Flachwurzler
Siebzig Jahre Leben leben
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 556
ISBN: 978-3-99146-567-6
Erscheinungsdatum: 03.09.2024
Erzählt werden siebzig Jahre eines Menschen in zwei deutsche Staaten verknüpft mit drei Generationen in den Windungen des 20. Jahrhunderts, in Rückblicken und Verortungen, aufregend und aufwühlend. Es ist ein Buch über das Leben, Kreuzungen und Scheidewege.
Nun fang doch endlich an! Vier Anläufe sind genug
In mir sitzt ein schwerer schwarzer Klumpen, der sich immer mehr zusammenzieht und immer mehr in sich hineinzieht. Er lähmt mich, endlich das Buch zu sortieren, er lähmt mich, mein Leben weiter zu ordnen und in Ordnern mit Fotos und Erinnerungspapieren einzusortieren. Es ist wie eine Spirale – schreib erst, wenn die Ordner fertig sind, nein, schreib, was du schon hast und arbeite nebenbei oder danach an den Ordnern … Es ist furchtbar. Ich nehme jede Ablenkung wahr und finde zig Ausflüchte, noch nicht anzufangen. Immer fange ich alles an, und irgendwann stoppe ich an einer Stelle – dann zieht es mich in den Sog der Faulheit. Es ist so viel, ich weiß gar nicht, ob ich der ganzen Sache Herr werden werde. Wollen ist das eine, Können das andere, doch Mögliche, jedoch dabei bleiben ein Kreuz. Ich zweifle und behindere mich selbst. Vorwand für Vorwand finde ich und tue nichts.
Mach endlich – Schritt für Schritt. Vielleicht hast du doch etwas zu sagen.
Wie lange will ich schon ein Buch, mein Buch schreiben? Jahrzehntelang. Ich habe immer wieder angefangen, einzelne Kapitel geschrieben, abgeheftet. Wenig systematisch, immer wenn ich glaubte, jetzt unbedingt schreiben zu müssen, schrieb ich, geriet ich in Fahrt, nahm mir die nächsten Schritte vor – und schon kam wieder etwas dazwischen.
Dieses Jahr soll es nun endgültig werden, denn ich vollende mein 70. Lebensjahr. In dieser Zeit hat sich allerhand Leben angesammelt, auch wenn ich es nicht immer als Leben angesehen habe. Ich weiß, dass ich ewig darauf gewartet habe, dass mir jemand sagt, wann das Leben anfängt. Ich war schon Anfang zwanzig, als mir allmählich dämmerte, dass es ja schon mein Leben ist. Irgendwie fühlte ich mich nicht lebenstüchtig, nicht lebensfähig und schon gar nicht in der Lage, mein Leben bewusst gestalten zu können. Ich habe eigentlich nicht gelebt, ich wurde gelebt. Auch wenn es diese Passivform nicht gibt und sie sowohl grammatischer als erst recht semantischer Unsinn ist, so sagt sie doch am besten aus, was Leben für mich bedeutete.
Und warum will ich unbedingt über mein Leben schreiben? Ist es denn so wichtig und interessant, dass es wert ist, beschrieben zu werden? Davon bin ich nun allerdings überzeugt, denn in jedem Leben spiegeln sich die Zeitenläufe wider, und ich bin in einer besonderen Zeit aufgewachsen und in einem besonderen Land, dessen Existenz eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft in den Geschichtsbüchern immer weniger Zeilen einnehmen wird. Selbst jetzt, achtundzwanzig Jahre nach Aufgabe seiner Existenz, sind die Informationen darüber schon auf wenige Schlaglichter geschrumpft, aus denen keiner mehr ein farbiges Bild zusammensetzen kann. Irgendwie fühle ich mich als Zeitzeuge. Ich sollte jetzt mein Bild malen, mein Leben beschreiben, auch wenn es eines von Millionen ist, so hat es doch ganz persönliche Blickwinkel, das Einzelne im Gesamten, das Besondere im Allgemeinen. Hinzu kommt: Ich gehöre zu den leisen Millionen, für die dieses Land alles bedeutete, die ohne dieses Land nie zu dem geworden wären, was sie sind, die diesem Land alles zu verdanken haben, die es mochten und mitgestalten wollten, dass es für alle gut sei. Es gelang nicht. Was maßt sich auch ein Kind an, wissen zu wollen, was gut und richtig ist? Die Rufe der Schreihälse, die dagegen waren, werden definitiv in Erinnerung bleiben und das Bild verzerren. Freiheit – das höchste Gut der Menschen, wie wundervoll, wie herrlich, im Namen der Freiheit kann jedes Übel gerechtfertigt werden. Vergiss es, Freiheit ist so schwammig, so gar nicht fassbar, so interpretierbar wie Gut und Böse und Richtig und Falsch, alles Kategorien, von denen ich mich vor langer Zeit schon verabschiedet habe. Ich benutze diese Wörter nicht mehr, weil sie bedeutungslos sind und nur im Munde des Sprechers und im Auge des Betrachters etwas Bestimmtes sind, etwas Konkretes, doch nichts Absolutes. Halt, etwas vorsichtiger könnte ich vielleicht doch sein, denn es gibt sehr Weniges, was so charakterisiert werden könnte. Es kristallisiert sich möglicherweise noch heraus, typisch, allgemeingültig, abstrakt sind es für mich keine absoluten Werte. Ich bin ein abstrakter Denker, ein Skelettdenker, ich will sehen, was unter Haut, Fleisch, Muskeln, Organen der Bewegungsstimulator ist. Was bewirkt was? Wo ist die eigentliche Ursache für Änderungen? Ich denke in Ursache-Wirkung-Feldern, ein anderes Denkmodell steht mir nicht zur Verfügung, obwohl es durchaus so etwas geben soll. Also setze ich mein Erscheinen auf der Welt in die Zusammenhänge der Umgebung. Warum gibt es mich, was führte dazu? Wie war das Umfeld, in das ich hineingeboren wurde und in dem ich aufwuchs? Warum wurde ich so, wie ich geworden bin und nicht anders? Was hatte ich in mir, das diese und keine andere Richtung vorgab? Das ist ein weiterer Grund für mein Bedürfnis, mein Leben aufzuschreiben. Ich möchte mir gern selbst auf die Spur kommen. Ich weiß, wann und wo ich gravierende Fehler gemacht und damit Weichen gestellt habe, die mich in eine völlig andere als gewünschte – nicht etwa geplante oder gewollte – Richtung getrieben haben. Warum habe ich jene Entscheidungen getroffen? Welche Marionetten-Strippen haben an mir gezogen? Warum habe ich keinen Zugang zu mir gefunden? Warum ziehe ich mich in mich zurück? Nun gut, dass ist der zweite Grund, die ganze Seite der Psyche. Manchmal tritt meine innere Stimme in Aktion. Wann sprach sie mit mir, und was folgte daraus? Wann habe ich mit dem Kopf entschieden, wann aus dem Bauch heraus und wann überhaupt nicht?
Möchte ich meinen Kindern und Enkeln meine Lebenserfahrungen und Lebensweisheiten hinterlassen? Ich glaube kaum. Von mir ausgehend habe ich höchst selten gesprochen und erzählt. Am Anfang mehr, später immer weniger, dann habe ich nur noch Fragen beantwortet, meist ziemlich kurz, eher abstrakt. Und Fakten erzählt habe ich höchst selten. Ich fragte mich, ob sie es überhaupt wissen wollten, wie viel davon, ob es sie interessierte oder doch eher nicht, aber vor allem wollte ich keine Kommentare, kein Warum hören. Einen anderen Menschen verstehen zu können, scheint mir schier unmöglich, es sei denn, er verfügt über die Fähigkeit, sich in den anderen hineinversetzen zu können und zu wollen und sich selbst draußen zu lassen. Wer kann das schon.
Also erzähle ich lieber meine Geschichte und Geschichten aus meiner Sicht ohne Erwartung einer Gegenrede. Wen es interessiert, der liest es, wer zwischendurch aufhört, hört auf, ich möchte nichts darüber hören oder lesen. Ich möchte sie nur loswerden.
Aus einer Leserzuschrift entnahm ich folgenden Satz:
„Nein, das sind keine Kleinigkeiten. Sie sprechen mir aus der Seele. Man weiß von keinem Menschen weniger als von den eigenen Eltern oder Kindern.“
Wie oft habe ich mich schon entschlossen: „Jetzt fängst du endlich an, dein Buch zu schreiben!“ Wie viele Anfänge, erste Sätze mit „Aufhorchcharakter“, mit Durchschlagskraft, die das Ventil öffnen und die Gedanken, Erinnerungen, Reflektionen nur so fließen lassen, habe ich entworfen – doch nie habe ich den Stift in die Hand genommen und einfach losgeschrieben. Warum eigentlich nicht? Tausend Ausflüchte vor mir und als objektive Gründe vorgeschobene Vorwände. Andere Dinge waren immer wichtiger. Der Alltag mit seinen wiederkehrenden und sich wiederholenden Kleinigkeiten, der ewige Haushalt, dessen Funktionieren so wichtig ist für das Freiwerden des Kopfes, der jedoch unersättlich frisst, nämlich Zeit, Kraft, Energie, Lust, Freude und einen müden Körper und Geist zurücklässt, der nun wieder die Entschuldigung liefert für den Einschluss der Gedanken in ihrer Hirnschale und den angeblich notwendigen Reifeprozess. Dabei sind Gedanken immer reif, sobald sie sich spüren lassen als formulierte Sätze oder bewegliche Bilder oder ausgelöste Erregungen. Es ist faszinierend, den Urknall eines Gedankens verwundert zu bemerken. Mit einer Plötzlichkeit und Unmittelbarkeit materialisiert er sich im Geiste und lässt sich kaum jemals auf die Quantitätsteilchen und den rührenden, brodelnden Strudel der Bewegung des Ganzen zurückführen, der ihn sprunghaft in die Qualität der Fasslichkeit einer Idee verwandelt hat. Wie schwer lässt er sich festhalten, lässt man ihn gewähren. Er ist klar, schön, eindeutig da, lässt sich hübsche Satzgewänder schneidern, doch soll er sich aufs Papier zwingen lassen, ist er flüchtig, leer, banal, einfach weg.
Meine Buchanfänge? Meine „Durchreißersätze“? Kein einziger fällt mir mehr ein. Nachzugrübeln über Titel nimmt einen auch wahnsinnig in Anspruch, überhaupt scheint es am schwierigsten zu sein, einen Titel zu finden.
Nehme ich einen Namen, worauf unzählige Schreiber zurückgegriffen haben, da sie sich sicherlich mit dem Titel länger herumgeplagt haben als nachher mit dem Aufschreiben der Geschichte, so weiß der Leser sofort: Aha, wieder eine Lebensgeschichte von der Wiege bis zum Grabe, im schlimmsten Falle, doch zumindest mit irgendeiner langen oder kurzen Katastrophe, die die Welt – doch es ist nur die Welt des Menschleins – zum sekundenlangen Stillstand bringt und danach alles ganz anders wird und er gereift oder geläutert oder zerstört den Leser verlässt. Er ist unendlich, der Vorrat an Menschenleben, wovon jedes anders verlaufen ist – und wieder von vielen gleich in seiner Eintönigkeit und Wiederholbarkeit, der Vorrat an Namen, der natürlich eine Aussagekraft haben soll, klangvoll sein soll er auch, Aufmerksamkeit erregen muss er. Gehen die Leute an den Buchauslagen vorbei, fragen sie sich: Wer ist schon Erwin Moorbach/Silke Ehlers? Was geht mich Frieder Richter/Hanna Seebohm an? Trotzdem haben Namenstitel Zugkraft.
Jedenfalls habe ich mich zu keinem Namen entschließen können, denn irgendwie sollte er nicht verraten, ob sich ein Mann oder eine Frau dahinter verbirgt. Warum eigentlich nicht? Weil ich schon die Vorverurteilung höre: „Wieder so ein Weiberroman, entweder romantisch und von der großen Liebe träumend, unerfüllte Gefühlsduselei und tragische Liebe“, oder „eine Emanze hat das zwanghafte Bedürfnis, es der Welt aber mal richtig zu geben!“ Sind Männernamen als Buchtitel genauso häufig verwendet wie Frauennamen? D. h. wurden Männerleben genauso häufig beschrieben wie Frauenleben? Was macht den Unterschied aus? Darüber werde ich demnächst mal nachdenken. Diese Namensüberlegphase hatte ich mit Anfang zwanzig, denn da saß ich mit voller Absicht, festem Willen und einem Kind im Bauch im Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden vor einem dicken, leeren Schreibblock und wollte mir all meinen Kummer von der Seele schreiben, bevor mich das Leben fortreißt. Ich habe sieben Stunden vor dem ersten weißen Blatt gesessen, mich nicht von meinem Platz gerührt, aus dem Fenster in den Lichthof gestarrt und mich dem November hingegeben, der mich auch genommen hat. Kein einziges Wort stand auf dem Papier. Mit einem tiefen Seufzer und dem bewussten Abkapseln des bis dahin Gelebten, Erfahrenen, Gefühlten im tiefsten Innern ließ ich mich willenlos und deprimiert vom Leben fortreißen.
Ich verzichtete.
Dann hatte ich einen wunderbaren Titel gefunden, fast zwanzig Jahre später.
„Abrechnung mit 40“ sollte das Buch heißen. Und ich wollte abrechnen, erbarmungslos mit mir und meiner Umwelt. Und was hatte ich nicht alles abzurechnen … Habe ich etwas abgerechnet? Nichts habe ich aufgeschrieben. Ich habe zwar wieder Blöcke bereitgelegt, Platz geschaffen. Orte zum Schreiben gesucht, bis ich wieder in der Staatsbibliothek saß, wo ich viele andere Arbeiten dabeihatte und erledigte, bis ich mir zum Schluss das Bonbon des Aufschreibens der inneren aufreibenden Erlebnisse gönnen wollte. Was habe ich aufgeschrieben? Nichts. Erst muss ich Zeit für mich haben … Ich muss einen ungestörten Ort für mich haben. Ich weiß ja gar nichts vom Schreiben, ich kann doch nicht einfach so blindlings, ungeschult, spontan und unförmig dahinschreiben. Es wird von ich – ich – ich – ich nur so wimmeln, meine unmaßgeblichen Ergüsse werden sich eitel wie der Nabel der Welt schillernd drehen und wenden und glauben, sie wären wichtig. Welche Anmaßung! Bleib bescheiden, es interessiert sowieso niemanden!
Als ich fünfzig war, sollte der Titel lauten „Kreise, Ebenen und Winkel“.
Ich sitze in der Staatsbibliothek Unter den Linden im Lesesaal, blicke nur hin und wieder in den novemberlich gefärbten Lichthof und schreibe mit meiner unverschämt verschmierenden Schrift, was mir in den Sinn kommt. Erstaunlicherweise halte ich den Stift nicht ganz so verkrampft wie einen Meißel, das Blatt Papier bedeckt sich von der ersten Minute an zügig mit ungleichmäßigen Schriftzügen, und ich bin gespannt, wohin mich der Tag bringt. Die heute Morgen noch klar vor mir stehenden Sätze habe ich nicht mehr auffinden können. Wo sie nur sein mögen? Ach, und warum schreibe ich nun plötzlich doch? Erschlagen mich etwa nicht nach wie vor die Buchhandlungen mit ihren Hunderten von Büchern, die ich unbedingt erst noch lesen muss, damit ich vielleicht doch irgendwann einmal etwas von der Welt verstehe? Haben etwa nicht schon mehr als genug Leute die Leserschaft mit ihren Erkenntnissen beglückt? Reichen etwa die Tausende von Büchern in diesen ehrwürdigen Räumen hier und Millionen anderswo in der Welt nicht, mich davon abzuschrecken, ein mickriges Elaborat hinzuzufügen, wo ich doch lieber Wissen in mir sammeln und endlich etwas aus meinem Leben machen sollte?
Ich weiß es nicht.
Ich will jetzt einfach wissen, warum aus mir nichts wurde, warum ich nicht bereit bin, einfach die Fakten meines Lebens zu nennen, weil ich sie selber nicht ertragen kann. Ich versuche manchmal in Gedanken, Sätze zu formulieren, um mich mit den Tatsachen meiner Lebensstationen bekannt zu machen, sie einfach nur zu akzeptieren. Entweder fange ich an zu heulen und zerfließe fast vor Mitleid mit mir, oder mich packt die Wut auf meine Umwelt zu der Zeit, und ich könnte sie heute noch unversöhnlich zum Teufel jagen. Irgendwie trage ich es nach, allein schon im Herumtragen in unversöhnlicher Wut – oder ich fühle mich dermaßen verzweifelt ob meiner Lebensunfähigkeit, Lebensuntüchtigkeit und Hilflosigkeit, mit dem Leben fertig zu werden und irgendetwas aus den vielen Plänen und Ansätzen zu machen, damit ich ruhig, friedlich und friedfertig, selbstbestimmt und zufrieden die Umwelt akzeptierend in Wellen von Spannung und Erholung dahinschwimmen kann und nur noch Quantität vermehrt wird.
Ich will endlich wissen, wissen warum. Ich will nicht alles wissen, ich will den Stein der Weisen nicht finden, ich will nur die Kreise meines kleinen Lebens nachziehen, nacherleben, wie die Kreise größer werden, die verschiedenen Ebenen erkennen, die sich plötzlich wie Abgründe auftun und die Winkel, von denen aus man auf die Dinge blicken kann, wählen und sehen.
Bevor ich eine erste Korrektur und Erweiterung des bereits Geschriebenen vornehme, möchte ich zur Selbstberuhigung, zur Befreiung von alptraumhaften Heimsuchungen bei Tageslicht, deren stereotype Wiederholung in festgestanzten Wort- und Satzfetzen meine Gedanken in einen immer schneller werdenden Strudel trudeln lassen, mir Bösartigkeiten von der Seele schreiben. Seitdem der Stein des Druckes und Stresses, der permanenten Angst, etwas nicht zu schaffen, von mir genommen wurde, gleicht mein Kopf im Inneren etwas, was ich für mich als die geöffnete Büchse der Pandora bezeichne. Da ich nur weiß, dass keiner die Büchse der Pandora je öffnen sollte, da sie nur Unheil birgt, möchte ich meine so schnell wie möglich wieder schließen. Vielleicht gelingt es, indem man Schlimm-Empfundenes hinauslässt? Ich weiß es nicht.
Wenn ich mein Leben in wenigen Sätzen zusammenfassen wollte – mit fünfzig Jahren bot sich die rückblickende Perspektive an –, kam Folgendes heraus:
In meiner Kindheit habe ich leidenschaftlich gern richtige Spiele nach Regeln gespielt, alle möglichen Bücher gelesen, Kindermädchen gemacht – immerhin war ich das bestbezahlte Kindermädchen im Wohnblock mit 0,50 Mark pro Nachmittag. Ich bin gern zur Schule gegangen, die Schule war mein Lebensinhalt, war meine Wohl- und Sicher-Gefühl-Welt. Zu Hause prügelte meine Mutter ihren Lebensfrust an mir und meinem Bruder aus. Mit der Pubertät wurde ich komisch, gehemmt und gehemmter, hilfloser und zurückhaltender, wobei Verschlossenheit bereits zu meinen Kindereigenschaften gehörte. Die Jugendzeit war nicht geprägt von typischen, altersmäßigen Vergnügungen – ich ging zur Schule, lernte, las und zog mich zurück – ganze zweimal war ich tanzen im umtriebigen Alter von 15 bis 19.
Mit 17 war ich in der „Klapsmühle“ – besser klingt natürlich in stationärer neurologischer Behandlung. Während des Studiums befreite ich mich ruckartig von körperlichen Fesseln, nicht ohne auch in extreme Geschichten zu verfallen. Nach dem Studium bekam ich ein Kind, nicht bewusst und gewollt gezeugt, jedoch in vollem Bewusstsein der erfolgten Zeugung. Obwohl ich wusste, dass der Kindesvater und ich nicht zusammenpassten, ich ihn eigentlich auch nicht heiraten wollte, wuchsen die Sachzwänge sich zu einem solchen Wust aus, dass ich mich in die Heirat wider besseren Wissens dreinschickte, da ich als Einzige nicht deren Notwendigkeit und Problemlösung einzusehen gewillt war. Also blieb nur ich auf der Strecke, und alle waren zufrieden. Infolge dieser Verbindung gab ich meine Karriere auf, die mich in gerader Linie zum Doktortitel mit Job auf Lebenszeit und fachlicher Achtung gebracht hätte. Nach dreieinhalb Jahren Ehe beendet ich den Spuk Ehe, den Alptraum Alltags- und Berufsleben, denn jetzt schien mir die Entwicklung meiner Tochter bedroht. Meine Nerven waren lange vorher therapeutisch behandelt worden. Der kommunikative Blender-Ehemann mit Sonnenscheingemüt über jähzorniger Gewaltattitüde störte mein Leben so lange und so gut er konnte, bis ich mir den ihn abprallen lassenden Spezialpanzer angelegt hatte. Die Scheidung war eine Horrorveranstaltung.
Ich heiratete zwei Jahre später wieder, und wir zeugten ein weiteres Jahr später bewusst, gewollt und gewünscht einen Sohn. Mein Mann adoptierte meine Tochter, wir bauten uns unsere Familie, unser Leben und liebten uns ruhig, still, zurückgezogen. Es hätte bis ans Lebensende eine runde Sache werden können, wir passten zusammen. Eine widerliche Krankheit ergriff Besitz von meinem Mann. Nach und nach nahm diese Krankheit Besitz von unserem Leben, bis sie letztendlich alles dominierte. Dreizehn Jahre lang war die Epilepsie unser latenter und akuter Familienleben-Begleiter. Wieder waren es die Kinder, deretwegen ich den Mann aufgab, um sie nicht zu verlieren und ihnen ein normales Leben zu gewähren. Der Opferung war Genüge getan im Interesse der Zukunft der Kinder. Die Scheidung war Minutensache nach vierteljährlicher Therapie beim Psychologen. Sprechen konnte ich mit niemandem darüber, kann ich heute noch nicht. Es klumpt wie Schuld in mir und lässt keine Rechtfertigung zu. Denn ein reichliches halbes Jahr später starb mein kranker Mann. Hätte ich nach dreizehn Jahren nicht auch noch das vierzehnte und letzte ausgehalten? Wer würde mir schon abnehmen, dass er auch hätte hundert werden können, wie mir der Arzt versicherte – und wir alle drei verrückt?
Der Erste war kein Vater, der Zweite war ein Vater mit Zeit für die Interessen der Kinder, bis er zum Dressurakte durchsetzenden Pedanten wurde und die Kinder lieber seine Nähe mieden.
Der Dritte hatte sein mittleres Leben hinter sich, als wir mit 41 und 46 heirateten. Seine drei Kinder waren erwachsen, volljährig, er träumte von zweimaligem Urlaub im Jahr, Gartenwochenenden, kulturellen Unternehmungen in der Freizeit. Mein Sohn war erst zehn Jahre alt. Wir wurden eine Familie, nebeneinander, ich in der Mitte. Mein erwachsenes Mädchen zog in die Freiheit des selbstständigen Lebens. Ich versuchte, dem Mann und dem Sohn das zu geben, was sie brauchten und wünschten – zugleich ging es selten.
Am ersten Hochzeitstag brach die Wende über uns herein. Damit kam das berufliche Aus. Mein Mann schulte voller Energie und Einsatz um und fand nie eine Arbeit, ich fand Arbeit, gab sie auf, probierte andere Jobs, fand eine Arbeitsstelle, die fünf Jahre Arbeit und Lebensunterhalt gewährte. Ich wurde arbeitslos wegen Mangel an Arbeit und suchte wie besessen nach Ausweg und Job, zermürbt von nervlichem Stress. Nach sechs Wochen hatte ich einen artfremden Job über eine Zeitungsannonce, in den ich mit all meiner Verbissenheit einstieg, meinen Kopf vollkrachte mit Dingen, von denen ich vorher keinen blassen Dunst hatte. Ich ertrug die cholerischen Anfälle des Chefs und Gebieters mit zusammengebissenen Zähnen in Erwartung einer Gehaltserhöhung nach einem Jahr. Was ich erhielt, war die Kündigung mangels Arbeit. Ich durfte mich opfern, damit ein paar andere weitermachen konnten. Ein befristetes Teilzeitangebot lehnte ich wegen finanziellen Irrsinns ab. Mein vorheriger Arbeitgeber unterbreitete mir ein Angebot, sodass ich nur ein Vierteljahr Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen musste. Mit Perspektive hielt ich das Vierteljahr ganz gut durch, finanziell mit Dispokredit und nervlich mit wenigen bezwingbaren Depressionen.
Da bei mir garantiert das nicht klappt, was klappen könnte, ging das Angebot nicht auf und ich depressiv fast unter. Nein, ich lass mich nicht unterkriegen. Ich bin wie Unkraut, hart und verbissen, Unkraut vergeht nicht, es kommt immer wieder.
Die Perspektive hieß leben von der Hand in den Mund, stundenweise Arbeit auf Honorarbasis, selbst gesucht, Kleinvieh zusammenzählen und Miete bezahlen, Strom etc. und sehen, ob etwas übrig bleibt. Keine Träume mehr haben, keine Pläne schmieden. Leben von heute auf morgen. Nichts wollen, nur sich dreinschicken.
Ich schickte mich drein.
Nun, ist es nicht großartig?
Drei Ehen, doch nie einen Mann, der mich nicht zwingt, den Lebensunterhalt der Familie selbst verdienen zu müssen – zu müssen – zu müssen. Ist gerecht, denn schließlich bin ich im Zeitalter der Segnungen der Gleichberechtigung aufgewachsen. Will ich etwa plötzlich die alte verschmähte Rollenverteilung genießen und es bequem haben oder gar versorgt werden? Das ist anmaßend. Mit keiner Rechtfertigung kann ich mir das anmaßen.
Gleichberechtigtes Leben ging doch gut, volle Berufstätigkeit, Haushalt, zwei Kinder großgezogen bis zum Abitur und Studium, Geld verdient, Wohnen, Ernährung, Kleidung, Urlaub gewährleistet. War ich irgendwann müde und erschöpft? Konnte ich irgendwann alle Viere gerade sein lassen und das nicht tun, was getan werden musste? Hätte ich irgendwann andere Regungen als Funktionstüchtigkeit spüren können, gar Schwäche, Krankheit, Launenhaftigkeit, Sich-gehen-lassen-wollen? Alle diese Fragen werden mit Nein beantwortet. So bin ich ein freundlicher, zurückhaltender Mensch, verbissen, zielgerichtet, pausenlos in der Arbeit, die toll verpackt wird, nicht sehr kommunikationswillig, nicht sehr normal menschlich, nicht Small-talk-fähig, effizient unter großem, lang andauerndem Druck. Was ist von mir übrig? Wo bin ich? Ist von mir noch etwas da? Was wäre ich für ein natürlich menschlicher Mensch geworden, wenn alle meine Anlagen gleiche Chancen gehabt hätten?
Ich mache mich wieder auf in die Vergangenheit. Vielleicht finde ich es heraus. Vielleicht zeigt sich der Beweggrund des roten Fadens meines tendenziell selbstzerstörerischen Lebens.
Ursprünglich dachte ich auch an den Titel für meine Geschichte: „Weshalb aus mir nichts wurde“.
Mach endlich – Schritt für Schritt. Vielleicht hast du doch etwas zu sagen.
Wie viele Zeilen werden im Geschichtsbuch über die Jahre 1949 bis 1989 und einen kleinen Staat namens DDR stehen?
Alle Stimmen zu diesen Jahren, die sich lauthals in den letzten 25 Jahren bemerkbar gemacht haben, hatten etwas zu sagen gegen diesen Staat, diese Enklave in der deutschen Geschichte. Ich möchte die herabmindernden Adjektive nicht aufzählen oder gar wiederholen. Ich war nicht dagegen, nie wäre ich ein Dissident oder Opponent geworden. Ich war froh, in diesem Land aufgewachsen zu sein. Ich hatte die besten Chancen, die sich einem Menschen in seiner Entwicklung bieten können. Ich war als junger Mensch froh, in diesem und keinem anderen Land der Welt geboren worden zu sein, ich hätte mir kein besseres Land vorstellen können. All meine Kraft von Kindesbeinen an wollte ich für die DDR geben, damit es allen Menschen immer besser geht.
Diese vierzig Jahre waren die wichtigsten meines Lebens, sie waren mein erstes langes Leben. Ich gehörte in dieses Leben.
In mir sitzt ein schwerer schwarzer Klumpen, der sich immer mehr zusammenzieht und immer mehr in sich hineinzieht. Er lähmt mich, endlich das Buch zu sortieren, er lähmt mich, mein Leben weiter zu ordnen und in Ordnern mit Fotos und Erinnerungspapieren einzusortieren. Es ist wie eine Spirale – schreib erst, wenn die Ordner fertig sind, nein, schreib, was du schon hast und arbeite nebenbei oder danach an den Ordnern … Es ist furchtbar. Ich nehme jede Ablenkung wahr und finde zig Ausflüchte, noch nicht anzufangen. Immer fange ich alles an, und irgendwann stoppe ich an einer Stelle – dann zieht es mich in den Sog der Faulheit. Es ist so viel, ich weiß gar nicht, ob ich der ganzen Sache Herr werden werde. Wollen ist das eine, Können das andere, doch Mögliche, jedoch dabei bleiben ein Kreuz. Ich zweifle und behindere mich selbst. Vorwand für Vorwand finde ich und tue nichts.
Mach endlich – Schritt für Schritt. Vielleicht hast du doch etwas zu sagen.
Wie lange will ich schon ein Buch, mein Buch schreiben? Jahrzehntelang. Ich habe immer wieder angefangen, einzelne Kapitel geschrieben, abgeheftet. Wenig systematisch, immer wenn ich glaubte, jetzt unbedingt schreiben zu müssen, schrieb ich, geriet ich in Fahrt, nahm mir die nächsten Schritte vor – und schon kam wieder etwas dazwischen.
Dieses Jahr soll es nun endgültig werden, denn ich vollende mein 70. Lebensjahr. In dieser Zeit hat sich allerhand Leben angesammelt, auch wenn ich es nicht immer als Leben angesehen habe. Ich weiß, dass ich ewig darauf gewartet habe, dass mir jemand sagt, wann das Leben anfängt. Ich war schon Anfang zwanzig, als mir allmählich dämmerte, dass es ja schon mein Leben ist. Irgendwie fühlte ich mich nicht lebenstüchtig, nicht lebensfähig und schon gar nicht in der Lage, mein Leben bewusst gestalten zu können. Ich habe eigentlich nicht gelebt, ich wurde gelebt. Auch wenn es diese Passivform nicht gibt und sie sowohl grammatischer als erst recht semantischer Unsinn ist, so sagt sie doch am besten aus, was Leben für mich bedeutete.
Und warum will ich unbedingt über mein Leben schreiben? Ist es denn so wichtig und interessant, dass es wert ist, beschrieben zu werden? Davon bin ich nun allerdings überzeugt, denn in jedem Leben spiegeln sich die Zeitenläufe wider, und ich bin in einer besonderen Zeit aufgewachsen und in einem besonderen Land, dessen Existenz eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft in den Geschichtsbüchern immer weniger Zeilen einnehmen wird. Selbst jetzt, achtundzwanzig Jahre nach Aufgabe seiner Existenz, sind die Informationen darüber schon auf wenige Schlaglichter geschrumpft, aus denen keiner mehr ein farbiges Bild zusammensetzen kann. Irgendwie fühle ich mich als Zeitzeuge. Ich sollte jetzt mein Bild malen, mein Leben beschreiben, auch wenn es eines von Millionen ist, so hat es doch ganz persönliche Blickwinkel, das Einzelne im Gesamten, das Besondere im Allgemeinen. Hinzu kommt: Ich gehöre zu den leisen Millionen, für die dieses Land alles bedeutete, die ohne dieses Land nie zu dem geworden wären, was sie sind, die diesem Land alles zu verdanken haben, die es mochten und mitgestalten wollten, dass es für alle gut sei. Es gelang nicht. Was maßt sich auch ein Kind an, wissen zu wollen, was gut und richtig ist? Die Rufe der Schreihälse, die dagegen waren, werden definitiv in Erinnerung bleiben und das Bild verzerren. Freiheit – das höchste Gut der Menschen, wie wundervoll, wie herrlich, im Namen der Freiheit kann jedes Übel gerechtfertigt werden. Vergiss es, Freiheit ist so schwammig, so gar nicht fassbar, so interpretierbar wie Gut und Böse und Richtig und Falsch, alles Kategorien, von denen ich mich vor langer Zeit schon verabschiedet habe. Ich benutze diese Wörter nicht mehr, weil sie bedeutungslos sind und nur im Munde des Sprechers und im Auge des Betrachters etwas Bestimmtes sind, etwas Konkretes, doch nichts Absolutes. Halt, etwas vorsichtiger könnte ich vielleicht doch sein, denn es gibt sehr Weniges, was so charakterisiert werden könnte. Es kristallisiert sich möglicherweise noch heraus, typisch, allgemeingültig, abstrakt sind es für mich keine absoluten Werte. Ich bin ein abstrakter Denker, ein Skelettdenker, ich will sehen, was unter Haut, Fleisch, Muskeln, Organen der Bewegungsstimulator ist. Was bewirkt was? Wo ist die eigentliche Ursache für Änderungen? Ich denke in Ursache-Wirkung-Feldern, ein anderes Denkmodell steht mir nicht zur Verfügung, obwohl es durchaus so etwas geben soll. Also setze ich mein Erscheinen auf der Welt in die Zusammenhänge der Umgebung. Warum gibt es mich, was führte dazu? Wie war das Umfeld, in das ich hineingeboren wurde und in dem ich aufwuchs? Warum wurde ich so, wie ich geworden bin und nicht anders? Was hatte ich in mir, das diese und keine andere Richtung vorgab? Das ist ein weiterer Grund für mein Bedürfnis, mein Leben aufzuschreiben. Ich möchte mir gern selbst auf die Spur kommen. Ich weiß, wann und wo ich gravierende Fehler gemacht und damit Weichen gestellt habe, die mich in eine völlig andere als gewünschte – nicht etwa geplante oder gewollte – Richtung getrieben haben. Warum habe ich jene Entscheidungen getroffen? Welche Marionetten-Strippen haben an mir gezogen? Warum habe ich keinen Zugang zu mir gefunden? Warum ziehe ich mich in mich zurück? Nun gut, dass ist der zweite Grund, die ganze Seite der Psyche. Manchmal tritt meine innere Stimme in Aktion. Wann sprach sie mit mir, und was folgte daraus? Wann habe ich mit dem Kopf entschieden, wann aus dem Bauch heraus und wann überhaupt nicht?
Möchte ich meinen Kindern und Enkeln meine Lebenserfahrungen und Lebensweisheiten hinterlassen? Ich glaube kaum. Von mir ausgehend habe ich höchst selten gesprochen und erzählt. Am Anfang mehr, später immer weniger, dann habe ich nur noch Fragen beantwortet, meist ziemlich kurz, eher abstrakt. Und Fakten erzählt habe ich höchst selten. Ich fragte mich, ob sie es überhaupt wissen wollten, wie viel davon, ob es sie interessierte oder doch eher nicht, aber vor allem wollte ich keine Kommentare, kein Warum hören. Einen anderen Menschen verstehen zu können, scheint mir schier unmöglich, es sei denn, er verfügt über die Fähigkeit, sich in den anderen hineinversetzen zu können und zu wollen und sich selbst draußen zu lassen. Wer kann das schon.
Also erzähle ich lieber meine Geschichte und Geschichten aus meiner Sicht ohne Erwartung einer Gegenrede. Wen es interessiert, der liest es, wer zwischendurch aufhört, hört auf, ich möchte nichts darüber hören oder lesen. Ich möchte sie nur loswerden.
Aus einer Leserzuschrift entnahm ich folgenden Satz:
„Nein, das sind keine Kleinigkeiten. Sie sprechen mir aus der Seele. Man weiß von keinem Menschen weniger als von den eigenen Eltern oder Kindern.“
Wie oft habe ich mich schon entschlossen: „Jetzt fängst du endlich an, dein Buch zu schreiben!“ Wie viele Anfänge, erste Sätze mit „Aufhorchcharakter“, mit Durchschlagskraft, die das Ventil öffnen und die Gedanken, Erinnerungen, Reflektionen nur so fließen lassen, habe ich entworfen – doch nie habe ich den Stift in die Hand genommen und einfach losgeschrieben. Warum eigentlich nicht? Tausend Ausflüchte vor mir und als objektive Gründe vorgeschobene Vorwände. Andere Dinge waren immer wichtiger. Der Alltag mit seinen wiederkehrenden und sich wiederholenden Kleinigkeiten, der ewige Haushalt, dessen Funktionieren so wichtig ist für das Freiwerden des Kopfes, der jedoch unersättlich frisst, nämlich Zeit, Kraft, Energie, Lust, Freude und einen müden Körper und Geist zurücklässt, der nun wieder die Entschuldigung liefert für den Einschluss der Gedanken in ihrer Hirnschale und den angeblich notwendigen Reifeprozess. Dabei sind Gedanken immer reif, sobald sie sich spüren lassen als formulierte Sätze oder bewegliche Bilder oder ausgelöste Erregungen. Es ist faszinierend, den Urknall eines Gedankens verwundert zu bemerken. Mit einer Plötzlichkeit und Unmittelbarkeit materialisiert er sich im Geiste und lässt sich kaum jemals auf die Quantitätsteilchen und den rührenden, brodelnden Strudel der Bewegung des Ganzen zurückführen, der ihn sprunghaft in die Qualität der Fasslichkeit einer Idee verwandelt hat. Wie schwer lässt er sich festhalten, lässt man ihn gewähren. Er ist klar, schön, eindeutig da, lässt sich hübsche Satzgewänder schneidern, doch soll er sich aufs Papier zwingen lassen, ist er flüchtig, leer, banal, einfach weg.
Meine Buchanfänge? Meine „Durchreißersätze“? Kein einziger fällt mir mehr ein. Nachzugrübeln über Titel nimmt einen auch wahnsinnig in Anspruch, überhaupt scheint es am schwierigsten zu sein, einen Titel zu finden.
Nehme ich einen Namen, worauf unzählige Schreiber zurückgegriffen haben, da sie sich sicherlich mit dem Titel länger herumgeplagt haben als nachher mit dem Aufschreiben der Geschichte, so weiß der Leser sofort: Aha, wieder eine Lebensgeschichte von der Wiege bis zum Grabe, im schlimmsten Falle, doch zumindest mit irgendeiner langen oder kurzen Katastrophe, die die Welt – doch es ist nur die Welt des Menschleins – zum sekundenlangen Stillstand bringt und danach alles ganz anders wird und er gereift oder geläutert oder zerstört den Leser verlässt. Er ist unendlich, der Vorrat an Menschenleben, wovon jedes anders verlaufen ist – und wieder von vielen gleich in seiner Eintönigkeit und Wiederholbarkeit, der Vorrat an Namen, der natürlich eine Aussagekraft haben soll, klangvoll sein soll er auch, Aufmerksamkeit erregen muss er. Gehen die Leute an den Buchauslagen vorbei, fragen sie sich: Wer ist schon Erwin Moorbach/Silke Ehlers? Was geht mich Frieder Richter/Hanna Seebohm an? Trotzdem haben Namenstitel Zugkraft.
Jedenfalls habe ich mich zu keinem Namen entschließen können, denn irgendwie sollte er nicht verraten, ob sich ein Mann oder eine Frau dahinter verbirgt. Warum eigentlich nicht? Weil ich schon die Vorverurteilung höre: „Wieder so ein Weiberroman, entweder romantisch und von der großen Liebe träumend, unerfüllte Gefühlsduselei und tragische Liebe“, oder „eine Emanze hat das zwanghafte Bedürfnis, es der Welt aber mal richtig zu geben!“ Sind Männernamen als Buchtitel genauso häufig verwendet wie Frauennamen? D. h. wurden Männerleben genauso häufig beschrieben wie Frauenleben? Was macht den Unterschied aus? Darüber werde ich demnächst mal nachdenken. Diese Namensüberlegphase hatte ich mit Anfang zwanzig, denn da saß ich mit voller Absicht, festem Willen und einem Kind im Bauch im Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden vor einem dicken, leeren Schreibblock und wollte mir all meinen Kummer von der Seele schreiben, bevor mich das Leben fortreißt. Ich habe sieben Stunden vor dem ersten weißen Blatt gesessen, mich nicht von meinem Platz gerührt, aus dem Fenster in den Lichthof gestarrt und mich dem November hingegeben, der mich auch genommen hat. Kein einziges Wort stand auf dem Papier. Mit einem tiefen Seufzer und dem bewussten Abkapseln des bis dahin Gelebten, Erfahrenen, Gefühlten im tiefsten Innern ließ ich mich willenlos und deprimiert vom Leben fortreißen.
Ich verzichtete.
Dann hatte ich einen wunderbaren Titel gefunden, fast zwanzig Jahre später.
„Abrechnung mit 40“ sollte das Buch heißen. Und ich wollte abrechnen, erbarmungslos mit mir und meiner Umwelt. Und was hatte ich nicht alles abzurechnen … Habe ich etwas abgerechnet? Nichts habe ich aufgeschrieben. Ich habe zwar wieder Blöcke bereitgelegt, Platz geschaffen. Orte zum Schreiben gesucht, bis ich wieder in der Staatsbibliothek saß, wo ich viele andere Arbeiten dabeihatte und erledigte, bis ich mir zum Schluss das Bonbon des Aufschreibens der inneren aufreibenden Erlebnisse gönnen wollte. Was habe ich aufgeschrieben? Nichts. Erst muss ich Zeit für mich haben … Ich muss einen ungestörten Ort für mich haben. Ich weiß ja gar nichts vom Schreiben, ich kann doch nicht einfach so blindlings, ungeschult, spontan und unförmig dahinschreiben. Es wird von ich – ich – ich – ich nur so wimmeln, meine unmaßgeblichen Ergüsse werden sich eitel wie der Nabel der Welt schillernd drehen und wenden und glauben, sie wären wichtig. Welche Anmaßung! Bleib bescheiden, es interessiert sowieso niemanden!
Als ich fünfzig war, sollte der Titel lauten „Kreise, Ebenen und Winkel“.
Ich sitze in der Staatsbibliothek Unter den Linden im Lesesaal, blicke nur hin und wieder in den novemberlich gefärbten Lichthof und schreibe mit meiner unverschämt verschmierenden Schrift, was mir in den Sinn kommt. Erstaunlicherweise halte ich den Stift nicht ganz so verkrampft wie einen Meißel, das Blatt Papier bedeckt sich von der ersten Minute an zügig mit ungleichmäßigen Schriftzügen, und ich bin gespannt, wohin mich der Tag bringt. Die heute Morgen noch klar vor mir stehenden Sätze habe ich nicht mehr auffinden können. Wo sie nur sein mögen? Ach, und warum schreibe ich nun plötzlich doch? Erschlagen mich etwa nicht nach wie vor die Buchhandlungen mit ihren Hunderten von Büchern, die ich unbedingt erst noch lesen muss, damit ich vielleicht doch irgendwann einmal etwas von der Welt verstehe? Haben etwa nicht schon mehr als genug Leute die Leserschaft mit ihren Erkenntnissen beglückt? Reichen etwa die Tausende von Büchern in diesen ehrwürdigen Räumen hier und Millionen anderswo in der Welt nicht, mich davon abzuschrecken, ein mickriges Elaborat hinzuzufügen, wo ich doch lieber Wissen in mir sammeln und endlich etwas aus meinem Leben machen sollte?
Ich weiß es nicht.
Ich will jetzt einfach wissen, warum aus mir nichts wurde, warum ich nicht bereit bin, einfach die Fakten meines Lebens zu nennen, weil ich sie selber nicht ertragen kann. Ich versuche manchmal in Gedanken, Sätze zu formulieren, um mich mit den Tatsachen meiner Lebensstationen bekannt zu machen, sie einfach nur zu akzeptieren. Entweder fange ich an zu heulen und zerfließe fast vor Mitleid mit mir, oder mich packt die Wut auf meine Umwelt zu der Zeit, und ich könnte sie heute noch unversöhnlich zum Teufel jagen. Irgendwie trage ich es nach, allein schon im Herumtragen in unversöhnlicher Wut – oder ich fühle mich dermaßen verzweifelt ob meiner Lebensunfähigkeit, Lebensuntüchtigkeit und Hilflosigkeit, mit dem Leben fertig zu werden und irgendetwas aus den vielen Plänen und Ansätzen zu machen, damit ich ruhig, friedlich und friedfertig, selbstbestimmt und zufrieden die Umwelt akzeptierend in Wellen von Spannung und Erholung dahinschwimmen kann und nur noch Quantität vermehrt wird.
Ich will endlich wissen, wissen warum. Ich will nicht alles wissen, ich will den Stein der Weisen nicht finden, ich will nur die Kreise meines kleinen Lebens nachziehen, nacherleben, wie die Kreise größer werden, die verschiedenen Ebenen erkennen, die sich plötzlich wie Abgründe auftun und die Winkel, von denen aus man auf die Dinge blicken kann, wählen und sehen.
Bevor ich eine erste Korrektur und Erweiterung des bereits Geschriebenen vornehme, möchte ich zur Selbstberuhigung, zur Befreiung von alptraumhaften Heimsuchungen bei Tageslicht, deren stereotype Wiederholung in festgestanzten Wort- und Satzfetzen meine Gedanken in einen immer schneller werdenden Strudel trudeln lassen, mir Bösartigkeiten von der Seele schreiben. Seitdem der Stein des Druckes und Stresses, der permanenten Angst, etwas nicht zu schaffen, von mir genommen wurde, gleicht mein Kopf im Inneren etwas, was ich für mich als die geöffnete Büchse der Pandora bezeichne. Da ich nur weiß, dass keiner die Büchse der Pandora je öffnen sollte, da sie nur Unheil birgt, möchte ich meine so schnell wie möglich wieder schließen. Vielleicht gelingt es, indem man Schlimm-Empfundenes hinauslässt? Ich weiß es nicht.
Wenn ich mein Leben in wenigen Sätzen zusammenfassen wollte – mit fünfzig Jahren bot sich die rückblickende Perspektive an –, kam Folgendes heraus:
In meiner Kindheit habe ich leidenschaftlich gern richtige Spiele nach Regeln gespielt, alle möglichen Bücher gelesen, Kindermädchen gemacht – immerhin war ich das bestbezahlte Kindermädchen im Wohnblock mit 0,50 Mark pro Nachmittag. Ich bin gern zur Schule gegangen, die Schule war mein Lebensinhalt, war meine Wohl- und Sicher-Gefühl-Welt. Zu Hause prügelte meine Mutter ihren Lebensfrust an mir und meinem Bruder aus. Mit der Pubertät wurde ich komisch, gehemmt und gehemmter, hilfloser und zurückhaltender, wobei Verschlossenheit bereits zu meinen Kindereigenschaften gehörte. Die Jugendzeit war nicht geprägt von typischen, altersmäßigen Vergnügungen – ich ging zur Schule, lernte, las und zog mich zurück – ganze zweimal war ich tanzen im umtriebigen Alter von 15 bis 19.
Mit 17 war ich in der „Klapsmühle“ – besser klingt natürlich in stationärer neurologischer Behandlung. Während des Studiums befreite ich mich ruckartig von körperlichen Fesseln, nicht ohne auch in extreme Geschichten zu verfallen. Nach dem Studium bekam ich ein Kind, nicht bewusst und gewollt gezeugt, jedoch in vollem Bewusstsein der erfolgten Zeugung. Obwohl ich wusste, dass der Kindesvater und ich nicht zusammenpassten, ich ihn eigentlich auch nicht heiraten wollte, wuchsen die Sachzwänge sich zu einem solchen Wust aus, dass ich mich in die Heirat wider besseren Wissens dreinschickte, da ich als Einzige nicht deren Notwendigkeit und Problemlösung einzusehen gewillt war. Also blieb nur ich auf der Strecke, und alle waren zufrieden. Infolge dieser Verbindung gab ich meine Karriere auf, die mich in gerader Linie zum Doktortitel mit Job auf Lebenszeit und fachlicher Achtung gebracht hätte. Nach dreieinhalb Jahren Ehe beendet ich den Spuk Ehe, den Alptraum Alltags- und Berufsleben, denn jetzt schien mir die Entwicklung meiner Tochter bedroht. Meine Nerven waren lange vorher therapeutisch behandelt worden. Der kommunikative Blender-Ehemann mit Sonnenscheingemüt über jähzorniger Gewaltattitüde störte mein Leben so lange und so gut er konnte, bis ich mir den ihn abprallen lassenden Spezialpanzer angelegt hatte. Die Scheidung war eine Horrorveranstaltung.
Ich heiratete zwei Jahre später wieder, und wir zeugten ein weiteres Jahr später bewusst, gewollt und gewünscht einen Sohn. Mein Mann adoptierte meine Tochter, wir bauten uns unsere Familie, unser Leben und liebten uns ruhig, still, zurückgezogen. Es hätte bis ans Lebensende eine runde Sache werden können, wir passten zusammen. Eine widerliche Krankheit ergriff Besitz von meinem Mann. Nach und nach nahm diese Krankheit Besitz von unserem Leben, bis sie letztendlich alles dominierte. Dreizehn Jahre lang war die Epilepsie unser latenter und akuter Familienleben-Begleiter. Wieder waren es die Kinder, deretwegen ich den Mann aufgab, um sie nicht zu verlieren und ihnen ein normales Leben zu gewähren. Der Opferung war Genüge getan im Interesse der Zukunft der Kinder. Die Scheidung war Minutensache nach vierteljährlicher Therapie beim Psychologen. Sprechen konnte ich mit niemandem darüber, kann ich heute noch nicht. Es klumpt wie Schuld in mir und lässt keine Rechtfertigung zu. Denn ein reichliches halbes Jahr später starb mein kranker Mann. Hätte ich nach dreizehn Jahren nicht auch noch das vierzehnte und letzte ausgehalten? Wer würde mir schon abnehmen, dass er auch hätte hundert werden können, wie mir der Arzt versicherte – und wir alle drei verrückt?
Der Erste war kein Vater, der Zweite war ein Vater mit Zeit für die Interessen der Kinder, bis er zum Dressurakte durchsetzenden Pedanten wurde und die Kinder lieber seine Nähe mieden.
Der Dritte hatte sein mittleres Leben hinter sich, als wir mit 41 und 46 heirateten. Seine drei Kinder waren erwachsen, volljährig, er träumte von zweimaligem Urlaub im Jahr, Gartenwochenenden, kulturellen Unternehmungen in der Freizeit. Mein Sohn war erst zehn Jahre alt. Wir wurden eine Familie, nebeneinander, ich in der Mitte. Mein erwachsenes Mädchen zog in die Freiheit des selbstständigen Lebens. Ich versuchte, dem Mann und dem Sohn das zu geben, was sie brauchten und wünschten – zugleich ging es selten.
Am ersten Hochzeitstag brach die Wende über uns herein. Damit kam das berufliche Aus. Mein Mann schulte voller Energie und Einsatz um und fand nie eine Arbeit, ich fand Arbeit, gab sie auf, probierte andere Jobs, fand eine Arbeitsstelle, die fünf Jahre Arbeit und Lebensunterhalt gewährte. Ich wurde arbeitslos wegen Mangel an Arbeit und suchte wie besessen nach Ausweg und Job, zermürbt von nervlichem Stress. Nach sechs Wochen hatte ich einen artfremden Job über eine Zeitungsannonce, in den ich mit all meiner Verbissenheit einstieg, meinen Kopf vollkrachte mit Dingen, von denen ich vorher keinen blassen Dunst hatte. Ich ertrug die cholerischen Anfälle des Chefs und Gebieters mit zusammengebissenen Zähnen in Erwartung einer Gehaltserhöhung nach einem Jahr. Was ich erhielt, war die Kündigung mangels Arbeit. Ich durfte mich opfern, damit ein paar andere weitermachen konnten. Ein befristetes Teilzeitangebot lehnte ich wegen finanziellen Irrsinns ab. Mein vorheriger Arbeitgeber unterbreitete mir ein Angebot, sodass ich nur ein Vierteljahr Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen musste. Mit Perspektive hielt ich das Vierteljahr ganz gut durch, finanziell mit Dispokredit und nervlich mit wenigen bezwingbaren Depressionen.
Da bei mir garantiert das nicht klappt, was klappen könnte, ging das Angebot nicht auf und ich depressiv fast unter. Nein, ich lass mich nicht unterkriegen. Ich bin wie Unkraut, hart und verbissen, Unkraut vergeht nicht, es kommt immer wieder.
Die Perspektive hieß leben von der Hand in den Mund, stundenweise Arbeit auf Honorarbasis, selbst gesucht, Kleinvieh zusammenzählen und Miete bezahlen, Strom etc. und sehen, ob etwas übrig bleibt. Keine Träume mehr haben, keine Pläne schmieden. Leben von heute auf morgen. Nichts wollen, nur sich dreinschicken.
Ich schickte mich drein.
Nun, ist es nicht großartig?
Drei Ehen, doch nie einen Mann, der mich nicht zwingt, den Lebensunterhalt der Familie selbst verdienen zu müssen – zu müssen – zu müssen. Ist gerecht, denn schließlich bin ich im Zeitalter der Segnungen der Gleichberechtigung aufgewachsen. Will ich etwa plötzlich die alte verschmähte Rollenverteilung genießen und es bequem haben oder gar versorgt werden? Das ist anmaßend. Mit keiner Rechtfertigung kann ich mir das anmaßen.
Gleichberechtigtes Leben ging doch gut, volle Berufstätigkeit, Haushalt, zwei Kinder großgezogen bis zum Abitur und Studium, Geld verdient, Wohnen, Ernährung, Kleidung, Urlaub gewährleistet. War ich irgendwann müde und erschöpft? Konnte ich irgendwann alle Viere gerade sein lassen und das nicht tun, was getan werden musste? Hätte ich irgendwann andere Regungen als Funktionstüchtigkeit spüren können, gar Schwäche, Krankheit, Launenhaftigkeit, Sich-gehen-lassen-wollen? Alle diese Fragen werden mit Nein beantwortet. So bin ich ein freundlicher, zurückhaltender Mensch, verbissen, zielgerichtet, pausenlos in der Arbeit, die toll verpackt wird, nicht sehr kommunikationswillig, nicht sehr normal menschlich, nicht Small-talk-fähig, effizient unter großem, lang andauerndem Druck. Was ist von mir übrig? Wo bin ich? Ist von mir noch etwas da? Was wäre ich für ein natürlich menschlicher Mensch geworden, wenn alle meine Anlagen gleiche Chancen gehabt hätten?
Ich mache mich wieder auf in die Vergangenheit. Vielleicht finde ich es heraus. Vielleicht zeigt sich der Beweggrund des roten Fadens meines tendenziell selbstzerstörerischen Lebens.
Ursprünglich dachte ich auch an den Titel für meine Geschichte: „Weshalb aus mir nichts wurde“.
Mach endlich – Schritt für Schritt. Vielleicht hast du doch etwas zu sagen.
Wie viele Zeilen werden im Geschichtsbuch über die Jahre 1949 bis 1989 und einen kleinen Staat namens DDR stehen?
Alle Stimmen zu diesen Jahren, die sich lauthals in den letzten 25 Jahren bemerkbar gemacht haben, hatten etwas zu sagen gegen diesen Staat, diese Enklave in der deutschen Geschichte. Ich möchte die herabmindernden Adjektive nicht aufzählen oder gar wiederholen. Ich war nicht dagegen, nie wäre ich ein Dissident oder Opponent geworden. Ich war froh, in diesem Land aufgewachsen zu sein. Ich hatte die besten Chancen, die sich einem Menschen in seiner Entwicklung bieten können. Ich war als junger Mensch froh, in diesem und keinem anderen Land der Welt geboren worden zu sein, ich hätte mir kein besseres Land vorstellen können. All meine Kraft von Kindesbeinen an wollte ich für die DDR geben, damit es allen Menschen immer besser geht.
Diese vierzig Jahre waren die wichtigsten meines Lebens, sie waren mein erstes langes Leben. Ich gehörte in dieses Leben.

