Gelebte Wahrheiten - Von der Napola bis in die Gegenwart

Gelebte Wahrheiten - Von der Napola bis in die Gegenwart

Jürgen Weber


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 212
ISBN: 978-3-99131-354-0
Erscheinungsdatum: 19.05.2022
Wie war das als Arzt in der DDR? Wie erlebt ein Arzt die Wende und was passiert danach? Jürgen Weber schildert eindrücklich, wie es einem jungen Menschen ergeht, der unbeirrt seinen Weg geht und ungeachtet der politischen Verhältnisse einfach nur helfen will.
Die nachfolgenden Seiten sind
meinen geliebten Kindern Grit, Ines und Dirk
und meiner geliebten Frau Ursula
in großer Dankbarkeit für ihr großes Verständnis
und ihr Einfühlungsvermögen
in meine besonderen Lebensinhalte gewidmet.


Ich bin Arzt durch Zufall geworden, aber ich habe meinen ärztlichen Beruf mit großer Leidenschaft und absolutem Vertrauen gegenüber meinen Patienten ausgeübt. Ich habe am Bett von schwerkranken Krebspatienten gestanden und versucht, ihnen die letzten Stunden ihres Lebens erträglich zu gestalten, ich kenne die Ängste und Sorgen der Patienten vor dem Entschluss zu einer medizinisch notwendigen Operation und ich habe später die Wünsche von Patienten erlebt, die sich dem Wahn der „Schönheitschirurgie“ untergeordnet haben und immer davon ausgingen, dass solche Operationen hundert Prozent glücklicher machen. In über fünfzig Jahren eigenverantwortlicher operativer Tätigkeit in der Lungen- und später in der Thoraxchirurgie und dann in über zwanzig Jahren in der rein ästhetischen Chirurgie konnte ich die Kompliziertheit von Patienten kennenlernen, die sich zunehmend über das Internet informieren und den Darstellungen des Fernsehens unterordnen. Ich musste auch zur Kenntnis nehmen, dass Ärzte den Patienten von Behandlungen abraten, zu denen sie selber keine Kompetenz besitzen. Dass Anwälte Patienten unterstützen, medizinische Arzt-Patient-Fragen in eine juristische Definition zu überführen, die nichts mehr mit dem ureigensten Arzt-Patient-Verhältnis zu tun haben, war eine persönlich sehr bittere Erfahrung. Ich habe leider auch erleben müssen, wie wirtschaftliche Orientierungen und kaufmännisch geführte Gesundheitseinrichtungen das Arztsein reduzieren auf eine Gesundheitsdienstleistung, die nur noch von Zahlen und nicht mehr von den intimsten Arzt-Patient-Beziehungen mit totalem Vertrauen ausgehen, sondern die wirtschaftliche Zeituhr regelt den Kontakt auf das niedrigste nur denkbare Volumen.
Von meinen Eltern und in meinen verschiedenen Lebensabschnitten habe ich humanitäres Verhalten, Ehrlichkeit, Achtung vor dem Gegenüber und Fleiß und Gewissenhaftigkeit in der Arbeit vorgelebt bekommen und es für mich selber auch vereinnahmt.


Mehr sein als scheinen, so hat mein Vater mich immer geprägt

Ich habe meine medizinischen Wurzeln in der Universität Rostock 1960 bis 1966 gewonnen. Meine ehrwürdigen Lehrer waren u. a. Professor Schmidt, Prof. Bast, Prof. Brückner u.v.a.m.
Ich durfte eine große operativ geprägte Lungenklinik bei Leipzig führen und sie bis in die Neuzeit profilieren, nachdem ich zuvor im Krebsinstitut Berlin Buch – Robert-Rössle-Klinik – unter Prof. Tanneberger, Prof. Marx und Prof. Widow neue Erfahrungen in der Krebstherapie sammeln konnte.
Ich habe in zwei Gesellschaftssystemen gelernt, gearbeitet, und um die Existenz einer großen Klinik und um meine eigene gekämpft. Ich durfte an der Universität Leipzig als Dozent Vorlesungen halten und mit Prof. Lindenau erste Gedanken für die Entwicklung der Lungentransplantation in Leipzig entwickeln.
Ich habe mich mein ganzes Berufsleben der Wissenschaft gewidmet und empfinde es heute als meine moralische Pflicht, mein Leben und meine sehr persönlichen Erfahrungen aus DDR-Zeiten und in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland für nachfolgende Generationen niederzuschreiben.
Dies soll keine alleinige Autobiografie sein. Aber um mein persönliches Anliegen zu verstehen und nachvollziehen zu können, muss ich dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, einen besonderen Raum geben, denn unser Umfeld und die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, prägen uns im Verhalten und in unseren eigenen verbalen Kommunikationen.
Der Stil der Diskussion unserer Politiker, nicht nur im Bundestag, kann nicht das Leitbild im Umgang der Menschen in einer Gesellschaft sein, weil zu viel Unwahrheiten und zu viele theoretische Behauptungen mit Untermalung von rein persönlichen privaten Sachverhalten Aggressionen auslösen und auch überhaupt kein Leitbild zum Umgang miteinander darstellen. Das hat mich schon seit Jahrzehnten zutiefst erschüttert und ich kann es auch bis heute nicht verstehen, geschweige denn nachvollziehen, dass der Bundestagsdiskussionsstil Leitbild sein kann für unsere Gesellschaft. Durch die kontinuierliche mediale Wiederholung solch negativer Leitbilder entwickeln sich auch in der Gesellschaft spiegelbildliche Willensäußerungen dessen, was sich im Bundestag und seiner Umgebung abspielt.
Das sich für mich das Schicksal meines Vaters nahezu identisch wiederholt hat, ist der besondere Anlass, über die Probleme des Systemwechsels in einer Gesellschaft und ihren Folgen nachzudenken.
Die ärztliche Tätigkeit in unterschiedlichen Systemen soll bei meiner rückwirkenden Betrachtung vordergründig sein. Privates steht im Hintergrund, wenngleich es nicht richtig ist, weil mein Privatleben von den beruflichen Notwendigkeiten bestimmt wurde.
Dass ich nicht alle wichtigen Dinge vollständig erwähnen kann, liegt einfach daran, dass man über die vielen Jahre auch sehr viel vergisst – manches vielleicht sogar bewusst. So fehlen mir z. B. sehr viele konkrete Erinnerungen an die Zeit der Schul- und Ausbildungszeit meiner Kinder Grit, Ines und Dirk. Aber auch viele Fakten zu bestimmten Lebenszeiten – z. B. in Vogelsang/Gommern.
Ich will versuchen, etwas in die Tiefe zu gehen und wissenswerte Einzelheiten ausgraben, die wahrscheinlich – wenn auch nicht heute, dann aber ganz bestimmt in Jahren später – für die junge Generation von Interesse sein könnten.
Sehr viele persönliche Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster sozialer Stellungen haben mein Leben bestimmt.


Mein Start ins Leben: Ich wurde am 26.7.1940 in Berlin-Charlottenburg geboren

Meine frühe Kindheit in Berlin war ungetrübt, denn noch herrschte hier kein Kriegsgeschrei, obwohl der Zweite Weltkrieg seit dem 1. September 1939 bereits seinen Anfang genommen hatte. Polen, Frankreich und Großbritannien hatten Deutschland bereits den Krieg erklärt. Auch Finnland und Italien waren bereits seit Herbst 1939 in das Kriegsgeschehen integriert. Dennoch: Ich wurde noch in eine heile, sozial gesicherte und politisch nicht aktive Familie hineingeboren. Aber die Nazis hatten bereits die Macht übernommen.


Mein Start in das Leben eines Arztes 1966

Ich habe am 15. Juni 1966 meine Approbation als Arzt nach abgeschlossenem Medizinstudium an der Universität Rostock erhalten. Zur damaligen Zeit war das Gesundheitswesen staatlich und wir bekamen unsere Urkunde vom Rat des Bezirks Abteilung Gesundheitswesen. Am 21. Juni 1966 erhielt ich von der Medizinischen Fakultät der Uni Rostock die Urkunde über die erfolgreiche Verteidigung meiner Doktorarbeit und konnte mich nun als Doktor der Medizin – Dr. med. – bezeichnen. In der mikrobiologischen Arbeit ging es um die Wasserqualität der Oberwarnow in Rostock im Hinblick auf Eignung als Badegewässer. Die Colititer-Bestimmung war die entscheidende Richtgröße. Die hierzu notwendigen Untersuchungen im Labor der Uni Rostock – damals unter der Leitung von Prof. Keil, der auch mein Doktorvater war – waren für mich sehr interessant und waren eigentlich die Basis, dass ich mich auch später für experimentelle Untersuchungen interessierte. Das liegt alles mehr als fünfzig Jahre zurück – also über ein halbes Jahrhundert. Ich habe zwangsweise über diesen langen Zeitraum aktiver eigener ärztlicher Tätigkeit Medizingeschichte erlebt – sowohl in der Medizintechnik und in der digitalen Kommunikation mit anderen Fachbereichen, aber auch in der ideologischen Auseinandersetzung zwischen dem Staat und seinem Gesundheitswesen.

Heute würde ich sagen, wir waren vor fünfzig Jahren Pioniere unserer Zeit. Die eigene Verantwortung für eigenes Handeln zu tragen, war eine schwere Last, die aber durch das kollektive Verhalten der anderen Kollegen ertragbar gemacht wurde, weil es auch noch nicht die heute üblichen juristischen Verwicklungen einer ärztlichen Behandlung am Patienten gab. Dass ich eine vorsätzliche Körperverletzung mache, wenn ich einem Patienten aus Krankheitsgründen zur Gesundung eine Spritze verabfolge, habe ich erst in der BRD gelernt. Eine für mich bis heute völlig unverständliche Interpretation ärztlichen Handelns. Ärztliches Handeln zum Ziel einer Gesunderhaltung und/oder Therapie muss diese Notwendigkeit einschließen bzw. ausschließen, dass ein solcher Akt a priori juristisch relevant wird.
Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, dass die Röntgenfilme in der Dunkelkammer entwickelt wurden, dass die Spritzen als Glasspritzen immer wieder neu sterilisiert und in Glasschalen gelagert wurden und dann mit einer Kornzange entnommen werden mussten. Mulltupfer wurden von Hand gedreht, kamen dann in die Trommel und wurden sterilisiert. Auch elastische Binden wurden immer wieder gewaschen und dann wieder aufgewickelt. Es gab auch noch keine separaten OP-Kleidungen, mit denen man sich in den OP-Trakt begab. Die OP-Räume waren frei zugänglich, es gab in der Regel noch keine Schleusen. Die Narkoseärzte arbeiteten ohne Mund-Nasen-Schutz und den Blinddarm haben wir unter einer Äthertropfnarkose über eine Schimmelbuschmaske ans Tageslicht befördert. Wir mussten diese Äthertropfnarkosen auch sehr oft selber durchführen, was ich persönlich sehr ungern tat, denn man musste höllisch aufpassen auf die Pupillenreaktion. Bis zur Zahl 20 sind die Patienten mit dem Zählen meist nicht gekommen, dann konnte es losgehen, es musste möglichst schnell operiert werden wegen der immer gegebenen Gefahr einer Ätherüberdosierung. Und wehe, wenn der Pat. am Ende der OP zu früh presste!!

In der Versorgung von überwiegend älteren Patienten war es Routine, subkutane Kochsalzinfusionen anzulegen. Man bildete am vorderen Oberschenkel eine Hautfalte und führte dann eine Streukanüle in das subkutane Gewebe ein und nun konnte über einen Zeitraum von ca. 1,5 Stunden die Kochsalzlösung in das Gewebe „einlaufen“ – 500 bis 1000 ml auch in zwei Sitzungen. Solche Streukanülen habe ich dann Jahrzehnte später erneut verwendet, wenn wir die „Kleinsche Lösung“ vor der eigentlichen Fettabsaugung in das Gewebe eingebracht haben.
Lange und sehr ausführliche Visiten in der Inneren Medizin stempelten uns zu untertänigen Pflichtassistenten, die den Worten des Chefarztes lauschten, wenn es um Erklärungen von Krankheitsbildern ging.

Aber da gab es auch Momente des Frohsinns und der Heiterkeit, wenn das gesamte Team feiern wollte. Es war Mitte der sechziger Jahre eine unbeschreibliche Kollegialität und ein sehr unkompliziertes Miteinander. Schaut man in die Gesichter der Kollegen, so sieht man nur freudige Gesichtszüge.

Bevor ich auf die besonderen systemrelevanten Einflüsse auf mein ärztliches Dasein zu sprechen komme, muss ich noch zu den inzwischen historischen medizinischen Aktivitäten einige Ausführungen machen, weil es für die junge Generation wahrscheinlich lohnenswert ist, davon zu hören. Ich bin davon überzeugt, dass in den heutigen Vorlesungen darüber nicht mehr oder kaum gesprochen wird, weil einfach die Zeit dafür nicht mehr reicht. Auch im Studium wirken Leistungsdruck und die Zeit.

Ich bin bereits als Student tief in die Medizin integriert worden. Der Anlass dafür war sehr traurig, denn mein Vater hatte 1963 einen Lungenkrebs (kleinzellig), der in der Lungenklinik Lostau unter der Leitung von Prof. Friedel diagnostiziert wurde.

Ich hatte zu der Zeit gerade mein Physikum bestanden, hatte einen Roller „Troll“, war mit einer Medizinstudentin in der Beziehung und war schnell mal zwischen Rostock und der Lungenklinik Lostau bei Magdeburg unterwegs.

Als Medizinstudent nach dem Physikum wurde man damals – 1963/64 – von den Kollegen schon geachtet. So wurde ich auch immer sehr in das Krankheitsbild meines Vaters eingeweiht. Die engen Beziehungen zur Lungenklinik Lostau und zu Prof. Friedel blieben über viele Jahre sehr fest, zumal ich dann nach der Operation meines Vaters in der Lungenklinik Vogelsang/Gommern meine Ausbildung in der Pflichtassistentenzeit und dann in der Ausbildung zum Facharzt wahrgenommen habe. Primäres Facharztziel war der Facharzt für Lungenkrankheiten, der sich dann in der Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie bzw. später Thoraxchirurgie verändert hat.
Der Krebs meines Vaters war inoperabel!

Schoefer, Günther Rudolf, OMR Dr. med. Chefarzt der Lungenklinik zu meiner dortigen Ausbildungszeit 1966 bis 1977; geb.22.11.1919 in Ruppersdorf/Schlesien; gest. 31.10.1995 in Vogelsang/Gommern, Arzt, Obermedizinalrat
5 Sterne
Gelebte Wahrheiten - Von der Napola bis in die Gegenwart - 01.11.2022
Renate Heggen

Der Titel des Buches hatte mich neugierig gemacht. Ich wurde nicht enttäuscht. Ein sehr interessantes und lebendig geschriebenes Buch, keine Spur von Langeweile.

5 Sterne
Gelebte Wahrheiten - Von der Napola bis in die Gegenwart - 01.11.2022
Renate Heggen

Der Titel des Buches hatte mich neugierig gemacht. Ich wurde nicht enttäuscht. Ein sehr interessantes und lebendig geschriebenes Buch, keine Spur von Langeweile.

5 Sterne
Gelebte Wahrheiten von Jürgen Weber - 05.09.2022
Kerstin Freyberg

Dieses Buch ist sehr kurzweilig beim Lesen und man hat all die Dinge noch einmal vor Augen. Es ist ehrlich und sehr reflektierend für die heutige Lage im Gesundheitswesen. Es geht nicht mehr um Menschen sondern Profit. Sehr empfehlenswert.

5 Sterne
perfekte Darstellung  - 15.07.2022
Annette Biniewski

Ich habe diese Buch verschlungen, sogar die Ausstiegsstation meiner Bahn fast verpasst. Eine hervorragende Darstellung der Tatsachen in beiden Gesellschaftssystemen, die auch wir zu spüren bekommen haben. Ich habe dieses Buch bereits vielen Menschen empfohlen, auch denen die nur die Sichtweise auf ein Gesellschaftssystem haben "Wessis".Herzlichen Dank für so eine Lektüre Herr Dr. Weber.....lieber Jürgen.

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