Den Krieg überleben in Gronau
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 158
ISBN: 978-3-99146-683-3
Erscheinungsdatum: 19.08.2024
Am Schicksal einer Familie zeigt der Autor, wie die Menschen von der nationalsozialistischen Propaganda geblendet wurden. Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges kommen in diesem Buch auf leisen Sohlen.
Vorwort
Vor über 70 Jahren tobte in Deutschland, in Europa, ja in der ganzen Welt der Zweite Weltkrieg. Dieser Roman wirft ein Licht auf einen kleinen Ausschnitt des Kriegsgeschehens wie durch ein Vergrößerungsglas, um das detaillierte Erleben und Erleiden einer einzigen Familie konkret nachzuzeichnen. Im Schicksal dieser Familie „in der Heimat“ spiegeln sich die militärischen Kämpfe an den Fronten und der politisch-ideologische Hintergrund des weltweiten Konfliktes.
Wie in jedem Krieg der Völker hatten nicht nur die Soldaten in die gewaltsame Auseinandersetzung aktiv einzugreifen und diese passiv zu erleiden, sondern es war in höchstem Maße auch ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Die Grausamkeit des Krieges betraf die deutsche Bevölkerung aber nicht nur im Bombenhagel der Städte und nicht nur in der Fluchtbewegung aus dem Osten, sondern in diesem Roman geht es im dramatischen Kriegserlebnis um Leben und Tod einer bürgerlichen Familie in einer deutschen Kleinstadt in den Jahren 1939–1945.
Das Jahr 1944 mitten in Deutschland war geprägt von der gespannten Erwartung der Menschen auf die von Westen immer näher heranrückende Front des Krieges und gleichzeitig auf die kommende ungewisse Veränderung ihrer gesellschaftlich-politischen Einstellung mit dem Ende des Nationalsozialismus.
Der Roman weist über die Berichte historischer Ereignisse, auf die er zurückgeht, weit hinaus, indem er einen Einblick vermittelt in nationale Ideologien, in größte Kriegsgefahren, in persönliche Schicksale und in Lebensleiden und Lebenswillen einer Generation im 20. Jahrhundert.
Kriegsausbruch
Der Zweite Weltkrieg 1939–1945 kam für Familie Sievers in dem Städtchen Gronau/Leine mitten in Deutschland keineswegs überraschend, wenn auch nicht gewollt. Damals war man den gegenwärtigen politischen Umständen bewusst, die schließlich den Krieg auslösten, hatte aber insgeheim gehofft, der Friede könnte erhalten werden. Das Leben wurde deutlich überstrahlt von der nationalsozialistischen Ideologie, wie überragend wichtig das Deutschtum zu erhalten und noch weiter auszubreiten wäre.
In dieser Situation wurden Nachrichten vom Leben der Menschen im östlich benachbarten Polen, das zu einem großen Teil von Polen und Deutschen gemischt bewohnt wurde, tief erschreckend übermittelt. Erschreckend, weil die deutsche Minderheit hauptsächlich im westlichen Polen in der nationalsozialistischen Beurteilung des „guten und besseren Deutschtums“ angeblich von den Polen missachtet und unterdrückt wurde, was angeblich zu unerträglichen Leiden der deutschen Minderheit führte.
So entfesselten die Nationalsozialisten in Deutschland den Zweiten Weltkrieg, indem sie Soldaten nach Polen einmarschieren ließen, um die dortige deutsche Bevölkerung „zu befreien“.
Hitlers Rede zu dem von ihm angezettelten Krieg hörten alle am Radio „… seit heute wird zurückgeschossen …“ sollte den Eindruck erwecken, als wäre der von ihm befohlene Einmarsch deutscher Truppen über die Ostgrenze nach Polen hinein lediglich eine Reaktion auf böswillige Übergriffe der Polen auf die friedliche deutsche Bevölkerung gewesen.
Bei diesem Einmarsch deutscher Truppen nach Polen hinein wurde missachtend in Kauf genommen, dass Polen schon lange vorher angesichts der wachsenden Bedrohung durch Deutschland die Engländer und die Franzosen auf der anderen Seite Europas vertraglich als Verbündete gewonnen hatte zum Schutz gegen die Übermacht der Nationalsozialisten in Deutschland. Diesem Bündnis Polen-England-Frankreich entsprechend erklärten nun nach dem Kriegsausbruch auch diese beiden Länder Deutschland den Krieg.
Familienleben privat im Krieg
Die Familie Sievers erlebte gleich nach der Kriegserklärung in den nächsten Tagen einen Einschnitt in ihr Leben: Heinrich Sievers, Elektro-Ingenieur im Überlandwerk Leinetal in Gronau, wurde mit der Leitung des Elektrowerkes beauftragt, weil der eigentliche Leiter sogleich zur Wehrmacht eingezogen worden war. Erst später sollte sich herausstellen, was das für das Privatleben der Familie bedeutet: Bei jedem Fliegeralarm musste Heinrich sich sogleich ins Werk begeben.
Dann wurden alle Einwohner Gronaus zu einer bedeutenden Veränderung ihrer Wohnungsgewohnheiten aufgefordert. Da alle Länder inzwischen eine Menge von Flugzeugen gebaut hatten, musste ein Übergreifen des Krieges auf die gegenseitige Lufthoheit der Länder befürchtet und abgewendet werden. Um feindlichen Flugzeugen nachts das Überfliegen und die Orientierung über Städten und Dörfern Deutschlands unmöglich zu machen, wurde eine allgemeine Verdunkelung beleuchteter Gebäude und Straßen und bei Nacht angeordnet. Die Luftschutzvorschriften enthielten ein allgemeines Verbot von Licht in der Öffentlichkeit.
Darum versah Familie Sievers die Fenster in allen Wohnräumen mit einem Rollo aus dunklem Papier. Ebenso wurden auch alle Geschäfte, Einrichtungen, Fabriken, Verwaltungen, und so weiter, völlig verdunkelt, was allgemein sorgfältig überprüft wurde. Ging man nun im Dunklen in irgendein Zimmer, so erst zum Fenster und alles verdunkelt, und dann zurück zum Lichtschalter an der Tür. Freilich war in der ersten Kriegszeit kein Überfliegen durch feindliche Flugzeuge zu befürchten, und daher gab es auch zunächst keinen Fliegeralarm.
In den ersten Kriegsjahren wurde der älteste Sohn Reinhard Soldat, und der Zweite, Detlef, wurde als Schüler zu den Flakhelfern eingezogen, die in Fliegerabwehrstellungen großer Städte teilweise Dienst als Soldat leisten mussten und andererseits noch Schulunterricht hatten.
In der Absicht, in Gronau ein regionales Schulzentrum für die umliegenden Dörfer zu entwickeln, hatte die Stadt lange vor dem Krieg eine schöne große Kreismittelschule hinter der westlichen Leinebrücke gebaut. Gleich nach Kriegsausbruch musste aber zusätzlich zum Krankenhaus ein Lazarett für verwundete Soldaten geschaffen werden. Nun wurde das neue Gebäude Kreismittelschule zu einem solchen Lazarett umgewidmet. Der Mittelschul-Unterricht musste dann mit in die Volksschule in der Nordstraße umgeleitet werden. Das führte natürlich zu vielen Engpässen, und an beiden Schulen im gleichen Gebäude zu Unterrichtsausfällen.
Lebensmittel rationiert
Als der Krieg ausbrach, wurden sämtliche Grenzen Deutschlands gesperrt, das bedeutete keine Einfuhr und Ausfuhr von Gütern, bis auf wenige, sorgfältig kontrollierte Ausnahmen. Deshalb war die Ernährung der Bevölkerung lediglich auf die im eigenen Land angebauten und produzierten Lebensmittel beschränkt. Also auch keine Baumaterialien, Textilien, Maschinen, Werkzeuge und so weiter aus dem Ausland, und schon gar keine Südfrüchte. Bananen und Apfelsinen schmeckte man während des ganzen Krieges nicht.
Das bedeutete eine strenge Rationierung von allen Lebensmitteln. Alle Esswaren durften nur mit Lebensmittelmarken verkauft werden, die für jede einzelne Person ausgegeben wurden, so für Brot, Fleisch, Zucker, Milch, Butter, und so weiter. Die Händler schnitten die bestimmten Marken von der Lebensmittelkarte ab, sammelten sie und reichten sie an den Großhandel weiter, um neue Waren zu beschaffen. Das so begrenzte Essen reichte gerade zum Sattwerden.
Ausnahmsweise gab es manchmal Sonderzuteilungen, so für Schwerarbeiter, für Kranke und Behinderte. Für besondere Bedürfnisse gab es auf Antrag extra Bezugsscheine, so für Textilien heranwachsender Kinder.
Der Garten – ein Segen
Zu jeder Wohnung gehörte in Gronau gewöhnlich ein Schrebergarten. Wo der Leine-Fluss sich teilte, bildete er für die Stadt Gronau eine Insel, die so von beiden Leinearmen umgeben war. Überall an diesen Leine-Ufern gab es rings um die Stadt Garten an Garten mit einem Zugang durch zwei Meter breite Fußwege, genannt Nordwall und Südwall. Diese reiche Ausstattung mit Schrebergärten versorgte die Bewohner mit Obst und Gemüse und teilweise auch mit Hühnern und Eiern.
Entsprechend gehörte der Familie Sievers außer ihrem Hausgarten auch noch ein guter Garten am Nordwall. Das kam nun der Familie angesichts der stark eingeschränkten Lebensmittel mit allerlei Obst und Gemüse zugute, zumal es in der ganzen Stadt kein einziges Obst- und Gemüsegeschäft gab.
Allerdings machten beide Gärten natürlich viel Arbeit. Dazu verwendete Heinrich alle private Zeit neben der Berufstätigkeit, und die Kinder wurden neben der Schule auch tüchtig zur Gartenarbeit herangezogen. Im Keller wurden alle möglichen Gartenfrüchte für den ganzen Winter in Kisten und Kästen und Töpfen sorgfältig aufbewahrt, auch Eingekochtes in Gläsern für die langen Monate.
Sievers hielten sich auch einige Hühner in einem Drahtgehege und hölzernem Stall im Garten. So hatte man oft Eierspeisen zu essen und ab und zu einen Braten.
Vieles nicht mehr zu kaufen
Kriegsbedingt konnte man nun auch keine Textilien mehr kaufen, keine Schuhe und sonstige Gebrauchsgegenstände, so dass die Hausfrau für die Pflege und Reparatur sämtlicher Kleidung der Familienmitglieder sorgen musste. Für besondere Fälle konnte man Extra-Bezugsscheine beantragen. Liselotte arbeitete nun oft stundenlang an der Nähmaschine, deren Stiche durch schwenkbare Fußtreter angetrieben wurden.
Man wurde unheimlich sparsam, trug Kleidung bis zum letzten Fetzen. Man wurde erfinderisch, nahm Bindfaden statt Schnürsenkel, tauschte kostbare Gegenstände ein, zum Beispiel goldene Blumenvasen gegen Gebrauchsmaterial, zum Beispiel Fahrradflickzeug.
Ein Textilgeschäft in Gronau konnte nur noch alle möglichen Uniformen für Parteimitglieder, Hitlerjugend und so weiter verkaufen.
Nun gab es auf Gronaus Straßen nur noch wenig Verkehr. Alle Privatautos wurden beschlagnahmt und für die Armee eingezogen. Deswegen wurden die Seitenstraßen vielfach zu Spielplätzen für Kinder, wenn die Straßen nicht vom Militär oder für politische Aufmärsche benutzt wurden.
Zunehmender Luftkrieg
Sowie Fliegeralarm ertönte, hieß die Vorschrift, sich sogleich in den Luftschutzkeller des Hauses zu begeben, zu dem rechtzeitig immer ein bestimmter Raum im Keller eingerichtet werden musste mit Betten, Decken, und so weiter. Veranstaltungen, Einkäufe, Gottesdienste und manchmal auch die Arbeitsplätze musste dann verlassen werden zu den Luftschutzkellern oder ‑bunkern, die auch für die Öffentlichkeit eingerichtet wurden.
Als der Luftkrieg zunehmend zunahm, traute man sich zuweilen in den Garten, um überfliegende feindliche Flugzeugformationen zu beobachten, die deutsche Großstädte in Schutt und Asche zerbombten. Die Verbände bestanden aus zwanzig bis fünfzig viermotorigen Flugzeugen. Man konnte auch eine Reihe leichter wendiger feindlicher Jagdflugzeuge zum Schutz der Formationen beobachten, und manchmal auch deutsche Jagdflugzeuge, die die Feinde anzugreifen suchten.
Die Schülerinnen und Schüler wurden bei Fliegeralarm während des Unterrichts in den ausgebauten Luftschutzkeller der Schule geschickt oder, wenn sie in der Nähe wohnten, nach Hause. Nach der Entwarnung ging dann der Unterricht so gut es ging weiter. Jedenfalls durfte sich während des Fliegeralarms kein Mensch auf der Straße sehen lassen, selbstverständlich ruhte auch jeglicher Straßenverkehr.
Nur der Eisenbahnbetrieb ging trotz des Alarms weiter, weil die Bahn sonst völlig aus dem Plan geraten würde. Nur mussten alle Fahrgäste beim nächsten größeren Bahnhof aussteigen, um dort im groß ausgebauten Luftschutzkeller die Entwarnung abzuwarten. Die Bahn fuhr dann leer weiter.
Familie Sievers nahm nun einige „Ausgebombte“ auf in zwei Zimmer im Obergeschoß ihres Einfamilienhauses, drei Personen aus der völlig zerstörten Stadt Hannover. Allerdings war das Haus nicht für zwei Familien eingerichtet, so dass man sich in dem einen Badezimmer und in einer Küche auf zwei Haushalte einrichten musste, so gut es ging. Man vertrug sich aber einigermaßen, zumal die Hannoveraner musikalisch waren, Vater und Sohn mit Cellos. Gelegentlich konnte man gemeinsam mit Sievers Klavier zusammen musizieren.
Der Krieg fordert Tote
In vielen Familien änderte sich das Leben grundsätzlich, weil alle lebenstüchtigen Männer von 18 Jahren bis an die Altersgrenze zum Militär eingezogen wurden. Die Versorgung und Steuerung der Familie oblag also den Frauen und Müttern. Dadurch wurden auch weniger Kinder geboren.
Wie ein Blitz schlug ab und zu in einer Familie die Nachricht ein, dass der Mann an der Front als Soldat gefallen sei. Das betraf natürlich nicht nur die Väter in den Familien, sondern auch die heranwachsenden Söhne als Soldaten. Nicht immer konnten die Beerdigungen auf dem heimatlichen Friedhof stattfinden. In solchen Fällen bot die Kirche in Gronau eine Trauerfeier an, um Trost zu geben, und Anteilnahme durch soziale Nähe.
Männer fehlen als Arbeiter
Der Einzug von Männern zum Militär in großem Maße hatte den Ausfall von Arbeitskräften in allen Bereichen in Deutschland zur Folge. Viele Betriebe mussten deshalb schließen, wenn es nicht möglich war, als Ersatz Frauen zu verpflichten.
In der Gronauer Papierfabrik wurden nun französische Kriegsgefangene als Fabrikarbeiter einquartiert. Die Gefangenen wurden nicht wie anderswo in Lagern gefangen gehalten, sondern man nutzte ihre Arbeitskraft aus. Viele Gefangene wurden auch in der Landwirtschaft dringend benötigt und eingesetzt. Heinrich berichtete, wie fleißig und geschickt ausländische Kriegsgefangene sich im Elektrizitätswerk betätigten.
Dem Mangel von unbedingt nötigen Arbeitern wurde im Laufe des fortschreitenden Krieges begegnet durch die Arbeitsverpflichtung ausländischer Frauen in deutschen Firmen. In Gronau gab es eine Lederwarenfabrik, die unbedingt wichtig war für die Herstellung von Uniformen, Patronentaschen und so weiter für das Militär. So wurden in einer Baracke etwa hundert polnische und russische Frauen untergebracht, die tagsüber in die Lederwarenfabrik gingen zur Arbeit.
Man hing am Radio
Eine große Rolle für die Information der Bevölkerung über die Kriegsereignisse spielte der Rundfunk. Es gab zu bestimmten Zeiten den „Wehrmachtsbericht“ über das jeweilige Frontgeschehen, und ab und zu über besonders siegreiche Ereignisse „Sondermeldungen“. Diese Rundfunknachrichten wurden politisch zur ideologischen Aufmunterung des Volkes propagandistisch genutzt. Darum bemühten sich viele um die Unterscheidung von Wahrheit und Propaganda. Man hing am Radio und verfolgte das Geschehen auch auf einer an der Wand hängenden Landkarte von Europa.
Eine sehr beliebte Rundfunksendung in diesen anfänglichen siegreichen Kriegsjahren war das monatliche „Wunschkonzert“ mit populär beliebten Orchestern, Solisten, Chören, Sängerinnen und Sängern. Melodiöse Partien aus Opern, Operetten und Orchesterwerken wurden dabei abgewechselt mit Interviews und Berichten und Grüßen von Soldaten. Das Kriegsgeschehen sollte in der Vermittlung von Front und Heimat möglichst von allen fröhlich begrüßt werden.
Der Krieg verschärft sich
Zu einem neuen Höhepunkt des Kriegsgeschehens kam es 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen nach Russland bis vor die Tore von Leningrad (Petersburg) und Moskau. Nun griffen auch die USA in den Krieg gegen Deutschland ein an der Seite von England und Russland mit starkem Seekrieg und übermächtigem Luftkrieg.
Zum Höhepunkt kam es 1943 beim Kampf um Stalingrad (Wolgograd), eine der größten Städte Russlands an der Wolga. Mit einer deutschen Niederlage bei diesem Kampf und dem Verlust von Tausenden deutscher Soldaten tot oder als Kriegsgefangene in Russland kehrte sich nun Deutschlands gesamte Strategie um in Verteidigungskämpfe und Rückzugsbewegungen.
Diese Wendung des Krieges betraf nun auch verschärft die Menschen in Deutschland. Starke Bomberverbände der USA und Englands flogen vermehrt über Deutschland und warfen haufenweise Bomben zur Vernichtung deutscher Städte ab.
Zugleich begannen starke amerikanische Truppen, Europa von den Deutschen zurückzuerobern, angefangen an den Rändern Europas in Italien, Frankreich, Norwegen, und so weiter.
Vor über 70 Jahren tobte in Deutschland, in Europa, ja in der ganzen Welt der Zweite Weltkrieg. Dieser Roman wirft ein Licht auf einen kleinen Ausschnitt des Kriegsgeschehens wie durch ein Vergrößerungsglas, um das detaillierte Erleben und Erleiden einer einzigen Familie konkret nachzuzeichnen. Im Schicksal dieser Familie „in der Heimat“ spiegeln sich die militärischen Kämpfe an den Fronten und der politisch-ideologische Hintergrund des weltweiten Konfliktes.
Wie in jedem Krieg der Völker hatten nicht nur die Soldaten in die gewaltsame Auseinandersetzung aktiv einzugreifen und diese passiv zu erleiden, sondern es war in höchstem Maße auch ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Die Grausamkeit des Krieges betraf die deutsche Bevölkerung aber nicht nur im Bombenhagel der Städte und nicht nur in der Fluchtbewegung aus dem Osten, sondern in diesem Roman geht es im dramatischen Kriegserlebnis um Leben und Tod einer bürgerlichen Familie in einer deutschen Kleinstadt in den Jahren 1939–1945.
Das Jahr 1944 mitten in Deutschland war geprägt von der gespannten Erwartung der Menschen auf die von Westen immer näher heranrückende Front des Krieges und gleichzeitig auf die kommende ungewisse Veränderung ihrer gesellschaftlich-politischen Einstellung mit dem Ende des Nationalsozialismus.
Der Roman weist über die Berichte historischer Ereignisse, auf die er zurückgeht, weit hinaus, indem er einen Einblick vermittelt in nationale Ideologien, in größte Kriegsgefahren, in persönliche Schicksale und in Lebensleiden und Lebenswillen einer Generation im 20. Jahrhundert.
Kriegsausbruch
Der Zweite Weltkrieg 1939–1945 kam für Familie Sievers in dem Städtchen Gronau/Leine mitten in Deutschland keineswegs überraschend, wenn auch nicht gewollt. Damals war man den gegenwärtigen politischen Umständen bewusst, die schließlich den Krieg auslösten, hatte aber insgeheim gehofft, der Friede könnte erhalten werden. Das Leben wurde deutlich überstrahlt von der nationalsozialistischen Ideologie, wie überragend wichtig das Deutschtum zu erhalten und noch weiter auszubreiten wäre.
In dieser Situation wurden Nachrichten vom Leben der Menschen im östlich benachbarten Polen, das zu einem großen Teil von Polen und Deutschen gemischt bewohnt wurde, tief erschreckend übermittelt. Erschreckend, weil die deutsche Minderheit hauptsächlich im westlichen Polen in der nationalsozialistischen Beurteilung des „guten und besseren Deutschtums“ angeblich von den Polen missachtet und unterdrückt wurde, was angeblich zu unerträglichen Leiden der deutschen Minderheit führte.
So entfesselten die Nationalsozialisten in Deutschland den Zweiten Weltkrieg, indem sie Soldaten nach Polen einmarschieren ließen, um die dortige deutsche Bevölkerung „zu befreien“.
Hitlers Rede zu dem von ihm angezettelten Krieg hörten alle am Radio „… seit heute wird zurückgeschossen …“ sollte den Eindruck erwecken, als wäre der von ihm befohlene Einmarsch deutscher Truppen über die Ostgrenze nach Polen hinein lediglich eine Reaktion auf böswillige Übergriffe der Polen auf die friedliche deutsche Bevölkerung gewesen.
Bei diesem Einmarsch deutscher Truppen nach Polen hinein wurde missachtend in Kauf genommen, dass Polen schon lange vorher angesichts der wachsenden Bedrohung durch Deutschland die Engländer und die Franzosen auf der anderen Seite Europas vertraglich als Verbündete gewonnen hatte zum Schutz gegen die Übermacht der Nationalsozialisten in Deutschland. Diesem Bündnis Polen-England-Frankreich entsprechend erklärten nun nach dem Kriegsausbruch auch diese beiden Länder Deutschland den Krieg.
Familienleben privat im Krieg
Die Familie Sievers erlebte gleich nach der Kriegserklärung in den nächsten Tagen einen Einschnitt in ihr Leben: Heinrich Sievers, Elektro-Ingenieur im Überlandwerk Leinetal in Gronau, wurde mit der Leitung des Elektrowerkes beauftragt, weil der eigentliche Leiter sogleich zur Wehrmacht eingezogen worden war. Erst später sollte sich herausstellen, was das für das Privatleben der Familie bedeutet: Bei jedem Fliegeralarm musste Heinrich sich sogleich ins Werk begeben.
Dann wurden alle Einwohner Gronaus zu einer bedeutenden Veränderung ihrer Wohnungsgewohnheiten aufgefordert. Da alle Länder inzwischen eine Menge von Flugzeugen gebaut hatten, musste ein Übergreifen des Krieges auf die gegenseitige Lufthoheit der Länder befürchtet und abgewendet werden. Um feindlichen Flugzeugen nachts das Überfliegen und die Orientierung über Städten und Dörfern Deutschlands unmöglich zu machen, wurde eine allgemeine Verdunkelung beleuchteter Gebäude und Straßen und bei Nacht angeordnet. Die Luftschutzvorschriften enthielten ein allgemeines Verbot von Licht in der Öffentlichkeit.
Darum versah Familie Sievers die Fenster in allen Wohnräumen mit einem Rollo aus dunklem Papier. Ebenso wurden auch alle Geschäfte, Einrichtungen, Fabriken, Verwaltungen, und so weiter, völlig verdunkelt, was allgemein sorgfältig überprüft wurde. Ging man nun im Dunklen in irgendein Zimmer, so erst zum Fenster und alles verdunkelt, und dann zurück zum Lichtschalter an der Tür. Freilich war in der ersten Kriegszeit kein Überfliegen durch feindliche Flugzeuge zu befürchten, und daher gab es auch zunächst keinen Fliegeralarm.
In den ersten Kriegsjahren wurde der älteste Sohn Reinhard Soldat, und der Zweite, Detlef, wurde als Schüler zu den Flakhelfern eingezogen, die in Fliegerabwehrstellungen großer Städte teilweise Dienst als Soldat leisten mussten und andererseits noch Schulunterricht hatten.
In der Absicht, in Gronau ein regionales Schulzentrum für die umliegenden Dörfer zu entwickeln, hatte die Stadt lange vor dem Krieg eine schöne große Kreismittelschule hinter der westlichen Leinebrücke gebaut. Gleich nach Kriegsausbruch musste aber zusätzlich zum Krankenhaus ein Lazarett für verwundete Soldaten geschaffen werden. Nun wurde das neue Gebäude Kreismittelschule zu einem solchen Lazarett umgewidmet. Der Mittelschul-Unterricht musste dann mit in die Volksschule in der Nordstraße umgeleitet werden. Das führte natürlich zu vielen Engpässen, und an beiden Schulen im gleichen Gebäude zu Unterrichtsausfällen.
Lebensmittel rationiert
Als der Krieg ausbrach, wurden sämtliche Grenzen Deutschlands gesperrt, das bedeutete keine Einfuhr und Ausfuhr von Gütern, bis auf wenige, sorgfältig kontrollierte Ausnahmen. Deshalb war die Ernährung der Bevölkerung lediglich auf die im eigenen Land angebauten und produzierten Lebensmittel beschränkt. Also auch keine Baumaterialien, Textilien, Maschinen, Werkzeuge und so weiter aus dem Ausland, und schon gar keine Südfrüchte. Bananen und Apfelsinen schmeckte man während des ganzen Krieges nicht.
Das bedeutete eine strenge Rationierung von allen Lebensmitteln. Alle Esswaren durften nur mit Lebensmittelmarken verkauft werden, die für jede einzelne Person ausgegeben wurden, so für Brot, Fleisch, Zucker, Milch, Butter, und so weiter. Die Händler schnitten die bestimmten Marken von der Lebensmittelkarte ab, sammelten sie und reichten sie an den Großhandel weiter, um neue Waren zu beschaffen. Das so begrenzte Essen reichte gerade zum Sattwerden.
Ausnahmsweise gab es manchmal Sonderzuteilungen, so für Schwerarbeiter, für Kranke und Behinderte. Für besondere Bedürfnisse gab es auf Antrag extra Bezugsscheine, so für Textilien heranwachsender Kinder.
Der Garten – ein Segen
Zu jeder Wohnung gehörte in Gronau gewöhnlich ein Schrebergarten. Wo der Leine-Fluss sich teilte, bildete er für die Stadt Gronau eine Insel, die so von beiden Leinearmen umgeben war. Überall an diesen Leine-Ufern gab es rings um die Stadt Garten an Garten mit einem Zugang durch zwei Meter breite Fußwege, genannt Nordwall und Südwall. Diese reiche Ausstattung mit Schrebergärten versorgte die Bewohner mit Obst und Gemüse und teilweise auch mit Hühnern und Eiern.
Entsprechend gehörte der Familie Sievers außer ihrem Hausgarten auch noch ein guter Garten am Nordwall. Das kam nun der Familie angesichts der stark eingeschränkten Lebensmittel mit allerlei Obst und Gemüse zugute, zumal es in der ganzen Stadt kein einziges Obst- und Gemüsegeschäft gab.
Allerdings machten beide Gärten natürlich viel Arbeit. Dazu verwendete Heinrich alle private Zeit neben der Berufstätigkeit, und die Kinder wurden neben der Schule auch tüchtig zur Gartenarbeit herangezogen. Im Keller wurden alle möglichen Gartenfrüchte für den ganzen Winter in Kisten und Kästen und Töpfen sorgfältig aufbewahrt, auch Eingekochtes in Gläsern für die langen Monate.
Sievers hielten sich auch einige Hühner in einem Drahtgehege und hölzernem Stall im Garten. So hatte man oft Eierspeisen zu essen und ab und zu einen Braten.
Vieles nicht mehr zu kaufen
Kriegsbedingt konnte man nun auch keine Textilien mehr kaufen, keine Schuhe und sonstige Gebrauchsgegenstände, so dass die Hausfrau für die Pflege und Reparatur sämtlicher Kleidung der Familienmitglieder sorgen musste. Für besondere Fälle konnte man Extra-Bezugsscheine beantragen. Liselotte arbeitete nun oft stundenlang an der Nähmaschine, deren Stiche durch schwenkbare Fußtreter angetrieben wurden.
Man wurde unheimlich sparsam, trug Kleidung bis zum letzten Fetzen. Man wurde erfinderisch, nahm Bindfaden statt Schnürsenkel, tauschte kostbare Gegenstände ein, zum Beispiel goldene Blumenvasen gegen Gebrauchsmaterial, zum Beispiel Fahrradflickzeug.
Ein Textilgeschäft in Gronau konnte nur noch alle möglichen Uniformen für Parteimitglieder, Hitlerjugend und so weiter verkaufen.
Nun gab es auf Gronaus Straßen nur noch wenig Verkehr. Alle Privatautos wurden beschlagnahmt und für die Armee eingezogen. Deswegen wurden die Seitenstraßen vielfach zu Spielplätzen für Kinder, wenn die Straßen nicht vom Militär oder für politische Aufmärsche benutzt wurden.
Zunehmender Luftkrieg
Sowie Fliegeralarm ertönte, hieß die Vorschrift, sich sogleich in den Luftschutzkeller des Hauses zu begeben, zu dem rechtzeitig immer ein bestimmter Raum im Keller eingerichtet werden musste mit Betten, Decken, und so weiter. Veranstaltungen, Einkäufe, Gottesdienste und manchmal auch die Arbeitsplätze musste dann verlassen werden zu den Luftschutzkellern oder ‑bunkern, die auch für die Öffentlichkeit eingerichtet wurden.
Als der Luftkrieg zunehmend zunahm, traute man sich zuweilen in den Garten, um überfliegende feindliche Flugzeugformationen zu beobachten, die deutsche Großstädte in Schutt und Asche zerbombten. Die Verbände bestanden aus zwanzig bis fünfzig viermotorigen Flugzeugen. Man konnte auch eine Reihe leichter wendiger feindlicher Jagdflugzeuge zum Schutz der Formationen beobachten, und manchmal auch deutsche Jagdflugzeuge, die die Feinde anzugreifen suchten.
Die Schülerinnen und Schüler wurden bei Fliegeralarm während des Unterrichts in den ausgebauten Luftschutzkeller der Schule geschickt oder, wenn sie in der Nähe wohnten, nach Hause. Nach der Entwarnung ging dann der Unterricht so gut es ging weiter. Jedenfalls durfte sich während des Fliegeralarms kein Mensch auf der Straße sehen lassen, selbstverständlich ruhte auch jeglicher Straßenverkehr.
Nur der Eisenbahnbetrieb ging trotz des Alarms weiter, weil die Bahn sonst völlig aus dem Plan geraten würde. Nur mussten alle Fahrgäste beim nächsten größeren Bahnhof aussteigen, um dort im groß ausgebauten Luftschutzkeller die Entwarnung abzuwarten. Die Bahn fuhr dann leer weiter.
Familie Sievers nahm nun einige „Ausgebombte“ auf in zwei Zimmer im Obergeschoß ihres Einfamilienhauses, drei Personen aus der völlig zerstörten Stadt Hannover. Allerdings war das Haus nicht für zwei Familien eingerichtet, so dass man sich in dem einen Badezimmer und in einer Küche auf zwei Haushalte einrichten musste, so gut es ging. Man vertrug sich aber einigermaßen, zumal die Hannoveraner musikalisch waren, Vater und Sohn mit Cellos. Gelegentlich konnte man gemeinsam mit Sievers Klavier zusammen musizieren.
Der Krieg fordert Tote
In vielen Familien änderte sich das Leben grundsätzlich, weil alle lebenstüchtigen Männer von 18 Jahren bis an die Altersgrenze zum Militär eingezogen wurden. Die Versorgung und Steuerung der Familie oblag also den Frauen und Müttern. Dadurch wurden auch weniger Kinder geboren.
Wie ein Blitz schlug ab und zu in einer Familie die Nachricht ein, dass der Mann an der Front als Soldat gefallen sei. Das betraf natürlich nicht nur die Väter in den Familien, sondern auch die heranwachsenden Söhne als Soldaten. Nicht immer konnten die Beerdigungen auf dem heimatlichen Friedhof stattfinden. In solchen Fällen bot die Kirche in Gronau eine Trauerfeier an, um Trost zu geben, und Anteilnahme durch soziale Nähe.
Männer fehlen als Arbeiter
Der Einzug von Männern zum Militär in großem Maße hatte den Ausfall von Arbeitskräften in allen Bereichen in Deutschland zur Folge. Viele Betriebe mussten deshalb schließen, wenn es nicht möglich war, als Ersatz Frauen zu verpflichten.
In der Gronauer Papierfabrik wurden nun französische Kriegsgefangene als Fabrikarbeiter einquartiert. Die Gefangenen wurden nicht wie anderswo in Lagern gefangen gehalten, sondern man nutzte ihre Arbeitskraft aus. Viele Gefangene wurden auch in der Landwirtschaft dringend benötigt und eingesetzt. Heinrich berichtete, wie fleißig und geschickt ausländische Kriegsgefangene sich im Elektrizitätswerk betätigten.
Dem Mangel von unbedingt nötigen Arbeitern wurde im Laufe des fortschreitenden Krieges begegnet durch die Arbeitsverpflichtung ausländischer Frauen in deutschen Firmen. In Gronau gab es eine Lederwarenfabrik, die unbedingt wichtig war für die Herstellung von Uniformen, Patronentaschen und so weiter für das Militär. So wurden in einer Baracke etwa hundert polnische und russische Frauen untergebracht, die tagsüber in die Lederwarenfabrik gingen zur Arbeit.
Man hing am Radio
Eine große Rolle für die Information der Bevölkerung über die Kriegsereignisse spielte der Rundfunk. Es gab zu bestimmten Zeiten den „Wehrmachtsbericht“ über das jeweilige Frontgeschehen, und ab und zu über besonders siegreiche Ereignisse „Sondermeldungen“. Diese Rundfunknachrichten wurden politisch zur ideologischen Aufmunterung des Volkes propagandistisch genutzt. Darum bemühten sich viele um die Unterscheidung von Wahrheit und Propaganda. Man hing am Radio und verfolgte das Geschehen auch auf einer an der Wand hängenden Landkarte von Europa.
Eine sehr beliebte Rundfunksendung in diesen anfänglichen siegreichen Kriegsjahren war das monatliche „Wunschkonzert“ mit populär beliebten Orchestern, Solisten, Chören, Sängerinnen und Sängern. Melodiöse Partien aus Opern, Operetten und Orchesterwerken wurden dabei abgewechselt mit Interviews und Berichten und Grüßen von Soldaten. Das Kriegsgeschehen sollte in der Vermittlung von Front und Heimat möglichst von allen fröhlich begrüßt werden.
Der Krieg verschärft sich
Zu einem neuen Höhepunkt des Kriegsgeschehens kam es 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen nach Russland bis vor die Tore von Leningrad (Petersburg) und Moskau. Nun griffen auch die USA in den Krieg gegen Deutschland ein an der Seite von England und Russland mit starkem Seekrieg und übermächtigem Luftkrieg.
Zum Höhepunkt kam es 1943 beim Kampf um Stalingrad (Wolgograd), eine der größten Städte Russlands an der Wolga. Mit einer deutschen Niederlage bei diesem Kampf und dem Verlust von Tausenden deutscher Soldaten tot oder als Kriegsgefangene in Russland kehrte sich nun Deutschlands gesamte Strategie um in Verteidigungskämpfe und Rückzugsbewegungen.
Diese Wendung des Krieges betraf nun auch verschärft die Menschen in Deutschland. Starke Bomberverbände der USA und Englands flogen vermehrt über Deutschland und warfen haufenweise Bomben zur Vernichtung deutscher Städte ab.
Zugleich begannen starke amerikanische Truppen, Europa von den Deutschen zurückzuerobern, angefangen an den Rändern Europas in Italien, Frankreich, Norwegen, und so weiter.


