Jesus – die erste Indienreise
Ein plausibler Entwicklungsroman
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 356
ISBN: 978-3-7116-0638-9
Erscheinungsdatum: 22.04.2025
„Ex oriente lux“ (Aus dem Osten kommt das Licht). Dies ist die Quintessenz des Romans von Horst Gunkel. Für ihn bezog Jesus seine wichtigsten Botschaften (Liebe, Mitgefühl, Bescheidenheit) aus den religiösen Traditionen Asiens, insbesondere Indiens.
Ein Vorwort
das zum Verständnis des Buches nötig ist
Dieser Band ist der erste Teil einer Trilogie. Er beschreibt die Zeit, bevor Jesus als Prediger in Palästina auftrat.
Man könnte dieses Buch auch als einen historischen Entwicklungsroman bezeichnen. Die Figur Jesus von Nazareth entwickelte sich – wie jede/-r von uns – im Laufe seines Lebens immer weiter. Von daher hat es keinen Sinn, spätere Kapitel zuerst zu lesen. Ich empfehle dringend, die Reihenfolge der Abschnitte einzuhalten und Jesus bei seiner Entwicklung während der ersten dreißig Jahre seines Lebens, die dieser Band beschreibt, zu folgen.
Er kommt in verschiedene Kulturen mit unterschiedlichen Sprachen, daher kommen in diesen Kulturen auch unterschiedliche, aber typische, Begriffe und Bezeichnungen vor. Diese fett und kursiv gedruckten Begriffe sind in einem Glossar am Ende des Buches erklärt. Ich empfehle, diese zumindest beim ersten Vorkommen dort nachzuschlagen, denn nicht immer sind die Begriffe das, was wir vielleicht dahinter vermuten. Vermutlich vergessen wir beim Lesen die Bedeutung des einen oder anderen Begriffs auch wieder, daher sind diese Begriffe bei jedem Auftauchen fett und kursiv gedruckt.
Es gibt aber auch Begriffe, die zwar kursiv, aber nicht fett gedruckt sind. Das sind Namen, diese erscheinen nicht im Glossar, zum Beispiel der Name Jesus. Am Ende des Buches findet sich auch ein Personenverzeichnis.
Außerdem gibt es gelegentlich Fußnoten. Diese dienen zur Erläuterung eines Begriffs oder einer Tatsache, die nur an dieser Stelle von Interesse ist. Das können beispielsweise Hinweise auf eine Quelle oder ein Bibelzitat sein. Ich empfehle daher, auch die Fußnoten zu lesen, sie dienen dem Textverständnis. Alle Bibelzitate erfolgen gemäß der Lutherbibel 2017.
Dieser Band ist keine exakte Beschreibung des Lebens Jesu, dazu ist die Quellenlage, die wir haben, leider zu dünn. Ich habe mich aber bemüht, alle mir vorliegenden Quellen auf ihre Plausibilität zu prüfen, und nur die Berichte, die ich für plausibel halte, zu verwenden. Ziel war dabei nicht in erster Linie eine unterhaltsame Geschichte zu schreiben, sondern die Ideen und Neuinterpretationen, die durch Jesus in die abrahamitischen Religionen kamen, verständlich zu machen. Das ist etwas, das die Texte des Neuen Testamentes leider nicht leisten. Daher kann man diese Biografie durchaus als einen historischen Entwicklungsroman betrachten.
Selbstverständlich sind mir einzelne Fehlinterpretationen oder auch historische Ungenauigkeiten unterlaufen, obwohl ich mich bemüht habe, solche zu vermeiden. Für diese Fehler bitte ich um Verzeihung.
Es würde mich freuen, wenn die werten Leserinnen und Leser in meinem Buch nicht nur eine interessante Lektüre finden würden, sondern auch einige Denkanstöße, die ihrer spirituellen und humanen Entwicklung dienlich sind.
In einem zweiten Band wird die Zeit von Jesu 30. Lebensjahr bis zu seinem Tod im Jahre 96 beschrieben. Dieser zweite Band ist ab Jesu 34. Lebensjahr eine hypothetische Utopie, in dem er seine Idee von einem „Reich Gottes auf Erden“ in einem Ort in Kaschmir verwirklicht.
Vacha, den 24.09.2024
Horst Gunkel
Anna, die Großmutter Jesu
Ja, es war schon schwer, wenn man als Frau kinderlos blieb. Kinder waren schließlich die Lebensversicherung für die Zeit, in der man nicht mehr für den eigenen Lebenserwerb sorgen konnte. Dies galt natürlich insbesondere für Frauen. Diese gingen keinem Lebenserwerb nach, sondern führten den Haushalt, damals ein sehr mühsames Unterfangen, und erzogen die Kinder. Sollte der Ehemann sterben, was wurde dann aus seiner Frau, wenn sie keine Kinder hatte?
Für Anna galt das ganz besonders, denn ihr Ehemann Joachim war deutlich älter als sie, würde also vermutlich vor ihr sterben. Was aber würde dann aus Anna? Würde sie noch einmal eine Ehe eingehen können, wenn sie nicht mehr im gebärfähigen Alter war und damit auch keine Chance hatte, diejenigen großzuziehen, die sich im Alter um sie kümmerten?
Anfangs machte sie sich noch nicht allzu viel daraus. Sie war gerade einmal 15 Jahre alt, als sie von ihren Eltern Joachim versprochen worden war, einem Witwer, dessen erste Ehe kinderlos geblieben war, und der nun mit der viel jüngeren Ehefrau Anna durchaus noch die Chance hatte Kinder zu zeugen. Anna war – wie so viele Mädchen – in diese Ehe hineingeschlittert, ohne sich allzu viele Gedanken zu machen. Ja, sie freute sich, obwohl Joachim so viel älter war. Denn er war ein gutmütiger Mann, nicht so ein Haudegen oder grobschlächtiger Kerl, der seine Frau im Suff verprügelte. Außerdem galt man damals als richtig erwachsen, wenn man verheiratet war.
Joachim war nicht nur ein lieber Kerl, sondern auch ein zärtlicher Liebhaber, also genoss sie die Nächte mit ihm. Aber dann war da die Sache beim Wäschewaschen am Bach. Wie jeden Mittwoch war sie dort, wusch die Wäsche und legte sie zum Bleichen aus. Natürlich waren auch zahlreiche andere Frauen da.
„Na, du bist nach fast einem Jahr Ehe noch schlank wie eine Gerte! Dein Joachim ist doch wohl schon zu alt für die nächtliche Begegnung?“, fragte Esther, eine Nachbarin.
„Nein“, wies Anna diese Frage brüsk zurück, „alles ist in Ordnung – und ausgesprochen angenehm.“
„Angenehm vielleicht, aber ist es auch effektiv? Man macht das ja schließlich nicht nur zum Spaß, sondern auch, um Kinder zu bekommen, die einen im Alter unterstützen und am Leben erhalten können. Ist dir noch nie der Gedanke gekommen, dass es vielleicht an Joachim lag, dass seine erste Ehe kinderlos blieb?“
Das traf Anna wie ein Schlag. Nein, darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Aber jetzt, wo der Gedanke in der Welt war, schien er gar nicht so unlogisch. An diesem Tag hatte das unbesorgte Leben Annas ein Ende. Sie war zwar noch sehr jung, aber der Schatten des Gedankens der Armut im Alter ließ sie nicht mehr los. An ihrem zweiten Hochzeitstag sprach sie das Thema erstmals an. „Es ist so schön mit dir, Joachim. Es ist fast so, wie ich mir es immer erträumt habe. Nur schade, dass wir noch keine Kinder haben.“ Joachim sagte nichts – auch nichts Abweisendes. So fasste sie etwas mehr Mut: „Merkwürdigerweise hat dir deine erste Frau auch keine Kinder geboren. Ist doch komisch, oder?“
Joachim kniff die Lippen zusammen: „Da fällt mir ein, Samuel hatte mich gebeten, ihm heute mit den Schafen zu helfen.“ Kaum, dass er es ausgesprochen hatte, verschwand er und kam erst lange nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Joachim roch nach Wein. Anna stellte sich schlafend. Von diesem Tag an trugen beide an dem, was sie wussten, jedoch nicht auszusprechen wagten, wie an einer Bürde. Dies sollte für einige Jahre so bleiben.
Dann hörte Anna – wieder einmal beim Wäschewaschen – von einer Kräuterfrau, die magische Kräfte zu haben schien. Es gab da eine Behandlung, die wirklich alle unfruchtbaren Frauen, soweit sie relativ regelmäßig ihre Tage hatten, binnen eines Monats zur Schwangerschaft verhelfen konnte. An diesem Tag sprach Anna erstmals seit Langem wieder das leidige Thema an. „Du, Joachim, ich bin ganz glücklich! Ich habe da etwas gehört. Du machst dir doch auch Sorgen, dass ich scheinbar keine Kinder bekommen kann. Das kann von einer Blockade kommen, habe ich gehört. Und jetzt, mein Lieber, die gute Nachricht: In Sepphoris gibt es eine Kräuterfrau, die allen Frauen helfen kann, die regelmäßig ihre Tage haben, und die habe ich doch! Es gibt da ein Ritual und einen Kräutersud, der hilft. Es ist auch gar nicht teuer!“
Joachim dachte angestrengt nach. Das könnte Schwindel sein. Aber es war nicht teuer. Wenn er ihr das versagte, wo es doch ihr Herzenswunsch war, wäre klar, dass er es war, der keine Kinder zeugen konnte. Nach langem innerlichen Abwägen antwortete er ihr: „Anna, ich glaube, das ist ein Schwindel. Ich glaube nicht, dass dir das helfen wird, aber wenn du es unbedingt möchtest, dann gehe hin.“
Anna fiel ihrem Mann um den Hals: „Du bist so lieb! Ich sag Bescheid, dass wir kommen.“
Jetzt stutzte Joachim: „Wir, wieso wir? Ich werde dazu nicht gebraucht. Du bist es, die die Kinder austragen muss.“
Anna fürchtete schon, Joachim würde einen Rückzieher machen, aber sie konnte ihn beschwichtigen, ohne lügen zu müssen: „Aber das ist doch nichts Heidnisches. Selbstverständlich müssen die Eheleute zu Beginn diese Rituals erst JHWH gemeinsam um Unterstützung bitten, sonst kann es doch nicht funktionieren. Wir sind schließlich gottesfürchtige Juden!“ Da konnte Joachim nun wirklich nicht widersprechen, also fügte er sich, obwohl er sicher war, dass das Ritual keinen Erfolg haben würde, ach was, keinen Erfolg haben konnte! Aber es würde ihm einige Wochen Ruhe verschaffen, um nachzudenken.
Am folgenden Vollmondtag besuchten sie also die Kräuterfrau in Sepphoris. Zunächst gingen alle drei in den Tempel. Die Kräuterfrau opferte ein Huhn, dann sprach sie einen rituellen Text, den Anna und Joachim nachsprachen, in dem sie JHWH für alles dankten und sich anschließend mit ihrer ganz besonderen Bitte an ihn wandten. Dann ging es in die Hütte der Kräuterfrau, wo der Sud gekocht wurde. Während die Brühe vor sich hin brodelte, hielt die alte Frau noch eine Ansprache. Anna musste den Sud völlig austrinken. Am nächsten Tag würde sie Fieber bekommen, das drei Tage anhalten würde. Während dieser Zeit bekäme sie vorzeitig ihre Periode. Drei Tage nach dem Ende des Fiebers hätten die beiden ihre ehelichen Beziehungen wieder wahrzunehmen, und zwar zwei Wochen lang täglich, wenn sie wollten auch länger. In diesen vierzehn Tagen aber würde Anna schwanger, das sei sicher – jedenfalls, wenn es an ihr läge. Dann führte die Kräuterfrau eine Reihe von Belegen an und verwies auf bekannte Gestalten aus der jüngeren Vergangenheit, sodass ein unvoreingenommener Beobachter gesagt hätte: „Dieser Beweisgang ist schlüssig!“
Beide Eheleute hofften inbrünstig, dass das, was sie für ausgeschlossen hielten, doch einträfe. Anna bekam das Fieber und vorzeitig die Regel, wie die Kräuterfrau es vorausgesagt hatte. Die beiden taten alles, was die Kräuterfrau verlangt hatte. Doch als vier Wochen später Anna wieder blutete, war ihnen klar, was eigentlich schon zuvor klar war. Beide wussten, dass es nun zu einer Aussprache kommen musste.
Joachim machte, wie es sich für einen Mann gehörte, einen reiflich überlegten Vorschlag: „Ich leide unter der Tatsache, dass wir keine Kinder haben genauso wie du. Andererseits haben wir sowohl JHWH gebeten als auch die Sache mit den Kräutern ausprobiert. Das mit den Kräutern hat nicht funktioniert. Aber ich habe in der Nacht nach unserem Tempelbesuch im Traum eine riesige Hand mit fünf erhobenen Fingern vor mir gesehen. Im Hintergrund habe ich Menschen säen und ernten gesehen, und zwar fünf Mal. Ich denke, das bedeutet fünf Jahre. Die Hand, die ich sah, ohne dass ein Gesicht zu sehen war, denke ich, war die Hand JHWHs. Ich denke, das kann zweierlei bedeuten, entweder, dass wir fünf Kinder bekommen, oder dass es fünf Jahre dauert, bis wir ein Kind bekommen. Anna, ich weiß, du wirst ungeduldig, daher lass uns heute gegenseitig das Versprechen geben, uns einfach fünf Jahre Zeit zu geben. Heute in fünf Jahren müssen wir – falls wir bis dahin keine Kinder haben – gemeinsam alles erörtern, was dann zu tun ist, tabulos, aber gemeinsam. Ich bitte dich, meine geliebte Anna, um diese fünf Jahre.“
Anna war glücklich. Das war besser als ihr eigener Vorschlag. Und er kam von ihm! „So soll es sein, Joachim. Ich werde dir eine gute, gehorsame Ehefrau sein und alles tun, was dich glücklich macht. Wenn ich denn wirklich erst nach fünf Jahren schwanger werden sollte, sei es drum! Ich verspreche dir sogar sieben Jahre zu warten, bevor wir das machen, was du angekündigt hast: alles erörtern, tabulos, aber gemeinsam. Heute in sieben Jahren soll das Gespräch stattfinden.“ Dann fielen sich beide in die Arme und küssten einander innig. Sie hatten Frieden und Zeit. Aber beide wussten auch, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt in Ruhe nach einer Lösung suchen konnten, die möglichst auch für die andere Seite zumutbar war.
So vergingen die Jahre, es waren gute Jahre. Anna war Joachim eine fleißige und folgsame Ehefrau. Joachim war Anna ein liebevoller Gemahl. Allmählich war es auch kein Gesprächsthema mehr, dass die beiden keine Kinder hatten, sie schienen sich damit arrangiert zu haben. So vergingen die Jahre. Es waren schon mehr als fünf Jahre vergangen, wie Joachim vorgeschlagen hatte, aber noch nicht die sieben, die ihm Anna zugestanden hatte, als sie ihren dreißigsten Geburtstag beging. Als sie an ihrem Ehrentag die Augen öffnete, sah Joachim zu ihr herab, dann küsste er sie und sagte: „Ich wäre so weit, das Gespräch zu führen, das wir uns versprochen haben. Bist auch du bereit?“
Anna schaute verdutzt. Damit hatte sie heute nicht gerechnet. Sie überlegte einen Moment und antwortete: „Du hast mir damals von einer Hand erzählt, womöglich von JHWHs Hand. Bevor wir bei der Kräuterfrau waren, waren wir im Tempel und haben IHN um seinen Segen gebeten. Ich denke, es wäre nur angemessen, wenn wir auch vor diesem Gespräch in den Tempel gingen und JHWH bitten, dass er seine Hand über uns hält. Lass uns daher den Sabbat abwarten, gemeinsam im Tempel beten und dann das machen, worauf wir uns vorbereitet haben, mein Liebster.“
Sie küsste Joachim auf den Mund. Dieser sah sie an. Was hatte er doch für eine liebe Frau. Er antwortete: „Ja, meine Liebe, du hast recht, wir wollen uns mit dem Segen des Allmächtigen in unser wichtiges Gespräch begeben.“
So geschah es. Mit der Gewissheit, Gottes Segen zu haben, gingen sie in das Gespräch. „Welche Idee hast du, lieber Joachim?“ Selbstverständlich überließ Anna es ihm, den ersten Vorschlag zu machen.
„Liebe Anna, es scheint mir eindeutig zu sein, dass ich es bin, der keine Kinder zeugen kann. Dies scheint JHWHs Wille zu sein, sein Wille geschehe im Himmel wie auch auf Erden. Wir beide, du und ich, du vermutlich länger als ich, denn du bist viel jünger, brauchst Kinder, die sich im Alter um dich kümmern. Die kannst du aber nur von einem zeugungsfähigen Mann bekommen. Ich andererseits will dich an keinen anderen verlieren. Wir brauchen also einen Mann, dessen Samen du empfangen kannst und der dann aus deinem Leben verschwindet, einen Mann, zu dem du keine emotionale Bindung hast. Es muss ein Mann sein, den nicht du aussuchst, sondern ich, damit keine Eifersucht in mir aufsteigt. Ein Mann, auf den ich mich verlassen kann, dass er es mir zuliebe tut und nicht, um dich an ihn zu binden. Er muss dann weg, darf nicht mit dem Kind zusammen sein und vor allem: Es darf niemand erfahren. Denn wenn es herauskäme, würdest du gesteinigt, wie es mit Ehebrecherinnen geschieht. Ich wäre gezwungen, dich zu verleugnen und zu verstoßen, sonst würde ich von allen gemieden. Liebe Anna, das ist mein Vorschlag. Ich kenne auch einen Mann, dem ich vertraue und der alle Kriterien erfüllt.“
Annas Gedanken waren in eine ähnliche Richtung gegangen, aber sie hatte furchtbare Angst gehabt, dies auszusprechen. Umso erleichterter war sie, als sie das von ihm hörte, von ihrem geliebten und feinfühligen Ehemann. Dann sagte sie: „Mein Vorschlag wäre ein etwas anderer gewesen, aber deiner ist noch besser. Dennoch wird es Gerede geben, wenn ich überraschend doch schwanger werde. Am Sabbat, als wir im Tempel waren, hatte ich das Gefühl, als würde ein Engel mir Mut einflößen. Was hältst du davon, wenn ich herumerzähle, ich hätte eine Engelserscheinung gehabt. Der Engel hätte mir verkündet, dass ich übers Jahr schwanger würde?“
„Das ist eine ganz ausgezeichnete Idee, meine Liebe! So machen wir das. Ich bespreche alles mit meinem Vertrauten, dem Erzeuger unseres Kindes, und du erzählst von deiner Engelserscheinung!“
Und sie taten es, wie sie sich das vorgenommen hatten. Joachim zog für ein paar Tage mit dem Esel weg, um alles vorzubereiten, und Anna wurde in den nächsten Tagen nicht müde, überall von ihrer Erscheinung zu reden. Sie vergaß aber auch nicht, in den Tempel zu gehen und um Segen für ihr Vorhaben zu bitten.
Als Joachim von seiner kurzen Reise zurückkehrte, wurde er von Nachbarn begrüßt: „Du glaubst gar nicht, was deine Frau erzählt!“
„Mir völlig egal, Gevatter, Ihr glaubt nicht, was mir passiert ist. Nur eine Tagesreise von hier entfernt erschien mir in der Nacht ein Engel und verkündete mir, dass ich auf meine alten Tage noch Vater werde!“
Natürlich ging die Nachricht vom „doppelten Engelswunder“ auch in den Nachbardörfern umher, obgleich man doch stark anzweifelte, dass die beiden tatsächlich noch Kinder bekommen konnten. Einige Zeit später, kurz bevor Anna ihre fruchtbaren Tage hatte, brachen die beiden mit einem Esel und etwas Gepäck auf, um angeblich einen entfernten Onkel Joachims zu besuchen. In Wirklichkeit aber gingen sie in eine abgelegene Gegend, wo ein einsamer Schäfer seine Schafe hütete. Es gab dort nur zwei Hütten, die des Schäfers und eine zweite, in der Joachim und Anna für ein paar Tage wohnten. Zur Abendstunde gab Joachim seiner Frau einen Kuss, dann stand sie auf und ging für eine Stunde in die andere Hütte. Es war etwas, wovon glücklicherweise niemand erfuhr. Der Plan war gelungen.
Monate danach wurde es im Dorfe allmählich klar: Der Engel hatte die Wahrheit verkündet, Anna bekam allmählich ein Bäuchlein. Neun Monate nach dem „doppelten Engelswunder“ entband Anna von einer Tochter. Auch der Rabbiner im Tempel verkündete, dass ein Wunder geschehen war: „Die Prophezeiung in Annas Namen hat sich erfüllt!“ Das war in aller Ohren besonders bedeutungsvoll, denn im Hebräischen bedeutet Anna: „JHWH hat sich erbarmt.“
Die Eltern gaben dem Säugling den Namen Maria. Sie wussten damals noch nicht, dass die vielleicht berühmteste Frau der Weltgeschichte erschienen war.
Maria wuchs heran, doch schon früh verstarb ihr sozialer Vater (vom biologischen Vater war nichts bekannt, so wie das Anna und Joachim planten). Anna heiratete nach einiger Zeit erneut einen Mann namens Kleophas und hatte mit ihm wohl auch weitere Kinder, was allerdings nicht überliefert ist.
Maria ist schwanger
Wir machen einen weiten Sprung, denn über die Kindheit Marias ist kaum etwas bekannt. Sie ist die Tochter der Anna. Selbstverständlich hält sie Joachim für ihren Vater. Sie kannte diesen Vater kaum, denn er starb schon, als sie noch ein kleines Kind war. Nachdem Anna den Kleophas geehelicht hatte, verlief ihr Leben einige Zeit recht unspektakulär. Aber dann …
Maria war gerade dreizehn geworden, als sie völlig aufgelöst zu Hause erschien. Kleophas war zu diesem Zeitpunkt nicht zugegen. Maria warf sich in die Arme ihrer Mutter und heulte wie ein Schlosshund. Es war klar, dass etwas sie völlig erschüttert haben musste. Ihre Mutter versuchte sie zu beruhigen.
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das zum Verständnis des Buches nötig ist
Dieser Band ist der erste Teil einer Trilogie. Er beschreibt die Zeit, bevor Jesus als Prediger in Palästina auftrat.
Man könnte dieses Buch auch als einen historischen Entwicklungsroman bezeichnen. Die Figur Jesus von Nazareth entwickelte sich – wie jede/-r von uns – im Laufe seines Lebens immer weiter. Von daher hat es keinen Sinn, spätere Kapitel zuerst zu lesen. Ich empfehle dringend, die Reihenfolge der Abschnitte einzuhalten und Jesus bei seiner Entwicklung während der ersten dreißig Jahre seines Lebens, die dieser Band beschreibt, zu folgen.
Er kommt in verschiedene Kulturen mit unterschiedlichen Sprachen, daher kommen in diesen Kulturen auch unterschiedliche, aber typische, Begriffe und Bezeichnungen vor. Diese fett und kursiv gedruckten Begriffe sind in einem Glossar am Ende des Buches erklärt. Ich empfehle, diese zumindest beim ersten Vorkommen dort nachzuschlagen, denn nicht immer sind die Begriffe das, was wir vielleicht dahinter vermuten. Vermutlich vergessen wir beim Lesen die Bedeutung des einen oder anderen Begriffs auch wieder, daher sind diese Begriffe bei jedem Auftauchen fett und kursiv gedruckt.
Es gibt aber auch Begriffe, die zwar kursiv, aber nicht fett gedruckt sind. Das sind Namen, diese erscheinen nicht im Glossar, zum Beispiel der Name Jesus. Am Ende des Buches findet sich auch ein Personenverzeichnis.
Außerdem gibt es gelegentlich Fußnoten. Diese dienen zur Erläuterung eines Begriffs oder einer Tatsache, die nur an dieser Stelle von Interesse ist. Das können beispielsweise Hinweise auf eine Quelle oder ein Bibelzitat sein. Ich empfehle daher, auch die Fußnoten zu lesen, sie dienen dem Textverständnis. Alle Bibelzitate erfolgen gemäß der Lutherbibel 2017.
Dieser Band ist keine exakte Beschreibung des Lebens Jesu, dazu ist die Quellenlage, die wir haben, leider zu dünn. Ich habe mich aber bemüht, alle mir vorliegenden Quellen auf ihre Plausibilität zu prüfen, und nur die Berichte, die ich für plausibel halte, zu verwenden. Ziel war dabei nicht in erster Linie eine unterhaltsame Geschichte zu schreiben, sondern die Ideen und Neuinterpretationen, die durch Jesus in die abrahamitischen Religionen kamen, verständlich zu machen. Das ist etwas, das die Texte des Neuen Testamentes leider nicht leisten. Daher kann man diese Biografie durchaus als einen historischen Entwicklungsroman betrachten.
Selbstverständlich sind mir einzelne Fehlinterpretationen oder auch historische Ungenauigkeiten unterlaufen, obwohl ich mich bemüht habe, solche zu vermeiden. Für diese Fehler bitte ich um Verzeihung.
Es würde mich freuen, wenn die werten Leserinnen und Leser in meinem Buch nicht nur eine interessante Lektüre finden würden, sondern auch einige Denkanstöße, die ihrer spirituellen und humanen Entwicklung dienlich sind.
In einem zweiten Band wird die Zeit von Jesu 30. Lebensjahr bis zu seinem Tod im Jahre 96 beschrieben. Dieser zweite Band ist ab Jesu 34. Lebensjahr eine hypothetische Utopie, in dem er seine Idee von einem „Reich Gottes auf Erden“ in einem Ort in Kaschmir verwirklicht.
Vacha, den 24.09.2024
Horst Gunkel
Anna, die Großmutter Jesu
Ja, es war schon schwer, wenn man als Frau kinderlos blieb. Kinder waren schließlich die Lebensversicherung für die Zeit, in der man nicht mehr für den eigenen Lebenserwerb sorgen konnte. Dies galt natürlich insbesondere für Frauen. Diese gingen keinem Lebenserwerb nach, sondern führten den Haushalt, damals ein sehr mühsames Unterfangen, und erzogen die Kinder. Sollte der Ehemann sterben, was wurde dann aus seiner Frau, wenn sie keine Kinder hatte?
Für Anna galt das ganz besonders, denn ihr Ehemann Joachim war deutlich älter als sie, würde also vermutlich vor ihr sterben. Was aber würde dann aus Anna? Würde sie noch einmal eine Ehe eingehen können, wenn sie nicht mehr im gebärfähigen Alter war und damit auch keine Chance hatte, diejenigen großzuziehen, die sich im Alter um sie kümmerten?
Anfangs machte sie sich noch nicht allzu viel daraus. Sie war gerade einmal 15 Jahre alt, als sie von ihren Eltern Joachim versprochen worden war, einem Witwer, dessen erste Ehe kinderlos geblieben war, und der nun mit der viel jüngeren Ehefrau Anna durchaus noch die Chance hatte Kinder zu zeugen. Anna war – wie so viele Mädchen – in diese Ehe hineingeschlittert, ohne sich allzu viele Gedanken zu machen. Ja, sie freute sich, obwohl Joachim so viel älter war. Denn er war ein gutmütiger Mann, nicht so ein Haudegen oder grobschlächtiger Kerl, der seine Frau im Suff verprügelte. Außerdem galt man damals als richtig erwachsen, wenn man verheiratet war.
Joachim war nicht nur ein lieber Kerl, sondern auch ein zärtlicher Liebhaber, also genoss sie die Nächte mit ihm. Aber dann war da die Sache beim Wäschewaschen am Bach. Wie jeden Mittwoch war sie dort, wusch die Wäsche und legte sie zum Bleichen aus. Natürlich waren auch zahlreiche andere Frauen da.
„Na, du bist nach fast einem Jahr Ehe noch schlank wie eine Gerte! Dein Joachim ist doch wohl schon zu alt für die nächtliche Begegnung?“, fragte Esther, eine Nachbarin.
„Nein“, wies Anna diese Frage brüsk zurück, „alles ist in Ordnung – und ausgesprochen angenehm.“
„Angenehm vielleicht, aber ist es auch effektiv? Man macht das ja schließlich nicht nur zum Spaß, sondern auch, um Kinder zu bekommen, die einen im Alter unterstützen und am Leben erhalten können. Ist dir noch nie der Gedanke gekommen, dass es vielleicht an Joachim lag, dass seine erste Ehe kinderlos blieb?“
Das traf Anna wie ein Schlag. Nein, darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Aber jetzt, wo der Gedanke in der Welt war, schien er gar nicht so unlogisch. An diesem Tag hatte das unbesorgte Leben Annas ein Ende. Sie war zwar noch sehr jung, aber der Schatten des Gedankens der Armut im Alter ließ sie nicht mehr los. An ihrem zweiten Hochzeitstag sprach sie das Thema erstmals an. „Es ist so schön mit dir, Joachim. Es ist fast so, wie ich mir es immer erträumt habe. Nur schade, dass wir noch keine Kinder haben.“ Joachim sagte nichts – auch nichts Abweisendes. So fasste sie etwas mehr Mut: „Merkwürdigerweise hat dir deine erste Frau auch keine Kinder geboren. Ist doch komisch, oder?“
Joachim kniff die Lippen zusammen: „Da fällt mir ein, Samuel hatte mich gebeten, ihm heute mit den Schafen zu helfen.“ Kaum, dass er es ausgesprochen hatte, verschwand er und kam erst lange nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Joachim roch nach Wein. Anna stellte sich schlafend. Von diesem Tag an trugen beide an dem, was sie wussten, jedoch nicht auszusprechen wagten, wie an einer Bürde. Dies sollte für einige Jahre so bleiben.
Dann hörte Anna – wieder einmal beim Wäschewaschen – von einer Kräuterfrau, die magische Kräfte zu haben schien. Es gab da eine Behandlung, die wirklich alle unfruchtbaren Frauen, soweit sie relativ regelmäßig ihre Tage hatten, binnen eines Monats zur Schwangerschaft verhelfen konnte. An diesem Tag sprach Anna erstmals seit Langem wieder das leidige Thema an. „Du, Joachim, ich bin ganz glücklich! Ich habe da etwas gehört. Du machst dir doch auch Sorgen, dass ich scheinbar keine Kinder bekommen kann. Das kann von einer Blockade kommen, habe ich gehört. Und jetzt, mein Lieber, die gute Nachricht: In Sepphoris gibt es eine Kräuterfrau, die allen Frauen helfen kann, die regelmäßig ihre Tage haben, und die habe ich doch! Es gibt da ein Ritual und einen Kräutersud, der hilft. Es ist auch gar nicht teuer!“
Joachim dachte angestrengt nach. Das könnte Schwindel sein. Aber es war nicht teuer. Wenn er ihr das versagte, wo es doch ihr Herzenswunsch war, wäre klar, dass er es war, der keine Kinder zeugen konnte. Nach langem innerlichen Abwägen antwortete er ihr: „Anna, ich glaube, das ist ein Schwindel. Ich glaube nicht, dass dir das helfen wird, aber wenn du es unbedingt möchtest, dann gehe hin.“
Anna fiel ihrem Mann um den Hals: „Du bist so lieb! Ich sag Bescheid, dass wir kommen.“
Jetzt stutzte Joachim: „Wir, wieso wir? Ich werde dazu nicht gebraucht. Du bist es, die die Kinder austragen muss.“
Anna fürchtete schon, Joachim würde einen Rückzieher machen, aber sie konnte ihn beschwichtigen, ohne lügen zu müssen: „Aber das ist doch nichts Heidnisches. Selbstverständlich müssen die Eheleute zu Beginn diese Rituals erst JHWH gemeinsam um Unterstützung bitten, sonst kann es doch nicht funktionieren. Wir sind schließlich gottesfürchtige Juden!“ Da konnte Joachim nun wirklich nicht widersprechen, also fügte er sich, obwohl er sicher war, dass das Ritual keinen Erfolg haben würde, ach was, keinen Erfolg haben konnte! Aber es würde ihm einige Wochen Ruhe verschaffen, um nachzudenken.
Am folgenden Vollmondtag besuchten sie also die Kräuterfrau in Sepphoris. Zunächst gingen alle drei in den Tempel. Die Kräuterfrau opferte ein Huhn, dann sprach sie einen rituellen Text, den Anna und Joachim nachsprachen, in dem sie JHWH für alles dankten und sich anschließend mit ihrer ganz besonderen Bitte an ihn wandten. Dann ging es in die Hütte der Kräuterfrau, wo der Sud gekocht wurde. Während die Brühe vor sich hin brodelte, hielt die alte Frau noch eine Ansprache. Anna musste den Sud völlig austrinken. Am nächsten Tag würde sie Fieber bekommen, das drei Tage anhalten würde. Während dieser Zeit bekäme sie vorzeitig ihre Periode. Drei Tage nach dem Ende des Fiebers hätten die beiden ihre ehelichen Beziehungen wieder wahrzunehmen, und zwar zwei Wochen lang täglich, wenn sie wollten auch länger. In diesen vierzehn Tagen aber würde Anna schwanger, das sei sicher – jedenfalls, wenn es an ihr läge. Dann führte die Kräuterfrau eine Reihe von Belegen an und verwies auf bekannte Gestalten aus der jüngeren Vergangenheit, sodass ein unvoreingenommener Beobachter gesagt hätte: „Dieser Beweisgang ist schlüssig!“
Beide Eheleute hofften inbrünstig, dass das, was sie für ausgeschlossen hielten, doch einträfe. Anna bekam das Fieber und vorzeitig die Regel, wie die Kräuterfrau es vorausgesagt hatte. Die beiden taten alles, was die Kräuterfrau verlangt hatte. Doch als vier Wochen später Anna wieder blutete, war ihnen klar, was eigentlich schon zuvor klar war. Beide wussten, dass es nun zu einer Aussprache kommen musste.
Joachim machte, wie es sich für einen Mann gehörte, einen reiflich überlegten Vorschlag: „Ich leide unter der Tatsache, dass wir keine Kinder haben genauso wie du. Andererseits haben wir sowohl JHWH gebeten als auch die Sache mit den Kräutern ausprobiert. Das mit den Kräutern hat nicht funktioniert. Aber ich habe in der Nacht nach unserem Tempelbesuch im Traum eine riesige Hand mit fünf erhobenen Fingern vor mir gesehen. Im Hintergrund habe ich Menschen säen und ernten gesehen, und zwar fünf Mal. Ich denke, das bedeutet fünf Jahre. Die Hand, die ich sah, ohne dass ein Gesicht zu sehen war, denke ich, war die Hand JHWHs. Ich denke, das kann zweierlei bedeuten, entweder, dass wir fünf Kinder bekommen, oder dass es fünf Jahre dauert, bis wir ein Kind bekommen. Anna, ich weiß, du wirst ungeduldig, daher lass uns heute gegenseitig das Versprechen geben, uns einfach fünf Jahre Zeit zu geben. Heute in fünf Jahren müssen wir – falls wir bis dahin keine Kinder haben – gemeinsam alles erörtern, was dann zu tun ist, tabulos, aber gemeinsam. Ich bitte dich, meine geliebte Anna, um diese fünf Jahre.“
Anna war glücklich. Das war besser als ihr eigener Vorschlag. Und er kam von ihm! „So soll es sein, Joachim. Ich werde dir eine gute, gehorsame Ehefrau sein und alles tun, was dich glücklich macht. Wenn ich denn wirklich erst nach fünf Jahren schwanger werden sollte, sei es drum! Ich verspreche dir sogar sieben Jahre zu warten, bevor wir das machen, was du angekündigt hast: alles erörtern, tabulos, aber gemeinsam. Heute in sieben Jahren soll das Gespräch stattfinden.“ Dann fielen sich beide in die Arme und küssten einander innig. Sie hatten Frieden und Zeit. Aber beide wussten auch, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt in Ruhe nach einer Lösung suchen konnten, die möglichst auch für die andere Seite zumutbar war.
So vergingen die Jahre, es waren gute Jahre. Anna war Joachim eine fleißige und folgsame Ehefrau. Joachim war Anna ein liebevoller Gemahl. Allmählich war es auch kein Gesprächsthema mehr, dass die beiden keine Kinder hatten, sie schienen sich damit arrangiert zu haben. So vergingen die Jahre. Es waren schon mehr als fünf Jahre vergangen, wie Joachim vorgeschlagen hatte, aber noch nicht die sieben, die ihm Anna zugestanden hatte, als sie ihren dreißigsten Geburtstag beging. Als sie an ihrem Ehrentag die Augen öffnete, sah Joachim zu ihr herab, dann küsste er sie und sagte: „Ich wäre so weit, das Gespräch zu führen, das wir uns versprochen haben. Bist auch du bereit?“
Anna schaute verdutzt. Damit hatte sie heute nicht gerechnet. Sie überlegte einen Moment und antwortete: „Du hast mir damals von einer Hand erzählt, womöglich von JHWHs Hand. Bevor wir bei der Kräuterfrau waren, waren wir im Tempel und haben IHN um seinen Segen gebeten. Ich denke, es wäre nur angemessen, wenn wir auch vor diesem Gespräch in den Tempel gingen und JHWH bitten, dass er seine Hand über uns hält. Lass uns daher den Sabbat abwarten, gemeinsam im Tempel beten und dann das machen, worauf wir uns vorbereitet haben, mein Liebster.“
Sie küsste Joachim auf den Mund. Dieser sah sie an. Was hatte er doch für eine liebe Frau. Er antwortete: „Ja, meine Liebe, du hast recht, wir wollen uns mit dem Segen des Allmächtigen in unser wichtiges Gespräch begeben.“
So geschah es. Mit der Gewissheit, Gottes Segen zu haben, gingen sie in das Gespräch. „Welche Idee hast du, lieber Joachim?“ Selbstverständlich überließ Anna es ihm, den ersten Vorschlag zu machen.
„Liebe Anna, es scheint mir eindeutig zu sein, dass ich es bin, der keine Kinder zeugen kann. Dies scheint JHWHs Wille zu sein, sein Wille geschehe im Himmel wie auch auf Erden. Wir beide, du und ich, du vermutlich länger als ich, denn du bist viel jünger, brauchst Kinder, die sich im Alter um dich kümmern. Die kannst du aber nur von einem zeugungsfähigen Mann bekommen. Ich andererseits will dich an keinen anderen verlieren. Wir brauchen also einen Mann, dessen Samen du empfangen kannst und der dann aus deinem Leben verschwindet, einen Mann, zu dem du keine emotionale Bindung hast. Es muss ein Mann sein, den nicht du aussuchst, sondern ich, damit keine Eifersucht in mir aufsteigt. Ein Mann, auf den ich mich verlassen kann, dass er es mir zuliebe tut und nicht, um dich an ihn zu binden. Er muss dann weg, darf nicht mit dem Kind zusammen sein und vor allem: Es darf niemand erfahren. Denn wenn es herauskäme, würdest du gesteinigt, wie es mit Ehebrecherinnen geschieht. Ich wäre gezwungen, dich zu verleugnen und zu verstoßen, sonst würde ich von allen gemieden. Liebe Anna, das ist mein Vorschlag. Ich kenne auch einen Mann, dem ich vertraue und der alle Kriterien erfüllt.“
Annas Gedanken waren in eine ähnliche Richtung gegangen, aber sie hatte furchtbare Angst gehabt, dies auszusprechen. Umso erleichterter war sie, als sie das von ihm hörte, von ihrem geliebten und feinfühligen Ehemann. Dann sagte sie: „Mein Vorschlag wäre ein etwas anderer gewesen, aber deiner ist noch besser. Dennoch wird es Gerede geben, wenn ich überraschend doch schwanger werde. Am Sabbat, als wir im Tempel waren, hatte ich das Gefühl, als würde ein Engel mir Mut einflößen. Was hältst du davon, wenn ich herumerzähle, ich hätte eine Engelserscheinung gehabt. Der Engel hätte mir verkündet, dass ich übers Jahr schwanger würde?“
„Das ist eine ganz ausgezeichnete Idee, meine Liebe! So machen wir das. Ich bespreche alles mit meinem Vertrauten, dem Erzeuger unseres Kindes, und du erzählst von deiner Engelserscheinung!“
Und sie taten es, wie sie sich das vorgenommen hatten. Joachim zog für ein paar Tage mit dem Esel weg, um alles vorzubereiten, und Anna wurde in den nächsten Tagen nicht müde, überall von ihrer Erscheinung zu reden. Sie vergaß aber auch nicht, in den Tempel zu gehen und um Segen für ihr Vorhaben zu bitten.
Als Joachim von seiner kurzen Reise zurückkehrte, wurde er von Nachbarn begrüßt: „Du glaubst gar nicht, was deine Frau erzählt!“
„Mir völlig egal, Gevatter, Ihr glaubt nicht, was mir passiert ist. Nur eine Tagesreise von hier entfernt erschien mir in der Nacht ein Engel und verkündete mir, dass ich auf meine alten Tage noch Vater werde!“
Natürlich ging die Nachricht vom „doppelten Engelswunder“ auch in den Nachbardörfern umher, obgleich man doch stark anzweifelte, dass die beiden tatsächlich noch Kinder bekommen konnten. Einige Zeit später, kurz bevor Anna ihre fruchtbaren Tage hatte, brachen die beiden mit einem Esel und etwas Gepäck auf, um angeblich einen entfernten Onkel Joachims zu besuchen. In Wirklichkeit aber gingen sie in eine abgelegene Gegend, wo ein einsamer Schäfer seine Schafe hütete. Es gab dort nur zwei Hütten, die des Schäfers und eine zweite, in der Joachim und Anna für ein paar Tage wohnten. Zur Abendstunde gab Joachim seiner Frau einen Kuss, dann stand sie auf und ging für eine Stunde in die andere Hütte. Es war etwas, wovon glücklicherweise niemand erfuhr. Der Plan war gelungen.
Monate danach wurde es im Dorfe allmählich klar: Der Engel hatte die Wahrheit verkündet, Anna bekam allmählich ein Bäuchlein. Neun Monate nach dem „doppelten Engelswunder“ entband Anna von einer Tochter. Auch der Rabbiner im Tempel verkündete, dass ein Wunder geschehen war: „Die Prophezeiung in Annas Namen hat sich erfüllt!“ Das war in aller Ohren besonders bedeutungsvoll, denn im Hebräischen bedeutet Anna: „JHWH hat sich erbarmt.“
Die Eltern gaben dem Säugling den Namen Maria. Sie wussten damals noch nicht, dass die vielleicht berühmteste Frau der Weltgeschichte erschienen war.
Maria wuchs heran, doch schon früh verstarb ihr sozialer Vater (vom biologischen Vater war nichts bekannt, so wie das Anna und Joachim planten). Anna heiratete nach einiger Zeit erneut einen Mann namens Kleophas und hatte mit ihm wohl auch weitere Kinder, was allerdings nicht überliefert ist.
Maria ist schwanger
Wir machen einen weiten Sprung, denn über die Kindheit Marias ist kaum etwas bekannt. Sie ist die Tochter der Anna. Selbstverständlich hält sie Joachim für ihren Vater. Sie kannte diesen Vater kaum, denn er starb schon, als sie noch ein kleines Kind war. Nachdem Anna den Kleophas geehelicht hatte, verlief ihr Leben einige Zeit recht unspektakulär. Aber dann …
Maria war gerade dreizehn geworden, als sie völlig aufgelöst zu Hause erschien. Kleophas war zu diesem Zeitpunkt nicht zugegen. Maria warf sich in die Arme ihrer Mutter und heulte wie ein Schlosshund. Es war klar, dass etwas sie völlig erschüttert haben musste. Ihre Mutter versuchte sie zu beruhigen.
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