Die Freunde und ihr erfülltes Leben
Wundervolle Beziehungen
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 204
ISBN: 978-3-7116-1275-5
Erscheinungsdatum: 22.01.2026
Traurige Ereignisse wie der Amoklauf in Graz im Juni 2025 zeigen: Unsere Gesellschaft ist krank. Die Freunde treffen sich, diskutieren über den Zustand und seine Ursache und suchen nach einer Antwort.
Im Weingarten
Es war Ende März, als sich Erwin und Herbert bei schönem Wetter im Weingarten des Gärtnermeisters trafen. Sie hatten ihre Klappsessel mitgebracht und saßen in Erwins Riede auf dem Tausendeimerberg zwischen den Weinstöcken. Manche Leser erinnern sich vielleicht daran, dass sich schon vor einiger Zeit Stefan, Herbert und Peter in Zöbing getroffen hatten, um auf die dortige Aussichtswarte zu wandern. Erwin hatte ein besonderes Anliegen, über das er mit Herbert reden wollte. Denn schon lange beschäftigte ihn der Gedanke, wie es mit seiner Gärtnerei weitergehen sollte. Er hatte im vorigen Jahr seinen fünfundsechzigsten Geburtstag gefeiert und dachte nun daran, sich zur Ruhe zu setzen. Zwar gab es noch keinen Nachfolger für den Betrieb, aber der Gartenbaufachschüler, der vor einigen Jahren bei der Arbeit mitgeholfen hatte, als Herberts Cousin die Gärtnerei für einige Wochen betreute, zeigte Interesse, den Betrieb auf Leibrente zu übernehmen. Der Schüler hatte damals im Sommer im Gartenbaubetrieb mitgeholfen, als Erwin und Renate in den Norden nach Schweden und Norwegen fuhren, und war nun seit zwei Jahren fest in der Gärtnerei angestellt.
Der Gärtnermeister ließ seinem Angestellten viel Freiraum, fragte ihn öfter um Rat und besprach mit ihm etwaige Änderungsvorschläge. Denn der junge Mann war fleißig und brachte sich mit voller Kraft in die täglichen Arbeitsschritte ein. Und natürlich war auch sein Fachwissen auf dem neuesten Stand, denn er hatte die Schule mit Auszeichnung abgeschlossen. Es war eindeutig, dass er ganz sicher nicht zu denen gehörte, die ihre Faulheit mit ihrer Sorge um eine Work-Life-Balance kaschieren wollten. Und Roland, so hieß der Absolvent der Gartenbaufachschule, wusste genau, dass er nach einer etwaigen Übernahme des gut gehenden Gartenbaubetriebes mit einer Vierzigstundenwoche nicht auskommen würde, um die Gärtnerei gewinnbringend zu führen. Erwin war dies alles bewusst und doch hegte er Zweifel, ob er schon jetzt die Gärtnerei übergeben sollte. Deshalb wollte er mit Herbert, der ja auch vom Fach war, über diese schwerwiegende Entscheidung reden. Die gärtnerische Tätigkeit seines Freundes lag zwar schon länger zurück, aber er hatte in der Zeit, als Erwin seinen Unfall hatte, tatkräftig bewiesen, dass er noch immer – wenn auch nur für kurze Zeit – einen Betrieb führen konnte. Nach seinem Autounfall vor einigen Jahren hatte sich der Gärtnermeister nämlich für längere Zeit nicht um seinen Betrieb kümmern können.
Für den Betriebsinhaber war aber klar, dass er selbst weiter seine Weingärten bearbeiten wollte, solange er körperlich dazu in der Lage war. Auch wenn seine Rebstöcke ihn nicht ernähren konnten, denn so groß waren seine Rieden nicht, so hing er viel mehr an den Rebstöcken als an seiner Gärtnerei. Diese aber war es gewesen, die es ihm ermöglicht hatte, ein zwar arbeitsreiches, aber doch gutes Auskommen für Renate und ihn zu sichern. Denn er hatte immer nach dem Wahlspruch, dass der, der nicht arbeiten will, auch nicht essen soll, gelebt. Erst viel später in seinem Leben, nämlich nachdem er Jesus Christus sein Leben anvertraut hatte, fand er heraus, dass dieser Ausspruch sich im Neuen Testament, in einem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Thessalonich, fand. Erwin hatte dieses Anliegen, seine Gärtnerei zu verpachten, schon oftmals vor Gott im Gebet gebracht, trotzdem war es ihm ein Bedürfnis, auch mit Herbert darüber zu reden.
Da es Erwin aber schwerfiel, Herbert sofort sein Anliegen zu unterbreiten, begann er diesen zu befragen, ob er sich auch im Weinbau auskenne. In der Zeit, als ich die Fachschule besuchte, meinte der Freund, habe ich manchmal in einem Weinbaubetrieb, vor allem bei der Weinlese und den danach anfallenden Arbeiten, mitgearbeitet. Dabei konnte ich etwas Geld verdienen, das ich in dieser Zeit gut gebrauchen konnte. Aber bei der Arbeit im Spätwinter, nämlich dem Beschneiden der Reben, habe ich nie mitgearbeitet, meinte Herbert, denn das erledigten die Winzer und ihre Angehörigen meist selbst. Denn viele der Besitzer haben ein so vertrautes Verhältnis zu ihren Weinstöcken, meinte Erwin dazu, dass sie diese Arbeit gerne selbst ausführen. Denn an dem richtigen Rebschnitt hängt die ganze Ernte. Natürlich kann es auch während der Vegetationsperiode zu gravierenden Schäden kommen, aber auf dem richtigen Umgang mit der Rebschere beruht das Maß der Ernte. Es darf nämlich nicht zu viel oder zu wenig herausgeschnitten werden, und man muss vor allem die richtigen Reben entfernen. Dies erfordert eine große Sachkenntnis und viel Fingerspitzengefühl.
Zwischendurch packten die beiden Speck und Brot aus und labten sich mit einem Gespritzten, auch Weinschorle genannt, aus Pappbechern. Erwin erklärte dabei, dass die hier wachsenden Trauben zu einem Riesling verarbeitet werden und beschrieb, welche Besonderheiten und Ansprüche diese Rebsorte auszeichnen. Weiters sprach er über die Weinbaukultur in einer Hanglage, über den besonderen Reifegrad, aber auch über die Schwere der Arbeit, die eine solche extreme Lage mit sich bringt. Denn Maschineneinsatz ist bei solchen Hanglagen ziemlich schwierig oder manchmal auch gar nicht möglich. Herbert waren solche Lagen auch in der Wachau und im Rhein-Mosel-Gebiet bekannt. Besonders erinnerte er sich an die Hänge, von denen er vor vielen Jahren auf den Genfer See geblickt hatte. Diese lagen in der Nähe der Stadt Lausanne, in deren Nähe er einige Monate in der christlichen Gemeinschaft L’Abri verbrachte, die sein Leben tief geprägt hatte. In diesen Weingärten war noch die alte Stockkultur verbreitet, wobei die Reben jeweils kurz über dem Boden zum Verzweigen gebracht und an einen Stock gebunden werden. Denn die Reben sollen bei dieser Art des Weinbaus nach oben wachsen und werden nicht wie bei der heutigen Weinbaumethode an Drähten entlang festgebunden. Diese Art der Stockkultur gehört zur ältesten Technik des Weinbaus und wurde schon von den Römern im 1. Jahrhundert genutzt. Als sich die beiden so warmgeredet hatten, brachte Erwin endlich sein Anliegen vor. Herbert überlegte längere Zeit, und nach einem weiteren Gespritzten empfahl er seinem Freund, sich die Für und Wider zu überlegen und diese getrennt auf einen Zettel zu schreiben, um eine klare Entscheidungshilfe zu haben. Denn eine solche Entscheidung durfte und sollte nicht auf einmal getroffen werden, sondern brauchte Zeit.
Wenn ich mich entscheiden müsste, so würde ich die Gelegenheit beim Schopf packen und, sollte die finanzielle Seite zur Zufriedenheit geklärt werden, dem jungen Mann eine Chance geben, meinte Herbert. Falls er damit einverstanden ist, kannst du ja noch immer ein Auge auf die Entwicklung des Betriebes haben und bei Gefahr unterstützend eingreifen. Dies würde ich mit dem Pächter vor der Übergabe vereinbaren. Falls du Hilfe bei den finanziellen Entscheidungen brauchst, da kannst du auf mich zählen, meinte der Freund. Und ich würde dir den guten Rat geben, die Übergabe mit deiner Interessenvertretung, der Landwirtschaftskammer, zu besprechen. Diese hat sicher viel Erfahrung bei der Weitergabe von Betrieben. Zum Abschluss des Gespräches beteten die beiden noch und brachten ihre Anliegen vor Gott. Für Herbert war es eine besondere Erfahrung, in einem Weingarten zu beten, denn während des Gebetes erinnerte er sich an zwei Stellen im Neuen Testament, die er mit Erwin teilte:
Ich bin der wahre Weinstock
und mein Vater ist der Weingärtner.
Jede Rebe an mir,
die keine Frucht bringt,
schneidet er ab, und jede Rebe,
die Frucht bringt, reinigt er,
damit sie mehr Frucht bringt.
(Johannesevangelium 15:1)
Bleibt in mir, dann bleibe ich
in euch. Wie die Rebe aus sich
heraus keine Frucht bringen kann,
sondern nur, wenn sie am Weinstock
bleibt, so könnt auch ihr
keine Frucht bringen, wenn
ihr nicht in mir bleibt.
(Kap. 15:4)
Herbert ließ das Wort Gottes aus dem Johannesevangelium einige Zeit wirken und meint dann: Jesus kam nicht in diese Welt, um eine neue Religion mit Zeremonien, neuen Verpflichtungen, Riten oder starren Prinzipien zu gründen. Deren gibt es ja schon genug. Auch geht es dabei nicht um die Mitgliedschaft in einer Vereinigung oder Kirche. Noch soll aus dem Leben einer christlichen Gemeinschaft herausgelesen werden können, zu welcher Zeit sie entstanden ist; sei es das Mittelalter, die Zeit der Reformation oder irgendein voriges Jahrhundert. Noch sollen Christen durch ihr äußeres Leben oder ihre Kleidung zeigen, dass sie wie ein christliches Freilichtmuseum Zeugen einer vergangenen Zeit sind. Jesus hingegen wollte die Menschen freimachen von ihren Gebundenheiten, die durch Schuld und Sünde entstanden sind. Er wollte die Kluft, die zwischen Gott und jedem Menschen besteht, durch seinen Tod am Kreuz überbrücken und Frieden mit Gott bringen. Um seinen Jüngern dies klarzumachen, führte er sie nicht in den Tempel in Jerusalem, sondern in einen Weinberg und sprach klar die oben angeführten Worte. Damit brachte er kurz vor seinem Leiden, das ihn ans Kreuz brachte, folgende Wahrheit zum Ausdruck:
Nicht ihr habt mich erwählt,
sondern ich habe euch erwählt.
Ich habe euch dazu bestimmt,
hinzugehen und Frucht zu bringen;
Frucht, die Bestand hat.
(Johannes 15:16)
Die beiden Freunde blieben noch einige Zeit im Weingarten, wobei Erwin seinem Freund genau erklärte, wie er die Weinstöcke vor zwei Wochen beschnitten hatte. Danach wanderten die beiden zu einem Heurigen am Fuß des Heiligensteins und stärkten sich mit kaltem Schweinsbraten und einem Achterl Grünen Veltliner. Sie sprachen immer noch über den Weingarten und die passenden Worte aus dem Neuen Testament. Da hatte Erwin plötzlich eine zündende Idee, die er sofort mit Herbert teilte. Wie wäre es, sagte er, wenn wir gemeinsam einen Vortrag halten und dazu die Winzer der Umgebung einladen. Ich – so meinte er – spreche über die biologischen Aspekte der Weinstöcke und Reben und du könntest ja die Worte aus dem Evangelium des Johannes, die du zitiert hast, näher erklären. So wäre es uns möglich, die Wahrheit Gottes klar und verständlich weiterzugeben, indem wir auf die Wirklichkeit des Lebens eines Winzers Bezug nehmen. Im ersten Moment war Herbert sprachlos, dann meinte er, dass er dies für eine sehr gute Idee halte, war aber dann einschränkend der Meinung, dass dieses Vorhaben erst noch mit dem Hauskreisleiter, den er ja bereits kennengelernt hatte, besprochen werden sollte.
Herbert dachte, dass dies sein Freund beim nächsten Zusammentreffen des Hauskreises vorbringen werde, aber dieser sprang sofort auf, nahm sein Smartphone und ging vor das Lokal, um zu telefonieren. So begeistert war Erwin von seiner Idee, dass er die Sache gleich erledigen wollte. Freudestrahlend kehrte er zum Tisch zurück und erzählte, dass auch Günter dieses Anliegen unterstützen wolle. Das bedeutet, meinte der Freund, dass wir uns nun gemeinsam vorbereiten müssen. Da sagte Herbert zu Erwin: Falls du den Betrieb übergeben willst, so wirst du auch in deiner Pension sicherlich ein erfülltes Leben finden. Denn er war der Meinung, dass Erwin bei der gemeinsamen Vorbereitung viel über die Wahrheit Gottes lernen werde und vielleicht den Vortrag in weiterer Folge allein und öfter in verschiedenen Gegenden, in denen Weinbau betrieben wird, halten könne. Aber zuerst solltest du dir darüber im Klaren sein, wie es mit dem gut gehenden Gartenbaubetrieb weitergehen soll, meinte er abschließend. Erwin sagte dazu, dass er noch einige Angelegenheiten klären müsse, aber er hoffe, in den nächsten drei Wochen eine Entscheidung treffen zu können. Falls ich bald einen Termin bei meiner gesetzlichen Interessenvertretung bekomme, dann kann ich diese Frist sicherlich einhalten, meinte er abschließend.
Na, dann bis in drei Wochen, sagte Herbert, aber falls du noch weitere Fragen hast, kannst du mich jederzeit anrufen. Und denk an die beiden Listen für die Für und Wider deiner Überlegungen, rief er dem Freund noch nach, als dieser ins Auto stieg. Und so war es auch. Die Gespräche zwischen dem Inhaber der Gärtnerei und seinem Nachfolger verliefen alle harmonisch und zur vollen Zufriedenheit beider Geschäftspartner. Auch hatte Erwin bald einen Gesprächstermin bei der Landwirtschaftskammer, die ihn in allen Belangen mit Rat und Tat unterstützte. Was noch ausständig blieb, war die Vertragsunterzeichnung bei einem Notar, dessen Honorar Erwin übernehmen wollte.
Emilia Romagna
Als die zwölf Reisenden der über vierzig Personen starken Reisegruppe bei ihrem letzten Abendessen im Hotel, in dem sie vier Nächte verbracht hatten, gemütlich beisammensaßen, da riefen sie sich die Ereignisse der letzten Tage noch einmal in Erinnerung. Sie dachten an die vielen wunderbaren Gebäude, die sie besichtigt hatten, und an die beiden Veranstaltungen, bei denen sie viel Interessantes und Wissenswertes über die Produktion von Balsamicoessig und Parmesan erfahren hatten. Natürlich wurden diese Produkte am Schluss der Vorträge beworben und zum Verkauf angeboten. Aber wer über diese Vorgehensweise Bescheid wusste, der kaufte vielleicht eine Kleinigkeit als Andenken oder als Mitbringsel, ließ sich aber nicht zu einem Kaufrausch verleiten.
Da Christine und Herbert diesmal als die einzigen aus der Gruppe der Freunde an der Reise in die kunst- und geschichtsträchtige Emilia Romagna teilnahmen, hatten sie natürlich viel mehr Kontakt zu den anderen Reisegästen. Auch am Tisch selbst hatten sich einige Grüppchen gebildet. Christine sprach als Erste und erzählte von der Abreise am Sonntag um vier Uhr dreißig am frühen Morgen. Sie rief die Fahrt über Salzburg und Villach in Erinnerung und sprach über das Frühstück, das an einer Autobahnraststätte eingenommen wurde. Von dort aus ging die Fahrt entlang des Kanaltales mit seiner Hauptstadt Udine weiter ins italienische Landesinnere. Zu Mittag servierte der Busschaffeur Würstel und Gebäck. Nach diesem Halt ging es vorerst nach Ferrara. Diese Stadt ist im frühen Mittelalter entstanden und gehört daher zu den wenigen italienischen Großstädten, die nicht auf eine Gründung durch die Römer zurückblicken kann. Da es während der Fahrt gehörig zu regnen begonnen hatte, wurde auf den üblichen Stadtrundgang verzichtet.
Die verschiedenen großartigen Gebäude konnten daher nur vom Bus aus bestaunt werden. Lediglich beim mächtigen Castello Estense gab es eine Möglichkeit für den Bus zu parken. Dieses lag im Zentrum der Stadt und ist das Wahrzeichen von Ferrara. Das Castello wurde im 14. Jahrhundert, nämlich im Jahr 1385, erbaut und die viertürmige Wasserburg war die Residenz der damals herrschenden Adelsfamilie Este. Besonders beeindruckend waren die Wassergräben des Schlosses, das auch Castello di San Michele genannt wird und zu dem man nur über zwei Brücken gelangt. Durch das Geschlecht der Este wurde Ferrara zu einem bedeutenden kulturellen und politischen Zentrum in Europa. Dort befand sich auch die Kunstsammlung des Adelsgeschlechtes, welches auch als Förderer vieler namhafter Künstler bekannt war. Herbert hätte gerne die Ausstellung im Inneren besucht, aber leider war die Zeit des Aufenthaltes für einen Rundgang zu kurz. Lediglich ein paar Gemälde, die von außen zu bestaunen waren, beeindruckten ihn. Das Schloss, das auch die Funktion einer Burg hatte, ist ein Juwel der Architektur aus der Zeit der Renaissance, die dem Mittelalter folgte. Einige wenige Personen, unter ihnen auch Christine, folgten der Reiseleiterin zum Dom. Diese kamen dann stark durchnässt wieder zum Bus zurück. Herbert, der ja nicht zum Dom mitgegangen war und der fast trocken bis zum Autobus gekommen war, wurde kurz bevor er einsteigen konnte, von einem Autofahrer, der viel zu schnell durch eine Wasserlacke unterwegs war, mit einem Schwall Regenwasser aus einer Pfütze begossen. Wie ein nasser Pudel stieg er in den Bus, aber sein Gewand trocknete in kurzer Zeit.
Danach führte der letzte Reiseabschnitt des Tages nach Bologna, wo etwas außerhalb der Stadt das Viersternehotel Admiral lag, in dem die Reisenden die ersten vier Tage verbrachten. Nachdem sie ihr Gepäck auf die Zimmer gebracht hatten, ging es zum Abendessen, das wie auch in den nächsten Tagen vorzüglich schmeckte. Am nächsten Morgen ging die Fahrt in das Zentrum der Stadt, wo der Bus in der Nähe des Hauptbahnhofes parken konnte. Bologna ist die Hauptstadt der Region Emilia Romagna und die siebtgrößte Stadt Italiens. Diese wurde von den Römern gegründet und entwickelte sich im Lauf der Geschichte zu einer Kolonie und einer Kleinstadt mit römischem Bürgerrecht und Selbstverwaltung. Heute zählt die Stadt rund 390.000 Einwohner. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht sagen, da rund um den Bahnhof und in den Parks jede Menge Fremde – ob legal oder illegal eingewandert – herumlungerten. Im Mittelalter wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Bau von Arkadengängen vorschrieb, die rund vierzig Kilometer lang sind. Diese sollten gewährleisten, dass die Einwohner bei Regen oder großer Hitze geschützt durch die Stadt gehen konnten. Ohne viele Erklärungen führte die Reiseleiterin durch diese Arkaden bis zum Neptunplatz, wo sie zum ersten Mal einen Halt einlegte. Hier verabschiedete sich Herbert von Christine und umrundete zuerst den Platz, in dessen Mitte eine große Neptunstatue auf einem Sockel stand. Danach setzte er sich in ein Kaffeehaus und bestellte einen Cappuccino und ein kleines Dessert. In der unmittelbaren Nähe des Cafés sang ein Straßenmusikant italienische Lieder. Zusätzlich gab er einige bekanntere Songs in englischer Sprache zum Besten. Dies nutzten einige junge Frauen, um fröhlich über den Platz zu tanzen, und Herbert musste dabei an eine Liedzeile einer steirischen Musikgruppe denken, in der von einer Überdosis Gefühl die Rede ist.
Denn so empfand er die Situation und so liebte er es; nämlich irgendwo zu sitzen und das ganze Leben einzusaugen. Das machte ihn besonders glücklich. Ob er jetzt in einer Stadt ein paar Gebäude mehr oder weniger sah, machte ihm nichts aus, aber eine fröhliche und belebte Stimmung einzufangen, das liebte er auf seinen Reisen. Und wie schon der Dichter Johann Wolfgang von Goethe gesagt hat, erlebt der Mensch die wahre Bildung nur auf Reisen. Neben den Sehenswürdigkeiten wie dem Palazzo del Podestà, der Basilika San Petronio und der Universität mit dem Amphitheater ist Bologna auch für seine Tortellini und Tagliatelle bekannt. Nachdem er sich an der Stimmung am Neptunplatz sattgesehen und -gefühlt hatte, rief Herbert Christine, die mit der Reisegruppe noch zum Dom gegangen war, an und sie trafen sich wie vereinbart in einer kleinen Bar, um zu Mittag eine Kleinigkeit zu essen. Danach ging es wieder zum Bus. Als sie im Hotel angekommen waren, gingen sie ins Zimmer, um danach mit ihren Badesachen mit dem Lift in den dritten Stock zum überdachten Pool zu fahren, wo sie ein paar Längen schwimmen wollten.
…
Es war Ende März, als sich Erwin und Herbert bei schönem Wetter im Weingarten des Gärtnermeisters trafen. Sie hatten ihre Klappsessel mitgebracht und saßen in Erwins Riede auf dem Tausendeimerberg zwischen den Weinstöcken. Manche Leser erinnern sich vielleicht daran, dass sich schon vor einiger Zeit Stefan, Herbert und Peter in Zöbing getroffen hatten, um auf die dortige Aussichtswarte zu wandern. Erwin hatte ein besonderes Anliegen, über das er mit Herbert reden wollte. Denn schon lange beschäftigte ihn der Gedanke, wie es mit seiner Gärtnerei weitergehen sollte. Er hatte im vorigen Jahr seinen fünfundsechzigsten Geburtstag gefeiert und dachte nun daran, sich zur Ruhe zu setzen. Zwar gab es noch keinen Nachfolger für den Betrieb, aber der Gartenbaufachschüler, der vor einigen Jahren bei der Arbeit mitgeholfen hatte, als Herberts Cousin die Gärtnerei für einige Wochen betreute, zeigte Interesse, den Betrieb auf Leibrente zu übernehmen. Der Schüler hatte damals im Sommer im Gartenbaubetrieb mitgeholfen, als Erwin und Renate in den Norden nach Schweden und Norwegen fuhren, und war nun seit zwei Jahren fest in der Gärtnerei angestellt.
Der Gärtnermeister ließ seinem Angestellten viel Freiraum, fragte ihn öfter um Rat und besprach mit ihm etwaige Änderungsvorschläge. Denn der junge Mann war fleißig und brachte sich mit voller Kraft in die täglichen Arbeitsschritte ein. Und natürlich war auch sein Fachwissen auf dem neuesten Stand, denn er hatte die Schule mit Auszeichnung abgeschlossen. Es war eindeutig, dass er ganz sicher nicht zu denen gehörte, die ihre Faulheit mit ihrer Sorge um eine Work-Life-Balance kaschieren wollten. Und Roland, so hieß der Absolvent der Gartenbaufachschule, wusste genau, dass er nach einer etwaigen Übernahme des gut gehenden Gartenbaubetriebes mit einer Vierzigstundenwoche nicht auskommen würde, um die Gärtnerei gewinnbringend zu führen. Erwin war dies alles bewusst und doch hegte er Zweifel, ob er schon jetzt die Gärtnerei übergeben sollte. Deshalb wollte er mit Herbert, der ja auch vom Fach war, über diese schwerwiegende Entscheidung reden. Die gärtnerische Tätigkeit seines Freundes lag zwar schon länger zurück, aber er hatte in der Zeit, als Erwin seinen Unfall hatte, tatkräftig bewiesen, dass er noch immer – wenn auch nur für kurze Zeit – einen Betrieb führen konnte. Nach seinem Autounfall vor einigen Jahren hatte sich der Gärtnermeister nämlich für längere Zeit nicht um seinen Betrieb kümmern können.
Für den Betriebsinhaber war aber klar, dass er selbst weiter seine Weingärten bearbeiten wollte, solange er körperlich dazu in der Lage war. Auch wenn seine Rebstöcke ihn nicht ernähren konnten, denn so groß waren seine Rieden nicht, so hing er viel mehr an den Rebstöcken als an seiner Gärtnerei. Diese aber war es gewesen, die es ihm ermöglicht hatte, ein zwar arbeitsreiches, aber doch gutes Auskommen für Renate und ihn zu sichern. Denn er hatte immer nach dem Wahlspruch, dass der, der nicht arbeiten will, auch nicht essen soll, gelebt. Erst viel später in seinem Leben, nämlich nachdem er Jesus Christus sein Leben anvertraut hatte, fand er heraus, dass dieser Ausspruch sich im Neuen Testament, in einem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Thessalonich, fand. Erwin hatte dieses Anliegen, seine Gärtnerei zu verpachten, schon oftmals vor Gott im Gebet gebracht, trotzdem war es ihm ein Bedürfnis, auch mit Herbert darüber zu reden.
Da es Erwin aber schwerfiel, Herbert sofort sein Anliegen zu unterbreiten, begann er diesen zu befragen, ob er sich auch im Weinbau auskenne. In der Zeit, als ich die Fachschule besuchte, meinte der Freund, habe ich manchmal in einem Weinbaubetrieb, vor allem bei der Weinlese und den danach anfallenden Arbeiten, mitgearbeitet. Dabei konnte ich etwas Geld verdienen, das ich in dieser Zeit gut gebrauchen konnte. Aber bei der Arbeit im Spätwinter, nämlich dem Beschneiden der Reben, habe ich nie mitgearbeitet, meinte Herbert, denn das erledigten die Winzer und ihre Angehörigen meist selbst. Denn viele der Besitzer haben ein so vertrautes Verhältnis zu ihren Weinstöcken, meinte Erwin dazu, dass sie diese Arbeit gerne selbst ausführen. Denn an dem richtigen Rebschnitt hängt die ganze Ernte. Natürlich kann es auch während der Vegetationsperiode zu gravierenden Schäden kommen, aber auf dem richtigen Umgang mit der Rebschere beruht das Maß der Ernte. Es darf nämlich nicht zu viel oder zu wenig herausgeschnitten werden, und man muss vor allem die richtigen Reben entfernen. Dies erfordert eine große Sachkenntnis und viel Fingerspitzengefühl.
Zwischendurch packten die beiden Speck und Brot aus und labten sich mit einem Gespritzten, auch Weinschorle genannt, aus Pappbechern. Erwin erklärte dabei, dass die hier wachsenden Trauben zu einem Riesling verarbeitet werden und beschrieb, welche Besonderheiten und Ansprüche diese Rebsorte auszeichnen. Weiters sprach er über die Weinbaukultur in einer Hanglage, über den besonderen Reifegrad, aber auch über die Schwere der Arbeit, die eine solche extreme Lage mit sich bringt. Denn Maschineneinsatz ist bei solchen Hanglagen ziemlich schwierig oder manchmal auch gar nicht möglich. Herbert waren solche Lagen auch in der Wachau und im Rhein-Mosel-Gebiet bekannt. Besonders erinnerte er sich an die Hänge, von denen er vor vielen Jahren auf den Genfer See geblickt hatte. Diese lagen in der Nähe der Stadt Lausanne, in deren Nähe er einige Monate in der christlichen Gemeinschaft L’Abri verbrachte, die sein Leben tief geprägt hatte. In diesen Weingärten war noch die alte Stockkultur verbreitet, wobei die Reben jeweils kurz über dem Boden zum Verzweigen gebracht und an einen Stock gebunden werden. Denn die Reben sollen bei dieser Art des Weinbaus nach oben wachsen und werden nicht wie bei der heutigen Weinbaumethode an Drähten entlang festgebunden. Diese Art der Stockkultur gehört zur ältesten Technik des Weinbaus und wurde schon von den Römern im 1. Jahrhundert genutzt. Als sich die beiden so warmgeredet hatten, brachte Erwin endlich sein Anliegen vor. Herbert überlegte längere Zeit, und nach einem weiteren Gespritzten empfahl er seinem Freund, sich die Für und Wider zu überlegen und diese getrennt auf einen Zettel zu schreiben, um eine klare Entscheidungshilfe zu haben. Denn eine solche Entscheidung durfte und sollte nicht auf einmal getroffen werden, sondern brauchte Zeit.
Wenn ich mich entscheiden müsste, so würde ich die Gelegenheit beim Schopf packen und, sollte die finanzielle Seite zur Zufriedenheit geklärt werden, dem jungen Mann eine Chance geben, meinte Herbert. Falls er damit einverstanden ist, kannst du ja noch immer ein Auge auf die Entwicklung des Betriebes haben und bei Gefahr unterstützend eingreifen. Dies würde ich mit dem Pächter vor der Übergabe vereinbaren. Falls du Hilfe bei den finanziellen Entscheidungen brauchst, da kannst du auf mich zählen, meinte der Freund. Und ich würde dir den guten Rat geben, die Übergabe mit deiner Interessenvertretung, der Landwirtschaftskammer, zu besprechen. Diese hat sicher viel Erfahrung bei der Weitergabe von Betrieben. Zum Abschluss des Gespräches beteten die beiden noch und brachten ihre Anliegen vor Gott. Für Herbert war es eine besondere Erfahrung, in einem Weingarten zu beten, denn während des Gebetes erinnerte er sich an zwei Stellen im Neuen Testament, die er mit Erwin teilte:
Ich bin der wahre Weinstock
und mein Vater ist der Weingärtner.
Jede Rebe an mir,
die keine Frucht bringt,
schneidet er ab, und jede Rebe,
die Frucht bringt, reinigt er,
damit sie mehr Frucht bringt.
(Johannesevangelium 15:1)
Bleibt in mir, dann bleibe ich
in euch. Wie die Rebe aus sich
heraus keine Frucht bringen kann,
sondern nur, wenn sie am Weinstock
bleibt, so könnt auch ihr
keine Frucht bringen, wenn
ihr nicht in mir bleibt.
(Kap. 15:4)
Herbert ließ das Wort Gottes aus dem Johannesevangelium einige Zeit wirken und meint dann: Jesus kam nicht in diese Welt, um eine neue Religion mit Zeremonien, neuen Verpflichtungen, Riten oder starren Prinzipien zu gründen. Deren gibt es ja schon genug. Auch geht es dabei nicht um die Mitgliedschaft in einer Vereinigung oder Kirche. Noch soll aus dem Leben einer christlichen Gemeinschaft herausgelesen werden können, zu welcher Zeit sie entstanden ist; sei es das Mittelalter, die Zeit der Reformation oder irgendein voriges Jahrhundert. Noch sollen Christen durch ihr äußeres Leben oder ihre Kleidung zeigen, dass sie wie ein christliches Freilichtmuseum Zeugen einer vergangenen Zeit sind. Jesus hingegen wollte die Menschen freimachen von ihren Gebundenheiten, die durch Schuld und Sünde entstanden sind. Er wollte die Kluft, die zwischen Gott und jedem Menschen besteht, durch seinen Tod am Kreuz überbrücken und Frieden mit Gott bringen. Um seinen Jüngern dies klarzumachen, führte er sie nicht in den Tempel in Jerusalem, sondern in einen Weinberg und sprach klar die oben angeführten Worte. Damit brachte er kurz vor seinem Leiden, das ihn ans Kreuz brachte, folgende Wahrheit zum Ausdruck:
Nicht ihr habt mich erwählt,
sondern ich habe euch erwählt.
Ich habe euch dazu bestimmt,
hinzugehen und Frucht zu bringen;
Frucht, die Bestand hat.
(Johannes 15:16)
Die beiden Freunde blieben noch einige Zeit im Weingarten, wobei Erwin seinem Freund genau erklärte, wie er die Weinstöcke vor zwei Wochen beschnitten hatte. Danach wanderten die beiden zu einem Heurigen am Fuß des Heiligensteins und stärkten sich mit kaltem Schweinsbraten und einem Achterl Grünen Veltliner. Sie sprachen immer noch über den Weingarten und die passenden Worte aus dem Neuen Testament. Da hatte Erwin plötzlich eine zündende Idee, die er sofort mit Herbert teilte. Wie wäre es, sagte er, wenn wir gemeinsam einen Vortrag halten und dazu die Winzer der Umgebung einladen. Ich – so meinte er – spreche über die biologischen Aspekte der Weinstöcke und Reben und du könntest ja die Worte aus dem Evangelium des Johannes, die du zitiert hast, näher erklären. So wäre es uns möglich, die Wahrheit Gottes klar und verständlich weiterzugeben, indem wir auf die Wirklichkeit des Lebens eines Winzers Bezug nehmen. Im ersten Moment war Herbert sprachlos, dann meinte er, dass er dies für eine sehr gute Idee halte, war aber dann einschränkend der Meinung, dass dieses Vorhaben erst noch mit dem Hauskreisleiter, den er ja bereits kennengelernt hatte, besprochen werden sollte.
Herbert dachte, dass dies sein Freund beim nächsten Zusammentreffen des Hauskreises vorbringen werde, aber dieser sprang sofort auf, nahm sein Smartphone und ging vor das Lokal, um zu telefonieren. So begeistert war Erwin von seiner Idee, dass er die Sache gleich erledigen wollte. Freudestrahlend kehrte er zum Tisch zurück und erzählte, dass auch Günter dieses Anliegen unterstützen wolle. Das bedeutet, meinte der Freund, dass wir uns nun gemeinsam vorbereiten müssen. Da sagte Herbert zu Erwin: Falls du den Betrieb übergeben willst, so wirst du auch in deiner Pension sicherlich ein erfülltes Leben finden. Denn er war der Meinung, dass Erwin bei der gemeinsamen Vorbereitung viel über die Wahrheit Gottes lernen werde und vielleicht den Vortrag in weiterer Folge allein und öfter in verschiedenen Gegenden, in denen Weinbau betrieben wird, halten könne. Aber zuerst solltest du dir darüber im Klaren sein, wie es mit dem gut gehenden Gartenbaubetrieb weitergehen soll, meinte er abschließend. Erwin sagte dazu, dass er noch einige Angelegenheiten klären müsse, aber er hoffe, in den nächsten drei Wochen eine Entscheidung treffen zu können. Falls ich bald einen Termin bei meiner gesetzlichen Interessenvertretung bekomme, dann kann ich diese Frist sicherlich einhalten, meinte er abschließend.
Na, dann bis in drei Wochen, sagte Herbert, aber falls du noch weitere Fragen hast, kannst du mich jederzeit anrufen. Und denk an die beiden Listen für die Für und Wider deiner Überlegungen, rief er dem Freund noch nach, als dieser ins Auto stieg. Und so war es auch. Die Gespräche zwischen dem Inhaber der Gärtnerei und seinem Nachfolger verliefen alle harmonisch und zur vollen Zufriedenheit beider Geschäftspartner. Auch hatte Erwin bald einen Gesprächstermin bei der Landwirtschaftskammer, die ihn in allen Belangen mit Rat und Tat unterstützte. Was noch ausständig blieb, war die Vertragsunterzeichnung bei einem Notar, dessen Honorar Erwin übernehmen wollte.
Emilia Romagna
Als die zwölf Reisenden der über vierzig Personen starken Reisegruppe bei ihrem letzten Abendessen im Hotel, in dem sie vier Nächte verbracht hatten, gemütlich beisammensaßen, da riefen sie sich die Ereignisse der letzten Tage noch einmal in Erinnerung. Sie dachten an die vielen wunderbaren Gebäude, die sie besichtigt hatten, und an die beiden Veranstaltungen, bei denen sie viel Interessantes und Wissenswertes über die Produktion von Balsamicoessig und Parmesan erfahren hatten. Natürlich wurden diese Produkte am Schluss der Vorträge beworben und zum Verkauf angeboten. Aber wer über diese Vorgehensweise Bescheid wusste, der kaufte vielleicht eine Kleinigkeit als Andenken oder als Mitbringsel, ließ sich aber nicht zu einem Kaufrausch verleiten.
Da Christine und Herbert diesmal als die einzigen aus der Gruppe der Freunde an der Reise in die kunst- und geschichtsträchtige Emilia Romagna teilnahmen, hatten sie natürlich viel mehr Kontakt zu den anderen Reisegästen. Auch am Tisch selbst hatten sich einige Grüppchen gebildet. Christine sprach als Erste und erzählte von der Abreise am Sonntag um vier Uhr dreißig am frühen Morgen. Sie rief die Fahrt über Salzburg und Villach in Erinnerung und sprach über das Frühstück, das an einer Autobahnraststätte eingenommen wurde. Von dort aus ging die Fahrt entlang des Kanaltales mit seiner Hauptstadt Udine weiter ins italienische Landesinnere. Zu Mittag servierte der Busschaffeur Würstel und Gebäck. Nach diesem Halt ging es vorerst nach Ferrara. Diese Stadt ist im frühen Mittelalter entstanden und gehört daher zu den wenigen italienischen Großstädten, die nicht auf eine Gründung durch die Römer zurückblicken kann. Da es während der Fahrt gehörig zu regnen begonnen hatte, wurde auf den üblichen Stadtrundgang verzichtet.
Die verschiedenen großartigen Gebäude konnten daher nur vom Bus aus bestaunt werden. Lediglich beim mächtigen Castello Estense gab es eine Möglichkeit für den Bus zu parken. Dieses lag im Zentrum der Stadt und ist das Wahrzeichen von Ferrara. Das Castello wurde im 14. Jahrhundert, nämlich im Jahr 1385, erbaut und die viertürmige Wasserburg war die Residenz der damals herrschenden Adelsfamilie Este. Besonders beeindruckend waren die Wassergräben des Schlosses, das auch Castello di San Michele genannt wird und zu dem man nur über zwei Brücken gelangt. Durch das Geschlecht der Este wurde Ferrara zu einem bedeutenden kulturellen und politischen Zentrum in Europa. Dort befand sich auch die Kunstsammlung des Adelsgeschlechtes, welches auch als Förderer vieler namhafter Künstler bekannt war. Herbert hätte gerne die Ausstellung im Inneren besucht, aber leider war die Zeit des Aufenthaltes für einen Rundgang zu kurz. Lediglich ein paar Gemälde, die von außen zu bestaunen waren, beeindruckten ihn. Das Schloss, das auch die Funktion einer Burg hatte, ist ein Juwel der Architektur aus der Zeit der Renaissance, die dem Mittelalter folgte. Einige wenige Personen, unter ihnen auch Christine, folgten der Reiseleiterin zum Dom. Diese kamen dann stark durchnässt wieder zum Bus zurück. Herbert, der ja nicht zum Dom mitgegangen war und der fast trocken bis zum Autobus gekommen war, wurde kurz bevor er einsteigen konnte, von einem Autofahrer, der viel zu schnell durch eine Wasserlacke unterwegs war, mit einem Schwall Regenwasser aus einer Pfütze begossen. Wie ein nasser Pudel stieg er in den Bus, aber sein Gewand trocknete in kurzer Zeit.
Danach führte der letzte Reiseabschnitt des Tages nach Bologna, wo etwas außerhalb der Stadt das Viersternehotel Admiral lag, in dem die Reisenden die ersten vier Tage verbrachten. Nachdem sie ihr Gepäck auf die Zimmer gebracht hatten, ging es zum Abendessen, das wie auch in den nächsten Tagen vorzüglich schmeckte. Am nächsten Morgen ging die Fahrt in das Zentrum der Stadt, wo der Bus in der Nähe des Hauptbahnhofes parken konnte. Bologna ist die Hauptstadt der Region Emilia Romagna und die siebtgrößte Stadt Italiens. Diese wurde von den Römern gegründet und entwickelte sich im Lauf der Geschichte zu einer Kolonie und einer Kleinstadt mit römischem Bürgerrecht und Selbstverwaltung. Heute zählt die Stadt rund 390.000 Einwohner. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht sagen, da rund um den Bahnhof und in den Parks jede Menge Fremde – ob legal oder illegal eingewandert – herumlungerten. Im Mittelalter wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Bau von Arkadengängen vorschrieb, die rund vierzig Kilometer lang sind. Diese sollten gewährleisten, dass die Einwohner bei Regen oder großer Hitze geschützt durch die Stadt gehen konnten. Ohne viele Erklärungen führte die Reiseleiterin durch diese Arkaden bis zum Neptunplatz, wo sie zum ersten Mal einen Halt einlegte. Hier verabschiedete sich Herbert von Christine und umrundete zuerst den Platz, in dessen Mitte eine große Neptunstatue auf einem Sockel stand. Danach setzte er sich in ein Kaffeehaus und bestellte einen Cappuccino und ein kleines Dessert. In der unmittelbaren Nähe des Cafés sang ein Straßenmusikant italienische Lieder. Zusätzlich gab er einige bekanntere Songs in englischer Sprache zum Besten. Dies nutzten einige junge Frauen, um fröhlich über den Platz zu tanzen, und Herbert musste dabei an eine Liedzeile einer steirischen Musikgruppe denken, in der von einer Überdosis Gefühl die Rede ist.
Denn so empfand er die Situation und so liebte er es; nämlich irgendwo zu sitzen und das ganze Leben einzusaugen. Das machte ihn besonders glücklich. Ob er jetzt in einer Stadt ein paar Gebäude mehr oder weniger sah, machte ihm nichts aus, aber eine fröhliche und belebte Stimmung einzufangen, das liebte er auf seinen Reisen. Und wie schon der Dichter Johann Wolfgang von Goethe gesagt hat, erlebt der Mensch die wahre Bildung nur auf Reisen. Neben den Sehenswürdigkeiten wie dem Palazzo del Podestà, der Basilika San Petronio und der Universität mit dem Amphitheater ist Bologna auch für seine Tortellini und Tagliatelle bekannt. Nachdem er sich an der Stimmung am Neptunplatz sattgesehen und -gefühlt hatte, rief Herbert Christine, die mit der Reisegruppe noch zum Dom gegangen war, an und sie trafen sich wie vereinbart in einer kleinen Bar, um zu Mittag eine Kleinigkeit zu essen. Danach ging es wieder zum Bus. Als sie im Hotel angekommen waren, gingen sie ins Zimmer, um danach mit ihren Badesachen mit dem Lift in den dritten Stock zum überdachten Pool zu fahren, wo sie ein paar Längen schwimmen wollten.
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