Operation Fluid Drive
Eine Chronik von Krieg, Flucht und Überleben
EUR 26,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 228
ISBN: 978-3-99130-799-0
Erscheinungsdatum: 04.11.2025
Die Geschichte einer Familie aus Beirut während des Bürgerkrieges. Die große Entscheidung steht bevor: Bleiben oder fliehen? Aufgeben ist keine Option. Dann geht alles blitzschnell. Die zivile Evakuierungsaktion „Fluid Drive“ rettet unzählige Menschenleben.
SOS-Kinderdörfer: Fakten
Kinder im Krieg – SOS-Kinderdörfer als Rettungsanker in einer von Krisen erschütterten Welt
Beirut, November 2024
Der eskalierende Krieg im Libanon hat katastrophale Folgen für die Kinder. Nach Angaben der SOS-Kinderdörfer sind bis zum 7. November 2024 bereits 192 Kinder im Land getötet und 1255 Kinder verletzt worden. Fast 900 000 Menschen befinden sich auf der Flucht im eigenen Land, das ist mehr als jeder sechste Einwohner. Über ein Drittel dieser Binnenvertriebenen sind Kinder und Jugendliche. Ghada Hachem, Leiterin der Hilfsorganisation im Libanon, sagt: „Das ist furchtbar und herzzerreißend. Kinder sterben. Andere sind völlig schutzlos und müssen schrecklichste Situationen überstehen.“
Die größten Herausforderungen für Kinder im Libanon laut Hachem:
Erfüllung der Grundbedürfnisse: Insbesondere auf der Flucht mangelt es Familien an lebensnotwendigen Gütern wie Nahrung, sauberem Wasser und Strom. Zudem haben viele Eltern ihre Arbeit verloren und sind nicht mehr in der Lage, das Leben ihrer Familie zu finanzieren.
Psychische Traumata: Ständige Explosionsgeräusche, das Miterleben von Bombeneinschlägen und der Verlust des Zuhauses führen zu großer Angst und Verunsicherung. Viele Kinder zeigen Anzeichen traumatischer Belastungen.
Verlorene Kindheit: Kinder können nicht frei spielen oder unbeschwert sein. Sie werden von ihren Freunden getrennt und mit Situationen konfrontiert, die sie massiv überfordern.
Unterbrechung der Bildung: Kinder auf der Flucht haben kaum die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Zudem werden aktuell 60 Prozent aller öffentlichen Schulen als Unterkünfte für Geflüchtete genutzt. Hachem sagt: „Wenn Kinder ihre Schulbildung unterbrechen müssen, hat dies tiefgreifende Auswirkungen auf ihre Entwicklung und ihre Zukunftsaussichten.“
Verlust der elterlichen Fürsorge: Bereits jetzt wurden zahlreiche Kinder von ihren Familien getrennt und haben niemanden mehr, der sich um sie kümmert. „Wir befürchten, dass die Zahl weiter steigen wird“, sagt Hachem. Insbesondere in Kriegssituationen sind unbegleitete Kinder großen Risiken ausgesetzt und in besonderer Not.
Die SOS-Kinderdörfer haben Nothilfemaßnahmen gestartet und unterstützen Kinder und Familien in drei Notunterkünften durch Bargeldzahlungen, Verteilung von Kleidung, Bereitstellung sicherer Räume für Kinder sowie psychosoziale Hilfe.
Ghada Hachem sagt: „Meine größte Angst ist, dass unsere Kapazitäten nicht ausreichen und wir nicht all die Kinder schützen können, die unsere Hilfe dringend brauchen.“ Hachems Wunsch an die globale Gemeinschaft: „Die Welt sollte alles daransetzen, eine Kultur des Friedens zu fördern. Auch finanzielle Unterstützung für uns und alle anderen Organisationen, die den Kindern helfen, ist jetzt ganz wichtig. Je mehr Ressourcen wir haben, desto mehr Kindern können wir zur Seite stehen.“
Bedingungslos auf der Seite der Kinder – Statement zum Nahost-Krieg von Lanna Idriss, Vorständin SOS-Kinderdörfer
Wenn ich gefragt werde, auf welcher Seite die SOS-Kinderdörfer stehen in diesem furchtbaren und eskalierenden Nahost-Konflikt, ist meine Antwort eindeutig: Wir stehen bedingungslos auf der Seite der Kinder. Egal, wo, egal, unter welchen Umständen.
Diese Ausrichtung gibt uns auch in diesen schrecklichen und oft chaotischen Zeiten glasklare Orientierung und bestimmt unser Handeln. Mit all unseren Kräften, unserer Erfahrung und mit ganzem Herzen sind wir da für die Kinder in Nahost – in Gaza, im Libanon und in Israel. Denn kein Kind, egal, auf welcher Seite, hat sich diesen Krieg ausgesucht. Kein Kind, egal, in welchem Land, sollte vor Bomben fliehen müssen, sein Zuhause verlieren, Gräueltaten miterleben müssen und abends schlafen gehen mit der Sorge, die Nacht nicht zu überleben.
Wir verstehen den großen Schmerz und den Schock von Angehörigen und Betroffenen in den beteiligten Ländern – und wir teilen ihn. Was passiert, ist eine Katastrophe, und es wird Generationen brauchen, um sie zu überwinden.
„Es ist unsere Verantwortung, auch in den schlimmsten Kriegsmomenten besonnen zu bleiben.“
Als Kinderhilfsorganisation ist es unsere Pflicht, unparteiisch auf allen Seiten zu unterstützen und das Leid jedes einzelnen Kindes zu sehen und mit all unseren Kräften dagegen anzugehen. Und es ist unsere Verantwortung, auch in den schlimmsten Kriegsmomenten besonnen zu bleiben und die richtigen Entscheidungen zum Wohle der Kinder zu treffen.
Ich denke dabei an Situationen, wie sie meine Kollegin Reem Alreqeb in Gaza bewältigen musste. Reem stand in der umkämpften Stadt Rafah vor der Frage, ob sie ein ganzes Kinderdörfer evakuieren sollte. Sie und das Team entschieden sich dafür und flohen inmitten der Kriegshandlungen mit einer großen Gruppe von Kindern und Mitarbeitenden bis in die Stadt Khan Younis. Wir waren alle sehr erleichtert, als die Kinder erschöpft, aber unversehrt in dem improvisierten Lager ankamen, das wir vorsorglich errichtet hatten. Und dann, wenige Wochen später, standen Reem und ihr Team wieder vor der gleichen Entscheidung: Bleiben oder fliehen? Denn keine zwei Kilometer vom neuen Standort entfernt war es erneut zu tödlichen Angriffen gekommen – inmitten der humanitären Zone. Diesmal blieben sie – und überprüfen seitdem jeden Tag alle Parameter. Ich hoffe inständig, dass alles gut geht.
Eine Kultur des friedvollen Miteinanders und der Hoffnung
Ich denke auch an unsere Kollegen in Israel, die dort jungen Menschen helfen, die bei dem schrecklichen Massaker der Hamas am 7. Oktober ihr Zuhause verloren haben, viele von ihnen haben nach Schilderung unserer Kollegin Nelly Geva Angehörige verloren – und jegliche Hoffnung auf eine gute Zukunft. Auch sie werden von den SOS-Kinderdörfern unterstützt, erhalten psychologische Hilfe bei der Aufarbeitung der schrecklichen Geschehnisse – und eine Perspektive: Sie werden darin geschult, die pädagogische Arbeit in unseren israelischen Programmen zu verstärken. Ihnen wieder Zuversicht zu geben, ist eine wichtige Aufgabe.
Auch im Libanon gehen unsere Kollegen und Kolleginnen Tag für Tag über ihre Grenzen und unterstützen geflüchtete Kinder und Familien mit Nothilfe. Mich berührt es sehr, wenn ich Ghada Hachem, die junge Leiterin der SOS-Kinderdörfer im Libanon, inmitten der schlimmsten Geschehnisse, die das Land seit Jahren erlebt, von Zukunft und Frieden sprechen höre.
Sie sagt: „Wir wollen unseren Kindern eine Kultur des friedvollen Miteinanders und der Hoffnung vermitteln.“ Natürlich hat sie recht: Nur, wenn wir uns für Verständigung einsetzen und dies auch unseren Kindern vermitteln, kann sich die Welt ändern.
Wenn ich also in Deutschland von erneutem Beschuss, Raketen und der Eskalation des Krieges höre, habe ich die Gesichter der Kinder vor Augen und sorge ich mich sehr um sie. Und ich sorge mich um unsere Kolleginnen und Kollegen – in Gaza, Israel und Libanon.
Unsere eindringliche Forderung: Das Wohl der Kinder muss endlich in den Mittelpunkt rücken. Ihr Leben muss mehr zählen als alles andere. Wenn wir dies ernst nehmen, gibt es nur eine Lösung: Dieser Krieg muss heute noch aufhören!
Ukraine – So helfen die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine
An sicheren Standorten in der Zentral- und Westukraine haben die SOS-Kinderdörfer Sozialzentren eingerichtet, in denen bisher rund 113 000 geflüchtete Kinder und Eltern durch Hilfsgüter, Beratung sowie psychosozialen Beistand unterstützt wurden.
Über 70 Kinderschutzzentren bieten Spiel- und Lernmöglichkeiten für Kinder, die bereits von rund 60 000 Mädchen und Jungen genutzt wurden.
Rund 65 000 Kinder und Eltern haben wir bislang psychologisch und psychosozial unterstützt. Psycholog:innen in mobilen Teams bieten Kindern und Familien auch in abgelegenen Orten Hilfe, um Schock und Kriegstraumata zu verarbeiten. Sie besuchen zudem Schulen, um Kindern und Lehrer:innen zu vermitteln, wie sie mit Angst und der psychischen Belastung besser umgehen können. Hinzu kommen Feriencamps für Kinder und ihre Betreuer:innen, die dort bei Freizeitaktivitäten in einem geschützten Umfeld abschalten können und psychosozial begleitet werden.
Über 1100 Kinder mit Kriegsverletzungen erhalten mit unserer Unterstützung medizinische Hilfe, Rehabilitation sowie psychologische Begleitung.
Darüber hinaus setzen sich die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine für die langfristige Unterbringung von Kindern, die ihre Eltern verloren haben, in Pflegefamilien und deren Unterstützung ein.
Not leidende Familien – insgesamt über 28 000 Menschen – haben finanzielle Unterstützung erhalten, unter anderem für den Kauf von Lebensmitteln vor Ort.
Fast 400 Betroffene konnten durch Trainings und berufsbildende Maßnahmen neue Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten finden.
Im Rahmen der Winterhilfe verteilen unsere Mitarbeitenden Hilfsgüter an Familien, z. B. Brennholz, Decken, Wasserkocher, Heizgeräte, Winterkleidung und Schuhe.
Bereits sofort nach Kriegsausbruch wurden gemeinsam mit Partnerorganisationen Kinder und Familien aus den ukrainischen SOS-Kinderdörfern sowie Tausende weitere Pflegefamilien aus den Gefahrenzonen evakuiert und mit dem Notwendigsten versorgt.
Zwei Geschichten aus der Welt der SOS-Kinderdörfer
„Ich lasse mich von Schwierigkeiten nicht unterkriegen“
Bis zur russischen Invasion lebte Juliana mit ihrer SOS-Kinderdörfer-Familie im SOS-Kinderdörfer Brovary in der Ukraine. Drei Tage nach Kriegsausbruch floh die Familie in das polnische SOS-Kinderdörfer Bilgoraj. Letztes Jahr zog Julianas zehnköpfige Familie wieder um, in ein von den SOS-Kinderdörfern angemietetes Haus im Zentrum Bilgorajs. Entgegen aller Unruhe und Ungewissheit behält die 18-Jährige ihre beruflichen Ambitionen konsequent im Blick.
Juliana, Sie verfolgen Ihre Ausbildung als Fachfrau für Textiltechnik an der Berufsschule in Kiew seit zwei Jahren nur online. Ist es nicht irre anstrengend, beruflich am Ball zu bleiben, in einem fremden Land, dessen Sprache Ihnen nicht vertraut ist?
Manchmal habe ich Heimweh, aber ich bin gar nicht sicher, ob ich in die Ukraine zurückkehren will. Ich hab mehrere Polnischkurse besucht, die Sprache ist kein Problem mehr. Aktuell mache ich ein Praktikum bei einem lokalen Unternehmen – und nebenbei Online-Kurse über KI. Das Wichtigste für junge Frauen wie mich ist, Bildung zu erwerben.
Trotz aller Herausforderungen verfolgt Juliana weiter mutig ihren Weg.
Klingt ziemlich zielstrebig. Hat Ihnen das jemand vorgelebt?
Meine Vorbilder sind meine leibliche Schwester, die in Kiew lebt, und meine SOS-Kinderdörfer-Mutter Valentina. Einige meiner SOS-Kinderdörfer-Geschwister nennen sie beim Vornamen, aber für mich ist sie nur ‚Mama‘. Sie ist immer an meiner Seite, sie inspiriert mich und macht mich stark! Mama hat mir vermittelt, dass Frauen lange für das Recht auf Bildung kämpfen mussten und dass wir uns heute nicht mehr von einem männlichen ‚Versorger‘ abhängig machen sollten.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
Ich fahre zu einem Entrepreneurship-Skills-Trainingscamp nach Tschechien. Eine super Gelegenheit, um meine Kommunikationsfähigkeit zu verbessern und um mit den Erwartungen von Unternehmen vertraut zu werden. Allerdings ist mir ziemlich bange bei dem Gedanken, neun Tage ohne meine Familie zu sein. Seitdem wir aus der Ukraine fliehen mussten, sind wir noch enger zusammengerückt. Ich bin ungern ohne sie.
Aber Sie stellen sich der Herausforderung?
Ja, indem ich mich auf die Vorteile konzentriere. Wenn ich mich weiterentwickeln will, muss ich jede Chance nutzen, die mir eine neue berufliche Perspektive eröffnen könnte. Im Leben geht’s doch darum, trotz aller Schwierigkeiten voranzukommen. Schwierigkeiten wird’s immer geben, ich will mich davon nicht unterkriegen lassen. Wer in sich selbst gefestigt ist und den nötigen Rückhalt hat, erreicht früher oder später sein Ziel.
Nour, Ammar und Ruba sind drei Kinder, die den Schrecken des Krieges im Gazastreifen entkommen sind. Im März gelang es, sie mit einer Gruppe aus dem SOS-Kinderdörfer Rafah ins Westjordanland nach Bethlehem zu bringen. Wie geht es ihnen heute? Trotz der traumatischen Erlebnisse haben sie es geschafft, sich in ihrem neuen Zuhause einzuleben – und schulische Erfolge zu feiern.
Nour glänzt mit ihren Gedichten in der Sommerschule
Als Nour (15) in Bethlehem ankam, wollte sie nicht mit anderen Menschen sprechen. Sie kapselte sich ab, zog sich auch von ihren Freundinnen zurück. Sie litt unter den traumatischen Erlebnissen des Krieges und unter zahlreichen gesundheitlichen Problemen. Auch in der Schule stand das Mädchen vor großen Herausforderungen und kämpfte mit Selbstzweifeln. Denn in Rafah hatte sie seit Kriegsausbruch acht Monate lang nicht zur Schule gehen können und viel Stoff versäumt.
Nour hat ihre Liebe zur Poesie entdeckt: Sie schreibt Gedichte und drückt so ihre Gefühle aus.
Doch Nour hat in Bethlehem wieder Halt gefunden. Die Unterstützung ihrer Betreuerin half ihr, neues Selbstvertrauen zu gewinnen. Ihren Lernrückstand konnte sie durch den Besuch von Intensivkursen in den Sommerferien aufholen. Dort hat die 15‑Jährige auch ihre Leidenschaft für Poesie entdeckt, durch die sie ihre Gefühle ausdrücken kann. Als sie in der Sommerschule eines ihrer Gedichte vor der Gruppe vortrug, erhielt sie tosenden Applaus. Das war ein großer Schritt für das schüchterne Mädchen. Sie begeistert jetzt ihr Umfeld mit ihren Gedichten.
Sehnsüchtig wartet Nour auf das Ende der Ferien und den Schulbeginn. „Ich wollte die zehnte Klasse in Gaza abschließen, aber wegen des Krieges sind wir jetzt in Bethlehem“, sagt Nour. „Ich freue mich sehr auf die Zehnte und möchte im Schulradio aktiv sein.“
…
Kinder im Krieg – SOS-Kinderdörfer als Rettungsanker in einer von Krisen erschütterten Welt
Beirut, November 2024
Der eskalierende Krieg im Libanon hat katastrophale Folgen für die Kinder. Nach Angaben der SOS-Kinderdörfer sind bis zum 7. November 2024 bereits 192 Kinder im Land getötet und 1255 Kinder verletzt worden. Fast 900 000 Menschen befinden sich auf der Flucht im eigenen Land, das ist mehr als jeder sechste Einwohner. Über ein Drittel dieser Binnenvertriebenen sind Kinder und Jugendliche. Ghada Hachem, Leiterin der Hilfsorganisation im Libanon, sagt: „Das ist furchtbar und herzzerreißend. Kinder sterben. Andere sind völlig schutzlos und müssen schrecklichste Situationen überstehen.“
Die größten Herausforderungen für Kinder im Libanon laut Hachem:
Erfüllung der Grundbedürfnisse: Insbesondere auf der Flucht mangelt es Familien an lebensnotwendigen Gütern wie Nahrung, sauberem Wasser und Strom. Zudem haben viele Eltern ihre Arbeit verloren und sind nicht mehr in der Lage, das Leben ihrer Familie zu finanzieren.
Psychische Traumata: Ständige Explosionsgeräusche, das Miterleben von Bombeneinschlägen und der Verlust des Zuhauses führen zu großer Angst und Verunsicherung. Viele Kinder zeigen Anzeichen traumatischer Belastungen.
Verlorene Kindheit: Kinder können nicht frei spielen oder unbeschwert sein. Sie werden von ihren Freunden getrennt und mit Situationen konfrontiert, die sie massiv überfordern.
Unterbrechung der Bildung: Kinder auf der Flucht haben kaum die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Zudem werden aktuell 60 Prozent aller öffentlichen Schulen als Unterkünfte für Geflüchtete genutzt. Hachem sagt: „Wenn Kinder ihre Schulbildung unterbrechen müssen, hat dies tiefgreifende Auswirkungen auf ihre Entwicklung und ihre Zukunftsaussichten.“
Verlust der elterlichen Fürsorge: Bereits jetzt wurden zahlreiche Kinder von ihren Familien getrennt und haben niemanden mehr, der sich um sie kümmert. „Wir befürchten, dass die Zahl weiter steigen wird“, sagt Hachem. Insbesondere in Kriegssituationen sind unbegleitete Kinder großen Risiken ausgesetzt und in besonderer Not.
Die SOS-Kinderdörfer haben Nothilfemaßnahmen gestartet und unterstützen Kinder und Familien in drei Notunterkünften durch Bargeldzahlungen, Verteilung von Kleidung, Bereitstellung sicherer Räume für Kinder sowie psychosoziale Hilfe.
Ghada Hachem sagt: „Meine größte Angst ist, dass unsere Kapazitäten nicht ausreichen und wir nicht all die Kinder schützen können, die unsere Hilfe dringend brauchen.“ Hachems Wunsch an die globale Gemeinschaft: „Die Welt sollte alles daransetzen, eine Kultur des Friedens zu fördern. Auch finanzielle Unterstützung für uns und alle anderen Organisationen, die den Kindern helfen, ist jetzt ganz wichtig. Je mehr Ressourcen wir haben, desto mehr Kindern können wir zur Seite stehen.“
Bedingungslos auf der Seite der Kinder – Statement zum Nahost-Krieg von Lanna Idriss, Vorständin SOS-Kinderdörfer
Wenn ich gefragt werde, auf welcher Seite die SOS-Kinderdörfer stehen in diesem furchtbaren und eskalierenden Nahost-Konflikt, ist meine Antwort eindeutig: Wir stehen bedingungslos auf der Seite der Kinder. Egal, wo, egal, unter welchen Umständen.
Diese Ausrichtung gibt uns auch in diesen schrecklichen und oft chaotischen Zeiten glasklare Orientierung und bestimmt unser Handeln. Mit all unseren Kräften, unserer Erfahrung und mit ganzem Herzen sind wir da für die Kinder in Nahost – in Gaza, im Libanon und in Israel. Denn kein Kind, egal, auf welcher Seite, hat sich diesen Krieg ausgesucht. Kein Kind, egal, in welchem Land, sollte vor Bomben fliehen müssen, sein Zuhause verlieren, Gräueltaten miterleben müssen und abends schlafen gehen mit der Sorge, die Nacht nicht zu überleben.
Wir verstehen den großen Schmerz und den Schock von Angehörigen und Betroffenen in den beteiligten Ländern – und wir teilen ihn. Was passiert, ist eine Katastrophe, und es wird Generationen brauchen, um sie zu überwinden.
„Es ist unsere Verantwortung, auch in den schlimmsten Kriegsmomenten besonnen zu bleiben.“
Als Kinderhilfsorganisation ist es unsere Pflicht, unparteiisch auf allen Seiten zu unterstützen und das Leid jedes einzelnen Kindes zu sehen und mit all unseren Kräften dagegen anzugehen. Und es ist unsere Verantwortung, auch in den schlimmsten Kriegsmomenten besonnen zu bleiben und die richtigen Entscheidungen zum Wohle der Kinder zu treffen.
Ich denke dabei an Situationen, wie sie meine Kollegin Reem Alreqeb in Gaza bewältigen musste. Reem stand in der umkämpften Stadt Rafah vor der Frage, ob sie ein ganzes Kinderdörfer evakuieren sollte. Sie und das Team entschieden sich dafür und flohen inmitten der Kriegshandlungen mit einer großen Gruppe von Kindern und Mitarbeitenden bis in die Stadt Khan Younis. Wir waren alle sehr erleichtert, als die Kinder erschöpft, aber unversehrt in dem improvisierten Lager ankamen, das wir vorsorglich errichtet hatten. Und dann, wenige Wochen später, standen Reem und ihr Team wieder vor der gleichen Entscheidung: Bleiben oder fliehen? Denn keine zwei Kilometer vom neuen Standort entfernt war es erneut zu tödlichen Angriffen gekommen – inmitten der humanitären Zone. Diesmal blieben sie – und überprüfen seitdem jeden Tag alle Parameter. Ich hoffe inständig, dass alles gut geht.
Eine Kultur des friedvollen Miteinanders und der Hoffnung
Ich denke auch an unsere Kollegen in Israel, die dort jungen Menschen helfen, die bei dem schrecklichen Massaker der Hamas am 7. Oktober ihr Zuhause verloren haben, viele von ihnen haben nach Schilderung unserer Kollegin Nelly Geva Angehörige verloren – und jegliche Hoffnung auf eine gute Zukunft. Auch sie werden von den SOS-Kinderdörfern unterstützt, erhalten psychologische Hilfe bei der Aufarbeitung der schrecklichen Geschehnisse – und eine Perspektive: Sie werden darin geschult, die pädagogische Arbeit in unseren israelischen Programmen zu verstärken. Ihnen wieder Zuversicht zu geben, ist eine wichtige Aufgabe.
Auch im Libanon gehen unsere Kollegen und Kolleginnen Tag für Tag über ihre Grenzen und unterstützen geflüchtete Kinder und Familien mit Nothilfe. Mich berührt es sehr, wenn ich Ghada Hachem, die junge Leiterin der SOS-Kinderdörfer im Libanon, inmitten der schlimmsten Geschehnisse, die das Land seit Jahren erlebt, von Zukunft und Frieden sprechen höre.
Sie sagt: „Wir wollen unseren Kindern eine Kultur des friedvollen Miteinanders und der Hoffnung vermitteln.“ Natürlich hat sie recht: Nur, wenn wir uns für Verständigung einsetzen und dies auch unseren Kindern vermitteln, kann sich die Welt ändern.
Wenn ich also in Deutschland von erneutem Beschuss, Raketen und der Eskalation des Krieges höre, habe ich die Gesichter der Kinder vor Augen und sorge ich mich sehr um sie. Und ich sorge mich um unsere Kolleginnen und Kollegen – in Gaza, Israel und Libanon.
Unsere eindringliche Forderung: Das Wohl der Kinder muss endlich in den Mittelpunkt rücken. Ihr Leben muss mehr zählen als alles andere. Wenn wir dies ernst nehmen, gibt es nur eine Lösung: Dieser Krieg muss heute noch aufhören!
Ukraine – So helfen die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine
An sicheren Standorten in der Zentral- und Westukraine haben die SOS-Kinderdörfer Sozialzentren eingerichtet, in denen bisher rund 113 000 geflüchtete Kinder und Eltern durch Hilfsgüter, Beratung sowie psychosozialen Beistand unterstützt wurden.
Über 70 Kinderschutzzentren bieten Spiel- und Lernmöglichkeiten für Kinder, die bereits von rund 60 000 Mädchen und Jungen genutzt wurden.
Rund 65 000 Kinder und Eltern haben wir bislang psychologisch und psychosozial unterstützt. Psycholog:innen in mobilen Teams bieten Kindern und Familien auch in abgelegenen Orten Hilfe, um Schock und Kriegstraumata zu verarbeiten. Sie besuchen zudem Schulen, um Kindern und Lehrer:innen zu vermitteln, wie sie mit Angst und der psychischen Belastung besser umgehen können. Hinzu kommen Feriencamps für Kinder und ihre Betreuer:innen, die dort bei Freizeitaktivitäten in einem geschützten Umfeld abschalten können und psychosozial begleitet werden.
Über 1100 Kinder mit Kriegsverletzungen erhalten mit unserer Unterstützung medizinische Hilfe, Rehabilitation sowie psychologische Begleitung.
Darüber hinaus setzen sich die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine für die langfristige Unterbringung von Kindern, die ihre Eltern verloren haben, in Pflegefamilien und deren Unterstützung ein.
Not leidende Familien – insgesamt über 28 000 Menschen – haben finanzielle Unterstützung erhalten, unter anderem für den Kauf von Lebensmitteln vor Ort.
Fast 400 Betroffene konnten durch Trainings und berufsbildende Maßnahmen neue Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten finden.
Im Rahmen der Winterhilfe verteilen unsere Mitarbeitenden Hilfsgüter an Familien, z. B. Brennholz, Decken, Wasserkocher, Heizgeräte, Winterkleidung und Schuhe.
Bereits sofort nach Kriegsausbruch wurden gemeinsam mit Partnerorganisationen Kinder und Familien aus den ukrainischen SOS-Kinderdörfern sowie Tausende weitere Pflegefamilien aus den Gefahrenzonen evakuiert und mit dem Notwendigsten versorgt.
Zwei Geschichten aus der Welt der SOS-Kinderdörfer
„Ich lasse mich von Schwierigkeiten nicht unterkriegen“
Bis zur russischen Invasion lebte Juliana mit ihrer SOS-Kinderdörfer-Familie im SOS-Kinderdörfer Brovary in der Ukraine. Drei Tage nach Kriegsausbruch floh die Familie in das polnische SOS-Kinderdörfer Bilgoraj. Letztes Jahr zog Julianas zehnköpfige Familie wieder um, in ein von den SOS-Kinderdörfern angemietetes Haus im Zentrum Bilgorajs. Entgegen aller Unruhe und Ungewissheit behält die 18-Jährige ihre beruflichen Ambitionen konsequent im Blick.
Juliana, Sie verfolgen Ihre Ausbildung als Fachfrau für Textiltechnik an der Berufsschule in Kiew seit zwei Jahren nur online. Ist es nicht irre anstrengend, beruflich am Ball zu bleiben, in einem fremden Land, dessen Sprache Ihnen nicht vertraut ist?
Manchmal habe ich Heimweh, aber ich bin gar nicht sicher, ob ich in die Ukraine zurückkehren will. Ich hab mehrere Polnischkurse besucht, die Sprache ist kein Problem mehr. Aktuell mache ich ein Praktikum bei einem lokalen Unternehmen – und nebenbei Online-Kurse über KI. Das Wichtigste für junge Frauen wie mich ist, Bildung zu erwerben.
Trotz aller Herausforderungen verfolgt Juliana weiter mutig ihren Weg.
Klingt ziemlich zielstrebig. Hat Ihnen das jemand vorgelebt?
Meine Vorbilder sind meine leibliche Schwester, die in Kiew lebt, und meine SOS-Kinderdörfer-Mutter Valentina. Einige meiner SOS-Kinderdörfer-Geschwister nennen sie beim Vornamen, aber für mich ist sie nur ‚Mama‘. Sie ist immer an meiner Seite, sie inspiriert mich und macht mich stark! Mama hat mir vermittelt, dass Frauen lange für das Recht auf Bildung kämpfen mussten und dass wir uns heute nicht mehr von einem männlichen ‚Versorger‘ abhängig machen sollten.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
Ich fahre zu einem Entrepreneurship-Skills-Trainingscamp nach Tschechien. Eine super Gelegenheit, um meine Kommunikationsfähigkeit zu verbessern und um mit den Erwartungen von Unternehmen vertraut zu werden. Allerdings ist mir ziemlich bange bei dem Gedanken, neun Tage ohne meine Familie zu sein. Seitdem wir aus der Ukraine fliehen mussten, sind wir noch enger zusammengerückt. Ich bin ungern ohne sie.
Aber Sie stellen sich der Herausforderung?
Ja, indem ich mich auf die Vorteile konzentriere. Wenn ich mich weiterentwickeln will, muss ich jede Chance nutzen, die mir eine neue berufliche Perspektive eröffnen könnte. Im Leben geht’s doch darum, trotz aller Schwierigkeiten voranzukommen. Schwierigkeiten wird’s immer geben, ich will mich davon nicht unterkriegen lassen. Wer in sich selbst gefestigt ist und den nötigen Rückhalt hat, erreicht früher oder später sein Ziel.
Nour, Ammar und Ruba sind drei Kinder, die den Schrecken des Krieges im Gazastreifen entkommen sind. Im März gelang es, sie mit einer Gruppe aus dem SOS-Kinderdörfer Rafah ins Westjordanland nach Bethlehem zu bringen. Wie geht es ihnen heute? Trotz der traumatischen Erlebnisse haben sie es geschafft, sich in ihrem neuen Zuhause einzuleben – und schulische Erfolge zu feiern.
Nour glänzt mit ihren Gedichten in der Sommerschule
Als Nour (15) in Bethlehem ankam, wollte sie nicht mit anderen Menschen sprechen. Sie kapselte sich ab, zog sich auch von ihren Freundinnen zurück. Sie litt unter den traumatischen Erlebnissen des Krieges und unter zahlreichen gesundheitlichen Problemen. Auch in der Schule stand das Mädchen vor großen Herausforderungen und kämpfte mit Selbstzweifeln. Denn in Rafah hatte sie seit Kriegsausbruch acht Monate lang nicht zur Schule gehen können und viel Stoff versäumt.
Nour hat ihre Liebe zur Poesie entdeckt: Sie schreibt Gedichte und drückt so ihre Gefühle aus.
Doch Nour hat in Bethlehem wieder Halt gefunden. Die Unterstützung ihrer Betreuerin half ihr, neues Selbstvertrauen zu gewinnen. Ihren Lernrückstand konnte sie durch den Besuch von Intensivkursen in den Sommerferien aufholen. Dort hat die 15‑Jährige auch ihre Leidenschaft für Poesie entdeckt, durch die sie ihre Gefühle ausdrücken kann. Als sie in der Sommerschule eines ihrer Gedichte vor der Gruppe vortrug, erhielt sie tosenden Applaus. Das war ein großer Schritt für das schüchterne Mädchen. Sie begeistert jetzt ihr Umfeld mit ihren Gedichten.
Sehnsüchtig wartet Nour auf das Ende der Ferien und den Schulbeginn. „Ich wollte die zehnte Klasse in Gaza abschließen, aber wegen des Krieges sind wir jetzt in Bethlehem“, sagt Nour. „Ich freue mich sehr auf die Zehnte und möchte im Schulradio aktiv sein.“
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