Mittendrin und am Rande – Lebenserinnerungen eines Vertriebenen

Mittendrin und am Rande – Lebenserinnerungen eines Vertriebenen

József Wieszt


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 630
ISBN: 978-3-99131-025-9
Erscheinungsdatum: 01.02.2022
Ein 1942 geborener Junge wurde als Donauschwabe mit seiner Familie aus dem Dorf Perbál bei Budapest nach Nordhessen vertrieben. Dort verbrachte er seine Kindheit und Jugend. Einen Ausweg aus dem beengenden Milieu suchte er unter dem Motto: Rebellion und Bildung!
Rechtsanwalt Kaul

Natürlich wurde bekannt, wer den Nachdruck angefertigt hatte und auslieferte. Alle linken Buchläden, auch die von der DKP, bestellten ja bei uns. Nach ungefähr einem Jahr, der Absatz des Bandes stockte bereits, kam ein seriöser älterer Herr in unseren Verlagsraum, grüßte und stellte sich vor: „Guten Tag, ich bin Rechtsanwalt Kaul, ich vertrete die Interessen des Dietz-Verlages in Berlin!“ Den dort üblichen Zusatz „Hauptstadt der DDR“ ersparte er sich. Oh weh, was würde jetzt folgen? Er wies uns darauf hin, dass wir unberechtigt ein Werk des Dietz-Verlages herausgebracht hätten und es noch vertrieben. Damit liege ein Verstoß gegen das Urheberrecht vor, das der Verlag besitze. „Sie hätten dort aufragen und sich eine Lizenz einholen müssen.“
Wir rechtfertigten uns mit dem Hinweis, dass der Band schon seit Längerem nicht lieferbar war und dass er für die Diskussion der Linken dringend gebraucht würde. Mit der Herausgabe des Bandes verfolgten wir keine finanziellen Interessen. Das zeige sich auch darin, dass er nicht teurer sei als der bei Dietz. Und außerdem, es liege doch auch im Interesse dieses Verlages, dass möglichst viele Studenten das wichtige Werk von Marx studierten. Beinahe wohlwollend stimmte er unserer Argumentation zu, aber gleichwohl: „Es liegt dennoch eine Verletzung der Rechte des Dietz-Verlages vor. Ich bin beauftragt, Sie darauf hinzuweisen, dass der Verlag im Wiederholungsfall, Anzeige gegen Sie erstatten wird.“ Er sprach noch ein paar verbindliche Worte und verabschiedete sich. „Wir würden Ihnen gern ein Exemplar zum Andenken an Ihren Besuch überreichen.“ Freundlich nahm er es an, bedankte sich und ging. Glück gehabt, der gute Onkel aus Berlin hatte die bösen Buben verwarnt. Eine Neuauflage war ohnehin nicht geplant. Einige Hundert Exemplare lagerten noch nebenan im Lager.
Dieser Band war nicht in der schwarzen Reihe erschienen. Insgesamt brachten wir 16 Bände in dieser Reihe heraus, wobei wir mit der Zeit die Gestaltung des Umschlags änderten. Unser Grafiker ließ ein Foto des jeweiligen Autors vom Rücken auf die Titelseite blicken. Auch die schwarze Grundfarbe verschwand und wurde durch eine hellere, graue ersetzt.


Revolte
Studentenbewegung

Es ist viel über die Studentenrevolte geschrieben worden, die im Wesentlichen ein Aufstand von bürgerlichen Jugendlichen gegen ihre häufig vom Faschismus geprägten, autoritären Elternhäuser und gegen das Weiterleben von Elementen des Nationalsozialismus in den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland war. „Die Arbeiterjugend“ trat bei dieser Revolte nur am Rande in Erscheinung. Dennoch hat die Studentenbewegung fortschrittliche Veränderungen initiiert, die bis heute in Europa nachwirken. Für mich waren die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts eine große Zeit. Endlich befand ich mich auf der „richtigen Seite“ des Geschehens. Heraus auf die Straße mit dem Unmut und die Verärgerung über die Enge und Unterdrückung in der scheinbar heilen Welt der Fünfzigerjahre. Öffentlich zeigen, dass wir uns um eine leichte und beschwingte Jugend betrogen fühlten. Fröhlicher, solidarischer Aufbruch in eine „Neue Zeit“, in ein selbstbestimmtes Leben, das war es, was Zehntausende von uns beflügelte. Das gemeinsame Erleben und Handeln erzeugten eine befreiende Hochstimmung, so etwas wie ein kollektives Glück. Ich erinnere mich gut an eine der frühen Demonstrationen, eine Solidaritätsaktion für einen inzwischen vergessenen Zweck. Strahlende junge Menschen um mich herum, jubelnde Gesichter, eine mir völlig unbekannte Frau, die mich für einen Moment in die Arme schloss. Mit vor Glück leuchtenden Augen strahlte sie mich an: „Ist das nicht unendlich schön?“ Es war so. Dieses Gefühl muss Schiller gehabt haben, als er sein Lied „An die Freude“ schrieb: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt.“ Sanft war der Flügelschlag der Freude jedoch nicht, der uns umtrieb, und unsere „Schwestern“ waren fest an unserer Seite. Gar nichts hielten wir von seinem Appell: „Duldet mutig, Millionen! Duldet für die bessre Welt.“ Wir wollten nicht mehr dulden. Wir wollten handeln, gewaltfrei, öffentlich, in Massen. Wir glaubten an die Kraft der Überzeugung. Erst später, als uns die „Ordnungskräfte“ zusammenschlugen und windelweich prügelten, wurde einer Minderheit der gewaltsame Widerstand aufgedrängt. Ich gehörte nicht dazu, wenngleich die Versuchung manchmal groß wurde. Einige Formen des Protests hat diese Bewegung von ihren amerikanischen Kombattanten übernommen: „Go in“, „sit in“, „drop in“ „gemeinsame Spaziergänge“ auf Straßen und Plätzen, wo Demonstrationen verboten waren. Demonstrationen und sonstige Massenaktionen waren hier wie dort die Hauptformen des Protestes. Besonders imponierend waren die Demos im Laufschritt bei gleichzeitigem Skandieren von Parolen.


„Ho, ho, Ho Chi Minh“

Diese Parole wurde zum weltweiten Schlachtruf im Kampf gegen den Vietnamkrieg. Dieser Krieg der US-Regierung gegen die Kämpfer aus dem „kommunistisch“ regierten Norden Vietnams war es vor allem, der die Studentenproteste internationalisierte.
Bei der großen Demo gegen den Krieg in Berlin riefen wir: „Wir sind eine kleine radikale Minderheit.“ Das war gedacht als ironisierender Kommentar zum Tenor der bürgerlichen Presse, allen voran der „Bild-Zeitung“ („Sie müssen Blut sehen.“). Wir wussten noch nicht, wie wahr dieser Hinweis auf die kleine Minderheit tatsächlich war. In völliger Verkennung der Einstellung des „Berliner Spießers“ („Geht doch rüber! Geh erst mal zum Friseur!) forderten wir die Gaffer auf den Balkonen auf: „Bürger, runter vom Balkon, unterstützt den Vietkong.“ Bei dieser Demo stießen wir auch erstmals auf rechtsextreme Gegendemonstranten.
Zwei Ereignisse führten zu einer Verschärfung der Gegensätze zwischen Demonstranten und der Polizei: die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg am 2.6.1967 und der Mordanschlag auf Rudi Dutschke am 11.4.1968. Nach einer Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin, bei der persische Sicherheitsleute unter den Augen der Westberliner Polizei mit Holzlatten auf die Demonstranten einprügelten („Prügelperser“), erschoss der Berliner Polizist Karl Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg mit einem gezielten Schuss: Mord.
Der Tod des Kommilitonen führte zu einer Radikalisierung der StudentInnen: „Sollen wir es tatenlos hinnehmen, dass die Bullen ‚unsere Leute‘ abschießen?“: „Nein!“ Ich trat spontan dem SDS bei (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Eine Diskussion über effektivere Formen der Selbstverteidigung begann. Dieser Mord brachte uns auch unerwartet großen Zulauf. Viele, die bisher abseitsgestanden hatten, kamen zu unseren Demonstrationen. Auch in die Schulen kam Bewegung. Selbst einzelne Lehrlinge aus Offenbach und Höchst suchten Kontakte zu den revoltierenden Studenten. Ich erinnere mich an eine Versammlung des SDS, an deren Ende alle aufstanden und mit erhobener Faust das Lied „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ sangen. Als die dritte Strophe verklungen war, und sich alle wieder setzten, blieb ein Lehrling aus Offenbach stehen und sang trotzig die sogenannte Thälmann-Strophe. Verblüfft und irritiert drehten sich alle zu ihm um, denn den ehemaligen Vorsitzenden der KPD betrachteten nur sehr wenige im Saal als ihren Kampfgenossen. Die KPD/DKP-Fraktion im Frankfurter SDS zählte kaum mehr als ein paar Mitglieder. Dieser junge Arbeiter kam aus Offenbach, wo die KPD vor dem Krieg und bis zu ihrem Verbot 1956 eine starke Position innehatte. Als ich ihn fragte, woher er diese Strophe kenne, antwortete er nur kurz: „Aus der Familie.“


„Stoppt „Bild“!

Die Situation eskalierte vollends, als der junge Arbeiter Bachmann ein Attentat auf Rudi Dutschke, die Symbolfigur der Studentenrevolte in der BRD, verübte. Als ich die Nachricht hörte, ging ich auf der Stelle zum SDS-Büro in Frankfurt. Was sollten wir unternehmen? Einer, der die Stellung hielt, gab mir als Treffpunkt den Hauptbahnhof an. Dort hatten sich schon einige Hundert versammelt. Ein Demonstrationszug setzte sich in Bewegung. Ziel: Societäts Druckerei an der Mainzer Landstraße, wo eine Teilauflage der „Bild-Zeitung“ für das Rhein-Main-Gebiet gedruckt wurde. Da wir die Springerpresse für den Mordanschlag verantwortlich machten, wollten wir die Auslieferung der „Bild-Zeitung“ verhindern. Vor dem Tor stand noch keine Polizei, dahinter waren der Werksschutz und eine Reihe von Arbeitern angetreten. Sie wollten den Sturm auf das Gebäude, der gar nicht beabsichtigt war, verhindern. Wir wollten nur die Auslieferung blockieren. Am besten wäre es, wir würden dafür das Tor versperren. Jemand hatte eine Kette und ein Schloss dabei. Keiner traut sich an das Tor heran, weil dahinter der Werksschutz mit Gummiknüppeln herumfuchtelte. Während einige einen Ablenkungsangriff auf das Tor simulierten, legte ich die Kette um die beiden letzten Sprossen der zwei Torflügel und ein anderer versuchte, das Schloss anzubringen.
Das dauerte lange – zu lange. Werksschützer eilten herbei und schlugen mir brutal auf die Hände. Ich biss die Zähne zusammen und hielt fest. Aber der zweite Mann konnte das Schloss nicht schließen, sodass ich schließlich loslassen musste. Ich hatte meine ersten Prügel erhalten und geschwollene Hände. Dann rückte von hinten eine Einheit Polizisten heran und prügelte alle vom Tor weg. Die Zufahrtstraße gaben wir aber nicht frei, zumal immer mehr StudentInnen hinzukamen. Es gab weitere Prügel und Tumulte. Krankenwagen fuhren ab. An diesem Abend fand keine Auslieferung statt, es wurde nicht gedruckt, weil am Freitag ein Feiertag war. Wir feierten trotzdem einen Sieg. Die Polizei war nicht stark genug gewesen, uns ganz zu vertreiben.


Ein blutiger Kampf

Am anderen Tag, dem Karfreitag, wiederholten wir die Demonstration. Etwa 2000 Menschen sammelten sich am Nachmittag vor dem Bahnhof. Er war von Polizisten abgeriegelt. Sie hätten keinen Befehl, den Schlagstock einzusetzen, erklärten sie uns. Wir diskutierten mit ihnen. Dann plötzlich schlugen sie ohne Vorwarnung auf uns ein. Ein Student neben mir erhielt einen Schlag quer über das Gesicht, Blut spritzte. Ein Aufschrei ging durch die Demonstranten: „Ihr Schweine, Bluthunde, Nazischweine.“ Jetzt gab es kein Halten mehr. Ein Demonstrationszug setzte sich in Bewegung, die Mainzer Landstraße hinunter Richtung Societäts Druckerei. Wir waren entschlossen, die Auslieferung dieses Hetzblattes zu verhindern.
Das Tor war dieses Mal besser geschützt. Mehrere Reihen Polizisten sperrten die Straße ab. Sie standen uns gegenüber und warteten. Wir warteten auch. Dann wurden wir aufgefordert, die Straße zu räumen. Wir blieben stehen. Einer der Studenten sprach über ein Megafon. Er erklärte den Zusammenhang zwischen der Hetzkampagne der Springerblätter gegen die Studenten und dem Attentat auf Rudi Dutschke. Auch an die Polizisten wandte er sich, die reagierten aber nicht. Sprechchöre wurden laut: „Springer-Mörder“, „Enteignet Springer“! Dann sprach die Einsatzleitung der Polizei: „Sie begehen einen Verstoß gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Wir fordern Sie auf, die Straße zu räumen.“ „Buhrufe“ und Beschimpfungen der Polizisten folgten: „Bullenschweine, zieht Leine.“ „Eins, zwei drei, verjagt die Polizei.“ „Wir fordern Sie zum letzten Mal auf, die Straße zu räumen.“ Entschlossen blieben Demonstranten stehen. Wasserwerfer wurden eingesetzt, die Polizisten rückten vor. Die vorne wollten weglaufen, die hinten blieben standhaft, drängten vor. Ein Gerangel und Gezerre begann, die Polizisten schlugen zu, die Demonstranten wehrten sich. Geschrei und Getöse, Beschimpfungen, Gekreische, Tumult. Dem ersten Angriff der Polizei hatten wir standgehalten.
Einige saßen blutend am Straßenrand. Ihre Wunden wurden verbunden. Die Reihen formierten sich neu. Die Latten der Transparente wurden zu Schlagwaffen umfunktioniert. Die Mehrheit war wild entschlossen, sich nicht vertreiben zu lassen. Ein neuer Angriff erfolgte. Die Polizei setzte jetzt auch Tränengas ein. Einige Demonstranten hoben die Patronen auf und warfen sie zurück, wieder „schossen“ die Wasserwerfer. Wer voll getroffen wurde verlor den Halt und wurde weggerissen. Wieder Geschrei, Getöse, Schmerzensrufe, Tumult. Die „Lattenmänner“ schlugen zurück. Die Polizei versuchte, einige zu isolieren und festzunehmen. Es gelang ihnen auch. Ein Trupp Studenten versuchte, seine Genossen wieder zu befreien. Auch das gelang ein paar Mal. Dann wieder eine Kampfpause. Krankenwagen fuhren mit Verletzten davon. Die Polizei hatte es wieder nicht geschafft, uns zu vertreiben. Inzwischen war es Abend geworden. Es dämmerte bereits.


Schweigende Kolonnen in Feldgrau

Ich ging nach hinten, um nachzusehen, ob von hinten ein Angriff erfolgen könne. Von meiner Ausbildung her wusste ich, dass taktisch so vorgegangen wurde. Ich sah die Mainzer Landstraße hinunter: Und da kamen sie, schweigende Kolonnen in Feldgrau mit Tschako. Mehrere Hundertschaften Bereitschaftspolizei rückten an. „Oh weh“, dachte ich, „jetzt fängt es richtig an.“ Ich wusste inzwischen genau, wozu man sich die Bereitschaftspolizei hielt und rannte los. Die anderen wollte ich warnen, aber niemand hörte mich. Dort erfolgte schon wieder ein Angriff der Polizei. Das Getöse war zu groß. Meine Warnschreie wurden übertönt. Dann griffen die Polizisten von hinten an. Sie hatten uns in der Zange. Gnadenlos prügelten sie auf uns ein. Immer mehr Krankenwagen fuhren mit Verletzten davon. Die Studenten schlugen zurück, mit allem, was sie in die Hände bekamen. Steine flogen. Sie wichen nicht. Aus der Stadt kam unsere Verstärkung. Das waren sicher nicht nur Studenten. Es war der Beginn einer Solidarisierung, die in den folgenden Ostertagen deutlich sichtbar wurde.
An diesem Freitag wurden die Abendzeitungen nicht ausgeliefert. Zerschlagen, blutend und erschöpft standen wir beisammen. Jemand hatte Verpflegung organisiert, es gab Brötchen und Getränke. Mir brummte der Schädel. Die Arme konnte ich kaum heben. Ich hatte sie zur Abwehr vors Gesicht gehalten. Einige Polizisten hatten munter draufgeschlagen: „Hau endlich ab, oder sollen wir dich totschlagen!?“ Der Spaß hatte aufgehört. Die machten Ernst. Dennoch, trotz Brummschädel, brennender Augen und Schmerzen überall: Es war ein herrliches Gefühl. Wir hatten zusammengehalten und unser Ziel erreicht. „Hoch die internationale Solidarität“! wurde unsere künftige Parole. Schlapp und zermürbt kam ich gegen drei Uhr nachts ins Bett, nachdem ich im „Republikanischen Club“ noch ein paar Glas Wein getrunken hatte. Dort saßen die bekannteren Genossen beisammen und feierten den Sieg. Die „Unruhen“ gingen am Ostersonntag und -montag weiter. Tausende beteiligten sich an den Demonstrationen. Die konservative Presse und das Fernsehen bezogen unisono eindeutig gegen die „gewalttätigen Studenten“ Stellung.


ASZ: Gegenöffentlichkeit

Einzig die „Frankfurter Rundschau“ (FR) zeigte Verständnis und unterstützte uns sogar. Die Redaktion der „FR“ machte uns das Angebot, unsere Ansichten in einer eigenen Zeitung zu veröffentlichen. Einige Erfahrung mit dem „Zeitungmachen“ hatten wir durch die Herausgabe der Studentenzeitung „Diskus“. Aber die Vorgänge in einer großen Druckerei waren den meisten von uns unbekannt. Der Betriebsrat der FR, organisiert in der „linken“ Gewerkschaft „IG Druck und Papier“, sorgte dafür, dass uns qualifizierte Kollegen hilfreich zur Seite standen. Mit ihrer Hilfe erstellten wir die Druckvorlagen für die „Arbeiter-, Schüler und Studentenzeitung“, die wir drei oder vier Mal in einer Auflage von ca. 15.000 Exemplaren herausbringen konnten. Wir waren sehr stolz, auf diese Weise eine „Gegenöffentlichkeit“ in Frankfurt hergestellt zu haben.
Eine Folge davon war, dass einige von uns in abendlichen Versammlungen sprechen konnten, zu denen mit uns sympathisierende Betriebsräte in Räumen ihrer Gewerkschaft eingeladen hatten. Auch ich wurde aufgefordert, die Ziele der Studentenbewegung dazulegen. Sie wollten „Informationen aus erster Hand“, weil sie der bürgerlichen Presse nicht länger vertrauten. Letztlich aber fanden, anders als in Frankreich, die organisierten Arbeiter und die revoltierenden Studenten nicht zu gemeinsamen Aktionen zusammen. Eine weitere Folge war, dass sich eine Reihe von Leuten, die keine Studenten waren, bereit erklärte, uns individuell zu unterstützen. Sie wurden vom SDS-Büro an mich verwiesen. Ich hatte die Funktion eines „Gewerkschaftsreferenten“ inne, war also für die „Beziehung zur „Arbeiterklasse“ zuständig. Die Leute kamen, boten uns ganz allgemein ihre Hilfe an und erklärten, dass sie über bestimmte Fähigkeiten oder Verbindungen verfügten, die sie gern für uns einsetzen wollten. Sie hatten wohl die Vorstellung, dass wir einen „Apparat“ besaßen, und bestimmte Planungen hatten, bei deren Umsetzungen sie uns helfen wollten. Das hatten wir nicht. Ich konnte ihnen nur sagen, dass wir sie informieren würden, wenn wir ihre Hilfe in Anspruch nehmen wollten. Ansonsten bat ich sie, Kontakt mit uns zu halten, an unseren Aktionen teilzunehmen und uns Informationen zukommen zu lassen.


Es waren meistens spontane Aktionen

Vermutlich hätten sie mir nicht geglaubt, wenn ich ihnen erklärt hätte, dass unsere Aktionen meistens spontan zustande kamen. In einer „Vollversammlung“ des SDS wurden bestimmte Vorschläge gemacht, welche Aktionen durchgeführt werden sollten. Es fand eine öffentliche Diskussion statt und am Ende entschied die Mehrheit, was getan werden sollte. Die anwesenden Polizeispitzel wussten immer aus erster Hand, was diese „wilden Revoluzzer“ als nächstes vorhatten. Die gegnerischen Medien wussten das natürlich auch. Dennoch waren sie immer auf der Suche nach den „Rädelsführern“ und „Drahtziehern“ im Hintergrund. Dass eine Bewegung sich selbst organisieren konnte, wollten sie nicht glauben, und doch gab es immer wieder Beispiele dafür.
Hunderte Studenten blockierten z. B. die Universität, um den Vorlesungsbetrieb zu verhindern. Stunden um Stunden harrten sie aus, und sie hatten natürlich Hunger und Durst. Daran hatte vorher kaum jemand gedacht, und dann fuhren einige Autos vor, und Körbe mit belegten Brötchen und Getränke „wanderten“ durch die Reihe der Sitzenden, die endlich satt wurden. Bis heute weiß ich nicht, wer das organisiert und eventuell auch bezahlt hatte. Waren es die geheimen „Drahtzieher?“
In die Vorbereitung einer Reihe von Aktivitäten war ich unmittelbar einbezogen und weiß daher genau, wie sie organisiert und durchgeführt wurden. Wenn es galt, anlässlich bestimmter Aktionen Flugblätter vor Fabriktoren zu verteilen, bestand immer eine komplizierte Situation. Die Frühschicht begann in der Regel um sechs Uhr morgens. Um diese Zeit schliefen die StudentInnen noch tief und fest. Dennoch gelang es uns fast immer, genügend Freiwillige zu finden, die um fünf Uhr Flugblätter abholten und ab halb sechs vor bestimmten Fabriktoren standen, um sie an die in die Fabrik eilenden ArbeiterInnen zu verteilten. Sie waren von zwei oder drei Leuten in der Nacht geschrieben und vervielfältigt worden. Für den Inhalt der Flugblätter waren ihre Verfasser selbst verantwortlich. Die Namen mussten am Ende des Blattes angegeben werden: verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.s.P.): XYZ. Es war aber nicht so, dass jeder oder jede beliebige Texte verfassen und verteilen lassen konnte. Zu bestimmten politischen Fragen, z.B. zur Verabschiedung der „Notstandsgesetzte“ oder zum Vietnamkrieg der USA, gab es Standpunkte und Beschlüsse, an die sich die Verfasser zu halten hatten. Wenn sie das nicht taten, mussten sie sich der Kritik ihrer GenossInnen stellen und schieden u.U. als Verfasser künftig aus.
Übrigens, es war nicht nur der SDS allein, der die Aktionen beschloss und durchführte. Auch die universitären Studentenvertretungen, der ASTA (Allgemeiner Studentenausschuss) und andere politische Studentenvereinigungen wie z. B. der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) waren an unseren Aktivitäten beteiligt. In Frankfurt gab es damals und gibt es noch heute die Akademie der Arbeit (AdA, heute Europäische Akademie der Arbeit), an der junge Frauen und Männer mit einem Berufsabschluss ohne Abitur studieren konnten. Ich erinnere mich gut daran, dass Studierende der AdA an den Blockaden der Universität teilnahmen. Vor einem Nebeneingang zur Uni, einer großen Glastür, stand ich mit mehreren Studierenden der AdA und versperrte den Eingang. Einige Studenten des RCDS (Ring Christlich Demokratischer Studenten), denen die Blockade der Uni nicht gefiel, versuchten, uns gewaltsam von der Tür wegzudrängen. Einer von ihnen fasste den neben mir stehenden Kollegen Wilhelm Fischer an der Kleidung und wollte ihn wegzerren. Der drückte dessen Arm herunter und sagte ganz ruhig: „Nicht anfassen, Junge.“ Dass genügte. Der Angreifer wich zurück. Obwohl Wilhelm relativ klein und hager war und äußerlich schmächtig erschien, war er doch ein harter Bursche. Als gelernter Hammerschmied hatte er den Angreifer allein durch den Druck seiner Hand und seine beherrschte ruhige Stimme davon überzeugt, dass er gegen ihn keine Chance hatte.
Neben den genannten Aktivitäten war ich selbstverständlich auch ein Student. Bis zum Sommersemester 1968 nahm ich regelmäßig an Vorlesungen, Übungen und Seminaren der Professoren Haag, Cramer, Lammers, Barthel, und der Assistenten Oskar Negt, Schweppenhäuser und Alfred Schmidt teil. In Philosophie beschäftigte ich mich mit den Philosophen und Theoretikern Descartes, Spinoza, Kant, Ludwig Feuerbach, Nietzsche, Hegel und Marx. Die Vorlesungen von Professor Theodor W. Adorno waren Massenveranstaltungen, die im großen Hörsaal stattfanden. Einmal habe ich erlebt, dass auch sein bereits emeritierter Kollege Max Horkheimer auf dem Podium neben dem Redner saß und sich das Treiben im Saal anhörte. Als ein vorlauter Student aus den hinteren Reihen laut und vernehmlich durch den Hörsaal rief: „Wo ist denn nun Gott, Herr Professor Horkheimer?“ Da zeigt der alte Mann mit dem Finger nach oben und sagte leise, aber für die vorderen Reihen gut hörbar: „Da oben, Herr Kommilitone, da oben.“

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