Die Meister des Pulkauer Flügelaltares
EUR 29,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 134
ISBN: 978-3-99130-864-5
Erscheinungsdatum: 01.12.2025
Der spätgotische Flügelaltar in der Filialkirche Pulkau im nördlichen Weinviertel gilt als Hauptwerk der österreichischen Donauschule. Der bekannte Heimatforscher Herbert Puschnik nimmt die Leserinnen und Leser in seine spannende Geschichte mit.
Einleitung
Das Weltbild des Mittelalters in Europa war maßgeblich von der vorhergehenden Existenz des Römischen Imperiums geprägt. Dieses hatte sich im Osten mit Byzanz bis zu dessen Eroberung durch die Türken (1453) über 1000 Jahre nicht nur konserviert, sondern ist im Jahre 800 mit der Kaiserkrönung Karls des Großen durch Papst Leo III. und vor allem durch die Gründung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahre 962, als sich Otto I. von Papst Johannes XII. zum Kaiser krönen ließ, nominell erneuert worden. Diese Tatsache kann alleine dadurch belegt werden, dass die lateinische Sprache bis in die 60er-Jahre des 20. Jh.s bei der heiligen Messe sowie beim ersten Studienabschnitt der Rechtswissenschaften (Ius Romanum) und als Hauptfach in den Gymnasien den Ton angab.
Die weltliche und die geistliche Macht waren aufeinander angewiesen. Der Papst wurde im Fall von Thronstreitigkeiten manchmal sogar zum Schiedsrichter in der Reichspolitik, etwa Papst Innozenz III. Die sogenannte „Pax Romana“ oder „Pax Augusta“ war das offizielle Ziel der Reichspolitik des Mittelalters. Dass die Realität anders aussah, zeigt die „Treuga Dei“, die Waffenruhe Gottes, welche von der Kirche als Fehdeverbot zu bestimmten Tagen und Zeiträumen (Karwoche) erstmals in Lüttich 1082 verkündet wurde.
Einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der neuen europäischen Zivilisation leisteten die Klöster, namentlich im ländlichen Raum. Die vorhin erwähnte Vision des Gottesfriedens, welcher als ein Ansatz des von Jesus verkündeten Gottesreiches auf Erden aufgefasst wurde, ließ die romanischen Dome und gotischen Kathedralen entstehen, welche den Zeitgenossen wie „Himmelsburgen“, als die sie auch gedacht waren, erscheinen mussten.
Das Scheitern der Kreuzzüge, der Niedergang des Levantehandels durch das Vordringen der Türken, aber auch wirtschaftliche Einbußen wie der Niedergang der Hanse, sowie Naturkatastrophen (Heuschreckenschwärme) und die darauf folgenden Missernten führten in der Bevölkerung zu depressiven Erscheinungen, die seitens der neu gegründeten Bettelorden mit deren Binnenmission abzufangen versucht wurden. Eine Vertiefung des Glaubens, namentlich in bürgerlichen Kreisen, aber auch ein Wunderglaube, der von den Bettelorden unterstützt wurde, waren die Folge.
Kleiner Auszug aus der Entwicklung der christlichen Sakralarchitektur
Bereits unter Kaiser Nero (54–68 n. Chr.) existierten Christen in Rom. Da sie verfolgt wurden, verwendeten sie Höhlen und alte Grabbauten, die Katakomben, als Zufluchts- und Versammlungsstätten. Dort wurden auch ihre Toten bestattet. Die Wände waren mit frühchristlichen Symbolen geschmückt.
Nach dem Toleranzedikt unter Kaiser Konstantin (313) fanden die Messfeiern in den Räumen von römischen Häusern bzw. Villen statt. Dabei spielte die Exedra oder Apsis (griech. halbrunde Nische) eine zentrale Rolle.
Als das Christentum unter Kaiser Theodosius im Jahre 380 n. Chr. zur Staatsreligion erhoben wurde, diente die Apsis als Abschluss des neu entstandenen Kirchenraumes der frühchristlichen Basilika.
In den folgenden Jahrhunderten wurde die römische Baukunst in der Nachfolge des Römischen Imperiums von den jungen Staaten Europas übernommen. Es entstand aus vorromanischen Kirchenbauten mit Holzdecke die sog. romanische Baukunst, die die Kirchenräume mit halbrunden Steingewölben abschloss.
In der Gotik wurde die Apsis vom polygonalen (vieleckigen) Chor abgelöst. Bei den Klosterkirchen wurde der Chor in die Länge gezogen, um für die Mönche Platz zu schaffen. Die Bauhütte, die in Pulkau an der Errichtung der Blutkirche tätig war, kam wahrscheinlich aus Mähren und folgte dem Ideal der Bettelorden wie in Dolni Kounice (westlich von Brünn), siehe Abbildungen 5 bis 8 auf den folgenden Seiten.
Die Rolle der Klöster in der Geschichte
Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches entstand mit der Gründung des ersten Klosters am Monte Cassino (529) durch Benedikt von Nursia jene Einrichtung, welche die Kultur Europas entscheidend prägen, vielleicht sogar vor dem Untergang retten sollte: die Klöster. Mit ihrer Hilfe wurden die römische Kultur und Zivilisation auf die jungen Völker Europas übertragen. Dies war gleichzeitig auch die Basis des Reiches Karls des Großen. Mit dem Leitspruch „ora, labora et lege“ (bete, arbeite und lese!) setzten die Mönche die kulturelle Entwicklung der Bevölkerung in Gang. Von den Klöstern aus wurden zahlreiche Grangien (granum = Korn) gegründet. Es waren dies Wirtschaftshöfe mit vorbildlicher Wirkung auf die Bevölkerung. Die geistlichen Grundherrschaften verfügten über Knechte und Mägde sowie hörige Bauern, die das Land bewirtschafteten. Es gab sogar einen eigenen Priester und eine Kapelle für das geistliche Wohl der Untertanen. Mit den heutigen Einrichtungen verglichen, war so ein Wirtschaftshof zugleich Bezirkshauptmannschaft und Bezirksgericht in einem. Neben den Räumen zum Speichern von Wein und Getreide gab es in diesen Höfen auch amtliche Einrichtungen wie den Gerichtsraum, den Kotter sowie die soziale Einrichtung eines Findelhauses für elternlose Kinder. Namentlich Pulkau war wegen seiner für den Weinbau günstigen Bodenverhältnisse reich an solchen Höfen. Sogenannte „Lesehöfe“ gab es in Pulkau (Pöltingerhof, Geraser Hof, Pernegger Hof, Roter Hof und Wittingauer Hof) sowie in Leodagger, Rafing und Groß-Reipersdorf. Manchmal waren diese Höfe Mühlen, etwa in Pulkau das Haus Hauptstraße Nr. 22. Lesehöfe waren auch der Pfarrhof und der Schottenhof (heute Apotheke, Rathausplatz 10).
Im Jahre 1269 wurde durch Graf Heinrich von Plain-Hardegg und seine Frau Wilbirg, gemeinsam mit Heinrich von Kuenring und dessen Frau Kunigunde in Altmelon südlich von Arbesbach im heutigen Bezirk Zwettl ein Zisterzienserinnenkloster gegründet. Wegen der unwirtlichen Gegend wurde das Kloster 1277 verlegt, und zwar nach Krug westlich von Horn auf das Gebiet des Grafen von Maissau. Es wurde daraufhin St. Bernhard genannt. Zu dem Stiftungsgut des Klosters gehörte von Anfang an neben Weingärten und anderen Einkünften auch eine Grangie, also ein Meierhof in Leodagger (heute Haus Nr. 12) bei Pulkau, der sich heute im privaten Besitz von Frau Gabriele Macht befindet. Hier wurde um 1370 ein Findelkind von den Klosterfrauen aufgenommen und auf den Namen Petrus getauft. Es war dies jener Petrus Czech de Pulkau, der 1387/88 an der 1365 gegründeten Universität Wien inskribierte und zu einem der bedeutendsten Theologen seiner Zeit wurde. Er war drei mal Rektor der Universität (1407, 1411 und 1421). Als Vertreter des Bistums Passau war er auf den Reformkonzilien von Pisa (1409) und Konstanz (1414–1418) zugegen.
In Leodagger gab es noch ein Klarissinnenkloster, welches 1323 erwähnt wird und das 1586 wieder aufgelöst wurde. Es befand sich einst im Haus Nr. 2 (heute Margarete Brunner). Das dahinterliegende Haus Nr. 1 (heute Herbert Wurst) war der seinerzeitige Wirtschaftshof zu dem genannten Kloster. Im Spätmittelalter gab es bekanntlich zahlreiche Naturkatastrophen und in deren Folge kam es unter der Bevölkerung zu einer Verrohung der Sitten und auch zu einem Abkommen des Glaubens. Andererseits schlossen sich in dieser Zeit öfters Männer und Frauen zu religiösen Gemeinschaften (Bettelorden) zusammen. Die Klarissen wurden vom hl. Franziskus und der hl. Clara gegründet. Gemeinsam betrieben nun die Franziskaner und Klarissen eine Art Binnenmission.
Die Entwicklung der Christusdarstellung von den Anfängen bis ins Spätmittelalter
Die bildliche Darstellung von Jesus setzt erst im 3. Jh. ein, da vorher bei den Christen das jüdische Bilderverbot vorherrschte. Mit der steigenden Zahl der Christen unter den römischen Bürgern werden wieder bildliche Darstellungen üblich. Sie sind aber wegen der Christenverfolgungen nur in den Katakomben anzutreffen. Die ersten Bilder von Jesus stellen ihn als guten Hirten wie den antiken Gott Orpheus bartlos und umgeben von wilden Tieren dar. Das früheste „Porträt“ von Jesus zeigt ihn als Lehrer mit Vollbart, flankiert von den Buchstaben Alpha und Omega. Mit dem Toleranzedikt von Mailand (313) von Kaiser Konstantin und vor allem unter Kaiser Theodosius (379–395), unter dem das Christentum Staatsreligion wird, wendet sich das Blatt. 384 verfügt der Kaiser die Schließung der heidnischen Tempel. Gleichzeitig wird eine der frühesten Kirchen Roms, nämlich Santa Pudenziana, eingeweiht. (Das Patrozinium geht auf das Martyrium der Töchter von Pudens zurück, der noch ein Schüler des Apostels Paulus gewesen sein soll). Nach ca. 350 Jahren thront also in Rom nun im kaiserlichen Ornat nicht mehr der Kaiser, sondern Jesus Christus. Man sieht ihn erstmals bärtig wie einen Philosophen auf einem Thron sitzen, inmitten seiner in senatorische Gewänder gekleideten Apostel (39). Nach dem Niedergang von Byzanz entstehen neue Kunstzentren in Italien, allen voran der Stadtstaat Florenz. Der erste große Künstler aus dieser Gegend war Giotto di Bondone (gest. 1337), dessen Darstellungen erstmals emotionale Züge aufweisen.
In dieser Zeit tritt auch vermehrt die Kreuzesdarstellung auf (Andachtsbilder). Im Spätmittelalter erreicht das Jesusbild seinen Höhepunkt im Ausdruck des Leidens (Matthias Grünewald, gest. 1528).
TEIL I
Zur Ikonographie des Pulkauer Flügelaltars
Im Spätmittelalter (14. und 15. Jh.) geriet das Reich aufgrund seiner Zerrissenheit – es gab ca. 30 weltliche und 50 geistliche Reichsfürsten – in eine Dauerkrise. Das Kaisertum blieb aufgrund der Lehensstaatlichkeit steuerlich von den Landständen abhängig, die sich aber ihrerseits durch Verwaltungsbeamte weiterentwickelten. Auch das Papsttum geriet in seiner weltlichen Verstrickung in die Abhängigkeit Frankreichs („Babylonische Gefangenschaft“ in Avignon 1309–1376). Das Rittertum verlor seine Funktion als Bewahrer des Reiches, weil die Fürsten es durch Söldnerheere ersetzten. Die Bauern verarmten am Ende der Kolonisation durch Erbteilung und schlechtere Rechtsverhältnisse (römisches Recht) und gerieten in Leibeigenschaft des Grundherrn. Die Pestepidemien und die Gefahr der Wehrmacht des Osmanischen Reiches taten das Ihrige, um die Menschen zu ängstigen. In dieser Zeit der Schwäche des politischen Systems litt auch die religiöse Einstellung der Menschen unter diesen Zuständen. Als Gegenbewegung entstanden die Bettelorden, namentlich der Franziskaner, die dem Glaubensverlust, wie erwähnt, mit ihrer „Binnenmission“ Einhalt gebieten wollten. Die politischen und sozialen Wirren führten nicht bei allen Menschen zu einer moralischen und kulturellen Verarmung, sondern bei vielen auch zu einer Ver-innerlichung, welche schließlich in die Mystik eines Meisters Eckhart (um 1260–1327/28) mündete. Diese Geisteshaltung färbte auch auf die Künstler der damaligen Zeit ab. Sie zeigten in kritischer Weise und andererseits in ihrem weltfreudigen Individualismus die Schwächen des politischen Systems auf. Es trat nun in den Darstellungen das Leiden Christi in den Vordergrund. In Fastnachtsspielen und Umzügen sah man eine Möglichkeit, seine Frömmigkeit auszuleben. Martin Schongauer, Maler und Kupferstecher aus Colmar (um 1445/1450–1491), hat diesen Zeitgeist in der neuen Technik des Kupferstichs in realistischen Szenen zum Ausdruck gebracht. Dieses neue Medium verschaffte wegen seiner Vervielfältigungsmöglichkeit dem Meister aus Colmar große Popularität.
Im Spätmittelalter zerbrach der Integrationsgedanke der Kaiseridee, wonach verschiedene Nationen, auch Juden, unter einem Herrscher in Frieden leben, an den zentrifugalen Kräften der Fürstenhäuser, welche zu erbitterten Konkurrenten im Kampf um die Vorherrschaft wurden. Was für die Fürsten damals eine strategische Kunst darstellte, war für die Untertanen der „tägliche Krieg“. Schon als Rudolf von Habsburg 1273 von den Fürsten zum deutschen König gewählt wurde, waren diese Prinzipien der Kaiseridee bereits verblasst. Der Krieg war nicht mehr wie früher eine Revanche wegen einer erlittenen Schmach, sondern ein politisches Kalkül, das sehr teuer war. Die finanzielle Basis bildete das aufstrebende Bürgertum.
Juden waren den Fürsten steuerlich direkt unterstellt, woraus ihr Schutz resultierte. Kam es nun bei Kriegszügen zu Massakern an der Zivilbevölkerung, wie 1332 bei einem Böhmeneinfall, wo in Pulkau 400 Einwohner getötet und zahlreiche verschleppt wurden, waren die in den betroffenen Orten wohnenden Juden starken Anfeindungen ausgesetzt. Die kürzeste Nachricht von den Ereignissen im Jahr 1338 ist in den Melker Annalen zu lesen: „In diesem Jahr wurde der Leib des Herrn in Pulkau gefunden und es geschah eine große Judenverfolgung in mehreren Gegenden.“ Die problematischen Darstellungen der Hostienschändung auf demSockel des Flügelalters in Pulkau entstanden fast 180 Jahre später. Der Maler wählte jene Legendenvariante, wonach die Frevler die misshandelte Hostie beim Bründl in einen Tümpel geworfen hätten, von wo sie dann im Bach bis nach Pulkau geschwommen und dort aufgefunden worden wäre. Die ausgefallene Version wertete einerseits die Bedeutung der Quelle auf, wo die Hostie angeblich hineingeworfen worden sei, und beflügelte andererseits den Maler durch die romantische Naturkulisse in seiner Landschaftsdarstellung.
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Das Weltbild des Mittelalters in Europa war maßgeblich von der vorhergehenden Existenz des Römischen Imperiums geprägt. Dieses hatte sich im Osten mit Byzanz bis zu dessen Eroberung durch die Türken (1453) über 1000 Jahre nicht nur konserviert, sondern ist im Jahre 800 mit der Kaiserkrönung Karls des Großen durch Papst Leo III. und vor allem durch die Gründung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahre 962, als sich Otto I. von Papst Johannes XII. zum Kaiser krönen ließ, nominell erneuert worden. Diese Tatsache kann alleine dadurch belegt werden, dass die lateinische Sprache bis in die 60er-Jahre des 20. Jh.s bei der heiligen Messe sowie beim ersten Studienabschnitt der Rechtswissenschaften (Ius Romanum) und als Hauptfach in den Gymnasien den Ton angab.
Die weltliche und die geistliche Macht waren aufeinander angewiesen. Der Papst wurde im Fall von Thronstreitigkeiten manchmal sogar zum Schiedsrichter in der Reichspolitik, etwa Papst Innozenz III. Die sogenannte „Pax Romana“ oder „Pax Augusta“ war das offizielle Ziel der Reichspolitik des Mittelalters. Dass die Realität anders aussah, zeigt die „Treuga Dei“, die Waffenruhe Gottes, welche von der Kirche als Fehdeverbot zu bestimmten Tagen und Zeiträumen (Karwoche) erstmals in Lüttich 1082 verkündet wurde.
Einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der neuen europäischen Zivilisation leisteten die Klöster, namentlich im ländlichen Raum. Die vorhin erwähnte Vision des Gottesfriedens, welcher als ein Ansatz des von Jesus verkündeten Gottesreiches auf Erden aufgefasst wurde, ließ die romanischen Dome und gotischen Kathedralen entstehen, welche den Zeitgenossen wie „Himmelsburgen“, als die sie auch gedacht waren, erscheinen mussten.
Das Scheitern der Kreuzzüge, der Niedergang des Levantehandels durch das Vordringen der Türken, aber auch wirtschaftliche Einbußen wie der Niedergang der Hanse, sowie Naturkatastrophen (Heuschreckenschwärme) und die darauf folgenden Missernten führten in der Bevölkerung zu depressiven Erscheinungen, die seitens der neu gegründeten Bettelorden mit deren Binnenmission abzufangen versucht wurden. Eine Vertiefung des Glaubens, namentlich in bürgerlichen Kreisen, aber auch ein Wunderglaube, der von den Bettelorden unterstützt wurde, waren die Folge.
Kleiner Auszug aus der Entwicklung der christlichen Sakralarchitektur
Bereits unter Kaiser Nero (54–68 n. Chr.) existierten Christen in Rom. Da sie verfolgt wurden, verwendeten sie Höhlen und alte Grabbauten, die Katakomben, als Zufluchts- und Versammlungsstätten. Dort wurden auch ihre Toten bestattet. Die Wände waren mit frühchristlichen Symbolen geschmückt.
Nach dem Toleranzedikt unter Kaiser Konstantin (313) fanden die Messfeiern in den Räumen von römischen Häusern bzw. Villen statt. Dabei spielte die Exedra oder Apsis (griech. halbrunde Nische) eine zentrale Rolle.
Als das Christentum unter Kaiser Theodosius im Jahre 380 n. Chr. zur Staatsreligion erhoben wurde, diente die Apsis als Abschluss des neu entstandenen Kirchenraumes der frühchristlichen Basilika.
In den folgenden Jahrhunderten wurde die römische Baukunst in der Nachfolge des Römischen Imperiums von den jungen Staaten Europas übernommen. Es entstand aus vorromanischen Kirchenbauten mit Holzdecke die sog. romanische Baukunst, die die Kirchenräume mit halbrunden Steingewölben abschloss.
In der Gotik wurde die Apsis vom polygonalen (vieleckigen) Chor abgelöst. Bei den Klosterkirchen wurde der Chor in die Länge gezogen, um für die Mönche Platz zu schaffen. Die Bauhütte, die in Pulkau an der Errichtung der Blutkirche tätig war, kam wahrscheinlich aus Mähren und folgte dem Ideal der Bettelorden wie in Dolni Kounice (westlich von Brünn), siehe Abbildungen 5 bis 8 auf den folgenden Seiten.
Die Rolle der Klöster in der Geschichte
Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches entstand mit der Gründung des ersten Klosters am Monte Cassino (529) durch Benedikt von Nursia jene Einrichtung, welche die Kultur Europas entscheidend prägen, vielleicht sogar vor dem Untergang retten sollte: die Klöster. Mit ihrer Hilfe wurden die römische Kultur und Zivilisation auf die jungen Völker Europas übertragen. Dies war gleichzeitig auch die Basis des Reiches Karls des Großen. Mit dem Leitspruch „ora, labora et lege“ (bete, arbeite und lese!) setzten die Mönche die kulturelle Entwicklung der Bevölkerung in Gang. Von den Klöstern aus wurden zahlreiche Grangien (granum = Korn) gegründet. Es waren dies Wirtschaftshöfe mit vorbildlicher Wirkung auf die Bevölkerung. Die geistlichen Grundherrschaften verfügten über Knechte und Mägde sowie hörige Bauern, die das Land bewirtschafteten. Es gab sogar einen eigenen Priester und eine Kapelle für das geistliche Wohl der Untertanen. Mit den heutigen Einrichtungen verglichen, war so ein Wirtschaftshof zugleich Bezirkshauptmannschaft und Bezirksgericht in einem. Neben den Räumen zum Speichern von Wein und Getreide gab es in diesen Höfen auch amtliche Einrichtungen wie den Gerichtsraum, den Kotter sowie die soziale Einrichtung eines Findelhauses für elternlose Kinder. Namentlich Pulkau war wegen seiner für den Weinbau günstigen Bodenverhältnisse reich an solchen Höfen. Sogenannte „Lesehöfe“ gab es in Pulkau (Pöltingerhof, Geraser Hof, Pernegger Hof, Roter Hof und Wittingauer Hof) sowie in Leodagger, Rafing und Groß-Reipersdorf. Manchmal waren diese Höfe Mühlen, etwa in Pulkau das Haus Hauptstraße Nr. 22. Lesehöfe waren auch der Pfarrhof und der Schottenhof (heute Apotheke, Rathausplatz 10).
Im Jahre 1269 wurde durch Graf Heinrich von Plain-Hardegg und seine Frau Wilbirg, gemeinsam mit Heinrich von Kuenring und dessen Frau Kunigunde in Altmelon südlich von Arbesbach im heutigen Bezirk Zwettl ein Zisterzienserinnenkloster gegründet. Wegen der unwirtlichen Gegend wurde das Kloster 1277 verlegt, und zwar nach Krug westlich von Horn auf das Gebiet des Grafen von Maissau. Es wurde daraufhin St. Bernhard genannt. Zu dem Stiftungsgut des Klosters gehörte von Anfang an neben Weingärten und anderen Einkünften auch eine Grangie, also ein Meierhof in Leodagger (heute Haus Nr. 12) bei Pulkau, der sich heute im privaten Besitz von Frau Gabriele Macht befindet. Hier wurde um 1370 ein Findelkind von den Klosterfrauen aufgenommen und auf den Namen Petrus getauft. Es war dies jener Petrus Czech de Pulkau, der 1387/88 an der 1365 gegründeten Universität Wien inskribierte und zu einem der bedeutendsten Theologen seiner Zeit wurde. Er war drei mal Rektor der Universität (1407, 1411 und 1421). Als Vertreter des Bistums Passau war er auf den Reformkonzilien von Pisa (1409) und Konstanz (1414–1418) zugegen.
In Leodagger gab es noch ein Klarissinnenkloster, welches 1323 erwähnt wird und das 1586 wieder aufgelöst wurde. Es befand sich einst im Haus Nr. 2 (heute Margarete Brunner). Das dahinterliegende Haus Nr. 1 (heute Herbert Wurst) war der seinerzeitige Wirtschaftshof zu dem genannten Kloster. Im Spätmittelalter gab es bekanntlich zahlreiche Naturkatastrophen und in deren Folge kam es unter der Bevölkerung zu einer Verrohung der Sitten und auch zu einem Abkommen des Glaubens. Andererseits schlossen sich in dieser Zeit öfters Männer und Frauen zu religiösen Gemeinschaften (Bettelorden) zusammen. Die Klarissen wurden vom hl. Franziskus und der hl. Clara gegründet. Gemeinsam betrieben nun die Franziskaner und Klarissen eine Art Binnenmission.
Die Entwicklung der Christusdarstellung von den Anfängen bis ins Spätmittelalter
Die bildliche Darstellung von Jesus setzt erst im 3. Jh. ein, da vorher bei den Christen das jüdische Bilderverbot vorherrschte. Mit der steigenden Zahl der Christen unter den römischen Bürgern werden wieder bildliche Darstellungen üblich. Sie sind aber wegen der Christenverfolgungen nur in den Katakomben anzutreffen. Die ersten Bilder von Jesus stellen ihn als guten Hirten wie den antiken Gott Orpheus bartlos und umgeben von wilden Tieren dar. Das früheste „Porträt“ von Jesus zeigt ihn als Lehrer mit Vollbart, flankiert von den Buchstaben Alpha und Omega. Mit dem Toleranzedikt von Mailand (313) von Kaiser Konstantin und vor allem unter Kaiser Theodosius (379–395), unter dem das Christentum Staatsreligion wird, wendet sich das Blatt. 384 verfügt der Kaiser die Schließung der heidnischen Tempel. Gleichzeitig wird eine der frühesten Kirchen Roms, nämlich Santa Pudenziana, eingeweiht. (Das Patrozinium geht auf das Martyrium der Töchter von Pudens zurück, der noch ein Schüler des Apostels Paulus gewesen sein soll). Nach ca. 350 Jahren thront also in Rom nun im kaiserlichen Ornat nicht mehr der Kaiser, sondern Jesus Christus. Man sieht ihn erstmals bärtig wie einen Philosophen auf einem Thron sitzen, inmitten seiner in senatorische Gewänder gekleideten Apostel (39). Nach dem Niedergang von Byzanz entstehen neue Kunstzentren in Italien, allen voran der Stadtstaat Florenz. Der erste große Künstler aus dieser Gegend war Giotto di Bondone (gest. 1337), dessen Darstellungen erstmals emotionale Züge aufweisen.
In dieser Zeit tritt auch vermehrt die Kreuzesdarstellung auf (Andachtsbilder). Im Spätmittelalter erreicht das Jesusbild seinen Höhepunkt im Ausdruck des Leidens (Matthias Grünewald, gest. 1528).
TEIL I
Zur Ikonographie des Pulkauer Flügelaltars
Im Spätmittelalter (14. und 15. Jh.) geriet das Reich aufgrund seiner Zerrissenheit – es gab ca. 30 weltliche und 50 geistliche Reichsfürsten – in eine Dauerkrise. Das Kaisertum blieb aufgrund der Lehensstaatlichkeit steuerlich von den Landständen abhängig, die sich aber ihrerseits durch Verwaltungsbeamte weiterentwickelten. Auch das Papsttum geriet in seiner weltlichen Verstrickung in die Abhängigkeit Frankreichs („Babylonische Gefangenschaft“ in Avignon 1309–1376). Das Rittertum verlor seine Funktion als Bewahrer des Reiches, weil die Fürsten es durch Söldnerheere ersetzten. Die Bauern verarmten am Ende der Kolonisation durch Erbteilung und schlechtere Rechtsverhältnisse (römisches Recht) und gerieten in Leibeigenschaft des Grundherrn. Die Pestepidemien und die Gefahr der Wehrmacht des Osmanischen Reiches taten das Ihrige, um die Menschen zu ängstigen. In dieser Zeit der Schwäche des politischen Systems litt auch die religiöse Einstellung der Menschen unter diesen Zuständen. Als Gegenbewegung entstanden die Bettelorden, namentlich der Franziskaner, die dem Glaubensverlust, wie erwähnt, mit ihrer „Binnenmission“ Einhalt gebieten wollten. Die politischen und sozialen Wirren führten nicht bei allen Menschen zu einer moralischen und kulturellen Verarmung, sondern bei vielen auch zu einer Ver-innerlichung, welche schließlich in die Mystik eines Meisters Eckhart (um 1260–1327/28) mündete. Diese Geisteshaltung färbte auch auf die Künstler der damaligen Zeit ab. Sie zeigten in kritischer Weise und andererseits in ihrem weltfreudigen Individualismus die Schwächen des politischen Systems auf. Es trat nun in den Darstellungen das Leiden Christi in den Vordergrund. In Fastnachtsspielen und Umzügen sah man eine Möglichkeit, seine Frömmigkeit auszuleben. Martin Schongauer, Maler und Kupferstecher aus Colmar (um 1445/1450–1491), hat diesen Zeitgeist in der neuen Technik des Kupferstichs in realistischen Szenen zum Ausdruck gebracht. Dieses neue Medium verschaffte wegen seiner Vervielfältigungsmöglichkeit dem Meister aus Colmar große Popularität.
Im Spätmittelalter zerbrach der Integrationsgedanke der Kaiseridee, wonach verschiedene Nationen, auch Juden, unter einem Herrscher in Frieden leben, an den zentrifugalen Kräften der Fürstenhäuser, welche zu erbitterten Konkurrenten im Kampf um die Vorherrschaft wurden. Was für die Fürsten damals eine strategische Kunst darstellte, war für die Untertanen der „tägliche Krieg“. Schon als Rudolf von Habsburg 1273 von den Fürsten zum deutschen König gewählt wurde, waren diese Prinzipien der Kaiseridee bereits verblasst. Der Krieg war nicht mehr wie früher eine Revanche wegen einer erlittenen Schmach, sondern ein politisches Kalkül, das sehr teuer war. Die finanzielle Basis bildete das aufstrebende Bürgertum.
Juden waren den Fürsten steuerlich direkt unterstellt, woraus ihr Schutz resultierte. Kam es nun bei Kriegszügen zu Massakern an der Zivilbevölkerung, wie 1332 bei einem Böhmeneinfall, wo in Pulkau 400 Einwohner getötet und zahlreiche verschleppt wurden, waren die in den betroffenen Orten wohnenden Juden starken Anfeindungen ausgesetzt. Die kürzeste Nachricht von den Ereignissen im Jahr 1338 ist in den Melker Annalen zu lesen: „In diesem Jahr wurde der Leib des Herrn in Pulkau gefunden und es geschah eine große Judenverfolgung in mehreren Gegenden.“ Die problematischen Darstellungen der Hostienschändung auf demSockel des Flügelalters in Pulkau entstanden fast 180 Jahre später. Der Maler wählte jene Legendenvariante, wonach die Frevler die misshandelte Hostie beim Bründl in einen Tümpel geworfen hätten, von wo sie dann im Bach bis nach Pulkau geschwommen und dort aufgefunden worden wäre. Die ausgefallene Version wertete einerseits die Bedeutung der Quelle auf, wo die Hostie angeblich hineingeworfen worden sei, und beflügelte andererseits den Maler durch die romantische Naturkulisse in seiner Landschaftsdarstellung.
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