Die Seele im Unterzucker

Die Seele im Unterzucker

Mica Scholten


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 522
ISBN: 978-3-99107-238-6
Erscheinungsdatum: 29.07.2021
Fast mein ganzes Leben war meine Seele bereits im Unterzucker, mein Selbstbewusstsein klein wie eine Erbse, mein körperlicher Zustand durch meine gesundheitlichen Handicaps ein reines Desaster. Alles, was ich jemals wollte, war „normal“ zu sein …
Intensivstation

Es war in den Pfingstferien 2009. Ich hatte mich mit Mirko, Jürgen und einigen anderen „Gay-Kumpels“ zum Grillen am See in deren Stadt verabredet. Jürgen sollte als Fahrer fungieren, welcher mich morgens abholte und später am Abend wieder nach Hause brächte. Ich machte mich fertig, setzte mir meine „notwendigste“ Dosis an Insulin, welche mir einige Stunden des Wohlbefindens ermöglichen sollte. Allerdings ließ ich mein vollständiges Equipment an Insulin zuhause, da ich den Tag über frei essen und trinken wollte. Ohne jene Sorge im Hinterkopf, dass sich jenes Essen durch Insulin wieder sofort ansetzen würde. Hatte ich doch bereits so viel an Gewicht verloren. Jetzt durfte auf keinen Fall schlapp gemacht werden.

Jürgen sammelte mich ein und fuhr mit mir zu Mirko und den anderen Boys an den See. Dort herrschte bereits eine lockere und gemütliche Stimmung. Es wurde Bier getrunken und einige der Jungs badeten. Es war ein kochend heißer Sommertag und ich wäre auch am liebsten ins Wasser gesprungen. Was mir meine Scham aufgrund meiner Flecken am Oberkörper wieder einmal unmöglich machte. Mirko bot an, mir ein altes T-Shirt von ihm zum Schwimmen zu borgen, da er von meinen Bedenken diesbezüglich wusste. Es kam allerdings nicht mehr dazu, die Pläne wurden spontan verworfen.
Jürgen hatte sich zwischenzeitlich in einen der anwesenden Männer verguckt, welcher erstaunlicherweise seine Gelüste erwiderte und alsbald mit ihm verschwand. Wir sahen sie den ganzen Tag über nicht mehr. Womöglich hatten sie eindeutig Besseres zu tun, als weiterhin mit uns am See abzuhängen.

Die meisten Jungs wussten gar nichts von meinem Zucker. Ich sprach generell nur darüber, wenn es unbedingt sein musste. Um so normal wie möglich zu agieren, schnitt ich das Thema von mir aus nie großartig an. Nur Mirko wusste Bescheid, war sich allerdings über dessen Ausmaß und Gefahren gar nicht so wirklich bewusst. Beim späteren Rundgang durch die Stadt (es war bereits späterer Abend), sagte ich ihm, dass ich heute noch unbedingt nach Hause kommen sollte, um mir mein Insulin zu verabreichen.
Wir hatten Jürgen und seinen neuen Lover nicht mehr erreicht. Er ging nicht mehr ans Handy, schied also als Chauffeur für den heutigen Tag definitiv aus. Von den anderen Jungs hatte keiner einen Führerschein bzw. ein Auto parat. Auch der letzte Zug in meine Richtung war bereits längst abgefahren. Der nächste fuhr erst wieder in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages. Mirko, welcher gerade dabei war, seinen Führerschein zu machen, hatte am nächsten Tag seine erste Überlandfahrt. Er fragte seinen Fahrlehrer telefonisch, ob er diese eventuell in meine Richtung machen dürfte und mich somit gleich direkt nach Hause bringen könnte. Der nette Fahrlehrer stimmte dieser Bitte zu.
Na gut, warum nicht, dachte ich mir. Womöglich die beste und einfachste Lösung und die paar Stunden würde ich ganz bestimmt auch noch irgendwie überstehen. Mirko hatte angeboten, mich bei sich zuhause auf dem Sofa schlafen zu lassen.

Ich hielt mich recht tapfer, obwohl mir bereits hundeelend zumute war. Mein quälendes Durstgefühl war kaum noch unter Kontrolle zu kriegen. An Schlaf war vor lauter Bauchweh und Atemnot nicht zu denken. Alle 20 Minuten schlich ich mich zur Toilette, trank gefühlte 10 Liter am Wasserhahn und schwemmte alles sofort wieder heraus. Außerdem wurde meine Atmung immer schwerer. Ich litt unter starken Schweißausbrüchen und japste nach Luft. Was für eine unendliche Befriedigung und welch unbeschreibliche Entlastung ein großer Schluck Wasser darstellt, wurde mir in dieser Nacht zum ersten Mal wirklich bewusst. Ich war zuvor zwar schon häufiger extrem im Überzucker gewesen. Größtenteils lag mein Wert dann schon bei HI (das bedeutet nicht mehr messbar, ab einem Wert von über 600 mg/dl), in jenen Zeiten, als ich alles daransetzte, durch diese Maßnahme mein Körpergewicht zu senken. Allerdings spritzte ich dennoch immer eine kleine Portion Insulin, wenn ich es vor Schmerzen und Durst nicht mehr länger aushielt. In jener Nacht war dies leider nicht möglich, weil ich ja alles zuhause gelassen hatte.
Sollte ich Mirko Bescheid geben oder womöglich selbstständig einen Krankenwagen rufen? Nein, dachte ich mir. Jetzt hast du schon so lange ausgehalten, nur noch wenige Stunden. Die kriegst du auch noch rum. Später zuhause erst mal ’ne ordentliche Dosis Insulin und dann ist der Käse gegessen. Und künftig immer das Equipment mitnehmen, so viel stand schon mal fest. Ich kann nur mutmaßen, wie hoch mein Pegel in jener Nacht tatsächlich gewesen ist. Aber im Grunde war es mir just in diesem Moment auch vollkommen gleichgültig. Luft und Wasser war alles, was ich in diesem Zustand wollte.

Als es endlich Morgen war und Mirko aufstand, freute ich mich innerlich wie ein Schneekönig. Endlich nach Hause und einen ordentlichen Schuss Insulin setzen. Als der Fahrlehrer eintrudelte und Mirko sich ans Steuer setzte, verfrachtete ich mich auf die Rückbank und versuchte zu entspannen. Mein Körper war im absoluten Ausnahmezustand. Ich bekam kaum noch Luft und beugte mich nach vorne, um besser atmen zu können. Ich versuchte trotz allem noch immer sehr bemüht, so unauffällig wie möglich zu agieren, um Mirko und den mir fremden Fahrlehrer nicht unnötig zu verunsichern. Die Fahrt wurde zur gefühlten Ewigkeit und meine Atmung immer schwerer. Obwohl es nur knapp 60 km bis zu mir nach Hause waren.

Endlich erreichten wir das Ziel. Dankend verabschiedete ich mich von Mirko und dem Fahrlehrer und stieg aus dem Auto. Mit letzter Kraft schloss ich die Haustüre auf und schleppte mich keuchend in den 2. Stock, in welchem unsere Wohnung lag. Es war recht früh am Vormittag, meine Mutter war am Arbeiten und hatte auch Finn in den Kindergarten mitgenommen. Das machte sie häufiger, wenn dieser Schulferien hatte. Ich suchte nach meinem Etui, in welchem sich Insulin & Co. befanden. Ich machte mir erst gar nicht die unnötige Mühe mich zu messen, da der Wert ohnehin nicht mehr zu ermitteln gewesen wäre. Hastig zog ich mir zwei volle Spritzen mit Insulin auf und drückte sie mir in den Bauch. Jetzt hieß es nur noch abwarten, so hoffte ich. Vollkommen erschöpft und außer Atem legte ich mich auf mein Bett und japste weiterhin krampfhaft nach Luft. Die Atmung wurde immer schwerer, ich befürchtete zu ersticken.
Scheiße, auf diese Art und Weise wollte ich nun doch nicht verrecken, das schien eindeutig zu qualvoll. Alles war wie verschwommen, ich sah kleine Blitze als ich die Augen schloss. Luft, bitte einfach nur Luft, dachte ich mir, rollte vom Bett auf den Boden und atmete schwerer denn je. War’s das jetzt gewesen?
Mit letzter Kraft holte ich das Telefon aus dem Wohnzimmer und rief mit schwacher Stimme einen Krankenwagen. Als jener eintraf, schaffte ich es gerade noch, auf dem Boden kriechend mit ausgestrecktem Arm den Türöffner zu drücken und kroch zurück zum Sofa. Bloß nicht ersticken, sagte ich mir immer wieder in Gedanken. Die Sanitäter nahm ich nur noch sehr eingeschränkt wahr. Mit letzten Worten japste ich heraus, dass ich mich im Überzucker befand und bereits einige Einheiten injiziert hätte. Die Sanitäter machten sich sofort ans Werk, setzten mir eine Atemmaske auf und legten einen Zugang. Kurz darauf verlor ich das Bewusstsein.

Ich erwachte einige Stunden später auf der Intensivstation. Ich hing an einer Notinfusion. Der Bereich, in welchem mein Bett stand, war mit einem weißen Tuch von den anderen Patienten abgeschirmt. Ich hörte ein wiederholtes Piepsen. Es war die Blutdruckmessung, welche auf meiner Fingerkuppe steckte. Ich spürte ein starkes Ziehen im Schritt. Sogar ein Katheter war mir gelegt worden. Eine der bislang widerlichsten Erfahrungen meines Lebens.
Ich wusste überhaupt nicht, wo ich war und was ich hier machte. Aber irgendwie konnte ich es mir schon zusammenreimen. Ich erinnerte mich an die letzten Minuten mit den Sanitätern. War es doch so schlimm gewesen, dass sie mich ins Krankenhaus bringen mussten? Nie war ich aufgrund einer Überzuckerung dort gelandet. Höchstens mal wegen einer Unterzuckerung. Im Laufe der Jahre kam das gelegentlich mal vor. Allerdings durfte ich das Krankenhaus dann meist immer in Begleitung meiner Mutter abends wieder verlassen. Ich dachte zunächst, ich befände mich in meiner Heimatstadt im Krankenhaus. Jedoch befand ich mich zwei Ortschaften weiter, da es im Krankenhaus meines Wohnortes keine Intensivstation gab. Also musste ich verlegt worden sein.

Nachdem ich aufgeklärt wurde, was denn eigentlich geschehen war, kam auch alsbald meine Mutter zu mir auf die Station. Sie war alles andere als erfreut und machte mir untertönige Vorwürfe. Dass ich es mit meinen Überzuckerungen so dermaßen übertreiben würde, hätte sie niemals erwartet. Zwar hatte sie mitbekommen, dass ich es ganz besonders in der letzten Zeit mit meinen Werten nicht so genau nahm und auch des Öfteren bewusste Überzuckerungen tolerierte um abzunehmen. Aber von DIESEM Ausmaß hatte sie nichts geahnt. Ich sollte sofort in stationärer Psychotherapie untergebracht werden, sobald ich aus dem Krankenhaus entlassen würde, das konnte sie nicht weiter verantworten.

Die nächsten 2 Tage verblieb ich auf der Intensivstation, wo ich sogar im Bett gewaschen und mir ein Töpfchen ans Bett gereicht wurde. Was ich persönlich mehr als übertrieben empfand. Ich konnte bereits locker wieder aufstehen und hätte auch durchaus allein aufs Klo gekonnt. Aber das zuständige Personal wollte wohl kein unnötiges Risiko eingehen. Ich sehnte mich unsterblich nach einer Zigarette, welche mir allerdings verweigert wurde.
Anschließend wurde ich auf die Normalstation verlegt, wo ich mir mit einem netten älteren Herrn das Zimmer teilte. Wir verstanden uns gut, trotz meiner Angstphobie gegenüber Zimmernachbarn.
Neben meiner Mutter bekam ich auch noch Besuch von meinen Großeltern, welche mir im Krankenhauspark verdeutlichten, wie leichtsinnig diese ganze Aktion doch gewesen wäre und dass das künftig nicht mehr passieren dürfte. Immer nur Sorgen mit mir, wie sollte das nur weitergehen? Na, die hatten gut reden. Sollten die sich doch nur mal eine Woche viermal täglich eine Spritze setzen und davon immer fetter werden. Ein bisschen mehr Verständnis hätte ich mir gewünscht. Immer nur meckern und klug daher reden ist schon sehr einfach …

Auch mein Vater wollte zu Besuch kommen, wie mir meine Mutter versprach. Ich erwartete ihn eines Nachmittags und freute mich auf seine Gesellschaft. Die Stunden verstrichen, er kam jedoch nicht. Als ich nachfragte erzählte man mir, dass er angeblich sein Auto nicht mehr gefunden hatte, welches er einen Tag zuvor auf einem Parkplatz abgestellt hatte, als er dort die jährliche Funkausstellung besuchte.
Am Folgetag trudelte er schließlich ein. Wieder einmal vollkommen verlangsamt und verwirrt betrat er mein Zimmer und überreichte mir ein Tütchen, in welchem sich zwei Bücher befanden. Diese könnte ich in langweiligen Stunden lesen. Es handelte sich jedoch um Themen, welche mich eindeutig nicht ansprachen… Was sollte ich mit einer Biografie über Erich Mielke? Das interessierte mich just in diesem Moment recht wenig. Etwas vorwurfsvoll im Unterton und ohne Verständnis dafür, dass er am geplanten, vorherigen Besuchstag nicht erschienen war, hakte ich diesbezüglich nach. Er meinte, er habe einfach sein Auto nicht mehr gefunden, wofür mir allerdings das nötige Verständnis fehlte. Wie konnte man bitteschön sein Auto verlieren?
Nachdem ich seine Rechtfertigungen leid war, bat ich ihn energisch zu gehen. In diesem peinlichen Zustand konnte er sich seinen Besuch durchaus sparen. Wie ein Häufchen Elend verließ er das Zimmer. Mein Zimmernachbar, welcher seinen Auftritt live mitbekommen hatte, sah mich fragend an und meinte nur: „Alkohol?“
Wenige Sekunden später überkam mich ein großes Schuldgefühl, meinen Vater so schroff davongejagt zu haben. Kurz entschlossen sprintete ich ihm hinterher und holte ihn am Ausgang der Klinik tatsächlich noch ein. Außer Atem entschuldigte ich mich bei ihm und sagte, dass ich mich trotz allem über seinen Besuch freuen würde, auch wenn der erste Besuch nicht funktioniert hatte. Sehr schnell versöhnten wir uns wieder und er blieb noch einige Zeit bei mir und versprach, mich am nächsten Tag nach Hause zu holen.

Als er mich schließlich abholte, durfte ich sogar bei ihm im Auto meine lang ersehnte Zigarette rauchen, obwohl er ja eigentlich ein ziemlicher Gegner vom Rauchen war. Ich glaube, er hatte zum damaligen Zeitpunkt schon gar nicht mehr die nötige Kraft, sich über Lappalien dieser Art aufzuregen. Zu weit fortgeschritten waren bereits sein schlechter körperlicher Zustand und seine innere Schwäche. Auf irgendeine Weise hatte er resigniert. Er wirkte so unbeschwert, fast wie ein lockerer Kumpel. Von seiner früheren, meist so nervigen, übervorsichtigen und pingeligen Art war nicht mehr viel übrig. Ich erzählte ihm sogar durch die Blume, dass ich mich gelegentlich mit anderen Männern traf. „Ja, pfui Deifel, also des würd i net machen!“, sagte er im recht gleichgültigen, leicht ironischen Tonfall. Er schien jedoch nicht geschockt oder sonderlich betroffen deswegen. Vor einiger Zeit wäre dies noch deutlich anders gewesen.

Die angedachte Maßnahme mit der stationären Unterbringung wurde zu meiner persönlichen Freude „vertagt“. Die Prüfungen für den bevorstehenden Hauptschulabschluss standen in einigen Wochen an und mein Abschluss hatte erst einmal Vorrang.
Außerdem machte meine Freundin Eleni nach einem guten Jahr „Wochenendbeziehung“ Schluss mit mir, was sie anfänglich nicht begründete. Ich hatte Bedenken, sie hätte von meinen Aktivitäten in Bezug auf Männer Wind bekommen. Allerdings geschah es angeblich aufgrund ihres strengen Vaters, wie sie mir im Nachhinein erzählte. …

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