Das schwarze Schaf der Familie und das Schattenkind
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 56
ISBN: 978-3-99130-731-0
Erscheinungsdatum: 05.03.2025
Zwei Frauen, zwei turbulente Leben, zwei Familien, die ihre Töchter ausschließen. Und doch führen beide Frauen Leben, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Intrigen werden gesponnen, Lügen erzählt. Doch wer ist der wahre Übeltäter? Wer manipuliert wen?
Das schwarze Schaf der Familie
Meine Großcousine und ihr Lebensgefährte waren mir ein Halt in schwierigen Zeiten, als meine Eltern starben und ich meine Kernfamilie im Nacken hatte. Meine Cousine hat selbst ein bewegtes Leben hinter sich und hat erst im Alter den richtigen Partner, der ihr Halt und auch ein angenehmes Leben bietet, gefunden. Erst mit etwa sechzig wurde ihr Frieden gegeben. Das schwierige Leben, das Chaos in ihrem Leben, wurde durch ihre Mutter verursacht.
Eine einzige Person schafft es, die ganze Familie in ein Chaos und Durcheinander zu versetzen. Die Person, die einem das Leben schenkt, schafft es, einen an den Rand der Verzweiflung zu bringen.
Ihr Start ins Leben, ihre Mutter – das schwarze Schaf der Familie – hat sie von Geburt an beeinflusst, so beeinflusst, dass ihr Leben ein Schmerz war. Sie hatte auch Glück, Glück, dass sie irgendwann die Pflegetochter ihrer Tante und ihres Onkels wurde. Dort konnte sie jahrelang leben und ein bisschen Ruhe und Familie finden. Ihre Mutter war die Schwester meiner Großmutter, mit der ich viel Kontakt hatte. Dadurch kenne ich die ganzen Geschichten, Geschichten, die zur damaligen Zeit und in dieser sonst anständigen Familie eine Schande waren. Ich werde versuchen, alle Begebenheiten so zu schildern, wie sie mir noch in Erinnerung sind. Meine Großmutter und auch meine Mutter haben sich öfters unterhalten, wenn wieder irgendeine Peinlichkeit zutage trat, auch über die alten Geschichten, die für die damalige Zeit einfach gesagt eine Schande waren. Um die Personen zu wahren, habe ich die Namen verändert, aber der Inhalt des geschriebenen ist so wiedergegeben, wie ihn meine Großcousine noch heute erzählt und wie er mir von der Familie erzählt wurde.
1. Kapitel
Mein üblicher Morgen im Büro. Kurz nach 6 Uhr fahre ich bereits mit dem Postwagen in die Kanzlei, um unsere Post zu holen und auch Handakten ins Archiv zu verschieben. Meine jungen Kollegen drücken sich vor dieser Arbeit. Ich bin mir aber nicht zu schade dafür, die Post zu holen und den Zimmern des Teams zuzuordnen. Wir sind zwar Sachbearbeiter, aber auch diese Arbeit muss gemacht werden. Das ist dann immer ein Ritual. Ich schau bei meinem Kollegen vorbei, der schon vor mir im Büro ist. Wir trinken dann gemeinsam einen schnellen Kaffee und plaudern über die beruflichen und privaten Dinge.
Wir beide wurden wegen Amtsmissbrauch angezeigt. Es gab zwar keine Gerichtsverhandlung, aber eine dreitägige Disziplinarverhandlung, bei der wir einen glatten Freispruch erhielten Das heißt, es war nichts. Zwei Jahre Aufregung und Demütigung umsonst.
Wir haben, glaube ich, fünfundzwanzig Jahre bestens zusammengearbeitet. Nach dieser Anschuldigung wurden wir dann stockwerkweise getrennt, und wenn es möglich gewesen wäre, hätten sie uns verboten, miteinander zu sprechen. Aber das lasse ich einmal so stehen.
Als ich an diesem Morgen meinen ersten Schluck Kaffee trinke, läutet mein Privathandy. Meine Großcousine ist am Telefon und weint und weint hinein. Es ist so laut, dass mein Kollege fast jedes Wort mitbekommt. Er runzelt die Stirn, als ich versuche, meine Großcousine zu beruhigen. Fazit: Ihre Mutter, die gegenüber von ihr und ihrem Lebensgefährten wohnt, ist wieder einmal beteiligt an einer Intrige. Die Dame ist mittlerweile im siebenundachtzigsten Lebensjahr und geistig voll da. Meine Großcousine hat einen Sohn und eine Enkeltochter. Die Enkeltochter lebt aufgeteilt bei der leiblichen Mutter und dem Vater. Und da gibt es anscheinend große Turbulenzen. Es geht ums Sorgerecht. Die alte Dame schmiedet Intrigen, wo sie nur kann. Sie hat sich an die Seite der Mutter des Kindes geschlagen.
Meine Großcousine hat schon Gespräche belauscht, welche die alte Dame auf der Bank vor dem Haus führt. Meine Großcousine grenzt mit dem Garten an die Bank und hat sich schon im Gebüsch versteckt, um zu lauschen. Die alte Dame gibt an die Mutter Informationen weiter, Informationen, die sie glaubt zu sehen und zu wissen. Mittlerweile ist der Sorgerechtsfall vor Gericht, und dort ist sogar aufgefallen, und wurde die Frage gestellt, woher die Mutter des Kindes diese Informationen hat.
Ich kann nicht viel dazu beitragen, außer dass ich zuhöre. Früher stand meine Mutter meiner Großcousine immer bei. Seit dem Tod meiner Eltern habe ich dies übernommen.
Meine Großcousine läuft auch wieder zum Neurologen und braucht Medikamente. Nur so kann sie alles ertragen. Auch wenn sie jetzt eine gute Partnerschaft führt, die alten Wunden sind da, sie schlummern, und ihre Mutter versteht es noch immer, den richtigen Knopf zu drücken, um Schmerzen und Verzweiflung auszulösen. Anscheinend hält sie dieses Intrigenspiel am Leben. Es ist ihr Sauerstoff – ihre Lebensatmung, wodurch sie wahrscheinlich so ein hohes Alter erreicht hat und ihr Gehirn noch immer bestens arbeitet.
Meine Cousine und ihr Partner haben Angst, ihr einziges Enkelkind nicht mehr zu sehen, beziehungsweise, dass so eine Art Verbot ausgesprochen wird. Ich beruhige sie, da ich die beiden kenne und weiß, dass sie nur das Beste für das Kind wollen und sicherlich nicht unangenehm aufgefallen sind. Aber ich weiß selbst aus Erfahrung, dass es schwierig ist, das Gegenteil zu beweisen, wenn einmal ein Gerücht, eine Unwahrheit in den Raum gestreut worden ist. Erst vor einigen wenigen Wochen drohte ich im Büro mit einer Verleumdungsklage, aber mit Nachdruck. Es war wieder versucht worden, unsere alte Geschichte in Umlauf zu bringen.
Ich verspreche meiner Großcousine, mich abends zu melden, und beende das Gespräch. Ich habe noch einen arbeitsreichen Tag vor mir. Bevor ich gehe, erzähle ich kurz meinem Kollegen über die Mutter meiner Großcousine, das schwarze Schaf der Familie. Der Unruheherd der Familie, seit sie den ersten Schrei bei der Geburt tätigte.
2. Kapitel
Wir schreiben das Jahr 1937. Linnerl liegt in den Wehen, die Dorfhebamme ist bei ihr. Es wird ihr sechstes lebend geborenes Kind sein. Eine Nachzüglerin. Die Ortschaft befindet sich in der Nähe von Retz im Weinviertel an der tschechischen Grenze. Linnerls Mann sitzt in der Wohnküche, still. Am Tisch bei ihm befinden sich die fünf Kinder der Familie. Sie sitzen beim Essen. Eine gewisse Anspannung im Raum. Die Kinder spüren, dass etwas vor sich geht, aber was genau passiert, wissen sie nicht. Es ist eine andere Zeit, die Menschen sind von Aufklärung noch weit entfernt. Die Kinder bekommen höchstens mit, wenn ein Kalb oder ein anderes Tier geboren wird. Aber wie es beim Menschen ist, ahnen sie nur.
Auf einmal entsteht Unruhe. Sie ist spürbar im Nebenzimmer, wo Linnerl in den Wehen liegt. Plötzlich ein Säuglingsgeschrei. Laut schreit sich Lies ins Leben. Walter, ihr großer Bruder, meint am Tisch sitzend laut: „Der Fratz hat uns noch gefehlt.“
Dieser eine Satz wird bis heute ausgesprochen, wenn Lies wieder auffällig ist und an die alte Geschichte erinnert. Walter sagte damals mit einem Satz alles, als hätte er eine Vorahnung gehabt, dass Lies Schmerz und Kummer über die Familie bringen würde.
Fred, der Vater der Kinder, erhebt die Hand und schlägt Walter ins Gesicht. Noch als er es tut, schmerzt es ihn, dies getan zu haben. Fred ist in der Ortschaft als liebevoller Familienvater und Freund bekannt, so bekannt, dass er oft um Rat gefragt wird. Er strahlt eine Wärme aus, die von Herzen kommt. Er ist grundehrlich und ein herzensguter Mensch. Er ist im Dorf der Schuster und ein beliebtes Mitglied der Dorfgemeinschaft. Obwohl er und Linnerl nicht reich sind, und gerade ihr sechstes Kind zur Welt kommt, sind die beiden anders reich. In diesem Bauernhaus ist es friedlich, eine angenehme liebevolle Umgebung, in der die Kinder aufwachsen. Linnerl arbeitet auch im Feld mit, und ein Küchengarten ist vorhanden, es ist immer genug zu essen da. Es ist eine schwierige Zeit, wo viele Menschen in der Stadt hungern, nicht genügend zum Essen haben.
Fred wurde auch irgendwann, wie seine Söhne, eingezogen für den Krieg. Sie gingen fort und zogen in den Krieg. Fred gelangt irgendwann in russische Gefangenschaft, in ein Lager. Dadurch dass er Schuster war, konnte er jedoch dort überleben. Er machte und richtete den Uniformierten die Schuhe und war auch sonst geschickt, was sein Leben, sein Überleben sicherte. Er und ein Sohn kehrten aus der russischen Gefangenschaft zurück, der andere Sohn war wohl im Krieg gefallen, dies ist bis heute nicht geklärt, es wird angenommen.
Nie wieder gab es ein Lebenszeichen von ihm. Über den verlorenen Sohn wurde immer liebevoll gesprochen, mit Tränen in die Augen. Die Familie war sehr sozial, herzensgut, bis auf das schwarze Schaf, die Nachzüglerin. Als Fred aus dem Krieg zurückkehrte, war meine Mutter bereits auf der Welt. Sie wurde 1947 geboren. Meine Großmutter lebte mit ihrer kleinen Familie, meiner Mutter als erstes Kind, in der Nähe vom Augarten im zweiten Bezirk in einer Altbauwohnung. Linnerl war gerade zu Besuch bei ihnen. Meine Mutter war ein Frühchen und damals sehr schwer durchzubringen. Meiner Großmutter ging es nach der Geburt nicht sehr gut, und Linnerl war bei ihr, um zu helfen. Mein Opa arbeitete sehr viel. Er hat noch händisch nach Öl gebohrt für Firmen. Er liebte seine Arbeit.
Die zwei Frauen waren also mit dem Frühchen abends allein. Auf einmal klopfte es an der Tür. Sie wurden still, hatten Angst und trauten sich nicht, zu öffnen. Und wieder klopfte es. Sie gingen also zur Tür hin und fragten, wer denn so spät an der Tür klopf.
Es war Fred, Linnerls Mann, der Kriegsheimkehrer. Sie hatten bis zu diesem Moment nicht gewusst, ob er lebte und zurückkommen würde. Eigentlich hatten sie die Hoffnung aufgegeben. Meine Großmutter ließ ihn dann irgendwann beim Roten Kreuz auf eine Vermisstenliste setzen, mit ihrem Namen und Adresse. Wie Fred und das Rote Kreuz zusammengefunden hatten, weiß ich nicht. Aber es hatte funktioniert. Wenn meine Großmutter diese Geschichte erzählte, waren es immer bewegende Worte. Meine Großeltern waren dann die ganze Nacht auf und redeten und redeten. Ich denke, nicht viele Familien hatten damals so ein Glück, wieder zusammenzufinden. Gleich nach der Geburt meiner Mutter, sie war ein Frühchen, war meine Oma noch im Krankenhaus und brauchte auch lange, um wieder auf die Beine zu kommen.
Mein Opa hat meine Mutter in eine Decke gewickelt und aufs Land zu Linnerl gebracht. Er dachte sich, nur dort hat sie eine Chance zu überleben. Und wer sollte sich um sie kümmern? Seine Frau war krank und erholte sich nur schwer von der Geburt, und er sollte eigentlich arbeiten.
Als er bei Linnerl mit meiner Mutter ankam, meine Mutter in der Decke eingewickelt, saß Linnerl in der Küche. Er legte das Kind behutsam Linnerl in den Schoß. Als sie das Kind auswickelte, und dieses Frühchen sah, waren ihre einzigen Worte: „Heiliger Gott, was ist das?“
Sie hatte selbst sechs Kinder, aber so etwas Zartes hatte sie noch nie gesehen. Linnerl gelang es, meine Mutter durchzubringen. Sie ging auch zum Dorfkaufhaus und bat den Kaufmann um ein Puddingpulver, es war zu dieser Zeit schwer zu bekommen. Eine Babynahrung wie heute gab es damals nicht. Linnerl dachte sich, der Pudding würde das Kind stark machen. Der Kaufmann versuchte sein Bestes und trieb das Puddingpulver auf. Linnerl und meine Mutter hatten ein besonderes Verhältnis, eine besondere Liebe zueinander. Linnerl rettete meiner Mutter auf eine Art das Leben. Meine Großmutter war zu schwach und kränklich, aber Linnerl schaffte das Unmögliche. Meine Mutter überlebte und bekam selbst drei Kinder.
3. Kapitel
Linnerl war eine besondere Frau. Nicht nur, dass sie sechs Kinder hatte, sondern sie schmiss den Haushalt, arbeitete im Feld und kümmerte sich um den Küchengarten und Kleintiere. Sonntag war immer ein besonderer Tag. Es war ihr Tag. Nach getaner Arbeit band sie sich die Sonntagsschürze um und wartete, bis sie kamen. Die Leute aus dem Dorf. Sie war eine der wenigen Leute im Dorf die lesen und schreiben konnte. Ich glaube, mich zu erinnern, dass eine Gutsfrau es ihr beigebracht hatte. Linnerl hatte beide Kriege miterlebt, und auf dem Land herrschte sowieso eine andere Welt. Es war harte Arbeit angesagt, um zu überleben.
Ihre Kinder konnten alle in die Dorfschule gehen, alle acht Schuljahre in einer Klasse. Das war damals so. Linnerl las für die Leute im Dorf die Briefe vor, die diese erhielten, und beantwortete sie, wenn es notwendig war. Ich denke, dass sie dafür Waren von den Dorfbewohnern. Am Land war dies so üblich.
Meine Mutter war oft in den Ferien bei ihr, die beiden hatten eine eigene Beziehung zueinander. Sie fand es immer spannend, wenn die Leute mit ihren Briefen kamen und um Hilfe baten. Linnerl hatte eine außergewöhnlich schöne Schrift und verfasste für ihre Enkelkinder auch immer Geburtstagskarten. So lange ihre Augen, die im Alter schlechter wurden, mitmachten. Linnerl hatte auch nie einen Fernseher, sondern hörte immer nur Radio. Die Kinder und Kindeskinder wollten ihr zwar eine Freude bereiten, aber sie lehnte den Fernseher ab. Linnerl war ihrer Zeit voraus, war damals schon der Meinung, dass Fernsehen den Menschen nicht guttäte. Wenn wir zu Besuch bei ihr waren, hielt sie uns immer einen Vortrag wegen der Umweltverschmutzung, die Autos und Flugzeuge verursachen. „Das kann nicht gesund sein, es schädigt die Atmosphäre.“, mutmaßte sie dann. Und das war Ende der 70er-Jahre, als sie das sprach. Auch sagte sie uns immer, wir sollten kein Schweinefleisch essen, wenn doch, dann nur Fisch und Huhn. Und das alles nur selten. Schweinefleisch sei nicht gesund. Sie ernährte sich von ihrem Küchengarten und ihren Hühnern. Täglich einen Apfel, ein Stück Brot dazu und eine Handvoll Nüsse, die sie selbst geglaubt hat. Linnerl war eine sehr weise Frau. Wenn ich so nachdenke, hat sie recht behalten.
Wir starteten als Kinder, als sie ihr Tor öffnete, wenn wir zu Besuch kamen, immer gleich durch. Am Ende des Hofes vor dem Kleintierstall und Gehege war ihre Toilette, das Plumpsklo. Wir fanden es so faszinierend und hatten unseren Spaß damit. Linnerl nahm das immer mit einem Schmunzeln hin. Im Alter hatte sie immer einen Nachttopf beim Bett. Linnerl hatte bis ins hohe Alter eine peinliche Sauberkeit.
4. Kapitel
Wenn ich so daran denke, wie auf dem Land früher gelebt wurde, und wenn ich uns alle jetzt beobachte, werde ich nachdenklich. Vielleicht hatten sie meist nicht viel früher, aber es war ein einfacheres und gesünderes Leben. Widrigkeiten gibt es zu jeder Zeit und Epoche, aber auf dem Land war eine gewisse Freiheit, die gibt es nicht mehr. Es wirkt sich wahrscheinlich auf unsere Jugend aus, die mit dem Worklife Balance Virus.
Ich konnte endlich nach vier Jahren das Zimmer im Team wechseln. Die Kollegin, mit der ich das Zimmer teilte, hat einen Redeschwall, der ist unendlich. Die Stimme wird im Stress hysterisch, und sie führt andauernd Selbstgespräche. Jeder Fall wird laut vor sich hin kommentiert, bis zum Sauerstoffmangel. Manchmal glaube ich, es war meine sogenannte Strafe für die Anzeige, die nachweislich unbegründet war. Die eine Dimension bekam Hollywood und die Universal Studios hätten mit dem Drehbuch eine Freude gehabt.
Jedenfalls wechselte ich wieder das Zimmer zu einer angenehmen, ruhigen Kollegin. Da nur ein Spind im Zimmer vorhanden war, war ich auf der Suche nach einem weiteren. Jedem Mitarbeiter steht ein verschließbarer Spind zu, der sich auch im Bürozimmer befindet. Neben uns befindet sich eine zwanzigjährige Kollegin, die ein kleines Zimmer für sich mit 2 Spinden hat. Ich ging also zu ihr und fragte: kannst Du bitte einen Spind frei machen, wir brauchen im Nebenzimmer einen.“
Mehr musste ich nicht sagen. Ein Vulkanausbruch an Gefühlen. Sie teilte mir aufgebracht mit, sie brauche zwei und überlasse uns de facto keinen. Ich meldete dies dem Teamleiter, der ihr sagte: „Bitte ausräumen, es hat jeder nur einen.“
Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie alles zerschlagen vor Wut. In einem Spind hatte sie lauter Lebensmittel, nur Salziges und Süßigkeiten. Das Nervenfutter anscheinend. So einen Haufen habe ich noch nie gesehen. Da wurde mir wieder der Egoismus dieser Generation bewusst. Sie stehen an erster Stelle, auch wenn es nicht angebracht ist. Nichts zählt, was zählen sollte. Ich hätte mir so etwas nach zwei Dienstjahren nicht erlaubt. Sie hat genug Kästen im Zimmer, um ihr Nervenfutter zu verstauen. Vielleicht würde dieser Jugend eine „Rückreise“ in die damalige Zeit guttun, um einige Tage in dieser Zeit zu leben.
Wenn meine Mutter in den Ferien bei Linnerl war und diese zeitig aufs Feld arbeiten gehen musste, machte sie meiner Mutter einen Kakao. Damit dieser warm blieb, wurde er in den Sparherd gestellt. Bis meine Mutter aufgestanden war, hatte sich eine dicke Haut auf dem Kakao gebildet. Meine Muttergrauste sich vor dieser Haut und sie entfernte sie mit den Fingern. Kein Kasten voller Nervenfutter, sondern ein Kakao mit Haut und Butterbrot.
...
Meine Großcousine und ihr Lebensgefährte waren mir ein Halt in schwierigen Zeiten, als meine Eltern starben und ich meine Kernfamilie im Nacken hatte. Meine Cousine hat selbst ein bewegtes Leben hinter sich und hat erst im Alter den richtigen Partner, der ihr Halt und auch ein angenehmes Leben bietet, gefunden. Erst mit etwa sechzig wurde ihr Frieden gegeben. Das schwierige Leben, das Chaos in ihrem Leben, wurde durch ihre Mutter verursacht.
Eine einzige Person schafft es, die ganze Familie in ein Chaos und Durcheinander zu versetzen. Die Person, die einem das Leben schenkt, schafft es, einen an den Rand der Verzweiflung zu bringen.
Ihr Start ins Leben, ihre Mutter – das schwarze Schaf der Familie – hat sie von Geburt an beeinflusst, so beeinflusst, dass ihr Leben ein Schmerz war. Sie hatte auch Glück, Glück, dass sie irgendwann die Pflegetochter ihrer Tante und ihres Onkels wurde. Dort konnte sie jahrelang leben und ein bisschen Ruhe und Familie finden. Ihre Mutter war die Schwester meiner Großmutter, mit der ich viel Kontakt hatte. Dadurch kenne ich die ganzen Geschichten, Geschichten, die zur damaligen Zeit und in dieser sonst anständigen Familie eine Schande waren. Ich werde versuchen, alle Begebenheiten so zu schildern, wie sie mir noch in Erinnerung sind. Meine Großmutter und auch meine Mutter haben sich öfters unterhalten, wenn wieder irgendeine Peinlichkeit zutage trat, auch über die alten Geschichten, die für die damalige Zeit einfach gesagt eine Schande waren. Um die Personen zu wahren, habe ich die Namen verändert, aber der Inhalt des geschriebenen ist so wiedergegeben, wie ihn meine Großcousine noch heute erzählt und wie er mir von der Familie erzählt wurde.
1. Kapitel
Mein üblicher Morgen im Büro. Kurz nach 6 Uhr fahre ich bereits mit dem Postwagen in die Kanzlei, um unsere Post zu holen und auch Handakten ins Archiv zu verschieben. Meine jungen Kollegen drücken sich vor dieser Arbeit. Ich bin mir aber nicht zu schade dafür, die Post zu holen und den Zimmern des Teams zuzuordnen. Wir sind zwar Sachbearbeiter, aber auch diese Arbeit muss gemacht werden. Das ist dann immer ein Ritual. Ich schau bei meinem Kollegen vorbei, der schon vor mir im Büro ist. Wir trinken dann gemeinsam einen schnellen Kaffee und plaudern über die beruflichen und privaten Dinge.
Wir beide wurden wegen Amtsmissbrauch angezeigt. Es gab zwar keine Gerichtsverhandlung, aber eine dreitägige Disziplinarverhandlung, bei der wir einen glatten Freispruch erhielten Das heißt, es war nichts. Zwei Jahre Aufregung und Demütigung umsonst.
Wir haben, glaube ich, fünfundzwanzig Jahre bestens zusammengearbeitet. Nach dieser Anschuldigung wurden wir dann stockwerkweise getrennt, und wenn es möglich gewesen wäre, hätten sie uns verboten, miteinander zu sprechen. Aber das lasse ich einmal so stehen.
Als ich an diesem Morgen meinen ersten Schluck Kaffee trinke, läutet mein Privathandy. Meine Großcousine ist am Telefon und weint und weint hinein. Es ist so laut, dass mein Kollege fast jedes Wort mitbekommt. Er runzelt die Stirn, als ich versuche, meine Großcousine zu beruhigen. Fazit: Ihre Mutter, die gegenüber von ihr und ihrem Lebensgefährten wohnt, ist wieder einmal beteiligt an einer Intrige. Die Dame ist mittlerweile im siebenundachtzigsten Lebensjahr und geistig voll da. Meine Großcousine hat einen Sohn und eine Enkeltochter. Die Enkeltochter lebt aufgeteilt bei der leiblichen Mutter und dem Vater. Und da gibt es anscheinend große Turbulenzen. Es geht ums Sorgerecht. Die alte Dame schmiedet Intrigen, wo sie nur kann. Sie hat sich an die Seite der Mutter des Kindes geschlagen.
Meine Großcousine hat schon Gespräche belauscht, welche die alte Dame auf der Bank vor dem Haus führt. Meine Großcousine grenzt mit dem Garten an die Bank und hat sich schon im Gebüsch versteckt, um zu lauschen. Die alte Dame gibt an die Mutter Informationen weiter, Informationen, die sie glaubt zu sehen und zu wissen. Mittlerweile ist der Sorgerechtsfall vor Gericht, und dort ist sogar aufgefallen, und wurde die Frage gestellt, woher die Mutter des Kindes diese Informationen hat.
Ich kann nicht viel dazu beitragen, außer dass ich zuhöre. Früher stand meine Mutter meiner Großcousine immer bei. Seit dem Tod meiner Eltern habe ich dies übernommen.
Meine Großcousine läuft auch wieder zum Neurologen und braucht Medikamente. Nur so kann sie alles ertragen. Auch wenn sie jetzt eine gute Partnerschaft führt, die alten Wunden sind da, sie schlummern, und ihre Mutter versteht es noch immer, den richtigen Knopf zu drücken, um Schmerzen und Verzweiflung auszulösen. Anscheinend hält sie dieses Intrigenspiel am Leben. Es ist ihr Sauerstoff – ihre Lebensatmung, wodurch sie wahrscheinlich so ein hohes Alter erreicht hat und ihr Gehirn noch immer bestens arbeitet.
Meine Cousine und ihr Partner haben Angst, ihr einziges Enkelkind nicht mehr zu sehen, beziehungsweise, dass so eine Art Verbot ausgesprochen wird. Ich beruhige sie, da ich die beiden kenne und weiß, dass sie nur das Beste für das Kind wollen und sicherlich nicht unangenehm aufgefallen sind. Aber ich weiß selbst aus Erfahrung, dass es schwierig ist, das Gegenteil zu beweisen, wenn einmal ein Gerücht, eine Unwahrheit in den Raum gestreut worden ist. Erst vor einigen wenigen Wochen drohte ich im Büro mit einer Verleumdungsklage, aber mit Nachdruck. Es war wieder versucht worden, unsere alte Geschichte in Umlauf zu bringen.
Ich verspreche meiner Großcousine, mich abends zu melden, und beende das Gespräch. Ich habe noch einen arbeitsreichen Tag vor mir. Bevor ich gehe, erzähle ich kurz meinem Kollegen über die Mutter meiner Großcousine, das schwarze Schaf der Familie. Der Unruheherd der Familie, seit sie den ersten Schrei bei der Geburt tätigte.
2. Kapitel
Wir schreiben das Jahr 1937. Linnerl liegt in den Wehen, die Dorfhebamme ist bei ihr. Es wird ihr sechstes lebend geborenes Kind sein. Eine Nachzüglerin. Die Ortschaft befindet sich in der Nähe von Retz im Weinviertel an der tschechischen Grenze. Linnerls Mann sitzt in der Wohnküche, still. Am Tisch bei ihm befinden sich die fünf Kinder der Familie. Sie sitzen beim Essen. Eine gewisse Anspannung im Raum. Die Kinder spüren, dass etwas vor sich geht, aber was genau passiert, wissen sie nicht. Es ist eine andere Zeit, die Menschen sind von Aufklärung noch weit entfernt. Die Kinder bekommen höchstens mit, wenn ein Kalb oder ein anderes Tier geboren wird. Aber wie es beim Menschen ist, ahnen sie nur.
Auf einmal entsteht Unruhe. Sie ist spürbar im Nebenzimmer, wo Linnerl in den Wehen liegt. Plötzlich ein Säuglingsgeschrei. Laut schreit sich Lies ins Leben. Walter, ihr großer Bruder, meint am Tisch sitzend laut: „Der Fratz hat uns noch gefehlt.“
Dieser eine Satz wird bis heute ausgesprochen, wenn Lies wieder auffällig ist und an die alte Geschichte erinnert. Walter sagte damals mit einem Satz alles, als hätte er eine Vorahnung gehabt, dass Lies Schmerz und Kummer über die Familie bringen würde.
Fred, der Vater der Kinder, erhebt die Hand und schlägt Walter ins Gesicht. Noch als er es tut, schmerzt es ihn, dies getan zu haben. Fred ist in der Ortschaft als liebevoller Familienvater und Freund bekannt, so bekannt, dass er oft um Rat gefragt wird. Er strahlt eine Wärme aus, die von Herzen kommt. Er ist grundehrlich und ein herzensguter Mensch. Er ist im Dorf der Schuster und ein beliebtes Mitglied der Dorfgemeinschaft. Obwohl er und Linnerl nicht reich sind, und gerade ihr sechstes Kind zur Welt kommt, sind die beiden anders reich. In diesem Bauernhaus ist es friedlich, eine angenehme liebevolle Umgebung, in der die Kinder aufwachsen. Linnerl arbeitet auch im Feld mit, und ein Küchengarten ist vorhanden, es ist immer genug zu essen da. Es ist eine schwierige Zeit, wo viele Menschen in der Stadt hungern, nicht genügend zum Essen haben.
Fred wurde auch irgendwann, wie seine Söhne, eingezogen für den Krieg. Sie gingen fort und zogen in den Krieg. Fred gelangt irgendwann in russische Gefangenschaft, in ein Lager. Dadurch dass er Schuster war, konnte er jedoch dort überleben. Er machte und richtete den Uniformierten die Schuhe und war auch sonst geschickt, was sein Leben, sein Überleben sicherte. Er und ein Sohn kehrten aus der russischen Gefangenschaft zurück, der andere Sohn war wohl im Krieg gefallen, dies ist bis heute nicht geklärt, es wird angenommen.
Nie wieder gab es ein Lebenszeichen von ihm. Über den verlorenen Sohn wurde immer liebevoll gesprochen, mit Tränen in die Augen. Die Familie war sehr sozial, herzensgut, bis auf das schwarze Schaf, die Nachzüglerin. Als Fred aus dem Krieg zurückkehrte, war meine Mutter bereits auf der Welt. Sie wurde 1947 geboren. Meine Großmutter lebte mit ihrer kleinen Familie, meiner Mutter als erstes Kind, in der Nähe vom Augarten im zweiten Bezirk in einer Altbauwohnung. Linnerl war gerade zu Besuch bei ihnen. Meine Mutter war ein Frühchen und damals sehr schwer durchzubringen. Meiner Großmutter ging es nach der Geburt nicht sehr gut, und Linnerl war bei ihr, um zu helfen. Mein Opa arbeitete sehr viel. Er hat noch händisch nach Öl gebohrt für Firmen. Er liebte seine Arbeit.
Die zwei Frauen waren also mit dem Frühchen abends allein. Auf einmal klopfte es an der Tür. Sie wurden still, hatten Angst und trauten sich nicht, zu öffnen. Und wieder klopfte es. Sie gingen also zur Tür hin und fragten, wer denn so spät an der Tür klopf.
Es war Fred, Linnerls Mann, der Kriegsheimkehrer. Sie hatten bis zu diesem Moment nicht gewusst, ob er lebte und zurückkommen würde. Eigentlich hatten sie die Hoffnung aufgegeben. Meine Großmutter ließ ihn dann irgendwann beim Roten Kreuz auf eine Vermisstenliste setzen, mit ihrem Namen und Adresse. Wie Fred und das Rote Kreuz zusammengefunden hatten, weiß ich nicht. Aber es hatte funktioniert. Wenn meine Großmutter diese Geschichte erzählte, waren es immer bewegende Worte. Meine Großeltern waren dann die ganze Nacht auf und redeten und redeten. Ich denke, nicht viele Familien hatten damals so ein Glück, wieder zusammenzufinden. Gleich nach der Geburt meiner Mutter, sie war ein Frühchen, war meine Oma noch im Krankenhaus und brauchte auch lange, um wieder auf die Beine zu kommen.
Mein Opa hat meine Mutter in eine Decke gewickelt und aufs Land zu Linnerl gebracht. Er dachte sich, nur dort hat sie eine Chance zu überleben. Und wer sollte sich um sie kümmern? Seine Frau war krank und erholte sich nur schwer von der Geburt, und er sollte eigentlich arbeiten.
Als er bei Linnerl mit meiner Mutter ankam, meine Mutter in der Decke eingewickelt, saß Linnerl in der Küche. Er legte das Kind behutsam Linnerl in den Schoß. Als sie das Kind auswickelte, und dieses Frühchen sah, waren ihre einzigen Worte: „Heiliger Gott, was ist das?“
Sie hatte selbst sechs Kinder, aber so etwas Zartes hatte sie noch nie gesehen. Linnerl gelang es, meine Mutter durchzubringen. Sie ging auch zum Dorfkaufhaus und bat den Kaufmann um ein Puddingpulver, es war zu dieser Zeit schwer zu bekommen. Eine Babynahrung wie heute gab es damals nicht. Linnerl dachte sich, der Pudding würde das Kind stark machen. Der Kaufmann versuchte sein Bestes und trieb das Puddingpulver auf. Linnerl und meine Mutter hatten ein besonderes Verhältnis, eine besondere Liebe zueinander. Linnerl rettete meiner Mutter auf eine Art das Leben. Meine Großmutter war zu schwach und kränklich, aber Linnerl schaffte das Unmögliche. Meine Mutter überlebte und bekam selbst drei Kinder.
3. Kapitel
Linnerl war eine besondere Frau. Nicht nur, dass sie sechs Kinder hatte, sondern sie schmiss den Haushalt, arbeitete im Feld und kümmerte sich um den Küchengarten und Kleintiere. Sonntag war immer ein besonderer Tag. Es war ihr Tag. Nach getaner Arbeit band sie sich die Sonntagsschürze um und wartete, bis sie kamen. Die Leute aus dem Dorf. Sie war eine der wenigen Leute im Dorf die lesen und schreiben konnte. Ich glaube, mich zu erinnern, dass eine Gutsfrau es ihr beigebracht hatte. Linnerl hatte beide Kriege miterlebt, und auf dem Land herrschte sowieso eine andere Welt. Es war harte Arbeit angesagt, um zu überleben.
Ihre Kinder konnten alle in die Dorfschule gehen, alle acht Schuljahre in einer Klasse. Das war damals so. Linnerl las für die Leute im Dorf die Briefe vor, die diese erhielten, und beantwortete sie, wenn es notwendig war. Ich denke, dass sie dafür Waren von den Dorfbewohnern. Am Land war dies so üblich.
Meine Mutter war oft in den Ferien bei ihr, die beiden hatten eine eigene Beziehung zueinander. Sie fand es immer spannend, wenn die Leute mit ihren Briefen kamen und um Hilfe baten. Linnerl hatte eine außergewöhnlich schöne Schrift und verfasste für ihre Enkelkinder auch immer Geburtstagskarten. So lange ihre Augen, die im Alter schlechter wurden, mitmachten. Linnerl hatte auch nie einen Fernseher, sondern hörte immer nur Radio. Die Kinder und Kindeskinder wollten ihr zwar eine Freude bereiten, aber sie lehnte den Fernseher ab. Linnerl war ihrer Zeit voraus, war damals schon der Meinung, dass Fernsehen den Menschen nicht guttäte. Wenn wir zu Besuch bei ihr waren, hielt sie uns immer einen Vortrag wegen der Umweltverschmutzung, die Autos und Flugzeuge verursachen. „Das kann nicht gesund sein, es schädigt die Atmosphäre.“, mutmaßte sie dann. Und das war Ende der 70er-Jahre, als sie das sprach. Auch sagte sie uns immer, wir sollten kein Schweinefleisch essen, wenn doch, dann nur Fisch und Huhn. Und das alles nur selten. Schweinefleisch sei nicht gesund. Sie ernährte sich von ihrem Küchengarten und ihren Hühnern. Täglich einen Apfel, ein Stück Brot dazu und eine Handvoll Nüsse, die sie selbst geglaubt hat. Linnerl war eine sehr weise Frau. Wenn ich so nachdenke, hat sie recht behalten.
Wir starteten als Kinder, als sie ihr Tor öffnete, wenn wir zu Besuch kamen, immer gleich durch. Am Ende des Hofes vor dem Kleintierstall und Gehege war ihre Toilette, das Plumpsklo. Wir fanden es so faszinierend und hatten unseren Spaß damit. Linnerl nahm das immer mit einem Schmunzeln hin. Im Alter hatte sie immer einen Nachttopf beim Bett. Linnerl hatte bis ins hohe Alter eine peinliche Sauberkeit.
4. Kapitel
Wenn ich so daran denke, wie auf dem Land früher gelebt wurde, und wenn ich uns alle jetzt beobachte, werde ich nachdenklich. Vielleicht hatten sie meist nicht viel früher, aber es war ein einfacheres und gesünderes Leben. Widrigkeiten gibt es zu jeder Zeit und Epoche, aber auf dem Land war eine gewisse Freiheit, die gibt es nicht mehr. Es wirkt sich wahrscheinlich auf unsere Jugend aus, die mit dem Worklife Balance Virus.
Ich konnte endlich nach vier Jahren das Zimmer im Team wechseln. Die Kollegin, mit der ich das Zimmer teilte, hat einen Redeschwall, der ist unendlich. Die Stimme wird im Stress hysterisch, und sie führt andauernd Selbstgespräche. Jeder Fall wird laut vor sich hin kommentiert, bis zum Sauerstoffmangel. Manchmal glaube ich, es war meine sogenannte Strafe für die Anzeige, die nachweislich unbegründet war. Die eine Dimension bekam Hollywood und die Universal Studios hätten mit dem Drehbuch eine Freude gehabt.
Jedenfalls wechselte ich wieder das Zimmer zu einer angenehmen, ruhigen Kollegin. Da nur ein Spind im Zimmer vorhanden war, war ich auf der Suche nach einem weiteren. Jedem Mitarbeiter steht ein verschließbarer Spind zu, der sich auch im Bürozimmer befindet. Neben uns befindet sich eine zwanzigjährige Kollegin, die ein kleines Zimmer für sich mit 2 Spinden hat. Ich ging also zu ihr und fragte: kannst Du bitte einen Spind frei machen, wir brauchen im Nebenzimmer einen.“
Mehr musste ich nicht sagen. Ein Vulkanausbruch an Gefühlen. Sie teilte mir aufgebracht mit, sie brauche zwei und überlasse uns de facto keinen. Ich meldete dies dem Teamleiter, der ihr sagte: „Bitte ausräumen, es hat jeder nur einen.“
Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie alles zerschlagen vor Wut. In einem Spind hatte sie lauter Lebensmittel, nur Salziges und Süßigkeiten. Das Nervenfutter anscheinend. So einen Haufen habe ich noch nie gesehen. Da wurde mir wieder der Egoismus dieser Generation bewusst. Sie stehen an erster Stelle, auch wenn es nicht angebracht ist. Nichts zählt, was zählen sollte. Ich hätte mir so etwas nach zwei Dienstjahren nicht erlaubt. Sie hat genug Kästen im Zimmer, um ihr Nervenfutter zu verstauen. Vielleicht würde dieser Jugend eine „Rückreise“ in die damalige Zeit guttun, um einige Tage in dieser Zeit zu leben.
Wenn meine Mutter in den Ferien bei Linnerl war und diese zeitig aufs Feld arbeiten gehen musste, machte sie meiner Mutter einen Kakao. Damit dieser warm blieb, wurde er in den Sparherd gestellt. Bis meine Mutter aufgestanden war, hatte sich eine dicke Haut auf dem Kakao gebildet. Meine Muttergrauste sich vor dieser Haut und sie entfernte sie mit den Fingern. Kein Kasten voller Nervenfutter, sondern ein Kakao mit Haut und Butterbrot.
...



