Bing 兵
Band I: Ursprünge, Grundlagen und Entstehung der chinesischen Identität in der Vor-Qín-Zeit
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 378
ISBN: 978-3-99146-735-9
Erscheinungsdatum: 16.09.2024
Dieses Buch erforscht Ursprünge und Grundlagen der historischen Entwicklung, kulturellen Identität, Diplomatie, Überzeugungsarbeit und militärischen Strategien Chinas von der Xià-, über die Shāng- bis zum Ende der Zhōu-Dynastie (1045–221 v. Chr.).
Vorwort:
Prof. Dr. Dr. Harro von Senger
Von der wissenschaftlichen Arbeit von Josef Mondl habe ich auf einer Zürcher China-Tagung am 25.10.2018, auf der er einen Vortrag über das Thema «Gesellschaftspolitik als Herausforderung: Historischer Hintergrund und spezifische Charakteristika von ‚öffentlichem Raum‘ im Kontext Chinas“ hielt, erstmals Kenntnis erhalten. In Einsiedeln haben wir uns dann am 18. 01. 2019 im Café Schefer zu einem vertiefenden Fachgespräch getroffen. So ist mir Josef Mondl als ein Wissenschaftler bekannt, der in mancherlei Hinsicht China in einer anderen Weise als ich betrachtet. Nun hat mir Herr Mondl das Inhaltsverzeichnis seines Werks ‘Bīng 兵 – Band I: Ursprünge, Grundlagen und Entstehung der chinesischen Identität in der Vor-Qín-Zeit’ vorgelegt und um ein Vorwort gebeten. Seiner Bitte leiste ich hiermit Folge, denn als Anhänger und Fortentwickler von Fritz Zwickys (1898-1974), des Glarner Astrophysikers, «Morphologie» – näher erläutert im Buch von Peter Wiesendanger und anderen «Die anderen 68er», Münster Verlag, Basel 2018, S. 237 ff. – begrüsse ich eine möglichst breit gespannte Fülle an Gesichtspunkten, unter denen China, dieses unendlich viele Facetten aufweisende Land, wahrgenommen und dargestellt wird.
In der Frühlings-und Herbstzeit (770–476 v.Chr.) und im Zeitalter der Streitenden Reiche (475–222 v.Chr.) – dieses Zeitalter steht im Mittelpunkt des vorliegenden Werks von Josef Mondl – gab es eine Vielzahl von Lehrrichtungen. Diesem Umstand entsprechend wurde seit der Qin- und Han-Zeit (221 v.Chr.–220 n.Chr.) der Ausdruck „hundert Schulen“ verwendet (Yang Honglie: Zhongguo Falü Sixiang Shi [Geschichte des chinesischen Rechtsdenkens], Band 1, Taipeh 1964, S. 47). Die den Gedanken einer maximalen Menge zum Ausdruck bringende Zahl 100 sollte die blühende Vielfalt der Schulen umschreiben. Und so ist es zu begrüssen, wenn es in unserer Zeit und in unserer Weltgegend „hundert Schulen“ gibt, die die vielerlei Aspekte des Reichs der Mitte auf unterschiedliche Art und Weise beleuchten. Möge dem wissenschaftlichen Werk von Josef Mondl beschieden sein, sich zu einer der zeitgenössischen über China orientierenden „hundert Schulen“ zu entwickeln.
Willerzell 20. 08. 2023
Prof. Dr. Dr. Harro von Senger,
Vorwort:
Prof. Dr. Kuno Schedler
Wie stark hat es Sie überrascht, dass sich das Freihandelsabkommen der Schweiz mit China nicht ganz so harmonisch entwickelte, wie die Schweizer Politik sich das vorgestellt hatte? Was denken Sie, weshalb Schweizer KMU das grosse Versprechen des chinesischen Marktes, mit seiner schier unbeschränkten Kaufkraft für die Schweizerische, einzigartige Technologie, nicht in langfristige Gewinne ummünzen können? Oder noch obskurer: Wie kommt es, dass ein hochrangiger Schweizer Diplomat in China auf einer Landkarte Taiwan und Hainan nicht auseinanderhalten kann?
Ich bin kein Experte für China, aber nach 10 Jahren Projektarbeit in China nehme ich solche Erlebnisse, die ich selbst erfahren durfte, nur noch mit einem gewissen Fatalismus zur Kenntnis. Unsere Unkenntnis und Naivität im Umgang mit China sind bisweilen erschütternd – noch irritierender ist hingegen die Selbstverständlichkeit, mit der die Chinesen erwarten, dass wir weder in der Lage noch willens sind, sie zu verstehen. Plakativ formuliert: Wer nicht mit Stäbchen essen kann, verliert deswegen sein Gesicht nicht, denn solche Fähigkeiten werden von Westlern schon gar nicht erwartet. Wer hingegen die chinesische Verhandlungstaktik wirklich versteht, wer sich ernsthaft für die Kultur und Gesellschaft Chinas interessiert, der verdient und bekommt Respekt.
Seine mehrtausendjährige Geschichte verleiht dem Chinesischen Reich eine tiefsitzende Stärke und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, mit einer kleinen Delle von zwei- bis dreihundert Jahren, in denen westliche Mächte das Land dominierten. Die Wurzeln der chinesischen Kultur liegen in einer Zeit, in der wir den europäischen Kontinent kaum historisch zur Kenntnis nehmen. Schon damals gab es ein Machtzentrum beim Kaiser, mit Vasallenstaaten um sich herum, und Barbaren, die nicht zu China gehörten. Heute ist China ein wirtschaftlicher und geopolitischer Gigant, dem wir Respekt zollen müssen. Deswegen müssen wir uns nicht als Barbaren fühlen, und wir tun gut daran, uns nicht wie Vasallen zu gebärden. Aber wir müssen China kennen und verstehen, wenn wir nicht die ewig Zweiten sein möchten.
In den zehn Jahren meiner Projekttätigkeit in China (2004–2014) war Josef Mondl mein Lehrer, der mir mit einer bewundernswerten Geduld das Land und die Kultur Chinas eröffnete. Er hat mir gezeigt, dass man China lieben kann, ohne sich ihm zu unterwerfen. Sein Sinn für die Geschichte und sein pragmatischer Zugang zur Gegenwart Chinas hat mir viele Fehltritte erspart – auch wenn mir dennoch etliche unterlaufen sind. Das heute vorliegende Buch damals zu lesen, hätte mir geholfen. Es ist mit seinen Zitaten und Originalquellen nicht ganz einfach zu lesen und es macht deutlich, dass auch die chinesische Geschichtsschreibung – wie unsere eigene in der Schweiz – voller faktischer Unklarheiten ist, die aus der Perspektive der Historikerin zu interpretieren sind. Dennoch schafft es so viel Klares, wenn wir es richtig in den Kontext setzen. Vor allem aber zeigt es, wie das kollektive Bewusstsein der chinesischen Zivilisation geprägt wurde. Letztlich sind es weniger die Fakten als die Geschichten aus der Vergangenheit, die eine Kultur ausmachen. Und davon gibt es in China viele, die wir Europäer kennen müssen, um China verstehen zu können.
St. Gallen, im September 2023
Prof. Dr. Kuno Schedler, Universität St. Gallen
EINLEITUNG
Begriffserklärung: Bīng 兵 [Soldat, Truppen, Armee, Waffe, militärische Angelegenheiten, Krieg; Taktik, Strategie]
Das Zeichen Bīng 兵 [Soldat, Truppen, Armee, Waffe, militärische Angelegenheiten, Krieg; Taktik, Strategie] findet sich erstmals auf den Orakelknochen der hāng-Dynastie 商朝 (1600–1046 v. Chr.). Die Shāng-Zeit ist für das Verständnis der kulturellen Identität Chinas von zentraler Bedeutung, da sie eine entscheidende Periode in der Geschichte des Landes darstellt, in der die grundlegenden Elemente der chinesischen Kultur, einschließlich Schrift, Religion, Kunst und Staatsführung, Gestalt annahmen. Das Erbe der Shāng-Dynastie wirkt im modernen China weiter und dient als Quelle des kulturellen Stolzes und als Symbol der historischen Kontinuität.
Die alte Form des Zeichens Bīng 兵 sieht aus wie zwei Hände, die einen Gegenstand bzw. ein ‘Gerät’ (Xiè 械) halten. Das Zeichen Bīng 兵 der Orakelknocheninschrift besteht in seiner Form aus einem oberen Znd einem unteren Teil: den oberen Teil bildet das Radikal bzw. Klassifikationszeichen Jīn 斤, bestehend aus 4 Strichen, welches wie bereits in der Antike ‘Axt’ bzw. eine sehr scharfe Waffe bedeutet; den unteren Teil bildet das Radikal Nr. 55, Gǒng 廾, mit der Bedeutung ‘vereinende Hände, zusammen, gemeinsam’, stellt also die beiden Hände eines Menschen dar. In Kombination ergeben diese beiden Radikale das Zeichen Bīng 兵 mit der Bedeutung, dass eine scharfe Waffe mit beiden Händen gehalten wird. Die Urform des Zeichens Bīng 兵 kann also verstanden werden wie zwei Hände, die eine Axt zum Holzhacken schwingen; oder ein ‘Kampf-Gerät’ (Wǔqì 武器), wie etwa eine Axt, eine Hellebarde, oder ein Speer, das durch eine Person im Nahkampf oder Kampf auf engstem Raum eingesetzt wurde. Jemand mit einer Waffe in der Hand war an einem Kampf beteiligt, daher wurde die Bedeutung des Zeichens Bīng 兵 auf Kämpfer, Krieger, Soldat, bzw. Truppen oder Armee erweitert. Die meisten Gelehrten scheinen sich heute darin einig, dass die ursprüngliche Bedeutung von Bīng 兵 als ‘Waffe’ zu verstehen ist. So berichtet etwa Xúnzi 荀子 [Meister Xún] im Kapitel Yìbīng 议兵 [Debatte über die Grundsätze der Kriegsführung] darüber, dass ‘an den Klingen der Waffen (Bīng 兵) noch kein Blut zu sehen war’, als die mystischen Kaiser Shùn 舜, Dàyǔ 大禹 und Chéng Tāng 成汤 sowie die beiden Könige Wén von Zhōu 周文王 und Wǔ von Zhōu 周武王 entscheidende Kriege gegen fremde Völker führten.
Das Verständnis des Schriftzeichens Bīng 兵 ist für die Analyse verschiedener Aspekte der historischen Entwicklung Chinas, der kulturellen Identität, der Diplomatie, der Überzeugungskunst, der Kriegsführung und der Verhandlungsstrategien von entscheidender Bedeutung. So spiegelt es die Wichtigkeit von militärischer Macht und Kriegsführung in der historischen Entwicklung Chinas wider: Die Fähigkeit, militärische Kräfte einzusetzen und zu kontrollieren, spielte eine entscheidende Rolle für den Aufstieg und Fall verschiedener Staaten und Dynastien in Chinas Vor-Qín-Periode 先秦; da Bīng 兵 nicht nur für die materiellen Kriegsgeräte, sondern auch für das Konzept eines stehenden Heeres stand, welches ein Kennzeichen der zentralisierten Autorität und Regierung im alten China war, kann das Zeichen auch als Ausdruck der militärischen Fähigkeiten bei der Gestaltung der kulturellen Identität Chinas verstanden werden: es unterstreicht die Vorstellung, dass ein starkes Militär für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Durchsetzung von Autorität unerlässlich war; in der Vor-Qín-Zeit umfasste die Diplomatie effektive Kriegs- und Verhandlungsstrategien, sowie die implizite oder explizite Androhung von militärischer Gewalt: Staaten und Herrscher mussten sowohl militärische Gewalt als auch diplomatisches Geschick einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Bīng 兵 steht somit als Symbol für Stärke und Abschreckung in diplomatischen Beziehungen, und ein Verständnis des Konzepts leistet deshalb bei der Analyse der subtilen Machtdynamik, die bei diplomatischen Interaktionen bis heute im Spiel ist, wertvolle Unterstützung.
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Prof. Dr. Dr. Harro von Senger
Von der wissenschaftlichen Arbeit von Josef Mondl habe ich auf einer Zürcher China-Tagung am 25.10.2018, auf der er einen Vortrag über das Thema «Gesellschaftspolitik als Herausforderung: Historischer Hintergrund und spezifische Charakteristika von ‚öffentlichem Raum‘ im Kontext Chinas“ hielt, erstmals Kenntnis erhalten. In Einsiedeln haben wir uns dann am 18. 01. 2019 im Café Schefer zu einem vertiefenden Fachgespräch getroffen. So ist mir Josef Mondl als ein Wissenschaftler bekannt, der in mancherlei Hinsicht China in einer anderen Weise als ich betrachtet. Nun hat mir Herr Mondl das Inhaltsverzeichnis seines Werks ‘Bīng 兵 – Band I: Ursprünge, Grundlagen und Entstehung der chinesischen Identität in der Vor-Qín-Zeit’ vorgelegt und um ein Vorwort gebeten. Seiner Bitte leiste ich hiermit Folge, denn als Anhänger und Fortentwickler von Fritz Zwickys (1898-1974), des Glarner Astrophysikers, «Morphologie» – näher erläutert im Buch von Peter Wiesendanger und anderen «Die anderen 68er», Münster Verlag, Basel 2018, S. 237 ff. – begrüsse ich eine möglichst breit gespannte Fülle an Gesichtspunkten, unter denen China, dieses unendlich viele Facetten aufweisende Land, wahrgenommen und dargestellt wird.
In der Frühlings-und Herbstzeit (770–476 v.Chr.) und im Zeitalter der Streitenden Reiche (475–222 v.Chr.) – dieses Zeitalter steht im Mittelpunkt des vorliegenden Werks von Josef Mondl – gab es eine Vielzahl von Lehrrichtungen. Diesem Umstand entsprechend wurde seit der Qin- und Han-Zeit (221 v.Chr.–220 n.Chr.) der Ausdruck „hundert Schulen“ verwendet (Yang Honglie: Zhongguo Falü Sixiang Shi [Geschichte des chinesischen Rechtsdenkens], Band 1, Taipeh 1964, S. 47). Die den Gedanken einer maximalen Menge zum Ausdruck bringende Zahl 100 sollte die blühende Vielfalt der Schulen umschreiben. Und so ist es zu begrüssen, wenn es in unserer Zeit und in unserer Weltgegend „hundert Schulen“ gibt, die die vielerlei Aspekte des Reichs der Mitte auf unterschiedliche Art und Weise beleuchten. Möge dem wissenschaftlichen Werk von Josef Mondl beschieden sein, sich zu einer der zeitgenössischen über China orientierenden „hundert Schulen“ zu entwickeln.
Willerzell 20. 08. 2023
Prof. Dr. Dr. Harro von Senger,
Vorwort:
Prof. Dr. Kuno Schedler
Wie stark hat es Sie überrascht, dass sich das Freihandelsabkommen der Schweiz mit China nicht ganz so harmonisch entwickelte, wie die Schweizer Politik sich das vorgestellt hatte? Was denken Sie, weshalb Schweizer KMU das grosse Versprechen des chinesischen Marktes, mit seiner schier unbeschränkten Kaufkraft für die Schweizerische, einzigartige Technologie, nicht in langfristige Gewinne ummünzen können? Oder noch obskurer: Wie kommt es, dass ein hochrangiger Schweizer Diplomat in China auf einer Landkarte Taiwan und Hainan nicht auseinanderhalten kann?
Ich bin kein Experte für China, aber nach 10 Jahren Projektarbeit in China nehme ich solche Erlebnisse, die ich selbst erfahren durfte, nur noch mit einem gewissen Fatalismus zur Kenntnis. Unsere Unkenntnis und Naivität im Umgang mit China sind bisweilen erschütternd – noch irritierender ist hingegen die Selbstverständlichkeit, mit der die Chinesen erwarten, dass wir weder in der Lage noch willens sind, sie zu verstehen. Plakativ formuliert: Wer nicht mit Stäbchen essen kann, verliert deswegen sein Gesicht nicht, denn solche Fähigkeiten werden von Westlern schon gar nicht erwartet. Wer hingegen die chinesische Verhandlungstaktik wirklich versteht, wer sich ernsthaft für die Kultur und Gesellschaft Chinas interessiert, der verdient und bekommt Respekt.
Seine mehrtausendjährige Geschichte verleiht dem Chinesischen Reich eine tiefsitzende Stärke und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, mit einer kleinen Delle von zwei- bis dreihundert Jahren, in denen westliche Mächte das Land dominierten. Die Wurzeln der chinesischen Kultur liegen in einer Zeit, in der wir den europäischen Kontinent kaum historisch zur Kenntnis nehmen. Schon damals gab es ein Machtzentrum beim Kaiser, mit Vasallenstaaten um sich herum, und Barbaren, die nicht zu China gehörten. Heute ist China ein wirtschaftlicher und geopolitischer Gigant, dem wir Respekt zollen müssen. Deswegen müssen wir uns nicht als Barbaren fühlen, und wir tun gut daran, uns nicht wie Vasallen zu gebärden. Aber wir müssen China kennen und verstehen, wenn wir nicht die ewig Zweiten sein möchten.
In den zehn Jahren meiner Projekttätigkeit in China (2004–2014) war Josef Mondl mein Lehrer, der mir mit einer bewundernswerten Geduld das Land und die Kultur Chinas eröffnete. Er hat mir gezeigt, dass man China lieben kann, ohne sich ihm zu unterwerfen. Sein Sinn für die Geschichte und sein pragmatischer Zugang zur Gegenwart Chinas hat mir viele Fehltritte erspart – auch wenn mir dennoch etliche unterlaufen sind. Das heute vorliegende Buch damals zu lesen, hätte mir geholfen. Es ist mit seinen Zitaten und Originalquellen nicht ganz einfach zu lesen und es macht deutlich, dass auch die chinesische Geschichtsschreibung – wie unsere eigene in der Schweiz – voller faktischer Unklarheiten ist, die aus der Perspektive der Historikerin zu interpretieren sind. Dennoch schafft es so viel Klares, wenn wir es richtig in den Kontext setzen. Vor allem aber zeigt es, wie das kollektive Bewusstsein der chinesischen Zivilisation geprägt wurde. Letztlich sind es weniger die Fakten als die Geschichten aus der Vergangenheit, die eine Kultur ausmachen. Und davon gibt es in China viele, die wir Europäer kennen müssen, um China verstehen zu können.
St. Gallen, im September 2023
Prof. Dr. Kuno Schedler, Universität St. Gallen
EINLEITUNG
Begriffserklärung: Bīng 兵 [Soldat, Truppen, Armee, Waffe, militärische Angelegenheiten, Krieg; Taktik, Strategie]
Das Zeichen Bīng 兵 [Soldat, Truppen, Armee, Waffe, militärische Angelegenheiten, Krieg; Taktik, Strategie] findet sich erstmals auf den Orakelknochen der hāng-Dynastie 商朝 (1600–1046 v. Chr.). Die Shāng-Zeit ist für das Verständnis der kulturellen Identität Chinas von zentraler Bedeutung, da sie eine entscheidende Periode in der Geschichte des Landes darstellt, in der die grundlegenden Elemente der chinesischen Kultur, einschließlich Schrift, Religion, Kunst und Staatsführung, Gestalt annahmen. Das Erbe der Shāng-Dynastie wirkt im modernen China weiter und dient als Quelle des kulturellen Stolzes und als Symbol der historischen Kontinuität.
Die alte Form des Zeichens Bīng 兵 sieht aus wie zwei Hände, die einen Gegenstand bzw. ein ‘Gerät’ (Xiè 械) halten. Das Zeichen Bīng 兵 der Orakelknocheninschrift besteht in seiner Form aus einem oberen Znd einem unteren Teil: den oberen Teil bildet das Radikal bzw. Klassifikationszeichen Jīn 斤, bestehend aus 4 Strichen, welches wie bereits in der Antike ‘Axt’ bzw. eine sehr scharfe Waffe bedeutet; den unteren Teil bildet das Radikal Nr. 55, Gǒng 廾, mit der Bedeutung ‘vereinende Hände, zusammen, gemeinsam’, stellt also die beiden Hände eines Menschen dar. In Kombination ergeben diese beiden Radikale das Zeichen Bīng 兵 mit der Bedeutung, dass eine scharfe Waffe mit beiden Händen gehalten wird. Die Urform des Zeichens Bīng 兵 kann also verstanden werden wie zwei Hände, die eine Axt zum Holzhacken schwingen; oder ein ‘Kampf-Gerät’ (Wǔqì 武器), wie etwa eine Axt, eine Hellebarde, oder ein Speer, das durch eine Person im Nahkampf oder Kampf auf engstem Raum eingesetzt wurde. Jemand mit einer Waffe in der Hand war an einem Kampf beteiligt, daher wurde die Bedeutung des Zeichens Bīng 兵 auf Kämpfer, Krieger, Soldat, bzw. Truppen oder Armee erweitert. Die meisten Gelehrten scheinen sich heute darin einig, dass die ursprüngliche Bedeutung von Bīng 兵 als ‘Waffe’ zu verstehen ist. So berichtet etwa Xúnzi 荀子 [Meister Xún] im Kapitel Yìbīng 议兵 [Debatte über die Grundsätze der Kriegsführung] darüber, dass ‘an den Klingen der Waffen (Bīng 兵) noch kein Blut zu sehen war’, als die mystischen Kaiser Shùn 舜, Dàyǔ 大禹 und Chéng Tāng 成汤 sowie die beiden Könige Wén von Zhōu 周文王 und Wǔ von Zhōu 周武王 entscheidende Kriege gegen fremde Völker führten.
Das Verständnis des Schriftzeichens Bīng 兵 ist für die Analyse verschiedener Aspekte der historischen Entwicklung Chinas, der kulturellen Identität, der Diplomatie, der Überzeugungskunst, der Kriegsführung und der Verhandlungsstrategien von entscheidender Bedeutung. So spiegelt es die Wichtigkeit von militärischer Macht und Kriegsführung in der historischen Entwicklung Chinas wider: Die Fähigkeit, militärische Kräfte einzusetzen und zu kontrollieren, spielte eine entscheidende Rolle für den Aufstieg und Fall verschiedener Staaten und Dynastien in Chinas Vor-Qín-Periode 先秦; da Bīng 兵 nicht nur für die materiellen Kriegsgeräte, sondern auch für das Konzept eines stehenden Heeres stand, welches ein Kennzeichen der zentralisierten Autorität und Regierung im alten China war, kann das Zeichen auch als Ausdruck der militärischen Fähigkeiten bei der Gestaltung der kulturellen Identität Chinas verstanden werden: es unterstreicht die Vorstellung, dass ein starkes Militär für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Durchsetzung von Autorität unerlässlich war; in der Vor-Qín-Zeit umfasste die Diplomatie effektive Kriegs- und Verhandlungsstrategien, sowie die implizite oder explizite Androhung von militärischer Gewalt: Staaten und Herrscher mussten sowohl militärische Gewalt als auch diplomatisches Geschick einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Bīng 兵 steht somit als Symbol für Stärke und Abschreckung in diplomatischen Beziehungen, und ein Verständnis des Konzepts leistet deshalb bei der Analyse der subtilen Machtdynamik, die bei diplomatischen Interaktionen bis heute im Spiel ist, wertvolle Unterstützung.
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