Der Bucklige
Der kleine Pariser
EUR 35,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 732
ISBN: 978-3-99130-795-2
Erscheinungsdatum: 25.08.2025
Im Frankreich des 17./18. Jahrhunderts fällt der beste Freund des späteren Regenten von Paris einem Mordkomplott zum Opfer. Ein Meister der Degenfechtkunst verfolgt die Beteiligten unerbittlich und mit List bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft.
Erster Teil
I. Das Lourontal
Einst stand hier eine Stadt namens Lorre, mit Heidentempeln, Amphitheatern und einem Kapitol; jetzt ist nur mehr ein ödes Tal da, wo der untätige Pflug des Landwirtes aus der Gascogne zu befürchten scheint, sein Eisen durch den Marmor der vergrabenen Säulen stumpf zu machen. Das Gebirge ist ganz nahe. Die hohe Kette der Pyrenäen gibt gerade im Blickfeld des Betrachters ihre beschneiten Konturen preis und zeigt den blauen Himmel des spanischen Landes hinter dem tiefen Einschnitt, der den Schmugglern aus der Venasque als Schleichweg dient. Unweit von hier hustet, tanzt und grinst Paris und träumt davon, an den Quellen von Bagnères-de-Luchon von seiner unheilbaren Bronchitis zu genesen; ein wenig weiter, auf der anderen Seite, ein anderes, ein an Rheumatismus leidendes Paris, das glaubt, seine Ischias in den Schwefelbädern von Barèges-les-Bains zu kurieren. Und ewig wird der Glaube Paris retten, trotz Eisen, Magnesia oder Schwefel!
Das ist das Lourontal, zwischen dem Auretal und dem Baroussetal gelegen, das den zügellosen Touristen, die jedes Jahr kommen, um die wilde Gegend zu entdecken, vielleicht am wenigsten bekannte Tal; das Lourontal mit seinen Blumenoasen, seinen gewaltigen Wildbächen und seinem Fluss, seiner braunen Clarabide, die sich wie ein dunkler Kristall zwischen den beiden steilen Uferböschungen hindurchzwängt, das Lourontal mit seinen fremden Wäldern, seinem alten, blasierten und aufschneiderischen Schloss, das sagenumkränzt ist wie ein Ritterepos.
Wenn man links des Einschnittes, am Abhang des kleinen Pic Véjen, den Berg hinabsteigt, erfasst man mit einem Blick die gesamte Landschaft. Das Lourontal bildet die äußerste Spitze der Gascogne. Es erstreckt sich im Detail zwischen dem Forst von Ens und den schönen Wäldern von Fréchet, die quer durch das Baroussetal die Paradiese von Mauléon, Nestes und Campan verbinden. Das Land ist arm; aber die Aussicht ist reich. Die Sonne sticht fast überall heftig herunter. Sturzbäche, die die Grasmatten zerrissen haben, haben die Wurzeln der Riesenbuchen und Felsen in ganzer Tiefe bloßgelegt; es haben sich vertikale Rampen gebildet, die von den überwuchernden Wurzeln der Kiefern von oben bis unten zerspalten worden sind. Manch Höhlenbewohner hat seinen Wohnort am Fuße dieser Felsen ausgehöhlt, während ein Führer oder Schäfer den seinen am Gipfel des Felsens aufgehängt hat wie den unerreichbaren und hohen Horst eines Adlers.
Der Forst von Ens folgt der Verlängerung eines Hügels, der plötzlich, mitten im Tal, abbricht, um die Clarabide durchzulassen. Dieser östlichste Punkt des Hügels endet in einem abrupten Steilhang, wo niemals ein Pfad trassiert worden ist. Die Art seiner Formation steht im Gegensatz zu jener der umgebenden Ketten. Er scheint das Tal zu schließen wie eine enorme Barrikade, die von einem Berg zum anderen reichen würde, wenn der Fluss dem nicht kurzerhand Einhalt böte.
Landläufig nennt man diesen wunderlichen Abschnitt „le Hachaz“ (den Axthieb). Darüber gibt es natürlich eine Legende, aber wir ersparen sie uns. Hier erhob sich das Kapitol der Stadt Lorre, die zweifelsohne dem Lourontal seinen Namen gegeben hat. Hier sieht man noch die Ruinen des Schlosses von Caylus-Tarrides.
Von Ferne bieten diese Ruinen einen großartigen Anblick. Sie nehmen einen beträchtlichen Raum ein, und man sieht noch, etwas mehr als hundert Schritte vom Hachaz, die ausgezackten Enden der alten Türme zwischen den Bäumen in die Luft ragen. Von Nahem sieht es wie ein befestigtes Dorf aus. Die Bäume sind zwischen den Trümmern emporgewachsen, und mancher Stamm einer Tanne musste ein Steingewölbe durchbohren, um zu wachsen, und besitzt dieses jetzt als Taille. Aber die meisten dieser Ruinen sind eher einfache Konstruktionen, wo Holz und Lehm oft den Granit ersetzen.
Die Tradition berichtet, dass ein Caylus-Tarrides (das war der Name dieses Zweiges, der vor allem wegen seiner immensen Reichtümer bedeutend war) ein Bollwerk um den kleinen Weiler Tarrides errichten ließ, um seine Hugenotten-Vasallen nach der Abschwörung von Heinrich IV. zu beschützen. Er nannte sich Gaston von Tarrides und trug den Titel eines Barons. Dem Besucher der Ruinen von Caylus wird deswegen gerne die Eiche des Barons gezeigt.
Ihre Wurzel tritt am Rande des alten Wassergrabens, der das Schloss gegen Westen verteidigte, aus der Erde. Eines Nachts traf ein Blitz die Eiche. Sie war damals schon ein großer Baum; sie fiel mit einem Schlag und legte sich quer über den Graben. Seither liegt sie dort und vegetiert über die Rinde, die als Einzige am Ort des Bruches lebend geblieben ist. Seltsamerweise hat sich ein Trieb von dem Stamm losgemacht, dreißig oder vierzig Fuß vom Grabenrand entfernt. Dieser Schössling ist gewachsen und eine herrliche Eiche geworden, eine ausgesetzte, eine Wundereiche, in die schon zweitausendfünfhundert Touristen ihren Namen eingraviert haben.
Die Caylus-Tarrides sind zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts mit Franz von Tarrides, einer der Personen unserer Geschichte, erloschen. Im Jahre 1699 war der Herr Marquis von Caylus sechzig Jahre alt. Er war zu Beginn der Regierung von Ludwig XIV. an dessen Hof, aber ohne viel Erfolg, und hatte sich unzufrieden zurückgezogen. Er lebte dann auf seinen Besitzungen mit seiner schönen, einzigen Tochter Aurora von Caylus. Man hat ihn im Lande zusätzlich Caylus-Verrou genannt, und zwar aus folgenden Gründen:
Am Anfang seines vierzigsten Lebensjahres war der Herr Marquis Witwer. Seine erste Frau hatte ihm keine Kinder geboren. Er verliebte sich in die Tochter des Grafen von Soto-Mayor, des Gouverneurs von Pamplona. Inès von Soto-Mayor, ein Mädchen aus Madrid mit Feueraugen und einem noch viel brennenderen Herzen, war damals achtzehn Jahre alt. Der Marquis verbrachte, weil er offenbar seiner ersten Frau wenig Glück gebracht hatte, seine Zeit immer eingeschlossen in seinem alten Schloss von Caylus, wo sie mit fünfundzwanzig Jahren gestorben war. Inès erklärte, sie würde niemals die Begleiterin dieses Mannes werden. Aber daraus wurde wohl ein Geschäft, wie üblich in dem damaligen Spanien der Dramen und Komödien, wo der Wille eines jungen Mädchens gebrochen wird! Die Alkalden, die Duenjen, die Schurkenknechte und die heilige Inquisition, ganz zu schweigen von den Vaudevillisten, sind dafür eingerichtet worden.
Eines schönen Abends durfte die traurige Inès, hinter ihrer Jalousie versteckt, noch ein letztes Mal die Serenade des jüngeren Sohnes des Korregidors anhören, der recht gut auf der Gitarre spielte. Montags reiste sie mit dem Herrn Marquis nach Frankreich. Dieser nahm Inès ohne Mitgift und bot außerdem dem Herrn von Soto-Mayor noch ich weiß nicht wie viele Millionen Pistolen.
Der Spanier, viel nobler als der König und noch viel bettelärmer als nobel, konnte derartigen Macharten nicht widerstehen. Als der Herr Marquis seine schöne, tief verschleierte Madriderin in das Schloss von Caylus brachte, entstand ein allgemeines Fieber unter den jungen Edelleuten des Lourontales. Es gab nun gar keine Touristen mehr, vielmehr Wanderliebhaber, die darangingen, die Herzen der Provinz überall dort in Brand zu stecken, wo der Gang des Vergnügens Reisen auf Rabatt begünstigt; aber der fortdauernde Krieg mit Spanien unterhielt zahlreiche Partisanentruppen an der Grenze, und der Herr Marquis musste schauen, sich gut zu halten.
Er hielt sich gut; er akzeptierte tapfer die Wette. Der Liebhaber, der die Eroberung der schönen Inès versuchen wollte, hätte sich zuerst mit Belagerungskanonen ausrüsten müssen. Es handelte sich nicht einfach um ein Herz; das Herz war geschützt hinter den Mauern einer Festung. Die zarten Briefchen richteten hier nichts aus, die sanften Blicke verloren ihr Feuer und ihre Wehmut, selbst die Gitarre war ohnmächtig. Die schöne Inès war unnahbar. Kein Liebhaber, Bärenjäger, Krautjunker oder Hauptmann konnte sich rühmen, wenigstens den Rand ihrer Pupille gesehen zu haben.
Das hieß sich gut halten. Am Ende von drei oder vier Jahren überschritt die arme Inès endlich wieder die Schwelle dieses fürchterlichen Landsitzes. Es ging zum Friedhof. Sie war an Einsamkeit und Langeweile gestorben. Sie hinterließ eine Tochter.
Die Rachsucht der besiegten Liebhaber gab dem Marquis den Spitznamen Verrou (Riegel). Von Tarbes bis Pamplona, von Argèles bis Saint Gaudens fand man weder Mann noch Frau noch Kind, die den Herrn Marquis anders genannt hätten als Caylus-Verrou.
Nach dem Tode seiner zweiten Frau versuchte er nochmals zu heiraten, denn er hatte die schöne Natur eines Blaubartes, den nichts entmutigt; aber der Gouverneur von Pamplona hatte keine Töchter mehr, und der Ruf des Herrn Marquis war so perfekt etabliert, dass auch die unerschrockensten unter den heiratsfähigen jungen Mädchen vor seinem Verlangen zurückwichen.
Er blieb Witwer und wartete ungeduldig auf das Alter, wo es notwendig würde, seine Tochter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Edelleute des Landes mochten ihn gar nicht, und so fehlte es, trotz seines Reichtums, oft an Gesellschaft. Die Langeweile jagte ihn aus seinem Schlossturm hinaus. Er nahm die Gewohnheit an, jedes Jahr nach Paris zu gehen, wo die jungen Kurtisanen sich seines Geldes bedienten und über ihn spotteten.
Während seiner Abwesenheit blieb Aurora unter der Beaufsichtigung von zwei oder drei Duenjen und eines alten Schlossverwalters.
Aurora war so schön wie ihre Mutter. Das war das spanische Blut in ihren Adern. Als sie sechzehn Jahre alt war, hörten die guten Leute aus dem Weiler Tarrides oft, in dunklen Nächten, das Heulen der Hunde von Caylus.
Zu dieser Zeit begann Philipp von Lorraine, Herzog von Nevers, einer der brillantesten Landesherren am französischen Hof, sein Schloss in Buch im Jurançon zu bewohnen. Er erreichte mit Mühe sein zwanzigstes Lebensjahr, und, weil er mit seiner Gesundheit Raubbau getrieben hatte, war er im Begriff, an Mattigkeit zu sterben. Die Bergluft tat ihm gut: Nach einigen Wochen im Grünen dehnte er seine Jagdzüge sogar bis ins Lourontal aus.
Als die Hunde von Caylus das erste Mal in der Nacht heulten, hatte der junge Herzog von Nevers, erschöpft und müde, einen Holzhauer aus dem Forst von Ens um Obdach gebeten.
Nevers blieb ein Jahr in seinem Schloss in Buch. Die Schäfer von Tarrides sagten, er wäre ein edler Herr.
Die Schäfer von Tarrides erzählten zwei nächtliche Abenteuer, die während seines Aufenthaltes im Lande stattfanden. Einmal sah man zu mitternächtlicher Zeit einen Schimmer aus den Fenstern der alten Kapelle von Caylus fallen.
Die Hunde hatten nicht geheult; aber eine dunkle Gestalt, die die Leute aus dem Weiler zu kennen meinten, weil sie sie oft gesehen hätten, war nach Einbruch der Nacht in die Gräben geglitten. Diese alten Schlösser sind ganz voll von Phantomen.
Ein anderes Mal, gegen elf Uhr nachts, verließ Dame Martha, die jüngste der Duenjen von Caylus, den Landsitz durch das große Tor und rannte zu der Holzfällerhütte, in welcher der junge Herzog von Nevers unlängst Gastfreundschaft gefunden hatte. Ein von Hand getragener Stuhl durchquerte wenig später den Wald von Ens. Danach drangen aus der Holzhauerhütte Frauenstimmen. Montags war der brave Mann verschwunden. Die Hütte wurde jedem, der sie wollte, zur Verwendung freigegeben. Dame Martha verließ das Schloss von Caylus am selben Tag.
Seit diesen Ereignissen waren vier Jahre vergangen. Man hatte niemals weder etwas von dem Holzhauer noch von der Dame Martha gehört. Philipp von Nevers war nicht mehr auf seinem Landsitz in Buch. Aber ein anderer Philipp, nicht weniger glänzend, nicht weniger großer Herr, beehrte das Lourontal mit seiner Anwesenheit. Es war dies Philipp Polyxène von Mantua, Prinz von Gonzaga, mit dem der Herr Marquis von Caylus seine Tochter Aurora verheiraten wollte.
Gonzaga war ein Mann von dreißig Jahren, ein wenig verweichlicht im Gesicht, aber im Übrigen von einer seltenen Schönheit. Unmöglich, eine noblere Körperhaltung als die seine zu finden. Seine schwarzen und glänzenden Haare umgaben sein Gesicht, dessen Haut viel heller war als die eines Frauengesichtes, und bildeten in natürlicher Weise diese weite und ein wenig schwere Frisur, die die Kurtisanen von Ludwig XIV. nicht einmal erhielten, wenn sie zwei oder drei künstliche Haarschöpfe jenem hinzufügten, mit dem sie geboren worden waren. Seine schwarzen Augen hatten den klaren und hochmütigen Blick der Italiener. Er war groß und wunderbar tailliert; sein Gang und seine Gesten waren von einer theatralischen Majestät.
Wir sagen nichts von dem Hause, aus dem er kam. Gonzaga klingt ebenso hoch in der Geschichte wie Bouillon, Este oder Montmorency. Seine Verbindungen entsprachen seiner Noblesse. Er hatte zwei Freunde, zwei Brüder, der eine war Lorraine, der andere Bourbon. Der Herzog von Chartres, ein wirklicher Neffe von Ludwig XIV., außerdem Herzog von Orléans und Regent von Frankreich, der Herzog von Nevers und der Prinz von Gonzaga waren unzertrennlich. Der Hof nannte sie die drei Philipp. Ihre gegenseitige Hochachtung erinnerte an die schönen Sinnbilder der antiken Freundschaft.
Philipp von Gonzaga war der Älteste. Der zukünftige Regent war erst vierundzwanzig Jahre alt, und Nevers war ein Jahr jünger. Man kann sich vorstellen, wie die Idee, solch einen Schwiegersohn zu haben, der Eitelkeit des alten Caylus schmeichelte. Das allgemeine Gerücht gestand Gonzaga immense Güter in Italien zu; außerdem war er leiblicher Cousin und Alleinerbe von Nevers, den jeder als einen vorzeitig dem Tode Geweihten betrachtete. Zudem besaß Philipp von Nevers als einziger Erbe dieses Namens eines der schönsten Gebiete in Frankreich.
Sicherlich konnte niemand argwöhnen, dass der Prinz von Gonzaga den Tod seines Freundes gewünscht hätte; aber es lag nicht in seiner Macht, ihn zu verhindern, und es ist ein sicheres Faktum, dass dieser Tod ihn zum zehn- oder zwölffachen Millionär gemacht hätte.
Schwiegervater und -sohn waren sich beinahe einig. Was jedoch Aurora betrifft, so hatte man sie selbst nicht einmal gefragt. – System Riegel!
Eines schönen Herbsttages im Jahre 1699 fühlte sich Ludwig XIV. alt, und der Krieg ermüdete ihn. Der Friede von Ryswyck war soeben unterzeichnet worden; aber die Scharmützel zwischen den Partisanen an den Grenzen gingen weiter, und das Lourontal hatte eine ganze Anzahl dieser unbequemen Gäste.
Im Speisesaal des Schlosses von Caylus saßen ein halbes Dutzend Tischgenossen um die reichlich gedeckte Tafel. Der Marquis mochte seine Fehler haben; aber er bewirtete zumindest, wie es sich gehört.
Außer dem Marquis, Gonzaga und Fräulein von Caylus, die das hohe Ende der Tafel einnahmen, waren die Anwesenden alle mittleren Standes und Dienstboten. Da war zuerst Don Bernard, der Kaplan von Caylus, der die Seelsorge in dem kleinen Weiler Tarrides innehatte und in der Sakristei seiner Kapelle die Todesfälle, Geburten und Verehelichungen registrierte; dann kam Dame Isidora vom Bauernhof Gabour, die Dame Martha in ihren Aufgaben gegenüber Aurora ersetzt hatte, und am dritten Platz der Herr Peyrolles, der zum persönlichen Anhang des Prinzen von Gonzaga gehörte.
Diesen wollen wir für unsere Erzählung ausführlicher kennenlernen.
Herr von Peyrolles war ein Mann mittleren Alters, mager und blass, mit wenig Haaren, groß und ein bisschen krumm. Heute würde man sich eine derartige Person kaum ohne Brille vorstellen können; eine solche Mode gab es damals nicht. Seine Züge waren wie verwischt, aber sein kurzsichtiger Blick hatte eine gewisse Unverschämtheit. Gonzaga versicherte, dass von Peyrolles sehr gut das Schwert führen konnte, das auf der linken Seite seines Körpers hing.
Insgesamt schätzte ihn Gonzaga sehr; er benötigte ihn.
Die anderen Tischgenossen, Angestellte von Caylus, dürften dagegen als reine Komparsen gelten.
Fräulein Aurora von Caylus empfing Gäste mit einer frostigen und schweigsamen Würde. Allgemein kann man sagen, dass die Frauen, vor allem die schönsten, sich nach ihrem Gefühl verhalten. Dies mag bewundernswert sein gegenüber jenen, die sie lieben, sonst aber eher unangenehm. Aurora war eine von jenen Frauen, die man trotz ihrer Art bewundert.
Sie trug spanische Tracht. Drei Reihen Textilspitze fielen zwischen den ondulierten Gagaten ihrer Haare hinab.
Obgleich sie noch nicht zwanzig Jahre alt war, drückten die reinen und stolzen Züge um ihren Mund schon Traurigkeit aus. Aber wie viel Licht konnte das Lächeln um ihre jungen Lippen entstehen lassen! Und wie viele Strahlen entstanden dann in ihren Augen, die tief beschattet waren durch ihre langen, gebogenen seidenen Wimpern.
Es gab eben auch Tage, an denen man ein Lächeln um die Lippen von Aurora gesehen hatte.
Ihr Vater sagte: „Dies alles wird sich ändern, wenn sie Frau Prinzessin geworden ist.“
Am Ende des zweiten Ganges erhob sich Aurora und fragte um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen. Dame Isidora warf einen langen Blick des Bedauerns auf das Feingebäck, die Konfitüren und das Eingemachte, das gerade hereingetragen wurde. Es war ihre Pflicht, der jungen Herrin zu folgen. Nachdem Aurora gegangen war, nahm der Marquis eine lustigere Miene an.
„Prinz“, sagte er, „Sie schulden mir meine Revanche im Schach … Sind Sie bereit?“
„Stets zu Ihrem Befehl, lieber Marquis“, antwortete Gonzaga.
Auf Anordnung von Caylus brachte man einen Tisch und das Schachbrett. Seit vierzehn Tagen, während denen der Prinz im Schloss war, war es wohl die fünfzigste Partie, die begonnen wurde.
Mit dreißig Jahren und dem Namen und Aussehen von Gonzaga müsste diese Leidenschaft des Schachspielens zu denken geben. Einer der folgenden zwei Punkte dürfte wohl zutreffen: entweder er war leidenschaftlich verliebt in Aurora oder er war begierig darauf, die Mitgift in seine Truhe zu stecken.
Jeden Tag nach dem Abend- und Nachtessen brachte man das Schachbrett. Der gute Kerl zeigte gleich vierzehnfache Kraft. Jeden Tag ließ sich Gonzaga ein Dutzend Partien abgewinnen, wonach der triumphierende Verrou, ohne das Schlachtfeld zu verlassen, in seinem Fauteuil einschlief und wie ein Gerechter schnarchte.
In derartiger Weise machte also Gonzaga Fräulein Aurora den Hof.
„Lieber Prinz“, sagte der Marquis während er seine Figuren aufstellte, „ich zeige Ihnen heute eine Kombination, die ich in der gelehrten Abhandlung von Cessolis gefunden habe. Ich spiele nicht Schach wie jedermann, sondern versuche aus guten Quellen zu schöpfen. Der erste beste könnte Ihnen nicht sagen, dass das Schachspiel durch Attalus, den König von Pergamon, erfunden wurde, um die Griechen während der langen Belagerung von Troja zu unterhalten. Nur Ignoranten oder wortbrüchige Leute schreiben diese Ehre Palamed zu … Schauen wir mal, Sie sind am Zug, bitte sehr.“
„Ich wüsste nicht“, antwortete Gonzaga, „wie ich Ihnen die ganze Freude ausdrücken sollte, die ich bei der Teilnahme an dieser Partie habe.“
Sie begannen. Die Tischgenossen waren noch anwesend.
Nach der ersten verlorenen Partie machte Gonzaga Peyrolles ein Zeichen, wonach dieser die Serviette ablegte und ging. Nach und nach machten es der Kaplan und die anderen Angestellten ebenso. Verrou und Gonzaga blieben allein …
„Die Lateiner“, fuhr der Trottel fort, „nannten es das Spiel des latrunculi oder kleiner Diebe, die Griechen latrikion. Sarrazin stellt in seinem ausgezeichneten Buch fest …“
„Herr Marquis“, unterbrach ihn Philipp von Gonzaga, „erlauben Sie mir, diese Figur zu schlagen, Sie verzeihen?“
Aus Versehen konnte er einen Bauern vorrücken, wodurch er das Spiel gewann. Verrou zog ein wenig an seinen Ohrläppchen; er trug es aber mit Großmut.
„Schlagen Sie sie, lieber Prinz“, sagte er. „Aber bitte besinnen Sie sich nicht eines Besseren. Schach ist kein Spiel für Kinder.“ – Gonzaga stieß einen tiefen Seufzer aus. – „Ich weiß, ich weiß“, fuhr der gute Kerl mit einem spöttischen Akzent fort, „wir sind verliebt …“
„Um deswegen den Verstand zu verlieren, Herr Marquis?“
„Ich kenne das, lieber Prinz. Achtung auf das Spiel! Ich nehme Ihren Springer.“
„In meinen Augen brachten Sie gestern gar nichts fertig“, sagte Gonzaga als Mann, der peinliche Gedanken über die Geschichte des Edelmannes wachrütteln wollte, der in dessen Haus eindringen wollte …
„Oh, wie listig und durchtrieben!“, rief Verrou aus. „Sie suchen mich zu zerstreuen; aber ich bin wie Cäsar, der fünf Briefe auf einmal diktierte. Sie wissen, dass er Schach spielte …?“
Nun gut, der Edelmann bekam ein halbes Dutzend Schwerthiebe dort unten im Graben. Dergleichen Abenteuer fand mehr als einmal statt; auch konnte die üble Nachrede niemals über das Betragen der Damen von Caylus meckern.
„Und was Sie damals als Ehemann machten, Herr Marquis“, fragte nachlässig Gonzaga, „würden Sie es auch als Vater machen?“
„Ganz recht“, erwiderte der Trottel. „Ich kenne keine andere Art, um auf die Evastöchter aufzupassen … Schah moto, wie die Perser sagen, lieber Prinz. Sie sind nochmals geschlagen.“
Er streckte sich in seinem Fauteuil aus.
„Und aus diesen zwei Worten Schah moto“, setzte er fort, indem er sich für seinen Siesta-Schlaf einrichtete, „die bedeuten: der König ist tot, haben wir Schach und matt gemacht, wenn wir Ménage und Frère folgen wollen. Was die Frauen betrifft, glauben Sie mir, schöne Rapiere um schöne Mauern stellen das Leuchtendste an Tugend dar!“
Er schloss die Augen und schlief ein. Gonzaga verließ Hals über Kopf den Speisesaal.
Es war etwa zwei Uhr nachmittags. Herr von Peyrolles erwartete seinen Herrn, während er in den Korridoren herumstreifte.
„Unsere Schurken?“, fragte Gonzaga, als er ihn sah.
„Es sind sechs von ihnen gekommen“, antwortete Peyrolles.
„Wo sind sie?“
„In der Herberge „Der Adamsapfel“ auf der anderen Seite der Wassergräben.“
„Wer sind die zwei Fehlenden?“
„Herr Cocardasse junior aus Tarbes und Bruder Passepoil, sein Vogt.“
„Zwei gute Degen!“, sagte der Prinz. „Und die andere Angelegenheit?“
„Dame Martha ist jetzt bei Frl. von Caylus.“
„Mit Kind?“
„Mit Kind.“
„Wo ist sie eingetreten?“
„Durch das tiefliegende Fenster des Schwitzraumes, das gegen die Gräben unter der Brücke hinausgeht.“
Gonzaga überlegte einen Augenblick, dann antwortete er: „Hast du Don Bernard befragt?“
„Er ist stumm“, antwortete Peyrolles.
„Wie viel hast du geboten?“
„Fünfhundert Pistolen.“
„Diese Dame Martha muss wissen, wo das Register ist. Es ist nicht notwendig, dass sie das Schloss verlässt.“
„Gut“, sagte Peyrolles.
Gonzaga ging mit großen Schritten herum.
„Ich will sie selbst sprechen“, sagte er. „Aber bist du sicher, dass mein Cousin Nevers die Nachricht von Aurora erhalten hat?“
„Unser Deutscher hat sie überbracht.“
„Und wird Nevers kommen?“
„Heute Abend.“
Sie waren jetzt an der Tür zur Wohnung von Gonzaga.
Im Schloss von Caylus schnitten sich drei Gänge im rechten Winkel: jener des Hauptgebäudes, an den sich die der zwei Flügel anschlossen.
Die Wohnung des Prinzen lag im Westflügel, dessen Gang an der Stiege endete, die zu den Schwitzräumen führte. Es entstand ein Geräusch in der Zentralgalerie. Es stammte von Dame Martha, die die Wohnung von Frl. von Caylus verließ. Peyrolles und Gonzaga traten schnell in Letztere ein, wobei sie die Tür dazu halb offen ließen.
...
I. Das Lourontal
Einst stand hier eine Stadt namens Lorre, mit Heidentempeln, Amphitheatern und einem Kapitol; jetzt ist nur mehr ein ödes Tal da, wo der untätige Pflug des Landwirtes aus der Gascogne zu befürchten scheint, sein Eisen durch den Marmor der vergrabenen Säulen stumpf zu machen. Das Gebirge ist ganz nahe. Die hohe Kette der Pyrenäen gibt gerade im Blickfeld des Betrachters ihre beschneiten Konturen preis und zeigt den blauen Himmel des spanischen Landes hinter dem tiefen Einschnitt, der den Schmugglern aus der Venasque als Schleichweg dient. Unweit von hier hustet, tanzt und grinst Paris und träumt davon, an den Quellen von Bagnères-de-Luchon von seiner unheilbaren Bronchitis zu genesen; ein wenig weiter, auf der anderen Seite, ein anderes, ein an Rheumatismus leidendes Paris, das glaubt, seine Ischias in den Schwefelbädern von Barèges-les-Bains zu kurieren. Und ewig wird der Glaube Paris retten, trotz Eisen, Magnesia oder Schwefel!
Das ist das Lourontal, zwischen dem Auretal und dem Baroussetal gelegen, das den zügellosen Touristen, die jedes Jahr kommen, um die wilde Gegend zu entdecken, vielleicht am wenigsten bekannte Tal; das Lourontal mit seinen Blumenoasen, seinen gewaltigen Wildbächen und seinem Fluss, seiner braunen Clarabide, die sich wie ein dunkler Kristall zwischen den beiden steilen Uferböschungen hindurchzwängt, das Lourontal mit seinen fremden Wäldern, seinem alten, blasierten und aufschneiderischen Schloss, das sagenumkränzt ist wie ein Ritterepos.
Wenn man links des Einschnittes, am Abhang des kleinen Pic Véjen, den Berg hinabsteigt, erfasst man mit einem Blick die gesamte Landschaft. Das Lourontal bildet die äußerste Spitze der Gascogne. Es erstreckt sich im Detail zwischen dem Forst von Ens und den schönen Wäldern von Fréchet, die quer durch das Baroussetal die Paradiese von Mauléon, Nestes und Campan verbinden. Das Land ist arm; aber die Aussicht ist reich. Die Sonne sticht fast überall heftig herunter. Sturzbäche, die die Grasmatten zerrissen haben, haben die Wurzeln der Riesenbuchen und Felsen in ganzer Tiefe bloßgelegt; es haben sich vertikale Rampen gebildet, die von den überwuchernden Wurzeln der Kiefern von oben bis unten zerspalten worden sind. Manch Höhlenbewohner hat seinen Wohnort am Fuße dieser Felsen ausgehöhlt, während ein Führer oder Schäfer den seinen am Gipfel des Felsens aufgehängt hat wie den unerreichbaren und hohen Horst eines Adlers.
Der Forst von Ens folgt der Verlängerung eines Hügels, der plötzlich, mitten im Tal, abbricht, um die Clarabide durchzulassen. Dieser östlichste Punkt des Hügels endet in einem abrupten Steilhang, wo niemals ein Pfad trassiert worden ist. Die Art seiner Formation steht im Gegensatz zu jener der umgebenden Ketten. Er scheint das Tal zu schließen wie eine enorme Barrikade, die von einem Berg zum anderen reichen würde, wenn der Fluss dem nicht kurzerhand Einhalt böte.
Landläufig nennt man diesen wunderlichen Abschnitt „le Hachaz“ (den Axthieb). Darüber gibt es natürlich eine Legende, aber wir ersparen sie uns. Hier erhob sich das Kapitol der Stadt Lorre, die zweifelsohne dem Lourontal seinen Namen gegeben hat. Hier sieht man noch die Ruinen des Schlosses von Caylus-Tarrides.
Von Ferne bieten diese Ruinen einen großartigen Anblick. Sie nehmen einen beträchtlichen Raum ein, und man sieht noch, etwas mehr als hundert Schritte vom Hachaz, die ausgezackten Enden der alten Türme zwischen den Bäumen in die Luft ragen. Von Nahem sieht es wie ein befestigtes Dorf aus. Die Bäume sind zwischen den Trümmern emporgewachsen, und mancher Stamm einer Tanne musste ein Steingewölbe durchbohren, um zu wachsen, und besitzt dieses jetzt als Taille. Aber die meisten dieser Ruinen sind eher einfache Konstruktionen, wo Holz und Lehm oft den Granit ersetzen.
Die Tradition berichtet, dass ein Caylus-Tarrides (das war der Name dieses Zweiges, der vor allem wegen seiner immensen Reichtümer bedeutend war) ein Bollwerk um den kleinen Weiler Tarrides errichten ließ, um seine Hugenotten-Vasallen nach der Abschwörung von Heinrich IV. zu beschützen. Er nannte sich Gaston von Tarrides und trug den Titel eines Barons. Dem Besucher der Ruinen von Caylus wird deswegen gerne die Eiche des Barons gezeigt.
Ihre Wurzel tritt am Rande des alten Wassergrabens, der das Schloss gegen Westen verteidigte, aus der Erde. Eines Nachts traf ein Blitz die Eiche. Sie war damals schon ein großer Baum; sie fiel mit einem Schlag und legte sich quer über den Graben. Seither liegt sie dort und vegetiert über die Rinde, die als Einzige am Ort des Bruches lebend geblieben ist. Seltsamerweise hat sich ein Trieb von dem Stamm losgemacht, dreißig oder vierzig Fuß vom Grabenrand entfernt. Dieser Schössling ist gewachsen und eine herrliche Eiche geworden, eine ausgesetzte, eine Wundereiche, in die schon zweitausendfünfhundert Touristen ihren Namen eingraviert haben.
Die Caylus-Tarrides sind zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts mit Franz von Tarrides, einer der Personen unserer Geschichte, erloschen. Im Jahre 1699 war der Herr Marquis von Caylus sechzig Jahre alt. Er war zu Beginn der Regierung von Ludwig XIV. an dessen Hof, aber ohne viel Erfolg, und hatte sich unzufrieden zurückgezogen. Er lebte dann auf seinen Besitzungen mit seiner schönen, einzigen Tochter Aurora von Caylus. Man hat ihn im Lande zusätzlich Caylus-Verrou genannt, und zwar aus folgenden Gründen:
Am Anfang seines vierzigsten Lebensjahres war der Herr Marquis Witwer. Seine erste Frau hatte ihm keine Kinder geboren. Er verliebte sich in die Tochter des Grafen von Soto-Mayor, des Gouverneurs von Pamplona. Inès von Soto-Mayor, ein Mädchen aus Madrid mit Feueraugen und einem noch viel brennenderen Herzen, war damals achtzehn Jahre alt. Der Marquis verbrachte, weil er offenbar seiner ersten Frau wenig Glück gebracht hatte, seine Zeit immer eingeschlossen in seinem alten Schloss von Caylus, wo sie mit fünfundzwanzig Jahren gestorben war. Inès erklärte, sie würde niemals die Begleiterin dieses Mannes werden. Aber daraus wurde wohl ein Geschäft, wie üblich in dem damaligen Spanien der Dramen und Komödien, wo der Wille eines jungen Mädchens gebrochen wird! Die Alkalden, die Duenjen, die Schurkenknechte und die heilige Inquisition, ganz zu schweigen von den Vaudevillisten, sind dafür eingerichtet worden.
Eines schönen Abends durfte die traurige Inès, hinter ihrer Jalousie versteckt, noch ein letztes Mal die Serenade des jüngeren Sohnes des Korregidors anhören, der recht gut auf der Gitarre spielte. Montags reiste sie mit dem Herrn Marquis nach Frankreich. Dieser nahm Inès ohne Mitgift und bot außerdem dem Herrn von Soto-Mayor noch ich weiß nicht wie viele Millionen Pistolen.
Der Spanier, viel nobler als der König und noch viel bettelärmer als nobel, konnte derartigen Macharten nicht widerstehen. Als der Herr Marquis seine schöne, tief verschleierte Madriderin in das Schloss von Caylus brachte, entstand ein allgemeines Fieber unter den jungen Edelleuten des Lourontales. Es gab nun gar keine Touristen mehr, vielmehr Wanderliebhaber, die darangingen, die Herzen der Provinz überall dort in Brand zu stecken, wo der Gang des Vergnügens Reisen auf Rabatt begünstigt; aber der fortdauernde Krieg mit Spanien unterhielt zahlreiche Partisanentruppen an der Grenze, und der Herr Marquis musste schauen, sich gut zu halten.
Er hielt sich gut; er akzeptierte tapfer die Wette. Der Liebhaber, der die Eroberung der schönen Inès versuchen wollte, hätte sich zuerst mit Belagerungskanonen ausrüsten müssen. Es handelte sich nicht einfach um ein Herz; das Herz war geschützt hinter den Mauern einer Festung. Die zarten Briefchen richteten hier nichts aus, die sanften Blicke verloren ihr Feuer und ihre Wehmut, selbst die Gitarre war ohnmächtig. Die schöne Inès war unnahbar. Kein Liebhaber, Bärenjäger, Krautjunker oder Hauptmann konnte sich rühmen, wenigstens den Rand ihrer Pupille gesehen zu haben.
Das hieß sich gut halten. Am Ende von drei oder vier Jahren überschritt die arme Inès endlich wieder die Schwelle dieses fürchterlichen Landsitzes. Es ging zum Friedhof. Sie war an Einsamkeit und Langeweile gestorben. Sie hinterließ eine Tochter.
Die Rachsucht der besiegten Liebhaber gab dem Marquis den Spitznamen Verrou (Riegel). Von Tarbes bis Pamplona, von Argèles bis Saint Gaudens fand man weder Mann noch Frau noch Kind, die den Herrn Marquis anders genannt hätten als Caylus-Verrou.
Nach dem Tode seiner zweiten Frau versuchte er nochmals zu heiraten, denn er hatte die schöne Natur eines Blaubartes, den nichts entmutigt; aber der Gouverneur von Pamplona hatte keine Töchter mehr, und der Ruf des Herrn Marquis war so perfekt etabliert, dass auch die unerschrockensten unter den heiratsfähigen jungen Mädchen vor seinem Verlangen zurückwichen.
Er blieb Witwer und wartete ungeduldig auf das Alter, wo es notwendig würde, seine Tochter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Edelleute des Landes mochten ihn gar nicht, und so fehlte es, trotz seines Reichtums, oft an Gesellschaft. Die Langeweile jagte ihn aus seinem Schlossturm hinaus. Er nahm die Gewohnheit an, jedes Jahr nach Paris zu gehen, wo die jungen Kurtisanen sich seines Geldes bedienten und über ihn spotteten.
Während seiner Abwesenheit blieb Aurora unter der Beaufsichtigung von zwei oder drei Duenjen und eines alten Schlossverwalters.
Aurora war so schön wie ihre Mutter. Das war das spanische Blut in ihren Adern. Als sie sechzehn Jahre alt war, hörten die guten Leute aus dem Weiler Tarrides oft, in dunklen Nächten, das Heulen der Hunde von Caylus.
Zu dieser Zeit begann Philipp von Lorraine, Herzog von Nevers, einer der brillantesten Landesherren am französischen Hof, sein Schloss in Buch im Jurançon zu bewohnen. Er erreichte mit Mühe sein zwanzigstes Lebensjahr, und, weil er mit seiner Gesundheit Raubbau getrieben hatte, war er im Begriff, an Mattigkeit zu sterben. Die Bergluft tat ihm gut: Nach einigen Wochen im Grünen dehnte er seine Jagdzüge sogar bis ins Lourontal aus.
Als die Hunde von Caylus das erste Mal in der Nacht heulten, hatte der junge Herzog von Nevers, erschöpft und müde, einen Holzhauer aus dem Forst von Ens um Obdach gebeten.
Nevers blieb ein Jahr in seinem Schloss in Buch. Die Schäfer von Tarrides sagten, er wäre ein edler Herr.
Die Schäfer von Tarrides erzählten zwei nächtliche Abenteuer, die während seines Aufenthaltes im Lande stattfanden. Einmal sah man zu mitternächtlicher Zeit einen Schimmer aus den Fenstern der alten Kapelle von Caylus fallen.
Die Hunde hatten nicht geheult; aber eine dunkle Gestalt, die die Leute aus dem Weiler zu kennen meinten, weil sie sie oft gesehen hätten, war nach Einbruch der Nacht in die Gräben geglitten. Diese alten Schlösser sind ganz voll von Phantomen.
Ein anderes Mal, gegen elf Uhr nachts, verließ Dame Martha, die jüngste der Duenjen von Caylus, den Landsitz durch das große Tor und rannte zu der Holzfällerhütte, in welcher der junge Herzog von Nevers unlängst Gastfreundschaft gefunden hatte. Ein von Hand getragener Stuhl durchquerte wenig später den Wald von Ens. Danach drangen aus der Holzhauerhütte Frauenstimmen. Montags war der brave Mann verschwunden. Die Hütte wurde jedem, der sie wollte, zur Verwendung freigegeben. Dame Martha verließ das Schloss von Caylus am selben Tag.
Seit diesen Ereignissen waren vier Jahre vergangen. Man hatte niemals weder etwas von dem Holzhauer noch von der Dame Martha gehört. Philipp von Nevers war nicht mehr auf seinem Landsitz in Buch. Aber ein anderer Philipp, nicht weniger glänzend, nicht weniger großer Herr, beehrte das Lourontal mit seiner Anwesenheit. Es war dies Philipp Polyxène von Mantua, Prinz von Gonzaga, mit dem der Herr Marquis von Caylus seine Tochter Aurora verheiraten wollte.
Gonzaga war ein Mann von dreißig Jahren, ein wenig verweichlicht im Gesicht, aber im Übrigen von einer seltenen Schönheit. Unmöglich, eine noblere Körperhaltung als die seine zu finden. Seine schwarzen und glänzenden Haare umgaben sein Gesicht, dessen Haut viel heller war als die eines Frauengesichtes, und bildeten in natürlicher Weise diese weite und ein wenig schwere Frisur, die die Kurtisanen von Ludwig XIV. nicht einmal erhielten, wenn sie zwei oder drei künstliche Haarschöpfe jenem hinzufügten, mit dem sie geboren worden waren. Seine schwarzen Augen hatten den klaren und hochmütigen Blick der Italiener. Er war groß und wunderbar tailliert; sein Gang und seine Gesten waren von einer theatralischen Majestät.
Wir sagen nichts von dem Hause, aus dem er kam. Gonzaga klingt ebenso hoch in der Geschichte wie Bouillon, Este oder Montmorency. Seine Verbindungen entsprachen seiner Noblesse. Er hatte zwei Freunde, zwei Brüder, der eine war Lorraine, der andere Bourbon. Der Herzog von Chartres, ein wirklicher Neffe von Ludwig XIV., außerdem Herzog von Orléans und Regent von Frankreich, der Herzog von Nevers und der Prinz von Gonzaga waren unzertrennlich. Der Hof nannte sie die drei Philipp. Ihre gegenseitige Hochachtung erinnerte an die schönen Sinnbilder der antiken Freundschaft.
Philipp von Gonzaga war der Älteste. Der zukünftige Regent war erst vierundzwanzig Jahre alt, und Nevers war ein Jahr jünger. Man kann sich vorstellen, wie die Idee, solch einen Schwiegersohn zu haben, der Eitelkeit des alten Caylus schmeichelte. Das allgemeine Gerücht gestand Gonzaga immense Güter in Italien zu; außerdem war er leiblicher Cousin und Alleinerbe von Nevers, den jeder als einen vorzeitig dem Tode Geweihten betrachtete. Zudem besaß Philipp von Nevers als einziger Erbe dieses Namens eines der schönsten Gebiete in Frankreich.
Sicherlich konnte niemand argwöhnen, dass der Prinz von Gonzaga den Tod seines Freundes gewünscht hätte; aber es lag nicht in seiner Macht, ihn zu verhindern, und es ist ein sicheres Faktum, dass dieser Tod ihn zum zehn- oder zwölffachen Millionär gemacht hätte.
Schwiegervater und -sohn waren sich beinahe einig. Was jedoch Aurora betrifft, so hatte man sie selbst nicht einmal gefragt. – System Riegel!
Eines schönen Herbsttages im Jahre 1699 fühlte sich Ludwig XIV. alt, und der Krieg ermüdete ihn. Der Friede von Ryswyck war soeben unterzeichnet worden; aber die Scharmützel zwischen den Partisanen an den Grenzen gingen weiter, und das Lourontal hatte eine ganze Anzahl dieser unbequemen Gäste.
Im Speisesaal des Schlosses von Caylus saßen ein halbes Dutzend Tischgenossen um die reichlich gedeckte Tafel. Der Marquis mochte seine Fehler haben; aber er bewirtete zumindest, wie es sich gehört.
Außer dem Marquis, Gonzaga und Fräulein von Caylus, die das hohe Ende der Tafel einnahmen, waren die Anwesenden alle mittleren Standes und Dienstboten. Da war zuerst Don Bernard, der Kaplan von Caylus, der die Seelsorge in dem kleinen Weiler Tarrides innehatte und in der Sakristei seiner Kapelle die Todesfälle, Geburten und Verehelichungen registrierte; dann kam Dame Isidora vom Bauernhof Gabour, die Dame Martha in ihren Aufgaben gegenüber Aurora ersetzt hatte, und am dritten Platz der Herr Peyrolles, der zum persönlichen Anhang des Prinzen von Gonzaga gehörte.
Diesen wollen wir für unsere Erzählung ausführlicher kennenlernen.
Herr von Peyrolles war ein Mann mittleren Alters, mager und blass, mit wenig Haaren, groß und ein bisschen krumm. Heute würde man sich eine derartige Person kaum ohne Brille vorstellen können; eine solche Mode gab es damals nicht. Seine Züge waren wie verwischt, aber sein kurzsichtiger Blick hatte eine gewisse Unverschämtheit. Gonzaga versicherte, dass von Peyrolles sehr gut das Schwert führen konnte, das auf der linken Seite seines Körpers hing.
Insgesamt schätzte ihn Gonzaga sehr; er benötigte ihn.
Die anderen Tischgenossen, Angestellte von Caylus, dürften dagegen als reine Komparsen gelten.
Fräulein Aurora von Caylus empfing Gäste mit einer frostigen und schweigsamen Würde. Allgemein kann man sagen, dass die Frauen, vor allem die schönsten, sich nach ihrem Gefühl verhalten. Dies mag bewundernswert sein gegenüber jenen, die sie lieben, sonst aber eher unangenehm. Aurora war eine von jenen Frauen, die man trotz ihrer Art bewundert.
Sie trug spanische Tracht. Drei Reihen Textilspitze fielen zwischen den ondulierten Gagaten ihrer Haare hinab.
Obgleich sie noch nicht zwanzig Jahre alt war, drückten die reinen und stolzen Züge um ihren Mund schon Traurigkeit aus. Aber wie viel Licht konnte das Lächeln um ihre jungen Lippen entstehen lassen! Und wie viele Strahlen entstanden dann in ihren Augen, die tief beschattet waren durch ihre langen, gebogenen seidenen Wimpern.
Es gab eben auch Tage, an denen man ein Lächeln um die Lippen von Aurora gesehen hatte.
Ihr Vater sagte: „Dies alles wird sich ändern, wenn sie Frau Prinzessin geworden ist.“
Am Ende des zweiten Ganges erhob sich Aurora und fragte um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen. Dame Isidora warf einen langen Blick des Bedauerns auf das Feingebäck, die Konfitüren und das Eingemachte, das gerade hereingetragen wurde. Es war ihre Pflicht, der jungen Herrin zu folgen. Nachdem Aurora gegangen war, nahm der Marquis eine lustigere Miene an.
„Prinz“, sagte er, „Sie schulden mir meine Revanche im Schach … Sind Sie bereit?“
„Stets zu Ihrem Befehl, lieber Marquis“, antwortete Gonzaga.
Auf Anordnung von Caylus brachte man einen Tisch und das Schachbrett. Seit vierzehn Tagen, während denen der Prinz im Schloss war, war es wohl die fünfzigste Partie, die begonnen wurde.
Mit dreißig Jahren und dem Namen und Aussehen von Gonzaga müsste diese Leidenschaft des Schachspielens zu denken geben. Einer der folgenden zwei Punkte dürfte wohl zutreffen: entweder er war leidenschaftlich verliebt in Aurora oder er war begierig darauf, die Mitgift in seine Truhe zu stecken.
Jeden Tag nach dem Abend- und Nachtessen brachte man das Schachbrett. Der gute Kerl zeigte gleich vierzehnfache Kraft. Jeden Tag ließ sich Gonzaga ein Dutzend Partien abgewinnen, wonach der triumphierende Verrou, ohne das Schlachtfeld zu verlassen, in seinem Fauteuil einschlief und wie ein Gerechter schnarchte.
In derartiger Weise machte also Gonzaga Fräulein Aurora den Hof.
„Lieber Prinz“, sagte der Marquis während er seine Figuren aufstellte, „ich zeige Ihnen heute eine Kombination, die ich in der gelehrten Abhandlung von Cessolis gefunden habe. Ich spiele nicht Schach wie jedermann, sondern versuche aus guten Quellen zu schöpfen. Der erste beste könnte Ihnen nicht sagen, dass das Schachspiel durch Attalus, den König von Pergamon, erfunden wurde, um die Griechen während der langen Belagerung von Troja zu unterhalten. Nur Ignoranten oder wortbrüchige Leute schreiben diese Ehre Palamed zu … Schauen wir mal, Sie sind am Zug, bitte sehr.“
„Ich wüsste nicht“, antwortete Gonzaga, „wie ich Ihnen die ganze Freude ausdrücken sollte, die ich bei der Teilnahme an dieser Partie habe.“
Sie begannen. Die Tischgenossen waren noch anwesend.
Nach der ersten verlorenen Partie machte Gonzaga Peyrolles ein Zeichen, wonach dieser die Serviette ablegte und ging. Nach und nach machten es der Kaplan und die anderen Angestellten ebenso. Verrou und Gonzaga blieben allein …
„Die Lateiner“, fuhr der Trottel fort, „nannten es das Spiel des latrunculi oder kleiner Diebe, die Griechen latrikion. Sarrazin stellt in seinem ausgezeichneten Buch fest …“
„Herr Marquis“, unterbrach ihn Philipp von Gonzaga, „erlauben Sie mir, diese Figur zu schlagen, Sie verzeihen?“
Aus Versehen konnte er einen Bauern vorrücken, wodurch er das Spiel gewann. Verrou zog ein wenig an seinen Ohrläppchen; er trug es aber mit Großmut.
„Schlagen Sie sie, lieber Prinz“, sagte er. „Aber bitte besinnen Sie sich nicht eines Besseren. Schach ist kein Spiel für Kinder.“ – Gonzaga stieß einen tiefen Seufzer aus. – „Ich weiß, ich weiß“, fuhr der gute Kerl mit einem spöttischen Akzent fort, „wir sind verliebt …“
„Um deswegen den Verstand zu verlieren, Herr Marquis?“
„Ich kenne das, lieber Prinz. Achtung auf das Spiel! Ich nehme Ihren Springer.“
„In meinen Augen brachten Sie gestern gar nichts fertig“, sagte Gonzaga als Mann, der peinliche Gedanken über die Geschichte des Edelmannes wachrütteln wollte, der in dessen Haus eindringen wollte …
„Oh, wie listig und durchtrieben!“, rief Verrou aus. „Sie suchen mich zu zerstreuen; aber ich bin wie Cäsar, der fünf Briefe auf einmal diktierte. Sie wissen, dass er Schach spielte …?“
Nun gut, der Edelmann bekam ein halbes Dutzend Schwerthiebe dort unten im Graben. Dergleichen Abenteuer fand mehr als einmal statt; auch konnte die üble Nachrede niemals über das Betragen der Damen von Caylus meckern.
„Und was Sie damals als Ehemann machten, Herr Marquis“, fragte nachlässig Gonzaga, „würden Sie es auch als Vater machen?“
„Ganz recht“, erwiderte der Trottel. „Ich kenne keine andere Art, um auf die Evastöchter aufzupassen … Schah moto, wie die Perser sagen, lieber Prinz. Sie sind nochmals geschlagen.“
Er streckte sich in seinem Fauteuil aus.
„Und aus diesen zwei Worten Schah moto“, setzte er fort, indem er sich für seinen Siesta-Schlaf einrichtete, „die bedeuten: der König ist tot, haben wir Schach und matt gemacht, wenn wir Ménage und Frère folgen wollen. Was die Frauen betrifft, glauben Sie mir, schöne Rapiere um schöne Mauern stellen das Leuchtendste an Tugend dar!“
Er schloss die Augen und schlief ein. Gonzaga verließ Hals über Kopf den Speisesaal.
Es war etwa zwei Uhr nachmittags. Herr von Peyrolles erwartete seinen Herrn, während er in den Korridoren herumstreifte.
„Unsere Schurken?“, fragte Gonzaga, als er ihn sah.
„Es sind sechs von ihnen gekommen“, antwortete Peyrolles.
„Wo sind sie?“
„In der Herberge „Der Adamsapfel“ auf der anderen Seite der Wassergräben.“
„Wer sind die zwei Fehlenden?“
„Herr Cocardasse junior aus Tarbes und Bruder Passepoil, sein Vogt.“
„Zwei gute Degen!“, sagte der Prinz. „Und die andere Angelegenheit?“
„Dame Martha ist jetzt bei Frl. von Caylus.“
„Mit Kind?“
„Mit Kind.“
„Wo ist sie eingetreten?“
„Durch das tiefliegende Fenster des Schwitzraumes, das gegen die Gräben unter der Brücke hinausgeht.“
Gonzaga überlegte einen Augenblick, dann antwortete er: „Hast du Don Bernard befragt?“
„Er ist stumm“, antwortete Peyrolles.
„Wie viel hast du geboten?“
„Fünfhundert Pistolen.“
„Diese Dame Martha muss wissen, wo das Register ist. Es ist nicht notwendig, dass sie das Schloss verlässt.“
„Gut“, sagte Peyrolles.
Gonzaga ging mit großen Schritten herum.
„Ich will sie selbst sprechen“, sagte er. „Aber bist du sicher, dass mein Cousin Nevers die Nachricht von Aurora erhalten hat?“
„Unser Deutscher hat sie überbracht.“
„Und wird Nevers kommen?“
„Heute Abend.“
Sie waren jetzt an der Tür zur Wohnung von Gonzaga.
Im Schloss von Caylus schnitten sich drei Gänge im rechten Winkel: jener des Hauptgebäudes, an den sich die der zwei Flügel anschlossen.
Die Wohnung des Prinzen lag im Westflügel, dessen Gang an der Stiege endete, die zu den Schwitzräumen führte. Es entstand ein Geräusch in der Zentralgalerie. Es stammte von Dame Martha, die die Wohnung von Frl. von Caylus verließ. Peyrolles und Gonzaga traten schnell in Letztere ein, wobei sie die Tür dazu halb offen ließen.
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