Cover: Verlassener Engel

Verlassener Engel
Janson und Ruiz Teil 1


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 404
ISBN: 978-3-99185-089-2
Erscheinungsdatum: 24.02.2026
Töten ist das, was Louis am besten kann und im Namen der Regierung mit Vergnügen tut. Ein Komplott bringt ihn aber in eine lebensgefährliche Lage. Plötzlich von fremder Hilfe abhängig muss er sich mit lange verdrängten Gefühlen auseinandersetzen.
"Ich brauche ein Scharfschützengewehr, ein Intervention M200. Können Sie das besorgen?“ Colonel Janson beugte sich nach vorn und stützte die Hände auf den Schreibtisch in dem kleinen Containerbüro. Das Licht war so fahl, dass er seine Kontaktperson dahinter kaum sehen konnte. Dass sie dort saß, wusste er aber, denn er war bereits seit drei Stunden zugegen und hatte den Container im hintersten Teil des Schrottplatzes mit dem Fernglas beobachtet. So hatte er Mr. Billings genau gesehen, wie er sein Auto, einen verbeulten Ford, am Nachbarcontainer geparkt hatte und dann durch die Tür gegangen war, die Janson vor zwei Minuten ebenfalls benutzt hatte. Natürlich hatte er zuvor einen Personencheck durchführen lassen. Er hatte ein Foto mit dem Fernglas geschossen und es online an Lieutenant Ruiz weitergeleitet, der ihm nach dreißig Sekunden einfach nur ein „Positiv“ gemeldet hatte, worauf Janson auf der vorher von ihm bestimmten Route zum Container geschlichen war. Katzenhaft hatte er sich über den Schrottplatz bewegt, war Kameras ausgewichen und hatte sich nur außerhalb der Blickwinkel der vielen Mitarbeiter aufgehalten, die mit Kränen, Lastwagen und Traktoren Metalle und Baumaterialien sortierten, die dann zur Wiederverwendung vorbereitet wurden. Er war ein Meister der Bewegung, konnte in jeder Körperpose verharren und sich aus ihr direkt wieder in eine maximale Geschwindigkeit katapultieren. Durch sein jahrelanges Training war er ein dynamisches Kraftpaket mit der unglaublichsten Körperspannung, die sein Chef nach eigenen Angaben je gesehen hatte. Und genau deshalb war er es, der sich mit seiner Dynamik über den Schrottplatz schlich und nicht Ruiz oder Bricks, die beide deutlich größer und weniger elastisch waren und niemals in der Lage gewesen wären, sich zwischen zwei Containern fünf Minuten in halbhoher Position mit einer Hand, klein zusammengerollt, an einer zehn Zentimeter langen Strebe festzuhalten, bis der Scheißtraktor endlich um die Ecke verschwunden war. Allein die Strebe zu umfassen, wäre mit ihren riesigen Händen nicht möglich gewesen. Besonders Ruiz war ein wahrer Gigant, fast zwei Meter groß und breit wie ein Schrank. Und jetzt stand Janson hier vor dem Schreibtisch und war schon genervt, weil Billings in Schockstarre verfallen zu sein schien. Er lehnte sich noch weiter nach vorn und bemerkte, dass er angestarrt wurde. „Brauchen Sie eine Vorstellungsrunde? Dann hätten Sie Lehrer an der Highschool werden müssen, Billings.“ Janson hasste es, so angesehen zu werden, und er überlegte kurz, dem Kerl in der Ecke einfach die Kehle durchzuschneiden. „Sind Sie …?“, stammelte er. „Ja, bin ich. Wenn Ihnen mein Aussehen nicht gefällt, kann ich daran nichts ändern. Aber Sie können meine Frage beantworten. Intervention M200.“ „Ja, natürlich kann ich das. In Panama City gibt es nichts, was es nicht gibt.“ „Das ist mir scheißegal, labern Sie nicht rum. Wie sieht’s mit Necked-down-Munition aus?“ „Warum brauchen Sie die? Sie reduzieren die Leistungsfähigkeit der Waffe um mindestens fünfunddreißig Prozent, wenn Sie nicht die vier-null-achter Patronen nutzen.“ Janson knirschte mit den Zähnen. „Fragen kann auch tödlich sein. Und ich brauche vielleicht fünf Minuten, um einen anderen Vollidioten zu finden, der mir das Zeug besorgt, ohne mir auf den Sack zu gehen. Wenn Sie mit Waffen handeln, wissen Sie doch genau, warum ich nicht mit der Vier-null-acht schießen will.“ „Es kommt Ihnen nicht auf die maximale Reichweite, sondern auf die erhöhte Geschwindigkeit im Nahbereich an.“ „Bingo, Schlaumeier. Und jetzt nochmal: Gibt’s das hier?“ „Ja, in Panama …“ „Halt’s Maul!“ Billings klappte den Mund zu. „Du lieferst mir den ganzen Scheiß in einem Gitarrenkasten mit Rucksackschlaufen. Inklusive Ballistikrechner und Schalldämpfer. Zehn Schuss drei fünfundsiebzig reichen mir.“ „Die eingestellte Software auf dem PDA …“ „… ist für die vier-null-acht, du Klugscheißer, das weiß ich auch. Und jetzt guck mich nicht so an, sonst schneide ich dir die Kehle durch.“ Billings senkte den Blick und sah auf den Tisch, auf dem ein Prepaidhandy lag. „Geben Sie mir bitte eine Telefonnummer, damit wir die Übergabe koordinieren können, wenn ich Ihre Wünsche zusammengestellt habe.“ Der Colonel griff in seine Tasche, holte sein eigenes Telefon hervor, ging in die Einstellungen und las die Nummer ab. Das Handy war nagelneu und vermutlich würde er genau einmal damit telefonieren. „Wie lange brauchen Sie?“ „Wofür? Um die Sachen zu besorgen?“ „Nee, um deine Mutter zu ficken! Ich hab’ dir doch schon gesagt, dass Fragen tödlich sein kann.“ „So drei Stunden.“ „Prima, dann kannst du nach unserem Telefonat direkt deinen fetten Arsch in deine verbeulte Ford-Karre packen und mir den Scheiß vorbeibringen.“ Billings sah wieder auf. Er wirkte entsetzt und ängstlich, genau so, wie Janson ihn haben wollte. „Haben Sie mich beobachtet?“ Der Colonel grinste. „Ich seh’ nicht so aus, denkst du? Ich sehe zwar vermutlich tatsächlich nicht so aus, aber ich bin dein schlimmster Alptraum, du blöder, geiler Wichser.“ Damit drehte er sich um und verließ den Container. Billings rührte sich nicht von der Stelle, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Janson stellte das Motorrad vor dem Motelzimmer neben den Mietwagen. Er positionierte es so, dass es von vorne nicht gesehen werden konnte, es war für sein Vorhaben essentiell, und da er es bereits am Vortag gestohlen hatte, wurde es vermutlich schon gesucht. Sicherheitshalber hatte er das Nummernschild getauscht und die Seriennummer entfernt, aber man konnte nie wissen. Als er mit seinem Versteck zufrieden war, stieg er die drei Stufen zur Motelzimmertür hinauf und klopfte dreimal an. Es dauerte einen kleinen Moment, bis sie sich öffnete und er eintreten konnte. „Wo ist Bricks?“, fragte er sofort, denn außer Ruiz war niemand im Raum und die Tür zum Bad stand offen. Ruiz guckte betreten. „Er hat gesagt, dass er was erledigen muss, und dann war er weg.“ „Marco, hast du sie noch alle? Der Einzige, der hier heute Morgen was zu erledigen hatte, war ich. Ihr seid mein Backup! Was, wenn ich mit dem Waffenhändler Probleme gekriegt hätte? Ein Colonel weniger, oder was?“ Janson hatte sich den Helm vom Kopf gerissen und ihn aufs Bett geworfen. „Tut mir leid, er hat gesagt …“ „Es ist mir scheißegal, was er gesagt hat. Ihr habt beide meine Befehle missachtet.“ Er zog sich das Zopfgummi aus der Frisur und schüttelte wild den Kopf, bevor er sich die dichten braunen Haare mit den Händen aus dem Gesicht strich. Ruiz sah nun noch kleinlauter aus. „Louis, du weißt, ich würde nie etwas tun, das dich gefährdet.“ „Hast du aber. Und jetzt guck nicht so belämmert. Das macht es auch nicht besser.“ Er ging ins Bad und schloss die Tür, dann riss er sich die verschwitzten Kleider vom Leib und stieg unter die Dusche. Wenn Bricks schon nicht da war, konnte er den Vorteil der Tatsache wenigstens nutzen. Einige Minuten stand er mit geschlossenen Augen unter dem warmen Wasserstrahl, dann öffnete er sie wieder und inspizierte die Körperstellen, die jetzt brannten, da sie nass geworden waren. Er entdeckte jede Menge kleiner Schürfungen, die er sich bei seiner Mischung aus Parcours und Calisthenics auf dem Schrottplatz zugezogen hatte, allerdings waren sie alle keinen zweiten Blick wert, und er schäumte sich mit dem Duschgel aus dem Spender an der Wand ein, ignorierte die vorübergehende Zunahme der Schmerzen, wusch sich ab, rubbelte sein Haar und wickelte sich dann in das Handtuch, bevor er aus der Dusche stieg. Dann schnappte er sich den Kleiderhaufen und verließ das Bad. Ruiz saß im Schneidersitz auf dem Bett. Er hatte den Lageplan des Parks vor sich und zeichnete die aufgestellten Absperrungen und Eingänge der Festivalveranstaltung ein, auf der sie ihre Zielperson eliminieren würden. Er sah auf. „Louis, ich …“, sagte er, errötete und blickte wieder auf den Plan. „Zieh dir bitte was an.“ Janson rollte die Augen. Dann kramte er frische Unterwäsche und eine Jeans aus seiner Tasche, zerrte sich das Handtuch vom Leib und bekleidete sich. „Besser?“, fragte er. Ruiz nickte, ohne aufzusehen, dann schob er ihm den Plan hin. „Aus der geplanten Position habe ich mit den Zäunen keinen Blick auf den Zielort. Was soll ich jetzt machen?“ Janson war schon bei ihrer gemeinsamen Aufklärung, die sie als touristische Ausflugsgruppe unternommen hatten, klar geworden, dass der Winkel, den Ruiz vorgeschlagen hatte, nicht praktikabel war. Allerdings hatte er diese Tatsache ignoriert, weil er als operativer Leiter und verantwortlicher Offizier selbst entscheiden würde, wer wann wo was machte. Der Kontakt mit der Zielperson, einem kolumbianischen Waffenhändler, war nur schriftlich über verschlüsselte E-Mails erfolgt, und es sollte lediglich ein USB-Stick mit Codes von amerikanischen Fluglenkraketen gegen Bitcoin getauscht werden. Und das Ganze unauffällig in einer großen Menschenmenge, wie die Zielperson, Hernandez, vermutete. Er hatte keine Ahnung, wie der Lieferant seiner Ware aussehen würde, während sowohl Janson als auch Ruiz und Bricks ganz genau wussten, wie Hernandez aussah, weswegen es auch völlig egal war, wer von den dreien ihn vor die Flinte bekommen würde. „Wir tauschen“, sagte der Colonel, während er sein feuchtes Haar schüttelte und sich dann wieder zu einem Pferdeschwanz zusammenband. „Was?“ Ruiz sah auf und errötete wieder leicht, als er Jansons Blick traf. „Das kannst du dir auch mal sparen, Lieutenant Ruiz, mich immer so blöd anzugucken“, sagte er und warf ein Kissen nach ihm. Ruiz fing es auf und legte es wieder auf das Bett zurück, dann rieb er sich die Augen. „Was willst du tauschen?“, fragte er noch einmal. „Ich schieße.“ „Das war aber doch …“ „Ich schieße. Und Bricks erfährt unseren Tausch nicht. Da mein geplanter Standort so weit von seinem entfernt ist, dass er mich nicht hätte sehen können, kannst du meinen Platz prima einnehmen und ich schieße.“ „Ich hab’s verstanden. Sagst du mir auch, warum?“ „Wo ist er hingegangen?“ „Keine Ahnung.“ „Da hast du’s. Mehr Gründe brauche ich nicht.“ Wie praktisch manche Zufälle sich nutzen ließen. Janson war zufrieden mit sich, denn Ruiz schwieg nun. Es klopfte dreimal. Der Colonel stand auf, stellte sich hinter die Tür, öffnete sie weit und ließ sie nach vorne krachen, als die Person, die davorgestanden hatte, einen Schritt in den Raum hinein gemacht hatte. Er hörte ein Stöhnen, öffnete die Tür erneut, packte Bricks an der Jacke, zog ihn ins Zimmer und knallte die Tür ganz zu. „Wo waren Sie?“, fauchte er. Bricks sah einen Moment leicht verwirrt aus. Als er seinen Angreifer erkannte, grinste er jedoch, was mit der blutenden Nase und der aufgeplatzten Oberlippe dämonisch aussah, allerdings auch nicht viel gruseliger als sonst, denn die eng zusammenstehenden Augen und die riesige Hakennase unter der fliehenden Stirn ließen ihn wie einen riesigen Greifvogel wirken. Einen widerlichen, brutalen, menschenverachtenden Greifvogel. Janson hatte allen Grund, ihn zu hassen, und das tat er aus tiefster Seele, wenn auch bis jetzt immer nur heimlich. „Milchbubi ist wieder da“, kicherte Bricks und berührte Jansons haarlosen Unterarm. „Sparen Sie sich Ihre Kommentare, Bricks, und sagen Sie mir lieber, wo Sie waren? Wir gehen hier nicht einfach irgendwohin, ohne dass das vorher abgesprochen ist.“ „Ich hab’ nochmal was geguckt, wegen des Einsatzes morgen“, erwiderte Bricks halbherzig. Es war völlig offensichtlich, dass er gelogen hatte, und es schien ihm total egal zu sein. „Was willst du denn machen, Mäuschen? Willst du mir nochmal die Nase mit der Tür verhauen oder vielleicht den Popo versohlen?“ Er drehte sich leicht zur Seite und schwang die Hüften. „Sehr witzig. Ich bin Ihr verantwortlicher Offizier, Sergeant Bricks, und ich dulde ein derartiges Verhalten nicht. Wenn Sie mich nicht leiden können, behalten Sie Ihre Meinung für sich. Aber ich bin auch für unser aller Leben verantwortlich, und Lieutenant Ruiz kann dadurch ebenso Schaden nehmen, und der hat ja wohl nichts mit Ihrem Problem mit mir zu tun.“ Sie sahen nun beide zum Bett, auf dem Ruiz mit leicht unglücklichem Gesichtsausdruck saß. „Bricks, es wäre wirklich besser, wenn du uns sagst, wo du warst“, ergriff er Partei. „Dann müsst ihr mich wohl erschießen und in meinem Gehirn nachgucken. Du und dein Kindergartenkumpel“, sagte der Sergeant und setzte sich immer noch grinsend aufs Sofa. „Was soll der Scheiß?“ Ruiz schien die Situation zu beunruhigen, und das tat Janson leid. Ihn selbst beunruhigte sie nicht. Er fühlte sich bestätigt in dem, was er vorhatte, und spürte das erwartungsvolle Kribbeln in seinem Oberbauch. Sein liebstes Gefühl. Er würde es mehr als einen Tag lang fühlen dürfen, und das machte ihn beinahe glücklich. Allerdings durften das die beiden anderen nicht merken. „Bricks, gehen Sie sich waschen“, befahl er daher, und dieser verschwand sofort freiwillig im Bad, schloss die Tür, und dann war das Rauschen der Dusche zu vernehmen. „Ist der immer so?“, flüsterte Ruiz. Janson zuckte die Schultern. „Lass ihn abziehen, melde ihn. So kann er nicht mit dir umgehen.“ Janson zuckte erneut mit den Schultern. „Louis, das kann nicht dein Ernst sein. Er benimmt sich, als habe er Drogen genommen oder so was.“ „Lass gut sein.“ Der Colonel legte seinem untergeordneten Offizier die Hand auf die Schulter. „Lass gut sein“, sagte er noch einmal und sah ihm in die Augen. Ruiz errötete wieder und sah schnell weg. „Okay“, murmelte er leise. Jansons Handy klingelte. Er zog es aus dem Wäscheberg neben seiner Tasche und nahm die Uhrzeit auf dem Display wahr, bevor er den grünen Knopf drückte. Es waren exakt drei Stunden vergangen.

Janson schwang sich wieder auf das Motorrad und brauste vom Hof. Der Treffpunkt befand sich außerhalb der Stadt in einem Sumpfgebiet. Dieses hatte er auf Google Maps gefunden und aus Sicherheitsgründen ausgewählt, sollte die Übergabe schiefgehen. Da würde ihm die Saugkraft des Wassers sicher hervorragende Hilfe leisten. Er hatte noch fast eine Stunde Zeit und das würde ihm reichen, um die Gegend zu erkunden. Diesmal hatte er sich direkt gegen ein Backup entschieden. Ruiz sollte dafür sorgen, dass Bricks das Motelzimmer nicht wieder verließ, den Rest würde er daher wohl alleine richten müssen, auch wenn Ruiz ihn nicht hatte ungeschützt gehen lassen wollen. Da musste er jetzt aber durch, manchmal konnte er eine wirkliche Heulsuse sein. Janson jagte das Motorrad auf die Umgehungsstraße, er berührte beim Beschleunigen in der Kurve fast mit dem rechten Knie den Boden, richtete das Motorrad beim Anfahren des Beschleunigungsstreifens wieder auf und gab gleichzeitig noch mehr Gas. Sein Sichtfeld verengte sich herrlich, er genoss es, die Grenze der Beherrschbarkeit erreicht zu haben. So raste er über die Schnellstraße, weit jenseits jeglicher Geschwindigkeitsbegrenzung, überholte alle anderen Fahrzeuge und nahm die Ausfahrt, die dem Sumpfgebiet am nächsten war, wobei er den Verzögerungsstreifen für eine Vollbremsung nutzte und dann halb slidend die Kurve nahm, bis er an der Kreuzung zu stehen kam. Er bog links ab und nach kurzer Zeit wieder rechts, fuhr auf den Parkplatz des Sumpfes, eines ausgewiesenen Naturschutzgebiets. Dort versteckte er das Motorrad hinter einem Busch, legte den Helm daneben und machte sich daran, die Gegend zu erkunden. Er sprang von Stein zu Stein durch das moorige Wasser und kletterte auf einer kleinen Insel in der Mitte des Sumpfes auf einen hohen, dicht belaubten Baum mit fleischigen grünen Blättern. Stammnah schwang er sich in die Höhe, bis er das gesamte Gelände überblicken konnte. Er war allein. Kein Fahrzeug, kein Mensch, kein Tier. Nur Vögel krächzten und sangen irgendwo unsichtbar im Hintergrund. Janson legte sich auf einen dicken Ast und beobachtete die Umgebung mit dem Fernglas. Die fremden Pflanzen waren wunderschön und viel bunter als zu Hause. Riesige Blüten wuchsen an Bäumen und Büschen, es duftete wunderbar um ihn herum und er war dadurch nach einer Weile so abgelenkt, dass er erschrocken zusammenfuhr und fast vom Ast gefallen wäre, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung auf dem Parkplatz wahrnahm. Es war Billings’ verbeulter Ford, der gerade anhielt, dann noch einige Meter weiterfuhr und dann ganz stehen blieb. Janson richtete das Fernglas auf die Fahrerkabine. Im Wagen saß nur eine Person, die mit tränenbesackten Augen und Hängebacken die Umgebung nach jemandem absuchte. Der Colonel wartete einen Moment, um sicherzugehen, dass sich nicht doch noch jemand irgendwo auf diesem Gelände versteckt hatte, sondern er selbst die Person war, die erwartet wurde. Billings öffnete die Fahrertür und stieg aus. Er war hässlich, fett und unbewaffnet, zumindest auf den ersten Blick mit dem Fernglas aus dreihundert Meter Entfernung. Janson war zufrieden. Er kletterte eilig und behände den hohen Baum wieder hinunter. Ein Beobachter hätte seine Bewegungen als anmutig und tänzerisch, ja, vielleicht sogar als Ballett beschrieben, das zu einer nur von ihm hörbaren Melodie in einem perfekten Rhythmus erfolgte, aber es gab keine Personen, die seinen beweglichen Körper sehen konnten, und so gelangte er unbeobachtet auf den Boden und schlich sich lautlos zurück zum Parkplatz, näherte sich von der Seite des Ford, die Billings nicht einsehen konnte, und drückte ihm von hinten einen Stock zwischen die Schulterblätter, den er auf dem Weg aufgesammelt hatte. „Keine Bewegung“, zischte er dem Waffenhändler ins Ohr. „Und jetzt hebst du schön deine Pfoten und rührst dich nicht.“ Billings gehorchte, hob langsam seine Hände, die zitterten, und Janson sah große Schweißflecken unter seinen Achseln, die, nach dem Geruch zu schließen, nicht nur frisch waren. Er warf den Stock unter das Auto und rümpfte angewidert die Nase, während er den schwammigen Körper vor sich abtastete, um ganz sicherzugehen, dass er es mit einem Unbewaffneten zu tun hatte. „Igitt, bist du ekelhaft.“ Janson wischte seine jetzt feuchten Hände an Billings’ Hosenbeinen ab. „Umdrehen, aber schön die Hände oben lassen.“ Der Waffenhändler gehorchte wieder, drehte sich um und Janson sah die blanke Panik in seinem Blick. „Ich hab gesagt, dass ich dein Alptraum bin. Es liegt an dir, ob du daraus unbeschadet wieder aufwachst oder ob du darin verendest. Mach den Koffer auf, langsam, ganz langsam, keine Tricks.“ Billings ging mit erhobenen Armen in die Hocke und sah Janson dabei weiter an. Dann tastete er nach den Verschlüssen und klappte sie auf. „Halt, dreh den Koffer zu mir, bevor du ihn öffnest.“ Billings schob den Koffer langsam herum und fuhr mit den Fingern unter den seitlichen Rand, dann zog er daran und der Deckel hob sich. Janson schob den Fuß in die sich bildende Öffnung und drückte das Oberteil ganz nach hinten, sodass er ungehindert in den Koffer sehen konnte. „Finger weg da. Schön wieder hoch mit den Pfoten.“ Billings hob die Hände bis auf Schulterhöhe und blieb so auf dem Boden knien. Janson inspizierte den Inhalt, zählte die einzeln neben der M200 liegenden Patronen, hob den kleinen Rechner heraus und drückte auf den Einschalter. Der Bildschirm lud ein Startsymbol, dann die Eingabeseite für Messwerte und die Optionen „voreingestellte Zielanpeilung“ und „manuelle Änderungen“. Er klickte die zweite Option an, sah, dass es eine Einstellungsmöglichkeit für die drei fünfundsiebziger Munition gab, und schaltete das Gerät wieder ab. „Passt“, sagte er und sah Billings an, den er zuvor nur aus den Augenwinkeln beobachtet hatte. Dann zog er den Koffer mit dem Fuß zu sich heran, legte den Computer wieder hinein und klappte den Deckel zu. „He, mein Geld, ich hab’ alles eingehalten, was Sie gesagt haben. Das macht acht Riesen.“ Der Waffenhändler wollte so ganz kampflos dann doch nicht aufgeben. „Riesen?“ Janson lachte. „Seh’ ich hier keinen, du bist ein fetter Schwabbel und ich, na ja, riesig bin ich nun wirklich nicht.“ Aber er griff trotzdem in seine Tasche und holte einen Umschlag mit Bargeld heraus, den er schwungvoll vor Billings auf den Boden warf. „Brauchst nicht zählen, mehr wird’s nicht. Und jetzt steh auf und schließ deinen Kofferraum auf. Los!“ Janson beobachtete den Mann, wie er mit erhobenen Händen aufstand, was ihn mehrfach gehörig ins Wanken geraten ließ. Der Briefumschlag wackelte dabei bedenklich zwischen seinen Fingern. Aber er kam irgendwie in die Senkrechte und stolperte zu seinem verbeulten Auto. „Der Schlüssel ist in deiner rechten Hosentasche, den holst du jetzt ganz langsam da raus.“ Billings gehorchte und hielt nun links den Umschlag und rechts den Schlüsselbund in den erhobenen Händen. „Drück die Taste für den Kofferraum und wirf mir den Schlüssel her.“ Es klackte und der Deckel öffnete sich langsam. Janson winkte mit der Hand und bekam die Schlüssel zugeworfen, fing sie geschickt auf und steckte sie in die Tasche. „Wollen Sie, dass ich verrecke?“ Der Waffenhändler sah zwischen Janson und dem Auto hin und her. „Rein da!“ „Wollen Sie, dass ich verrecke?“, fragte er noch einmal und klang jetzt panisch und schrill. „Auf jetzt oder du hast gleich ein ganz anderes Problem“, sagte der Colonel gelangweilt. Billings trat noch näher an den Kofferraum heran, machte jedoch keine Anstalten hineinzuklettern. „Los! Ich zähle bis drei! Wenn du dann nicht drin bist, wird’s schmerzhaft. Eins … zwei …“, zählte Janson. Billings warf hektisch einen Blick über die Schulter, war aber zu langsam. „Drei!“ Ein Fuß traf ihn zwischen die Schulterblätter. Er war nicht besonders groß, aber kraftvoll getreten und steckte in einem festen Schnürstiefel mit durchtrittsfester Sohle. Der Waffenhändler knickte nach vorne und sein Oberkörper klappte in den Kofferraum hinein. Janson packte seine Beine, stopfte sie hinterher und schlug den Deckel zu. „Heeee, soll ich hier verrecken?“ klang es dumpf aus dem Hohlraum. „Du Vollidiot hast ein Handy in der linken Hosentasche, falls du es vergessen hast. Ruf halt irgendwen an, der dich da wieder rausholt.“ Janson warf den Autoschlüssel neben die Fahrertür, verschloss den Gitarrenkoffer und setzte ihn auf. Dann verschwand er im Gebüsch, zog das Motorrad daraus hervor und setzte den Helm auf. Betrübt stellte er fest, dass er mit dem geschulterten Gewehr deutlich weniger Stabilität auf dem Zweirad hatte, und fuhr deutlich langsamer zum Motel zurück als zuvor.
...
2 Sterne
Cl - 06.05.2026
Fl

Di

5 Sterne
Verlassener Engel - 25.02.2026
Hans Reh

Die Leseprobe ist ein vielversprechender Serienstart für alle, die packende Action, authentisches Military-Know-how und charismatische, raue Ermittlerfiguren lieben. Eva Kay schreibt flüssig, bildhaft und mit einem Gespür für Timing. Für mich als Fan von Autoren wie Lee Child und Tom Clancy ein Muss.

5 Sterne
Verlassener Engel - 25.02.2026
Hans Reh

Die Leseprobe ist ein vielversprechender Serienstart für alle, die packende Action, authentisches Military-Know-how und charismatische, raue Ermittlerfiguren lieben. Eva Kay schreibt flüssig, bildhaft und mit einem Gespür für Timing. Für mich als Fan von Autoren wie Lee Child und Tom Clancy ein Muss.

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