Tacumbú
Im härtesten Knast der Welt
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 338
ISBN: 978-3-7116-1616-6
Erscheinungsdatum: 20.08.2026
„Tacumbu“ erzählt die wahre Geschichte eines Adligen und seiner Tochter, die in Paraguay unter mysteriösen Umständen gefoltert und ermordet werden. Ihr bester Freund gerät unter Mordverdacht – und kämpft ums Überleben im berüchtigten Gefängnis, in Tacumbú.
Donnerstag, der 21.10.,
Tag Nummer minus 18
Unerbittlich brennt die Sonne vom blauen Himmel herunter, bleierne Schwere lastet über dem Land. Blickt man den staubigen Feldweg entlang, der sich hier stolz ruta ñ nennt, in Richtung Horizont, vermischt sich die flimmernde, aufsteigende Wärme mit dem aufsteigenden Staub und lässt alles noch bleierner, noch schwerer zu ertragen erscheinen. Völlig normal für den Chaco in Paraguay. Mein Beifahrer und ich leiden unter der Hitze, die heute Nachmittag 44 Grad im Schatten erreichen soll. Das Surren des Automotors und die beständigen Schläge der Schlaglöcher, denen man trotz größter Anstrengung nicht auszuweichen vermag, schlagen nicht nur dem Auto auf die Achsen, sondern auch uns auf das Gemüt. Der Staub, der so fein ist, dass er den Filter der Klimaanlage durchdringt, und die Moskitos, die uns beim Öffnen der Tür ins Innere der Fahrerkabine gefolgt sind, tun das Ihre dazu. Die Hoffnung, bei Manolo, unserem Nachbarn, im Schatten vor einem Standventilator sitzen zu können, mit einem kühlen Bier in der Hand, lässt uns diese Widrigkeiten ertragen. Ohne Bier läuft hier im Chaco nichts, Bier ist die stille Währung hier im Norden Paraguays. Daher werden wir im Kiosk, der sich in Höhe Kilometer 65 rechtsseitig der ruta befindet, noch ein wenig von dem kühlen Nass auftanken. So viel, wie mit aller Gewalt in die Kühlbox reingeht, mit einigen Barren von dem Stangeneis oben drauf, das hier überall verkauft wird, wo es auch Bier gibt. Das Stangeneis ist hier genauso unentbehrlich wie Bier, im Norden des Landes, wo es noch viele Familien gibt, die ohne Strom und somit auch ohne Kühlschrank überleben müssen. Unterwegs bremsen wir kurz ab, um dem Traktorfahrer, der die Wege ausbessert, zwei Dosen Bier rüberzureichen. So hat er etwas Flüssigkeit, mit der er während seiner Arbeit den Staub, den er aufwirbelt, auch gebührend runterspülen kann. Das ist der Chaco. Diese kleinen Aufmerksamkeiten sichern dir das Wohlwollen der Arbeiter, wenn zum Beispiel dein eigener Weg in der Estancia mal wieder ausgebessert werden muss. Auch das ist schon Korruption, so beginnt sie, in einem der korruptesten Länder auf Gottes Erdboden. Auch wenn man meint, es sei positive Korruption, weil sie dir hilft und dem Traktorfahrer auch. Dem ist aber nicht so. Korruption ist niemals positiv, sie bremst vieles aus. Die Hitze und der Staub aber sorgen dafür, dass ich nicht weiter darüber nachsinniere. Außerdem ist Mirthas despensa, wie man hier den Kiosk nennt, schon in Sichtweite. Während der LKW noch den letzten Meter ausrollt, öffnet Armando, mein Capataz – Capataz ist hier das spanische Wort für Vorarbeiter – schon die Beifahrertür, um alsbald die Kühlbox mit dem wertvollen kühlen Nass aufzumunitionieren. Mirtha ist mürrisch wie immer. Wie auch nicht, wenn man sich bei über 40 Grad, am Arsch der Welt, bei einer Körpergröße von 1,65 m, mit ca. 160 kg rumquälen muss. Was sonst bleibt einem auch übrig, in the middle of nowhere, außer zu essen und zu trinken. Bedienen muss man sich hier selber, so braucht sie ihren fetten Arsch nicht von dem Hocker runterzubewegen. Nicht mal kassieren will sie scheinbar, tippt dann aber doch widerwillig die wenigen Zahlen in ihren eingestaubten Taschenrechner. Weil man 3 Pack Bier × 12 Dosen × 5.000 Guaranie ja nicht im Kopf rechnen kann. Und glauben will sie mir auch nicht, dass das 180.000 Guaranie sind. Hinzu kommt noch das Stangeneis. Mürrisch kassiert sie, nicht jedoch ohne zu bemängeln, dass ich das Geld nicht passend habe und sie sich zu ihrer Kassenschublade umdrehen muss, um das Wechselgeld rauszusuchen. Lass nur, sag ich, anstatt des Wechselgeldes nehmen wir noch zwei Dosen Bier mit, für den Weg zum Manolo. Ihre krächzende Stimme geht mir auf die Nerven und ich bin froh, als wir den Laden verlassen. Die Kühlbox mit dem Bier habe ich wohlwollend Armando zum Tragen überlassen. Kaum ist sie über die Seitenklappe auf der Ladefläche gelandet, brummt auch schon der Motor, um die drei Kilometer bis zu Manolos Einfahrt in Angriff zu nehmen. Das Zischen beim Öffnen der ersten Bierdose lässt mich kurz zu Armando rüberblicken. Das Geräusch zaubert ein kurzes Lachen auf unsere Gesichter und breit grinsend reicht er mir meine Dose rüber, um das gleiche Geräusch dann noch einmal mit seiner Dose zu reproduzieren. Hier interessiert es niemanden, ob du fährst und dabei eine Dose Bier in der Hand hast. Hier im Chaco gibt es noch den Rest Freiheit, wegen der ich vor mehr als 20 Jahren nach Paraguay gekommen bin. Ein Bier in der Hand, den Revolver auf dem Armaturenbrett, ein Jagdgewehr rechts vom Schaltknüppel. Man weiß ja nie, was als Nächstes passiert. Die Freiheit, die in Europa immer mehr beschnitten wird, hier hat man sie noch. Das ist einer der Gründe, warum wir nach Paraguay gekommen sind. Ich und später, in meinem Fahrwasser, auch Bernard v. Bredow mit seiner Tochter Lorena und viele andere. Armando öffnet gerade das Fenster und versucht, seine leere Bierdose während der Fahrt so aus dem Auto zu werfen, dass sie letztendlich auf der Ladefläche des LKWs landet. Es klappt auch und es bereitet ihm Freude, mit einem breiten Grinsen „professionell“ zu sagen. Wir sind an der Einfahrt zu Manolos Farm angekommen. Neun Tore trennen uns noch von seinem Haus. Gott sei Dank bin ich nicht alleine. Wenn man neunmal den LKW bremsen, aussteigen, das Tor öffnen, den LKW durchfahren, aussteigen, das Tor wieder schließen, einsteigen und weiterfahren muss, hat man am Ziel die Schnauze gestrichen voll. Und dann kommt noch die Rückfahrt. Zu zweit ist es erträglich. Allein ist es zermürbend, denn so ist es fast bei jeder Farm. In unserer sind es Gott sei Dank nur vier Tore. Auf dem Weg zu Manolos Haus sehen wir etliche Ñandus, die Straußenvögel Südamerikas, und Kaimane, die faul in der Sonne am Rand der Wasserflächen liegen. Wenn wir bremsen, um ein Foto zu schießen, stürzen sie sich schnell ins Wasser und nur die Nasenspitze ist dann noch von ihnen zu sehen. Vom letzten Tor aus sieht man schon Manolos Haus und die Mitarbeiterhütten. Wir sind froh, als wir nassgeschwitzt am Haus ankommen und Manolo uns schon mit einer Dose Bier in der Hand erwartet, breit grinsend wie wir auch. Er ist froh über Besuch, denn Besuch ist selten auf einer Farm. Meist bleibt keine Zeit für Besuche, denn Arbeit gibt es im Überfluss, wenn man eine Estancia besitzt. Aber über Arbeit wollen wir jetzt nicht reden und wir wollen auch nicht drüber nachdenken. Heute gibt es mal kein asado, das Wort, das man hier für Grillen benutzt. Manuel ist sein eigentlicher Name, hat heute schon recht früh ein Loch ausgehoben, in dem er dann ein Feuer angezündet hat. In dieses aufgeheizte Loch hat er dann einen in Alufolie gehüllten Kopf von einem Jungbullen – Novillos heißen die hier – versenkt, um ihn dort in drei Stunden zu garen. Das Loch wurde mit einem Blech abgedeckt, welches mit ein wenig der aufgeheizten Erde beschwert wurde, damit es von dem heißen Wind, der gerade weht, nicht weggeweht wird und um zu verhindern, dass die Hitze aus dem Loch seitlich irgendwie entweicht. Manuel meint, der Kopf müsse gar sein, aber es bestehe kein Grund zur Hektik. Ein paar Dosen können wir vorher ruhig noch trinken. Manuel ist geschieden und lebt zusammen mit seinem Bruder Fernando und dessen Lebensgefährtin sowie einigen indianischen Mitarbeitern auf der Farm. Das Personal isst aber nicht mit den Besitzern an einem Tisch und Fernandos Lebensgefährtin – die nennt man hier novia – ist gerade dabei, Mandioka zu kochen und den Salat zuzubereiten. Also beschränken wir uns auf das wirklich Wichtige im Leben. Und wieder landet eine leere Dose scheppernd auf dem stetig wachsenden Haufen. Wir sind uns einig! Es sind die kleinen Dinge im Leben, die das Glück ausmachen. Plötzlich ertönt lautstark ein Gong. Ich weiß nicht, woher Fernando das Ding hat, aber er hat einen recht großen Gong in der Hand und gibt hiermit das Zeichen, dass es Zeit ist, dass das Fleisch auf den Tisch kommt. Gesagt, getan. Mit drei Schüppen angeln wir den Kuhkopf aus dem Loch, ohne dabei die Alufolie zu beschädigen. So kommt er auf den Tisch, die Alufolie wird oben eingeschnitten und dann zu den Seiten heruntergebogen. Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig. Die gewaltigen Zähne grinsen mich an und alle machen sich mit Gabeln und einem langen Messer an dem Kuhkopf zu schaffen. Ich bin kein Fan von Kuhkopfessen und beschränke mich auf die fettfreien Backenmuskeln. Gewürzt wird nur mit Knoblauch, grobem Salz und mit Limonensaft nach Gusto, den sich jeder selbst über sein Fleisch und den Salat träufelt. Gegessen wird, bis wir alle bald platzen und nach einer abschließenden Dose Gerstenbräu fertig für die Mittagspause sind. Ein Schläfchen in Ehren kann niemand verwehren, nach so einer Anstrengung. Auch für Armando und mich findet sich ein Bett und ich falle auch sofort in komaartigen Schlaf, unter dem leise säuselnden Deckenventilator. Wach werde ich, weil es unerträglich heiß wurde in meiner Kammer, trotz offener Tür. Der Strom ist ausgefallen, auch eine Selbstverständlichkeit im Chaco. Die ständigen Stromausfälle. Aber was soll’s. Dinge, die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren. Also konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, bis es fast zu Neige geht und die sinkende Sonne uns daran erinnert, dass es Zeit ist, den Heimweg anzutreten. 13 Tore liegen vor uns. Neun vom Manolo und vier bei uns. Und der Abend ist auch immer der Arbeit vorbehalten. Das Vieh kommt von den Weiden zurück, will trinken und wird nachfolgend in den Korral eingesperrt. Da ist es vor den Pumas und Jaguaren relativ sicher. Morgen Vormittag müssen wir uns auch schon wieder auf den Heimweg machen und so haben wir noch einiges vorzubereiten, bevor wir uns aufs Ohr hauen. Hier schläft man mit den Hühnern und steht auch mit dem ersten Hahnenschrei auf. So auch heute. Ich schlafe heute unter freiem Himmel, weil es in meiner Behausung nicht auszuhalten ist. Einfach zuuuuu warm. Unter dem sternklaren Himmel, mit dem Gequake der Papageien, schließe ich meine Augen.
Freitag, der 22.10.,
Tag Nummer minus 17, eigentlich Tag NULL
Der erste Hahnenschrei ertönt, und mit seinem Geschrei versucht er, mich langsam zu wecken. Ich versuche, ihn zu ignorieren. Irgendwie kommt es mir vor, als sei es heute besonders früh. Vielleicht aber auch nur, weil ich unter freiem Himmel besonders gut geschlafen habe und damit noch nicht aufhören will. Langsam drehe ich meinen Kopf nach rechts, um auf meinem Handy nach der Uhrzeit zu schauen. Als ich meine Augen öffne, trifft mich fast der Schlag. Meine Nase berührt fast eine Schweinenase. Ich weiß nicht, wer von uns sich mehr erschrocken hat, aber das Hausschwein, welches von unserem Nachbarn freilaufend gehalten wird, hat sich ob meines Hochschreckens so erschrocken, dass es im Schweinsgalopp den Weg in Richtung Heimat angetreten hat. Armando und die anderen sind schon auf und lachen sich halb tot. Sie haben alles beobachtet. Offensichtlich hat mein sonores Schnarchen das Nachbarschwein angelockt. Zumindest hat dieses Ereignis dazu geführt, dass ich schlagartig wach wurde.
Der Strom, der gestern ausgefallen ist, ist auch wieder da, und so kann ich zumindest mein Handy aufladen. Internet ist aber immer noch nicht verfügbar. Auch egal, wir sind ja bald wieder zu Hause, in der Zivilisation. Wir gucken zuerst nach den Rindern, die auf die Weide wollen. Morgens und abends ist immer Kontrolle angesagt. Häufig sieht man es auf den ersten Blick, wenn sie eine Verletzung haben oder krank sind. So groß Rinder auch sind, so anfällig sind sie auch und sind dann nicht mehr dazu zu bewegen, sich zu erheben. Sie bleiben dann einfach liegen und sterben nach einigen qualvollen Tagen. Heute ist alles o. k., und gelegentlich muhend verabschieden sich unsere Schützlinge und verschwinden bis heute Abend in den Weiten der Chacoweiden. Heute Abend, vor Eintritt der Dunkelheit, kommen sie wieder zurück. So sind sie das gewohnt, dank unserer Alphakuh. Eusebio und die anderen sind schon mit dem Frühstück und meinem Kaffeewasser beschäftigt, während ich meine Reisetasche packe, um nach einer Katzenwäsche den Heimweg anzutreten. Gesagt, getan. Und dennoch dauert alles immer ein wenig länger als geplant. Ich ärgere mich darüber, denn vor uns liegen 6 Stunden Autofahrt. Es ist zwar nicht sooo weit, aber die Schlaglochpisten hier lassen es einfach nicht zu, dass man einen Schnitt von mehr als 40, maximal 45 Kilometer pro Stunde fährt, ohne dabei das Fahrzeug zu ruinieren. Wir verabschieden uns von den Farmarbeitern, nicht ohne ein paar dankende und ermahnende Worte zu hinterlassen, und machen uns langsam auf den Weg zum Tor Nummer 1. Heute hat es mich erwischt. Armando fährt, und ich mache die Tore auf und zu. Es freut ihn sichtlich. Vor Tor zwei, das an der Grenze zum Nachbarn liegt, sehen wir den Traktorfahrer von gestern, der mit seinem schweren Gerät dabei ist, den Weg des Nachbarn einzuebnen. Winkend verabschiede ich mich, doch mit einer Handbewegung, die das Trinken von Bierdosen andeutet, fragt er, ob wir eine Dose Bier haben. Meine leeren Hände zeigend, signalisiere ich, dass wir nichts mehr haben. Biertrinken fängt hier schon vormittags an. Ich beeile mich, in die Fahrerkabine zu kommen, denn die vom Lkw aufgescheuchten Moskitos sind echt lästig, und ich bin froh, als wir Tor Nummer vier passiert haben und wieder auf der Ruta sind. Wir versuchen, die Moskitos aus dem offenen Fenster zu vertreiben. Die, die sich nicht vertreiben lassen, werden gegen die Windschutzscheibe plattgedrückt.
Knapp zwei Stunden brauchen wir auf der staubigen Ruta Ñ bis zum Asphalt der Transchaco, passieren zwei Kontrollposten, wo unsere Durchfahrt kontrolliert und protokolliert wird. Kontrollen werden nur zur Eindämmung des Viehdiebstahls durchgeführt. Wir werden nicht kontrolliert, man kennt sich, und sie wissen, dass wir nichts Unrechtes tun. Armando fährt noch ein wenig langsamer und unsicherer als ich, aber es stört mich nicht, denn so habe ich ein wenig Zeit, um die Naturschönheiten links und rechts des Weges zu beobachten. Und so vergeht die Zeit auch ohne Radio recht schnell. Hier gibt es keinen vernünftigen Radioempfang und weite Strecken auch keinen Internetempfang. Gelegenheit für ein wenig Ruhe, ansonsten dudelt hier immer irgendwo ein Radio. So suchen Armando und der Lkw sich ihren Weg in Richtung Heimat. Ein kurzer Blick nach links und ein Blick nach rechts, und hupps, sind wir auf dem Asphalt, wo wir nach einem knappen Kilometer an einer Raststätte halten und den Fahrerwechsel vornehmen. Armando hat noch keinen Führerschein für den Lkw. Nur für Autos und sein Motorrad.
Nach einem kurzen Besuch in der recht sauberen Toilette und im Tankstellenshop geht es weiter, Richtung Asunción, Richtung Heimat. Leicht ruckelnd, Tereré trinkend, Musik hörend, wenig redend, geht es durch unendliche Weiden, die mit Palmen durchsetzt sind, unaufhaltsam weiter. Nur einmal wird es laut im Fahrzeug. Armando hat im Straßengraben eine dicke Anakonda entdeckt und schreit: „Brems, brems!“ Dennoch brauche ich bestimmt 200 m, bis der Lkw steht. Langsam setze ich zurück, bis Armando mir signalisiert, dass wir an der Stelle angekommen sind. Tatsächlich. Eine tote Anakonda, die schon erbärmlich stinkt, deren dickste Stelle dicker ist als mein Oberschenkel. Armando macht noch ein paar Fotografien, und dann machen wir uns wieder auf den Weg. Time is money. So nähern wir uns langsam der Hauptstadt, durch die wir durchmüssen, um nach Hause zu kommen. Vor Asunción liegen zwei kleinere Städte: Benjamin Aceval und Villa Hayes. Als wir durch Benjamin Aceval durch sind, erinnere ich mich, dass wir jetzt ja eigentlich wieder Internetempfang haben müssten. Wenn ich nur wüsste, wo mein Handy ist. Armando sucht für mich, da ich mich hier mehr auf den Verkehr konzentrieren muss, und findet es zwischen Kleidung und Ausrüstung, in einem Spalt unter der Rückenlehne. „Kannst du mir das entriegeln?“, frage ich und nenne ihm das Kennwort zum Entsperren des Telefons. Er reicht mir das entsperrte Telefon, und tatsächlich kommen gerade mehrere Nachrichten rein. Gleich die erste Nachricht, vom Holger ist sie, lässt meine Gesichtszüge entgleisen. „Die haben Bernard und Lorena gestern oder heute Morgen umgebracht!“ Ich denke zunächst, dass es doch wohl nur ein Scherz sein kann und will gerade schreiben: „Heeee, mit sowas scherzt man nicht!!!“ Doch da kommen noch mehr Nachrichten rein, mit gleichem Inhalt. Da wird es für mich zur Gewissheit, dass es eben kein blöder Scherz war. Ich bin paralysiert und fahre ohne Worte weiter. Armando bemerkt das und fragt mich, was los ist. Ich wiederhole Holgers Worte und sage nur: „Die haben meinen Freund Bernard und seine Tochter umgebracht!“ Auch er ist schockiert. Wir reden nicht. Vor der Brücke über den Río Paraguay bezahle ich an der Mautstation die Gebühr und wühle mich dann durch den Verkehr, ohne erst nach Hause zu fahren, direkt zu Bernards Haus. Armando sage ich nur, ich bleibe da am Haus, sieh zu, wie du zu dir nach Hause kommst. Ich fahre mit Tunnelblick durch die Ortschaften auf dem Weg nach Hause, die Haare auf meinen Armen stehen immer noch zu Berge.
Scheiße, warum hat man die umgelegt? Und wer? Meiner Meinung nach konnte niemand einen Grund dazu gehabt haben. Ich bin fertig! Emotional und körperlich. Die Hitze und die vielen Stunden im Auto haben ihre Spuren hinterlassen.
Verschwitzt und klebrig, mit Tränen in den Augen, komme ich am Wohnsitz der Bredows in Patiño an. Der sonst üblicherweise leere Weg zu Bernards Haus ist voll. Links und rechts Autos, Menschentrauben vor dem Haus. Presse und Fernsehen lauern überall vor dem Haus. Ich bahne mir den Weg durch die Menschenmenge und werde auch gleich von Blanca Lopez, einer sehr bekannten Reporterin, in Empfang genommen, die mich vor laufenden Kameras befragt. Ich stelle mich namentlich als Freund von Bernard und Lorena vor, der, der eigentlich dafür verantwortlich ist, dass Bernard und Lorena nach Paraguay gekommen sind. Und so war das auch. Bernard hat mich immer mit Fragen bezüglich Paraguay gelöchert, bis er mich denn einmal in Areguá besucht hat. Zusammen mit seinem jüngsten Sohn hat er mehrere Wochen bei mir, in meinem Haus, gewohnt und sich ein erstes Bild von Paraguay gemacht. Die Besuche wurden häufiger, mal wohnte er bei mir, dann mal bei anderen Bekannten in Ypacaraí, und irgendwann sagte er: „Ich komme jetzt ganz nach Paraguay!“ Und heute stehe ich an seinem Haus und weiß nicht, was ich sagen, was ich denken soll. Bernard ist nicht mehr, und seine liebenswerte und hübsche Tochter Lorena auch nicht mehr! Nach dem Interview bahne ich mir, mit Tränen in den Augen, einen Weg durch die Menschenmenge und die Polizisten in den Innenhof des Anwesens. Dort stehen schon Stephen und Manfred, die mich mit Hugo Grance, dem Chef der Mordkommission aus Asunción, und der Staatsanwaltschaft sowie deren Mitarbeitern bekannt machen. Ich kann es immer noch nicht glauben und schüttle ständig meinen Kopf. Hier geht es zu wie in einem Ameisenhaufen. Irgendwann sickern Details durch. Wo liegt Bernard, wie liegt er da und dass Lorena bleich, in einer Badewanne voll Wasser, das rot vom Blut ist, liegt. Angeblich soll man Bernard gefoltert haben. Man soll ihm Beine und Genitalien mit einem heißen Gegenstand verbrannt haben, um ihn dann anschließend mit Stromstößen zu foltern. Aber warum? Immer wieder die Frage: „Warum?“ Warum Lorena? Bernard liebte sie heiß und innig, er hätte alles gegeben und alles gesagt, um zumindest sie zu retten! Manche behaupten, es ginge wohl um den Raub von Geigen, aber es wurden offensichtlich keine Geigen geraubt. Und was wollte man aus Bernard herauspressen, warum wurde er gefoltert? Fragen über Fragen! Und plötzlich steht Hugo Grance, der Leiter der Mordkommission, wieder vor mir. Sagt mir, dass Bernard und Lorena immer noch oben liegen würden, so wie man sie gefunden hat, und fragt mich, ob ich mir den Tatort ansehen möchte. Nein, ganz gewiss nicht will ich das sehen. Ich will mir ein Bild von Bernard und Lorena bewahren, so wie ich sie kannte, nicht so, wie sie jetzt da liegen, mit einem Loch im Bauch und Bernard mit einem Genickschuss. Für mich riecht das mit dem Mädchen in der Badewanne nach einem Ritualmord, zumindest nach einer Nachricht. Aber was will man uns damit sagen?
Gerade trifft der Wagen von dem Beerdigungsinstitut hier ein. Man spricht mich an, da ich schon als Freund der Familie und Bindeglied zwischen Familie und Polizei bzw. Staatsanwaltschaft bekannt bin, um sich meine Telefonnummer für jedwede Kommunikation und Fragen aufzuschreiben. Bernards Schwester, die namentlich nicht genannt werden möchte, weil sie Angst hat, dass sie dasselbe Schicksal ereilen könnte, habe ich schon informiert und versprochen, dass ich mich um alles kümmern würde, so lange, bis einer von der Familie hier sei. Die beiden Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts gehen lachend die Treppe zu Bernards und Lorenas Wohnbereich hoch. Mich befremdet ihr Lachen, aber für die beiden ist das ja ein alltägliches Geschäft.
Stephen und ich stehen unten und schauen immer zu Bernards Wohnbereich hoch. Die Frage „Warum“ zermartert uns das Gehirn. Immer wieder: Warum? Nicht nur wir fragen uns das, auch die Polizei und Staatsanwaltschaft stellt uns immer wieder die Frage. Zur Abwechslung kommt Hugo Grance wieder. Dieses Mal mit einer anderen Frage. Wo, heißt die Frage dieses Mal. Wo ist der Schlüssel zu dem Tresor? Ich wusste, dass Bernard den Schlüssel fast immer um seinen Hals hatte, wenn er nicht zu Hause war, oder aber in seiner Geldbörse, wenn Lorena ihn nicht irgendwo zwischen ihren Sachen versteckt hatte. „Wenn er da nicht ist, dann weiß ich auch nicht“, war meine Antwort. Der Kommissar ging wieder seines Weges. Oben, am Eingang zu Bernards Wohnbereich, wird einer der beiden Typen vom Beerdigungsinstitut sichtbar, wie er sich mit dem Rücken zuerst durch die Tür bewegt, langsam tastend, rückwärts den Weg die Treppe hinab suchend. Ihm folgt der andere Mitarbeiter, der, der sich meine Daten notiert hatte. Zwischen ihnen spannt sich der schwarze Leichensack. Mir wird ganz anders. Das muss Lorena sein, so leicht wie sie damit die Treppe runtergehen. Mit Bernard dürften die beiden es nicht so leicht haben. Kaum haben sie den Leichensack im Ambulanzwagen verstaut, machen sie sich auch schon auf den Weg, um Bernard auf die gleiche Art und Weise runterzubefördern. Wie ich schon sagte und sich mir jetzt offenbart: Der erste Leichensack war der mit Lorena. Jetzt müssen sie schon beherzter zupacken. Dennoch schlägt der Teil, der für mich das Kopfende ist, bei jedem Schritt, den sie die Treppe hinab machen, auf der entsprechenden Treppenstufe auf. So schillernd war sein Leben, und jetzt tragen sie ihn in einem tristen, schwarzen Leichensack davon. Gott sei Dank merkt er davon nichts mehr. Meine Gedanken fahren mit mir Achterbahn, ich weiß zwischen Fragen und Eindrücken nicht, was ich denken und sagen soll. Jetzt reißt mich der Leiter der Mordkommission wieder aus meinen Gedanken. „Die beiden sind weg, kommen Sie doch bitte mal mit hoch, um zu sehen, ob Ihnen was auffällt!“, sind seine Worte. Ich gehe mit und mit jedem Schritt, mit jeder Stufe der steilen Treppe, wird mir schummeriger zumute. Oben angekommen, schlägt mir ein Gestank entgegen, eine Mischung aus Blutgeruch und Katzenpisse, sagte ich hinterher. Bei der Hitze unerträglich. Genauso unerträglich wie das Bild, das sich mir präsentiert. Ein gutes Dutzend Polizisten laufen dort rum, ziehen die Sachen aus den Schränken, die noch nicht draußen sind, links das blutverschmierte Sofa, vor dem Bernard auf dem Boden gelegen hat, rechts die Blutspur, die Lorena hinterlassen hat, insgesamt mehr der Eindruck wie nach einem Bombenattentat, nicht wie nach einem Raubmord. Alles flog rum, zwischen Geigen, Celli, Elektrogitarren, Saxophonen, Bögen aller Art, Büchern etc. pp. Einfach schrecklich der Anblick. Und der Gestank. Und mittendrin die Polizisten, die im Rudel wohl damit beschäftigt sind, Spuren zu vernichten, denn mit geordneter Polizeiarbeit hatte all das nichts zu tun. Hier wurden keine Spuren gesichert, keine Fingerabdrücke gesichert. Dass man keine DNA-Proben genommen hat von Bernards und Lorenas Fingernägeln, ist allen erst viel später aufgefallen.
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Tag Nummer minus 18
Unerbittlich brennt die Sonne vom blauen Himmel herunter, bleierne Schwere lastet über dem Land. Blickt man den staubigen Feldweg entlang, der sich hier stolz ruta ñ nennt, in Richtung Horizont, vermischt sich die flimmernde, aufsteigende Wärme mit dem aufsteigenden Staub und lässt alles noch bleierner, noch schwerer zu ertragen erscheinen. Völlig normal für den Chaco in Paraguay. Mein Beifahrer und ich leiden unter der Hitze, die heute Nachmittag 44 Grad im Schatten erreichen soll. Das Surren des Automotors und die beständigen Schläge der Schlaglöcher, denen man trotz größter Anstrengung nicht auszuweichen vermag, schlagen nicht nur dem Auto auf die Achsen, sondern auch uns auf das Gemüt. Der Staub, der so fein ist, dass er den Filter der Klimaanlage durchdringt, und die Moskitos, die uns beim Öffnen der Tür ins Innere der Fahrerkabine gefolgt sind, tun das Ihre dazu. Die Hoffnung, bei Manolo, unserem Nachbarn, im Schatten vor einem Standventilator sitzen zu können, mit einem kühlen Bier in der Hand, lässt uns diese Widrigkeiten ertragen. Ohne Bier läuft hier im Chaco nichts, Bier ist die stille Währung hier im Norden Paraguays. Daher werden wir im Kiosk, der sich in Höhe Kilometer 65 rechtsseitig der ruta befindet, noch ein wenig von dem kühlen Nass auftanken. So viel, wie mit aller Gewalt in die Kühlbox reingeht, mit einigen Barren von dem Stangeneis oben drauf, das hier überall verkauft wird, wo es auch Bier gibt. Das Stangeneis ist hier genauso unentbehrlich wie Bier, im Norden des Landes, wo es noch viele Familien gibt, die ohne Strom und somit auch ohne Kühlschrank überleben müssen. Unterwegs bremsen wir kurz ab, um dem Traktorfahrer, der die Wege ausbessert, zwei Dosen Bier rüberzureichen. So hat er etwas Flüssigkeit, mit der er während seiner Arbeit den Staub, den er aufwirbelt, auch gebührend runterspülen kann. Das ist der Chaco. Diese kleinen Aufmerksamkeiten sichern dir das Wohlwollen der Arbeiter, wenn zum Beispiel dein eigener Weg in der Estancia mal wieder ausgebessert werden muss. Auch das ist schon Korruption, so beginnt sie, in einem der korruptesten Länder auf Gottes Erdboden. Auch wenn man meint, es sei positive Korruption, weil sie dir hilft und dem Traktorfahrer auch. Dem ist aber nicht so. Korruption ist niemals positiv, sie bremst vieles aus. Die Hitze und der Staub aber sorgen dafür, dass ich nicht weiter darüber nachsinniere. Außerdem ist Mirthas despensa, wie man hier den Kiosk nennt, schon in Sichtweite. Während der LKW noch den letzten Meter ausrollt, öffnet Armando, mein Capataz – Capataz ist hier das spanische Wort für Vorarbeiter – schon die Beifahrertür, um alsbald die Kühlbox mit dem wertvollen kühlen Nass aufzumunitionieren. Mirtha ist mürrisch wie immer. Wie auch nicht, wenn man sich bei über 40 Grad, am Arsch der Welt, bei einer Körpergröße von 1,65 m, mit ca. 160 kg rumquälen muss. Was sonst bleibt einem auch übrig, in the middle of nowhere, außer zu essen und zu trinken. Bedienen muss man sich hier selber, so braucht sie ihren fetten Arsch nicht von dem Hocker runterzubewegen. Nicht mal kassieren will sie scheinbar, tippt dann aber doch widerwillig die wenigen Zahlen in ihren eingestaubten Taschenrechner. Weil man 3 Pack Bier × 12 Dosen × 5.000 Guaranie ja nicht im Kopf rechnen kann. Und glauben will sie mir auch nicht, dass das 180.000 Guaranie sind. Hinzu kommt noch das Stangeneis. Mürrisch kassiert sie, nicht jedoch ohne zu bemängeln, dass ich das Geld nicht passend habe und sie sich zu ihrer Kassenschublade umdrehen muss, um das Wechselgeld rauszusuchen. Lass nur, sag ich, anstatt des Wechselgeldes nehmen wir noch zwei Dosen Bier mit, für den Weg zum Manolo. Ihre krächzende Stimme geht mir auf die Nerven und ich bin froh, als wir den Laden verlassen. Die Kühlbox mit dem Bier habe ich wohlwollend Armando zum Tragen überlassen. Kaum ist sie über die Seitenklappe auf der Ladefläche gelandet, brummt auch schon der Motor, um die drei Kilometer bis zu Manolos Einfahrt in Angriff zu nehmen. Das Zischen beim Öffnen der ersten Bierdose lässt mich kurz zu Armando rüberblicken. Das Geräusch zaubert ein kurzes Lachen auf unsere Gesichter und breit grinsend reicht er mir meine Dose rüber, um das gleiche Geräusch dann noch einmal mit seiner Dose zu reproduzieren. Hier interessiert es niemanden, ob du fährst und dabei eine Dose Bier in der Hand hast. Hier im Chaco gibt es noch den Rest Freiheit, wegen der ich vor mehr als 20 Jahren nach Paraguay gekommen bin. Ein Bier in der Hand, den Revolver auf dem Armaturenbrett, ein Jagdgewehr rechts vom Schaltknüppel. Man weiß ja nie, was als Nächstes passiert. Die Freiheit, die in Europa immer mehr beschnitten wird, hier hat man sie noch. Das ist einer der Gründe, warum wir nach Paraguay gekommen sind. Ich und später, in meinem Fahrwasser, auch Bernard v. Bredow mit seiner Tochter Lorena und viele andere. Armando öffnet gerade das Fenster und versucht, seine leere Bierdose während der Fahrt so aus dem Auto zu werfen, dass sie letztendlich auf der Ladefläche des LKWs landet. Es klappt auch und es bereitet ihm Freude, mit einem breiten Grinsen „professionell“ zu sagen. Wir sind an der Einfahrt zu Manolos Farm angekommen. Neun Tore trennen uns noch von seinem Haus. Gott sei Dank bin ich nicht alleine. Wenn man neunmal den LKW bremsen, aussteigen, das Tor öffnen, den LKW durchfahren, aussteigen, das Tor wieder schließen, einsteigen und weiterfahren muss, hat man am Ziel die Schnauze gestrichen voll. Und dann kommt noch die Rückfahrt. Zu zweit ist es erträglich. Allein ist es zermürbend, denn so ist es fast bei jeder Farm. In unserer sind es Gott sei Dank nur vier Tore. Auf dem Weg zu Manolos Haus sehen wir etliche Ñandus, die Straußenvögel Südamerikas, und Kaimane, die faul in der Sonne am Rand der Wasserflächen liegen. Wenn wir bremsen, um ein Foto zu schießen, stürzen sie sich schnell ins Wasser und nur die Nasenspitze ist dann noch von ihnen zu sehen. Vom letzten Tor aus sieht man schon Manolos Haus und die Mitarbeiterhütten. Wir sind froh, als wir nassgeschwitzt am Haus ankommen und Manolo uns schon mit einer Dose Bier in der Hand erwartet, breit grinsend wie wir auch. Er ist froh über Besuch, denn Besuch ist selten auf einer Farm. Meist bleibt keine Zeit für Besuche, denn Arbeit gibt es im Überfluss, wenn man eine Estancia besitzt. Aber über Arbeit wollen wir jetzt nicht reden und wir wollen auch nicht drüber nachdenken. Heute gibt es mal kein asado, das Wort, das man hier für Grillen benutzt. Manuel ist sein eigentlicher Name, hat heute schon recht früh ein Loch ausgehoben, in dem er dann ein Feuer angezündet hat. In dieses aufgeheizte Loch hat er dann einen in Alufolie gehüllten Kopf von einem Jungbullen – Novillos heißen die hier – versenkt, um ihn dort in drei Stunden zu garen. Das Loch wurde mit einem Blech abgedeckt, welches mit ein wenig der aufgeheizten Erde beschwert wurde, damit es von dem heißen Wind, der gerade weht, nicht weggeweht wird und um zu verhindern, dass die Hitze aus dem Loch seitlich irgendwie entweicht. Manuel meint, der Kopf müsse gar sein, aber es bestehe kein Grund zur Hektik. Ein paar Dosen können wir vorher ruhig noch trinken. Manuel ist geschieden und lebt zusammen mit seinem Bruder Fernando und dessen Lebensgefährtin sowie einigen indianischen Mitarbeitern auf der Farm. Das Personal isst aber nicht mit den Besitzern an einem Tisch und Fernandos Lebensgefährtin – die nennt man hier novia – ist gerade dabei, Mandioka zu kochen und den Salat zuzubereiten. Also beschränken wir uns auf das wirklich Wichtige im Leben. Und wieder landet eine leere Dose scheppernd auf dem stetig wachsenden Haufen. Wir sind uns einig! Es sind die kleinen Dinge im Leben, die das Glück ausmachen. Plötzlich ertönt lautstark ein Gong. Ich weiß nicht, woher Fernando das Ding hat, aber er hat einen recht großen Gong in der Hand und gibt hiermit das Zeichen, dass es Zeit ist, dass das Fleisch auf den Tisch kommt. Gesagt, getan. Mit drei Schüppen angeln wir den Kuhkopf aus dem Loch, ohne dabei die Alufolie zu beschädigen. So kommt er auf den Tisch, die Alufolie wird oben eingeschnitten und dann zu den Seiten heruntergebogen. Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig. Die gewaltigen Zähne grinsen mich an und alle machen sich mit Gabeln und einem langen Messer an dem Kuhkopf zu schaffen. Ich bin kein Fan von Kuhkopfessen und beschränke mich auf die fettfreien Backenmuskeln. Gewürzt wird nur mit Knoblauch, grobem Salz und mit Limonensaft nach Gusto, den sich jeder selbst über sein Fleisch und den Salat träufelt. Gegessen wird, bis wir alle bald platzen und nach einer abschließenden Dose Gerstenbräu fertig für die Mittagspause sind. Ein Schläfchen in Ehren kann niemand verwehren, nach so einer Anstrengung. Auch für Armando und mich findet sich ein Bett und ich falle auch sofort in komaartigen Schlaf, unter dem leise säuselnden Deckenventilator. Wach werde ich, weil es unerträglich heiß wurde in meiner Kammer, trotz offener Tür. Der Strom ist ausgefallen, auch eine Selbstverständlichkeit im Chaco. Die ständigen Stromausfälle. Aber was soll’s. Dinge, die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren. Also konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, bis es fast zu Neige geht und die sinkende Sonne uns daran erinnert, dass es Zeit ist, den Heimweg anzutreten. 13 Tore liegen vor uns. Neun vom Manolo und vier bei uns. Und der Abend ist auch immer der Arbeit vorbehalten. Das Vieh kommt von den Weiden zurück, will trinken und wird nachfolgend in den Korral eingesperrt. Da ist es vor den Pumas und Jaguaren relativ sicher. Morgen Vormittag müssen wir uns auch schon wieder auf den Heimweg machen und so haben wir noch einiges vorzubereiten, bevor wir uns aufs Ohr hauen. Hier schläft man mit den Hühnern und steht auch mit dem ersten Hahnenschrei auf. So auch heute. Ich schlafe heute unter freiem Himmel, weil es in meiner Behausung nicht auszuhalten ist. Einfach zuuuuu warm. Unter dem sternklaren Himmel, mit dem Gequake der Papageien, schließe ich meine Augen.
Freitag, der 22.10.,
Tag Nummer minus 17, eigentlich Tag NULL
Der erste Hahnenschrei ertönt, und mit seinem Geschrei versucht er, mich langsam zu wecken. Ich versuche, ihn zu ignorieren. Irgendwie kommt es mir vor, als sei es heute besonders früh. Vielleicht aber auch nur, weil ich unter freiem Himmel besonders gut geschlafen habe und damit noch nicht aufhören will. Langsam drehe ich meinen Kopf nach rechts, um auf meinem Handy nach der Uhrzeit zu schauen. Als ich meine Augen öffne, trifft mich fast der Schlag. Meine Nase berührt fast eine Schweinenase. Ich weiß nicht, wer von uns sich mehr erschrocken hat, aber das Hausschwein, welches von unserem Nachbarn freilaufend gehalten wird, hat sich ob meines Hochschreckens so erschrocken, dass es im Schweinsgalopp den Weg in Richtung Heimat angetreten hat. Armando und die anderen sind schon auf und lachen sich halb tot. Sie haben alles beobachtet. Offensichtlich hat mein sonores Schnarchen das Nachbarschwein angelockt. Zumindest hat dieses Ereignis dazu geführt, dass ich schlagartig wach wurde.
Der Strom, der gestern ausgefallen ist, ist auch wieder da, und so kann ich zumindest mein Handy aufladen. Internet ist aber immer noch nicht verfügbar. Auch egal, wir sind ja bald wieder zu Hause, in der Zivilisation. Wir gucken zuerst nach den Rindern, die auf die Weide wollen. Morgens und abends ist immer Kontrolle angesagt. Häufig sieht man es auf den ersten Blick, wenn sie eine Verletzung haben oder krank sind. So groß Rinder auch sind, so anfällig sind sie auch und sind dann nicht mehr dazu zu bewegen, sich zu erheben. Sie bleiben dann einfach liegen und sterben nach einigen qualvollen Tagen. Heute ist alles o. k., und gelegentlich muhend verabschieden sich unsere Schützlinge und verschwinden bis heute Abend in den Weiten der Chacoweiden. Heute Abend, vor Eintritt der Dunkelheit, kommen sie wieder zurück. So sind sie das gewohnt, dank unserer Alphakuh. Eusebio und die anderen sind schon mit dem Frühstück und meinem Kaffeewasser beschäftigt, während ich meine Reisetasche packe, um nach einer Katzenwäsche den Heimweg anzutreten. Gesagt, getan. Und dennoch dauert alles immer ein wenig länger als geplant. Ich ärgere mich darüber, denn vor uns liegen 6 Stunden Autofahrt. Es ist zwar nicht sooo weit, aber die Schlaglochpisten hier lassen es einfach nicht zu, dass man einen Schnitt von mehr als 40, maximal 45 Kilometer pro Stunde fährt, ohne dabei das Fahrzeug zu ruinieren. Wir verabschieden uns von den Farmarbeitern, nicht ohne ein paar dankende und ermahnende Worte zu hinterlassen, und machen uns langsam auf den Weg zum Tor Nummer 1. Heute hat es mich erwischt. Armando fährt, und ich mache die Tore auf und zu. Es freut ihn sichtlich. Vor Tor zwei, das an der Grenze zum Nachbarn liegt, sehen wir den Traktorfahrer von gestern, der mit seinem schweren Gerät dabei ist, den Weg des Nachbarn einzuebnen. Winkend verabschiede ich mich, doch mit einer Handbewegung, die das Trinken von Bierdosen andeutet, fragt er, ob wir eine Dose Bier haben. Meine leeren Hände zeigend, signalisiere ich, dass wir nichts mehr haben. Biertrinken fängt hier schon vormittags an. Ich beeile mich, in die Fahrerkabine zu kommen, denn die vom Lkw aufgescheuchten Moskitos sind echt lästig, und ich bin froh, als wir Tor Nummer vier passiert haben und wieder auf der Ruta sind. Wir versuchen, die Moskitos aus dem offenen Fenster zu vertreiben. Die, die sich nicht vertreiben lassen, werden gegen die Windschutzscheibe plattgedrückt.
Knapp zwei Stunden brauchen wir auf der staubigen Ruta Ñ bis zum Asphalt der Transchaco, passieren zwei Kontrollposten, wo unsere Durchfahrt kontrolliert und protokolliert wird. Kontrollen werden nur zur Eindämmung des Viehdiebstahls durchgeführt. Wir werden nicht kontrolliert, man kennt sich, und sie wissen, dass wir nichts Unrechtes tun. Armando fährt noch ein wenig langsamer und unsicherer als ich, aber es stört mich nicht, denn so habe ich ein wenig Zeit, um die Naturschönheiten links und rechts des Weges zu beobachten. Und so vergeht die Zeit auch ohne Radio recht schnell. Hier gibt es keinen vernünftigen Radioempfang und weite Strecken auch keinen Internetempfang. Gelegenheit für ein wenig Ruhe, ansonsten dudelt hier immer irgendwo ein Radio. So suchen Armando und der Lkw sich ihren Weg in Richtung Heimat. Ein kurzer Blick nach links und ein Blick nach rechts, und hupps, sind wir auf dem Asphalt, wo wir nach einem knappen Kilometer an einer Raststätte halten und den Fahrerwechsel vornehmen. Armando hat noch keinen Führerschein für den Lkw. Nur für Autos und sein Motorrad.
Nach einem kurzen Besuch in der recht sauberen Toilette und im Tankstellenshop geht es weiter, Richtung Asunción, Richtung Heimat. Leicht ruckelnd, Tereré trinkend, Musik hörend, wenig redend, geht es durch unendliche Weiden, die mit Palmen durchsetzt sind, unaufhaltsam weiter. Nur einmal wird es laut im Fahrzeug. Armando hat im Straßengraben eine dicke Anakonda entdeckt und schreit: „Brems, brems!“ Dennoch brauche ich bestimmt 200 m, bis der Lkw steht. Langsam setze ich zurück, bis Armando mir signalisiert, dass wir an der Stelle angekommen sind. Tatsächlich. Eine tote Anakonda, die schon erbärmlich stinkt, deren dickste Stelle dicker ist als mein Oberschenkel. Armando macht noch ein paar Fotografien, und dann machen wir uns wieder auf den Weg. Time is money. So nähern wir uns langsam der Hauptstadt, durch die wir durchmüssen, um nach Hause zu kommen. Vor Asunción liegen zwei kleinere Städte: Benjamin Aceval und Villa Hayes. Als wir durch Benjamin Aceval durch sind, erinnere ich mich, dass wir jetzt ja eigentlich wieder Internetempfang haben müssten. Wenn ich nur wüsste, wo mein Handy ist. Armando sucht für mich, da ich mich hier mehr auf den Verkehr konzentrieren muss, und findet es zwischen Kleidung und Ausrüstung, in einem Spalt unter der Rückenlehne. „Kannst du mir das entriegeln?“, frage ich und nenne ihm das Kennwort zum Entsperren des Telefons. Er reicht mir das entsperrte Telefon, und tatsächlich kommen gerade mehrere Nachrichten rein. Gleich die erste Nachricht, vom Holger ist sie, lässt meine Gesichtszüge entgleisen. „Die haben Bernard und Lorena gestern oder heute Morgen umgebracht!“ Ich denke zunächst, dass es doch wohl nur ein Scherz sein kann und will gerade schreiben: „Heeee, mit sowas scherzt man nicht!!!“ Doch da kommen noch mehr Nachrichten rein, mit gleichem Inhalt. Da wird es für mich zur Gewissheit, dass es eben kein blöder Scherz war. Ich bin paralysiert und fahre ohne Worte weiter. Armando bemerkt das und fragt mich, was los ist. Ich wiederhole Holgers Worte und sage nur: „Die haben meinen Freund Bernard und seine Tochter umgebracht!“ Auch er ist schockiert. Wir reden nicht. Vor der Brücke über den Río Paraguay bezahle ich an der Mautstation die Gebühr und wühle mich dann durch den Verkehr, ohne erst nach Hause zu fahren, direkt zu Bernards Haus. Armando sage ich nur, ich bleibe da am Haus, sieh zu, wie du zu dir nach Hause kommst. Ich fahre mit Tunnelblick durch die Ortschaften auf dem Weg nach Hause, die Haare auf meinen Armen stehen immer noch zu Berge.
Scheiße, warum hat man die umgelegt? Und wer? Meiner Meinung nach konnte niemand einen Grund dazu gehabt haben. Ich bin fertig! Emotional und körperlich. Die Hitze und die vielen Stunden im Auto haben ihre Spuren hinterlassen.
Verschwitzt und klebrig, mit Tränen in den Augen, komme ich am Wohnsitz der Bredows in Patiño an. Der sonst üblicherweise leere Weg zu Bernards Haus ist voll. Links und rechts Autos, Menschentrauben vor dem Haus. Presse und Fernsehen lauern überall vor dem Haus. Ich bahne mir den Weg durch die Menschenmenge und werde auch gleich von Blanca Lopez, einer sehr bekannten Reporterin, in Empfang genommen, die mich vor laufenden Kameras befragt. Ich stelle mich namentlich als Freund von Bernard und Lorena vor, der, der eigentlich dafür verantwortlich ist, dass Bernard und Lorena nach Paraguay gekommen sind. Und so war das auch. Bernard hat mich immer mit Fragen bezüglich Paraguay gelöchert, bis er mich denn einmal in Areguá besucht hat. Zusammen mit seinem jüngsten Sohn hat er mehrere Wochen bei mir, in meinem Haus, gewohnt und sich ein erstes Bild von Paraguay gemacht. Die Besuche wurden häufiger, mal wohnte er bei mir, dann mal bei anderen Bekannten in Ypacaraí, und irgendwann sagte er: „Ich komme jetzt ganz nach Paraguay!“ Und heute stehe ich an seinem Haus und weiß nicht, was ich sagen, was ich denken soll. Bernard ist nicht mehr, und seine liebenswerte und hübsche Tochter Lorena auch nicht mehr! Nach dem Interview bahne ich mir, mit Tränen in den Augen, einen Weg durch die Menschenmenge und die Polizisten in den Innenhof des Anwesens. Dort stehen schon Stephen und Manfred, die mich mit Hugo Grance, dem Chef der Mordkommission aus Asunción, und der Staatsanwaltschaft sowie deren Mitarbeitern bekannt machen. Ich kann es immer noch nicht glauben und schüttle ständig meinen Kopf. Hier geht es zu wie in einem Ameisenhaufen. Irgendwann sickern Details durch. Wo liegt Bernard, wie liegt er da und dass Lorena bleich, in einer Badewanne voll Wasser, das rot vom Blut ist, liegt. Angeblich soll man Bernard gefoltert haben. Man soll ihm Beine und Genitalien mit einem heißen Gegenstand verbrannt haben, um ihn dann anschließend mit Stromstößen zu foltern. Aber warum? Immer wieder die Frage: „Warum?“ Warum Lorena? Bernard liebte sie heiß und innig, er hätte alles gegeben und alles gesagt, um zumindest sie zu retten! Manche behaupten, es ginge wohl um den Raub von Geigen, aber es wurden offensichtlich keine Geigen geraubt. Und was wollte man aus Bernard herauspressen, warum wurde er gefoltert? Fragen über Fragen! Und plötzlich steht Hugo Grance, der Leiter der Mordkommission, wieder vor mir. Sagt mir, dass Bernard und Lorena immer noch oben liegen würden, so wie man sie gefunden hat, und fragt mich, ob ich mir den Tatort ansehen möchte. Nein, ganz gewiss nicht will ich das sehen. Ich will mir ein Bild von Bernard und Lorena bewahren, so wie ich sie kannte, nicht so, wie sie jetzt da liegen, mit einem Loch im Bauch und Bernard mit einem Genickschuss. Für mich riecht das mit dem Mädchen in der Badewanne nach einem Ritualmord, zumindest nach einer Nachricht. Aber was will man uns damit sagen?
Gerade trifft der Wagen von dem Beerdigungsinstitut hier ein. Man spricht mich an, da ich schon als Freund der Familie und Bindeglied zwischen Familie und Polizei bzw. Staatsanwaltschaft bekannt bin, um sich meine Telefonnummer für jedwede Kommunikation und Fragen aufzuschreiben. Bernards Schwester, die namentlich nicht genannt werden möchte, weil sie Angst hat, dass sie dasselbe Schicksal ereilen könnte, habe ich schon informiert und versprochen, dass ich mich um alles kümmern würde, so lange, bis einer von der Familie hier sei. Die beiden Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts gehen lachend die Treppe zu Bernards und Lorenas Wohnbereich hoch. Mich befremdet ihr Lachen, aber für die beiden ist das ja ein alltägliches Geschäft.
Stephen und ich stehen unten und schauen immer zu Bernards Wohnbereich hoch. Die Frage „Warum“ zermartert uns das Gehirn. Immer wieder: Warum? Nicht nur wir fragen uns das, auch die Polizei und Staatsanwaltschaft stellt uns immer wieder die Frage. Zur Abwechslung kommt Hugo Grance wieder. Dieses Mal mit einer anderen Frage. Wo, heißt die Frage dieses Mal. Wo ist der Schlüssel zu dem Tresor? Ich wusste, dass Bernard den Schlüssel fast immer um seinen Hals hatte, wenn er nicht zu Hause war, oder aber in seiner Geldbörse, wenn Lorena ihn nicht irgendwo zwischen ihren Sachen versteckt hatte. „Wenn er da nicht ist, dann weiß ich auch nicht“, war meine Antwort. Der Kommissar ging wieder seines Weges. Oben, am Eingang zu Bernards Wohnbereich, wird einer der beiden Typen vom Beerdigungsinstitut sichtbar, wie er sich mit dem Rücken zuerst durch die Tür bewegt, langsam tastend, rückwärts den Weg die Treppe hinab suchend. Ihm folgt der andere Mitarbeiter, der, der sich meine Daten notiert hatte. Zwischen ihnen spannt sich der schwarze Leichensack. Mir wird ganz anders. Das muss Lorena sein, so leicht wie sie damit die Treppe runtergehen. Mit Bernard dürften die beiden es nicht so leicht haben. Kaum haben sie den Leichensack im Ambulanzwagen verstaut, machen sie sich auch schon auf den Weg, um Bernard auf die gleiche Art und Weise runterzubefördern. Wie ich schon sagte und sich mir jetzt offenbart: Der erste Leichensack war der mit Lorena. Jetzt müssen sie schon beherzter zupacken. Dennoch schlägt der Teil, der für mich das Kopfende ist, bei jedem Schritt, den sie die Treppe hinab machen, auf der entsprechenden Treppenstufe auf. So schillernd war sein Leben, und jetzt tragen sie ihn in einem tristen, schwarzen Leichensack davon. Gott sei Dank merkt er davon nichts mehr. Meine Gedanken fahren mit mir Achterbahn, ich weiß zwischen Fragen und Eindrücken nicht, was ich denken und sagen soll. Jetzt reißt mich der Leiter der Mordkommission wieder aus meinen Gedanken. „Die beiden sind weg, kommen Sie doch bitte mal mit hoch, um zu sehen, ob Ihnen was auffällt!“, sind seine Worte. Ich gehe mit und mit jedem Schritt, mit jeder Stufe der steilen Treppe, wird mir schummeriger zumute. Oben angekommen, schlägt mir ein Gestank entgegen, eine Mischung aus Blutgeruch und Katzenpisse, sagte ich hinterher. Bei der Hitze unerträglich. Genauso unerträglich wie das Bild, das sich mir präsentiert. Ein gutes Dutzend Polizisten laufen dort rum, ziehen die Sachen aus den Schränken, die noch nicht draußen sind, links das blutverschmierte Sofa, vor dem Bernard auf dem Boden gelegen hat, rechts die Blutspur, die Lorena hinterlassen hat, insgesamt mehr der Eindruck wie nach einem Bombenattentat, nicht wie nach einem Raubmord. Alles flog rum, zwischen Geigen, Celli, Elektrogitarren, Saxophonen, Bögen aller Art, Büchern etc. pp. Einfach schrecklich der Anblick. Und der Gestank. Und mittendrin die Polizisten, die im Rudel wohl damit beschäftigt sind, Spuren zu vernichten, denn mit geordneter Polizeiarbeit hatte all das nichts zu tun. Hier wurden keine Spuren gesichert, keine Fingerabdrücke gesichert. Dass man keine DNA-Proben genommen hat von Bernards und Lorenas Fingernägeln, ist allen erst viel später aufgefallen.
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