Cover: Und wenn ich gehe, dann hole ich dich

Und wenn ich gehe, dann hole ich dich


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 334
ISBN: 978-3-7116-0087-5
Erscheinungsdatum: 12.11.2024
„Und wenn ich gehe, dann hole ich dich!“ Was es mit dem ominösen Titel wohl auf sich hat? Das erfährt, wer Alexander durch sein Leben folgt, mit ihm Freude, Trauer, Leid und Fröhlichkeit teilt, wie Autorin Hildegard Maria Bertschy im Gespräch mit Alexander.
Die ersten Jugendjahre


Alexander, ein Knabe aus gutbürgerlichen Verhältnissen, man schrieb das Jahr 1929. Der Vater Karl, geboren am 04.10.1895 in Hamburg, war ein stattlicher Mann mit stolzer Haltung, die ihn größer erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Sein Blick war freundlich und gutmütig, über seinen breiten, schön gezeichneten Lippen trug er einen gut geschnittenen und gepflegten, schmalen Oberlippenbart. Das hellbraune Haar war links gescheitelt und flach zur rechten Seite gekämmt. Seine Mutter Dora, geboren am 01.02.1896 stammte vom Lande, aus Buchholz, Kreis Harburg. Sie sprach Plattdeutsch, war aber der hochdeutschen Sprache mächtig, welche sie in der Schule erst lernte. Dora hatte eine zierliche Figur, dunkle, leicht gewellte Haare und war auch nicht besonders groß gewachsen. Wie ich den Fotos von ihr entnehmen konnte, hatte ihr Gesichtsausdruck etwas Melancholisches. Dora gebar die Söhne Malte und Alexander, ihren zweiten Sohn, im Jahre 1929 am 28. August in Hamburg Harburg-Wilhelmsburg in der Klinik Maria Hilf. Alexander war ein Junge, welcher mit zehn Monaten bereits laufen konnte, wie ihm von seiner Mutter gesagt wurde. Sie erzählte ihm auch immer wieder, wie sie zusammen Fangen spielten, er unter dem Wohnzimmertisch durchlaufen konnte, ohne nur einmal sich am Kopf zu stoßen, so klein war er. An die Spiele mit seiner Mutter erinnerte er sich noch, da musste er aber schon älter gewesen sein. „Oh, ich habe ihr Lachen noch heute präsent, wir hatten viel Spaß zusammen“, sagte er mir. Als kleiner Junge bereitete Alexander das Sprechen große Mühe. Als er mit zwei Jahren damit begann, bekam er die Worte, welche er eigentlich sagen wollte, kaum auf die Reihe. Das erste Wort, welches über seine Lippen kam, war „tschasch“, deswegen bekam er den Spitznamen Tschaschi. Von allen Familienmitgliedern wurde er wärend seiner Kindheit so genannt und später auch von seinen Freunden. Heute ist er nicht mehr Tschaschi, aber die Sprachhemmung begleitet ihn weiterhin. Damit meine ich nicht, dass er stottert oder nicht flüssig spricht. Es zeigt vielmehr, wie tiefgreifend und anhaltend sich diese Sprachhemmung auf ihn auswirkt. Mir fiel nur auf, dass er zu den Menschen gehört, die im Gespräch leicht den Faden verlieren, wenn sie unterbrochen werden. Leider haben die meisten keine Geduld zuzuhören und lassen gerade diese Leute nicht ausreden. Vor allem, wenn Alexander nervös oder aufgeregt ist, zeigen sich bei ihm die Sprechhemmungen. Er benötigt einfach mehr Zeit sich auszudrücken. Dazu kommt, dass er eine eher ruhige und leise Sprechweise an den Tag legt. Dadurch gelingt es ihm kaum, sich durchzusetzen so wie andere, die eine resolute Stimme besitzen.
Vater Karl, ein beherrschender Mann, war im Jahre 1931 Kapitän auf großer Fahrt, so lautete der damalige Berufstitel, heute würde man sagen: Kapitän auf Handelsschiffen. Diese Schiffe, auf denen er tätig war, verkehrten zwischen Hamburg, Chile, Japan und Hamburg. Die Mutter, Alexander und sein Bruder Malte waren viel auf sich selbst gestellt, der beruflichen Tätigkeit des Vaters wegen. Auf Mutter Dora lasteten viel Verantwortung und Arbeit mit den zwei Knaben. Sie war eine sehr fleißige Frau und hatte den Haushalt gut im Griff. Auch die Erziehung war größtenteils ihre Aufgabe, welche sie außerordentlich gut meisterte. Die Knaben wurden stets zur Ordnung ermahnt, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Selbstständig müssen sie werden, meine Knaben, äußerte sie sich oft, wenn Vater zu Hause war. Sie nähte die Kleider der beiden Jungen selbst, um da und dort etwas an Geld einsparen zu können. Alexanders Bruder Malte kam im Dezember 1921 zur Welt. Eigentlich nahm er dadurch den um beinahe acht Jahre älteren Bruder in der ersten Lebensphase seiner Kindheit nie richtig wahr. Er überlegte und sagte nach einer Pause: „Es muss wohl an der Distanz unseres Alters gelegen haben. Er besuchte schon die Schule und wenn er nach Hause kam, interessierten ihn andere Sachen, ich war ihm gleichgültig.“ Er selbst war scheinbar kein Wunschkind, wie er erzählte, denn mit einem zweiten Kind hatte man nicht gerechnet, wie ihm später immer wieder zu Ohren kam. „Was der Mensch doch alles schlucken muss“, zog die Mundwinkel nach hinten und lachte verschmitzt. „Ich kam trotzdem und bin immer noch da.“ Seine Aussage belustigte mich, denn diese Formulierung war typisch für ihn, so sitzt ihm der Schalk im Nacken. Wie er mir weiter erzählte, liebte er seine Mutter über alles, sein Vater sei damals meistens unterwegs gewesen, bedingt durch die Arbeit. Im Haus, in dem Dora und die Jungen lebten, waren insgesamt acht Familien wohnhaft. Mit den Jacks, ältere Leute ohne Kinder, wurde man nicht groß miteinander bekannt, denn die verließen das Haus kaum. Da war die Familie Plöse, die Hausbesitzer, mit ihren zwei Kindern, die jünger waren als Alexander und sein Bruder. Heinickes, ruhige zurückgezogene Nachbarn, lebten ihr eigenes Leben, so wie die Jacks. Kontakte und Gespräche mit den Mitbewohnern mieden sie, aber waren stets korrekt und freundlich. Die Familie Fischer hatten zwei Töchter, die um einiges älter waren. Beide lebten außerhalb Hamburgs und waren bereits verheiratet. Auf der linken Seite ihrer Wohnungstüre befand sich der Eingang von Herrn und Frau Reichmann. Das Paar lebte allein und hatte noch keine Kinder. Die Reichmann, eine hübsche blonde Frau, hatte stets ein Lachen auf ihrem rot geschminkten Mund, was Alexander immer gefiel. Sie war auch die, welche für den Knaben stets ein gutes, liebes Wort fand und ihm manchmal auch mit der Hand über die Haare strich. Man wusste, wenn sie das Haus verließ, denn das Getrippel ihrer Schuhe war absolut nicht zu überhören. Außerdem verteilte sich der Duft ihres süßen Parfüms im gesamten Treppenhaus. Dann war da noch der Deisböck mit seiner dicken Frau, die auch im gleichen Haus wohnten. Er, ein Beamter, eine schlaksige, konservative Erscheinung, hatte seine Nase immer gegen den Himmel gerichtet, so wie Hans guck in die Luft. Er trug meistens einen grauen Anzug, darunter ein helles Hemd und eine bräunliche Krawatte. Gesellig war er absolut nicht, und hätte man sich nicht zufällig ab und zu im Treppenhaus gesehen, wäre er für die Mitbewohner bestimmt fremd geblieben. Seine Frau besorgte den Haushalt, und wenn man sie im Treppenhaus erblickte, sah sie einen von der Seite an, erwiderte zwar den Gruß, zog aber sogleich von dannen. Die beiden waren die Eltern eines kleinen Jungen, der noch im Kinderwagen saß. Auf der rechten Seite des Treppenhauses befand sich die Eingangstüre von Beckers. Das waren die mit den Zwillingen, einem Mädchen und einem Jungen, etwa fünf Jahre jünger als Alexander. Im Haus herrschte Frieden, alle begegneten sich freundlich, es gab keine Intrigen und jeder lebte so, wie er wollte. Langeweile kannte Alex in seiner Kinderzeit kaum. Manchmal stand er am Fenster im Wohnzimmer, um dem Treiben auf der Straße zuzusehen. Damals verkehrten lediglich Fuhrwerke und Kraftfahrzeuge, die mit Diesel angetrieben wurden. Man sah außerdem Personenwagen der Marken DKW, Opel, Triumph und Mercedes. In den nobleren Autos waren die Personen in den üppigen Polstern so eingebettet, dass sie kaum zu erkennen waren. Zu jener Zeit vermochten es nur die reichen Leute, sich solche Fahrzeuge zu leisten. Viele Menschen gingen zu Fuß oder hatten das Glück, ein Fahrrad zu besitzen. So konnten sie mit dem Stahlross ihre täglichen Angelegenheiten schneller bewältigen. „Stell dir vor, wir besaßen nicht einmal ein Fahrrad!“ sagte Alexander. Es befand sich alles, was sie zum Leben brauchten in unmittelbarer Nähe des Hauses, und so erübrigte sich der Wunsch nach einem fahrbaren Untersatz. Dann gab’s noch die Familie, welche in der Nachbarschaft über der Straße lebte, das waren sehr spezielle Menschen. Die hatten ein Kind, einen Jungen der Günter hieß, das war ein feiner Bursche. Den Vater des Nachbarjungen kannte Alexander nicht persönlich und es bot sich auch niemals die Gelegenheit mit ihm zu sprechen. Der Mann verbrachte seine Tage mit Nichtstun, so kam es ihm zumindest vor. Der schaute stundenlang, den Kopf in seine Hände gestützt, aus dem Fenster hinab zur Straße. Günters Mutter sah man selten, die war bestimmt mit dem Haushalt beschäftigt und hatte sicherlich viel zu tun. Auch mit ihr bot sich während seiner Jugendzeit und auch später nie die Möglichkeit, nur ein Wort zu wechseln. Für Alexander etwas eigenartig und unverständlich, dass sich Leute so verhielten. Er war doch oft mit Günter, ihrem Sohn, beim Spielen unterwegs. Mutter Dora verhielt sich in dieser Hinsicht anders. Es freute sie, wenn sich die Kinder an der Haustür zeigten, so hatte sie die Kontrolle darüber, mit wem sich ihr Sohn traf. Alexander wurde an der Haustüre seines Spielkameraden nie Einlass geboten, was er eigentlich verstand, denn damals war es nicht üblich, dass sich Kinder gegenseitig in den Wohnungen besuchten. Nur hätte es ihm gefallen, mit den Eltern von Günter doch wenigstens mal zu plaudern. Nach seinem eigenen Dafürhalten hatten Günters Eltern eine Verhaltensweise, die von den gesellschaftlichen Normen abwich. Die ließen sich bestimmt vom Staat finanzieren. Günther war ein netter, lustiger Junge, mit dem man Spaß haben konnte, Alexander mochte ihn besonders gerne. Im Hof des Hauses durften sich die Jungen nicht aufhalten, es herrschte absolutes Spielverbot. Der knurrige Hausbesitzer Plöse, von Beruf Malermeister, duldete dort keine Kinder. Hier hing meist auch die Wäsche der Hausbewohner zum Trocknen. Die Hausfrauen sahen es auch nicht gern, wenn die Kinder unter die frisch gewaschene Wäsche krochen. Dabei reizte gerade dieses Verbotene so sehr, und die hängenden Bettlaken dienten den Lausbuben als willkommene Deckung beim Versteckspiel. Im Hof standen immer die Arbeitsutensilien von Plöse und bestimmt ängstigte sich dieser seiner Farbeimer und Leitern wegen. So begaben sich die Kinder fast täglich zum Park, der sich gegenüber dem damaligen militärischen Bezirkskommando befand. Die Grünzone lag in der Nähe seines Zuhauses und war für viele Kinder dieser Gegend das Spielparadies. Der Park existiert scheinbar noch heute, so Alexander, an den Namen aber könne er sich nicht mehr erinnern. In unmittelbarer Nähe, über der Straße, wohnte die Frau Tschebong in ihrem eigenen netten Haus. Sie war Jüdin, eine damenhafte, gepflegte, freundliche Frau, deren Mann schon länger verstorben war. Frau Tschebong besaß zur damaligen Zeit die Leihbücherei, die gut besucht war. Bei ihr habe er immer die Bücher von Karl May ausgeliehen, erzählte Alexander, der oft nur mit dem Spitznamen Alex angesprochen wurde. In der Leihbücherei standen die Gestelle und man konnte durch die Reihen mit den einsortierten Büchern durchlaufen. Oftmals traf man bei ihr auf Leute, die tiefversunken über ein Buch gebeugt an den aufgestellten kleinen Tischchen saßen. In der Bibliothek musste man leise sein und getraute sich kaum, mit den Schuhen aufzutreten oder gar zu husten. Für das Auslehnen der Bücher verlangte Frau Tschebong nur einige Pfennige und man durfte diese für eine bestimmte Zeit behalten. Frau Tschebong wurde plötzlich eines Tages von der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei, abgeholt. Man brachte sie ins Konzentrationslager in Fuhlsbüttel, hieß es in der Nachbarschaft, oder man nahm es zumindest an. Die Leihbücherei war ab sofort dann leider geschlossen und die arme Frau sah man nie mehr wieder. Fuhlsbüttel ist ein Stadtteil von Hamburg und liegt im nördlichen Teil der Stadt. Alexanders Mutter hatte immer den gleichen Kommentar, wenn eine Person aus derselben Straße, die man kannte, abgeholt wurde. „Dieser verflixte Nationalsozialismus, die oder den sehen wir auch nicht wieder, glaub mir, du wirst schon sehen“, hörte Alexander sie dann sagen. Bei ihrer Aussage hatte sie immer einen nachdenklichen Gesichtsausdruck und man sah, wie sie die Stirn hochzog und dabei tiefe Falten in ihrer Mimik entstanden. Was sie mit den Worten sagen wollte, war für Alexander noch unverständlich, seiner Meinung nach einfach nur Gerede von Mutter. Fast jeder wusste allerdings bereits, was die Abkürzung KZ hieß. Umerzogen sollten die Leute im Konzentrationslager werden, darüber hinaus das Denken des Nationalsozialismus im Dritten Reich annehmen, soviel war klar. Was zum damaligen Zeitpunkt aber wirklich geschah, darüber hatten die Leute noch keine Ahnung. Es kamen nicht nur jüdische, sondern auch unangepasste Personen, Menschen anderer Herkunft wie zum Beispiel Roma in diese Konzentrationslager. Viele, die das Denken Adolf Hitlers nicht befolgten, Regimekritiker waren, wurden kurzerhand abgeholt und hatten Zwangsarbeit zu leisten, das hörte man. Über den großen geschmiedeten Eisentoren der Konzentrationslager stand: ARBEIT MACHT FREI. Diese Parole war allgemein bekannt und Alexander verstand diese Worte als Kind so. Wenn die Menschen dort gut arbeiten würden, kämen sie bald wieder frei. Er machte sich oft Gedanken über Frau Tschebong, eine rechtsschaffende äußerst nette Frau, die ihr Herz am rechten Fleck trug. Sie hatte immer gearbeitet, warum musste gerade sie dorthin gebracht werden, war sie wohl doch nicht so gut, wie Alexander das immer angenommen hatte? Fragen über Fragen, auf die er damals keine Antwort erhielt, die Erwachsenen wussten es ja selbst nicht.
Mutter Dora pflegte guten Kontakt zu ihren Freundinnen, deren Männer ebenfalls zur See fuhren. Weil die Frauen viel und über lange Zeit allein waren, mussten sie sich wohl oder übel selbst organisieren. So lud Mutter einmal im Monat ihre Freundinnen zum Kaffeekränzchen ein. Bevor die Damen eintrafen, wurde fleißig gebacken und Alex durfte seiner Mutter dabei helfen. Er mischte mit einer Holzkelle die Masse für die Kuchen, die seine Mutter in einer Schüssel vorbereitet hatte. Dabei grub er immer seinen Zeigefinger in den süßen Teig und naschte davon, wenn es Mutter nicht sah, erzählte er. Alexander mochte damals Süßes schon zu gerne leiden und konnte schwer widerstehen, obwohl Mutter es nicht schätzte, wenn er das tat. Seinen Mund zu einem breiten Grinsen geformt, sagte er: „Die Gerüche der verschiedenen feinen Backwaren, die Mutter hervorzauberte, habe ich noch immer in meiner Nase. Würde ich meine Augen schließen, ich stünde mit ihr wieder mitten in der Küche am Tisch. Stehe ich heute in einer Bäckerei und betrachte die leckeren Torten und das Gebäck in den Vitrinen, kommen Erinnerungen an früher, an meine Kinderzeit. Dann kann ich mich oft nicht zurückhalten und gönne mir stets etwas Gutes.“
Alex, er war noch ein kleiner Junge, immer nett angezogen, der sich meist angepasst benahm. Nach alten Fotos war er ein hübsches Kerlchen, einfach so wie Mütter ihre Kinder mögen. Wenn die Freundinnen von Dora eintrafen, da war ihm im Vorfeld schon angst und bange. „Oh, ich weiß noch immer, wie mich Paula zwischen ihren großen Brüsten fast erdrückte, ich habe manchmal nach Luft gerungen, um in der Üppigkeit ihres Busens nicht zu ersticken!“, er lachte. Ich meinerseits versuchte, mir diese Situation bildlich vorzustellen, und es amüsierte mich. „Glaube mir, wie ich diese Übergriffe hasste, diese Art von Umarmung“, sagte er und verzog dabei das Gesicht zu einer Grimasse. Wenn es Mutter erlaubte, machte er sich, wenn möglich, immer schon im Voraus vom Acker. Anna Viertel und Sofie Jörn waren da anders als die großbusige Paula und entsprachen ihm eher, die hatten Format. Es waren sehr gepflegte Damen, gut gekleidet, und sie überfielen Alexander nicht schon in der Eingangstür. Sie gaben ihm zur Begrüßung lediglich die Hand und behandelten den Jungen so, wie er das von seinen Eltern gewohnt war. In der Familie gab es diese Art von Umarmung nicht, oder war zumindest ungewohnt. Er wurde von seinen Eltern nicht oft geknuddelt. Das Verhältnis zu Vater und Mutter war nett, aber eher förmlich und Körpernähe dieser Art wurde kaum praktiziert.
An einem Wochenende im Sommer 1936, es war kurz vor Alexanders siebtem Geburtstag. Sein Vater, welcher wieder einmal zurück von einer großen Reise gekommen war, machte ein mürrisches Gesicht. Alex merkte wohl die Unstimmigkeiten seiner Eltern, während sie bei Tisch das Essen einnahmen. Es herrschte zwischen den beiden auch nicht die Herzlichkeit, die er eigentlich gewohnt war. Nicht weil sie gestritten hätten, nein, er vernahm die spürbare Unstimmigkeit anhand ihrer Gesichter. Mutter hatte an jenem Tag einen traurigen Ausdruck in den blauen Augen und Alexander glaubte sogar, Tränen darin bemerkt zu haben. Vater Karl blieb stumm, sein Gesichtsausdruck wirkte hart und flößte dem Jungen beinahe Angst ein. Eigentlich wurde in der Familie unter normalen Umständen rege gesprochen, besonders Vater hatte von seinen Reisen immer Interessantes zu berichten. Alex klebte dann mit offenem Mund beinahe an seinen Lippen und horchte den Worten des Vaters aufmerksam zu, als er sprach. Spannend, wenn er von hoher See erzählte, von den Gefahren, welche sein Beruf barg. Wie damals, als sie am Kap Horn in Seenot geraten waren, bedingt durch einen schnellen Wetterumschlag. Da erzählte er von Wellen, die meterhoch waren. Von Kawenzmänner, die sich aus heiterem Himmel plötzlich wie eine Wand vor dem Schiff auftürmten. Er als Kapitän und die 23 Mann Besatzung wurden bis an ihre Grenzen gefordert. Die Sicherheit der Seeleute, welche in ihrer Heimat zum Teil Frau und Kinder hatten, für die trug er die alleinige Verantwortung. Er erzählte davon, wie er und die Mannschaft das 150 Meter lange Schiff durch die monströsen Wellen steuern mussten. Kleine Schiffe hatten nach seiner Aussage auf der gefürchteten Route an jenem Tag keine Chance, sie vermochten dem enormen Wellengang nicht zu trotzen und wurden gnadenlos vom Meer verschlungen. Die Maipo, welche von Alexanders Vater über die Weltmeere gesteuert wurde, erschien dem Knaben riesengroß. Stolz erfüllte den Jungen, wenn er seinen Vater in der Kapitänsuniform betrachtete, er sah darin gut aus. Leider waren die Landgänge immer nur kurz bemessen und immer viel zu schnell stachen sie wieder in See. Dora verstand es, sich schick zu kleiden, und putzte sich heraus, wann immer sie gemeinsam den Vater zum Hamburger Hafen begleiteten. Der Abschied war stets freudlos, kurz und trocken, wenn er ging, denn man wusste, es war eine Trennung, die oft mehr als ein Jahr dauerte. Dann standen die beiden neben vielen anderen am Quai. Alexander hielt immer Mutters Hand, während sie hinaus in den Mastenwald der Schiffe blickten. Jedes Segel war ein Zeugnis der Abenteuer, die auf hoher See erlebt wurden. Da lag es, das mächtige stolze Segelschiff, auf dem sein Vater Kapitän war, ein herrlicher Anblick. Bald schon verließ die Maipo, zusammen mit Vater und der Besatzung, den Hafen und Tränen schossen in Alexanders Augen, es machte ihn traurig. Viele Anwesende, die ihre Väter und Söhne zum Hafen begleiteten, winkten noch lange, bis das Schiff schließlich auslief. Alexander war sich bewusst, dass Vater für lange Zeit wieder auf See war und er mit Mutter und seinem Bruder allein zurückblieb. Obschon ihm dieser Ablauf nicht fremd war, überkam ihn stets die gleiche unbändige Traurigkeit.
An jenem Sonntag im Sommer beim Essen, er wusste natürlich nicht, was der Anlass der Missstimmung war, die er zwischen seinen Eltern bemerkte. War es etwa seinetwegen, hatte er etwas falsch gemacht? Sein Bruder Malte war nicht zu Hause und deswegen konnte er mit niemandem über seine Ängste sprechen. Die Eltern darauf anzusprechen, das war unmöglich, denn damals erhielt man nicht die Antwort, die einem geholfen hätte, zu verstehen. Außerdem waren Fragen in seiner Jugendzeit meistens ein Tabuthema. Die Sorgen der Kinder, die interessierten keinen, so blieb der junge Alexander an jenem Tag im luftleeren Raum stehen. Das Verhältnis seiner Eltern verbesserte sich auch keineswegs, als Vater nach Monaten in die Heimat zurückkehrte, im Gegenteil. Die Unstimmigkeiten nahmen zu, während er zu Hause weilte, und oftmals gab es auch heftige Streitereien zwischen den Eltern. Das bekamen die Knaben zu spüren, auch Alex wusste, dass das nichts Gutes verhieß. Er glaubte, dass Mutter jetzt froh war, wenn Vater endlich wieder ging. Im darauffolgenden Jahr kam die unabwendbare Trennung seiner Eltern, zu einer Scheidung kam es nie, denn das wollte Dora nicht. Das musste so kommen, hörte Alex eines Tages Malte zur Mutter sagen, denn jeder von euch lebt sozusagen für sich. Alexander, der eigentlich meistens mit seiner Mutter zusammen war, spürte diese Trennung kaum. Sein Bruder aber litt furchtbar unter dem Zustand, denn er bekam bedeutend mehr mit als der Jüngere. Die Trauer seines Bruders beeindruckte Alex zu jener Zeit nicht sonderlich, denn er hatte ja glücklicherweise seine Mutter. Er hatte schließlich noch seine Freunde in der Straße, mit denen er fast täglich spielte. Dora war nach der Trennung besonders lieb zu den Söhnen, aber handelte besitzergreifend. Sie brachte es fertig, die beiden Knaben immer wieder gegen ihren Vater aufzuhetzen. Es war verständlich, dass sie gegen ihren Mann Zorn hegte, aber die Jungen vom Vater zu trennen, das war nicht klug. Er lebte nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr im gleichen Haus, sondern zog in eine Einzimmerwohnung um. Warum es zu Unstimmigkeiten und später zur Trennung kam, erfuhr Alexander viel später einmal. Vater hatte scheinbar eine Affäre mit einer anderen Frau, die von ihm ein Kind erwartete. Mit schlechten Worten schaffte es die Mutter, ihre Söhne vom Vater fernzuhalten. Was blieb den zwei Knaben denn anderes übrig, hatten sie eine Wahl?
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Dieses Buch erzählt eine wahre, bewegende Geschichte voller Tragik, Freude, Verlust und Hoffnung.Bewertung am 26.11.2024Bewertungsnummer: 2350553Bewertet: Buch (Taschenbuch)"Wenn ich gehe, dann hole ich dich" ist ein beeindruckendes Werk, das tief berührt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die Geschichte des Protagonisten Alexander ist von tragischen Wendungen geprägt, aber auch von Momenten der Freude und Hoffnung, die ebenso spannend und bewegend sind. Der Autorin gelingt es meisterhaft, eine authentische Mischung aus Historie, Drama, Freude und Trauer zu schaffen. Besonders beeindruckend ist die detaillierte Darstellung der Lebensumstände und der zwischenmenschlichen Beziehungen, die den Leser in Alexanders Welt eintauchen lassen. Die Beschreibungen der gesellschaftlichen Normen, familiären Konflikte und kindlichen Perspektiven sind so lebendig, dass man sich als Teil der Geschichte fühlt. Die Leseprobe hat mich sofort in den Bann gezogen. Alexanders Kämpfe mit seiner Sprachhemmung, die Dynamik innerhalb seiner Familie und die historischen Ereignisse, die das Leben der Charaktere prägten, sind fesselnd und emotional. Dieses Buch ist nicht nur ein Genuss für Liebhaber wahrer Geschichten, sondern auch eine inspirierende Lektüre, die das Leben in all seinen Facetten zeigt. Ich kann es nur jedem empfehlen, der sich von einer bewegenden Lebensgeschichte fesseln lassen möchte

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