Liebesbriefe einer Junglehrerin und eines Theologiestudenten
EUR 26,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 222
ISBN: 978-3-7116-0362-3
Erscheinungsdatum: 16.07.2025
In ihren Briefen 1956 - 1960 schreiben Christin und Heinrich über ihr gegenseitiges Vertrauen, ihre Freundschaft und Liebe, über ihre gemeinsamen Interessen in Literatur, Musik, Politik. Den Mittelpunkt ihrer Briefe bildet jedoch die kritische Auseinandersetzung mit der Theologie jener Zeit, der Dialektik von Wissenschaft und Glaube.
Vorwort
O Leben, Leben, wunderliche Zeit
von Widerspruch zu Widerspruche reichend,
im Gange oft so schlecht, so schwer, so schleichend:
und dann auf einmal, mit unsäglich weit
entspannten Flügeln, einem Engel gleichend:
O unerklärlichste, o Lebenszeit.
(Rainer Maria Rilke)
Die Freundschaft zwischen Christin und Heinrich nahm ihren Anfang, als Heinrich noch Schüler am Musischen Gymnasium in Schwabach war. Christin, im gleichen Alter wie Heinrich von zweiundzwanzig Jahren, hatte bereits 1956 ihr Pädagogikstudium in Jugenheim an der Bergstraße begonnen. Während sie aus einer behüteten Akademikerfamilie in Schwabach stammte, musste Heinrich bei Kriegsende mit seiner Mutter und zwei Geschwistern aus dem Elsass zu den Großeltern nach Oberfranken fliehen. In Schwabach lebte Heinrich als Schüler bei einem älteren Gärtnerehepaar am Rande der Stadt. Christin und Heinrich hatten sich bei einem Schulkonzert des Gymnasiums kennengelernt, zu dem Christin als ehemalige Schülerin eingeladen worden war. Sie spielte am Klavier Werke von Schubert und Schumann und begleitete den Gesang von Heinrich zu Liedern aus der „Winterreise“ von Schubert. Die Musik verband sie von Anfang an und vertiefte mit der Zeit ihre Freundschaft. Aber auch die Literatur und Dichtung, vor allem Hölderlins Hyperion, Gedichte von Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl begeisterten sie. Die Briefe von Christin, die sie ihrem schwärmerischen jugendlichen Freund aus Jugenheim schrieb, lassen erkennen, wie aus der anfänglichen Freundschaft für sie allmählich immer klarer und bewusster ihre Liebe zu Heinrich wuchs. Leider sind aus der Schulzeit von Heinrich nur wenige Briefe erhalten geblieben, aber auch sie zeigen, wie sehr er seine Freundin, die er zu ihrem Entsetzen vor seinen Schulkameraden eine „etwas ältere Lehrerin“ nannte, nicht nur als ihm geistig überlegene Wegbegleiterin brauchte, sondern als eine Person, die ihn stützte und Sicherheit gab.
Nach dem Abitur stand für Heinrich fest, dass er evangelische Theologie studieren werde, mit dem Ziel, einmal Pfarrer in einer Gemeinde zu sein. Er erfüllte damit nicht nur den sehnlichen Wunsch seiner Mutter, sondern entsprach seinem innersten Bedürfnis, sein Leben ganz in die Hand Gottes zu geben. Wie Augustinus empfand er als Heranwachsender sein damaliges Lebensgefühl: „Unruhig ist mein Herz“, bekennt der Kirchenvater vor Gott, „bis dass es Geborgenheit findet in dir.“ Heinrich war sich von Anfang an bewusst, dass es ein schwieriger Weg für ihn werden würde, da er schon sehr früh mit dem Widerspruch zwischen Glauben und Vernunft in sich kämpfen musste. Auch war er sich nicht sicher, ob er von Gott als sein Diener angenommen und zum Dienst an einer Gemeinde in der Kirche einmal tauglich sein würde.
Christin, die aus einer humanistisch geprägten Familie stammte – ihr Vater war Lehrer für die Alten Sprachen Latein und Griechisch an einem Gymnasium gewesen und früh im Krieg gefallen – fühlte sich schon als junges Mädchen bei ihrer Konfirmation ihrer Kirchengemeinde in Schwabach zugehörig. Auch in ihren späteren Briefen bekennt sie immer wieder, dass Religion und Glauben für sie nie nur eine persönliche Angelegenheit sei, sondern sich nur in der christlichen Gemeinde und in der Kirche verwirklichen lasse. Für sie waren auch rein ästhetische, künstlerische Elemente eines Gottesdienstes wie Liturgie, Predigt, Orgelmusik, Chorgesang und schließlich der Kirchenraum von entscheidender Bedeutung. Deshalb litt sie rein körperlich, wenn ein Pfarrer (damals gab es noch keine Pfarrerin) die Liturgie schlecht sang und die Botschaft des Evangeliums an die Gemeinde nicht klar verkündigte.
Nachdem Heinrich das Hebraikum an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau 1957 bestanden hatte, begann er sein Studium an der Georg August Universität in Göttingen. Hier erlebte er den freien Geist des wissenschaftlichen Denkens und Forschens, gerade auch in der Theologie, die vor allem in den biblischen Fächern des Alten und Neuen Testaments geprägt war von der Existentialtheologie eines Rudolf Bultmann der Marburger Schule, die ihren Nährboden aus Heideggers Existentialphilosophie zog. Wie einen Schock trafen ihn damals zu Anfang die Lehren seines Professors Ernst Käsemann, dass es bei der biblischen Exegese des Neuen Testamentes nicht um Glauben in der Theologie gehe, sondern um Wissenschaft. Nur so habe die Theologie überhaupt eine Daseinsberechtigung an der Universität. Die Lehren seines Professors stürzten Heinrich in eine tiefe Glaubenskrise. Nicht mehr der historische Jesus stand nun im Mittelpunkt der biblischen Botschaft in den vier Evangelien, sondern das Bekenntnis und Zeugnis der auf die Wiederkunft Jesu hoffenden biblischen Gemeinden. Nicht, was Jesus selbst gesagt und gelehrt habe, sei entscheidend, sondern das Glaubensbekenntnis der Jünger und Apostel zu dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.
Christin, die zu dieser Zeit Junglehrerin an einer Grundschule in Oberzell (Rhön) war, schrieb Heinrich: „Ich will Dir helfen, so gut ich kann. Du musst alle Zweifel durchstehen, woher sie auch kommen.“ Sie wusste, dass nicht nur das Theologiestudium, sondern auch der spätere Pfarrerberuf eine Gratwanderung sein wird. „Die Auseinandersetzungen werden bis auf Messers Schneide gehen“, schrieb sie ihm, „aber ich werde mit Dir den Weg gehen, im Vertrauen auf Gott und seine Gnade.“ Dabei erlebte sie bei den Gottesdiensten in dieser Dorfgemeinde oft alles andere als erfreuliche Stunden, wenn der Pfarrer wieder einmal die Gemeinde im Namen Gottes von der Kanzel herab lautstark verdonnerte. Auch die Gefahr der Routine des Pfarrerberufes wurde ihr bewusst. „Ich flehe Dich an“, schrieb sie ihm, „behalte die Empfindlichkeit in den geistlichen Dingen, steigere sie noch, wenn Du kannst, leide, wenn es nicht anders geht, aber werde nie zu einem geistlichen Routinearbeiter, bloß das nicht!“ Und weil der Dienst eines Pfarrers in der Kirche und an seiner Gemeinde im wahrsten Sinne ein Gottes-Dienst ist, in der Verantwortung vor Gott, „muss er“, schrieb sie Heinrich, „bei seiner Predigt das Gefäß sauber halten, in dem er Gottes Wort erscheinen lassen will und in dem es wirken soll.“
In den fünf Jahren von 1955–1960, in denen Christin und Heinrich sich in ihren Briefen austauschten und sich ihrer gegenseitigen Liebe versicherten, all ihre Alltagssorgen, Schwierigkeiten, Glück und Freude, Schmerz und Sehnsucht miteinander teilten, wuchs das starke Vertrauen der Zusammengehörigkeit, getragen von dem Glauben an Gott und die Erlösung durch seinen Sohn Jesus Christus. „Denn nie könnte ich Dich so richtig liebhaben,“ gesteht Christin Heinrich, „wenn nicht auch der Glaube an Gott das Band unserer Liebe wäre.“
Von dem Konvolut der erhalten gebliebenen Briefe stammen neunundvierzig von Christin und vierundzwanzig von Heinrich. Sie waren nicht zur Veröffentlichung gedacht oder geschrieben worden und zeigen gerade dadurch ihre unbekümmerte Offenheit und Natürlichkeit. Weggelassen wurden lediglich ganz persönliche Mitteilungen an die Familien und Verwandten. Auch wurden die Namen der in den Briefen genannten Personen aus Persönlichkeitsschutz geändert, sofern sie nicht Amtsträger oder Personen der Öffentlichkeit waren. Grammatikalische oder sprachliche Unebenheiten wurden geringfügig verbessert und der gegenwärtigen Rechtschreibung angepasst.
Jugenheim, 26.4.1955
Lieber Heinrich!
Dass ich Dir jetzt schon schreibe, hat natürlich einen ganz unromantischen Grund: Ich fürchte, ich habe die nächste Zeit nicht viel Muße dazu, denn ich sehe schon die Arbeit sich vor mir türmen. Vielleicht ist es aber auch nur Einbildung. Weißt Du, jetzt ist alles für mich ganz verwirrend, besonders, weil ich weder Dozenten noch die Lage der Hörsäle kenne. Und das Riesenangebot an Vorlesungen und Übungen! Und stell Dir vor, im Sommer muss ich schon einen Teil der Hauptprüfung ablegen. Das kann ja heiter werden. Aber ich freu’ mich schon aufs Arbeiten; ich war jetzt so lange faul und unproduktiv.
Heute früh ging ich aufs Geratewohl ins Institut, einfach hinein in den Verhau, kaperte mir einen Studenten und der musste mir einiges erklären. Dann zu einem Dozenten, der schickte mich zu einem anderen usw. Die Studienfächer am Schwarzen Brett, wo alle Vorlesungen, Termine, Räume und alles angekündigt wird. Und überall sind eine Menge Studentinnen und Studenten, die alles schon wissen, und man selber steht so unwissend in der Gegend herum. Das hat mich etwas durchlöchert, seelisch, aber meine gute Laune blieb. Heute Nachmittag ging ich in eine Übung, um einmal den Betrieb zu erleben. Und weißt Du, als ich mal wieder zwei Stunden lang einen gutgestalteten Vortrag zuhören konnte und mitdachte, mitschrieb, kurz, über ein Thema meinen Geist übte, hatte das eine wunderbar beruhigende Wirkung auf mich. Ich war von der Hetze des Nachmittags geheilt.
Nun noch schnell einiges über mein äußeres Leben: Ich wohne mit zwei anderen Mädchen zusammen im Turmzimmer einer Villa, die als Studentinnenheim gemietet ist. Es ist eine ziemlich luxuriöse Behausung mit Bad, Dampfheizung in einem herrlichen Park. Die Villa selbst liegt am Berghang. Wir haben also einen weiten Blick in die Rheinische Tiefebene. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich lauter zart begrünte Bäume, Mandelblüten, Kirschblüten am Abhang und dahinter die blaue Ebene, ganz weit. Ich liebe die Ebene, am Meer und hier, wo es auch sei. Obwohl es hier so schön ist, hätte ich fast lieber ein eigenes Zimmer, wie klein auch immer. Aber das ist sehr schwer zu haben.
Jetzt muss ich Dir mal was sagen: Erinnerst Du Dich an unser letztes Gespräch am Samstagnachmittag im Walde? Es war so schön, man hatte so das Gefühl des Zusammenklanges, ich freute mich über Dich und was Du sagtest, darüber, dass Du lebst. Dieses reine und gute Gefühl wurde aber etwas getrübt und zwar durch den „Abschiedskuss“. Weißt Du, wenn man sich nur ein bisschen gehen lässt, kann man leicht abrutschen auf eine tiefere Ebene des Gefühls. Vielleicht hast Du das auch gefühlt. Ich sage damit nicht, dass eine zärtliche Berührung auf tieferer Ebene steht, als eine geistige, im Gespräch etwa, im Musizieren usw., aber diesmal war es so. Es war irgendetwas in Dir oder in mir, eine Zerstreutheit, oder Gier, oder was es auch sei, die die Reinheit der Berührung trübte; es kam mir erst nachträglich zum Bewusstsein. Man muss in allen Dingen behutsam sein, selbst Leidenschaft kann im Innersten behutsam sein, damit die Seele nicht verletzt wird. Hoffentlich verstehst Du das. Ich glaube schon, denn ich wundere mich oft, was Du alles verstehst (das ist eine sachliche Feststellung, keine Verklärung).
Liest Du den Hyperion? Ich will jetzt den Grünen Heinrich von Gottfried Keller anfangen. Hoffentlich finde ich wenigstens etwas Zeit dazu. Als Wahlfach nehme ich Musik und wünsche mir, dass ich außer Bach nicht noch viel anderes spiele.
Heute Abend gehe ich in einen Studenten-Gottesdienst. Ein hessisches Gesangbuch kaufte ich mir heute und fand darin keine Liturgie. Es wäre schrecklich, wenn es im Gottesdienst keine Liturgie gäbe!
Noch etwas, was mit dem „Abschiedskuss“ am letzten Samstag zusammenhängt: Du musst gegen mich ehrlich sein, wie ich es auch gegen Dich sein werde. Bedeute ich Dir nichts oder nichts mehr (nach einiger Zeit), dann sag es ehrlich. Genauso tue ich es. Ich will keinen Briefwechsel, den Du Dir mühsam abringen musst. Außerdem würde ich es nicht ertragen, jemand Briefe zu schreiben, der es vielleicht gar nicht haben will. Bitte, tu’ mir das nicht an. Freut es Dich aber, wenn wir uns hie und da einen Brief schreiben, so wird das sehr schön werden. Ich bin so vorsichtig gegen Dich, weil ich Dich in keiner Weise bedrängen will, nicht mit Briefen oder sonst etwas. Du brauchst Freiheit und wenn Dir diese Freiheit beschränkt erscheint durch diesen Briefwechsel, dann sage es. Du bist mir so lieb und wertvoll, dass ich nur das will, was für Dich das Beste ist.
Nun Schluss für heute, jetzt gehe ich zum Essen.
Viele Grüße, lieber Heinrich,
von Christin.
Jugenheim, den 30.4.1955
Heute hoffte ich auf einen Brief von Dir, lieber Heinrich. Und er ist auch gekommen. Ich freute mich einfach schrecklich. Weißt Du, jetzt geht mir so viel im Kopf herum, Gedanken und Gefühle, die durch Deine Worte aufgerührt wurden. Aber ich werde schon einigermaßen verständlich schreiben.
Ich habe mich deswegen in den höchsten Teil unseres Parkes zurückgezogen, ich bin ganz allein. Es ist so warm, ein leichter Wind weht, die Vögel zwitschern ganz unverschämt lustig. Wenn Du jetzt hier wärest, würde ich ganz schnell einmal durch Deine Haare fahren, einfach, weil ich froh und glücklich bin. Weißt Du, an diesem Zustand ist verschiedenes schuld. Dein Brief hat es mir so richtig zum Bewusstsein gebracht, er ist die Ursache unter mehreren. Diese „mehreren“ Ursachen meines glücklichen Zustandes sind: Hier ist eine so wunderbare Landschaft, der Frühling strahlt und leuchtet aus Blütenbüschen, er fährt so fröhlich im Wind daher, der duftend ist von all den Blüten. Weißt Du, Jugenheim liegt am Hang des Odenwaldes. Also Laubwald bedeckt die Bergrücken und tiefer im Tal aber, wo unsere Villa (Studenten-Wohnheim) liegt, beginnen die Gärten. Alles blüht, strahlt, duftet in der Natur. Ach, lieber Heinrich, wenn Du das sehen könntest. Einmal ging ich am frühen Abend von der Villa zum Pädagogischen Institut. Da muss man erst hinunter nach Jugenheim, auf einem kleinen Weg zwischen Gärten hindurch und dann wieder den Berg hinauf, durch kühlen, hellgrünen Wald und Blütenbäumen. Der Himmel war ganz hoch und zart, die Vögel fast etwas stiller, die ganze Pracht der Natur war in dieser Zeit etwas gedämpft, nicht so mittäglich strahlend, aber gerade dadurch übte sie einen intensiven Zauber aus. Düfte und Farben durchdringen in der frühen Abendstunde die Sinne so heftig und süß, was durch die Stille noch verstärkt wird.
Ich hatte fast Heimweh. Ich kam mir etwas einsam vor, ich dachte auch an Dich. Das heißt, ich dachte an Dich. Aber plötzlich wurde ich schön getröstet und zwar dachte ich: Du gehst hier auf der Erde und auf derselben alten, guten, geliebten und herrlichen Erde gehen auch die, die Du liebst, sie sind gar nicht „wo anders“, sie sind ja im selben Haus, sind mit derselben Erde verbunden. Ach, guter Heinrich, wir sind beide Kinder der Natur, der Erde, der Mutter, der ewigen, stillen und schönen. Derselbe Wind umweht uns, dieselben Sterne leuchten uns, und wir sind eingeschlossen in den ewigen Kreislauf der Natur. Ich könnte mich hinwerfen auf die Erde, ins Gras, um nie mehr aufzustehen, einfach einsinken wollte ich, Gras werden, Laub oder Wurzel und Geflecht. Fast am meisten liebe ich die Bäume. Warum kann man kein Baum werden? Diese Liebe und das Entzücken, das ich für die Natur empfinde, wird mir hier tausendfältig belohnt. Erst hier kommt mir das alles so richtig zum Bewusstsein.
Das ist die eine Ursache, warum ich froh bin. Die andere: Die Freiheit, geistige Dinge mit gieriger Seele aufzusaugen und einzusammeln, habe ich hier in reichem Maße. Mein Vorlesungsverzeichnis ist eine wunderbare Fundgrube, die Dozenten haben geistig und menschlich hohes Niveau. Der Pfarrer, Prof. Dr. Hahn, ist sehr gut. Man hat hier in den meisten Dingen Freiheit, im Heim kann man praktisch tun, was man will. Ich glaube, ich gehe ins III. Semester, statt ins IV., um noch mehr Zeit zu haben, auch für meine Steckenpferde. Ich hörte schon verschiedene Vorlesungen. Meinen Studienplan habe ich mir auch endlich ausgetüftelt. Das war schwierig, weil sich manche Vorlesungen zeitlich überschnitten. Manchmal erlebte ich schon geistige Freudenaufwallungen, wenn ein Dozent irgendetwas sagte, was mit eigenen Gedanken, Erlebnissen oder Ahnungen zusammenklang und sie mir dadurch intensiv in die Seele aufstiegen.
Ach, Heinrich, ich rede dauernd von mir. Nur noch eines: Am Dienstag macht das Wahlfach Musik, dem ich angehöre, eine Fahrt nach Maulbronn und Schwetzingen (Maulbronn, wo Hölderlin und Hesse ihre Schuljahre verbrachten). Wir gehen dort in ein Konzert, bei dem Strawinsky persönlich eigene Werke dirigiert. Eigentlich hätte ich da noch nicht mitgekonnt, aber ich spielte mal etwas Klavier, ein Musikdozent hört es und unterhielt sich mit mir. Das Ergebnis war, dass er mir eine Karte noch nachträglich verschaffte. Toll, was?
Freunde will ich hier nicht haben, eine Freundin habe ich noch nicht. Ich genieße die Bindungslosigkeit und Freiheit, die gute Einsamkeit. Diese Einsamkeit ist aber nur gut für mich, weil ich Menschen weiß, die mir etwas bedeuten. Als heute Dein Brief kam, wurde mir die fruchtbare Spannung bewusst, die dadurch in mir entsteht. Glaubst Du, Heinrich, dass dieses Jugenheim für mich nötig war? Ich konnte einfach nicht mehr in den alten Geleisen aus Trägheit weiterlaufen, es wäre nur Trägheit gewesen, was mich bewogen hätte, in Schwabach zu bleiben. Dieser Raum war durchschritten, ich musste in einen neuen. Du wirst es selbst erleben. Ich werde hier Erfahrungen machen, in geistigen, seelischen und menschlichen Bereichen, die für das Leben notwendig sind und die ich in Schwabach nicht hätte machen können.
Für uns beide ist es viel besser, dass wir Briefe schreiben, als dass gefördert und zugleich gehemmt durch die Umstände (was uns beide gequält haben würde) auf nächtlichen, teils heimlichen Spaziergängen, eine Leidenschaft aufgekommen wäre, die den unbefriedigenden Verlauf einer Schulliebe genommen hätte. Ein unmöglicher Zustand! So erleben wir aneinander Freude, meinst Du nicht auch? Auf Deinen Brief werde ich das nächste Mal genauer eingehen, jetzt kann ich noch nicht.
Ich behalte Dich lieb und will auch in ein möglichst reines Verhältnis der Wahrheit mit Dir treten, wie Du mit mir.
Leb‘ wohl für heute und sei gegrüßt von Christin.
...
O Leben, Leben, wunderliche Zeit
von Widerspruch zu Widerspruche reichend,
im Gange oft so schlecht, so schwer, so schleichend:
und dann auf einmal, mit unsäglich weit
entspannten Flügeln, einem Engel gleichend:
O unerklärlichste, o Lebenszeit.
(Rainer Maria Rilke)
Die Freundschaft zwischen Christin und Heinrich nahm ihren Anfang, als Heinrich noch Schüler am Musischen Gymnasium in Schwabach war. Christin, im gleichen Alter wie Heinrich von zweiundzwanzig Jahren, hatte bereits 1956 ihr Pädagogikstudium in Jugenheim an der Bergstraße begonnen. Während sie aus einer behüteten Akademikerfamilie in Schwabach stammte, musste Heinrich bei Kriegsende mit seiner Mutter und zwei Geschwistern aus dem Elsass zu den Großeltern nach Oberfranken fliehen. In Schwabach lebte Heinrich als Schüler bei einem älteren Gärtnerehepaar am Rande der Stadt. Christin und Heinrich hatten sich bei einem Schulkonzert des Gymnasiums kennengelernt, zu dem Christin als ehemalige Schülerin eingeladen worden war. Sie spielte am Klavier Werke von Schubert und Schumann und begleitete den Gesang von Heinrich zu Liedern aus der „Winterreise“ von Schubert. Die Musik verband sie von Anfang an und vertiefte mit der Zeit ihre Freundschaft. Aber auch die Literatur und Dichtung, vor allem Hölderlins Hyperion, Gedichte von Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl begeisterten sie. Die Briefe von Christin, die sie ihrem schwärmerischen jugendlichen Freund aus Jugenheim schrieb, lassen erkennen, wie aus der anfänglichen Freundschaft für sie allmählich immer klarer und bewusster ihre Liebe zu Heinrich wuchs. Leider sind aus der Schulzeit von Heinrich nur wenige Briefe erhalten geblieben, aber auch sie zeigen, wie sehr er seine Freundin, die er zu ihrem Entsetzen vor seinen Schulkameraden eine „etwas ältere Lehrerin“ nannte, nicht nur als ihm geistig überlegene Wegbegleiterin brauchte, sondern als eine Person, die ihn stützte und Sicherheit gab.
Nach dem Abitur stand für Heinrich fest, dass er evangelische Theologie studieren werde, mit dem Ziel, einmal Pfarrer in einer Gemeinde zu sein. Er erfüllte damit nicht nur den sehnlichen Wunsch seiner Mutter, sondern entsprach seinem innersten Bedürfnis, sein Leben ganz in die Hand Gottes zu geben. Wie Augustinus empfand er als Heranwachsender sein damaliges Lebensgefühl: „Unruhig ist mein Herz“, bekennt der Kirchenvater vor Gott, „bis dass es Geborgenheit findet in dir.“ Heinrich war sich von Anfang an bewusst, dass es ein schwieriger Weg für ihn werden würde, da er schon sehr früh mit dem Widerspruch zwischen Glauben und Vernunft in sich kämpfen musste. Auch war er sich nicht sicher, ob er von Gott als sein Diener angenommen und zum Dienst an einer Gemeinde in der Kirche einmal tauglich sein würde.
Christin, die aus einer humanistisch geprägten Familie stammte – ihr Vater war Lehrer für die Alten Sprachen Latein und Griechisch an einem Gymnasium gewesen und früh im Krieg gefallen – fühlte sich schon als junges Mädchen bei ihrer Konfirmation ihrer Kirchengemeinde in Schwabach zugehörig. Auch in ihren späteren Briefen bekennt sie immer wieder, dass Religion und Glauben für sie nie nur eine persönliche Angelegenheit sei, sondern sich nur in der christlichen Gemeinde und in der Kirche verwirklichen lasse. Für sie waren auch rein ästhetische, künstlerische Elemente eines Gottesdienstes wie Liturgie, Predigt, Orgelmusik, Chorgesang und schließlich der Kirchenraum von entscheidender Bedeutung. Deshalb litt sie rein körperlich, wenn ein Pfarrer (damals gab es noch keine Pfarrerin) die Liturgie schlecht sang und die Botschaft des Evangeliums an die Gemeinde nicht klar verkündigte.
Nachdem Heinrich das Hebraikum an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau 1957 bestanden hatte, begann er sein Studium an der Georg August Universität in Göttingen. Hier erlebte er den freien Geist des wissenschaftlichen Denkens und Forschens, gerade auch in der Theologie, die vor allem in den biblischen Fächern des Alten und Neuen Testaments geprägt war von der Existentialtheologie eines Rudolf Bultmann der Marburger Schule, die ihren Nährboden aus Heideggers Existentialphilosophie zog. Wie einen Schock trafen ihn damals zu Anfang die Lehren seines Professors Ernst Käsemann, dass es bei der biblischen Exegese des Neuen Testamentes nicht um Glauben in der Theologie gehe, sondern um Wissenschaft. Nur so habe die Theologie überhaupt eine Daseinsberechtigung an der Universität. Die Lehren seines Professors stürzten Heinrich in eine tiefe Glaubenskrise. Nicht mehr der historische Jesus stand nun im Mittelpunkt der biblischen Botschaft in den vier Evangelien, sondern das Bekenntnis und Zeugnis der auf die Wiederkunft Jesu hoffenden biblischen Gemeinden. Nicht, was Jesus selbst gesagt und gelehrt habe, sei entscheidend, sondern das Glaubensbekenntnis der Jünger und Apostel zu dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.
Christin, die zu dieser Zeit Junglehrerin an einer Grundschule in Oberzell (Rhön) war, schrieb Heinrich: „Ich will Dir helfen, so gut ich kann. Du musst alle Zweifel durchstehen, woher sie auch kommen.“ Sie wusste, dass nicht nur das Theologiestudium, sondern auch der spätere Pfarrerberuf eine Gratwanderung sein wird. „Die Auseinandersetzungen werden bis auf Messers Schneide gehen“, schrieb sie ihm, „aber ich werde mit Dir den Weg gehen, im Vertrauen auf Gott und seine Gnade.“ Dabei erlebte sie bei den Gottesdiensten in dieser Dorfgemeinde oft alles andere als erfreuliche Stunden, wenn der Pfarrer wieder einmal die Gemeinde im Namen Gottes von der Kanzel herab lautstark verdonnerte. Auch die Gefahr der Routine des Pfarrerberufes wurde ihr bewusst. „Ich flehe Dich an“, schrieb sie ihm, „behalte die Empfindlichkeit in den geistlichen Dingen, steigere sie noch, wenn Du kannst, leide, wenn es nicht anders geht, aber werde nie zu einem geistlichen Routinearbeiter, bloß das nicht!“ Und weil der Dienst eines Pfarrers in der Kirche und an seiner Gemeinde im wahrsten Sinne ein Gottes-Dienst ist, in der Verantwortung vor Gott, „muss er“, schrieb sie Heinrich, „bei seiner Predigt das Gefäß sauber halten, in dem er Gottes Wort erscheinen lassen will und in dem es wirken soll.“
In den fünf Jahren von 1955–1960, in denen Christin und Heinrich sich in ihren Briefen austauschten und sich ihrer gegenseitigen Liebe versicherten, all ihre Alltagssorgen, Schwierigkeiten, Glück und Freude, Schmerz und Sehnsucht miteinander teilten, wuchs das starke Vertrauen der Zusammengehörigkeit, getragen von dem Glauben an Gott und die Erlösung durch seinen Sohn Jesus Christus. „Denn nie könnte ich Dich so richtig liebhaben,“ gesteht Christin Heinrich, „wenn nicht auch der Glaube an Gott das Band unserer Liebe wäre.“
Von dem Konvolut der erhalten gebliebenen Briefe stammen neunundvierzig von Christin und vierundzwanzig von Heinrich. Sie waren nicht zur Veröffentlichung gedacht oder geschrieben worden und zeigen gerade dadurch ihre unbekümmerte Offenheit und Natürlichkeit. Weggelassen wurden lediglich ganz persönliche Mitteilungen an die Familien und Verwandten. Auch wurden die Namen der in den Briefen genannten Personen aus Persönlichkeitsschutz geändert, sofern sie nicht Amtsträger oder Personen der Öffentlichkeit waren. Grammatikalische oder sprachliche Unebenheiten wurden geringfügig verbessert und der gegenwärtigen Rechtschreibung angepasst.
Jugenheim, 26.4.1955
Lieber Heinrich!
Dass ich Dir jetzt schon schreibe, hat natürlich einen ganz unromantischen Grund: Ich fürchte, ich habe die nächste Zeit nicht viel Muße dazu, denn ich sehe schon die Arbeit sich vor mir türmen. Vielleicht ist es aber auch nur Einbildung. Weißt Du, jetzt ist alles für mich ganz verwirrend, besonders, weil ich weder Dozenten noch die Lage der Hörsäle kenne. Und das Riesenangebot an Vorlesungen und Übungen! Und stell Dir vor, im Sommer muss ich schon einen Teil der Hauptprüfung ablegen. Das kann ja heiter werden. Aber ich freu’ mich schon aufs Arbeiten; ich war jetzt so lange faul und unproduktiv.
Heute früh ging ich aufs Geratewohl ins Institut, einfach hinein in den Verhau, kaperte mir einen Studenten und der musste mir einiges erklären. Dann zu einem Dozenten, der schickte mich zu einem anderen usw. Die Studienfächer am Schwarzen Brett, wo alle Vorlesungen, Termine, Räume und alles angekündigt wird. Und überall sind eine Menge Studentinnen und Studenten, die alles schon wissen, und man selber steht so unwissend in der Gegend herum. Das hat mich etwas durchlöchert, seelisch, aber meine gute Laune blieb. Heute Nachmittag ging ich in eine Übung, um einmal den Betrieb zu erleben. Und weißt Du, als ich mal wieder zwei Stunden lang einen gutgestalteten Vortrag zuhören konnte und mitdachte, mitschrieb, kurz, über ein Thema meinen Geist übte, hatte das eine wunderbar beruhigende Wirkung auf mich. Ich war von der Hetze des Nachmittags geheilt.
Nun noch schnell einiges über mein äußeres Leben: Ich wohne mit zwei anderen Mädchen zusammen im Turmzimmer einer Villa, die als Studentinnenheim gemietet ist. Es ist eine ziemlich luxuriöse Behausung mit Bad, Dampfheizung in einem herrlichen Park. Die Villa selbst liegt am Berghang. Wir haben also einen weiten Blick in die Rheinische Tiefebene. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich lauter zart begrünte Bäume, Mandelblüten, Kirschblüten am Abhang und dahinter die blaue Ebene, ganz weit. Ich liebe die Ebene, am Meer und hier, wo es auch sei. Obwohl es hier so schön ist, hätte ich fast lieber ein eigenes Zimmer, wie klein auch immer. Aber das ist sehr schwer zu haben.
Jetzt muss ich Dir mal was sagen: Erinnerst Du Dich an unser letztes Gespräch am Samstagnachmittag im Walde? Es war so schön, man hatte so das Gefühl des Zusammenklanges, ich freute mich über Dich und was Du sagtest, darüber, dass Du lebst. Dieses reine und gute Gefühl wurde aber etwas getrübt und zwar durch den „Abschiedskuss“. Weißt Du, wenn man sich nur ein bisschen gehen lässt, kann man leicht abrutschen auf eine tiefere Ebene des Gefühls. Vielleicht hast Du das auch gefühlt. Ich sage damit nicht, dass eine zärtliche Berührung auf tieferer Ebene steht, als eine geistige, im Gespräch etwa, im Musizieren usw., aber diesmal war es so. Es war irgendetwas in Dir oder in mir, eine Zerstreutheit, oder Gier, oder was es auch sei, die die Reinheit der Berührung trübte; es kam mir erst nachträglich zum Bewusstsein. Man muss in allen Dingen behutsam sein, selbst Leidenschaft kann im Innersten behutsam sein, damit die Seele nicht verletzt wird. Hoffentlich verstehst Du das. Ich glaube schon, denn ich wundere mich oft, was Du alles verstehst (das ist eine sachliche Feststellung, keine Verklärung).
Liest Du den Hyperion? Ich will jetzt den Grünen Heinrich von Gottfried Keller anfangen. Hoffentlich finde ich wenigstens etwas Zeit dazu. Als Wahlfach nehme ich Musik und wünsche mir, dass ich außer Bach nicht noch viel anderes spiele.
Heute Abend gehe ich in einen Studenten-Gottesdienst. Ein hessisches Gesangbuch kaufte ich mir heute und fand darin keine Liturgie. Es wäre schrecklich, wenn es im Gottesdienst keine Liturgie gäbe!
Noch etwas, was mit dem „Abschiedskuss“ am letzten Samstag zusammenhängt: Du musst gegen mich ehrlich sein, wie ich es auch gegen Dich sein werde. Bedeute ich Dir nichts oder nichts mehr (nach einiger Zeit), dann sag es ehrlich. Genauso tue ich es. Ich will keinen Briefwechsel, den Du Dir mühsam abringen musst. Außerdem würde ich es nicht ertragen, jemand Briefe zu schreiben, der es vielleicht gar nicht haben will. Bitte, tu’ mir das nicht an. Freut es Dich aber, wenn wir uns hie und da einen Brief schreiben, so wird das sehr schön werden. Ich bin so vorsichtig gegen Dich, weil ich Dich in keiner Weise bedrängen will, nicht mit Briefen oder sonst etwas. Du brauchst Freiheit und wenn Dir diese Freiheit beschränkt erscheint durch diesen Briefwechsel, dann sage es. Du bist mir so lieb und wertvoll, dass ich nur das will, was für Dich das Beste ist.
Nun Schluss für heute, jetzt gehe ich zum Essen.
Viele Grüße, lieber Heinrich,
von Christin.
Jugenheim, den 30.4.1955
Heute hoffte ich auf einen Brief von Dir, lieber Heinrich. Und er ist auch gekommen. Ich freute mich einfach schrecklich. Weißt Du, jetzt geht mir so viel im Kopf herum, Gedanken und Gefühle, die durch Deine Worte aufgerührt wurden. Aber ich werde schon einigermaßen verständlich schreiben.
Ich habe mich deswegen in den höchsten Teil unseres Parkes zurückgezogen, ich bin ganz allein. Es ist so warm, ein leichter Wind weht, die Vögel zwitschern ganz unverschämt lustig. Wenn Du jetzt hier wärest, würde ich ganz schnell einmal durch Deine Haare fahren, einfach, weil ich froh und glücklich bin. Weißt Du, an diesem Zustand ist verschiedenes schuld. Dein Brief hat es mir so richtig zum Bewusstsein gebracht, er ist die Ursache unter mehreren. Diese „mehreren“ Ursachen meines glücklichen Zustandes sind: Hier ist eine so wunderbare Landschaft, der Frühling strahlt und leuchtet aus Blütenbüschen, er fährt so fröhlich im Wind daher, der duftend ist von all den Blüten. Weißt Du, Jugenheim liegt am Hang des Odenwaldes. Also Laubwald bedeckt die Bergrücken und tiefer im Tal aber, wo unsere Villa (Studenten-Wohnheim) liegt, beginnen die Gärten. Alles blüht, strahlt, duftet in der Natur. Ach, lieber Heinrich, wenn Du das sehen könntest. Einmal ging ich am frühen Abend von der Villa zum Pädagogischen Institut. Da muss man erst hinunter nach Jugenheim, auf einem kleinen Weg zwischen Gärten hindurch und dann wieder den Berg hinauf, durch kühlen, hellgrünen Wald und Blütenbäumen. Der Himmel war ganz hoch und zart, die Vögel fast etwas stiller, die ganze Pracht der Natur war in dieser Zeit etwas gedämpft, nicht so mittäglich strahlend, aber gerade dadurch übte sie einen intensiven Zauber aus. Düfte und Farben durchdringen in der frühen Abendstunde die Sinne so heftig und süß, was durch die Stille noch verstärkt wird.
Ich hatte fast Heimweh. Ich kam mir etwas einsam vor, ich dachte auch an Dich. Das heißt, ich dachte an Dich. Aber plötzlich wurde ich schön getröstet und zwar dachte ich: Du gehst hier auf der Erde und auf derselben alten, guten, geliebten und herrlichen Erde gehen auch die, die Du liebst, sie sind gar nicht „wo anders“, sie sind ja im selben Haus, sind mit derselben Erde verbunden. Ach, guter Heinrich, wir sind beide Kinder der Natur, der Erde, der Mutter, der ewigen, stillen und schönen. Derselbe Wind umweht uns, dieselben Sterne leuchten uns, und wir sind eingeschlossen in den ewigen Kreislauf der Natur. Ich könnte mich hinwerfen auf die Erde, ins Gras, um nie mehr aufzustehen, einfach einsinken wollte ich, Gras werden, Laub oder Wurzel und Geflecht. Fast am meisten liebe ich die Bäume. Warum kann man kein Baum werden? Diese Liebe und das Entzücken, das ich für die Natur empfinde, wird mir hier tausendfältig belohnt. Erst hier kommt mir das alles so richtig zum Bewusstsein.
Das ist die eine Ursache, warum ich froh bin. Die andere: Die Freiheit, geistige Dinge mit gieriger Seele aufzusaugen und einzusammeln, habe ich hier in reichem Maße. Mein Vorlesungsverzeichnis ist eine wunderbare Fundgrube, die Dozenten haben geistig und menschlich hohes Niveau. Der Pfarrer, Prof. Dr. Hahn, ist sehr gut. Man hat hier in den meisten Dingen Freiheit, im Heim kann man praktisch tun, was man will. Ich glaube, ich gehe ins III. Semester, statt ins IV., um noch mehr Zeit zu haben, auch für meine Steckenpferde. Ich hörte schon verschiedene Vorlesungen. Meinen Studienplan habe ich mir auch endlich ausgetüftelt. Das war schwierig, weil sich manche Vorlesungen zeitlich überschnitten. Manchmal erlebte ich schon geistige Freudenaufwallungen, wenn ein Dozent irgendetwas sagte, was mit eigenen Gedanken, Erlebnissen oder Ahnungen zusammenklang und sie mir dadurch intensiv in die Seele aufstiegen.
Ach, Heinrich, ich rede dauernd von mir. Nur noch eines: Am Dienstag macht das Wahlfach Musik, dem ich angehöre, eine Fahrt nach Maulbronn und Schwetzingen (Maulbronn, wo Hölderlin und Hesse ihre Schuljahre verbrachten). Wir gehen dort in ein Konzert, bei dem Strawinsky persönlich eigene Werke dirigiert. Eigentlich hätte ich da noch nicht mitgekonnt, aber ich spielte mal etwas Klavier, ein Musikdozent hört es und unterhielt sich mit mir. Das Ergebnis war, dass er mir eine Karte noch nachträglich verschaffte. Toll, was?
Freunde will ich hier nicht haben, eine Freundin habe ich noch nicht. Ich genieße die Bindungslosigkeit und Freiheit, die gute Einsamkeit. Diese Einsamkeit ist aber nur gut für mich, weil ich Menschen weiß, die mir etwas bedeuten. Als heute Dein Brief kam, wurde mir die fruchtbare Spannung bewusst, die dadurch in mir entsteht. Glaubst Du, Heinrich, dass dieses Jugenheim für mich nötig war? Ich konnte einfach nicht mehr in den alten Geleisen aus Trägheit weiterlaufen, es wäre nur Trägheit gewesen, was mich bewogen hätte, in Schwabach zu bleiben. Dieser Raum war durchschritten, ich musste in einen neuen. Du wirst es selbst erleben. Ich werde hier Erfahrungen machen, in geistigen, seelischen und menschlichen Bereichen, die für das Leben notwendig sind und die ich in Schwabach nicht hätte machen können.
Für uns beide ist es viel besser, dass wir Briefe schreiben, als dass gefördert und zugleich gehemmt durch die Umstände (was uns beide gequält haben würde) auf nächtlichen, teils heimlichen Spaziergängen, eine Leidenschaft aufgekommen wäre, die den unbefriedigenden Verlauf einer Schulliebe genommen hätte. Ein unmöglicher Zustand! So erleben wir aneinander Freude, meinst Du nicht auch? Auf Deinen Brief werde ich das nächste Mal genauer eingehen, jetzt kann ich noch nicht.
Ich behalte Dich lieb und will auch in ein möglichst reines Verhältnis der Wahrheit mit Dir treten, wie Du mit mir.
Leb‘ wohl für heute und sei gegrüßt von Christin.
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