Erinnerungen meiner lieben Großeltern
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 54
ISBN: 978-3-99130-587-3
Erscheinungsdatum: 06.03.2025
Lebenserinnerungen, erzählt von den Großeltern. Aus der Jugend- und Kriegszeit in Deutschland. Teile der Familiengeschichte, niedergeschrieben vom Enkel, bevor sie vergessen werden. Weil unsere Kinder ein Recht darauf haben. Ohne Verherrlichung, ohne Hass.
Vorwort
Dies sind Bruchstücke, quasi Splitter, der Kriegs= und Jugenderinnerungen meiner Großeltern, wie sie mir nach über 30 Jahren noch im Gedächtnis haften geblieben sind. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder gar die zeitlich richtige Abfolge; ebenso werde ich nichts beschönigen oder umformulieren, nur weil es irgendwelchen Zeitgenossen nicht behagt! Davon abgesehen glaube ich auch nicht, daß das im Sinne meiner Großeltern wäre, so ich dies täte.
Ich schreibe die Erinnerungen nieder, weil ich merke, wie sie immer mehr verblassen, ich immer mehr vergesse und weil ich denke, daß unsere Kinder ein Recht darauf haben, diesen Teil der Familiengeschichte zu kennen. Sie mögen sich vielleicht jetzt noch nicht so sehr, wenn überhaupt, dafür interessieren, doch werde ich nicht jünger und aufgrund der Tatsache, daß ich erst recht spät, nämlich mit 38 Jahren, zum ersten Male Vater geworden bin, könnte es eventuell irgendwann zu spät sein- einmal ganz davon abgesehen, daß niemand mehr lebt, bei dem ich nachfragen könnte.
Den Krieg zu verherrlichen oder gar die politische Landschaft der Jahre 1933 bis 1945 zu verharmlosen liegt mir fern. Auch will ich keinen Haß auf die ehemaligen Feinde schüren; es wäre meinen Großeltern nicht recht und es würde ihnen auch nicht gerecht werden. Die Geschehnisse, zum Beispiel jenes mit dem Jagdflieger, sind dem Kriege geschuldet. Es war halt damals so; jeder, sowohl Zivilisten, als auch Soldaten, hat gelitten- in allen beteiligten Staaten! Auch Schuldzuweisungen sind hier völlig fehl am Platze.
Ich bitte den geneigten Leser während der Lektüre sich das Folgende immer wieder ins Gedächtnis zu rufen:
Niemand geht unschuldig und mit einer sauberen weißen Weste aus einem Kriege. Auf jeder Seite finden sich Individuen, welche „nicht mehr wert sind, als ein toter Hund!“ (Filmzitat aus „Gettysburg“, aber es trifft die Sache auf den Punkt!) Auf jeder Seite finden sich aber auch hochanständige Menschen, welche sich trotz all der Umstände ihre Menschlichkeit und ihr gutes Herz bewahrt haben! Verbrecherisches Verhalten ist keine Sache der Hautfarbe, der Nationalität, der Herkunft oder Religionsgemeinschaft; solches Verhalten entspringt allein der Erziehung durch die Eltern und, mehr noch, dem eigenen Wesen!
Meine Großeltern, sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits, waren Großeltern gewesen, wie sie sich Kinder nicht besser wünschen können! Sie haben, selbstredend immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten, immer alles für uns Kinder, ihre Enkel, getan.
Auch habe ich Opa Julius nicht ein einziges Mal irgendwelche Beschimpfungen oder Verunglimpfungen bezüglich der ehemaligen Kriegsgegner sagen hören. Es war immer „der Amerikaner“, „der Franzose“ oder „der Engländer“ gewesen. Nicht einmal habe ich ihn von „Yankees“ oder „Tommies“ sprechen hören. Grund genug hätte er gehabt…
Von meines Vaters Eltern, Opa Heinz und Oma Else, habe ich von der Kriegszeit nicht viel erfahren. Bei Familientreffen oder wenn Freunde von ihnen zu Besuch waren und man in Erinnerungen schwelgte, hieß es meist nur: „XY ist dann und dann dort und dort gefallen“ oder „YZ ist seit dann und dann dort und dort vermißt“!
Ob es daran lag, daß Opa kriegsversehrt war und er das Grauen, welches er durchleben mußte und welches ihn lange nach dem Kriege noch einmal einholen sollte, nicht richtig verarbeiten konnte und er es lieber verdrängte oder ob Oma und Opa Angst hatten, daß wir Kinder eines Tages sie dieser Zeit wegen verurteilten, weiß ich nicht zu sagen.
Von Opa Heinz habe ich auch erst nach seinem Tode, am 16.I.1990 (meines Vaters Geburtstag), erfahren, daß er gar nicht mein „richtiger“ Opa ist, sondern er meinen Vater an Kindes statt angenommen hat. Papas leiblicher Vater, so hat man mir erzählt, sei ein Adliger: Kein „von und zu“, aber ein „auf und davon“, der meine Oma angeblich verlassen hat, als er erfuhr, daß sie schwanger war. Sei’s drum; ich bin ihm nicht böse und sehe auch nicht ein, warum ich ihn verurteilen sollte. Wie es dazu kam, wissen nur er, Oma Else und der HERRGOTT alleine und Oma hat dieses Wissen mit ins Grab genommen. Ob er noch lebt, weiß ich nicht zu sagen. Mein Vater erzählte mir vor langen Jahren, daß er wohl bettlägerig in einem Altenpflegeheim in Ludwigshafen/Rh. liege. Für mich alles nur Hörensagen und Vermutungen… Da mein Vater im Januar 1946 geboren wurde, muß jener Mensch sich also in der Zeit März/April 1945 in Mannheim aufgehalten haben. Vor vielen, vielen Jahren hat mein Vater mir auch mal sein Soldbuch gezeigt. Er war Gefreiter beim Feldheer gewesen; jedoch ist dies alles, was ich noch weiß, denn mein Vater weigert sich, mir jenes Soldbuch zu überlassen.
Ich werde den Namen meines Stief=Opas hier jedenfalls nicht nennen, denn ich weiß nicht, inwieweit seine „neue“ Familie davon weiß und ich möchte keinen unnötigen Ärger heraufbeschwören.
Sollte jedoch jemand aus dieser Familie den Vater oder Opa erkennen und sich bei mir melden, freute mich das sehr; könnte doch auf diese Art ein weiteres Stück der Familiengeschichte und des Stammbaumes vervollständigt werden, was überdies mein einziges Anliegen wäre. Allein, das müssen meines Stief=Opas Kinder und/oder Enkelkinder entscheiden- nicht ich. Im Falle einer Kontaktaufnahme, sichere ich, so es gewünscht würde, hiermit auch vollständige und strengste Diskretion gegenüber jedermann, auch gegenüber meinen Geschwistern, zu!
Opa Heinz jedenfalls hat es uns niemals spüren lassen, war im ganzen Gegenteil sogar unbändig stolz auf seine 3 Enkelkinder. Von Oma Else weiß ich nur, daß der Vater meines Patenonkels- mein Stief= Opa Artur- gefallen ist, als Oma im 3. Monat schwanger war.
Ich hatte das außerordentliche Privileg, alle Großeltern, alle Großonkel und Großtanten, 2 Urgroßmütter, 1 Urgroßvater und sogar 2 Urgroßtanten und 1 Urgroßonkel kennenlernen zu dürfen. Leider ist Uroma Frieda (die Mutter meiner lieben Oma Erna) etwa 2 Monate vor meinem 5. Geburtstag gestorben. Uropa Karl und Uroma Maria (Oma Elses Stiefmutter) haben nie über diese Zeit erzählt- jedenfalls nicht in meinem Beisein.
Mannheim, im Februar Anno ’24
Opa Heinz und Oma Else
Oma Else wurde am 02.III.1924 in Mannheim geboren. Ihre Eltern waren Karl Volz (* 16.X.1903, † unbek.) und Anna Margareta Volz, geb. Wittner (* 03.VII.1906, † 03.VII.1933). Oma Else erlernte den Beruf der Schneiderin und heiratete im Jahre 1943 ihren ersten Mann, Artur Semrau sen. (* 03.X.1910, † 10.X.1943).
Opa Heinz wurde am 10.IV.1924 in Mannheim geboren (Eltern unbek.). Er ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen und hat 1938 beim größten Arbeitgeber der Stadt seine Berufsausbildung begonnen. Nicht lange nach deren Abschluß wurde er zum Militärdienst eingezogen. Da er ja nicht viel erzählt hat und meine Informationen deswegen recht spärlich sind, bin ich für den Moment auf Vermutungen angewiesen.
Seine Stammeinheit müßte das Infanterie=Regiment (später Grenadier=Regiment) N°110 gewesen sein. Dieses Regiment wurde dann an der Ostfront eingesetzt.
Er wurde eingezogen, nachdem die 6. Armee unter GFM Paulus in Stalingrad am 31. Januar (Süd= und Mittelkessel) und 02. Februar (Nordkessel) 1943 kapituliert hat und auf Befehl Hitlers neu aufgestellt wurde. Wie ihr Vorgänger, so wurde auch sie (die neue 6. Armee) an der Ostfront eingesetzt – und somit auch Opa Heinz.
Opa Heinz war beim Feldheer und hat mir nur 2 Begebenheiten erzählt:
Seine Aufgabe, so erzählte er mir, bestand im Einsammeln der gefallenen und verwundeten Soldaten (War er Sanitäter/Krankenträger/Hilfskrankenträger?). Hier kam er eines Tages an ein Haus, in welchem zig tote Rotarmisten lagen. Damals wußte ich mit seinem Blick und dem Tonfall nichts anzufangen; ich war ja gerade einmal 6 oder 7 Jahre jung. Heute allerdings bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke, denn was muß das für ihn bedeutet haben? All die vielen Toten in seinem Alter mit den unterschiedlichsten und grausamsten Verwundungen- und dann erst der Verwesungsgeruch…
Die 2. Begebenheit war der Hergang seiner Verwundung.
Opa Heinz: „Wir hatten etwas Ruhe und ich ging über eine Wiese. Da es schön warm war und ein laues Lüftchen ging, blieb ich stehen und schaute mich um. Mit einem Male tat es einen lauten Knall, Dreck spritzte nach allen Seiten und ich flog ungefähr 2 m in die Luft. Wieviel Zeit vergangen war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß irgendwann Sanitäter und Kameraden kamen und sich in Schützenlinie auf mich zubewegten. Ich wartete eigentlich nur darauf, daß es jeden Moment den Nächsten erwischte; doch nein, es gab keine weiteren Explosionen. Nachdem sie mir den rechten Unterschenkel amputiert hatten, ich auf Station lag und wieder einigermaßen klar war, haben die Kameraden mir erzählt, daß ich auf die einzige Mine im ganzen Umkreise getreten bin und diese eigentlich für Autos gedacht war- darum auch die verzögerte Explosion. Dieses blöde Mistding war nicht größer als eine Zigarettenschachtel… Ein Gutes hatte es jedoch: Ich wurde erst in ein entsprechendes Lazarett verbracht, bekam eine Prothese und wurde ehrenhaft entlassen. Der Krieg war damit für mich vorbei, GOTT sei Dank!“
So ganz vorbei war der Krieg für ihn dann aber doch nicht, denn etwa 25 Jahre später holte er ihn noch einmal ein. Trotzdem er im Lazarett recht gut versorgt worden war, so konnte man die Arbeit dort- der viel zu vielen Verwundeten und des viel zu geringen Personals wegen und ohne den Ärzten und Sanitätern, welche teils Übermenschliches leisteten, einen Vorwurf zu machen- doch nur als „Flickchirurgie“ bezeichnen.
Es war eben schlicht keine Zeit, den Knochen richtig abzufeilen und so verwundert es auch nicht, daß die nicht abgefeilten Ränder des Schienbeinknochens sich wie Messer mit der Zeit durch das Fleisch gerieben haben. Er mußte noch einmal ins Krankenhaus, wo man ihm weitere 10 cm Knochen absägen mußte.
Opa Julius & Oma Erna
Opa Julius erblickte am 03.XII.1919 in Hockenheim/Baden das Licht der Welt. Seine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Dies war in ländlich geprägten Ortschaften, wie z. B. Plankstadt, wo er aufwuchs, durchaus üblich und nichts Ungewöhnliches. Nach seiner Schulzeit erlernte er das Handwerk des Elektroinstallateurs und hatte sich bei Ausbruch des Krieges freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet. Von ihm und Oma Erna habe ich am meisten erfahren – nicht nur vom Kriege, sondern auch von den Jahren davor und danach.
Oma Erna kam am 15.V.1922 in Mannheim zur Welt und war das älteste von 3 Kindern. Sie hat mal vom Café Herdegen in den Mannheimer Quadraten erzählt; ob sie dort aber gelernt, gearbeitet oder nur öfter mit Freundinnen und/oder Familie zu Kaffee und Kuchen war, weiß ich nicht mehr. Ich hätte viel früher mit dem Aufschreiben beginnen sollen, ja müssen! Was ich sicher weiß, ist, daß sie beim BDM und im Kriege als Nachrichten=Helferin („Blitzmädel“) in der Scheinwerfer=Kaserne, den späteren Taylor=Barracks, eingesetzt war. Erlernt hatte sie jedenfalls den Beruf der Verkäuferin – heute würde man wohl Groß= und Einzelhandelskauffrau sagen.
Jugend= und Vorkriegszeit
Opa: „Weißt Du, es sind so viele, die sagen, sie hätten damals nicht mitgemacht; das stimmt aber nicht! Alle haben sie mitgemacht, haben gejubelt, ausnahmslos alle. Auch ich war begeistert. Du mußt Dir immer im Gedächtnis halten, wie schwer es damals war und wie sehr jeder unter den Bestimmungen der Versailler Verträge zu leiden hatte. Mein Vater war zu der Zeit (1933, Anm. d. Verf.) schon fast 6 Jahre arbeitslos und hätten wir nicht die kleine Landwirtschaft gehabt, wäre es uns richtig dreckig gegangen. Trotzdem nagt das mit der Zeit am Selbstwertgefühl, denn es gab kaum Unterstützung damals – nicht so wie heute. Es hat dann zwar noch ein gutes Jahr gedauert (bis etwa Mitte 1934, Anm. d. Verf.), aber endlich war er wieder in Lohn und Brot und ist richtig aufgeblüht!“
Oma: „Es ging uns damals (ab etwa 1934/35, Anm. d. Verf.) richtig gut! Wir hatten Arbeit und man bekam wieder etwas für sein Geld. Man hat gemerkt, wie die Zufriedenheit zunahm. Was hätten wir alles erreichen können, wenn er (Adolf Hitler, Anm. d. Verf.) die Juden in Frieden gelassen und den Krieg nicht angefangen hätte!?“
Opa: „Am Vorabend der Wahl sind wir, ein Kumpel und ich, durch die Stadt gezogen. Überall hingen die Parteifahnen aus den Fenstern; vom 3. Stock bis 10 cm übers Trottoir: SPD, KPD, Zentrum, NSdAP, Stahlhelm, USPD, und, und, und! Über 30 unterschiedliche Parteifahnen. Ja, und wir hatten nichts Besseres zu tun, als an allen Parteifahnen mit roter Grundfarbe – außer jener der NSdAP – eine Ecke abzuschneiden. Es wurde ja soviel geredet, wie schlecht die Nationalsozialisten wären und daß ja die Vernunft letztendlich doch obsiegen müsse und daß die ja auch nur alles Mögliche versprechen, aber nichts halten würden. Man bekam aber auch die Aufmärsche der Braunhemden mit und sah auch die Lkw mit vollbesetzten Ladeflächen und Spruchbändern behangen durch die Straßen fahren, und jetzt wollten wir halt wissen, wie das denn nun wäre mit der Vernunft und so. Da es ja nur kleine Ecken waren, hat das auch niemand bemerkt. Dann kam der Montag: 30.I.1933, Wahltag! Nachdem die Stimmen ausgezählt waren, brach ein Jubel bei den Nationalsozialisten los, aber auch das Volk feierte. Die Fackelzüge kennst Du ja vom Fernsehen her, aber das zu erleben war schon ein Erlebnis- ganz gleich, welcher politischen Richtung man angehörte! Ja, und am Dienstag zeigte sich dann die Vernunft: Aus jedem Fenster hingen Hakenkreuzfahnen der Partei vom 3. Stock bis 10 cm übers Trottoir – und an sehr vielen Fahnen hat eine Ecke gefehlt… Soviel zum Thema ,Niemand hat mitgemacht!‘.“
„Ich war ja nun auch irgendwann in der HJ. Nicht nur, weil „es sich so gehörte“, sondern weil sie den Jungs und Mädels auch was geboten haben. Die Heimabende oder Aufmärsche an den Feiertagen waren dabei noch nicht einmal so ausschlaggebend: Es waren die Fahrten und Wanderungen, die Zeltlager, das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Kameradschaft! Von was hätten denn unsere Eltern uns einen Urlaub bezahlen sollen? Sicher, es ging uns gut, aber für solche Sachen hatte man schlicht noch immer zu wenig Geld und das Gleiche gilt auch für die Zeit: Ein Bauer, allzumal er Milchvieh und Schweine und Hühner auf dem Hof hat, kann nun einmal seinen Hof nicht einfach so zurücklassen. Die Partei hat das alles bezahlt.“
„Ab dem Frühjahr mußten wir Kinder auch mithelfen. Das ging bis in den Herbst. Erst, wenn die Ernte eingebracht war, wurde es ein wenig ruhiger. Allerdings änderte sich das von Jahr zu Jahr; nämlich so, wie wir älter und kräftiger wurden, bekamen wir auch andere Aufgaben zugewiesen. Unsere Hauptaufgabe, zum Beispiel bei der Weizenernte, war das Absuchen der Felder nach Jungtieren. Das bedeutete, daß wir Kinder in einer Reihe nebeneinander vor dem Traktor liefen und schauten, ob sich vielleicht ein Rehkitz oder Fasanengelege o. ä. fände. Wenn wir solches fanden, stellten wir uns im Kreise darum auf, sodaß der Fahrer wußte, wie weit er ausholen mußte. Kein Tier wurde angefaßt, denn sonst wäre ja unser Geruch auf dem Tier gewesen und die Alte hätte es verstoßen.“
„Die HJ=Uniform durfte nur zu bestimmten Anlässen und an den Heimabenden getragen werden – nicht nach Lust und Laune, wie in vielen Filmen es gezeigt wird. Auch für die Schule war die Uniform tabu. Es gab nur eine Ausnahme: Eine Veranstaltung direkt nach Unterricht oder von der Schule aus, z. B. eines Feiertages wegen. Doch selbst dazu war vorher unbedingt die Trageerlaubnis (so würde das wohl heute formuliert werden) einzuholen – schriftlich!“
„Die Prügelstrafe war damals ja noch normal, ebenso wie Nachsitzen im Karzer. Hattest Du aber die Uniform an, durfte kein Lehrer Hand an Dich legen. Wir haben das manchmal ausgenutzt; hauptsächlich, wenn es (von Seiten des Lehrers, Anm. d. Verf.) wieder gegen einen bestimmten Klassenkameraden ging. So konnten wir uns gegen den Lehrer auflehnen und uns wehren, ohne, daß er was hätte tun können oder dürfen! So kam es auch, daß eines Tages ein bestimmter Lehrer es „ein wenig“ zu weit getrieben hatte. Wir haben den Kameraden dann nach der Schule nach Hause gebracht und seinen Eltern die Sache erzählt. Vor lauter Angst, von seinem Vater dann nochmal Prügel zu beziehen, hatte er geschwiegen und entsprechend überrascht waren die Eltern dann auch gewesen.
Am anderen Tag flog während des Unterrichts plötzlich die Tür auf und der Vater des Jungen stand im Klassenzimmer! Das war ein Riese von einem Kerl… Er schaute zu seinem Jungen und meinte nur: „Ist er das?“ Er hat ihn am Schlafittchen gepackt, ihm links und rechts ein paar derbe Ohrfeigen verpaßt und ihn dann aus dem 3. Stock zum Fenster hinausgehoben. „Laß in Zukunft meinen Jungen in Frieden, sonst komm ich wieder – und dann laß ich los! Hast Du Drecksack das verstanden?“ Dann hat er ihn wieder ins Zimmer zurückgezogen und ihn auf sein Pult gesetzt. Das arme Lehrerlein war ganz blaß, aber er hat unseren Klassenkameraden nie wieder angefaßt.“
...
Dies sind Bruchstücke, quasi Splitter, der Kriegs= und Jugenderinnerungen meiner Großeltern, wie sie mir nach über 30 Jahren noch im Gedächtnis haften geblieben sind. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder gar die zeitlich richtige Abfolge; ebenso werde ich nichts beschönigen oder umformulieren, nur weil es irgendwelchen Zeitgenossen nicht behagt! Davon abgesehen glaube ich auch nicht, daß das im Sinne meiner Großeltern wäre, so ich dies täte.
Ich schreibe die Erinnerungen nieder, weil ich merke, wie sie immer mehr verblassen, ich immer mehr vergesse und weil ich denke, daß unsere Kinder ein Recht darauf haben, diesen Teil der Familiengeschichte zu kennen. Sie mögen sich vielleicht jetzt noch nicht so sehr, wenn überhaupt, dafür interessieren, doch werde ich nicht jünger und aufgrund der Tatsache, daß ich erst recht spät, nämlich mit 38 Jahren, zum ersten Male Vater geworden bin, könnte es eventuell irgendwann zu spät sein- einmal ganz davon abgesehen, daß niemand mehr lebt, bei dem ich nachfragen könnte.
Den Krieg zu verherrlichen oder gar die politische Landschaft der Jahre 1933 bis 1945 zu verharmlosen liegt mir fern. Auch will ich keinen Haß auf die ehemaligen Feinde schüren; es wäre meinen Großeltern nicht recht und es würde ihnen auch nicht gerecht werden. Die Geschehnisse, zum Beispiel jenes mit dem Jagdflieger, sind dem Kriege geschuldet. Es war halt damals so; jeder, sowohl Zivilisten, als auch Soldaten, hat gelitten- in allen beteiligten Staaten! Auch Schuldzuweisungen sind hier völlig fehl am Platze.
Ich bitte den geneigten Leser während der Lektüre sich das Folgende immer wieder ins Gedächtnis zu rufen:
Niemand geht unschuldig und mit einer sauberen weißen Weste aus einem Kriege. Auf jeder Seite finden sich Individuen, welche „nicht mehr wert sind, als ein toter Hund!“ (Filmzitat aus „Gettysburg“, aber es trifft die Sache auf den Punkt!) Auf jeder Seite finden sich aber auch hochanständige Menschen, welche sich trotz all der Umstände ihre Menschlichkeit und ihr gutes Herz bewahrt haben! Verbrecherisches Verhalten ist keine Sache der Hautfarbe, der Nationalität, der Herkunft oder Religionsgemeinschaft; solches Verhalten entspringt allein der Erziehung durch die Eltern und, mehr noch, dem eigenen Wesen!
Meine Großeltern, sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits, waren Großeltern gewesen, wie sie sich Kinder nicht besser wünschen können! Sie haben, selbstredend immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten, immer alles für uns Kinder, ihre Enkel, getan.
Auch habe ich Opa Julius nicht ein einziges Mal irgendwelche Beschimpfungen oder Verunglimpfungen bezüglich der ehemaligen Kriegsgegner sagen hören. Es war immer „der Amerikaner“, „der Franzose“ oder „der Engländer“ gewesen. Nicht einmal habe ich ihn von „Yankees“ oder „Tommies“ sprechen hören. Grund genug hätte er gehabt…
Von meines Vaters Eltern, Opa Heinz und Oma Else, habe ich von der Kriegszeit nicht viel erfahren. Bei Familientreffen oder wenn Freunde von ihnen zu Besuch waren und man in Erinnerungen schwelgte, hieß es meist nur: „XY ist dann und dann dort und dort gefallen“ oder „YZ ist seit dann und dann dort und dort vermißt“!
Ob es daran lag, daß Opa kriegsversehrt war und er das Grauen, welches er durchleben mußte und welches ihn lange nach dem Kriege noch einmal einholen sollte, nicht richtig verarbeiten konnte und er es lieber verdrängte oder ob Oma und Opa Angst hatten, daß wir Kinder eines Tages sie dieser Zeit wegen verurteilten, weiß ich nicht zu sagen.
Von Opa Heinz habe ich auch erst nach seinem Tode, am 16.I.1990 (meines Vaters Geburtstag), erfahren, daß er gar nicht mein „richtiger“ Opa ist, sondern er meinen Vater an Kindes statt angenommen hat. Papas leiblicher Vater, so hat man mir erzählt, sei ein Adliger: Kein „von und zu“, aber ein „auf und davon“, der meine Oma angeblich verlassen hat, als er erfuhr, daß sie schwanger war. Sei’s drum; ich bin ihm nicht böse und sehe auch nicht ein, warum ich ihn verurteilen sollte. Wie es dazu kam, wissen nur er, Oma Else und der HERRGOTT alleine und Oma hat dieses Wissen mit ins Grab genommen. Ob er noch lebt, weiß ich nicht zu sagen. Mein Vater erzählte mir vor langen Jahren, daß er wohl bettlägerig in einem Altenpflegeheim in Ludwigshafen/Rh. liege. Für mich alles nur Hörensagen und Vermutungen… Da mein Vater im Januar 1946 geboren wurde, muß jener Mensch sich also in der Zeit März/April 1945 in Mannheim aufgehalten haben. Vor vielen, vielen Jahren hat mein Vater mir auch mal sein Soldbuch gezeigt. Er war Gefreiter beim Feldheer gewesen; jedoch ist dies alles, was ich noch weiß, denn mein Vater weigert sich, mir jenes Soldbuch zu überlassen.
Ich werde den Namen meines Stief=Opas hier jedenfalls nicht nennen, denn ich weiß nicht, inwieweit seine „neue“ Familie davon weiß und ich möchte keinen unnötigen Ärger heraufbeschwören.
Sollte jedoch jemand aus dieser Familie den Vater oder Opa erkennen und sich bei mir melden, freute mich das sehr; könnte doch auf diese Art ein weiteres Stück der Familiengeschichte und des Stammbaumes vervollständigt werden, was überdies mein einziges Anliegen wäre. Allein, das müssen meines Stief=Opas Kinder und/oder Enkelkinder entscheiden- nicht ich. Im Falle einer Kontaktaufnahme, sichere ich, so es gewünscht würde, hiermit auch vollständige und strengste Diskretion gegenüber jedermann, auch gegenüber meinen Geschwistern, zu!
Opa Heinz jedenfalls hat es uns niemals spüren lassen, war im ganzen Gegenteil sogar unbändig stolz auf seine 3 Enkelkinder. Von Oma Else weiß ich nur, daß der Vater meines Patenonkels- mein Stief= Opa Artur- gefallen ist, als Oma im 3. Monat schwanger war.
Ich hatte das außerordentliche Privileg, alle Großeltern, alle Großonkel und Großtanten, 2 Urgroßmütter, 1 Urgroßvater und sogar 2 Urgroßtanten und 1 Urgroßonkel kennenlernen zu dürfen. Leider ist Uroma Frieda (die Mutter meiner lieben Oma Erna) etwa 2 Monate vor meinem 5. Geburtstag gestorben. Uropa Karl und Uroma Maria (Oma Elses Stiefmutter) haben nie über diese Zeit erzählt- jedenfalls nicht in meinem Beisein.
Mannheim, im Februar Anno ’24
Opa Heinz und Oma Else
Oma Else wurde am 02.III.1924 in Mannheim geboren. Ihre Eltern waren Karl Volz (* 16.X.1903, † unbek.) und Anna Margareta Volz, geb. Wittner (* 03.VII.1906, † 03.VII.1933). Oma Else erlernte den Beruf der Schneiderin und heiratete im Jahre 1943 ihren ersten Mann, Artur Semrau sen. (* 03.X.1910, † 10.X.1943).
Opa Heinz wurde am 10.IV.1924 in Mannheim geboren (Eltern unbek.). Er ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen und hat 1938 beim größten Arbeitgeber der Stadt seine Berufsausbildung begonnen. Nicht lange nach deren Abschluß wurde er zum Militärdienst eingezogen. Da er ja nicht viel erzählt hat und meine Informationen deswegen recht spärlich sind, bin ich für den Moment auf Vermutungen angewiesen.
Seine Stammeinheit müßte das Infanterie=Regiment (später Grenadier=Regiment) N°110 gewesen sein. Dieses Regiment wurde dann an der Ostfront eingesetzt.
Er wurde eingezogen, nachdem die 6. Armee unter GFM Paulus in Stalingrad am 31. Januar (Süd= und Mittelkessel) und 02. Februar (Nordkessel) 1943 kapituliert hat und auf Befehl Hitlers neu aufgestellt wurde. Wie ihr Vorgänger, so wurde auch sie (die neue 6. Armee) an der Ostfront eingesetzt – und somit auch Opa Heinz.
Opa Heinz war beim Feldheer und hat mir nur 2 Begebenheiten erzählt:
Seine Aufgabe, so erzählte er mir, bestand im Einsammeln der gefallenen und verwundeten Soldaten (War er Sanitäter/Krankenträger/Hilfskrankenträger?). Hier kam er eines Tages an ein Haus, in welchem zig tote Rotarmisten lagen. Damals wußte ich mit seinem Blick und dem Tonfall nichts anzufangen; ich war ja gerade einmal 6 oder 7 Jahre jung. Heute allerdings bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke, denn was muß das für ihn bedeutet haben? All die vielen Toten in seinem Alter mit den unterschiedlichsten und grausamsten Verwundungen- und dann erst der Verwesungsgeruch…
Die 2. Begebenheit war der Hergang seiner Verwundung.
Opa Heinz: „Wir hatten etwas Ruhe und ich ging über eine Wiese. Da es schön warm war und ein laues Lüftchen ging, blieb ich stehen und schaute mich um. Mit einem Male tat es einen lauten Knall, Dreck spritzte nach allen Seiten und ich flog ungefähr 2 m in die Luft. Wieviel Zeit vergangen war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß irgendwann Sanitäter und Kameraden kamen und sich in Schützenlinie auf mich zubewegten. Ich wartete eigentlich nur darauf, daß es jeden Moment den Nächsten erwischte; doch nein, es gab keine weiteren Explosionen. Nachdem sie mir den rechten Unterschenkel amputiert hatten, ich auf Station lag und wieder einigermaßen klar war, haben die Kameraden mir erzählt, daß ich auf die einzige Mine im ganzen Umkreise getreten bin und diese eigentlich für Autos gedacht war- darum auch die verzögerte Explosion. Dieses blöde Mistding war nicht größer als eine Zigarettenschachtel… Ein Gutes hatte es jedoch: Ich wurde erst in ein entsprechendes Lazarett verbracht, bekam eine Prothese und wurde ehrenhaft entlassen. Der Krieg war damit für mich vorbei, GOTT sei Dank!“
So ganz vorbei war der Krieg für ihn dann aber doch nicht, denn etwa 25 Jahre später holte er ihn noch einmal ein. Trotzdem er im Lazarett recht gut versorgt worden war, so konnte man die Arbeit dort- der viel zu vielen Verwundeten und des viel zu geringen Personals wegen und ohne den Ärzten und Sanitätern, welche teils Übermenschliches leisteten, einen Vorwurf zu machen- doch nur als „Flickchirurgie“ bezeichnen.
Es war eben schlicht keine Zeit, den Knochen richtig abzufeilen und so verwundert es auch nicht, daß die nicht abgefeilten Ränder des Schienbeinknochens sich wie Messer mit der Zeit durch das Fleisch gerieben haben. Er mußte noch einmal ins Krankenhaus, wo man ihm weitere 10 cm Knochen absägen mußte.
Opa Julius & Oma Erna
Opa Julius erblickte am 03.XII.1919 in Hockenheim/Baden das Licht der Welt. Seine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Dies war in ländlich geprägten Ortschaften, wie z. B. Plankstadt, wo er aufwuchs, durchaus üblich und nichts Ungewöhnliches. Nach seiner Schulzeit erlernte er das Handwerk des Elektroinstallateurs und hatte sich bei Ausbruch des Krieges freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet. Von ihm und Oma Erna habe ich am meisten erfahren – nicht nur vom Kriege, sondern auch von den Jahren davor und danach.
Oma Erna kam am 15.V.1922 in Mannheim zur Welt und war das älteste von 3 Kindern. Sie hat mal vom Café Herdegen in den Mannheimer Quadraten erzählt; ob sie dort aber gelernt, gearbeitet oder nur öfter mit Freundinnen und/oder Familie zu Kaffee und Kuchen war, weiß ich nicht mehr. Ich hätte viel früher mit dem Aufschreiben beginnen sollen, ja müssen! Was ich sicher weiß, ist, daß sie beim BDM und im Kriege als Nachrichten=Helferin („Blitzmädel“) in der Scheinwerfer=Kaserne, den späteren Taylor=Barracks, eingesetzt war. Erlernt hatte sie jedenfalls den Beruf der Verkäuferin – heute würde man wohl Groß= und Einzelhandelskauffrau sagen.
Jugend= und Vorkriegszeit
Opa: „Weißt Du, es sind so viele, die sagen, sie hätten damals nicht mitgemacht; das stimmt aber nicht! Alle haben sie mitgemacht, haben gejubelt, ausnahmslos alle. Auch ich war begeistert. Du mußt Dir immer im Gedächtnis halten, wie schwer es damals war und wie sehr jeder unter den Bestimmungen der Versailler Verträge zu leiden hatte. Mein Vater war zu der Zeit (1933, Anm. d. Verf.) schon fast 6 Jahre arbeitslos und hätten wir nicht die kleine Landwirtschaft gehabt, wäre es uns richtig dreckig gegangen. Trotzdem nagt das mit der Zeit am Selbstwertgefühl, denn es gab kaum Unterstützung damals – nicht so wie heute. Es hat dann zwar noch ein gutes Jahr gedauert (bis etwa Mitte 1934, Anm. d. Verf.), aber endlich war er wieder in Lohn und Brot und ist richtig aufgeblüht!“
Oma: „Es ging uns damals (ab etwa 1934/35, Anm. d. Verf.) richtig gut! Wir hatten Arbeit und man bekam wieder etwas für sein Geld. Man hat gemerkt, wie die Zufriedenheit zunahm. Was hätten wir alles erreichen können, wenn er (Adolf Hitler, Anm. d. Verf.) die Juden in Frieden gelassen und den Krieg nicht angefangen hätte!?“
Opa: „Am Vorabend der Wahl sind wir, ein Kumpel und ich, durch die Stadt gezogen. Überall hingen die Parteifahnen aus den Fenstern; vom 3. Stock bis 10 cm übers Trottoir: SPD, KPD, Zentrum, NSdAP, Stahlhelm, USPD, und, und, und! Über 30 unterschiedliche Parteifahnen. Ja, und wir hatten nichts Besseres zu tun, als an allen Parteifahnen mit roter Grundfarbe – außer jener der NSdAP – eine Ecke abzuschneiden. Es wurde ja soviel geredet, wie schlecht die Nationalsozialisten wären und daß ja die Vernunft letztendlich doch obsiegen müsse und daß die ja auch nur alles Mögliche versprechen, aber nichts halten würden. Man bekam aber auch die Aufmärsche der Braunhemden mit und sah auch die Lkw mit vollbesetzten Ladeflächen und Spruchbändern behangen durch die Straßen fahren, und jetzt wollten wir halt wissen, wie das denn nun wäre mit der Vernunft und so. Da es ja nur kleine Ecken waren, hat das auch niemand bemerkt. Dann kam der Montag: 30.I.1933, Wahltag! Nachdem die Stimmen ausgezählt waren, brach ein Jubel bei den Nationalsozialisten los, aber auch das Volk feierte. Die Fackelzüge kennst Du ja vom Fernsehen her, aber das zu erleben war schon ein Erlebnis- ganz gleich, welcher politischen Richtung man angehörte! Ja, und am Dienstag zeigte sich dann die Vernunft: Aus jedem Fenster hingen Hakenkreuzfahnen der Partei vom 3. Stock bis 10 cm übers Trottoir – und an sehr vielen Fahnen hat eine Ecke gefehlt… Soviel zum Thema ,Niemand hat mitgemacht!‘.“
„Ich war ja nun auch irgendwann in der HJ. Nicht nur, weil „es sich so gehörte“, sondern weil sie den Jungs und Mädels auch was geboten haben. Die Heimabende oder Aufmärsche an den Feiertagen waren dabei noch nicht einmal so ausschlaggebend: Es waren die Fahrten und Wanderungen, die Zeltlager, das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Kameradschaft! Von was hätten denn unsere Eltern uns einen Urlaub bezahlen sollen? Sicher, es ging uns gut, aber für solche Sachen hatte man schlicht noch immer zu wenig Geld und das Gleiche gilt auch für die Zeit: Ein Bauer, allzumal er Milchvieh und Schweine und Hühner auf dem Hof hat, kann nun einmal seinen Hof nicht einfach so zurücklassen. Die Partei hat das alles bezahlt.“
„Ab dem Frühjahr mußten wir Kinder auch mithelfen. Das ging bis in den Herbst. Erst, wenn die Ernte eingebracht war, wurde es ein wenig ruhiger. Allerdings änderte sich das von Jahr zu Jahr; nämlich so, wie wir älter und kräftiger wurden, bekamen wir auch andere Aufgaben zugewiesen. Unsere Hauptaufgabe, zum Beispiel bei der Weizenernte, war das Absuchen der Felder nach Jungtieren. Das bedeutete, daß wir Kinder in einer Reihe nebeneinander vor dem Traktor liefen und schauten, ob sich vielleicht ein Rehkitz oder Fasanengelege o. ä. fände. Wenn wir solches fanden, stellten wir uns im Kreise darum auf, sodaß der Fahrer wußte, wie weit er ausholen mußte. Kein Tier wurde angefaßt, denn sonst wäre ja unser Geruch auf dem Tier gewesen und die Alte hätte es verstoßen.“
„Die HJ=Uniform durfte nur zu bestimmten Anlässen und an den Heimabenden getragen werden – nicht nach Lust und Laune, wie in vielen Filmen es gezeigt wird. Auch für die Schule war die Uniform tabu. Es gab nur eine Ausnahme: Eine Veranstaltung direkt nach Unterricht oder von der Schule aus, z. B. eines Feiertages wegen. Doch selbst dazu war vorher unbedingt die Trageerlaubnis (so würde das wohl heute formuliert werden) einzuholen – schriftlich!“
„Die Prügelstrafe war damals ja noch normal, ebenso wie Nachsitzen im Karzer. Hattest Du aber die Uniform an, durfte kein Lehrer Hand an Dich legen. Wir haben das manchmal ausgenutzt; hauptsächlich, wenn es (von Seiten des Lehrers, Anm. d. Verf.) wieder gegen einen bestimmten Klassenkameraden ging. So konnten wir uns gegen den Lehrer auflehnen und uns wehren, ohne, daß er was hätte tun können oder dürfen! So kam es auch, daß eines Tages ein bestimmter Lehrer es „ein wenig“ zu weit getrieben hatte. Wir haben den Kameraden dann nach der Schule nach Hause gebracht und seinen Eltern die Sache erzählt. Vor lauter Angst, von seinem Vater dann nochmal Prügel zu beziehen, hatte er geschwiegen und entsprechend überrascht waren die Eltern dann auch gewesen.
Am anderen Tag flog während des Unterrichts plötzlich die Tür auf und der Vater des Jungen stand im Klassenzimmer! Das war ein Riese von einem Kerl… Er schaute zu seinem Jungen und meinte nur: „Ist er das?“ Er hat ihn am Schlafittchen gepackt, ihm links und rechts ein paar derbe Ohrfeigen verpaßt und ihn dann aus dem 3. Stock zum Fenster hinausgehoben. „Laß in Zukunft meinen Jungen in Frieden, sonst komm ich wieder – und dann laß ich los! Hast Du Drecksack das verstanden?“ Dann hat er ihn wieder ins Zimmer zurückgezogen und ihn auf sein Pult gesetzt. Das arme Lehrerlein war ganz blaß, aber er hat unseren Klassenkameraden nie wieder angefaßt.“
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