Cover: The Pink Book #2

The Pink Book #2
Ich und der Brustkrebs: Wege aus der Angst


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 162
ISBN: 978-3-7116-1786-6
Erscheinungsdatum: 15.10.2026
Mit einer Brustkrebsdiagnose kommt für viele Betroffene ein neuer, ständiger Begleiter: Angst. In dieser Ausgabe von „THE PINK BOOK“ erzählen Patientinnen, wie sie mit Angst umgehen, sie überwinden oder sie sogar als Teil von sich selbst akzeptieren konnten.
Bohrn Barbara
Ich bin stärker als der Krebs!


Eine wahre Geschichte von Barbara Bohrn

Es war im Mai 2017. Ich war 44 Jahre alt und stand mitten im Leben. Ich hatte einen spannenden Job als Projektmanagerin bei einer Bank, zwei lebhafte Jungs im Alter von sechs und acht Jahren, einen liebevollen Mann an meiner Seite, ein Häuschen am Stadtrand, Freunde, Hobbys, Aktivitäten und Urlaube. Und dann die Diagnose: Brustkrebs. Ein bösartiger Tumor, den ich selbst ertastet hatte, in meiner rechten Brust.

»Bösartig und aggressiv«, das waren die Worte des Arztes, die sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt haben. Auf meine Frage, wie es beruflich für mich weitergehen könnte, antwortete er: »Da werden Sie schon einmal eine Zeit lang ganz schön krank sein.« Diese Worte sind mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Die Diagnose war für mich ein Schock und machte mir große Angst. Und doch kam sie nicht ganz aus heiterem Himmel. Ich hatte als junge Frau, vor meinem zwanzigsten Geburtstag, bereits zwei Operationen gehabt, bei denen jeweils ein gutartiger Knoten aus meiner Brust entfernt worden war – einmal rechts, einmal links. Seit meinem 30. Lebensjahr ging ich regelmäßig zur Kontrolle ins Krankenhaus, da ich dichtes Gewebe, Verkalkungen, Einkapselungen vom Stillen und ein Fibroadenom hatte. Eine ganze Sammlung von Auffälligkeiten, mit denen ich mich über die Jahre vertraut gemacht hatte. Ich lebte mit der ständigen Besorgnis, dass bei einer Untersuchung vielleicht einmal etwas entdeckt werden könnte, das nicht ganz »normal« ist. Auch meine ältere Schwester erkrankte 2014 zum ersten Mal an Brustkrebs. Sie war damals 45 Jahre alt.

Wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich auf die Diagnose Brustkrebs vorbereitet war, dann wäre das übertrieben. Aber ich war zumindest für dieses Thema sensibilisiert und mir war bewusst, dass dies meine Schwachstelle ist.

Dennoch hat mich die Nachricht voll erwischt. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich den Knoten beim Duschen das erste Mal ertastet habe und unsicher war, ob ich nun ins Krankenhaus fahren sollte oder nicht. Immerhin war ich erst sechs Monate zuvor dort gewesen, wie immer mit einem unauffälligen Befund. Ich rief schließlich an, bekam zeitnah einen Termin und gleichzeitig ein mulmiges Gefühl. Ich überlegte, wie ich mich wohl rechtfertigen würde, wenn sich der tastbare Knoten als harmlos herausstellte, und befürchtete, man könnte mich für überängstlich oder hysterisch halten.

Beim Termin hatte ich zuerst ein Gespräch mit einer Ärztin und danach eine Ultraschalluntersuchung. Den Blick des Arztes, als er das Ultraschallbild meines Tumors sah, werde ich nie vergessen. Er hielt inne, hob beide Hände und sagte: »Meine Damen, bitte!« Damit meinte er seine Assistentinnen, die plaudernd im Nebenraum standen und sofort zur Stelle waren, um eine Stanzbiopsie vorzubereiten. In diesem Moment wusste ich, dass diese Untersuchung anders war als alle bisherigen. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte.

Nach der kurzen, sehr schmerzhaften Biopsie – den Oberkörper voller orangefarbenem Desinfektionsmittel und einem Termin für eine Magnetresonanztomografie exakt eine Woche später in der Tasche – machte ich mich zurück auf den Weg in die Arbeit. Ich weiß noch genau, ich hatte eine hellrosa Bluse an und versuchte, mittels Taschentüchern und Wasser das Desinfektionsmittel von meinem Dekolleté zu bekommen. Ich wollte nicht, dass irgendjemand etwas merkt. Noch war ich nicht bereit, darüber zu sprechen. Ich war wie versteinert vor Angst und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Die einzige Person, die ich einweihte, war mein Mann Oliver, dem ich tränenüberströmt am Telefon sofort alles erzählte.

Haben sich Ärzt:innen eigentlich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie sich das für einen Menschen anfühlen kann, wenn er nach so einer Untersuchung nach Hause geht und bis zum nächsten Untersuchung sieben ganze Tage Zeit hat, darüber nachzudenken, was wohl das Ergebnis der Stanzbiopsie sein wird und warum auf einmal ein MRT-Termin, auf den man normalerweise monatelang warten muss, innerhalb einer Woche verfügbar ist?

Diese Tage bis zur nächsten Untersuchung fühlten sich endlos an. Ich befand mich in einem Wechselbad aus Verdrängung und brutaler Wahrheit. Gedanken kreisten, ließen mich nicht los, gleichzeitig versuchte ich, den Alltag aufrechtzuerhalten. Ich sprach mit niemandem darüber, außer mit meinem Mann.

Für den nächsten Termin nahm ich mir Urlaub. Die Angst stand mir offenbar ins Gesicht geschrieben. Eine Mutter aus dem Kindergarten, die mir frühmorgens begegnete, bestätigte mir dies später. Ich fuhr also erneut ins Krankenhaus, durchlief die MRT-Untersuchung, wartete lange und traf schließlich auf einen mir unbekannten Arzt, der die Befundbesprechung übernahm. Auf seine Einstiegsfrage »Und, wissen Sie schon was?« antwortete ich mit Nein. Dann kamen seine Worte: »Das, was Sie haben, ist bösartig und aggressiv.« Routiniert schob er mir eine Taschentuchbox hin und begann, mir meine Diagnose zu erklären: Mammakarzinom, hormonell bedingt, Mastektomie – also Entfernung der gesamten rechten Brust mit sofortiger Rekonstruktion – Chemotherapie, Bestrahlung, endokrine Therapie.

Obwohl ich bereits geahnt hatte, dass es sich um keinen gutartigen Knoten handeln konnte, fühlte ich mich wie vor den Kopf gestoßen. Ich war sprachlos. Wir vereinbarten einen OP-Termin für zwei Wochen später und ich ging nach Hause.

Die ersten Tage nach der Diagnose war ich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Ich brauchte Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten, um Worte zu finden, um mit der Realität Schritt zu halten. Gleichzeitig war mir schnell klar: Ich möchte offen mit meiner Erkrankung umgehen. Ich hatte zu oft miterlebt, wie Krankheit versteckt und tabuisiert wird – wie viel Kraft es kostet, etwas zu verbergen, das ohnehin schon schwer genug ist. Ich wollte meine Energie nicht dafür verschwenden, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Diese Energie brauchte ich jetzt für mich. Und so waren es meine beiden Söhne, die als Erste erlebten, was Offenheit in schwierigen Zeiten bedeuten kann. Unter Tränen erklärte ich ihnen, dass ich Brustkrebs hätte, Therapien auf mich zukämen und ich zuversichtlich sei. Sie sahen mich mit großen Augen an und schenkten mir durch ihre Nähe und ihr kindliches Vertrauen Kraft.

Die Tage bis zur Operation waren durchwachsen. Einerseits fühlte ich mich körperlich gesund, andererseits wusste ich, dass ein aggressiver Tumor in mir wuchs. Ich versuchte, die Diagnose anzunehmen und mir bewusst zu machen, dass meine Chancen gut standen. Trotzdem mischten sich große Angst, tiefe Traurigkeit und Unsicherheit in meinen Alltag.

Der offene, ehrliche und authentische Umgang mit meiner Diagnose war für mich ein erstes Ventil, die Angst und Traurigkeit loszulassen. Ich weiß noch, wie berührt und bewegt ich war angesichts der vielen liebevollen Nachrichten, persönlichen Worte und Gesten, die mir entgegengebracht wurden, wenn ich von meiner Erkrankung erzählte. Es haben mich Menschen umarmt und gedrückt, die ich vorher nicht besonders gut kannte. Ich habe mit Menschen auf öffentlicher Straße geweint und gelacht, zu denen ich vorher ein eher distanziertes Verhältnis hatte. Ich habe gespürt, dass ich nicht allein bin mit meiner Angst und Traurigkeit, und das hat mir unheimlich geholfen. Diese geballte Ladung an Mitgefühl, Anteilnahme und angebotener Unterstützung, die mir von allen Seiten zuteilwurde, rührt mich heute noch zu Tränen.

Die Operation dauerte fast vier Stunden. Die erste Information danach: Es hatten sich bereits Metastasen in den Lymphknoten gebildet, sie konnten aber entfernt werden. Diese Nachricht traf mich. Ich erinnere mich noch genau an diesen Abend, nach der Operation, an dem ich mir immer wieder einen einzigen Satz vorsagte, wie ein leises Mantra:

»Ich bin stärker als der Krebs.«

Er kam intuitiv. Ich hatte ihn nicht geplant, er war plötzlich da und hat mich begleitet. Ich wiederholte ihn, lautlos, immer und immer wieder. Es war dieser Satz, der mir guttat, ein Lächeln auf meinen Mund zauberte und die Angst und Traurigkeit kleiner machte.

Die Wochen nach der Operation waren geprägt von unzähligen Kontrollterminen, neuen Befunden und Gesprächen mit Ärzt:innen. Eines dieser Gespräche hat sich besonders eingebrannt. Mein Mann war dieses eine Mal mitgekommen. Wir saßen gemeinsam vor einer jungen Ärztin, die uns mitteilte, dass ein Verdacht auf Knochenmetastasen im rechten Schulterblatt bestehe. Sie organisierte einen MRT-Termin für mich und meinte beiläufig, ich solle in zehn Tagen wiederkommen, dann sei der Arzt meines Vertrauens – der mich auch operiert hatte – wieder aus dem Urlaub zurück. Mein Mann und ich waren wie versteinert, als wir das Krankenhaus verließen. Wieder war da dieser Gedanke: Weiß diese junge Ärztin eigentlich, was sie da gerade ausgelöst hat? Hat sie eine Vorstellung davon, wie sich zehn Tage mit einem solchen Verdacht anfühlen? Wie lange Nächte sein können, wenn sich die Gedanken verselbstständigen?

Ich begann, von meinem Arzt zu träumen, weil ich ihn als denjenigen sah, der mir sagen würde, wie mein Leben weitergeht. Er war für mich zu einer Art Schicksalsfigur geworden, was im Rückblick fast absurd erscheint, aber in diesem Moment völlig real war. Mein persönliches Mantra »Ich bin stärker als der Krebs« hat mich auch in diesen Tagen begleitet und mir Kraft gegeben.

Dann endlich die finale Diagnose, auf die ich vier lange Wochen hatte warten müssen: Der Tumor konnte vollständig entfernt werden. Keine Hinweise auf ein Streuen. Kein Nachweis von Metastasen im Körper. Das Tumorboard empfahl eine adjuvante Chemo- und Strahlentherapie sowie eine endokrine Therapie über mehrere Jahre. Zur Sicherheit und zur Vorsorge, dass kein Rezidiv entstehen kann. Große Erleichterung, Aufatmen, Freudentränen und vollkommene Erschöpfung nach der Anspannung der letzten Wochen.

Die Angst und die Traurigkeit waren kleiner geworden. Die Tatsache, dass der aggressive Tumor komplett entfernt werden konnte und keine Metastasen in den Knochen gefunden wurden, half mir ungemein. Gleichzeitig versuchte ich, mich mental auf die anstehenden Therapien vorzubereiten.

Am meisten Angst machte mir die Chemotherapie. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Termin auf der onkologischen Tagesklinik. Es war eine Mischung aus Angst, Respekt und Demut, als ich das erste Mal hinter die Glastüre trat. Die blassen, krank aussehenden Menschen mit ihren Chemo-Hauben verunsicherten mich. Der zweite Besuch gestaltete sich ganz anders. Ich – in der Zwischenzeit auch mit einer Chemo-Haube bestückt – wurde sofort von einer anderen Patientin mit einem »Hallo, da ist noch frei, setz dich her« begrüßt und nahm auf der Liege neben ihr Platz. Wir kamen sofort ins Gespräch, tauschten uns aus und hatten einen richtig lustigen Vormittag. Von da an habe ich die Stunden auf der Onkologie als sehr bereichernd wahrgenommen. Die Offenheit und Authentizität, die dort herrschten, waren einzigartig. Es war ein Klima des Vertrauens, der Verwundbarkeit und radikalen Offenheit. Der Austausch mit anderen Krebspatient:innen und die Gespräche während der Chemotherapie mit Betroffenen vermittelten mir das Gefühl, dass ich mit meiner Erkrankung nicht allein war. Auch dies war für mich einer der Wege aus der Angst.

Ich lernte, mit der Tatsache »Ich habe Brustkrebs und werde geheilt« umzugehen, und meine Offenheit half mir dabei. Ich konnte die Diagnose, die Therapien und all die damit einhergehenden Nebenwirkungen annehmen und meist gut bewältigen. Ich entschied mich bewusst dafür, meine Energie, die vor allem durch die Chemotherapie stark beeinträchtigt war, in erster Linie für mich und meine Familie einzusetzen. Ich versuchte, mein Privatleben so gut es ging aufrechtzuerhalten. Ich wollte für meine beiden Kinder ein »normales« Leben bewahren. Dies gelang mir mit wunderbarer Unterstützung meines Mannes, meiner Mutter, meiner Schwestern und meiner vielen Freunde. Dafür bin ich bis heute zutiefst dankbar.

Die Angst war kleiner geworden – oder hatte ich sie verdrängt? Ich weiß es nicht mehr. Ich hatte einen klaren Plan für mich, der mich wieder zurück in einen »normalen« Alltag führen sollte. Für meine Therapien gab es ebenfalls eine strukturierte Vorgehensweise – und genau diese Struktur gab mir Halt. Ich wusste, was die nächsten Schritte sein würden, und das schenkte mir Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung. Diese Zeit habe ich in guter Erinnerung. Mein Mantra blieb an meiner Seite: »Ich bin stärker
als der Krebs.«

Der Reha-Aufenthalt war für mich mehr als nur der Abschluss der Therapien, es war wie ein Neuanfang. Drei Wochen, um aufzutanken, zu reflektieren, zu regenerieren. Ich fühlte mich bereit für mein Comeback ins Leben und war voller Vorfreude auf die Rückkehr in meinen Alltag. Voller Hoffnung, Tatendrang und Mut. Ich plante mein »Ich-bin-wieder-gesund-Fest«, das ich einige Wochen später bei mir zu Hause veranstaltete. Damit wollte ich ein Zeichen setzen: Man kann gestärkt aus einer schweren Krise hervorgehen. Man darf feiern, dass man wieder zurück im Leben ist.

Diese Welle trug mich eine Zeit lang. Ich war glücklich, wieder »normal« zu leben, bis ich merkte, dass meine Belastbarkeit stark reduziert war. Ich kam schnell an meine Grenzen. Mein Körper reagierte schneller, mein Nervenkostüm war dünner geworden. Ich realisierte: Die Krankheit war überstanden – aber sie hatte Spuren hinterlassen.

Und dann, zwei Monate später, kam sie wieder: die Angst. Meine Schwester – jene, die bereits 2014 an Brustkrebs erkrankt war – erhielt eine erneute Diagnose: Rezidiv, Metastasen in den Lymphknoten. Nur eine Woche später kam die Nachricht vom Tod meiner lieben Reha-Kollegin Tanja. Wir hatten noch wenige Wochen zuvor gemeinsame Spaziergänge gemacht und intensive Gespräche geführt.

Diese Angst war anders und sie hatte viele Gesichter: die Sorge um meine Schwester, die Traurigkeit über den Verlust einer Freundin, die wieder aufkeimende Furcht vor einem eigenen Rückfall. Und sie war nicht nur im Kopf – sie hatte Auswirkungen auf meinen Körper, meine Konzentration, meinen Schlaf.

Die Sorge um meine Schwester wurde kleiner, da sie gut betreut war und nach ein paar Wochen klar wurde, dass sie geheilt werden kann. Auch wenn ihr ein langer Weg mit unzähligen Therapien bevorstand. Ich konnte viele meiner Erfahrungen an sie weitergeben, zum Beispiel, wo man die schönsten Chemo-Hauben bekommt.

Die Angst vor einem eigenen Rezidiv blieb. Ich versuchte, sie zu verdrängen, aber sie war da. Diesmal war sie stiller, verborgener, hartnäckiger. Ich sprach kaum darüber. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, mit wem. Ich wollte mein Umfeld nicht damit belasten. Und vielleicht, weil ich tief drinnen spürte, dass Menschen, die selbst noch nie mit einer solchen Diagnose konfrontiert waren, nicht vollständig verstehen konnten, was in mir vorging.

Also blieb ich allein mit dieser Angst. Wenn ich Geschichten hörte von Menschen, die Jahre nach ihrer ersten Diagnose erneut an Krebs erkrankt waren, oft in einem fortgeschrittenen Stadium, dann wurde ich still und fühlte mich wie versteinert.

Eines Tages wurde mir bewusst, dass ich mir mit dem ständigen Grübeln über ein mögliches Rezidiv selbst schade. Ich merkte, dass es nicht nur diese eine Angst war. Sobald ich der Gedankenfalle erst einmal Raum gab, kamen andere Schreckensszenarien dazu: Krankheiten, Unfälle, Verluste – theoretisch war alles möglich. Und das machte mir Angst. Noch mehr Angst. Dabei war ich immer ein zutiefst positiver Mensch gewesen. Vor meiner Erkrankung hätte ich nie gedacht, dass solche düsteren Gedanken einmal Platz in meinem Kopf finden würden. Und doch waren sie da.

Es brauchte Zeit und einen inneren Entschluss, um mich aus dieser Gedankenspirale zu befreien. Ich erkannte: Ich bin vom Krebs geheilt und wieder gesund. Ich darf die Zeit, in der ich gesund bin, aktiv gestalten, statt sie mit Sorgen über Dinge zu füllen, die vielleicht nie eintreten werden. Ich kann Entscheidungen treffen. Ich kann gestalten, statt mich treiben zu lassen. Ich kann wählen, was ich will und was ich nicht mehr bereit bin, mitzutragen.

Diese Erkenntnis war ein leises, inneres Aufräumen. Es war für mich ein Wendepunkt.

Seither habe ich viele Dinge verändert und gestalte mir mein Leben – beruflich und privat – so wie ich es will. So habe ich 2019 meinen Job gekündigt und mich als Unternehmensberaterin selbstständig gemacht.
Dies ist und bleibt für mich der effektivste Weg aus der Angst und zurück in eine »Normalität«. Das Gelassenheitsgebet des Theologen Reinhold Niebuhr bringt es auf den Punkt: »Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!«
Die Angst vor einem Rezidiv ist nicht verschwunden. Auch nach fast acht Jahren ist sie noch da, manchmal leiser, manchmal lauter. Aber sie beherrscht mich nicht. Ich habe gelernt, mit ihr zu leben. Und ich weiß heute: Das Hier und Jetzt ist wichtig.

Brustkrebs hat mein Leben verändert – nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Ich habe viel gelernt auf meinem Weg raus aus der Krankheit, rein in ein Leben voller Gestaltung. Ich habe gelernt, mit Angst umzugehen und Wege gefunden, die Angst zu reduzieren. Offenheit, Ehrlichkeit, ein klarer Fokus auf das Wesentliche und ein bewusst gestaltetes Leben haben mir dabei geholfen. Ich habe nicht auf alle Fragen eine Antwort gefunden, aber ich habe eine Haltung: Ich bin stärker als der Krebs.


Mutmacher
„Ich darf weinen.“
Azra


Krebshilfe-Tipp
Betrachten Sie die Ärzte als gleichwertige Gesprächspartner und nehmen Sie aktiv am Entscheidungsprozess teil.


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