Leben und Tod des Medellín-Kartells
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 396
ISBN: 978-3-7116-1072-0
Erscheinungsdatum: 23.10.2025
Vom Rebellen zum Mitgründer des berüchtigtsten Drogenkartells der Geschichte: Carlos Lehder erzählt erstmals selbst von Aufstieg, Gewalt, Gier und der Macht des Kokains – und seinem dramatischen Weg zurück ins Leben.
Vorwort
Ich wurde am 7. September 1949 geboren. Einige Tage später wurde ich in einer Zeremonie in der Kathedrale von Armenia, der Hauptstadt des Departements Quindío (Kolumbien), auf den Namen Carlos Enrique Lehder Rivas getauft. Mein Vater, Wilhelm Lehder, kam 1927 aus seinem Heimatland Deutschland nach Kolumbien. Er war als Ingenieur für ein deutsches Unternehmen tätig, das Infrastrukturobjekte entwarf und baute. Er leitete den Bau der Eisenbahnstrecke Pereira–Manizales sowie des Bahnhofs in Manizales, woher meine Mutter, Helena Rivas, stammte. Dort lernten sie sich kennen, verliebten sich, heirateten in der katholischen Kirche, und einige Zeit später kamen vier Kinder zur Welt. Seitdem lebte mein Vater in Kolumbien; er flog nur sporadisch nach Deutschland, um unsere Verwandten zu besuchen. Von klein auf galt ich als der Rebell, das schwarze Schaf der Familie. Mir standen alle Wege offen, zu studieren und den Weg einzuschlagen, den meine Familie mit viel Liebe und Mühe für mich vorgesehen hatte, aber aus mysteriösen Gründen ist es nicht dazu gekommen.
Schon in jungen Jahren beschloss ich, mein Studium auf Eis zu legen und mich voller Neugier und Tatendrang an den Ort zu begeben, den ich damals für den wichtigsten und fortschrittlichsten der Welt hielt: die fantastischen Vereinigten Staaten von Amerika. Dort verfiel ich der Versuchung des schnellen Profits. Ich begann, die Gesetze zu brechen, und nach einiger Zeit, wie ich in diesem Buch erzähle, landete ich für zwei Jahre im Staatsgefängnis, anschließend wurde ich nach Kolumbien abgeschoben. Trotz des Weges, den ich eingeschlagen hatte, konnte ich eine starke persönliche Disziplin entwickeln. Ich entschied mich auch dafür, von erfolgreichen Menschen zu lernen, indem ich entweder über sie las oder sie traf und sogar persönlich für sie arbeitete. Ich habe mir die folgende Volksweisheit zu eigen gemacht: „Mit wenig Disziplin erzielt man kleine Erfolge, mit mittlerer Disziplin erzielt man mittlere Erfolge, und mit maximaler Disziplin erzielt man große Erfolge“. Reuig, keinen Universitätsabschluss erworben zu haben, konzentrierte ich mich darauf, mit Disziplin und Planung alles zu erreichen, was ich mir vornahm.
Und obwohl der Text, den Sie in den Händen halten, Schlüsselmomente meines Lebens enthält, möchte ich klarstellen, dass dieses Buch viel mehr als meine Biografie ist, es ist vor allem – wie der Titel schon sagt – die noch nie erzählte Geschichte der berühmtesten, weitreichendsten und vielleicht mächtigsten Kokainhändlerorganisation, die es je in der Geschichte der Menschheit gegeben hat, aus erster Hand.
Ich habe alle hier erzählten Ereignisse hautnah miterlebt, als Augenzeuge und größtenteils als Protagonist. Ich war Teil all dieser Abenteuer – einige davon kriminell und einige nicht – , die in diesem Buch erzählt werden und die heute die Geschichte eines Lebens mit zweifellos vielen Fehlern und vielleicht weniger Erfolgen, aber voller Intensität, abbildet. Ich habe sehr viele Monate gebraucht, um sie zu Papier zu bringen, ich habe den Text mehrfach umgeschrieben. Dieses Buch ist nicht nur eine persönliche Reise in mein früheres Leben, sondern auch eine bewegende Rekonstruktion von Momenten der jüngsten Geschichte Kolumbiens. Das Buch dient dazu, dass sie sich nicht wiederholt.
Ich hoffe, dass meine Memoiren dazu beitragen werden, dass neue Generationen aus erster Hand erfahren, wie gefährlich, tückisch und verheerend der Weg des Drogenhandels ist. Es gibt nur zwei Wege, von wenigen Ausnahmen abgesehen: Der eine führt ins Gefängnis und der andere endet mit dem Tod. Bei jeder Transaktion oder jedem Geschäft setzt man sein Leben aufs Spiel; die Behörden werden auf lange Sicht immer dahinterkommen und gewinnen.
Ich denke oft darüber nach, wie uns die Heilige Schrift lehrt, dass der Schöpfer Mann und Frau aus dem irdischen Paradies vertrieben hat, weil sie von der Frucht des verbotenen Baumes gegessen haben. Dann denke ich, dass vielleicht auch wir, die Kinder Südamerikas, gesündigt haben, indem wir den Kokastrauch – das heilige Blatt des Inka-Reiches – missbraucht haben.
Heute kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich gegen die Legalisierung illegaler Drogen bin, mit Ausnahme von Marihuana. Ich möchte mit aller Deutlichkeit sagen, dass keine illegale Droge, die bei übermäßigem Konsum den sofortigen Tod eines Menschen verursachen kann, legalisiert werden sollte, auch nicht Kokain.
Mit über siebzig Jahren betrachte ich mich heute trotz allem als einen ganz normalen Menschen, dessen bemerkenswerte geistige und körperliche Ausgeglichenheit es ihm ermöglichte, außergewöhnlich gefährliche und tödliche Umstände zu überleben. Ich habe die mir von der US-Regierung auferlegte Strafe bereits verbüßt: dreiunddreißig Jahre Haft. Heute erkenne ich, dass es falsch war, dieses verbotene Geschäft ausgeübt zu haben. Trotz so vieler Rückschläge habe ich immer mein Wort gehalten; ich glaube, dass diese Garantie eine meiner Formeln und Werkzeuge zur Selbstoptimierung war. Ich lebe in Deutschland – meiner zweiten Heimat – als reumütiger, rehabilitierter, gesetzestreuer und endlich freier Bürger.
In diesem Land habe ich auch gelernt und bestätigt bekommen, dass die grausamen und unmenschlichen Ausmaße des Nationalsozialismus im Gegensatz zu dem, was ich einst dachte, nur Tod, Schmerz und Schande über dieses Land und den gesamten Planeten gebracht haben.
Für alle anderen bete ich.
Carlos Lehder
Frankfurt am Main, Deutschland, am 6. Juli 2023
Geburtsstunde des MEDELLÍN-KARTELLS
Nie zuvor wurden so viele Drogenhändler auf einen Haufen gesehen. Von Pablo Escobar in sein Anwesen gerufen, das er für diesen Anlass gemietet hatte, trafen wir, eine Gruppe von Gangstern und Anwälten – geeint durch eine gemeinsame Angst – zum ersten Mal aufeinander. Der Grund war ein Konzept, das keiner von uns ganz verstand, von dem wir aber wussten, dass es eine direkte Bedrohung darstellte: die Auslieferung. Es war durchgesickert, dass die kolumbianische Regierung eine Vereinbarung mit der US-Regierung getroffen hatte, wonach wir in unserem eigenen Land gesucht würden und uns vor der US-Justiz für dort begangene Verbrechen verantworten müssten.
Die meisten von uns kannten sich untereinander nicht. Wir waren damals – Ende 1981 – eine Gruppe von Abenteurern, auch „emergentes“ [sog. Aufsteiger] genannt, um ein damals sehr gebräuchliches Wort zu verwenden. Es steht für Personen, die in kurzer Zeit durch den illegalen Drogenhandel ein riesiges Vermögen anhäuften. Von den Anwesenden hatten nur sehr wenige einen Schulabschluss, aber man brauchte nicht viel Bildung, um das Ausmaß der Bedrohung zu begreifen, die sich nun über uns ausbreitete.
Im Garten baute Escobar eine Bühne auf. Der erste, der das Mikrofon ergriff, war sein Anwalt Guido Parra, gefolgt von einem weiteren Rechtsexperten, Federico Estrada Vélez. Beide wurden Jahre später ermordet. Estrada wurde 1990 vom Kartell selbst umgebracht, während Parra drei Jahre später von Los Pepes hingerichtet wurde. Das war die Bande, die die Feinde des Anführers Pablos Escobar vereinte. Seine Ausführungen drehten sich um die geltende kolumbianische Rechtsprechung zur Auslieferung, eine Information, die keiner von uns verstand, die aber andererseits unsere Paranoia zu nähren vermochte. Das Einzige, was klar war, war, dass nichts klar war. Wir stellten viele Fragen, weil wir unbedingt wissen wollten, was mit uns bei Auslieferung geschehen würde, aber wir erhielten keine konkreten Antworten. Keiner der Anwesenden hatte den Vertrag lesen können, den der kolumbianische Botschafter, Virgilio Barco, mit den Vereinigten Staaten unterzeichnet hatte. Er wurde streng geheim gehalten. Wir hatten auch keine Ahnung von dem Gesetz, das der Kongress soeben verabschiedet hatte, was die Auslieferung in diesem Land legalisierte.
Ein aufgebrachter Pablo Escobar nahm Rechtsanwalt Parra das Mikrofon weg und sagte energisch:
– Wir müssen zuerst ein Exemplar des Vertrages bekommen, dann müssen wir ihn lesen und mit den Anwälten prüfen. Wir werden es kaufen oder, falls nötig, stehlen, wir stehlen es; dann können die Anwälte und wir es alle lesen, die Anwälte können es prüfen und uns ganz genau über die Gefahren informieren, die uns drohen. Wir müssen herausfinden, was die Absichten der verdammten Regierung sind.
Am Flughafen Medellín bestieg ich mein Flugzeug nach Bogotá. Dort ging ich in die Innenstadt zum Büro von Dr. Pablo Salah Villamizar, einem berühmten Anwalt, den ich seit meiner Jugend kannte. Das Büro befand sich einen halben Block vom Justizpalast entfernt. Er empfing mich herzlich und bestätigte mir, dass der Vertrag zwar existiere, aber noch nicht in Kraft treten könne, da er erst durch ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz ratifiziert werden müsse. Dann holte er eine Mappe aus einer Schublade, die eine Kopie des gefürchteten Dokuments enthielt, und nahm mir das Versprechen ab, niemals zu verraten, wer es mir gegeben hatte.
Er erklärte mir, dass nach der Ratifizierung des Abkommens durch das erforderliche Gesetz ein Ersuchen der US-Botschaft ausreichen würde, damit die kolumbianische Regierung die Festnahme des von der US-Justiz gesuchten Bürgers anordnen kann. Sobald er sich in sicherem Gewahrsam befindet, wäre es Sache des Präsidenten, zu entscheiden, ob er ihn ausliefert oder nicht. Dr. Salah warnte mich, dass ich sehr vorsichtig sein sollte, da die Auslieferung bald möglich sein würde.
Verblüfft öffnete ich die Mappe und versuchte, den Text zu lesen, aber er war zu anspruchsvoll für mich. Ich beschloss, Dr. Salah zu fragen, ob er mein Anwalt sein wollte. Er sagte mir, dass er das nicht könne, aber dass ein Bekannter von ihm dies mit seinem Beistand tun könne. Es war Dr. Valencia, den er sofort bat, sich mit mir zu treffen.
Dr. Salahs Pünktlichkeit und Professionalität waren legendär. Er war für sein gentlemanhaftes Auftreten und seine tadellose Kleidung bekannt, und wir benutzten die gleiche italienische Creme, Pino Silvestre. Seine Söhne waren ebenfalls Anwälte und hatten ihre Kanzleien nebenan.
Dr. Valencia war ein gebildeter und versierter Paisa. Als ich die Vertretungsvollmacht für ihn unterschrieb, sagte ich ihm:
– Herr Dr., ich möchte ein Interview mit den Medien vereinbaren, damit wir diesen Vertrag vorstellen und Sie der Öffentlichkeit erklären können, was er beinhaltet.
Er sagte mir, dass eine Pressekonferenz keine gute Idee sei und dass es besser wäre, für einen Beitrag in El Tiempo zu bezahlen, um die Sache bekannt zu machen. Er bot mir die Vermittlung einer befreundeten Journalistin an, die bei der wichtigsten Zeitung des Landes arbeitet.
Mein neuer Anwalt fertigte zwei Kopien an, eine davon für die Journalistin, die ihm sodann mitteilte, dass sie es für möglich hielt, den Beitrag zu veröffentlichen. Sie fragte mich, wer für die Veröffentlichung verantwortlich sein solle, und ich sagte ihr, dass es besser sei, es im Namen der „auslieferungsfähigen Bürger“ zu veröffentlichen, da ich nicht bekannt war und dies auch nicht werden wollte.
– Herr Lehder, dann sind es „die Auszuliefernden“, sagte die Journalistin.
Damit war der Name einer Organisation geboren, die in die Geschichte des Landes eingehen sollte. Ich überreichte ihr eine große Summe Geld, um die Veröffentlichung der Anzeige zu bezahlen, und machte mich auf den Weg zum Flughafen von El Dorado.
Am Terminal des Privatjets bestieg ich den Turbo Commander und flog nach Medellín. Pablo Escobar hielt die Kopien des Auslieferungsvertrags in seinen verkrampften Händen. Nachdem er gehört hatte, was Dr. Salah mir erzählt hatte, brüllte er und war total außer sich.
Das war Pablo, dieser ungehobelte junge Mann, der ein Gangster und Bandit war und sich nun in einen wütenden Drogenboss verwandelt hatte:
– Wenn diese verdammten Politiker bereit sind, kolumbianische Bürger an die Vereinigten Staaten zu verkaufen, dann sind sie auch bereit, alles hier zu verkaufen.
Vor mir sah ich einen Pablo, den ich nicht kannte. Ich spürte zum ersten Mal, dass unsere Organisation einen Gladiator hatte, einen geborenen Anführer. Ich konnte auch erkennen, dass wir nicht allein waren und dass diese Situation uns zusammengebracht hatte, um unser Überleben und unsere Rechte als kolumbianische Bürger zu schützen. Wir waren bereits eine solide Organisation von Narcos [Drogendealer].
Ich sagte ihm, dass ein Beitrag über den Vertrag in El Tiempo erscheinen würde, aber er war sehr skeptisch, ob er überhaupt erscheinen würde, da es sich um eine Zeitung handelte, die traditionell das Regime unterstützte. Es kam zu einer heftigen Diskussion zwischen uns. Ich erinnerte ihn daran, dass Präsident Eduardo Santos – ein Mitglied der Familie, der El Tiempo damals gehörte – Kolumbien in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs für neutral erklärt hatte; ein Argument, das Pablo nicht überzeugte, für den diese weißen Männer alle gleich waren.
Viele unserer Kunden waren auch Krawattenträger. Sie waren Teil des Koksgeschäfts. Viele Dinge unterschieden uns, angefangen bei unserer Herkunft, in meinem Fall vielleicht etwas weniger. Aber was wir gemeinsam hatten, war die Gier. Die Gier, die mich dazu brachte, den Weg zu verlassen, den meine Eltern vor mehr als fünfzig Jahren für mich vorgesehen hatten, und eine verführerische Abkürzung zu nehmen, die mich zunächst nach La Paz (Bolivien) führte.
Don Miguel de Aguinaga war kein Kokainschmuggler. Er war Gouverneur des Neuen Königreichs von Granada in Spanien und gründete im November 1675 die „Villa de La Candelaria de Medellín“, die an die Stadt Medellín in der Extremadura (Spanien) erinnert.
Es war das Jahr 1970. In derselben Stadt saßen Alvaro Ramírez alias „el Gago“ und ich an einem Tisch in einer Bar in der Carrera 70, dem Treffpunkt des Nachtlebens von Medellín, und stießen mit einer Flasche Rum und ein paar Bieren lachend auf jeden Quatsch an. Ausgelassen tranken wir mit zwei jungen Frauen in einem farbenfrohen Ambiente, das von den Neonschildern und dem Rauch der über der Holzkohle gegrillten Steaks erfüllt war. Es liefen Rancheras, Salsamusik und ein paar Rocksongs, immer in sehr hoher Lautstärke.
Alvaro war sehr gesprächig und erzählte gerne Anekdoten. Gagueando – so sein Spitzname – brachte eine gehörige Portion Humor in die Unterhaltung. Er war natürlich ein Magnet für junge Frauen, die er dann dazu überreden konnte, alles zu tun, was ihre Mütter ihnen verboten hatten. Er war dreißig und ich war gerade neunzehn geworden.
Mein Freund kaufte und verkaufte Gebrauchtwagen, tauschte alles ein, was einen Gewinn abwarf. Der Alkohol machte locker und Tabakrauch mischte sich mit dem Rauch der Grills. Kokain war in Kolumbien fast unbekannt.
El Gago hatte seinen neuen blauen 351 Mustang ein paar Meter von unserem Tisch entfernt geparkt. Mein Ford 250 Pick-up leistete ihm Gesellschaft. Unsere Mission war es, junge Frauen zu umgarnen und zu verführen, natürlich nur, wenn sie damit einverstanden waren; andernfalls mussten wir mit Körben rechnen: „nur küssen erlaubt“, hörten wir Hunderte von Malen.
Ich fühlte in mir eine Sinnesleere. Ich konnte es nicht ertragen. Ebenso wenig konnte ich die Stille in einer Welt ertragen, die in meinen Augen vor Möglichkeiten nur so strotzte. Ich wollte vorwärts gehen, leben. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich gehen sollte, aber ich wusste, was mich faszinierte: Weltoffenheit. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits in New York gelebt, dem Schauplatz meiner Jugend. Dort entwickelte sich auch meine Neigung, das Gesetz zu brechen. Nachdem ich das Internat verlassen hatte, auf das mich meine seit der Kindheit geschiedenen Eltern geschickt hatten, begann ich in einer Kunststofffabrik zu arbeiten. Ich war sechzehn Jahre alt. Von meinem Lohn kaufte ich mir mein erstes Auto. „Carlitos ist verrückt nach Autos“, sagten meine Brüder und Freunde immer.
Der Treffpunkt für die Kolumbianer, die Ende der 1960er-Jahre massenhaft nach New York kamen, war das Viertel Jackson Heights im Bezirk Queens.
Da ich mich nach dem Flair meiner armenischen Heimat sehnte, ging ich in eines der ersten kolumbianischen Restaurants, die in diesem Teil des Big Apple eröffneten. Ich wurde zu einem Stammgast, jeder kannte mich. Nach zwei Jahren war ich bereits mit mehreren Fahrern aus Cali befreundet, die bei den renommiertesten Autovermietungen arbeiteten. Sie kamen immer mit den neuesten Modellen, neben denen mein alter zweihundert-Dollar-Ford blass aussah.
Eines Tages bekam ich mit, dass diese Leute ein nagelneues Auto für dreihundert Dollar zum Verkauf anboten. Als ich sie drauf ansprach, antworteten sie, ich könne es einen Monat lang fahren und dann wiederverkaufen. Sie machten keinen Hehl daraus, dass es sich dabei um gestohlene Autos von den Autohäusern, in denen sie arbeiteten, handelte.
Der Moment, in dem ich beschloss, dieses verlockende Angebot anzunehmen, war ein Wendepunkt in meinem Leben. Es war schließlich die Entscheidung, die mein Schicksal in dieser Existenz bestimmte, mein Einstieg in die kriminelle Welt. Ich hatte bereits in Restaurants gearbeitet, und zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich in einer Kunststofffabrik. Ich war achtzehn Jahre alt.
Dieses Auto – meinen verbotenen Apfel – verkaufte ich schließlich an den Besitzer einer Werkstatt, in der sie nicht nach der Herkunft der Autos fragten, sondern sie einfach ausschlachteten. Sie demontierten die Autos komplett und verkauften jedes Teil einzeln, sodass es keine Spuren gab.
Der Preis, den sie mir zahlten, war geringfügig höher als der, den ich gezahlt hatte, aber nicht wesentlich. Das veranlasste mich, nach Alternativen zu suchen, um das Geschäft rentabler zu machen. Ich beschloss, mich mit Stift und Papier, amtlichen Kfz-Zulassungsformularen und einem großen Wörterbuch hinzusetzen, um die verschiedenen Möglichkeiten zu recherchieren.
Ich glaubte, eine Formel gefunden zu haben, die es mir ermöglichen würde, die Fahrzeugpapiere fast zu legalisieren, aber ich müsste das Auto in Staaten verkaufen, die weit von New York entfernt sind. Um nicht aufzufallen, beschloss ich, bei Besorgungen und der Bearbeitung gestohlener Autos immer Anzug und Krawatte zu tragen.
Ich besuchte drei verschiedene Zulassungs- und Nummernschildämter in drei verschiedenen Bundesstaaten. Ich analysierte die Formulare und kam zu dem Schluss, dass es fast unmöglich war, meinen Plan in die Tat umzusetzen, da immer eine vorherige Anmeldung erforderlich war, die nur durch Beifügung der Überführungsdokumente erfolgen konnte, die ich natürlich nicht hatte.
Gerade als ich aufgeben wollte, erfuhr ich, dass es im Bundesstaat Vermont, der an Kanada grenzt, keine solche Anforderung gibt. Alles, was ich brauchte, war ein Kaufvertrag von einem Autohändler, und der Zulassungsinhaber musste in diesem Staat wohnen. Bei Vorlage dieser Papiere wurden die offizielle Zulassung und die Nummernschilder sofort ausgestellt.
Mit diesen Informationen gelang es mir, Kopien einer Originalrechnung eines Autohauses in der Bronx ausdrucken zu lassen. Bald hielt ich einen Ordner voller Dokumente in den Händen, die ich brauchte, um mein Vorhaben erfolgreich umzusetzen. Ich fuhr nach Montpelier, der Hauptstadt von Vermont, und suchte nach einer Adresse, die sich bestätigen ließ. Ich bekam sie, nachdem ich für drei Tage ein Bett in den Schlafsälen des Christlichen Vereins Junger Menschen (YMCA) gemietet hatte, der in den Vereinigten Staaten Tausende von Unterkünften für einkommensschwache Menschen unterhält. Sie bewahrten dort ihre gesamte Post auf.
Ich wurde am 7. September 1949 geboren. Einige Tage später wurde ich in einer Zeremonie in der Kathedrale von Armenia, der Hauptstadt des Departements Quindío (Kolumbien), auf den Namen Carlos Enrique Lehder Rivas getauft. Mein Vater, Wilhelm Lehder, kam 1927 aus seinem Heimatland Deutschland nach Kolumbien. Er war als Ingenieur für ein deutsches Unternehmen tätig, das Infrastrukturobjekte entwarf und baute. Er leitete den Bau der Eisenbahnstrecke Pereira–Manizales sowie des Bahnhofs in Manizales, woher meine Mutter, Helena Rivas, stammte. Dort lernten sie sich kennen, verliebten sich, heirateten in der katholischen Kirche, und einige Zeit später kamen vier Kinder zur Welt. Seitdem lebte mein Vater in Kolumbien; er flog nur sporadisch nach Deutschland, um unsere Verwandten zu besuchen. Von klein auf galt ich als der Rebell, das schwarze Schaf der Familie. Mir standen alle Wege offen, zu studieren und den Weg einzuschlagen, den meine Familie mit viel Liebe und Mühe für mich vorgesehen hatte, aber aus mysteriösen Gründen ist es nicht dazu gekommen.
Schon in jungen Jahren beschloss ich, mein Studium auf Eis zu legen und mich voller Neugier und Tatendrang an den Ort zu begeben, den ich damals für den wichtigsten und fortschrittlichsten der Welt hielt: die fantastischen Vereinigten Staaten von Amerika. Dort verfiel ich der Versuchung des schnellen Profits. Ich begann, die Gesetze zu brechen, und nach einiger Zeit, wie ich in diesem Buch erzähle, landete ich für zwei Jahre im Staatsgefängnis, anschließend wurde ich nach Kolumbien abgeschoben. Trotz des Weges, den ich eingeschlagen hatte, konnte ich eine starke persönliche Disziplin entwickeln. Ich entschied mich auch dafür, von erfolgreichen Menschen zu lernen, indem ich entweder über sie las oder sie traf und sogar persönlich für sie arbeitete. Ich habe mir die folgende Volksweisheit zu eigen gemacht: „Mit wenig Disziplin erzielt man kleine Erfolge, mit mittlerer Disziplin erzielt man mittlere Erfolge, und mit maximaler Disziplin erzielt man große Erfolge“. Reuig, keinen Universitätsabschluss erworben zu haben, konzentrierte ich mich darauf, mit Disziplin und Planung alles zu erreichen, was ich mir vornahm.
Und obwohl der Text, den Sie in den Händen halten, Schlüsselmomente meines Lebens enthält, möchte ich klarstellen, dass dieses Buch viel mehr als meine Biografie ist, es ist vor allem – wie der Titel schon sagt – die noch nie erzählte Geschichte der berühmtesten, weitreichendsten und vielleicht mächtigsten Kokainhändlerorganisation, die es je in der Geschichte der Menschheit gegeben hat, aus erster Hand.
Ich habe alle hier erzählten Ereignisse hautnah miterlebt, als Augenzeuge und größtenteils als Protagonist. Ich war Teil all dieser Abenteuer – einige davon kriminell und einige nicht – , die in diesem Buch erzählt werden und die heute die Geschichte eines Lebens mit zweifellos vielen Fehlern und vielleicht weniger Erfolgen, aber voller Intensität, abbildet. Ich habe sehr viele Monate gebraucht, um sie zu Papier zu bringen, ich habe den Text mehrfach umgeschrieben. Dieses Buch ist nicht nur eine persönliche Reise in mein früheres Leben, sondern auch eine bewegende Rekonstruktion von Momenten der jüngsten Geschichte Kolumbiens. Das Buch dient dazu, dass sie sich nicht wiederholt.
Ich hoffe, dass meine Memoiren dazu beitragen werden, dass neue Generationen aus erster Hand erfahren, wie gefährlich, tückisch und verheerend der Weg des Drogenhandels ist. Es gibt nur zwei Wege, von wenigen Ausnahmen abgesehen: Der eine führt ins Gefängnis und der andere endet mit dem Tod. Bei jeder Transaktion oder jedem Geschäft setzt man sein Leben aufs Spiel; die Behörden werden auf lange Sicht immer dahinterkommen und gewinnen.
Ich denke oft darüber nach, wie uns die Heilige Schrift lehrt, dass der Schöpfer Mann und Frau aus dem irdischen Paradies vertrieben hat, weil sie von der Frucht des verbotenen Baumes gegessen haben. Dann denke ich, dass vielleicht auch wir, die Kinder Südamerikas, gesündigt haben, indem wir den Kokastrauch – das heilige Blatt des Inka-Reiches – missbraucht haben.
Heute kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich gegen die Legalisierung illegaler Drogen bin, mit Ausnahme von Marihuana. Ich möchte mit aller Deutlichkeit sagen, dass keine illegale Droge, die bei übermäßigem Konsum den sofortigen Tod eines Menschen verursachen kann, legalisiert werden sollte, auch nicht Kokain.
Mit über siebzig Jahren betrachte ich mich heute trotz allem als einen ganz normalen Menschen, dessen bemerkenswerte geistige und körperliche Ausgeglichenheit es ihm ermöglichte, außergewöhnlich gefährliche und tödliche Umstände zu überleben. Ich habe die mir von der US-Regierung auferlegte Strafe bereits verbüßt: dreiunddreißig Jahre Haft. Heute erkenne ich, dass es falsch war, dieses verbotene Geschäft ausgeübt zu haben. Trotz so vieler Rückschläge habe ich immer mein Wort gehalten; ich glaube, dass diese Garantie eine meiner Formeln und Werkzeuge zur Selbstoptimierung war. Ich lebe in Deutschland – meiner zweiten Heimat – als reumütiger, rehabilitierter, gesetzestreuer und endlich freier Bürger.
In diesem Land habe ich auch gelernt und bestätigt bekommen, dass die grausamen und unmenschlichen Ausmaße des Nationalsozialismus im Gegensatz zu dem, was ich einst dachte, nur Tod, Schmerz und Schande über dieses Land und den gesamten Planeten gebracht haben.
Für alle anderen bete ich.
Carlos Lehder
Frankfurt am Main, Deutschland, am 6. Juli 2023
Geburtsstunde des MEDELLÍN-KARTELLS
Nie zuvor wurden so viele Drogenhändler auf einen Haufen gesehen. Von Pablo Escobar in sein Anwesen gerufen, das er für diesen Anlass gemietet hatte, trafen wir, eine Gruppe von Gangstern und Anwälten – geeint durch eine gemeinsame Angst – zum ersten Mal aufeinander. Der Grund war ein Konzept, das keiner von uns ganz verstand, von dem wir aber wussten, dass es eine direkte Bedrohung darstellte: die Auslieferung. Es war durchgesickert, dass die kolumbianische Regierung eine Vereinbarung mit der US-Regierung getroffen hatte, wonach wir in unserem eigenen Land gesucht würden und uns vor der US-Justiz für dort begangene Verbrechen verantworten müssten.
Die meisten von uns kannten sich untereinander nicht. Wir waren damals – Ende 1981 – eine Gruppe von Abenteurern, auch „emergentes“ [sog. Aufsteiger] genannt, um ein damals sehr gebräuchliches Wort zu verwenden. Es steht für Personen, die in kurzer Zeit durch den illegalen Drogenhandel ein riesiges Vermögen anhäuften. Von den Anwesenden hatten nur sehr wenige einen Schulabschluss, aber man brauchte nicht viel Bildung, um das Ausmaß der Bedrohung zu begreifen, die sich nun über uns ausbreitete.
Im Garten baute Escobar eine Bühne auf. Der erste, der das Mikrofon ergriff, war sein Anwalt Guido Parra, gefolgt von einem weiteren Rechtsexperten, Federico Estrada Vélez. Beide wurden Jahre später ermordet. Estrada wurde 1990 vom Kartell selbst umgebracht, während Parra drei Jahre später von Los Pepes hingerichtet wurde. Das war die Bande, die die Feinde des Anführers Pablos Escobar vereinte. Seine Ausführungen drehten sich um die geltende kolumbianische Rechtsprechung zur Auslieferung, eine Information, die keiner von uns verstand, die aber andererseits unsere Paranoia zu nähren vermochte. Das Einzige, was klar war, war, dass nichts klar war. Wir stellten viele Fragen, weil wir unbedingt wissen wollten, was mit uns bei Auslieferung geschehen würde, aber wir erhielten keine konkreten Antworten. Keiner der Anwesenden hatte den Vertrag lesen können, den der kolumbianische Botschafter, Virgilio Barco, mit den Vereinigten Staaten unterzeichnet hatte. Er wurde streng geheim gehalten. Wir hatten auch keine Ahnung von dem Gesetz, das der Kongress soeben verabschiedet hatte, was die Auslieferung in diesem Land legalisierte.
Ein aufgebrachter Pablo Escobar nahm Rechtsanwalt Parra das Mikrofon weg und sagte energisch:
– Wir müssen zuerst ein Exemplar des Vertrages bekommen, dann müssen wir ihn lesen und mit den Anwälten prüfen. Wir werden es kaufen oder, falls nötig, stehlen, wir stehlen es; dann können die Anwälte und wir es alle lesen, die Anwälte können es prüfen und uns ganz genau über die Gefahren informieren, die uns drohen. Wir müssen herausfinden, was die Absichten der verdammten Regierung sind.
Am Flughafen Medellín bestieg ich mein Flugzeug nach Bogotá. Dort ging ich in die Innenstadt zum Büro von Dr. Pablo Salah Villamizar, einem berühmten Anwalt, den ich seit meiner Jugend kannte. Das Büro befand sich einen halben Block vom Justizpalast entfernt. Er empfing mich herzlich und bestätigte mir, dass der Vertrag zwar existiere, aber noch nicht in Kraft treten könne, da er erst durch ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz ratifiziert werden müsse. Dann holte er eine Mappe aus einer Schublade, die eine Kopie des gefürchteten Dokuments enthielt, und nahm mir das Versprechen ab, niemals zu verraten, wer es mir gegeben hatte.
Er erklärte mir, dass nach der Ratifizierung des Abkommens durch das erforderliche Gesetz ein Ersuchen der US-Botschaft ausreichen würde, damit die kolumbianische Regierung die Festnahme des von der US-Justiz gesuchten Bürgers anordnen kann. Sobald er sich in sicherem Gewahrsam befindet, wäre es Sache des Präsidenten, zu entscheiden, ob er ihn ausliefert oder nicht. Dr. Salah warnte mich, dass ich sehr vorsichtig sein sollte, da die Auslieferung bald möglich sein würde.
Verblüfft öffnete ich die Mappe und versuchte, den Text zu lesen, aber er war zu anspruchsvoll für mich. Ich beschloss, Dr. Salah zu fragen, ob er mein Anwalt sein wollte. Er sagte mir, dass er das nicht könne, aber dass ein Bekannter von ihm dies mit seinem Beistand tun könne. Es war Dr. Valencia, den er sofort bat, sich mit mir zu treffen.
Dr. Salahs Pünktlichkeit und Professionalität waren legendär. Er war für sein gentlemanhaftes Auftreten und seine tadellose Kleidung bekannt, und wir benutzten die gleiche italienische Creme, Pino Silvestre. Seine Söhne waren ebenfalls Anwälte und hatten ihre Kanzleien nebenan.
Dr. Valencia war ein gebildeter und versierter Paisa. Als ich die Vertretungsvollmacht für ihn unterschrieb, sagte ich ihm:
– Herr Dr., ich möchte ein Interview mit den Medien vereinbaren, damit wir diesen Vertrag vorstellen und Sie der Öffentlichkeit erklären können, was er beinhaltet.
Er sagte mir, dass eine Pressekonferenz keine gute Idee sei und dass es besser wäre, für einen Beitrag in El Tiempo zu bezahlen, um die Sache bekannt zu machen. Er bot mir die Vermittlung einer befreundeten Journalistin an, die bei der wichtigsten Zeitung des Landes arbeitet.
Mein neuer Anwalt fertigte zwei Kopien an, eine davon für die Journalistin, die ihm sodann mitteilte, dass sie es für möglich hielt, den Beitrag zu veröffentlichen. Sie fragte mich, wer für die Veröffentlichung verantwortlich sein solle, und ich sagte ihr, dass es besser sei, es im Namen der „auslieferungsfähigen Bürger“ zu veröffentlichen, da ich nicht bekannt war und dies auch nicht werden wollte.
– Herr Lehder, dann sind es „die Auszuliefernden“, sagte die Journalistin.
Damit war der Name einer Organisation geboren, die in die Geschichte des Landes eingehen sollte. Ich überreichte ihr eine große Summe Geld, um die Veröffentlichung der Anzeige zu bezahlen, und machte mich auf den Weg zum Flughafen von El Dorado.
Am Terminal des Privatjets bestieg ich den Turbo Commander und flog nach Medellín. Pablo Escobar hielt die Kopien des Auslieferungsvertrags in seinen verkrampften Händen. Nachdem er gehört hatte, was Dr. Salah mir erzählt hatte, brüllte er und war total außer sich.
Das war Pablo, dieser ungehobelte junge Mann, der ein Gangster und Bandit war und sich nun in einen wütenden Drogenboss verwandelt hatte:
– Wenn diese verdammten Politiker bereit sind, kolumbianische Bürger an die Vereinigten Staaten zu verkaufen, dann sind sie auch bereit, alles hier zu verkaufen.
Vor mir sah ich einen Pablo, den ich nicht kannte. Ich spürte zum ersten Mal, dass unsere Organisation einen Gladiator hatte, einen geborenen Anführer. Ich konnte auch erkennen, dass wir nicht allein waren und dass diese Situation uns zusammengebracht hatte, um unser Überleben und unsere Rechte als kolumbianische Bürger zu schützen. Wir waren bereits eine solide Organisation von Narcos [Drogendealer].
Ich sagte ihm, dass ein Beitrag über den Vertrag in El Tiempo erscheinen würde, aber er war sehr skeptisch, ob er überhaupt erscheinen würde, da es sich um eine Zeitung handelte, die traditionell das Regime unterstützte. Es kam zu einer heftigen Diskussion zwischen uns. Ich erinnerte ihn daran, dass Präsident Eduardo Santos – ein Mitglied der Familie, der El Tiempo damals gehörte – Kolumbien in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs für neutral erklärt hatte; ein Argument, das Pablo nicht überzeugte, für den diese weißen Männer alle gleich waren.
Viele unserer Kunden waren auch Krawattenträger. Sie waren Teil des Koksgeschäfts. Viele Dinge unterschieden uns, angefangen bei unserer Herkunft, in meinem Fall vielleicht etwas weniger. Aber was wir gemeinsam hatten, war die Gier. Die Gier, die mich dazu brachte, den Weg zu verlassen, den meine Eltern vor mehr als fünfzig Jahren für mich vorgesehen hatten, und eine verführerische Abkürzung zu nehmen, die mich zunächst nach La Paz (Bolivien) führte.
Don Miguel de Aguinaga war kein Kokainschmuggler. Er war Gouverneur des Neuen Königreichs von Granada in Spanien und gründete im November 1675 die „Villa de La Candelaria de Medellín“, die an die Stadt Medellín in der Extremadura (Spanien) erinnert.
Es war das Jahr 1970. In derselben Stadt saßen Alvaro Ramírez alias „el Gago“ und ich an einem Tisch in einer Bar in der Carrera 70, dem Treffpunkt des Nachtlebens von Medellín, und stießen mit einer Flasche Rum und ein paar Bieren lachend auf jeden Quatsch an. Ausgelassen tranken wir mit zwei jungen Frauen in einem farbenfrohen Ambiente, das von den Neonschildern und dem Rauch der über der Holzkohle gegrillten Steaks erfüllt war. Es liefen Rancheras, Salsamusik und ein paar Rocksongs, immer in sehr hoher Lautstärke.
Alvaro war sehr gesprächig und erzählte gerne Anekdoten. Gagueando – so sein Spitzname – brachte eine gehörige Portion Humor in die Unterhaltung. Er war natürlich ein Magnet für junge Frauen, die er dann dazu überreden konnte, alles zu tun, was ihre Mütter ihnen verboten hatten. Er war dreißig und ich war gerade neunzehn geworden.
Mein Freund kaufte und verkaufte Gebrauchtwagen, tauschte alles ein, was einen Gewinn abwarf. Der Alkohol machte locker und Tabakrauch mischte sich mit dem Rauch der Grills. Kokain war in Kolumbien fast unbekannt.
El Gago hatte seinen neuen blauen 351 Mustang ein paar Meter von unserem Tisch entfernt geparkt. Mein Ford 250 Pick-up leistete ihm Gesellschaft. Unsere Mission war es, junge Frauen zu umgarnen und zu verführen, natürlich nur, wenn sie damit einverstanden waren; andernfalls mussten wir mit Körben rechnen: „nur küssen erlaubt“, hörten wir Hunderte von Malen.
Ich fühlte in mir eine Sinnesleere. Ich konnte es nicht ertragen. Ebenso wenig konnte ich die Stille in einer Welt ertragen, die in meinen Augen vor Möglichkeiten nur so strotzte. Ich wollte vorwärts gehen, leben. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich gehen sollte, aber ich wusste, was mich faszinierte: Weltoffenheit. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits in New York gelebt, dem Schauplatz meiner Jugend. Dort entwickelte sich auch meine Neigung, das Gesetz zu brechen. Nachdem ich das Internat verlassen hatte, auf das mich meine seit der Kindheit geschiedenen Eltern geschickt hatten, begann ich in einer Kunststofffabrik zu arbeiten. Ich war sechzehn Jahre alt. Von meinem Lohn kaufte ich mir mein erstes Auto. „Carlitos ist verrückt nach Autos“, sagten meine Brüder und Freunde immer.
Der Treffpunkt für die Kolumbianer, die Ende der 1960er-Jahre massenhaft nach New York kamen, war das Viertel Jackson Heights im Bezirk Queens.
Da ich mich nach dem Flair meiner armenischen Heimat sehnte, ging ich in eines der ersten kolumbianischen Restaurants, die in diesem Teil des Big Apple eröffneten. Ich wurde zu einem Stammgast, jeder kannte mich. Nach zwei Jahren war ich bereits mit mehreren Fahrern aus Cali befreundet, die bei den renommiertesten Autovermietungen arbeiteten. Sie kamen immer mit den neuesten Modellen, neben denen mein alter zweihundert-Dollar-Ford blass aussah.
Eines Tages bekam ich mit, dass diese Leute ein nagelneues Auto für dreihundert Dollar zum Verkauf anboten. Als ich sie drauf ansprach, antworteten sie, ich könne es einen Monat lang fahren und dann wiederverkaufen. Sie machten keinen Hehl daraus, dass es sich dabei um gestohlene Autos von den Autohäusern, in denen sie arbeiteten, handelte.
Der Moment, in dem ich beschloss, dieses verlockende Angebot anzunehmen, war ein Wendepunkt in meinem Leben. Es war schließlich die Entscheidung, die mein Schicksal in dieser Existenz bestimmte, mein Einstieg in die kriminelle Welt. Ich hatte bereits in Restaurants gearbeitet, und zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich in einer Kunststofffabrik. Ich war achtzehn Jahre alt.
Dieses Auto – meinen verbotenen Apfel – verkaufte ich schließlich an den Besitzer einer Werkstatt, in der sie nicht nach der Herkunft der Autos fragten, sondern sie einfach ausschlachteten. Sie demontierten die Autos komplett und verkauften jedes Teil einzeln, sodass es keine Spuren gab.
Der Preis, den sie mir zahlten, war geringfügig höher als der, den ich gezahlt hatte, aber nicht wesentlich. Das veranlasste mich, nach Alternativen zu suchen, um das Geschäft rentabler zu machen. Ich beschloss, mich mit Stift und Papier, amtlichen Kfz-Zulassungsformularen und einem großen Wörterbuch hinzusetzen, um die verschiedenen Möglichkeiten zu recherchieren.
Ich glaubte, eine Formel gefunden zu haben, die es mir ermöglichen würde, die Fahrzeugpapiere fast zu legalisieren, aber ich müsste das Auto in Staaten verkaufen, die weit von New York entfernt sind. Um nicht aufzufallen, beschloss ich, bei Besorgungen und der Bearbeitung gestohlener Autos immer Anzug und Krawatte zu tragen.
Ich besuchte drei verschiedene Zulassungs- und Nummernschildämter in drei verschiedenen Bundesstaaten. Ich analysierte die Formulare und kam zu dem Schluss, dass es fast unmöglich war, meinen Plan in die Tat umzusetzen, da immer eine vorherige Anmeldung erforderlich war, die nur durch Beifügung der Überführungsdokumente erfolgen konnte, die ich natürlich nicht hatte.
Gerade als ich aufgeben wollte, erfuhr ich, dass es im Bundesstaat Vermont, der an Kanada grenzt, keine solche Anforderung gibt. Alles, was ich brauchte, war ein Kaufvertrag von einem Autohändler, und der Zulassungsinhaber musste in diesem Staat wohnen. Bei Vorlage dieser Papiere wurden die offizielle Zulassung und die Nummernschilder sofort ausgestellt.
Mit diesen Informationen gelang es mir, Kopien einer Originalrechnung eines Autohauses in der Bronx ausdrucken zu lassen. Bald hielt ich einen Ordner voller Dokumente in den Händen, die ich brauchte, um mein Vorhaben erfolgreich umzusetzen. Ich fuhr nach Montpelier, der Hauptstadt von Vermont, und suchte nach einer Adresse, die sich bestätigen ließ. Ich bekam sie, nachdem ich für drei Tage ein Bett in den Schlafsälen des Christlichen Vereins Junger Menschen (YMCA) gemietet hatte, der in den Vereinigten Staaten Tausende von Unterkünften für einkommensschwache Menschen unterhält. Sie bewahrten dort ihre gesamte Post auf.

