Erinnerungen eines Polizisten

Erinnerungen eines Polizisten

Heinrich J. Prinz


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 576
ISBN: 978-3-99048-254-4
Erscheinungsdatum: 25.04.2016
Der ehemalige Münchner Kriminalbeamte Heinrich J. Prinz stellt einen Beruf vor, der erfüllend, aber auch gefährlich sein kann. Mit gemischten Gefühlen blickt er auf mehrere Jahrzehnte bundesdeutscher Gesellschafts- und Kriminalitätsentwicklung zurück.
Das Buch

Wer hat heute noch so recht eine Vorstellung davon, was es heißt, nach Hitlers totalem Krieg 1945 eine ebenso totale Niederlage zu erleben, aus der heraus es nun galt, wieder Fuß zu fassen, die Schule abzuschließen, eine Lehrstelle oder überhaupt Arbeit zu finden und sich in eine fremde, nun demokratische Gesellschaftsordnung einzufügen, in der zunächst jeder sich selbst der Nächste ist, Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den Deutschen Ostgebieten untergebracht werden müssen und nach Jahren der Kriegsgefangenschaft heimkehrende ehemalige Soldaten zunächst vor dem Nichts standen und zusehen mussten, wenigstens bei der Polizei unterzukommen. Als „Männer der ersten Stunde“, die den wirtschaftlichen Aufbau in all dem Chaos überhaupt erst möglich machten und so manche von ihnen dabei den Tod fanden, gingen sie denn auch in die Polizeigeschichte ein. Gleichwohl kehrte sich die gesellschaftliche Entwicklung nach den Hungerjahren der unmittelbaren Nachkriegszeit, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt bei der Trümmerbeseitigung in den zerbombten Städten, der Integration Millionen Vertriebener und schließlich eines wirtschaftlichen Aufschwungs – Wirtschaftswunder genannt – Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre mehr und mehr ins Negative.

In seinen „Erinnerungen eines Polizisten“ stellt der Autor einen Beruf vor, den er an sich als einen der schönsten bezeichnet, den mit der Pensionierung endlich ausgestanden zu haben ihn jedoch froh und glücklich werden ließ. Mit gemischten Gefühlen blickt er auf die Jahrzehnte bundesdeutscher Gesellschafts- und Kriminalitätsentwicklung zurück, in denen er nach anfänglichem wirtschaftlichen Aufschwung moralischen Niedergang und sittlichen Verfall, Straßengewalt und Terror, Sinnverlust und Orientierungslosigkeit, permanent zunehmende Verbrechensfurcht und überproportional zunehmende Rauschgiftkriminalität konstatiert – Ergebnis der volks-, staats- und gesellschaftszersetzenden Ideologie der Generation der aus der kommunistischen „Frankfurter Schule“ hervorgegangenen „68er“ auf ihrem Marsch durch die Institutionen in den vergangenen vierzig Jahren, auf den sie heute so stolz ist.


Der Autor

Mit Zwanzig verließ Heinrich J. Prinz (J. steht für Josef), Jahrgang 1932, seine niederbayerische Heimat, die ihm in den Jahren nach dem Krieg keine Zukunft bot. Er ging zur Bayerischen Bereitschaftspolizei. Von dort führte ihn sein Berufsweg zur (damaligen) Stadtpolizei München (heute Landespolizei), wo er u. a. zehn Jahre lang der legendären Münchner Funkstreife angehörte, bevor er schließlich zur Münchner Kripo ging, wo er seine eigentliche Berufung fand. Als Sachbearbeiter in einem Betrugskommissariat, Einsatzplaner bei der Staatsschutzabteilung, Sachbearbeiter für zentrale Aufgaben im Stab der Kripo arbeitete er sich zum Kommissariatsleiter empor und war als solcher in verschiedenen Aufgabenbereichen tätig, u. a. in Kommissariaten für „Diebstahl aus und an Kfz.“ und „Gewalt und Rohheitsdelikte“. Mit zahlreichen Fachartikeln machte er sich bundesweit einen Namen. Schließlich bewarb er sich zum Bayerischen Landeskriminalamt, wo er zunächst als Sachgebietsleiter für „Überregionale Kriminalitätsbekämpfung und Diebstahl von Kunstgegenständen“ und sodann für „Kriminalstatistik und Auswertung“ tätig war. Als Erster Kriminalhauptkommissar (EKHK) ging er in Pension, gesundheitlich schwer angeschlagen. Für wenige Jahre ließ er sich noch dazu überreden, die Redaktion der polizeilichen Fachzeitschrift DIE NEUE POLIZEI zu übernehmen. Dann waren eine Bypassoperation und schließlich auch noch ein Herzschrittmacher fällig. Heute lebt er mit seiner Frau zurückgezogen in einer bescheidenen Wohnung am Stadtrand Münchens. Von seinem ehemaligen Beruf kommt er gleichsam nicht los.

In den Jahren der Zugehörigkeit zur Funkstreife schrieb er nach einem Fernkurs über „Technik der Erzählkunst“ erste Krimis aus der Unterwelt New Yorks für Heftroman- und Leihbuchverlage und besserte damit sein karges Hauptwachtmeistergehalt etwas auf. Den langen Atem für Krimis, in denen er seine beruflichen Erfahrungen und Erinnerungen verarbeitet und authentisch die häufig stressige, oft genug frustrierende und meist nicht ungefährliche Tätigkeit der Polizei- und Kriminalbeamten schildert, fand er erst wieder zum Ende seiner Dienstzeit. Er trat der Autorengruppe DAS SYNDIKAT bei (inzwischen ausgetreten), einem Förderverein für deutschsprachige Kriminalliteratur e. V., und las bei dessen jährlich in einer anderen Stadt veranstalteten mehrtätigen Krimifestival, „Criminale“ genannt, aus seinen Polizei-Krimis.


Eine Polizistenlaufbahn im Wandel der Zeit

Heinrich J. Prinz, Jahrgang 1932, verließ als Zwanzigjähriger seine niederbayerische Heimat, die ihm in den Jahren nach dem Krieg keine Zukunft bot, und ging zur Bayerischen Bereitschaftspolizei. Von dort führte ihn sein Berufsweg zur damaligen Stadtpolizei München. Geprägt durch zehn Jahre stressigen Schichtdienst mit ständigen Soforteinsätzen bei der legendären Münchner Funkstreife ging er schließlich zur Kripo. Hier stieg er alsbald in den gehobenen Dienst auf, verbrachte einige nicht minder stressige Jahre bei der Staatsschutzabteilung, wurde „Persönlicher Mitarbeiter“ beim Leiter der Kripo und schließlich Kommissariatsleiter. Neugierig auf immer wieder Neues wechselte er wiederholt seinen Aufgabenbereich, bis er schließlich als Sachgebietsleiter im Bayerischen Landeskriminalamt landete. Zahllose Fachartikel kennzeichnen seine Tätigkeitsbereiche. Als Erster Kriminalhauptkommissar (EKHK) ging er in Pension, froh und glücklich darüber, einen der zwar schönsten, aber doch auch sehr stressigen und oft frustrierenden Berufe ausgestanden zu haben. Gleichwohl übernahm er noch für ein paar Jahre die Redaktion der Fachzeitschrift DIE NEUE POLIZEI (DNP). Heute schreibt er nur noch Polizeiromane und München-Krimis, in denen er seine beruflichen Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitet und authentisch die stressige, oft frustrierende und meist nicht ungefährliche Tätigkeit der Polizei- und Kriminalbeamten im Wandel der Zeit schildert.


Prolog

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs war ich gerade 13 geworden. Den Bombenterror der Alliierten auf deutsche Städte und den Einmarsch der Amerikaner hatten wir in unserer niederbayerischen Abgeschiedenheit zwischen Rott und Inn unbeschadet überstanden, wenn auch ein urplötzlicher Bombenwurf eines sonnigen Herbsttages 1944 lange nach Abzug der über uns mit ihren Kondensstreifen den Himmel eintrübenden Bomberströme beinahe in unseren friedlichen Marktflecken gekracht wäre (ein Notabwurf nach Flaktreffer über deren Zielgebiet wohl nur, der knapp neben einem Bauernhof und in den nahen Feldern riesige Krater hinterließ), und zum Kriegsende hin die in freier Jagd tief über das Land fliegenden Jagdbomber (Jabos) die Bauern auf den Feldern angriffen und selbst auf meine in einer Hamsterfahrt über die Dörfer radelnde Mutter schossen. Gerade dass sie sich noch unter die in erster Blüte stehenden Obstbäume eines kleinen bäuerlichen Anwesens zu werfen vermochte, in die die Geschosse der Bordkanonen prasselten und Blüten und Zweige auf sie warfen. Kreidebleich und noch immer zitternd an allen Gliedern kam sie nach Hause. Nachdem wir schon seit Tagen Kanonendonner aus der Ferne vernahmen, erwarteten wir mit Bangen den Einmarsch des Feindes.
Tage zuvor hatten wir einen Zahlmeister der Wehrmacht zur Einquartierung in unserer Wohnung. Doch dann rückten die letzten Einheiten der Wehrmacht Richtung Alpen ab. Zwei abgekämpfte Infanteristen, die einen Handwagen mit ihrem Gepäck und ihren Karabinern hinter sich herzogen, waren die letzten deutschen Soldaten, die wir vorbeiziehen sahen. In der offenen Wagenremise des Stadels hinter unserem Wohngebäude entdeckte ich, neugierig wie ich war, einen zurückgelassenen Kleinlaster (einen Opel Blitz, wie es sie die Jahre darauf noch immer gab). Auf dessen Ladefläche lagen durcheinander geworfen jede Menge Infanteriewaffen, von Pistolen und MPs bis zu Karabinern und MGs. Ich stöberte etwas darin herum und entdeckte eine handliche Pistole, die ich mit nach Hause nahm und unserem Vater zeigte. Doch der war vorsichtig. Nein, die könnten wir nicht behalten, auch nicht irgendwo auf dem Dachboden unter unserem Holzvorrat und den Bergen von Tannenzapfen, die wir Buben in den nahe liegenden Wäldern sammelten und säckeweise heimschleppten. Er hatte recht, wie sich später erwies, als die Amis, die unseren Marktflecken besetzt hatten und wieder und wieder die Wohnungen nach versteckten deutschen Soldaten und nach Waffen durchsuchten. Unsere Mutter, die sich alsbald anbot, die Wäsche der Amis zu waschen und deren Uniformen aufzubügeln, wofür sie Seifenstücke, Konserven und Orangen bekam. Von den unsere Wohnung wieder und wieder durchsuchenden Amis aber wurden diese Waren regelmäßig konfisziert.
Ein Panzerspähwagen der Amerikaner war das erste Feindfahrzeug, das am späten Nachmittag des 1. Mai 1945 aus Richtung unserer im Norden liegenden Kreisstadt Pfarrkirchen in unseren Ort rollte, dem Marktflecken Tann. Geduckt spähte ein behelmter GI aus dem Turmluck, eine großkalibrige Pistole schussbereit in der Faust. Der Spähwagen verschwand um die Kurve und rollte weiter in den Ort hinein. Alles blieb ruhig, verdächtig ruhig, als hielte selbst die Natur an diesem trüben Tag den Atem an. Ein beklemmendes Gefühl beschlich mich, der ich mit meinen Eltern und meinen drei jüngeren Brüdern – der jüngste gerade mal drei Jahre alt – in unserer Mietwohnung im ersten Stock unseres breit hingeduckten Hauses an der Ausfallstraße Richtung Pfarrkirchen der Dinge harrte, die gleich über uns hereinbrechen würden. Drüben am Hang wehte vom Zwiebelturm unserer Pfarrkirche bereits eine weiße Fahne.
Für mich wurde es Zeit, mich auf den Weg zum Hansbauern zu machen, von dem wir täglich eine große Kanne frischer Milch bekamen, mit der wir den aus gerösteten und gemahlenen Eicheln aufgebrühten Kaffee genießbar machten und Schwarzbrot in die großen Tassen brockten. Unser tägliches, karges Abendessen. Meine Eltern zögerten, mich mit Mutters Fahrrad losfahren zu lassen. Doch noch blieb es ruhig. Ich schob den Michibauernberg empor, wo oben die drei Vierseithöfe Seppbauer, Michibauer und Hansbauer dicht beisammen standen. Maria, Bäuerin des Hansbauernhofes und unsere Tante, füllte die Vier-Liter-Michkanne, die ich wieder an den Fahrradlenker hängte. Als ich losradeln wollte, begann die Erde zu beben. Vorne an der knapp 50 Meter entfernten Straße tauchte eine nicht enden wollende Kolonne schwerer amerikanischer Panzer auf, dazwischen Schützenpanzer und Laster mit Infanterie. Ohne anzuhalten, rollte sie den Berg hinunter, den ich gerade emporgekommen war.
Ich wartete am Hoftor. Die ersten der Panzer mussten wohl schon in unserem im Tal liegenden Marktflecken angekommen sein, die Kolonne staute sich zurück. Ich schob mein Fahrrad zur Straße vor und überlegte, ob ich es wagen könnte, neben der dicht aufgeschlossenen Militärkolonne des Feindes den Berg hinunterzuradeln. Mir, einem dreizehnjährigen Schulbuben, würden die Amis wohl nichts tun. Als keiner der behelmten Soldaten in den Jeeps und auf den Lastern Notiz von mir nahm, schob ich mein Rad zwischen den Fahrzeugen hindurch und radelte auf der Überholspur zögernd los. Keiner der Amis hielt mich an, so ließ ich es allmählich den Berg hinunter laufen, auf dem die Panzer und Laster sich offenbar schon aus unserem Markflecken heraus zurückstauten. Im letzten steilen Drittel hatte ich schon ziemlich Fahrt drauf, als ich vorne auf einem der Laster einen Soldaten stehen sah, der in hohem Bogen mit kräftigem Strahl über die Straße pinkelte. Ich wagte nicht zu bremsen, auf der Schotterfahrbahn wäre ich unweigerlich gestürzt. So zog ich den Kopf ein und fuhr unter dem Urinstrahl hindurch. Schallendes Gelächter brandete die Kolonne entlang auf. Unbeschadet ließ ich es unten auslaufen und radelte weiter die wenigen hundert Meter bis zur Brücke über den Bach und zu unserem Haus.
Erlöst nahm mich Mutter in die Arme. Wie staunten wir über die Masse von Panzern, Schützenpanzern und Trucks voll mit Soldaten, die nun absprangen, sich die Beine zu vertreten begannen und vorn an der Kurve in den Ort hinein Zaunlatten losbrachen und ein offenes Feuer entfachten, an dem sie sich die Hände wärmten. Der Verkehrsstau reichte weit über die umliegenden Dörfer hinaus, und wie wir Tage später erfuhren, war auch von Süden her ein Panzerspähwagen in unseren Ort gerollt. Dort soll, wie mir Schulkameraden erzählten, ein junger deutscher Soldat tot im Straßengraben gelegen sein, auf den von nachrückenden Amifahrzeugen herunter GIs johlend MP-Salven abfeuerten. Und rund um unseren Marktflecken soll Artillerie aufgefahren sein.
Am Morgen nach dem Einmarsch unserer Feinde riss uns der Entsetzensschrei unserer Mutter aus den Federn. Vater und ich stürzten in die zur Straßenseite liegenden Wohnküche unserer Mietwohnung im 1. Stock. Kreidebleich wies Mutter zum Fenster, an dem sie soeben das Verdunkelungsrollo hochgezogen hatte. Mit blendend weißen Zähnen im schwarzen Gesicht grinste ein Ami zum Fenster herein. Er stand im Turm seines Panzers, der dicht an das Haus heranrangiert worden war, um die relativ schmale Straße nicht zu blockieren – der erste Schwarze, den Mutter in ihrem Leben zu sehen bekam. Er erschreckte sie zu Tode.
Dass unser idyllischer niederbayerischer Landstrich davor bewahrt blieb, totaler Zerstörung durch Bomben und Granaten anheimzufallen, hatten wir ungarischen Generälen zu danken, die mit größeren Heeresteilen im Rückzug über Österreich auch in unserem Ort Quartier bezogen hatten und in umliegenden Wäldern kampierten. Sie sorgten dafür, dass die am Kirchturm unseres Ortes gehisste weiße Fahne, die Fanatiker sogleich entfernten, erneut aufgezogen wurde, und kapitulierten auf dem Marktplatz in feierlichem Zeremoniell vor den uns überschwemmenden Amerikanern. Leider hatte ich dies nicht mitgekriegt.
Als ich am Abend darauf wieder mit der Millibietsch’n, der großen Milchkanne, am Lenker von Mutters Fahrrad zum Hansbauerhof aufbrach, brach plötzlich ohrenbetäubendes Geschieße aus zahllosen Maschinenkanonen auf den Schützenpanzern und Fahrzeugen entlang der Straße aus unserem Ort hinaus los. Ich sah, wie die Leuchtspurgeschosse über den östlichen Hang, auf dessen Kuppe das Wasserreservoir für den Ort installiert war, auf ein Ziel weit dahinter zuflogen. Ein Flugzeug, ein deutsches konnte es nur sein! Eine leichte Rauchfahne zog es hinter sich her. Getroffen …? Ich bangte um dessen Piloten. Doch es entschwand alsbald, ohne dass ein Absturz zu erkennen war, und das Geschieße hörte auf.
Jahre später las ich davon, dass Deutschland damals über erste Strahljäger verfügte, die Me 262, die indes nicht mehr in genügender Zahl produziert wurden, um den Terrorbombern Paroli bieten zu können. Noch war Krieg. War es vielleicht einer dieser neuen Düsenjäger, die ich damals gesehen habe, und die Rauchfahne, die er hinter sich herzog, die Abgase der Düsen?
Tage nach dem Einmarsch der Amis galoppierte eine Horde junger GIs auf den Pferden der am nahen Waldrand kampierenden Ungarn unter ausgelassenen Yippie-Rufen in unseren Ort. Auf dem Asphalt stoben unter den Hufen der Pferde die Funken auf.
Der Hang hinter der Kirche in Richtung Westen diente den Siegern als Sammelplatz für erbeutete deutsche Militärfahrzeuge. Ein Sanitätswagen war darunter, dessen Hecktüren einladend offen standen. Mit einem deutschen Schützenpanzerwagen, wie ich ihn noch nicht gesehen hatte, kurvten einige der Amis auf dem Hang herum und rissen mit dessen Halbketten die Grasnarbe auf. Ich schlich mich während dessen an den Sanka heran und kletterte hinein. Zu meiner Überraschung entdeckte ich eine Anzahl Kilodosen, die nur Nahrhaftes enthalten konnten. Ich schürzte mein Hemd auf, packte hinein, was nur ging, und schlich mich davon. Meine Eltern brachen eine der unbeschrifteten Dosen sofort auf, sie enthielt köstlich riechende Wurstkonserven. Ich zog erneut los, um einen noch größeren Vorrat an Konserven heimzuholen, kam indes zu spät. Einer der Ungarn, die sich teils schon Zivilklamotten besorgt hatten, hatte die Konserven entdeckt. Ein Ami aber sah ihn und schlug ihm, dem Plünderer, seinen Karabiner über den Rücken. Mit solcher Wucht, dass dessen Schaft entzweibrach. Verblüfft betrachtete der GI seine Waffe, dessen zwei Teile nur noch am Trageriemen zusammenhingen. Der Ungar haute augenblicklich ab, und auch ich zog mich unverrichteter Dinge zurück. Schade, unsere Familie hätte sehr wohl noch einen Vorrat an Wurstkonserven brauchen können.
Ein Jahr nach Deutschlands bedingungsloser Kapitulation am 8. Mai 1945 konnte ich im Schnelldurchgang die achte und letzte Klasse der Volksschule nachholen und brachte damit wenigstens einen ordentlichen Schulabschluss zustande. Eine Lehrstelle aber fand ich in den Hungerjahren nach dem Krieg nicht (ich wäre gern Kfz-Mechaniker geworden). Ebenso wenig fand ich eine Arbeitsstelle. So arbeitete ich in der von meinem Vater, einem begnadeten Bastler und Spielzeugmacher, nach der von der Militärregierung verkündeten Gewerbefreiheit gegründeten Drechslerei mit und eignete mir so manche handwerkliche Fertigkeit an. Nach der Währungsreform, mit der die D-Mark die Reichsmark ablöste, war mit unseren Haushalts- und Spielwaren und unseren kunstvoll aus Edelhölzern gedrechselten Tellern, Schalen und Dosen kein Geschäft mehr zu machen. Jetzt gab es ja wieder alles.

Inzwischen hatte ich ein Blasinstrument erlernt, spielte alsbald in der von einem Vertriebenen aus dem Sudetenland ins Leben gerufenen Blaskapelle zuerst Begleitstimme, dann erstes Tenorhorn (Nebenmelodien, in die ich mein ganzes Gefühl legen konnte und bald einen gewissen Ruf erlangte und in Nachbarkapellen aushelfen durfte) und arbeitete teils im elterlichen Haushalt; als ältester von vier Brüdern war ich Mädchen für alles und bekochte wiederholt Vater und Brüder, wenn Mutter wieder mal ins Krankenhaus musste (nach vier Geburten, für die sie das von Hitler gestiftete Mutterkreuz erhielt, das wir beim Nahen der Amerikaner unter den Dielen der Wohnküche versteckten, riss wiederholt ihr Bauchnetz). Immer öfter und länger arbeitete ich auch auf dem Bauernhof meines Großvaters und bekam ordentlich zu futtern (lang aufgeschossen und hager, wie ich war, hatte ich dies dringend nötig). Ich war dort der Handwerker für alle denkbaren Reparaturen und der Rossknecht. Noch heute denke ich gern an meine zwei kräftigen Kaltblüter – und an die bleierne Müdigkeit nach Tanzveranstaltungen, Fahnenweihen, Bauernhochzeiten, Volksfesten etc., von denen ich meist erst im Morgengrauen zum Schlafen kam, bald aber wieder aufstehen musste, um den Pferdestall auszumisten und den ganzen Tag über auf den Feldern zu arbeiten.

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