Cover: Nicht woher, sondern wohin

Nicht woher, sondern wohin
Wie Bildung mir eine Zukunft im vereinigten Deutschland ermöglichte


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-7116-1548-0
Erscheinungsdatum: 17.03.2026
Eine wahre Aufstiegsgeschichte: vom jemenitischen Dorfkind zum Apotheker in Deutschland. Humorvoll, berührend und voller Hoffnung – ein Buch über Mut, Bildung und die Kraft, sein Leben neu zu gestalten.
Das verborgene Dorf –
Wo die Sterne unseren Namen kaum kannten


Einst, in einem Dorf, das so verborgen lag, dass selbst die Sterne seinen Namen kaum flüsterten, kam ich zur Welt. Assuweida hieß das Dorf – ein Nest aus sechs Häusern, das sich an den Rücken eines gewaltigen Berges schmiegte, es aber trotzdem als Geburtsort in meinen Pass schaffte. Dort, wo die Erde abrupt endete und die Tiefe begann, lag eine Klippe, ungezähmt und frei, ohne Schutz, ohne Grenzen.
Diese Klippe kannte ich gut, kannte jeden Fels, jede Wurzel, die sich aus der steinernen Wand reckte. Ich wusste, wie tief sie reichte, denn als Kind hatte ich sie mit meinen eigenen Füßen gemessen. Der Ball flog, wie von Geisterhand, über den Rand hinaus, tanzte im Wind und verschwand in den Tiefen. Ich als der Jüngste, der Kleinste, durfte in keiner Mannschaft sein. Ich hatte meine eigene Aufgabe: den Ball zurückzuholen.
Vorsichtig tastete ich mich hinab, Schritt für Schritt, in eine Welt, die schräg verlief; Terrassen nannten wir diese steilhohen, abgetrennten Felder im Jemen, auf denen Qat wuchs. Der Abgrund lauerte, doch er war nicht vollkommen gnadenlos – er ließ mich klettern, ließ mich atmen, ließ mich zurückkehren.
Vielleicht waren es dreihundert Meter, vielleicht weniger, doch in den Augen eines Kindes erstreckt sich die Welt größer, weiter, unermesslicher. Und so ist es geblieben – ein Bild in meiner Erinnerung.

Unser Dorf war wie eine Familie, ein ineinander verwobenes Geflecht aus Menschen, die ihr Leben teilten, ihre Sorgen und Freuden. Wir waren nicht mit den anderen verwandt, aber die anderen waren untereinander verwandt. Unser Heim lag ein wenig abseits, eine schlichte Behausung aus Sandstein, erbaut von den Händen meines Großvaters, erweitert von meinem Vater. Man durfte überall dort ein Haus bauen, wo man Grund besaß. Also entschloss sich unser Großvater, sein Haus auf seinem Grund in der Nähe seiner Nachbarn zu errichten. Ein Weg verband unser Haus mit den anderen fünf Häusern.

Unser Haus bestand aus zwei Räumen und einem Durchgang, jeder mit seiner eigenen Bestimmung. Von der Tür aus trat man in einen offenen Flur, der sich wie ein ruhiger Strom durch das Gebäude schlängelte. Zur einen Seite öffnete sich die Küche, ein Raum des Duftes und der Geselligkeit, in dem das Leben seine Aromen entfaltete. Es war auch unser Schlafraum – nicht nur für mich, sondern für uns alle. Mein Vater, meine Mutter, meine zwei Schwestern, meine zwei Brüder und ein weiterer Bruder, wenn er uns besuchte, der fern in Saudi-Arabien lebte, den ich erst viel später kennenlernen sollte. In der Ecke dieses Raumes war das Bad – keine Wände, keine Rohre, nur ein Platz, an dem sich meine Eltern mit Kannen Wasser über den Kopf gossen. Unsere Toilette war draußen – die Natur selbst. Wenn wir unser Geschäft verrichten mussten, gingen wir hinaus, suchten uns einen Platz zwischen den Felsen. „Das stinkt sonst hier drinnen!“, sagten meine Eltern.
Der zweite Raum gehörte unseren Tieren. Ochsen, Kühe und Ziegen fanden hier Schutz, und in einer Ecke stand der Backofen aus Lehm, der unser Brot backte, das Feuer, das unseren Tee zum Sieden brachte.

Später baute mein Vater ein kleines Nebenhaus für Gäste – ein winziges Refugium, ganz anders als unser Hauptgebäude, wo die Tür stets verschlossen wurde, um wilde Tiere wie Füchse, Hyänen oder gar monströse Gestalten draußen zu halten. Dieses Nebenhaus, ein einzelnes, bescheidenes Zimmer, bot gerade genug Raum, um darin zu schlafen.

Als ich etwa sieben, acht Jahre alt war, durfte ich nicht länger bei meiner Mutter schlafen – sie fand, dass ich zu groß wurde. So zog ich in dieses kleine Haus, auf der Suche nach Ruhe und einem Ort, an dem ich mein eigener Chef sein konnte. In diesem Zimmer stand ein kleines Bett, neben einer leichten Erhebung der Erde, die zu einer Sitzmöglichkeit verarbeitet wurde. Doch das Bett war hart und unnachgiebig, bestückt mit einer Matratze, die so dünn war, dass ich jeden Druck und jede Bewegung spüren konnte.

Das Bett bestand aus einfachen Holzbalken, die auf vier Stelzen ruhten. In der Mitte waren feine Bambuszeilen kunstvoll gekreuzt – aus Bambus gefertigte Seile, die das Bett zusammenhielten. Man konnte es kaum als das komfortable Bett bezeichnen, das man aus Deutschland kennt; selbst als kleines Kind ragten meine Füße oft über das Ende hinaus. Daher zog ich es vor, auf der erhöhten Kante, direkt neben dem Bett, zu schlafen.

In diesem kleinen Haus gab es auch eine Ecke zum Waschen – keine Toilette, sondern nur einen Bereich, wo Wasser heraussprudelte. Anstelle von Öllampen hatten wir Kerzen, und ich machte es zur Gewohnheit, sie vor dem Schlafengehen auszumachen. Sobald die Dunkelheit hereinbrach, hörte ich in der Stille die leisen Geräusche, als würden sich Dinge im Raum bewegen. Das Gebäude selbst war ein eigenes kleines Ökosystem. Im Mauerwerk und auf dem Dach lebten allerlei Tiere: Schlangen, Ratten, Eidechsen und Spinnen fanden hier Unterschlupf. Das Dach bestand aus aneinandergereihten Holzbalken – von gefällten Bäumen, kunstvoll nebeneinandergelegt, überzogen mit kleinen Ästen und schließlich mit einer Schicht Erde bedeckt. Während mich Ratten, Eidechsen oder Spinnen kaum störten, war da eine Kreatur, vor der ich als Kind unheimliche Angst hatte: die Schlange.
Schon früh hatte man mir eingetrichtert: „Pass auf, dass dich keine Schlange beißt.“ Diese Warnung hallte in mir nach und wuchs mit jedem Jahr. Wenn ich nachts in meinem kleinen Bett lag, hielt ich den Atem an, und mein Herz schlug schneller, wenn ich das leise Rascheln hörte oder in der Dunkelheit eine Bewegung vermutete. Oft stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn eine Schlange – ihre schimmernden Schuppen im Schein des Mondlichts – sich auf meinen Körper legen würde. Der Gedanke allein ließ mein Herz fast stehen bleiben.
So lag ich manchmal regungslos auf der erhöhten Kante, in der Hoffnung, dass die Schlange an mir vorbeiziehen würde. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich in der Sonne einmal eine Schlange sah, deren Haut im Licht funkelte – ein Bild, das sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt hat.
Glücklicherweise wurde ich nie von einer Schlange gebissen. Ich habe sie auch niemals provoziert, sondern war stets in größter Vorsicht.


Einen genauen Geburtstag kann ich nicht nennen, denn in meiner Heimat gab es keine Urkunden, keine Papiere, die das Leben mit Zahlen festhielten. Es gab nur die Erinnerung, die Geschichten und das eine Buch, das mein Vater besaß – den Koran. Darin, zwischen den Versen, notierte er die Geschehnisse unserer Familie, die Geburten seiner Kinder, das Kommen und Gehen der Jahre. Was er schrieb, war schwer zu entschlüsseln, denn das Schreiben war ihm fremd. Lesen konnte er ein wenig, genug, um die Worte Gottes zu erkennen. Seine eigenen Gedanken hielt er mit einer Tinte fest, die er selbst herstellte. Aus Ruß, gewonnen aus den Flammen der Öllampen, mischte er mit Wasser eine dunkle Essenz. Sie ruhte, zog ihre Kraft aus der Zeit, und mit einem schlichten Papyruszweig formte er Zeichen, unbeholfen, doch voller Bedeutung: „Mohammed, in den goldenen Schatten der Hijri-Jahre“. Mein Geburtstag, so sagt es die Umrechnung späterer Jahre, ist offiziell der 7. November 1964.


Meine Mutter ist ein unglaublich liebevoller Mensch. Sie hieß Amina. Ihre Hingabe an uns Kinder war absolut, und man spürte das in allem, was sie tat. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich nicht in Deutschland – aber das ist eine andere Geschichte. Sie wurde nie wirklich wütend. Natürlich konnte sie laut werden, schimpfen oder uns antreiben, aber es war nie aus Zorn. Es war einfach ihre Art zu sprechen.
Sie gab mir immer den gleichen Rat mit auf den Weg: „Pass auf dich auf. Wenn dir etwas passiert, wird es mich umbringen.“ Es war keine leere Floskel, keine Übertreibung – sie meinte es genau so, wie sie es sagte. Ich wusste, dass sie mich liebte, mit einer Liebe, die nichts zurückhielt, die bedingungslos war, aber auch von Sorgen durchtränkt. Wenn ich draußen unterwegs war, auf dem Feld mit meiner Schwester oder hoch oben in den Bäumen, dann achtete ich nicht nur um meiner selbst willen darauf, nicht zu stürzen. Ich tat es vor allem ihretwegen. Ich wollte nicht, dass sie weinte, wollte nicht, dass ihre Sorge, die schon so tief in ihren Augen lag, sich bewahrheitete.
Ich schlief bei ihr, bis ich in die Schule kam. In ihrem Bett lag ich, eingehüllt in die Wärme ihrer Nähe, eingewoben in das Gefühl von Sicherheit. Ich konnte ihren Atem hören, manchmal auch spüren, wenn sie sich zu mir drehte, und es war das Beruhigendste, was es für mich gab. Und wenn ich krank war oder es mir nicht gut ging, dann tat sie etwas, das mir mehr Trost gab als alles andere: Sie band eine Hängematte aus Baumwolle an ihr Bett und legte mich hinein. Dann lag sie da, streckte ihr Bein aus, schob ihren Fuß in die Hängematte und bewegte sie sanft hin und her. Dieses gleichmäßige Schaukeln, immer im selben Rhythmus, ließ mich langsam in den Schlaf gleiten. Ich fühlte mich, als würde ich schwerelos über dem Boden schweben, getragen von ihr, ohne dass sie mich wirklich berührte.
Damals war ich klein und leicht, das Bett blieb standhaft, egal, wie oft sie die Hängematte bewegte. Heute, wenn ich daran denke, muss ich schmunzeln – inzwischen würde das Bett wohl kippen. Aber damals spielte das keine Rolle. Damals war alles genau so, wie es sein sollte. Meine Mutter liebte nicht nur mit Worten, sondern mit jeder Faser ihres Körpers, mit ihren Händen, mit ihren Füßen, mit all ihrer Fürsorge. Und nicht nur mich, sondern uns alle.

Ich war oft krank als Kind, aber eine Erinnerung hat sich mir besonders tief eingeprägt – die Zeit, als ich Röteln bekam. Damals wusste ich nicht, was es war, nur dass mein ganzer Körper brannte, überzogen von roten Flecken, fiebernd, schwach. Es war eine dieser Krankheiten, die das Dorf heimsuchten wie ein lautloser Sturm. Nicht nur ich lag im Fieber, sondern auch viele andere Kinder. Manche erholten sich, andere nicht. Ich erinnere mich daran, wie die Nachrichten über verstorbene Kinder die Runde machten, und meine Mutter machte sich nun natürlich extra Sorgen.
Es gab keine Impfungen, keine Medizin. Meine Mutter wusste nicht, was sie tun sollte, aber sie konnte nicht untätig bleiben. In einem Akt der Verzweiflung nahm sie frische Kuhmilch, sprühte sie sanft auf meine fieberheiße Haut, massierte sie ein, besonders dort, wo die Flecken noch nicht so stark waren.
Ich erinnere mich an das Gefühl der Milch auf meiner Haut – kühlend, beruhigend. Doch nicht nur die Milch blieb mir im Gedächtnis, sondern auch die Fliegen. Die süße Flüssigkeit lockte sie an, sie landeten auf mir, krabbelten über meine Arme, mein Gesicht. Ich war zu schwach, um sie zu vertreiben, spürte nur ihre leichten Berührungen, das leise Kitzeln, das ich nicht erwidern konnte.
Und dann – langsam, beinahe unmerklich – wurde es besser. Das Fieber ließ nach, die Luft fühlte sich wieder frisch auf meiner Haut an, und die Kraft kehrte in meinen Körper zurück. Ob es die Milch war, die mich heilte, oder einfach nur die Zeit, werde ich nie wissen. Aber ich weiß, dass meine Mutter alles getan hätte, um mich zu retten.

Nach dieser Krankheit kam schließlich ein Gesandter der Regierung in unser Dorf. Er verkündete, dass nun auch Kinder in entlegenen Dörfern geimpft werden sollten. Also machten wir uns auf den Weg – ein langer Marsch zu der Stelle, an der die Impfungen durchgeführt wurden. Damals wurde jedoch nicht mit einer Spritze geimpft, sondern mit einer Rasierklinge. Die Klinge wurde in eine Flüssigkeit mit den Impfstoffen getaucht und dann ging es los: drei Schnitte – ohne Betäubung, ohne Vorwarnung. Einfach drei tiefe Kerben in den Oberarm. Die Impfung war vermutlich gegen Polio, Röteln, Diphtherie und Kinderlähmung – ein Kombinationsimpfstoff für Kinder, ähnlich dem, den es hier gibt. Im Jemen hieß diese Impfung damals „Schalal Atfal“. Die Narben habe ich bis heute. Wenn ich im Sommer kurzärmlige Kleidung trage, fragen mich manchmal Deutsche: „Was hast du denn da?“ Dann erkläre ich, dass ich da geimpft wurde.


Wenn mein Vater schrie, dann hörte man ihn weit – ich will nicht übertreiben, aber es fühlte sich an, als könnte man ihn kilometerweit hören. Seine Stimme war durchdringend, kraftvoll, fast wie das Brüllen eines Löwen. Als Kind war das unglaublich beeindruckend – und zugleich furchteinflößend. Es brauchte nicht einmal Worte oder Strafen. Allein seine Stimme reichte aus, um Respekt und Angst einzuflößen. Mein Vater war extrem streng, beinahe unnachgiebig. Sogar verglichen mit den anderen Vätern im Dorf. Während sich viele mit der Zeit veränderten, blieb er in seinen Überzeugungen gefangen. Für ihn war alles eine Frage der Religion. Er maß alles an seinem Glauben. Zum Beispiel waren Bilder für ihn tabu. Ich liebte es zu malen, wollte meine Welt mit Farben festhalten. Doch ich durfte das nicht – zumindest nicht in seiner Gegenwart. Er glaubte, dass das Malen von Lebewesen eine Sünde sei. „Am Tag des Jüngsten Gerichts“, sagte er, „wird Allah dich fragen: ‚Du hast es gemalt – also mach es lebendig!‘ Und wenn du es nicht kannst, wirst du bestraft.“
Also ließ ich es. Oder ich malte Bäume, denn die durfte ich malen. Sie waren für meinen Vater keine Lebewesen.
Mein Vater sprach immer nur mit Gott – so zutiefst religiös, dass seine ganze Welt in diesem Gespräch mit dem Höchsten lag. Er erzählte uns, den Kindern, oft: „Wenn ihr nicht gehorcht, was glaubt ihr, was passiert? Rufe ich Gott an und fordere, dass Er euch zerstört – dann wird Er es auch tun.“ Für mich war es unbestritten: Eltern haben bei Gott Gehör, denn sie haben einen geboren, erzogen, ernährt und sich um einen gekümmert. Man hat eine Verpflichtung gegenüber ihnen, und wer diese Pflicht missachtet, dem genügt schon ein einziger Ruf zu Gott, um göttliche Strafe herbeizurufen.
Kinder sollen nicht nur auf ihre Eltern hören, sondern niemals, unter keinen Umständen, ihnen gegenüber die Hand erheben. Es ist sogar verboten, das Wort „Nein“ zu sagen, denn dieses eine „Nein“ kann die Herzen der Eltern verletzen. Diese strengen Regeln, so alt und unausweichlich, waren Teil unseres Glaubens und unseres Alltags.
Meine Geschwister, besonders meine Schwester, lebten in ständiger Angst davor, die elterlichen Gebote zu brechen – aus Furcht, dass ein missachtetes Gebet, das unsere Eltern an Gott richten, sie vorzeitig zur Strafe treffen könnte. Diese allumfassende religiöse Ordnung, die uns alle bestimmte, war mehr als nur Glaube; sie war eine Lebensform, die unser gesamtes Dasein durchzog.

Die Zeit, die meine Geschwister von mir trennte, kann ich nur schätzen. Mein ältester Bruder, Saied, war wohl mindestens zehn Jahre älter als ich. Er war der ganz Alte, der in Saudi-Arabien lebte – ich kannte ihn kaum, denn er war schon fort, als ich geboren wurde. Nach ihm kam Mansur. Dann folgten meine beiden Schwestern, Riem und Hosn.

Meine Großeltern hatte ich niemals kennengelernt, denn sie waren bereits gegangen, lange bevor die Luft dieses Landes zum ersten Mal meine Lungen füllte. Ich war der Jüngste, das letzte Blatt am Baum unserer Familie, während meine älteren Geschwister bereits tief verwurzelt im Leben standen. Vor mir waren zwei Brüder – einer wanderte mit den Winden der Hoffnung nach Saudi-Arabien, wo er als Arbeiter sein Brot verdiente, während der andere in unserer Heimat blieb, half, wo er konnte, und seinen Platz unter den Unseren fand. Zu meinen Schwestern hatte ich ein inniges Verhältnis. Einmal kamen wir erst nachts mit den Tieren nach Hause. Meine Schwester, stark und fürsorglich, nahm mich huckepack auf ihren Rücken. Ich erinnere mich noch an die Wärme ihres Körpers, an das sanfte Wiegen ihres Schrittes, während sie mich durch die Dunkelheit trug. Ich lauschte ihrem ruhigen Atem und spürte die Geborgenheit, die mich umhüllte.


Unsere Eltern waren Bauern, wie es ihre Eltern zuvor gewesen waren. Ihre Rollen im Leben waren ebenso fest verankert wie die Terrassenfelder an den Berghängen. Mein Vater war der Hüter des Landes, der die Erde bestellte, während meine Mutter sich um das Haus und die Tiere kümmerte. Sie führte die Ziegen und brachte die Kühe zur Wasserstelle – ein langer, staubiger Weg, den sie Tag für Tag ging.
Das Pflügen der Felder war eine Kunst für sich. Ein Ochse zog das Geschirr, ein einfaches, selbst gefertigtes Joch mit einer spitzen Pflugschar, die die Erde aufbrach und auf das neue Leben vorbereitete. Mein Vater führte das Geschirr mit geübter Hand, während mein älterer Bruder hinterherging und Weizensamen in die frisch geöffnete Erde streute. Ich aber war zu jung, um selbst das Pfluggeschirr zu halten, so sehr ich es mir auch wünschte. Stattdessen wurde mir eine andere Aufgabe gegeben: Ich musste den Ochsen führen, ihn mit sanften, aber bestimmten Bewegungen lenken, damit er gerade lief.
Es war an einem dieser Tage, dass etwas geschah, das mich bis heute nicht loslässt. In einer Hand hielt ich einen Stock, mit der anderen führte ich das Tier. In einem unachtsamen Moment stieß ich versehentlich mit dem Stock in sein Auge. Ich spürte, wie er sich sträubte, wie sein Schmerz ihn durchfuhr, doch ich schwieg. Ich sagte nichts – aus Angst, aus Scham. Mein Vater durfte es nicht erfahren. Doch als ich später sein verletztes Auge sah, stieg eine Welle des Bedauerns in mir auf, eine Schuld, die mich noch immer begleitet. Es tat mir so leid und ich bekomme Gänsehaut, wenn ich heute noch daran denke.


Ich weiß nicht, wann ich normalerweise aufstand, aber es war nach Sonnenaufgang. Es gab keine Uhren, die die Zeit bestimmten, keinen Fernseher. Dann lief ich hinaus in die Weite, suchte mir ein stilles Plätzchen im Busch, so wie es alle taten, wenn sie ihr Geschäft verrichten mussten.
Wenn ich zurückkam, wartete meine Mutter auf mich. Sie versorgte die Tiere und nahm mich mit. Sie redete mit mir – „reden“ ist gut, es wurde sehr laut gesprochen – und wir spielten zusammen oder ich spielte mit den Geschwistern. Damals konnte ich noch keine Knoten machen. Als Kind wollte ich einmal ein Seil knoten, aber ich wusste nicht, wie das richtig ging. Also bin ich immer meiner Mutter hinterhergelaufen und habe sie gebeten, es mir zu zeigen. Doch sie war mit den Tieren beschäftigt und hatte in dem Moment oft keine Zeit.

Danach begann meine Mutter, Essen zu machen. Wir warteten alle auf unser Frühstück – ein Frühstück, das eigentlich wie ein Mittagessen war, die wichtigste Mahlzeit des Tages. Meine Mutter kochte mit Bedacht, das Feuer knisterte, und der Duft von frisch gebackenem Fladenbrot erfüllte den Raum. Es war heiß, gerade erst aus dem Ofen geholt, und noch heute kann ich seinen Duft in meinen Erinnerungen riechen. Wir versammelten uns um den Lehmofen, mein Vater war ebenfalls da, und gemeinsam teilten wir unser Mahl, bis sich der Tag endgültig über uns entfaltete.

Mittags gab es bei uns keine Ruhepause. Während andere vielleicht schliefen, nutzte meine Mutter die Zeit, um sich zu waschen, ihr Haar zu kämmen. Ich erinnere mich genau, wie sie ihre Kämme herausholte und sorgfältig durch ihr langes Haar strich. Wir blieben in ihrer Nähe, spielten zwischen den Bäumen der Plantage oder im schattigen Innenhof unseres Hauses.

Nach dem Essen begab sich jeder an seine Aufgaben. Meine älteste Schwester Hosn, stark und geschickt, machte sich auf den weiten Weg zum Brunnen, um Wasser zu holen. In einem schweren, aus Lehm gefertigten Gefäß trug sie es heim – das kostbare Nass, das wir zum Trinken brauchten. Meine andere Schwester Riem führte die Ziegen hinaus auf die Weiden. Dort, unter dem offenen Himmel, sollten sie grasen, ihre Bäuche füllen, und wenn sie am Abend nicht wohlgenährt zurückkehrten, wusste meine Mutter es mit einem einzigen Blick. Ich lief oft mit ihr, folgte ihr barfuß über die staubigen Pfade, lachte mit ihr, spielte mit den Ziegen und fühlte mich frei.
Meine Mutter kümmerte sich um die Kühe und den Ochsen, führte sie hinaus, während mein Vater sich auf den Weg zu seiner Qat-Plantage machte. Qat – eine Pflanze, die kostbar war für diejenigen, die ihren Rausch suchten. Mein Vater ging jeden Tag dorthin, goss das Wasser, entfernte die welken Blätter, damit die frischen, saftigen Triebe nachwachsen konnten.
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