Cover: Peaceful Buffalo – Spirit Stories

Peaceful Buffalo – Spirit Stories


EUR 31,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 424
ISBN: 978-3-99130-912-3
Erscheinungsdatum: 09.03.2026
Ein erfolgreicher Anwalt begegnet seinem Spiegelbild – und einer Wahrheit, die sein Leben verändert. Zwischen Rationalität und Spiritualität beginnt Joey eine Reise zu sich selbst, geführt von Weisheit, Schmerz und der leisen Stimme des Büffels.
Ein Wort aus dem Jetzt

Dieses Buch wurde von mir als ein Mensch geschrieben, der sich zu erinnern begann, ohne sich dessen bewusst zu sein. Von Herzen, das zu fühlen begann, was es immer war – lange bevor Worte es tragen konnten. Heute lese ich die Zeilen dieses Buchs aus einem anderen Raum: aus dem kristallinen Jetzt meines Seins. Zwischen damals und heute liegen keine Korrekturen – nur Wandlung. Verfeinerung. Vertiefung. Erinnerung.

Alles, was in diesen Seiten steht, ist wahr aus dem Bewusstsein, das ich damals trug. Genau deshalb bleibt es ohne Änderung bestehen – in Achtung vor dem Weg, in Dankbarkeit für jede Stufe, in Liebe für den, der ich war, in Würde und Demut für den, der ich heute bin. Ich schreibe dieses Vorwort, um das Alte zu ehren. Nichts war ein Irrtum. Alles war Erinnerung in Bewegung – was ich immer war und jetzt lebe.

Es gibt Momente, die uns zu uns selbst zurückbringen. Momente, in denen das Herz sagt – hier bin ich. So war es für mich – als ich meinen Büffel erinnerte, als der Weg zum rot-weißen Pfad wurde und der Kristallpfad sich offenbarte, als der Ruf der Erde mich tiefer führte, als die Sternenfamilie mich berührte, als das Menschsein selbst heilig wurde.

Heute stehe ich hier – als Karsten, als Peaceful Buffalo, als A’SHÁTAR-ONAI, als Mensch, als Dienender, als Hüter, als Erinnerer, als Weltenwanderer, als Brücke zwischen Erde und Sonne, zwischen Ursprung und Verkörperung, zwischen Atem und Licht. Dieses Buch atmet meinen Weg. Es atmet meine Menschlichkeit. Es atmet meine Hingabe. Und es atmet das Licht, das sich Stück für Stück offenbarte – nicht auf einmal, sondern in dem Rhythmus, den die Seele kennt.

Ich habe gelernt: Erinnerung ist kein Finden. Erinnerung ist Heimkehr. Wer dieses Buch liest, tut dies nicht, um Neues zu erfahren, sondern um Altes in sich wach werden zu lassen. Nicht um zu glauben, sondern um zu fühlen. Denn so beginnt jede Wiedergeburt – in Stille, im Atem, im Herz. Und deshalb schenke ich dir an dieser Stelle eine stille Herz-Signatur:
„Möge dein Herz sich öffnen, wenn du diese Zeilen liest. So wie meines es tat.“

Wir begegnen uns nicht im Gestern, sondern im ewigen Jetzt, in jenem Raum, der uns gemeinsam atmet. Möge dieses Buch dir dienen, so wie mein Weg mir diente – als Spiegel, als Erinnerung, als sanften Ruf zurück zu dir selbst.

In Liebe, in Dankbarkeit, in Demut, mit dem Licht des Erinnerns.

Karsten Peaceful Buffalo



Eine scheinbar zufällige Begegnung

Joey Aschmoneit wälzt sich seit Stunden ruhelos in seinem Bett herum. Wie so oft kommen seine Gedanken in einer Vollmondnacht nicht zur Ruhe. Seit Wochen beschäftigt ihn eine Begegnung, die sich vor drei Mondphasen in der Weihnachtszeit ereignete. Der eigenartige Mann mit der verkrüppelten linken Hand hat ihn in seinen Bann gezogen.

Seine Frau Isabel schläft tief und fest neben ihm. Er steht leise auf und geht in die Küche. Er setzt sich an den großen Küchentisch. Dort liegen immer ein Block und Stift. Wenn Joey sich über etwas Klarheit verschaffen will, versucht er seine Gedanken und Gefühle schriftlich auszudrücken. In seinem Beruf als Rechtsanwalt kann er reden wie ein Wasserfall und bringt dabei auch die Dinge auf den Punkt. Gilt es jedoch über seine negativen Gefühle zu sprechen, ist er oft blockiert. Es bleibt bei einem inneren Würgen und einem äußerlichen Schweigen.

Er spürt seit Jahren, dass ein Schatten über seinem Leben liegt. Das innere Lebensbäumchen, das er während einer kurzen Psychotherapie vor nahezu drei Jahren in sich gepflanzt hatte, ist nicht so angewachsen, wie er es sich vorgestellt hat. Bevor er die ersten Worte niederschreibt, denkt er an sein mentales Werkzeug „wacher Verstand und klarer Kopf“, das er seit der Therapie nie dauerhaft genutzt hat. Seine ständigen Alkoholexzesse verschleiern seinen Geist immer mehr. Er schiebt diesen quälenden Gedanken beiseite und versucht sich, an den Abend der scheinbar zufälligen Begegnung zu erinnern.

Es war eine innere Eingebung, nach Feierabend über den nahe gelegenen Bremer Weihnachtsmarkt zu schlendern. Auch in dieser Vollmondphase hatte er kaum geschlafen. Zudem plagen ihn im Winter die dunklen, ängstlichen Gedanken mehr als in den anderen Jahreszeiten.
„Ich bin jetzt 41 Jahre alt und immer mehr nagt die innere Unruhe in mir“, sagte er zu sich selbst, als er sich auf den Weg machte. Ein permanenter innerer Druck ist seit seiner Jugend sein treuer Wegbegleiter. Seit Jahren stellt er sich immer wieder die Frage: „Wie lange kann ich diesen Zustand der inneren Rastlosigkeit noch ertragen?“ An manchen Tagen kann er ihn gar nicht bändigen. Insbesondere in Vollmondphasen ist er innerlich dermaßen aufgewühlt, dass er ohne Alkohol überhaupt nicht in den Schlaf kommt.

Joey, der eigentlich Jochen heißt, den alle aber nur Joey nennen, der sich in seinem eigenen Denken selbst auch als Joey bezeichnet, überlegte, während er über den Weihnachtsmarkt bummelte, ob er mit Joey und Jochen zwei Wesen in sich trüge. Dieses Gefühl machte ihm Angst.
„Bin ich schizophren?“ Sofort verdrängte er diese Gedanken.

Er machte sich bewusst, wie oft er sich bei Vollmond bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte. Er versuchte sich abzulenken, schlenderte weiter und betrachtete die zahlreichen Stände. Seine unbewachten negativen Gedanken ließen keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Joey beobachtete die Menschen, die meistens ähnlich angestrengt wirkten wie er selbst. Ein wenig abseits stehend entdeckte er einen einfach gekleideten Mann, den er auf den ersten Blick für einen Obdachlosen hielt.

Joey sah ihn mitleidig an. Das erregte die Aufmerksamkeit des Mannes. Er überraschte Joey mit einer Frage.
„Was ist das Gegenteil von Nichts?“
„Alles!“, antwortete Joey schlagfertig.
„Kann es nicht auch Etwas sein?“, erwiderte der Fremde.¹
Joey schaute ihn nur verwundert an. Er wendete sich ohne Antwort ab.

Er kaufte freudlos ein paar Weihnachtsgeschenke. Eine vorweihnachtliche Stimmung wollte einfach nicht aufkommen. Dafür setzte der Durst ein. „Jetzt ein schönes Glas Bier“, dachte er sich und ging in das nächste Wirtshaus. Am Tresen saß seine zufällige Begegnung.
„Moin!“, begrüßte dieser Joey. „Einmal die Woche gönne ich mir einen Cappuccino.“
Joey konnte auch dieses Mal seine schnelle Zunge nicht im Zaum halten. „Ach, was geht es uns wieder gut. Viele Menschen verhungern in diesem Moment, andere bringen sich gerade gegenseitig um“, gab er zynisch zum Besten.
„Das hört sich schlimm an, aber nicht ganz, denn zum Glück gibt es die räumliche Distanz²“, reimte sein neuer Bekannter und lachte aus heiterem Himmel. Seine Augen blitzten stechend auf. Es zeigten sich die tiefen Lachfalten eines Menschen, der viel und herzlich lachte. Er hatte kurze graue Haare und trug einen Dreitagebart. Joey schätzte, dass er acht, neun Jahre älter als er war.

Joey sah ihn erstaunt an. Die attraktive Wirtin stellte ihm ein Glas Bier hin, das er schnell, fast in einem Zug, austrank. Erst jetzt bemerkte er, dass der kleine und der Ringfinger der linken Hand des Mannes verkrüppelt waren.
„Wieder einmal habe ich einen Mitmenschen zu unaufmerksam angesehen“, dachte er sich und starrte dabei immer noch auf die Hand. Der Mann schien diesen fixierenden Blick zu kennen. Er sprach ganz ruhig.
„Dies ist nur eine kleine angeborene Missbildung. Als Kind war ich dadurch begünstigt, weil es die Aufmerksamkeit vieler guter Menschen auf mich zog. Jeder gab sich Mühe, mich in ein nützliches Leben hineinwachsen zu lassen¹. Sie schränkt mich aber kaum ein.“
„Und doch siehst du so aus, als ob du auf der Straße leben würdest“, antwortete Joey abwertend und äußerst arrogant. Die Antwort kam prompt:
„Es gibt für jeden Menschen einen vorbestimmten Weg, dem er folgt. Wer diesen nicht erkennt, findet kein Glück.“
„Diese Phrase ist keine Antwort auf meine Frage“, dachte Joey innerlich aufbrausend und schaute dabei sehr verständnislos drein. Der Mann bemerkte es und blickte Joey gelassen mit einem wunderbaren Lächeln an.

In diesem Augenblick sah Joey in seine blitzenden blauen Augen. Selbst er erkannte des Fremden ganze Schönheit. Sie schien aus seinem tiefsten Inneren zu kommen und war unwiderstehlich. Gelassene Zufriedenheit und ein tiefes „In-sich-Ruhen“ waren in seinem Gesicht zu sehen. Joey spürte seine besondere Ausstrahlung und seine enorme Anziehungskraft.

In Joeys Gesicht musste in diesem Moment ein großes Fragezeichen stehen, denn der Mann fragte seelenruhig: „Kennst du den Zustand des Staunens?“
„Jetzt ja, ich erlebe ihn wohl gerade in diesem Moment!“
„Ich will versuchen, ihn dir zu erklären“, sagte sein Gegenüber. „Menschen auf dem Weg zur Weisheit leben im Zustand des Staunens. Auch die kleinsten Dinge ihrer Umwelt sind ihnen nicht selbstverständlich. Alles hat seinen Sinn. Alle Konflikte, Probleme, Begebenheiten oder Begegnungen sind ein Geschenk, mögen sie auch noch so unangenehm sein. Beginne wieder, über die kleinen Dinge des Lebens zu staunen. Staune über die Erfahrungen, die du machst. Dann bekommt dein Leben eine neue Qualität.“³
„Diese auswendig gelernten Lebensweisheiten bringen mir nichts“, erwiderte Joey genervt. „Kannst du mir wenigstens eine davon erläutern?“

„Okay“, begann der Mann ohne zu zögern, „stelle dir vor, du hast familiäre Schwierigkeiten oder Probleme im Beruf. Du kannst dich ihnen entweder stellen oder sie vermeiden und verdrängen. Ich habe jahrelang alle Probleme verdrängt, habe mich mit Alkohol betäubt und bin in einen Kreislauf geraten, aus dem ich nicht mehr ausbrechen konnte. Ich bin abhängig geworden und drohte, alles zu verlieren. Nicht meine Probleme waren mein Problem, sondern die Art und Weise, wie ich mit ihnen umgegangen bin.“
„Und jetzt bist du dankbar dafür und staunst über deine Erfahrung“, entgegnete Joey spöttisch. „Du bist mir vielleicht ein Geschichtenerzähler.“
„Eher ein Geschichtenschreiber. Ich habe während meiner Therapie und in der Zeit danach viel geschrieben“, führte der andere aus.

Die Wirtin servierte Joey mit einem wunderschönen Lächeln das nächste Bier. „Die strahlt genauso wie der Typ“, dachte er sich und nahm einen großen Schluck.
„Du hast also durch deine Trinkerei alles aufs Spiel gesetzt und wirst auch wohl Verluste erlitten haben. Dennoch machst du aber einen sehr zufriedenen Eindruck auf mich“, sagte Joey nachdenklich.
„Ja, ich hatte eine gut bezahlte Arbeit, eine Frau und zwei wunderbare Kinder. Wir besaßen ein schönes Eigenheim. Ein richtiges Zuhause. Ich hatte in meinem Job eine Menge Stress, weil mein Vorgesetzter sehr hart mit mir umging. Deshalb fing ich nach der Arbeit an zu trinken. Irgendwann nahm ich schon morgens vor Arbeitsbeginn einen Schluck, um mir Mut anzutrinken. Beim Mittagessen geschah dasselbe. So wurde ich alkoholabhängig und hatte deswegen auch große familiäre Schwierigkeiten. Das Bittere war, dass der Vorgesetzte nach einiger Zeit gefeuert wurde. Ich war eigentlich als sein Nachfolger vorgesehen, doch aufgrund meiner Trinkerei wurde ich ebenfalls entlassen. Weil ich den Teufelskreis nicht durchbrechen konnte und immer mehr trank, musste ich kurz darauf auch meine Familie und mein Heim verlassen. Nun war ich allein und drohte, auf der Straße zu enden.“¹

„Da warst du in einer bemitleidenswerten Situation, aber letztendlich warst du für dein Handeln und die sich daraus ergebenden Konsequenzen allein verantwortlich“, bemerkte Joey hart.
„Sicherlich. Aber ich erkannte in einem hellen Moment, dass die äußeren Umstände im Leben nicht das Wichtigste sind, sondern meine Reaktion auf diese Umstände. Ich bemerkte, dass ich an einem Wendepunkt in meinem Leben angekommen war¹. Leben heißt auch Leiden. Und dieses Leiden zu bewältigen, gibt dem Leben eine Bedeutung.“³

Wieder nippte der Unbekannte an seinem Cappuccino. Dann fuhr er fort: „Ich erkannte, dass ich zunächst mein Kernproblem lösen musste. Ich begann eine Alkoholtherapie, wurde trocken und erlernte neue Berufe. Jetzt bin ich Sozialpädagoge und Yogalehrer. Ich arbeite viel mit Obdachlosen und Suchtkranken. Mein Mut zur Veränderung machte sich bezahlt.“
„Dennoch habe ich dich für einen Penner gehalten!“, dachte Joey einerseits abwertend, sagte aber: „Dein Werdegang verdient großen Respekt.“

Joey schnackte jetzt munter drauflos. Er erzählte wie immer nur Oberflächliches, das meiste über seinen Beruf. Er sprach viel, ohne dabei irgendetwas von seinem Ich preiszugeben. Er war ein Meister des seichten Redens. Der Sozialarbeiter hörte aufmerksam zu und stellte nur einige Fragen, scheinbar um das Gespräch in Gang zu halten. Joey war schon beim dritten Bier, das er erneut schnell in sich hineinschüttete.

Er bekam das Gefühl, dass der Mann mit seinen Fragen das Gespräch bestimmte. Das behagte ihm gar nicht. Als Anwalt war er es gewohnt, die Gesprächsführung zu dominieren. Der Andere betrachtete Joey in aller Ruhe, während er weiterhin belanglose Dinge erzählte. Schon hatte er das nächste Glas in der Hand. Er spürte, wie sein Gegenüber ihn genau musterte. Er glaubte auch, ein Meister der Selbsttarnung zu sein. Jetzt beschlich ihn das Gefühl, dass der Andere ihn durchschaute und seine innere Unruhe wahrnahm. Er erwiderte den Blick. Sie sahen sich in die Augen. Keiner wich dem anderen aus.
„Es ist, als ob ich in einen Spiegel schaue“, dachte Joey und brach den Blickkontakt ab.

„Es ist besser, wenn ich kein Glas mehr trinke“, sagte er eher zu sich selbst als zu dem Mann.
„Dann sollten wir bezahlen und gemeinsam die Kneipe verlassen.“
Der Mann bat die Wirtin um die Rechnung. Sie gingen nach draußen in die sternenklare Nacht. Plötzlich fragte der Mann Joey nach seinem Namen. Der antwortete blitzschnell: „Ich heiße Joey!“
Der Andere streckte ihm seine rechte Hand entgegen und sagte: „Ich bin Jochen!“
Joey erstarrte. Sein Spiegelbild strahlte ihn an. Der seltsame Fremde hielt Joeys Hand mit selbstsicherem Druck: „Denke daran, jede Begegnung ist ein Geschenk.“
Joey fehlten die Worte. Er verabschiedete sich und ging überstürzt von dannen. Immer noch staunend lief er durch den kalten Winterabend nach Hause. Lange, aber vielleicht doch etwas zu kurz, dachte er an Jochens Worte, die er ihm mit auf den Weg gegeben hatte: „Einsicht ist der erste Schritt zur Weitsicht.“

Joey legt den Stift zur Seite. Er kann sich an fast alle Details der zufälligen Begegnung erinnern. Oder war es kein Zufall, sondern Bestimmung, dass er genau diesen besonderen Menschen getroffen hat? Dass dieser Mann etwas Besonderes hat, das Joey anzieht, geht ihm seitdem nicht mehr aus dem Sinn. Es war nicht nur Jochens starke Ausstrahlung, sondern vor allem das Gefühl, als ob Joey in seinen menschlichen Spiegel geschaut hätte. Es musste einen Grund geben, warum er genau zu dieser Zeit an diesem Ort auf diesen Sonderling gestoßen ist. Allein die Namensgleichheit spricht Bände.

Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte Joey ihn für einen totalen Verlierer gehalten, der naiv in einer anderen Welt lebt. Doch inzwischen sagt ihm eine innere Stimme, diese einzigartige Begegnung nicht zu verdrängen. Wer ist in seinem Leben schon dem Menschen begegnet, der sein strahlendes Spiegelbild zu sein scheint? Ist er auf sein eigenes Ich getroffen? Wenn er sich tatsächlich in dem anderen Jochen erkennt, so gibt ihm das Hoffnung. Denn Joey kann immer noch Jochens Glück, Harmonie und Zufriedenheit spüren.
„Aber wie ist es möglich, so in sich zu ruhen?“, fragt er sich. Er nimmt erneut den Stift in die Hand und schreibt ein Bibelzitat nieder: „Bittet, so wird euch gegeben. Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan.“



Der EINE

Seit der schlaflosen Nacht sind erneut einige Wochen verstrichen. Joey hat in dieser Zeit oft an die Begegnung mit Jochen gedacht. Der Gedanke, in sein menschliches Spiegelbild geschaut zu haben, vielleicht sogar sein eigenes Ich getroffen zu haben, lässt ihn nicht mehr los. Heute Abend hatte er die Kneipe in der Hoffnung aufgesucht, dort auf seinen Namensvetter zu treffen. Vergebens, vielleicht war es schon zu spät. Ein wenig enttäuscht geht Joey nach Hause und liest zum ersten Mal seine nächtlichen Aufzeichnungen. Dass diese mit einem der wenigen ihm bekannten Bibelzitate enden, ist erstaunlich. Joey hat die Bibel nie gelesen. Er ist schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Aber er glaubt an Gott.

Er geht zum Bücherregal und findet auf Anhieb das Buch wieder, das ihn zu seinem Glauben geführt hat. Es heißt „Der Wind ist meine Mutter“. Er liest die Vita des Autors. Bear Heart gehört zum Volk der nordamerikanischen Creek-Indianer. Er studierte Psychologie. Nach einer vierzehnjährigen indianischen Ausbildung arbeitete er als Medizinmann und Schamane. Er war zugleich von christlicher und indianischer Tradition geprägt und galt bereits zu Lebzeiten als der große, alte Weise unter den Sehern und Heilern der Gegenwart.

Joey schlägt das Buch auf. Das Leseband ist noch an der Stelle, an der er mit einem Bleistift seinen Glauben niedergeschrieben hatte. Er erinnert sich genau an diesen Moment vor nahezu sieben Jahren. Er war mit seiner Frau Isabel über Pfingsten zu einem Kurzurlaub auf der Nordseeinsel Norderney. Sie saßen bei strahlendem Sonnenschein im Strandkorb. Isa hatte Joey Bear Hearts Buch empfohlen. Zunächst war er sehr skeptisch. Er hatte noch nie ein spirituelles Buch gelesen. Er liest gerne und viel, aber in den letzten Jahren hatte er sich fast ausschließlich für Geschichtsromane interessiert.

Als Isa ihm das Buch in die Hand drückte, sah sie seinen ablehnenden Blick. Sie schien darauf vorbereitet zu sein, denn sie fand genau die Worte, denen sich Joey nicht verschließen konnte: „Du hast mir einmal erzählt, dass dich in deiner Kindheit die Indianerabenteuer in den Büchern von Karl May gefesselt haben. Seitdem bist du von der indianischen Kultur fasziniert. Vor etlichen Jahren hast du einige historische Dokumentationen über die nordamerikanischen Ureinwohner gelesen. Ich weiß noch, wie du mir damals total begeistert daraus berichtet hast. Ich selbst habe Bear Hearts Buch vor einigen Wochen gelesen. Ich habe dort vieles über die indianische Kultur und ihre schamanischen Lehren erfahren, insbesondere eine ganz bestimmte Lebenseinstellung. Ihre Art mit der Natur zu leben und mit ihren Mitmenschen umzugehen, hat meinen Horizont erweitert.“

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