kleinen Herrscherklassen gefährliches Beispiel alternativer Möglichkeiten.
Der Hass des Kriegers auf das Friedliche
Antisemitismus unter dem Instrumentarium von Norbert Elias
Übersicht
Der Antisemitismus ist eine über die Jahrtausende hindurch bestehende Erscheinung und ist selbst nach den beispiellosen Verbrechen des Holocaust nicht verschwunden, selbst nicht im Staat der Täter.
Antisemitische Taten verursachen Reaktionen der Empörung und Verurteilung, darüber hinaus aber keine oder nur geringe Auseinandersetzungen mit den tieferen Quellen antisemitischer Haltungen.
Wenn man dies jedoch tut, wie im Folgenden skizziert, gelangt man zu dem Ergebnis, dass die jüdische Kultur aufgrund der Besonderheit ihrer Entwicklung in fast 2.000 Jahren Diaspora eine ganz ungewöhnliche Zivilisationshöhe des friedlichen Miteinanders entwickelt hat, und der Antisemitismus aus aggressiven Ideologien gespeist wird, die zur Aufrechterhaltung der Unterdrückung in aristokratischen Gesellschaften dienten.
In den Begriffen von Norbert Elias: Weil die einen einem „militärischen“, die anderen einem (extrem) „zivilen-Verhaltens- und Empfindungs-Kanon“ unterworfen waren.
Die Aristokratie musste zur Sicherung ihrer Herrschaftsposition auf Unterdrückung, Hierarchien, Befehl und Gehorsam setzen. Das Volk sollte unwissend und gläubig sein. Wissen könnte Ansprüche schaffen und die Herrschaft infrage stellen.
Im zivilen Verkehr, besonders im Handel, begegnet man sich jedoch gleichberechtigt. Unterschiedliche Meinungen werden mit Argumenten ausgetragen und man steuert Kompromisse an. Dazu sind Bildung, Wissen und Kreativität hilfreich.
Aus dem Konflikt dieser entgegengesetzten Wertesysteme über fast 2 Jahrtausende entwickelte sich die Besonderheit der antisemitischen Klischees, im Vergleich zu üblichen gesellschaftlichen Ausgrenzungen von Gruppen.
Dies wird im Folgenden näher erläutert und anhand von Beispielen nachgewiesen.
Die Unwahrscheinlichkeit der jüdischen Kultur
Friedlichkeit als Überlebensform
Die Juden hatten nach der Vertreibung durch die Römer im ersten Jahrhundert nach Christus nie einen Staat und damit keine staatliche Organisation, die sie nach innen und außen schützen konnte. Sie waren in ihren christlichen „Gastländern“ eine meist von der Mehrheit schon aus religiösen Gründen nicht gern gesehene Minderheit und konnten von deren Autoritäten wenig Gerechtigkeit erwarten, ganz zu schweigen von Unterstützung. Selbst wenn Herrschende sie ins Land geholt hatten, war deren Gunst unsicher; immer gab es willkürliche Steuern und Beschneidungen ihrer wenigen Rechte. Sie blieben unter sich in eigenen, sicheren Stadtteilen (Gettos), was einer Integration neben ihrer von der Mehrheit abweichenden Religion zusätzlich im Weg stand.
Im Verkehr mit den Einheimischen mussten sie sich daher auf ein gefälliges, friedliches Verhalten einstellen, um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Sie mussten Konflikte möglichst frühzeitig vorausahnen, sie umschiffen, Ausweichstrategien, z. B. Witz, entwickeln, und immer aufmerksam sein. Traditionelle Berufe wie Landwirt und Handwerker waren ihnen verwehrt, sie konnten nur Händler und Geldverleiher werden, beides hatte jedoch keinen guten Ruf.
Auch manche negativ empfundenen Eigenschaften sind aus diesen Verhältnissen leicht erklärbar. Ihre angebliche Lust am Streiten ist wohl Folge ihrer Erziehung und komplexen Sicht auf die Welt und der Versuch einer argumentativen statt gewaltsamen Formulierung von Interessen. Ihre Beharrlichkeit im Verfolgen ihrer Ziele ist leicht als Folge wirtschaftlicher Notwendigkeit zu verstehen.
Aggression als Grundlage aristokratischer Herrschaft
Alle Staaten waren aristokratisch, also gekennzeichnet durch eine kleine Herrscherschicht und eine Mehrheit von Untertanen mit weniger Rechten. Dies erforderte Zwang nach innen und ständige Auseinandersetzungen nach außen. Die dazu vermittelten Werte schlugen sich im Einzelnen in einem kriegerischen, Norbert Elias sagt „Militärischem Verhaltens- und Empfindungskanon“, nieder. Dieser war bei den Adligen stärker, wirkte sich jedoch auch in den nichtadligen Gesellschaftsschichten aus und wurde dort sogar als Vorbild verstanden und verbreitet.
In einer solchen gesellschaftlichen Umgebung konnten sich auf Gewaltlosigkeit beruhende Verhaltensformen nur in engen Grenzen entwickeln.
Dagegen war gerade dies für die Juden in der Diaspora die Voraussetzung für ihr Überleben als Gruppe und es entwickelte sich dort in einer sehr ausgeprägten Form als „ziviler Verhaltens- und Empfindungskanon“. Er war dem militärischen Kanon entgegengesetzt und stellte für ihn eine latente Bedrohung dar, da er eine alternative Gesellschaftsform aufzeigte, die andere Fähigkeiten erforderte.
Trennungen von Gesellschaften
in Etablierte und Außenseiter
Nach allgemeiner Lebenserfahrung gehören gewisse Ausgrenzungen von Gruppen zum allgemeinen Alltag in jeder Gesellschaft. Seien es nun fremde Dialekte, Haarfarbe, Kleidung oder Gewohnheiten, alles kann bereits bei wenig differenzierten Gesellschaften zum Anlass für Ausgrenzungen werden.
Norbert Elias und John L. Scotson haben diese gesellschaftlichen Prozesse in „Etablierte und Außenseiter“ am Beispiel einer kleinen Vorortsiedlung in den Midlands von England, die sie verschlüsselt „Milton Prava“ nannten, wissenschaftlich näher untersucht und allgemeine Erkenntnisse zu diesen Prozessen abgeleitet.
Allgemeine soziale Gesetzmäßigkeiten
Es gibt in Gesellschaften eine Tendenz, sich gegen andere Gruppen abzugrenzen. Es bedurfte dazu nach den Befunden im Untersuchungsgebiet Winston Prava keiner großen Unterschiede ethnischer, religiöser oder kultureller Art. Es genügte dort schon der Unterschied zwischen etwas älteren und jüngeren Stadtteilen.
In Winston Prava stellte sich dieses Problem mit besonderer Schärfe, weil die meisten gängigen Erklärungen für Machtdifferenziale – soziale Klasse, Nationalität, ethnische Herkunft, Religion oder Bildungsniveau – hier versagten. Die beiden betroffenen Gruppen unterschieden sich in der Tat nur durch ihre Wohndauer am Platz.
Die Bevölkerung des älteren Stadtteils gehörte zu den Etablierten, die die Machtpositionen in der Gemeinde innehatten und die Neuhinzugezogenen bewusst von einer Integration, also von der Teilhabe in Clubs, Vereinen und informellen Zusammenkünften im Pub abhielten. Das damit verbundene Machtgefühl wirkte sich aus im Empfinden, „etwas Besseres“ zu sein als die Neuhinzugezogenen.
Bei der unterlegenen Gruppe der Neubürger überwog das Gefühl, dass auch sie sich „schlechter“ fühlten als die Etablierten. Nur bei wenigen Jugendlichen äußerte sich die Herabsetzung in provokativer Verletzung von Regeln und Gesetzen.
Die Gleichförmigkeit des Musters, nach dem übermächtige Gruppen weltweit ihre Außenseitergruppen stigmatisieren – eine Gleichförmigkeit über alle kulturellen Unterschiede hinweg – mag zunächst etwas überraschen. Aber die Symptome menschlicher Minderwertigkeit, die eine machtstärkere Etabliertengruppe am ehesten an einer machtschwächeren Außenseitergruppe wahrnehmen, die ihren Mitgliedern als Rechtfertigung ihrer Vorrangstellung und als Beweis ihrer Höherwertigkeit dienen, werden bei den Außenseitern gewöhnlich durch die bloßen Bedingungen ihrer Gruppenposition, durch die damit verbundene Erniedrigung und Unterdrückung erzeugt. Diese Bedingungen sind in mancher Hinsicht überall dieselben. Armut, ein niedriger Lebensstandard, gehören dazu. Aber es gibt andere (…) etwa das ständige Ausgeliefertsein an launenhafte Entscheidungen und Befehle von oben, die Demütigung des Ausschlusses von den „besseren Kreisen“ und eingebläute Haltungen der Unterwürfigkeit.
In jedem Fall kann man die zwingende Kraft einer Etablierten-Außenseiter-Beziehung und die eigentümliche Hilflosigkeit der so aneinandergebundenen Menschengruppen nicht begreifen, solange man nicht erkennt, dass sie in einer Doppelbinderfalle gefangen sind.
Wirkung bei der Mehrheitsgesellschaft
Wenn derartige Ausgrenzungstendenzen bereits unter aus heutiger Sicht zivilisierten Verhältnissen in Großbritannien in den 1960er Jahren und bei minimalen Gruppenunterschieden zu verzeichnen waren, kann man davon ausgehen, dass sie in früheren Jahrhunderten noch viel ausgeprägter waren.
Hinzu kommt, dass die Juden eine fremde Gruppe waren, die sich in Bezug auf Aussehen, Sitten, Berufstätigkeit und besonders Religion – also in vielerlei Hinsicht – deutlich von den im Mittelalter überwiegend als Bauern und Handwerker tätigen Einheimischen unterschieden. Dies hat auf Seiten der Etablierten die gesellschaftliche Tendenz zu verstärkter Abgrenzung mit der damit verbundenen Erhöhung der eigenen Position und zur Herabwürdigung der Außenseiter verstärkt.
Das Gefühl der eigenen Höherwertigkeit durch die Zugehörigkeit zur machtstärkeren Gruppe erfordert andererseits aber auch eine strenge Unterwerfung unter deren Regeln. Dazu gehört auch die Diskriminierung von Außenseitern. Sonst sinkt man in der Statushierarchie ab und es droht der Ausschluss.
Die Strafe für Abweichung, und manchmal bereits für vermutete Abweichung, ist Machtverlust und Statusminderung.
Der Einfluss der internen Meinung einer Gruppe auf jedes ihrer Mitglieder geht aber noch weiter. Eine solche Gruppenmeinung hat unter manchen Aspekten das Gepräge und die Funktion eines persönlichen Gewissens.
(…) Sein Selbstbild und seine Selbstachtung sind daran geknüpft, was andere Mitglieder seiner Gruppe über ihn denken.
Unter den Bedingungen aristokratischer Herrschaft gehörte die Ausübung von Gewalt zu den grundlegenden Voraussetzungen, was sich auch in der Zivilgesellschaft im täglichen Umgang niedergeschlagen hat, jedoch durch Gesetze und Sitten im Zaum gehalten wurde. Dies gilt nicht, oder nur in geringem Umfang, gegenüber der Minderheit der Juden. Sie waren schutzlos.
Der militärische Verhaltens- und Empfindungskanon prägt den zivilen Kanon mit: wenig Empathie, weniger Argument als Drohung, beschränkte Anerkennung von Werten der Kaufleute wie Kompromiss, Eingehen auf den Handelspartner, Fantasie und ähnliches.
Wirkungen auf die jüdische Minderheitsgesellschaft
in der Diaspora
Die oben geschilderte, auf die Abwertung durch dominierende Gruppen folgende eigene Abwertung fand bei den Juden nicht statt.
Hier wurden der Ausgrenzung offensichtlich die eigene Identität, die gegenseitige Unterstützung, Versicherung der gemeinsamen Religion und Bräuche entgegengestellt.
Eine gewalttätige Reaktion auf erlittene Demütigungen ist in der Diaspora aufgrund der geringen Zahl der Juden und ihrer weitgehenden Rechtlosigkeit praktisch ausgeschlossen. Damit wird ihnen ein ungeheuer großer Willensaufwand zur Beherrschung ihrer Affekte in der Hinnahme von Ungerechtigkeiten auferlegt.
Eine psychische Arbeit, die wie Norbert Elias in „Der Prozess der Zivilisation“ nachweist, in den europäischen Gesellschaften seit dem Ausgang des Mittelalters über Jahrhunderte gewachsen ist, mussten sie innerhalb weniger Generationen bewältigen: Friedfertigkeit.
Damit verbunden sind andere Werte als in der Mehrheitsgesellschaft: Eine besondere Sensibilität für sich anbahnende heikle Situationen, ein frühzeitiges Ausweichen, die Bewältigung von Konflikten durch Kompromiss und Witz, die Hinnahme aktueller Ungerechtigkeit im Hinblick auf längerfristige Ziele, verstärkte gegenseitige Hilfe, Argumente statt Gewalt sowie Bildung und Wissen.
Es sind die Werte, die mittlerweile im Grundgesetz verankerte Grundlagen unserer Gesetze sind, die aber den Werten der Aristokratie diametral entgegenstanden. Kein Wunder, dass die Diskriminierung einer friedlichen Kultur unter diesen Bedingungen eine gesellschaftliche Aufgabe war. Wir werden ihnen bei antisemitischen Klischees wieder begegnen.
Die aristokratische Ideologie
Verankerung und Amoralität
Die Entwicklung einer Ideologie ist ein weitgehend unbewusster und von vielen Mächten beeinflusster gesellschaftlicher Vorgang. Die meinungsbildenden Gruppen der weltlichen und geistigen Herrschaft müssen ihre Erklärungen zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft möglichst mit den sich wandelnden äußeren Bedingungen in Einklang bringen. Die Ideologie prägt dann einen Kanon innerer Werte, Emotionen und Verhaltensmuster aus, die zum inneren Bedürfnis werden. Bei den Herrschenden stehen sie im Gegensatz zu den allgemeinen moralischen Werten und werden in Form von „Ehre“ zu einem Teil des Gewissens. „Du sollst nicht töten, nicht rauben, nicht Unzucht treiben, nicht lügen…“ galten für sie nicht.
Norbert Elias beschreibt es folgendermaßen:
„Die Zwangsapparatur und die Gesetze des Staates […] sind nützlich, um die Ordnung unter der unruhigen Masse aufrechtzuerhalten. Aber wir, die Krieger und die Regierenden, sind diejenigen, die die Ordnung im Staat aufrechterhalten. Wir sind die Herren des Staates. Wir leben nach unseren eigenen Regeln, die wir uns selbst geben. Für uns gelten diese Staatsgesetze nicht.“
Gefährdung aristokratischer Herrschaft
durch Demokratie und Rechtsstaat
Die Entwicklung der Neuzeit war mit dem Vordringen von Vernunft und Humanismus auch eine Entwicklung zur Aufhebung der aristokratischen Gesellschaft und der Erlangung von mehr Freiheit, gleicher Rechte und sozialer Verbesserungen. Diese Tendenzen hatten in den verschiedenen europäischen Staaten entsprechend den jeweiligen Machtverhältnissen und der gesellschaftlich-wirtschaftlichen Entwicklung unterschiedliche Folgen. In England musste der König aufgrund seines schwachen Landheeres diesem Drängen von unten nachgeben und Kompromisse schließen. In Frankreich konnte dieser Aufstieg aufgrund der Stärke der Zentralmacht lange Zeit vermieden werden, bis es zur Revolution kam. In Deutschland mit seiner politischen Zersplitterung blieben die fortschrittlichen Kräfte politisch schwach. Nach der Erschütterung durch Napoleon und der Wiedererlangung der Macht bildete sich eine besondere Ideologie heraus, die sich der politischen Aufklärung widersetzte und der deutschen Kultur und dem deutschen Wesen eine Sonderrolle jenseits der Vernunft zuschrieb. Abgesichert wurde dies auf der Seite der Aristokratie durch die Betonung des militärischen Werte- und Verhaltenskanons, den eine ehrgeizige bürgerliche Oberschicht dann auch übernahm.
Die Stellung des Kriegs- und Beamtenadels als höchstrangierende und mächtigste Schicht der Gesellschaft wurde durch den Sieg von 1871 nicht nur gewahrt, sondern verstärkt. Nicht das gesamte, aber doch ein guter Teil des Bürgertums passte sich verhältnismäßig rasch diesen Gegebenheiten an. Sie fügten sich als Vertreter einer zweitrangigen Klasse, als Untertanen, in die Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs ein (…) und adoptierten dessen Modelle und Normen.
Antisemitismus unter dem Instrumentarium von Norbert Elias
Übersicht
Der Antisemitismus ist eine über die Jahrtausende hindurch bestehende Erscheinung und ist selbst nach den beispiellosen Verbrechen des Holocaust nicht verschwunden, selbst nicht im Staat der Täter.
Antisemitische Taten verursachen Reaktionen der Empörung und Verurteilung, darüber hinaus aber keine oder nur geringe Auseinandersetzungen mit den tieferen Quellen antisemitischer Haltungen.
Wenn man dies jedoch tut, wie im Folgenden skizziert, gelangt man zu dem Ergebnis, dass die jüdische Kultur aufgrund der Besonderheit ihrer Entwicklung in fast 2.000 Jahren Diaspora eine ganz ungewöhnliche Zivilisationshöhe des friedlichen Miteinanders entwickelt hat, und der Antisemitismus aus aggressiven Ideologien gespeist wird, die zur Aufrechterhaltung der Unterdrückung in aristokratischen Gesellschaften dienten.
In den Begriffen von Norbert Elias: Weil die einen einem „militärischen“, die anderen einem (extrem) „zivilen-Verhaltens- und Empfindungs-Kanon“ unterworfen waren.
Die Aristokratie musste zur Sicherung ihrer Herrschaftsposition auf Unterdrückung, Hierarchien, Befehl und Gehorsam setzen. Das Volk sollte unwissend und gläubig sein. Wissen könnte Ansprüche schaffen und die Herrschaft infrage stellen.
Im zivilen Verkehr, besonders im Handel, begegnet man sich jedoch gleichberechtigt. Unterschiedliche Meinungen werden mit Argumenten ausgetragen und man steuert Kompromisse an. Dazu sind Bildung, Wissen und Kreativität hilfreich.
Aus dem Konflikt dieser entgegengesetzten Wertesysteme über fast 2 Jahrtausende entwickelte sich die Besonderheit der antisemitischen Klischees, im Vergleich zu üblichen gesellschaftlichen Ausgrenzungen von Gruppen.
Dies wird im Folgenden näher erläutert und anhand von Beispielen nachgewiesen.
Die Unwahrscheinlichkeit der jüdischen Kultur
Friedlichkeit als Überlebensform
Die Juden hatten nach der Vertreibung durch die Römer im ersten Jahrhundert nach Christus nie einen Staat und damit keine staatliche Organisation, die sie nach innen und außen schützen konnte. Sie waren in ihren christlichen „Gastländern“ eine meist von der Mehrheit schon aus religiösen Gründen nicht gern gesehene Minderheit und konnten von deren Autoritäten wenig Gerechtigkeit erwarten, ganz zu schweigen von Unterstützung. Selbst wenn Herrschende sie ins Land geholt hatten, war deren Gunst unsicher; immer gab es willkürliche Steuern und Beschneidungen ihrer wenigen Rechte. Sie blieben unter sich in eigenen, sicheren Stadtteilen (Gettos), was einer Integration neben ihrer von der Mehrheit abweichenden Religion zusätzlich im Weg stand.
Im Verkehr mit den Einheimischen mussten sie sich daher auf ein gefälliges, friedliches Verhalten einstellen, um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Sie mussten Konflikte möglichst frühzeitig vorausahnen, sie umschiffen, Ausweichstrategien, z. B. Witz, entwickeln, und immer aufmerksam sein. Traditionelle Berufe wie Landwirt und Handwerker waren ihnen verwehrt, sie konnten nur Händler und Geldverleiher werden, beides hatte jedoch keinen guten Ruf.
Auch manche negativ empfundenen Eigenschaften sind aus diesen Verhältnissen leicht erklärbar. Ihre angebliche Lust am Streiten ist wohl Folge ihrer Erziehung und komplexen Sicht auf die Welt und der Versuch einer argumentativen statt gewaltsamen Formulierung von Interessen. Ihre Beharrlichkeit im Verfolgen ihrer Ziele ist leicht als Folge wirtschaftlicher Notwendigkeit zu verstehen.
Aggression als Grundlage aristokratischer Herrschaft
Alle Staaten waren aristokratisch, also gekennzeichnet durch eine kleine Herrscherschicht und eine Mehrheit von Untertanen mit weniger Rechten. Dies erforderte Zwang nach innen und ständige Auseinandersetzungen nach außen. Die dazu vermittelten Werte schlugen sich im Einzelnen in einem kriegerischen, Norbert Elias sagt „Militärischem Verhaltens- und Empfindungskanon“, nieder. Dieser war bei den Adligen stärker, wirkte sich jedoch auch in den nichtadligen Gesellschaftsschichten aus und wurde dort sogar als Vorbild verstanden und verbreitet.
In einer solchen gesellschaftlichen Umgebung konnten sich auf Gewaltlosigkeit beruhende Verhaltensformen nur in engen Grenzen entwickeln.
Dagegen war gerade dies für die Juden in der Diaspora die Voraussetzung für ihr Überleben als Gruppe und es entwickelte sich dort in einer sehr ausgeprägten Form als „ziviler Verhaltens- und Empfindungskanon“. Er war dem militärischen Kanon entgegengesetzt und stellte für ihn eine latente Bedrohung dar, da er eine alternative Gesellschaftsform aufzeigte, die andere Fähigkeiten erforderte.
Trennungen von Gesellschaften
in Etablierte und Außenseiter
Nach allgemeiner Lebenserfahrung gehören gewisse Ausgrenzungen von Gruppen zum allgemeinen Alltag in jeder Gesellschaft. Seien es nun fremde Dialekte, Haarfarbe, Kleidung oder Gewohnheiten, alles kann bereits bei wenig differenzierten Gesellschaften zum Anlass für Ausgrenzungen werden.
Norbert Elias und John L. Scotson haben diese gesellschaftlichen Prozesse in „Etablierte und Außenseiter“ am Beispiel einer kleinen Vorortsiedlung in den Midlands von England, die sie verschlüsselt „Milton Prava“ nannten, wissenschaftlich näher untersucht und allgemeine Erkenntnisse zu diesen Prozessen abgeleitet.
Allgemeine soziale Gesetzmäßigkeiten
Es gibt in Gesellschaften eine Tendenz, sich gegen andere Gruppen abzugrenzen. Es bedurfte dazu nach den Befunden im Untersuchungsgebiet Winston Prava keiner großen Unterschiede ethnischer, religiöser oder kultureller Art. Es genügte dort schon der Unterschied zwischen etwas älteren und jüngeren Stadtteilen.
In Winston Prava stellte sich dieses Problem mit besonderer Schärfe, weil die meisten gängigen Erklärungen für Machtdifferenziale – soziale Klasse, Nationalität, ethnische Herkunft, Religion oder Bildungsniveau – hier versagten. Die beiden betroffenen Gruppen unterschieden sich in der Tat nur durch ihre Wohndauer am Platz.
Die Bevölkerung des älteren Stadtteils gehörte zu den Etablierten, die die Machtpositionen in der Gemeinde innehatten und die Neuhinzugezogenen bewusst von einer Integration, also von der Teilhabe in Clubs, Vereinen und informellen Zusammenkünften im Pub abhielten. Das damit verbundene Machtgefühl wirkte sich aus im Empfinden, „etwas Besseres“ zu sein als die Neuhinzugezogenen.
Bei der unterlegenen Gruppe der Neubürger überwog das Gefühl, dass auch sie sich „schlechter“ fühlten als die Etablierten. Nur bei wenigen Jugendlichen äußerte sich die Herabsetzung in provokativer Verletzung von Regeln und Gesetzen.
Die Gleichförmigkeit des Musters, nach dem übermächtige Gruppen weltweit ihre Außenseitergruppen stigmatisieren – eine Gleichförmigkeit über alle kulturellen Unterschiede hinweg – mag zunächst etwas überraschen. Aber die Symptome menschlicher Minderwertigkeit, die eine machtstärkere Etabliertengruppe am ehesten an einer machtschwächeren Außenseitergruppe wahrnehmen, die ihren Mitgliedern als Rechtfertigung ihrer Vorrangstellung und als Beweis ihrer Höherwertigkeit dienen, werden bei den Außenseitern gewöhnlich durch die bloßen Bedingungen ihrer Gruppenposition, durch die damit verbundene Erniedrigung und Unterdrückung erzeugt. Diese Bedingungen sind in mancher Hinsicht überall dieselben. Armut, ein niedriger Lebensstandard, gehören dazu. Aber es gibt andere (…) etwa das ständige Ausgeliefertsein an launenhafte Entscheidungen und Befehle von oben, die Demütigung des Ausschlusses von den „besseren Kreisen“ und eingebläute Haltungen der Unterwürfigkeit.
In jedem Fall kann man die zwingende Kraft einer Etablierten-Außenseiter-Beziehung und die eigentümliche Hilflosigkeit der so aneinandergebundenen Menschengruppen nicht begreifen, solange man nicht erkennt, dass sie in einer Doppelbinderfalle gefangen sind.
Wirkung bei der Mehrheitsgesellschaft
Wenn derartige Ausgrenzungstendenzen bereits unter aus heutiger Sicht zivilisierten Verhältnissen in Großbritannien in den 1960er Jahren und bei minimalen Gruppenunterschieden zu verzeichnen waren, kann man davon ausgehen, dass sie in früheren Jahrhunderten noch viel ausgeprägter waren.
Hinzu kommt, dass die Juden eine fremde Gruppe waren, die sich in Bezug auf Aussehen, Sitten, Berufstätigkeit und besonders Religion – also in vielerlei Hinsicht – deutlich von den im Mittelalter überwiegend als Bauern und Handwerker tätigen Einheimischen unterschieden. Dies hat auf Seiten der Etablierten die gesellschaftliche Tendenz zu verstärkter Abgrenzung mit der damit verbundenen Erhöhung der eigenen Position und zur Herabwürdigung der Außenseiter verstärkt.
Das Gefühl der eigenen Höherwertigkeit durch die Zugehörigkeit zur machtstärkeren Gruppe erfordert andererseits aber auch eine strenge Unterwerfung unter deren Regeln. Dazu gehört auch die Diskriminierung von Außenseitern. Sonst sinkt man in der Statushierarchie ab und es droht der Ausschluss.
Die Strafe für Abweichung, und manchmal bereits für vermutete Abweichung, ist Machtverlust und Statusminderung.
Der Einfluss der internen Meinung einer Gruppe auf jedes ihrer Mitglieder geht aber noch weiter. Eine solche Gruppenmeinung hat unter manchen Aspekten das Gepräge und die Funktion eines persönlichen Gewissens.
(…) Sein Selbstbild und seine Selbstachtung sind daran geknüpft, was andere Mitglieder seiner Gruppe über ihn denken.
Unter den Bedingungen aristokratischer Herrschaft gehörte die Ausübung von Gewalt zu den grundlegenden Voraussetzungen, was sich auch in der Zivilgesellschaft im täglichen Umgang niedergeschlagen hat, jedoch durch Gesetze und Sitten im Zaum gehalten wurde. Dies gilt nicht, oder nur in geringem Umfang, gegenüber der Minderheit der Juden. Sie waren schutzlos.
Der militärische Verhaltens- und Empfindungskanon prägt den zivilen Kanon mit: wenig Empathie, weniger Argument als Drohung, beschränkte Anerkennung von Werten der Kaufleute wie Kompromiss, Eingehen auf den Handelspartner, Fantasie und ähnliches.
Wirkungen auf die jüdische Minderheitsgesellschaft
in der Diaspora
Die oben geschilderte, auf die Abwertung durch dominierende Gruppen folgende eigene Abwertung fand bei den Juden nicht statt.
Hier wurden der Ausgrenzung offensichtlich die eigene Identität, die gegenseitige Unterstützung, Versicherung der gemeinsamen Religion und Bräuche entgegengestellt.
Eine gewalttätige Reaktion auf erlittene Demütigungen ist in der Diaspora aufgrund der geringen Zahl der Juden und ihrer weitgehenden Rechtlosigkeit praktisch ausgeschlossen. Damit wird ihnen ein ungeheuer großer Willensaufwand zur Beherrschung ihrer Affekte in der Hinnahme von Ungerechtigkeiten auferlegt.
Eine psychische Arbeit, die wie Norbert Elias in „Der Prozess der Zivilisation“ nachweist, in den europäischen Gesellschaften seit dem Ausgang des Mittelalters über Jahrhunderte gewachsen ist, mussten sie innerhalb weniger Generationen bewältigen: Friedfertigkeit.
Damit verbunden sind andere Werte als in der Mehrheitsgesellschaft: Eine besondere Sensibilität für sich anbahnende heikle Situationen, ein frühzeitiges Ausweichen, die Bewältigung von Konflikten durch Kompromiss und Witz, die Hinnahme aktueller Ungerechtigkeit im Hinblick auf längerfristige Ziele, verstärkte gegenseitige Hilfe, Argumente statt Gewalt sowie Bildung und Wissen.
Es sind die Werte, die mittlerweile im Grundgesetz verankerte Grundlagen unserer Gesetze sind, die aber den Werten der Aristokratie diametral entgegenstanden. Kein Wunder, dass die Diskriminierung einer friedlichen Kultur unter diesen Bedingungen eine gesellschaftliche Aufgabe war. Wir werden ihnen bei antisemitischen Klischees wieder begegnen.
Die aristokratische Ideologie
Verankerung und Amoralität
Die Entwicklung einer Ideologie ist ein weitgehend unbewusster und von vielen Mächten beeinflusster gesellschaftlicher Vorgang. Die meinungsbildenden Gruppen der weltlichen und geistigen Herrschaft müssen ihre Erklärungen zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft möglichst mit den sich wandelnden äußeren Bedingungen in Einklang bringen. Die Ideologie prägt dann einen Kanon innerer Werte, Emotionen und Verhaltensmuster aus, die zum inneren Bedürfnis werden. Bei den Herrschenden stehen sie im Gegensatz zu den allgemeinen moralischen Werten und werden in Form von „Ehre“ zu einem Teil des Gewissens. „Du sollst nicht töten, nicht rauben, nicht Unzucht treiben, nicht lügen…“ galten für sie nicht.
Norbert Elias beschreibt es folgendermaßen:
„Die Zwangsapparatur und die Gesetze des Staates […] sind nützlich, um die Ordnung unter der unruhigen Masse aufrechtzuerhalten. Aber wir, die Krieger und die Regierenden, sind diejenigen, die die Ordnung im Staat aufrechterhalten. Wir sind die Herren des Staates. Wir leben nach unseren eigenen Regeln, die wir uns selbst geben. Für uns gelten diese Staatsgesetze nicht.“
Gefährdung aristokratischer Herrschaft
durch Demokratie und Rechtsstaat
Die Entwicklung der Neuzeit war mit dem Vordringen von Vernunft und Humanismus auch eine Entwicklung zur Aufhebung der aristokratischen Gesellschaft und der Erlangung von mehr Freiheit, gleicher Rechte und sozialer Verbesserungen. Diese Tendenzen hatten in den verschiedenen europäischen Staaten entsprechend den jeweiligen Machtverhältnissen und der gesellschaftlich-wirtschaftlichen Entwicklung unterschiedliche Folgen. In England musste der König aufgrund seines schwachen Landheeres diesem Drängen von unten nachgeben und Kompromisse schließen. In Frankreich konnte dieser Aufstieg aufgrund der Stärke der Zentralmacht lange Zeit vermieden werden, bis es zur Revolution kam. In Deutschland mit seiner politischen Zersplitterung blieben die fortschrittlichen Kräfte politisch schwach. Nach der Erschütterung durch Napoleon und der Wiedererlangung der Macht bildete sich eine besondere Ideologie heraus, die sich der politischen Aufklärung widersetzte und der deutschen Kultur und dem deutschen Wesen eine Sonderrolle jenseits der Vernunft zuschrieb. Abgesichert wurde dies auf der Seite der Aristokratie durch die Betonung des militärischen Werte- und Verhaltenskanons, den eine ehrgeizige bürgerliche Oberschicht dann auch übernahm.
Die Stellung des Kriegs- und Beamtenadels als höchstrangierende und mächtigste Schicht der Gesellschaft wurde durch den Sieg von 1871 nicht nur gewahrt, sondern verstärkt. Nicht das gesamte, aber doch ein guter Teil des Bürgertums passte sich verhältnismäßig rasch diesen Gegebenheiten an. Sie fügten sich als Vertreter einer zweitrangigen Klasse, als Untertanen, in die Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs ein (…) und adoptierten dessen Modelle und Normen.

