Frauen können alles und noch mehr
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 286
ISBN: 978-3-7116-1332-5
Erscheinungsdatum: 08.01.2026
Eine ältere Frau erzählt die Geschichte dreier Generationen ihrer Salzburger Familie im 20. Jahrhundert. Prägend sind dabei die starken Frauen, die mit Lebensmut, harter Arbeit und Humor die ganze Familie durch schwere Zeiten und zum sozialen Aufstieg führen.
Kapitel 1
„Mein liebes Kind, so geht das nicht weiter“, begann der wohlgenährte Pfarrer seine Ermahnung nach der Beichte meiner Großmutter Therese. „Gott kann dir deine schweren Sünden nicht vergeben, wenn du nicht willens bist, ein keusches Leben zu führen. Du musst dich sofort von Anton trennen, ihn verlassen, bis er bereit ist, mit dir den heiligen Bund der Ehe einzugehen. Ich muss dir dieses Mal leider die Absolution verweigern. Mein Gewissen erlaubt es nicht anders. Wir haben darüber ja bereits des Öfteren gesprochen, und ich kann dir auch heute wiederum nur raten, um der Kinder willen, heiratet!“
„Du musst halt den Verkehr mit diesem Mann einfach aufgeben“, fuhr er salbungsvoll fort. „Ich weiß, er ist der Vater deiner drei Kinder, aber ihr lebt in Sünde und seid euch dessen auch bewusst, nicht wahr? Ihr müsst auseinanderziehen, ihr könnt nicht weiter so zusammenleben, als hättet ihr die geheiligten Ehesakramente unserer über alles geliebten Kirche bereits erhalten. Ich habe über euren Fall eh schon mit dem Herrn Bischof gesprochen – er ist ja ein lieber Freund von mir und außerdem mein hochgeschätzter Berater. Er stimmt mit mir voll und ganz überein, dass nur das Heilige Sakrament der Ehe euch vor der Verdammnis retten kann. Es tut mir aufrichtig leid, mein liebes Kind, dass ich dir keine andere Lösung anbieten kann.“
Großmutter war eine fromme, eine ehrlich fromme Frau. Pflichtbewusst ging sie jeden Sonntag zum Gottesdienst. Einmal im Monat empfing sie das Sakrament der Kommunion, auch die Beichte legte sie im gleichen Takt ab. Die katholische Kirche, die Dreifaltigkeit und die ansehnliche Schar der Heiligen für alle Notfälle bedeuteten höchste Instanzen für sie, auf die sie sich gerne und voll des Glaubens berief. Und dennoch und trotz alledem: Mit dem Pfarrer ihrer ländlichen Heimatgemeinde in Oberösterreich verband sie kein inniges Verhältnis. Nicht nur das pathetische Gerede des Seelenhirten ärgerte sie, sondern auch sein Gehabe bei der Beichte, wie er dabei sein rundes Bäuchlein streichelte und vor lauter Selbstgerechtigkeit beinahe platzte.
„Ich hab’s ganz genau durchs Gitter vom Beichtstuhl g’seh’n, wie er sich aufführt“, erzählte sie in einem vorwurfsvollen Tonfall.
Zudem empörte es sie maßlos, ja, versetzte sie in Weißglut, wie sie der Mann der Kirche von oben herab behandelte. So verstand sie überhaupt nicht, warum er sie zum Beispiel immer mit „mein liebes Kind“ ansprach, und brachte das auch deutlich zum Ausdruck:
„Ich bin ja schließlich kein Kind, und ich weiß doch, dass er die Männer mit mein lieber Sohn und net mit mein liebes Kind anred’t. Und warum kann ich dann net von mir aus seine liebe Tochter sein?“
Sie blieb nach jeder Beichte weiterhin unbeugsam, denn sie sah keine Möglichkeit, ihren Anton zu verlassen. Und das sagte sie geradeso dem Pfarrer mit voller Überzeugung und ohne Umschweife. Bei Anton schimpfte sie sich die Wut aus dem Bauch:
„Wie soll ich denn die Kinder ernähr’n? Wieder wie früher in Anstellung als Magd auf einen Bauernhof geh’n oder als Dienstbot in eine Familie? Mit drei Kindern und einem vierten auf dem Weg? Der patscherte Mensch hat ja keine Ahnung, wenn er so daherschwafelt.“
Oder war der geistliche Herr gar nicht so „patschert“, so ungeschickt? Er ließ sich von seiner Pfarrschwester gut bekochen, sie sorgte für ihn wie eine brave Hausfrau, die Kirche wurde freiwillig von Frauen aus dem Dorf regelmäßig geputzt und mit Blumen verziert. Wann immer erforderlich, fanden sich ebenso einige Männer des Ortes, um bei verschiedenen Arbeiten Hand anzulegen und unentgeltlich auszuhelfen. Auch Therese und Anton brauchte der Pfarrer nicht lange zu bitten, wenn er ihre Dienste anforderte. Großmutter wirkte bei der Kirchenreinigung und der Anbringung des Blumenschmucks mit, Großvater als Träger des Himmels etwa bei den Fronleichnamsprozessionen. Stundenlang auf den Knien rutschend, besserte er einmal sogar das Pflaster vor dem Kirchenportal aus. Bei diesen Gelegenheiten gab es vom Herrn Pfarrer dann keinen Verweis auf das „unzüchtige Zusammenleben“ der beiden, da zeigte sich der Pfaffe, wie Großmutter den Seelsorger uns gegenüber gerne geringschätzig nannte, ganz nachsichtig. Scheinheilig bedankte er sich für die geleistete Hilfe und meinte, ohne diese wäre sein Arbeitspensum unmöglich zu bewältigen. Es würde ihn einfach umbringen, verkündete er theatralisch.
Immer wieder erklärte Therese dem Pfarrer ihre Situation, sagte ihm klipp und klar, dass sie niemanden hätte, der für ihren Nachwuchs aufkäme, dass sie zu arm sei, die Kleinen in ein Heim zu geben, auch die Kirche würde sie nicht dabei unterstützen, die hungrigen Schnäbel zu füttern. Was sollte sie also mit den Kindern anfangen?
„Vater und Mutter sind doch für das Aufwachs’n und die Erziehung der Kinder wichtig, net wahr, Herr Pfarrer? Des predigt weiß Gott auch die Kirche, also können S’ des als Diener der Kirche doch versteh’n, oder?“, so versuchte die gute Frau, den Hochwürden in die Enge zu treiben.
Auch wenn er ihr nicht nur einmal drohte, ihr in Zukunft die Beichte überhaupt nicht mehr abzunehmen, bekam sie letztendlich doch stets aufs Neue ihren Sündenerlass, nachdem sie regelmäßig zu zehn Vaterunser und derselben Anzahl von Ave Maria verdonnert wurde. Sie verrichtete dann penibel ihre Bußgebete und erfreute sich gleichzeitig ihres Sieges über den weltfremden Mann mit seinem lächerlichen Gefasel.
„Der Pfarrer war mir einfach net freundlich g’sinnt, und als katholischer Geistlicher konnt er vielleicht auch net anders handeln. Aber ich hab’s ihm schon zeigt!“, kommentierte Großmutter diese Auseinandersetzung tief befriedigt bei jeder Gelegenheit, auch noch viele Jahre später, denn sie war fest davon überzeugt, richtig aufgetreten zu sein.
Großmutter hatte keine gütigen Geister, die ihr irgendwelche Arbeiten oder Sorgen abnahmen. Auch auf ihren Liebsten Anton Keineder konnte sie diesbezüglich nicht wirklich bauen. Er war ein fescher junger Zollbeamter, ein schlanker und ranker Kavalier. Seine Oberlippe zierte, wie bei einem Offizier der kaiserlich-königlichen Armee, ein kecker Schnurrbart, den er liebevoll pflegte. Er bürstete ihn, damit ja alle Härchen gleich ausgerichtet waren, stutzte ihn auch sorgfältig, denn schließlich durfte nur ja nichts das korrekte Gesamtbild stören. Außerdem wichste er seinen Gesichtsschmuck, damit er tagsüber die Form behielt. Am Abend legte er eine Bartbinde an, um die Manneszierde über Nacht en façon zu halten. Großmutter hingegen nahm sich nicht so viel Zeit für ihre Schönheitspflege. Nur ihre langen schwarzen Haare wusch sie einmal pro Woche gründlich, kämmte sie durch und band sie zu einem schlichten Nackenknoten zusammen.
Mit Würde und Stolz trug Großvater die Zollbeamtenuniform, zeichnete sie ihn doch ganz besonders aus, nämlich als Angestellten des Staates, zuerst der allmächtigen Monarchie, dann der beinahe so autoritären Republik. Zwar verdiente Großmutters Lebensgefährte wenig, dafür hatte er aber ein sicheres Einkommen und das Anrecht auf eine Pension. Er ging gerne fischen, meist mit seinem deutschen Schäferhund Rolfi als loyalem Begleiter. Dieses Hobby ließ sich ziemlich fugenlos mit seinem Beruf als Zollbeamter verschmelzen, da er seinen Dienst meist an der bayerischen Grenze versah, das heißt, an der Saalach, an der Salzach oder am Inn. Um den Haushalt und die Kinder kümmerte sich Anton so gut wie gar nicht. Das war schließlich Frauensache und daher allein Thereses Aufgabe. Man hätte ihm zwar nicht vorwerfen können, kein liebevoller Partner zu sein, doch er folgte eben der damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheit der strikten Pflichtentrennung zwischen Mann und Frau.
Als die Geburt des vierten Kindes anstand, versprach Anton, seiner Therese zur Seite zu stehen, sollte die Hebamme, die im nächsten Ort wohnte, nicht rechtzeitig auftauchen. Das konnte man eigentlich schon als eine moderne Einstellung werten, denn die Männer wollten bei so einer „Weibergeschichte“ normalerweise nicht anwesend sein.
„Schrei mir nur, Resi, wenn’s so weit ist. Das Zollhaus ist ja eh in der Näh, und dann komm ich gleich und helf dir“, versicherte Anton.
Zur gegebenen Zeit rief Therese sehr wohl verzweifelt um Hilfe, nur hörte sie niemand. Anton hielt sich am Fluss auf und fischte. Auch seinen Kollegen schien nichts aufzufallen. So kam auch dieses Kind, es war ein Mädchen, ohne die Hilfe des Vaters zur Welt. Seine beinahe anklagende Frage an Therese, warum sie denn nicht gerufen habe und glaube, immer alles allein schaffen zu müssen, klang da etwas hohl.
Therese bemerkte nur trocken:
„Was hätt ich denn mach’n soll’n? Es hat mich doch niemand g’hört.“
Leider verstarb die Kleine nach wenigen Tagen. Therese hatte sie aber notgetauft. Sie tröpfelte dem winzigen Menschlein etwas Weihwasser, das sie ständig in einem Fläschchen zu Hause hatte, auf die Stirn und sprach die Worte:
„Ich tauf dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Einen Namen gab sie dem Kind nicht. Für sie als fromme Christin genügte diese Zeremonie – die sie wiederum mutterseelenallein durchführte –, um die Tochter für die Ewigkeit zu retten. Sie war sich ganz sicher, dass sie das damit bewirkt hatte. Bei Anlässen wie diesem, die absolute Diskretion verlangten, schickte Therese diejenigen ihrer Sprösslinge, die schon gehen konnten, immer zur Frau eines Kollegen von Anton.
Anton hätte Therese ja gerne offiziell geehelicht, aber er hatte noch nicht das nötige Heiratsalter erreicht. Staatsbedienstete mussten anno dazumal auf die Genehmigung der Behörden warten, bis sie in den Ehestand eintreten konnten. War das damalige Heiratsverbot für jüngere Beamte als eine Art von Geburtenkontrolle gedacht? War es ein Gesetz, um dem Staat für einige Jahre die Familienbeihilfe zu ersparen? Im Falle von Therese klappte jedoch der vom Staat wohlgemeinte Versuch der Geburtenregelung ganz und gar nicht. Auch bei zahlreichen anderen Paaren ging diese Vorschrift ins Leere.
Meine Großeltern wohnten stets im jeweiligen Domizil, das ihnen von Antons Dienststelle zugeteilt wurde. Entweder befand sich diese Bleibe direkt im Gebäude des Zollamtes oder nächst dem Zollhaus. Der Dienstort wurde einige Male gewechselt. Der Umzug erforderte Flexibilität und gute Organisation. Zum Glück hatte die Familie beim mageren Einkommen eines jungen Beamten wenig Hausrat, Kleidung, Schuhe und Kinderspielsachen angesammelt. Die angewiesenen Wohnungen waren ziemlich armselig, aber Therese legte sofort Hand an und es gelang ihr immer irgendwie, ein halbwegs gemütliches Heim daraus zu kreieren.
Obwohl Therese vor Tüchtigkeit strotzte, kannte sie kaum das Bewusstsein ihrer eigentlich egalitären Position als Frau. Es war der Überlebenskampf, der sie durch und durch prägte und mehr oder weniger komplett vereinnahmte. Souverän schaukelte sie den Haushalt, zog die Kinder groß, so gut es eben ging, und schaffte es sogar, von Antons geringem Gehalt noch etwas zu sparen. Ursprünglich wollte sie ja Schneiderin werden. Ihre Mutter, eine einfache Magd auf einem Bauernhof im oberösterreichischen Grenzgebiet zu Bayern, konnte jedoch unmöglich das Lehrgeld, das damals für Lehrlinge abzuführen war, für ihre Tochter aufbringen. Da der Bauer das Kind auf dem Hof gnädig duldete, musste die Mutter noch mehr arbeiten; auch das Kind hatte, sobald es nur groß genug war, bei leichten Arbeiten im Haus oder Garten mitzuhelfen.
„Ich kann doch net so mir nix, dir nix ein extra Maul stopf’n, wie stell’n sich denn die Leut des vor“, so das Argument des wackeren Landwirtes, und die Magd hatte sich wohl oder übel ihrem Schicksal zu fügen, sie hatte keine andere Wahl.
Im Grunde erging es ihr nicht viel besser als einer Leibeigenen, die von ihrem Herrn total abhängig und ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Sie musste froh sein, nicht von den Bauersleuten mit dem Balg, wie sie immer wieder betonten, auf die Straße gesetzt zu werden.
Als lediges Kind einer Magd wurde Großmutter Therese also bereits sehr früh vom Leben hart angepackt. Daher finde ich es durchaus begreiflich, dass sie, sobald sie Anton kennenlernte, mit ihm ein Verhältnis begann und vom Bauernhof wegzog. Schließlich bot Anton ihr doch das Gefühl der Zuneigung, der Liebe und eine gewisse Geborgenheit, die man ihr bislang nie geschenkt hatte. Da sie von Empfängnisverhütung keine Ahnung hatte, war sie bald mit ihrem ersten Kind schwanger und an eine Schneiderlehre ohnedies nicht mehr zu denken. Jetzt bestand ihre Aufgabe darin, ganz Frau und Mutter zu sein, so hatte es ihr die Kirche gelehrt. Insgeheim träumte sie fortan vom Erwerb eines Eigenheims, was bei Antons dürftigem Beamtengehalt – zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben – ein hochgestecktes Ziel darstellte.
Großmutter besaß ungeheures Durchsetzungsvermögen, und wenn sie sich etwas vorgenommen hatte, gelang es ihr, dies beharrlich durchzuboxen. Dazu brauchte sie kein Coaching; nur Mut sowie viel harte Arbeit und Entbehrungen waren vonnöten. Auch bei Antons Dienststelle behauptete sie sich letzten Endes. Mit großer Begeisterung erzählte sie uns Enkelkindern später, wie sie sich vor dem großtuerischen und patzig posierenden Vorgesetzten Antons aufgepflanzt und ihm rundheraus erklärt hatte:
„Wir erwart’n jetzt unser fünftes Kind und eine weitere Wartezeit kommt nimmer in Frage. Für einen Beamten ist dieser Zustand unerträglich, ja, eigentlich auch unstatthaft. Jetzt müssen wir einfach heirat’n.“
Anton hatte noch immer nicht das Alter zum Heiraten erreicht, aber sie wollte verständlicherweise nicht mehr weiter zuwarten. Ob der Pfarrer mitmischte oder ob sie nur ihrem eigenen Empfinden folgte, machte sie nie ganz klar; wahrscheinlich spielte beides eine Rolle.
Was genau der Vorgesetzte antwortete, auch warum nicht Anton mit ihm verhandelte, ließ Therese immer im Dunkeln; nur dass sie eine vorzeitige Heirat ertrotzte, berichtete sie mit unverhohlenem Stolz.
„Man muss halt nur ordentlich auftret’n, dann lass’n die Männer schon mit sich red’n und dann wiss’n s’ auch, was zu tun ist“, verkündete Großmutter selbstbewusst.
Wenn ich mich an Großvater zurückerinnere, bin ich überzeugt, dass er viel zu weichmütig war, um bei seinem Chef etwas so Wichtiges wie eine frühzeitige Heiratserlaubnis zu erwirken.
Durch unglaubliche Sparmaßnahmen und Beharrlichkeit schafften es Anton und Therese Keineder im Jahre 1917, die Mittel für ein bescheidenes Haus am Stadtrand von Salzburg aufzubringen und sich so ihren Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Das einstöckige Gebäude hatte ein Maurer selbst errichtet, der jedoch im Ersten Weltkrieg beide Beine einbüßte und für den das Haus deshalb dann nur mehr eine Bürde darstellte. Es lag an einer wenig frequentierten Ausfallstraße, an der sich hauptsächlich Keuschen von Kleinhäuslern auffädelten. Das Haus war äußerst solide gebaut, und man genoss von hier aus einen grandiosen Blick auf den Untersberg in seinem gesamten eindrucksvollen Ausmaß und auf die Gebirgszüge südlich von Salzburg.
Anton versah nun seinen Dienst an der Grenze zu Freilassing an der Saalach. Er radelte die erhebliche Strecke zur Arbeit, was besonders in den harten Wintermonaten eine Herausforderung bedeutete – aber Strapazen scheute die Familie Keineder ja nie. Um sich das Haus samt dem ansehnlichen Grundstück leisten zu können, eröffnete meine Großmutter kurzerhand einen Gassenverkauf von Bier im Haus. Am Abend kamen hier dann gerne die Arbeiter, die noch weiter außerhalb der Stadt wohnten, auf dem Heimweg vorbei, um sich noch zu „stärken“, wie sie sagten, und um Neuigkeiten auszutauschen. Großmutter war nämlich eine ungemein gesellige Frau, die Rolle als Nachrichtenbörse behagte ihr sehr und den Preis für das Bier kalkulierte sie christlich. Sie hatte ausschließlich eine Lizenz zum Verkauf von Stiegl-Bier, das mit dem Pferdegespann der Brauerei angeliefert wurde. Für die Keineder-Großmutter bedeutete der Bierausschank aber nicht nur ein kleines Zubrot zum kargen Beamtengehalt ihres Mannes, sondern auch eine willkommene Abwechslung von ihrer täglichen Routinearbeit in der Küche und mit den Kindern.
Therese hielt sich sogar eine Schar Hühner, und mit dem Eierverkauf konnte die rührige Frau ihr bescheidenes Haushaltsbudget noch weiter aufbessern. Um den Garten sowie einige Bienenstöcke kümmerte sich hingegen ganz allein Großvater, der die Gartenarbeit sehr liebte. Der Ertrag des Verkaufs von Honig, sofern welcher in guten Jahren in ausreichender Menge produziert wurde, landete gleichfalls in der Geldbörse von Großmutter.
Ihre vier Kinder wuchsen im Haus heran, und Großmutter freute sich, nun endlich über mehr Platz für die Familie zu verfügen. Toni, den Ältesten, hätte Therese gerne im Priesterseminar gesehen. Er war ein recht begabter Junge, lernte brav, und sein Religionslehrer setzte sich dafür ein, dass der Bub sogar einen Heimplatz im Gymnasium des Borromäums bekam. Dort erhielt er nicht nur einen ausgezeichneten Unterricht, sondern wurde auch bestens versorgt. Das bedeutete für die Familie Keineder eine wohltuende Entlastung und versprach dem Buben zukünftig eine sichere Lebensstelle im Schoß der Kirche. So erhoffte man es sich zumindest.
Dass im Internat eine eiserne Disziplin waltete, traf den Jungen zwar hart, aber Großmutter fand das eigentlich ganz in Ordnung. Hin und wieder schickte sie ihm ein bescheidenes Paket mit Kleinigkeiten wie Keksen oder auch einer Dauerwurst, empfand es jedoch mit der Zeit als einigermaßen verwunderlich, dass sich Toni überhaupt nie dafür bedankte. Sie hatte ihrem Sohn doch anständige Manieren beigebracht! Sie besuchte ihn auch zuweilen und verstand einfach nicht, warum sich der Bub so wortkarg zeigte. Natürlich passte im Besucherraum immer ein Ordensmann auf, aber das lieferte nun wirklich keinen ausreichenden Grund, so still, ja, fast verschlossen zu sein. In der Familie herrschte stets eine offene Atmosphäre, es wurde viel diskutiert, jeder konnte sich frei äußern. Das Elternhaus hatte also nicht Schuld an der Einsilbigkeit des Knaben.
Eines Tages erhielt Großmutter einen Brief von Toni, dessen Inhalt ihr sehr zu denken gab.
„Mein Freund Franzl ist von Pater Korbinian arg heruntergemacht worden und dann hat er den Franzl auch noch geohrfeigt. Der Franzl hat furchtbar geschrien, wir haben es alle gehört, aber wir haben nicht gewusst, was passiert ist“, berichtete Toni. „Der Franzl wollte dann beim gemeinsamen Spaziergang am Nachmittag einen Brief an seine Mutter in den Briefkasten stecken, aber das ist ihm nicht gelungen. Pater Korbinian, der mit uns gegangen ist, hat das Kuvert gerade noch aus Franzls Hand gerissen und den Brief dann auch gelesen. Zurück im Heim hat dann der gemeine Korbinian den Franzl zum Direktor geschleppt, und dann haben wir den Franzl gar nicht mehr gesehen. Einige Buben haben gesagt, dass da mit dem Franzl schlimme Dinge geschehen sind.“
Toni klang äußerst betroffen, ja, sogar verängstigt, und Großmutter hatte nun Verständnis für sein Benehmen während der wenigen Besuchstage. Sie handelte umgehend: Sie durchschaute, was in diesem Heim, geführt ausschließlich von Ordensleuten, vorging, und nahm Toni sofort aus dem Gymnasium. Leider stellte es sich heraus, dass der Halbwüchsige kränkelte. Bald nachdem Toni aus dem Borromäum geholt worden war, konstatierte ein Arzt, dass er an Tuberkulose litt.
„Die Krankheit ist schon sehr weit fortgeschritten. Es gibt wahrscheinlich keine Heilung mehr für ihn“, informierte der Arzt die Eltern.
Es war eine Fehldiagnose. Toni litt nicht an Tuberkulose, sondern trug das Virus der Spanischen Grippe in sich, die 1918 in vielen Teilen der Welt grassierte. Niemand konnte ihm mehr helfen. Er lebte nur noch eine kurze Zeit; der Junge verstarb mit siebzehn Jahren. Ein ungeheurer Schock für seine Eltern, aber es hatte keinen Sinn, zu jammern und zu lamentieren. Man raffte sich wieder auf und betete. Zum Glück wurde niemand anderer in der Familie angesteckt.
Alfons, der Zweitgeborene, ging schon mit einer festen Freundin namens Mitzi, und sie beabsichtigten zu heiraten, sobald er Arbeit gefunden hatte. Großmutter entschied, dass er mit seinen sechzehn Jahren noch viel zu jung sei, um überhaupt an eine Eheschließung zu denken. Er wusste weder, wie er für eine Frau den Unterhalt bestreiten, noch wo er mit ihr wohnen würde. Eigentlich hatte Alfons noch gar keine Vorstellung, was er aus sich machen wollte. Trotzdem führten Alfons und Mitzi bereits ein sehr reges Liebesleben und genossen dabei die volle Unterstützung der Eltern der jungen Frau. Diese Familie bewegte sich im Salzburger Künstlermilieu: Die Mutter arbeitete als Tanzlehrerin am Salzburger Landestheater und der Vater verdiente seine Brötchen als Holzschnitzer. Mitzi wurde von klein auf in klassischem Ballett unterrichtet und trat sogar gelegentlich im Theater auf. Etwas Sorge bereitete Großmutter Keineder schon, dass Alfons und Mitzi einfach nicht zusammenpassten: Er ernsthaft und arglos, sie launenhaft, leichtlebig, beinahe ausgelassen. Konnte das gut gehen? Was würde passieren, wenn sich plötzlich Nachwuchs anmeldete?
Großvater Keineder gab sich in dieser Angelegenheit zuversichtlicher und meinte:
„Resi, erinnerst dich net, wir ham’s doch auch g’schafft. Wenn’s so weit kommt, wird sich schon irgendein Weg find’n. Zur Not müss’n wir halt im Haus enger zusammenrück’n.“
„Ja, nur herrscht jetzt große Arbeitslosigkeit und Alfons ist ohne Anstellung. Du warst Zollbeamter. Außerdem trau ich der Mitzi net. Sie ist einfach net die Richtige für unsern Alfons“, so die skeptische Mutter.
...
„Mein liebes Kind, so geht das nicht weiter“, begann der wohlgenährte Pfarrer seine Ermahnung nach der Beichte meiner Großmutter Therese. „Gott kann dir deine schweren Sünden nicht vergeben, wenn du nicht willens bist, ein keusches Leben zu führen. Du musst dich sofort von Anton trennen, ihn verlassen, bis er bereit ist, mit dir den heiligen Bund der Ehe einzugehen. Ich muss dir dieses Mal leider die Absolution verweigern. Mein Gewissen erlaubt es nicht anders. Wir haben darüber ja bereits des Öfteren gesprochen, und ich kann dir auch heute wiederum nur raten, um der Kinder willen, heiratet!“
„Du musst halt den Verkehr mit diesem Mann einfach aufgeben“, fuhr er salbungsvoll fort. „Ich weiß, er ist der Vater deiner drei Kinder, aber ihr lebt in Sünde und seid euch dessen auch bewusst, nicht wahr? Ihr müsst auseinanderziehen, ihr könnt nicht weiter so zusammenleben, als hättet ihr die geheiligten Ehesakramente unserer über alles geliebten Kirche bereits erhalten. Ich habe über euren Fall eh schon mit dem Herrn Bischof gesprochen – er ist ja ein lieber Freund von mir und außerdem mein hochgeschätzter Berater. Er stimmt mit mir voll und ganz überein, dass nur das Heilige Sakrament der Ehe euch vor der Verdammnis retten kann. Es tut mir aufrichtig leid, mein liebes Kind, dass ich dir keine andere Lösung anbieten kann.“
Großmutter war eine fromme, eine ehrlich fromme Frau. Pflichtbewusst ging sie jeden Sonntag zum Gottesdienst. Einmal im Monat empfing sie das Sakrament der Kommunion, auch die Beichte legte sie im gleichen Takt ab. Die katholische Kirche, die Dreifaltigkeit und die ansehnliche Schar der Heiligen für alle Notfälle bedeuteten höchste Instanzen für sie, auf die sie sich gerne und voll des Glaubens berief. Und dennoch und trotz alledem: Mit dem Pfarrer ihrer ländlichen Heimatgemeinde in Oberösterreich verband sie kein inniges Verhältnis. Nicht nur das pathetische Gerede des Seelenhirten ärgerte sie, sondern auch sein Gehabe bei der Beichte, wie er dabei sein rundes Bäuchlein streichelte und vor lauter Selbstgerechtigkeit beinahe platzte.
„Ich hab’s ganz genau durchs Gitter vom Beichtstuhl g’seh’n, wie er sich aufführt“, erzählte sie in einem vorwurfsvollen Tonfall.
Zudem empörte es sie maßlos, ja, versetzte sie in Weißglut, wie sie der Mann der Kirche von oben herab behandelte. So verstand sie überhaupt nicht, warum er sie zum Beispiel immer mit „mein liebes Kind“ ansprach, und brachte das auch deutlich zum Ausdruck:
„Ich bin ja schließlich kein Kind, und ich weiß doch, dass er die Männer mit mein lieber Sohn und net mit mein liebes Kind anred’t. Und warum kann ich dann net von mir aus seine liebe Tochter sein?“
Sie blieb nach jeder Beichte weiterhin unbeugsam, denn sie sah keine Möglichkeit, ihren Anton zu verlassen. Und das sagte sie geradeso dem Pfarrer mit voller Überzeugung und ohne Umschweife. Bei Anton schimpfte sie sich die Wut aus dem Bauch:
„Wie soll ich denn die Kinder ernähr’n? Wieder wie früher in Anstellung als Magd auf einen Bauernhof geh’n oder als Dienstbot in eine Familie? Mit drei Kindern und einem vierten auf dem Weg? Der patscherte Mensch hat ja keine Ahnung, wenn er so daherschwafelt.“
Oder war der geistliche Herr gar nicht so „patschert“, so ungeschickt? Er ließ sich von seiner Pfarrschwester gut bekochen, sie sorgte für ihn wie eine brave Hausfrau, die Kirche wurde freiwillig von Frauen aus dem Dorf regelmäßig geputzt und mit Blumen verziert. Wann immer erforderlich, fanden sich ebenso einige Männer des Ortes, um bei verschiedenen Arbeiten Hand anzulegen und unentgeltlich auszuhelfen. Auch Therese und Anton brauchte der Pfarrer nicht lange zu bitten, wenn er ihre Dienste anforderte. Großmutter wirkte bei der Kirchenreinigung und der Anbringung des Blumenschmucks mit, Großvater als Träger des Himmels etwa bei den Fronleichnamsprozessionen. Stundenlang auf den Knien rutschend, besserte er einmal sogar das Pflaster vor dem Kirchenportal aus. Bei diesen Gelegenheiten gab es vom Herrn Pfarrer dann keinen Verweis auf das „unzüchtige Zusammenleben“ der beiden, da zeigte sich der Pfaffe, wie Großmutter den Seelsorger uns gegenüber gerne geringschätzig nannte, ganz nachsichtig. Scheinheilig bedankte er sich für die geleistete Hilfe und meinte, ohne diese wäre sein Arbeitspensum unmöglich zu bewältigen. Es würde ihn einfach umbringen, verkündete er theatralisch.
Immer wieder erklärte Therese dem Pfarrer ihre Situation, sagte ihm klipp und klar, dass sie niemanden hätte, der für ihren Nachwuchs aufkäme, dass sie zu arm sei, die Kleinen in ein Heim zu geben, auch die Kirche würde sie nicht dabei unterstützen, die hungrigen Schnäbel zu füttern. Was sollte sie also mit den Kindern anfangen?
„Vater und Mutter sind doch für das Aufwachs’n und die Erziehung der Kinder wichtig, net wahr, Herr Pfarrer? Des predigt weiß Gott auch die Kirche, also können S’ des als Diener der Kirche doch versteh’n, oder?“, so versuchte die gute Frau, den Hochwürden in die Enge zu treiben.
Auch wenn er ihr nicht nur einmal drohte, ihr in Zukunft die Beichte überhaupt nicht mehr abzunehmen, bekam sie letztendlich doch stets aufs Neue ihren Sündenerlass, nachdem sie regelmäßig zu zehn Vaterunser und derselben Anzahl von Ave Maria verdonnert wurde. Sie verrichtete dann penibel ihre Bußgebete und erfreute sich gleichzeitig ihres Sieges über den weltfremden Mann mit seinem lächerlichen Gefasel.
„Der Pfarrer war mir einfach net freundlich g’sinnt, und als katholischer Geistlicher konnt er vielleicht auch net anders handeln. Aber ich hab’s ihm schon zeigt!“, kommentierte Großmutter diese Auseinandersetzung tief befriedigt bei jeder Gelegenheit, auch noch viele Jahre später, denn sie war fest davon überzeugt, richtig aufgetreten zu sein.
Großmutter hatte keine gütigen Geister, die ihr irgendwelche Arbeiten oder Sorgen abnahmen. Auch auf ihren Liebsten Anton Keineder konnte sie diesbezüglich nicht wirklich bauen. Er war ein fescher junger Zollbeamter, ein schlanker und ranker Kavalier. Seine Oberlippe zierte, wie bei einem Offizier der kaiserlich-königlichen Armee, ein kecker Schnurrbart, den er liebevoll pflegte. Er bürstete ihn, damit ja alle Härchen gleich ausgerichtet waren, stutzte ihn auch sorgfältig, denn schließlich durfte nur ja nichts das korrekte Gesamtbild stören. Außerdem wichste er seinen Gesichtsschmuck, damit er tagsüber die Form behielt. Am Abend legte er eine Bartbinde an, um die Manneszierde über Nacht en façon zu halten. Großmutter hingegen nahm sich nicht so viel Zeit für ihre Schönheitspflege. Nur ihre langen schwarzen Haare wusch sie einmal pro Woche gründlich, kämmte sie durch und band sie zu einem schlichten Nackenknoten zusammen.
Mit Würde und Stolz trug Großvater die Zollbeamtenuniform, zeichnete sie ihn doch ganz besonders aus, nämlich als Angestellten des Staates, zuerst der allmächtigen Monarchie, dann der beinahe so autoritären Republik. Zwar verdiente Großmutters Lebensgefährte wenig, dafür hatte er aber ein sicheres Einkommen und das Anrecht auf eine Pension. Er ging gerne fischen, meist mit seinem deutschen Schäferhund Rolfi als loyalem Begleiter. Dieses Hobby ließ sich ziemlich fugenlos mit seinem Beruf als Zollbeamter verschmelzen, da er seinen Dienst meist an der bayerischen Grenze versah, das heißt, an der Saalach, an der Salzach oder am Inn. Um den Haushalt und die Kinder kümmerte sich Anton so gut wie gar nicht. Das war schließlich Frauensache und daher allein Thereses Aufgabe. Man hätte ihm zwar nicht vorwerfen können, kein liebevoller Partner zu sein, doch er folgte eben der damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheit der strikten Pflichtentrennung zwischen Mann und Frau.
Als die Geburt des vierten Kindes anstand, versprach Anton, seiner Therese zur Seite zu stehen, sollte die Hebamme, die im nächsten Ort wohnte, nicht rechtzeitig auftauchen. Das konnte man eigentlich schon als eine moderne Einstellung werten, denn die Männer wollten bei so einer „Weibergeschichte“ normalerweise nicht anwesend sein.
„Schrei mir nur, Resi, wenn’s so weit ist. Das Zollhaus ist ja eh in der Näh, und dann komm ich gleich und helf dir“, versicherte Anton.
Zur gegebenen Zeit rief Therese sehr wohl verzweifelt um Hilfe, nur hörte sie niemand. Anton hielt sich am Fluss auf und fischte. Auch seinen Kollegen schien nichts aufzufallen. So kam auch dieses Kind, es war ein Mädchen, ohne die Hilfe des Vaters zur Welt. Seine beinahe anklagende Frage an Therese, warum sie denn nicht gerufen habe und glaube, immer alles allein schaffen zu müssen, klang da etwas hohl.
Therese bemerkte nur trocken:
„Was hätt ich denn mach’n soll’n? Es hat mich doch niemand g’hört.“
Leider verstarb die Kleine nach wenigen Tagen. Therese hatte sie aber notgetauft. Sie tröpfelte dem winzigen Menschlein etwas Weihwasser, das sie ständig in einem Fläschchen zu Hause hatte, auf die Stirn und sprach die Worte:
„Ich tauf dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Einen Namen gab sie dem Kind nicht. Für sie als fromme Christin genügte diese Zeremonie – die sie wiederum mutterseelenallein durchführte –, um die Tochter für die Ewigkeit zu retten. Sie war sich ganz sicher, dass sie das damit bewirkt hatte. Bei Anlässen wie diesem, die absolute Diskretion verlangten, schickte Therese diejenigen ihrer Sprösslinge, die schon gehen konnten, immer zur Frau eines Kollegen von Anton.
Anton hätte Therese ja gerne offiziell geehelicht, aber er hatte noch nicht das nötige Heiratsalter erreicht. Staatsbedienstete mussten anno dazumal auf die Genehmigung der Behörden warten, bis sie in den Ehestand eintreten konnten. War das damalige Heiratsverbot für jüngere Beamte als eine Art von Geburtenkontrolle gedacht? War es ein Gesetz, um dem Staat für einige Jahre die Familienbeihilfe zu ersparen? Im Falle von Therese klappte jedoch der vom Staat wohlgemeinte Versuch der Geburtenregelung ganz und gar nicht. Auch bei zahlreichen anderen Paaren ging diese Vorschrift ins Leere.
Meine Großeltern wohnten stets im jeweiligen Domizil, das ihnen von Antons Dienststelle zugeteilt wurde. Entweder befand sich diese Bleibe direkt im Gebäude des Zollamtes oder nächst dem Zollhaus. Der Dienstort wurde einige Male gewechselt. Der Umzug erforderte Flexibilität und gute Organisation. Zum Glück hatte die Familie beim mageren Einkommen eines jungen Beamten wenig Hausrat, Kleidung, Schuhe und Kinderspielsachen angesammelt. Die angewiesenen Wohnungen waren ziemlich armselig, aber Therese legte sofort Hand an und es gelang ihr immer irgendwie, ein halbwegs gemütliches Heim daraus zu kreieren.
Obwohl Therese vor Tüchtigkeit strotzte, kannte sie kaum das Bewusstsein ihrer eigentlich egalitären Position als Frau. Es war der Überlebenskampf, der sie durch und durch prägte und mehr oder weniger komplett vereinnahmte. Souverän schaukelte sie den Haushalt, zog die Kinder groß, so gut es eben ging, und schaffte es sogar, von Antons geringem Gehalt noch etwas zu sparen. Ursprünglich wollte sie ja Schneiderin werden. Ihre Mutter, eine einfache Magd auf einem Bauernhof im oberösterreichischen Grenzgebiet zu Bayern, konnte jedoch unmöglich das Lehrgeld, das damals für Lehrlinge abzuführen war, für ihre Tochter aufbringen. Da der Bauer das Kind auf dem Hof gnädig duldete, musste die Mutter noch mehr arbeiten; auch das Kind hatte, sobald es nur groß genug war, bei leichten Arbeiten im Haus oder Garten mitzuhelfen.
„Ich kann doch net so mir nix, dir nix ein extra Maul stopf’n, wie stell’n sich denn die Leut des vor“, so das Argument des wackeren Landwirtes, und die Magd hatte sich wohl oder übel ihrem Schicksal zu fügen, sie hatte keine andere Wahl.
Im Grunde erging es ihr nicht viel besser als einer Leibeigenen, die von ihrem Herrn total abhängig und ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Sie musste froh sein, nicht von den Bauersleuten mit dem Balg, wie sie immer wieder betonten, auf die Straße gesetzt zu werden.
Als lediges Kind einer Magd wurde Großmutter Therese also bereits sehr früh vom Leben hart angepackt. Daher finde ich es durchaus begreiflich, dass sie, sobald sie Anton kennenlernte, mit ihm ein Verhältnis begann und vom Bauernhof wegzog. Schließlich bot Anton ihr doch das Gefühl der Zuneigung, der Liebe und eine gewisse Geborgenheit, die man ihr bislang nie geschenkt hatte. Da sie von Empfängnisverhütung keine Ahnung hatte, war sie bald mit ihrem ersten Kind schwanger und an eine Schneiderlehre ohnedies nicht mehr zu denken. Jetzt bestand ihre Aufgabe darin, ganz Frau und Mutter zu sein, so hatte es ihr die Kirche gelehrt. Insgeheim träumte sie fortan vom Erwerb eines Eigenheims, was bei Antons dürftigem Beamtengehalt – zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben – ein hochgestecktes Ziel darstellte.
Großmutter besaß ungeheures Durchsetzungsvermögen, und wenn sie sich etwas vorgenommen hatte, gelang es ihr, dies beharrlich durchzuboxen. Dazu brauchte sie kein Coaching; nur Mut sowie viel harte Arbeit und Entbehrungen waren vonnöten. Auch bei Antons Dienststelle behauptete sie sich letzten Endes. Mit großer Begeisterung erzählte sie uns Enkelkindern später, wie sie sich vor dem großtuerischen und patzig posierenden Vorgesetzten Antons aufgepflanzt und ihm rundheraus erklärt hatte:
„Wir erwart’n jetzt unser fünftes Kind und eine weitere Wartezeit kommt nimmer in Frage. Für einen Beamten ist dieser Zustand unerträglich, ja, eigentlich auch unstatthaft. Jetzt müssen wir einfach heirat’n.“
Anton hatte noch immer nicht das Alter zum Heiraten erreicht, aber sie wollte verständlicherweise nicht mehr weiter zuwarten. Ob der Pfarrer mitmischte oder ob sie nur ihrem eigenen Empfinden folgte, machte sie nie ganz klar; wahrscheinlich spielte beides eine Rolle.
Was genau der Vorgesetzte antwortete, auch warum nicht Anton mit ihm verhandelte, ließ Therese immer im Dunkeln; nur dass sie eine vorzeitige Heirat ertrotzte, berichtete sie mit unverhohlenem Stolz.
„Man muss halt nur ordentlich auftret’n, dann lass’n die Männer schon mit sich red’n und dann wiss’n s’ auch, was zu tun ist“, verkündete Großmutter selbstbewusst.
Wenn ich mich an Großvater zurückerinnere, bin ich überzeugt, dass er viel zu weichmütig war, um bei seinem Chef etwas so Wichtiges wie eine frühzeitige Heiratserlaubnis zu erwirken.
Durch unglaubliche Sparmaßnahmen und Beharrlichkeit schafften es Anton und Therese Keineder im Jahre 1917, die Mittel für ein bescheidenes Haus am Stadtrand von Salzburg aufzubringen und sich so ihren Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Das einstöckige Gebäude hatte ein Maurer selbst errichtet, der jedoch im Ersten Weltkrieg beide Beine einbüßte und für den das Haus deshalb dann nur mehr eine Bürde darstellte. Es lag an einer wenig frequentierten Ausfallstraße, an der sich hauptsächlich Keuschen von Kleinhäuslern auffädelten. Das Haus war äußerst solide gebaut, und man genoss von hier aus einen grandiosen Blick auf den Untersberg in seinem gesamten eindrucksvollen Ausmaß und auf die Gebirgszüge südlich von Salzburg.
Anton versah nun seinen Dienst an der Grenze zu Freilassing an der Saalach. Er radelte die erhebliche Strecke zur Arbeit, was besonders in den harten Wintermonaten eine Herausforderung bedeutete – aber Strapazen scheute die Familie Keineder ja nie. Um sich das Haus samt dem ansehnlichen Grundstück leisten zu können, eröffnete meine Großmutter kurzerhand einen Gassenverkauf von Bier im Haus. Am Abend kamen hier dann gerne die Arbeiter, die noch weiter außerhalb der Stadt wohnten, auf dem Heimweg vorbei, um sich noch zu „stärken“, wie sie sagten, und um Neuigkeiten auszutauschen. Großmutter war nämlich eine ungemein gesellige Frau, die Rolle als Nachrichtenbörse behagte ihr sehr und den Preis für das Bier kalkulierte sie christlich. Sie hatte ausschließlich eine Lizenz zum Verkauf von Stiegl-Bier, das mit dem Pferdegespann der Brauerei angeliefert wurde. Für die Keineder-Großmutter bedeutete der Bierausschank aber nicht nur ein kleines Zubrot zum kargen Beamtengehalt ihres Mannes, sondern auch eine willkommene Abwechslung von ihrer täglichen Routinearbeit in der Küche und mit den Kindern.
Therese hielt sich sogar eine Schar Hühner, und mit dem Eierverkauf konnte die rührige Frau ihr bescheidenes Haushaltsbudget noch weiter aufbessern. Um den Garten sowie einige Bienenstöcke kümmerte sich hingegen ganz allein Großvater, der die Gartenarbeit sehr liebte. Der Ertrag des Verkaufs von Honig, sofern welcher in guten Jahren in ausreichender Menge produziert wurde, landete gleichfalls in der Geldbörse von Großmutter.
Ihre vier Kinder wuchsen im Haus heran, und Großmutter freute sich, nun endlich über mehr Platz für die Familie zu verfügen. Toni, den Ältesten, hätte Therese gerne im Priesterseminar gesehen. Er war ein recht begabter Junge, lernte brav, und sein Religionslehrer setzte sich dafür ein, dass der Bub sogar einen Heimplatz im Gymnasium des Borromäums bekam. Dort erhielt er nicht nur einen ausgezeichneten Unterricht, sondern wurde auch bestens versorgt. Das bedeutete für die Familie Keineder eine wohltuende Entlastung und versprach dem Buben zukünftig eine sichere Lebensstelle im Schoß der Kirche. So erhoffte man es sich zumindest.
Dass im Internat eine eiserne Disziplin waltete, traf den Jungen zwar hart, aber Großmutter fand das eigentlich ganz in Ordnung. Hin und wieder schickte sie ihm ein bescheidenes Paket mit Kleinigkeiten wie Keksen oder auch einer Dauerwurst, empfand es jedoch mit der Zeit als einigermaßen verwunderlich, dass sich Toni überhaupt nie dafür bedankte. Sie hatte ihrem Sohn doch anständige Manieren beigebracht! Sie besuchte ihn auch zuweilen und verstand einfach nicht, warum sich der Bub so wortkarg zeigte. Natürlich passte im Besucherraum immer ein Ordensmann auf, aber das lieferte nun wirklich keinen ausreichenden Grund, so still, ja, fast verschlossen zu sein. In der Familie herrschte stets eine offene Atmosphäre, es wurde viel diskutiert, jeder konnte sich frei äußern. Das Elternhaus hatte also nicht Schuld an der Einsilbigkeit des Knaben.
Eines Tages erhielt Großmutter einen Brief von Toni, dessen Inhalt ihr sehr zu denken gab.
„Mein Freund Franzl ist von Pater Korbinian arg heruntergemacht worden und dann hat er den Franzl auch noch geohrfeigt. Der Franzl hat furchtbar geschrien, wir haben es alle gehört, aber wir haben nicht gewusst, was passiert ist“, berichtete Toni. „Der Franzl wollte dann beim gemeinsamen Spaziergang am Nachmittag einen Brief an seine Mutter in den Briefkasten stecken, aber das ist ihm nicht gelungen. Pater Korbinian, der mit uns gegangen ist, hat das Kuvert gerade noch aus Franzls Hand gerissen und den Brief dann auch gelesen. Zurück im Heim hat dann der gemeine Korbinian den Franzl zum Direktor geschleppt, und dann haben wir den Franzl gar nicht mehr gesehen. Einige Buben haben gesagt, dass da mit dem Franzl schlimme Dinge geschehen sind.“
Toni klang äußerst betroffen, ja, sogar verängstigt, und Großmutter hatte nun Verständnis für sein Benehmen während der wenigen Besuchstage. Sie handelte umgehend: Sie durchschaute, was in diesem Heim, geführt ausschließlich von Ordensleuten, vorging, und nahm Toni sofort aus dem Gymnasium. Leider stellte es sich heraus, dass der Halbwüchsige kränkelte. Bald nachdem Toni aus dem Borromäum geholt worden war, konstatierte ein Arzt, dass er an Tuberkulose litt.
„Die Krankheit ist schon sehr weit fortgeschritten. Es gibt wahrscheinlich keine Heilung mehr für ihn“, informierte der Arzt die Eltern.
Es war eine Fehldiagnose. Toni litt nicht an Tuberkulose, sondern trug das Virus der Spanischen Grippe in sich, die 1918 in vielen Teilen der Welt grassierte. Niemand konnte ihm mehr helfen. Er lebte nur noch eine kurze Zeit; der Junge verstarb mit siebzehn Jahren. Ein ungeheurer Schock für seine Eltern, aber es hatte keinen Sinn, zu jammern und zu lamentieren. Man raffte sich wieder auf und betete. Zum Glück wurde niemand anderer in der Familie angesteckt.
Alfons, der Zweitgeborene, ging schon mit einer festen Freundin namens Mitzi, und sie beabsichtigten zu heiraten, sobald er Arbeit gefunden hatte. Großmutter entschied, dass er mit seinen sechzehn Jahren noch viel zu jung sei, um überhaupt an eine Eheschließung zu denken. Er wusste weder, wie er für eine Frau den Unterhalt bestreiten, noch wo er mit ihr wohnen würde. Eigentlich hatte Alfons noch gar keine Vorstellung, was er aus sich machen wollte. Trotzdem führten Alfons und Mitzi bereits ein sehr reges Liebesleben und genossen dabei die volle Unterstützung der Eltern der jungen Frau. Diese Familie bewegte sich im Salzburger Künstlermilieu: Die Mutter arbeitete als Tanzlehrerin am Salzburger Landestheater und der Vater verdiente seine Brötchen als Holzschnitzer. Mitzi wurde von klein auf in klassischem Ballett unterrichtet und trat sogar gelegentlich im Theater auf. Etwas Sorge bereitete Großmutter Keineder schon, dass Alfons und Mitzi einfach nicht zusammenpassten: Er ernsthaft und arglos, sie launenhaft, leichtlebig, beinahe ausgelassen. Konnte das gut gehen? Was würde passieren, wenn sich plötzlich Nachwuchs anmeldete?
Großvater Keineder gab sich in dieser Angelegenheit zuversichtlicher und meinte:
„Resi, erinnerst dich net, wir ham’s doch auch g’schafft. Wenn’s so weit kommt, wird sich schon irgendein Weg find’n. Zur Not müss’n wir halt im Haus enger zusammenrück’n.“
„Ja, nur herrscht jetzt große Arbeitslosigkeit und Alfons ist ohne Anstellung. Du warst Zollbeamter. Außerdem trau ich der Mitzi net. Sie ist einfach net die Richtige für unsern Alfons“, so die skeptische Mutter.
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