Die Brut des Bösen
Der Butterfly-Killer
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 328
ISBN: 978-3-7116-0514-6
Erscheinungsdatum: 11.03.2025
In einem unterirdischen Verlies warten sechs verschleppte Frauen auf ihren grausamen Tod. Der Täter, ein routinierter Frauenmörder, plant, durch ein grausames Opfer unsterblich zu werden. Wird die Polizei dem Morden ein Ende setzen können?
Angst, nackte grausame Angst, ergriff ihr stumpfsinniges Gehirn, sie war weit davon entfernt, noch einen klaren Gedanken fassen zu können. Langsam wie schleichendes Gift drang Panik in ihren Körper ein und machte sie für rationales Denken taub. Gespenster sah sie schon seit Jahren, ihre eigenen, doch in dieser Sekunde fühlte, nein, spürte sie, dieser Geist war Wirklichkeit. Er kam, um sie zu holen. Wie sie es seit langer Zeit, genau genommen seit über zehn Jahren, ahnte: Er würde sie töten, diesmal endgültig. Alles wäre umsonst gewesen, all ihre Lügen, ihre mit Blutgeld erkaufte Freiheit. Sie wusste die Wahrheit: dass ein Unschuldiger für lange Zeit ins Gefängnis gegangen war, war ganz allein ihre Schuld, ihrer entsetzlichen Angst entsprungen, vor dem Peiniger aus vergangenen Tagen.
Sie, nur sie, kannte den wahren Mörder. Doch hätte sie anders gehandelt, wäre sie längst nicht mehr am Leben, sie wäre das dritte Opfer gewesen. Die Schlinge war schon um ihren Hals gelegen, doch der Killer hatte es sich überlegt und sie stattdessen gezwungen, ihm ein lückenloses Alibi zu geben. Dafür durfte sie ihr lächerliches Leben, an dem sie so hing, behalten. Ihr Tod war nur aufgeschoben, bis jetzt.
Dabei tötete er sie schon damals, vor langer Zeit, sie hatte nur keine Erinnerung daran. Alles Grausame war ausgelöscht gewesen, bis zu dem Tag, als er ihr auf dem Friedhof gegenüberstand. Er brauchte sie nur anzusehen, kein Wort kam über seine schmalen, zu einem zynischen Grinsen verkniffenen Lippen. Sie wusste auch so, dass sie schweigen musste. Niemand würde ihr glauben. Die Angst vor dem Ungeheuer war grenzenlos, das Grauen hatte wieder ein Gesicht.
Die Erinnerung kam wie ein Keulenschlag, ein Blick seiner kalten Augen, die wie hypnotisiert auf ihr lagen, genügte, um sie an die Qualen und schrecklichen Dinge, die er ihr angetan hatte, in ihr verschüttetes Gedächtnis zurückzubringen. Seit dem Tag wusste sie: Ihr Leben war vorbei, der Teufel in Menschengestalt hatte sie eingeholt.
Da war es wieder – ein leises, kaum wahrnehmbares Schlurfen hinter dem Haus, ein dumpfes Klirren, das in ein schabendes Geräusch überging. Jetzt schien es aus dem Keller zu kommen. Die hilflose Starre schwand und die panische Angst in ihr ebbte ab. Sie nahm einen großen Schluck aus dem Glas, das neben ihr auf dem kleinen Nachttisch stand.
Sie verschwendete keinen Gedanken mehr an die schwere Eisentür, es war nicht mehr wichtig, ob sie fest verschlossen war. Jeden bisherigen verfluchten Tag hatte sie sorgsam vor der ersten Dämmerung alle Türen und sämtliche Fenster geprüft, bis sie sicher war, alles verriegelt zu haben. Dieses Ritual war ihr in Fleisch und Blut übergegangen.
Hier und jetzt, in diesen Sekunden, spürte sie, dass ihr Weg zu Ende war. Sie musste nur noch warten, warten auf den Tod. Sie war ihm schon einmal begegnet, vor vielen Jahren. Eigentlich war sie damals gestorben, ihre Jugend und ihre Unschuld befanden sich längst im Totenreich. Alles, was von ihr noch existierte, war eine leere Hülle, frei von Gefühlen oder Lebensfreude.
Vielleicht war es Gerechtigkeit, dass sie genau an diesem Tag sterben musste, an dem Tag, als vor vielen Jahren ein Unschuldiger ins Gefängnis ging anstelle des wahren Mörders, den sie sehr gut kannte.
Doch dieser würde sich wundern. Sie hatte abgeschlossen mit der Vergangenheit, würde es ihm leicht machen und sich nicht wehren. Der Tod würde sie von unsäglicher Last befreien, sie würde ihn als Freund willkommen heißen.
Der Mörder ihrer Seele würde nicht triumphieren, sie allein würde bestimmen, wann es zu Ende war.
Die leisen schlurfenden Geräusche aus dem Keller waren verstummt, eine lähmende, grauenvolle Stille breitete sich aus. Kein Schrei, kein Betteln oder Flehen war zu vernehmen, nur unheimliche Stille.
***
Es war halb neun vormittags, als die niedliche Julia, ein sommersprossiges, rotblond gelocktes Mädchen gerade von der Nachbarin gegenüber abgeholt wurde. Julia und Niklas waren im selben Kindergarten. Die Mütter wechselten sich wöchentlich ab, heute war Monika Kleinschmidt an der Reihe. Deren größere Kinder waren schon aus dem Haus, nur Niklas, ein Kind aus zweiter Ehe und ein absolutes Wunschkind, bedurfte noch ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Monika verwöhnte den launischen Jungen nach Strich und Faden und schien nicht zu bemerken, welch egoistischen und aufmüpfigen Bastard sie da großzog. Aber Julia durchschaute seine kleinen Ränkespiele und mochte den verzogenen Bengel nicht. Sie hatte genug andere Freunde und Freundinnen zum Spielen. Gott sei Dank war heute schon Donnerstag, und ab Montag war ihre Mutter wieder mit dem Fahrdienst dran. Die war viel cooler und quatschte nicht so hochgestochenes Zeug wie die Kleinschmidt, die immer meinte, dass aus ihrem Sprössling einmal was ganz Besonderes würde.
Heute allerdings war es Julias Mutter Gerti, die nervte, und zwar ihren Mann. Zum gefühlt tausendsten Mal redete sie auf ihn ein, dass er endlich zum Nachbarhaus gehen und nachsehen solle. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand seit geraumer Zeit ein Fenster sperrangelweit offen. Ausgerechnet bei der übervorsichtigen, manchmal arrogant wirkenden Frau Petzold. Da stimmte etwas nicht. Gerti konnte sich normalerweise sehr wohl auf ihr Bauchgefühl verlassen.
Sie kannte die übertriebene Angst der Nachbarin, die schon eine Krise bekam, wenn eins der Fenster nur gekippt war. Die Sonnenrollos zog sie meist schon am frühen Nachmittag zu, egal, ob die Sonne schien oder ob es in Strömen regnete.
Naja, sie war eben pingelig und eingebildet, jedenfalls gewann man diesen Eindruck von der Dame. Dass es schlichtweg Angst und Furcht um ihr Leben sein könnte – auf den Gedanken wäre in diesem eher gutbürgerlichem und gutsituierten Stadtteil niemand gekommen.
Jedenfalls vermieste Gerti ihrem armen Werner schon den zweiten Tag mit ihrer Schwarzmalerei. Ihm selbst kam die Sache ja auch nicht geheuer vor, doch er würde garantiert nicht hinübergehen und die Frau belästigen. Nur, weil seine bessere Hälfte ein mulmiges Gefühl, wie sie es ausdrückte, verspürte. Es war doch nicht seine Angelegenheit, ob die ihr Fenster offenließ oder nicht! Warum sollte er sich da einmischen. Werner musste allerdings einsehen, dass seine Gerti nicht so leicht davon abzubringen war, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er kannte seine bessere Hälfte gut genug: Die gab keine Ruhe, bis er nicht da rüber marschiert und sich, verdammt noch, mal zum Affen gemacht hatte.
Zuerst klingelte er zaghaft an der Türglocke, die an der Straßenseite in der gemauerten Eingangssäule angebracht war. Er schielte dabei zu dem offenen Fenster. Just in diesem Augenblick fegte eine Windbö durch die Straße und verfing sich im Vorhang, der lustig aus dem Fenster wehte, als wolle er den Eindringling begrüßen. Unschlüssig trat Werner von einem Fuß auf den anderen. Er kam sich vor wie ein dummer Junge, der bei etwas Verbotenem erwischt wird. Er schalt sich selbst einen Idioten. Was zum Teufel machte er hier eigentlich?
Was sollte er tun, wenn tatsächlich etwas nicht stimmte? Zum ersten Mal kam ihm die Sache selbst nicht ganz geheuer vor. Er wusste genau so gut wie alle anderen in der Straße von dem spleenigen Verhalten der Frau. Sie lebte sehr zurück gezogen und pflegte kaum Kontakt zu den Nachbarn. In den ganzen vergangenen Jahren konnte er sich nicht erinnern, ob die jemals ein Fenster zur Gänze aufgemacht hatte. Wenn dann war es höchstens gekippt. Werner fühlte sich hilflos. Kein Geräusch, kein Laut drang aus dem Haus. Sein Blick fiel auf den Briefkasten, die Zeitungen der vergangenen Tage ragten aus dem breiten Schlitz. Ein Zeichen, dass sie nicht da war?
Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf, vielleicht sollte man die Polizei verständigen. Er wollte schon kehrtmachen, als sein Blick auf etwas noch Bemerkenswerteres stieß. Dieser Umstand elektrisierte ihn: Die massive Haustür aus Eichenholz mit schmiedeeisernen Beschlägen stand einen winzigen kaum wahrnehmbaren Spalt offen, durch den höchstens ein Blatt Papier passte. Aber sie war nicht abgeschlossen, und das war mehr als seltsam. Ein vergessenes Fenster mochte ja noch angehen, aber die Eingangstür würde diese Frau niemals offenlassen, so gut kannte er sie und ihre manische Angst. Hier musste jemand eingedrungen sein, so viel stand für Werner fest. Er war sich plötzlich gar nicht mehr sicher, ob er überhaupt hineingehen sollte, doch ein Blick über seine Schulter zeigte ihm überdeutlich, was seine Gerti von seinem Zögern hielt. Sie stand im eigenen Garten und wedelte mit der Hand, was so viel bedeutete wie, „na los, geh schon rein“. Er war kein Held oder Supermann, er war Bankangestellter mit Schwerpunkt Kreditwesen.
Werner holte tief Luft, riss sich zusammen und drückte mit der rechten Schulter die Tür einen größeren Spalt auf, gerade so weit, dass er den Flur einsehen konnte. Alles schien in Ordnung zu sein.
Er rief erst leise und, als keine Antwort kam, etwas lauter: „Hallo, ist jemand zuhause? Frau Petzold?“. Nichts, keine Antwort, kein Ton! Es blieb mucksmäuschenstill.
Auf den ersten Blick war nichts Verdächtiges zu entdecken. Er betrat ein blitzblank aufgeräumtes Zuhause, sauber, adrett, ja fast penibel. Genau so hatte er die Frau eingeschätzt, kein Fussel, kein Staubkorn, eine Sterilität wie in einem Operationssaal. Seine Gerti war eine ordentliche Hausfrau und eine super Mama, aber sie litt unter keinem Putzzwang, was hier anscheinend der Fall war.
Die Diele nebst Spiegel und Schuhschränkchen strahlte wie neu, die Holztreppe, die ins Obergeschoss führte, glänzte frisch aufpoliert und roch stark nach Politur. Werner zog seine Schuhe aus, um ja keinen Schmutz zu hinterlassen, und stieg auf Socken die Treppe hoch, denn im Obergeschoss befand sich das offenstehende Fenster. Seine Hand streifte das Geländer, es fühlte sich kalt und unpersönlich, wie das ganze Haus, an.
Bedächtig immerzu ihren Namen rufend näherte er sich dem Ende der Treppe. Wenn die Bewohnerin schon nicht anwesend war, so wollte er doch wenigstens alles dicht machen und später auch die Haustür fest hinter sich zu ziehen. Er achtete penibel darauf, nichts anzufassen, nicht dass noch jemand auf die absurde Idee kam, er wolle hier einbrechen. Vielleicht befand sie sich hinterm Haus in ihrem Garten und erschreckte sich zu Tode, wenn er so unverhofft plötzlich vor ihr stand.
Er zögerte, seine Stimme klang seltsam belegt, als er flüsterte: „Was mache ich hier eigentlich?“
Mit einem letzten Schritt stand er oben auf dem Treppenabsatz, nichts unterbrach die unheimliche Stille.
Vielleicht war die gute Frau schon ein wenig zerstreut oder gedankenverloren, war weggefahren und hatte einfach vergessen abzuschließen. Sowas passierte doch täglich. Er beruhigte sich mit diesen Gedanken selbst, „ja so wird es wohl sein“.
Hoppla! Was war das? Beinahe wäre er auf etwas getreten. Werner bückte sich und hielt einen Seidenstrumpf hoch, ein filigranes Teil, zart und verführerisch. Er schmunzelte und dachte: „Sowas hat meine Gerti schon lange nicht mehr getragen.“ Dabei standen Männer auf solche Attribute, es waren diese Kleinigkeiten, die einem die Sinne verwirrten.
Er schnupperte daran, ein zarter Duft von Lavendel haftete an dem Strumpf. Dass er neu war, noch nie getragen, konnte man erkennen. Der einzige Makel: Das seidige Teil war zusammengeknüllt und fühlte sich feucht an. Werner atmete tief durch, riss sich zusammen und dachte daran, warum er eigentlich hier war. Er hob den Kopf und blickte auf eine Tür einige Schritte weiter: Zwei Dinge fielen ihm gleichzeitig auf: Die Tür war weit nach innen geöffnet, und ein Haarschopf ragte aus einem Berg von zerwühlten Kissen.
Sein erster Impuls war, kehrtzumachen und schleunigst zu verschwinden. „Verdammt noch mal!“ Dass er laut fluchte, schien er gar nicht zu bemerken. Werner war sicher, eine schlafende Frau vor sich zu haben. Wahrscheinlich war sie krank und lag mit Fieber und Schüttelfrost ans Bett gefesselt, vor ihm. Er wagte nicht zu atmen, um sie ja nicht auf sich aufmerksam zu machen. Doch die Person vor ihm gab nicht das leiseste Geräusch von sich. Er sah kein Heben und Senken des Brustkorbes, was normal wäre, wenn jemand ein- und ausatmete. Werner schlich so vorsichtig wie möglich ans Kopfende des Betts. Mit zwei Fingern lupfte er die Zudecke. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht, und plötzlich wollte er es ganz genau wissen.
Werner war zwar kein Held, aber auch kein besonders ängstlicher oder gar feiger Mann. Das Grauen packte ihn unvermittelt, es schien ihn regelrecht anzuspringen.
Mit einem Stöhnen ließ er die Decke fallen, als hätte er sich die Finger verbrannt. „Mein Gott, o mein Gott!“
Weit aufgerissene, tote Augen starrten ihn an. Der gleiche feine Seidenstrumpf, den er auf der Treppe gefunden hatte, lag fest um die Kehle seiner Nachbarin geschnürt.
Wie in Trance stolperte Werner die Treppe hinunter. Seine Hand, die immer noch den gefundenen Strumpf umklammert hielt, zitterte. Fahrig steckte er das Ding in seine Hosentasche, er schien dies gar nicht zu registrieren. Wie ein Schlafwandler setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er endlich im Freien stand, wo er die kühle Luft einatmete. Der Schreck der vergangenen Sekunden wich, und er konnte wieder klar denken.
Gerti, die immer noch an der gleichen Stelle verharrte, hatte noch nie einen derart verstörten Blick in seinem vertrauten Gesicht gesehen. Aschgrau und zitternd ging er an ihr vorbei, schlurfte wortlos und kopfschüttelnd ins Haus. Er griff sich das Handy, das wie immer auf dem kleinen, zierlichen Biedermeiertischchen im Flur lag, und wählte den Notruf der Polizei. Gerti, die ihm gefolgt war, hörte deutlich die Worte „ich muss einen Mord melden“. Dann nannte er seinen Namen und seine Adresse und beendete das Gespräch. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, stand er wie ein begossener Pudel vor Gerti, die ihn ungläubig anstarrte. Er fühlte das winzige Stück Stoff, den Seidenstrumpf in seiner geballten Faust und hütete sich, es herauszunehmen. Seine Gerti sollte es nicht sehen. Er ärgerte sich jetzt über sich selbst, dass er dieses Ding überhaupt eingesteckt hatte.
Nach wenigen Minuten hielt ein Streifenwagen der hiesigen Polizei vor ihrem Haus, und zwei Beamte stiegen bedächtig aus. Mit skeptischen Blicken kamen sie auf Werners Gartenpforte zu. Es gab einen Haufen Spinner, die sich einen Spaß daraus machten, der Polizei einen Streich zu spielen, doch als sie vor dem aufgewühlt und erschüttert wirkenden Anrufer standen, war ihnen klar: Hier ging es tatsächlich um Mord!
Werner überquerte mit den Beamten die Straße, hinein gehen wollte er auf keinen Fall mehr, Werner erklärte ihnen, wo die Tote lag, und schlich bedrückt zurück zu seiner Gerti, die tröstend einen Arm um ihn legte.
Nach kürzester Zeit kamen die Polizisten wieder hinaus und riefen die Mordkommission. Noch nie hatte es in dieser sonst so friedlichen Straße einen solchen Aufruhr gegeben. Sämtliche Nachbarn, die noch nicht zur Arbeit gefahren waren, standen vor ihren Häusern oder kamen aus ihren Wohnungen und starrten hinüber zum schmucken Einfamilienhaus des, wie sich schnell wie ein Lauffeuer herumsprach, Mordopfers. Die Sirenen und Blaulichter scheuchten auch den letzten der Anwohner auf die Straße.
Mit brüchiger Stimme wiederholte Werner, warum er ins Haus der Petzold gegangen war, wie er den grausigen Mord entdeckt hatte. Vom offenstehenden Fenster, der nur angelehnten Haustür, dem Verdacht seiner besseren Hälfte, die befürchtet hatte, der seit dem Tod ihres Mannes alleinstehenden Nachbarin könnte etwas zugestoßen sein. An so eine entsetzliche Tat hatte allerdings niemand gedacht. Wie oft las oder hörte man, dass Leute nach Haushaltsunfällen hilflos in ihrer Wohnung lagen und erst nach Tagen gefunden wurden – so in etwa hatte die Vorstellung Gertis ausgesehen. An einen entsetzlichen Mord, nein, mit so was rechnete doch keiner. Noch nie hatte es in dieser eher langweiligen und biederen Gegend ein solch abscheuliches Verbrechen gegeben. Jeder einzelne war geschockt, Angst kroch in die Eingeweide der Nachbarn. Die Furcht, es könnte wieder geschehen, stand in ihre betretenen Gesichter geschrieben. Wer würde dann das nächste Opfer sein?
Dieses Verbrechen war für die biedere Landpolizei einige Nummern zu groß, die Mordkommission übernahm den Fall. Sie schickten ihren besten Mann: Paul Ulrich Krasser, schlicht und ergreifend von sämtlichen Kollegen „Puck“ genannt.
Dieser war erst vor kurzem Papa geworden, glücklicher Vater eines kleinen Prinzen, dementsprechend kurz waren seine Nächte. So sehr er den kleinen „Puck“ auch liebte, war er an manchen Tagen heilfroh, in sein Büro flüchten zu können. Der Winzling hielt seine Eltern gehörig auf Trab, trotzdem wollten Puck und Ulla, seine Frau, keine Sekunde mehr auf den kleinen Schreihals verzichten. Der neue Erdenbürger war mit einer überaus kräftigen Stimme ausgestattet, dennoch waren die beiden mit Sicherheit die stolzesten Eltern der Welt. Ein Enthusiasmus, den sie wahrscheinlich mit Tausenden von Neueltern teilten.
***
An diesem Tag war der Chef schon vor Morgengrauen im Präsidium, als hätte er geahnt, dass es einen bizarren Mord aufzuklären galt. Puck war nach dem letzten spektakulären Fall von Gmeiner, seines Zeichens Polizeipräsident und Pucks direkter Vorgesetzter, zum Revierleiter befördert worden. Ganz ohne Bedingungen ging die Beförderung allerdings nicht über die Bühne. Für einen Bürosessel war er nicht geschaffen, also kein Innendienst. Puck verstand es meisterhaft, den ganzen lästigen Bürokrempel auf seine Mitarbeiter abzuwälzen, allen voran auf Sandra, den Neuzugang vom Betrugsdezernat, die sich als echter Computerfreak wunderbar in die Abteilung einfügt hatte. Die neue Kollegin war eine immense Bereicherung für das Morddezernat. Sie kam am besten mit dem Papierkram klar, was alle zu schätzen wussten. Sie hatte einen engagierten Fürsprecher im Oberstaatsanwalt, letztendlich war es dessen Verdienst, dass sie zur Mordkommission versetzt worden war. Von diesem war man solch lobende Worte in der Regel nicht gewöhnt, es passte nicht zu ihm, war er sich doch üblicherweise selbst der nächste.
Wie gut, dass er verheiratet war, dachte Puck. Man könnte sonst glatt auf seltsame Gedanken kommen … Wahrscheinlich war der Mann aber viel zu klug, um derartige Spekulationen entstehen zu lassen. Die Ehe schien intakt zu sein, seine Frau engagierte sich sehr intensiv für verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen. Er hingegen hielt lieber Abstand zu solchen Aktivitäten, was allgemein bekannt war, sehr zum Missfallen seines stinkreichen Schwiegervaters, einem erfolgreichen Geschäftsmann.
In der kurzen Zeit, die Sandra jetzt auf dem Revier war, schafften es sämtliche männlichen Kollegen, einschließlich Falko und Fleck, sich zum Deppen zu machen. Doch jeder Versuch, bei der hübschen Blondine zu landen, ging in die Hose. Fleck hatte sehr schnell das Interesse an der kühlen Kollegin verloren, war er doch in seiner Beziehung mit Marlies Berger sehr happy. War Sandra überhaupt eine echte Blondine? Ihre dunklen Augen widersprachen dieser Theorie.
Es war nur Flecks Machodenken, das ihn ausprobieren ließ, wie leicht sie möglicherweise rumzukriegen wäre. Dabei stellte er zu seiner eigenen Überraschung fest, dass er nicht wirklich an ihr interessiert ist. Sie war zu allen gleichermaßen freundlich, lachte die derben Sprüche weg und blieb unnahbar. Doch wie hieß es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Also Männer: am Ball bleiben.
Puck hingegen amüsierte sich köstlich über die plumpen Annäherungsversuche seiner werten Mitarbeiter. Er war der Einzige, der mitbekam, dass Falko in Sandras Gegenwart immer einsilbiger wurde. Er bemerkte die verliebten Blicke, die dieser der jungen Frau hinterherwarf, wenn er sich unbeobachtet fühlte. „Sieh mal einer an, unser Kleiner wird doch nicht flügge werden.“ Puck murmelte die Worte leise vor sich hin, doch anscheinend nicht leise genug, denn Fleck, der ihm gegenübersaß, zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Habe ich etwas verpasst, läuft da was?“
Puck schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung was du meinst“, mit diesen Worten war das Thema für ihn vom Tisch.
Er schielte verstohlen zur großen Wanduhr, die oberhalb des Ablageregals hing und mit lautem Schlag die volle Stunde anzeigte. Sein Aufbruch heute früh war eher eine überstürzte Flucht vor dem Gebrüll des kleinen Pucks gewesen. Ulla schickte ihn genervt zur Arbeit. Doch ihr Lachen machte ihn fröhlich, und die bittere, traurige Zeit lag weit hinter ihnen, hatte keinerlei Bedeutung mehr. Die Tage waren hell und freundlich, nichts trübte ihr Glück mit dem kleinen Puck. Es stimmte ja auch, Ulla kam mit dem Racker viel besser klar als er. Manchmal fühlte er sich alt und ausgelaugt, doch er hütete sich, diese Gefühle in ihrer Gegenwart aufkommen zu lassen. Lieber flüchtete er in seine Arbeit, da hatten diese frustrierenden Gedanken keine Chance, da war er in seinem Element.
...
Sie, nur sie, kannte den wahren Mörder. Doch hätte sie anders gehandelt, wäre sie längst nicht mehr am Leben, sie wäre das dritte Opfer gewesen. Die Schlinge war schon um ihren Hals gelegen, doch der Killer hatte es sich überlegt und sie stattdessen gezwungen, ihm ein lückenloses Alibi zu geben. Dafür durfte sie ihr lächerliches Leben, an dem sie so hing, behalten. Ihr Tod war nur aufgeschoben, bis jetzt.
Dabei tötete er sie schon damals, vor langer Zeit, sie hatte nur keine Erinnerung daran. Alles Grausame war ausgelöscht gewesen, bis zu dem Tag, als er ihr auf dem Friedhof gegenüberstand. Er brauchte sie nur anzusehen, kein Wort kam über seine schmalen, zu einem zynischen Grinsen verkniffenen Lippen. Sie wusste auch so, dass sie schweigen musste. Niemand würde ihr glauben. Die Angst vor dem Ungeheuer war grenzenlos, das Grauen hatte wieder ein Gesicht.
Die Erinnerung kam wie ein Keulenschlag, ein Blick seiner kalten Augen, die wie hypnotisiert auf ihr lagen, genügte, um sie an die Qualen und schrecklichen Dinge, die er ihr angetan hatte, in ihr verschüttetes Gedächtnis zurückzubringen. Seit dem Tag wusste sie: Ihr Leben war vorbei, der Teufel in Menschengestalt hatte sie eingeholt.
Da war es wieder – ein leises, kaum wahrnehmbares Schlurfen hinter dem Haus, ein dumpfes Klirren, das in ein schabendes Geräusch überging. Jetzt schien es aus dem Keller zu kommen. Die hilflose Starre schwand und die panische Angst in ihr ebbte ab. Sie nahm einen großen Schluck aus dem Glas, das neben ihr auf dem kleinen Nachttisch stand.
Sie verschwendete keinen Gedanken mehr an die schwere Eisentür, es war nicht mehr wichtig, ob sie fest verschlossen war. Jeden bisherigen verfluchten Tag hatte sie sorgsam vor der ersten Dämmerung alle Türen und sämtliche Fenster geprüft, bis sie sicher war, alles verriegelt zu haben. Dieses Ritual war ihr in Fleisch und Blut übergegangen.
Hier und jetzt, in diesen Sekunden, spürte sie, dass ihr Weg zu Ende war. Sie musste nur noch warten, warten auf den Tod. Sie war ihm schon einmal begegnet, vor vielen Jahren. Eigentlich war sie damals gestorben, ihre Jugend und ihre Unschuld befanden sich längst im Totenreich. Alles, was von ihr noch existierte, war eine leere Hülle, frei von Gefühlen oder Lebensfreude.
Vielleicht war es Gerechtigkeit, dass sie genau an diesem Tag sterben musste, an dem Tag, als vor vielen Jahren ein Unschuldiger ins Gefängnis ging anstelle des wahren Mörders, den sie sehr gut kannte.
Doch dieser würde sich wundern. Sie hatte abgeschlossen mit der Vergangenheit, würde es ihm leicht machen und sich nicht wehren. Der Tod würde sie von unsäglicher Last befreien, sie würde ihn als Freund willkommen heißen.
Der Mörder ihrer Seele würde nicht triumphieren, sie allein würde bestimmen, wann es zu Ende war.
Die leisen schlurfenden Geräusche aus dem Keller waren verstummt, eine lähmende, grauenvolle Stille breitete sich aus. Kein Schrei, kein Betteln oder Flehen war zu vernehmen, nur unheimliche Stille.
***
Es war halb neun vormittags, als die niedliche Julia, ein sommersprossiges, rotblond gelocktes Mädchen gerade von der Nachbarin gegenüber abgeholt wurde. Julia und Niklas waren im selben Kindergarten. Die Mütter wechselten sich wöchentlich ab, heute war Monika Kleinschmidt an der Reihe. Deren größere Kinder waren schon aus dem Haus, nur Niklas, ein Kind aus zweiter Ehe und ein absolutes Wunschkind, bedurfte noch ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Monika verwöhnte den launischen Jungen nach Strich und Faden und schien nicht zu bemerken, welch egoistischen und aufmüpfigen Bastard sie da großzog. Aber Julia durchschaute seine kleinen Ränkespiele und mochte den verzogenen Bengel nicht. Sie hatte genug andere Freunde und Freundinnen zum Spielen. Gott sei Dank war heute schon Donnerstag, und ab Montag war ihre Mutter wieder mit dem Fahrdienst dran. Die war viel cooler und quatschte nicht so hochgestochenes Zeug wie die Kleinschmidt, die immer meinte, dass aus ihrem Sprössling einmal was ganz Besonderes würde.
Heute allerdings war es Julias Mutter Gerti, die nervte, und zwar ihren Mann. Zum gefühlt tausendsten Mal redete sie auf ihn ein, dass er endlich zum Nachbarhaus gehen und nachsehen solle. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand seit geraumer Zeit ein Fenster sperrangelweit offen. Ausgerechnet bei der übervorsichtigen, manchmal arrogant wirkenden Frau Petzold. Da stimmte etwas nicht. Gerti konnte sich normalerweise sehr wohl auf ihr Bauchgefühl verlassen.
Sie kannte die übertriebene Angst der Nachbarin, die schon eine Krise bekam, wenn eins der Fenster nur gekippt war. Die Sonnenrollos zog sie meist schon am frühen Nachmittag zu, egal, ob die Sonne schien oder ob es in Strömen regnete.
Naja, sie war eben pingelig und eingebildet, jedenfalls gewann man diesen Eindruck von der Dame. Dass es schlichtweg Angst und Furcht um ihr Leben sein könnte – auf den Gedanken wäre in diesem eher gutbürgerlichem und gutsituierten Stadtteil niemand gekommen.
Jedenfalls vermieste Gerti ihrem armen Werner schon den zweiten Tag mit ihrer Schwarzmalerei. Ihm selbst kam die Sache ja auch nicht geheuer vor, doch er würde garantiert nicht hinübergehen und die Frau belästigen. Nur, weil seine bessere Hälfte ein mulmiges Gefühl, wie sie es ausdrückte, verspürte. Es war doch nicht seine Angelegenheit, ob die ihr Fenster offenließ oder nicht! Warum sollte er sich da einmischen. Werner musste allerdings einsehen, dass seine Gerti nicht so leicht davon abzubringen war, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er kannte seine bessere Hälfte gut genug: Die gab keine Ruhe, bis er nicht da rüber marschiert und sich, verdammt noch, mal zum Affen gemacht hatte.
Zuerst klingelte er zaghaft an der Türglocke, die an der Straßenseite in der gemauerten Eingangssäule angebracht war. Er schielte dabei zu dem offenen Fenster. Just in diesem Augenblick fegte eine Windbö durch die Straße und verfing sich im Vorhang, der lustig aus dem Fenster wehte, als wolle er den Eindringling begrüßen. Unschlüssig trat Werner von einem Fuß auf den anderen. Er kam sich vor wie ein dummer Junge, der bei etwas Verbotenem erwischt wird. Er schalt sich selbst einen Idioten. Was zum Teufel machte er hier eigentlich?
Was sollte er tun, wenn tatsächlich etwas nicht stimmte? Zum ersten Mal kam ihm die Sache selbst nicht ganz geheuer vor. Er wusste genau so gut wie alle anderen in der Straße von dem spleenigen Verhalten der Frau. Sie lebte sehr zurück gezogen und pflegte kaum Kontakt zu den Nachbarn. In den ganzen vergangenen Jahren konnte er sich nicht erinnern, ob die jemals ein Fenster zur Gänze aufgemacht hatte. Wenn dann war es höchstens gekippt. Werner fühlte sich hilflos. Kein Geräusch, kein Laut drang aus dem Haus. Sein Blick fiel auf den Briefkasten, die Zeitungen der vergangenen Tage ragten aus dem breiten Schlitz. Ein Zeichen, dass sie nicht da war?
Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf, vielleicht sollte man die Polizei verständigen. Er wollte schon kehrtmachen, als sein Blick auf etwas noch Bemerkenswerteres stieß. Dieser Umstand elektrisierte ihn: Die massive Haustür aus Eichenholz mit schmiedeeisernen Beschlägen stand einen winzigen kaum wahrnehmbaren Spalt offen, durch den höchstens ein Blatt Papier passte. Aber sie war nicht abgeschlossen, und das war mehr als seltsam. Ein vergessenes Fenster mochte ja noch angehen, aber die Eingangstür würde diese Frau niemals offenlassen, so gut kannte er sie und ihre manische Angst. Hier musste jemand eingedrungen sein, so viel stand für Werner fest. Er war sich plötzlich gar nicht mehr sicher, ob er überhaupt hineingehen sollte, doch ein Blick über seine Schulter zeigte ihm überdeutlich, was seine Gerti von seinem Zögern hielt. Sie stand im eigenen Garten und wedelte mit der Hand, was so viel bedeutete wie, „na los, geh schon rein“. Er war kein Held oder Supermann, er war Bankangestellter mit Schwerpunkt Kreditwesen.
Werner holte tief Luft, riss sich zusammen und drückte mit der rechten Schulter die Tür einen größeren Spalt auf, gerade so weit, dass er den Flur einsehen konnte. Alles schien in Ordnung zu sein.
Er rief erst leise und, als keine Antwort kam, etwas lauter: „Hallo, ist jemand zuhause? Frau Petzold?“. Nichts, keine Antwort, kein Ton! Es blieb mucksmäuschenstill.
Auf den ersten Blick war nichts Verdächtiges zu entdecken. Er betrat ein blitzblank aufgeräumtes Zuhause, sauber, adrett, ja fast penibel. Genau so hatte er die Frau eingeschätzt, kein Fussel, kein Staubkorn, eine Sterilität wie in einem Operationssaal. Seine Gerti war eine ordentliche Hausfrau und eine super Mama, aber sie litt unter keinem Putzzwang, was hier anscheinend der Fall war.
Die Diele nebst Spiegel und Schuhschränkchen strahlte wie neu, die Holztreppe, die ins Obergeschoss führte, glänzte frisch aufpoliert und roch stark nach Politur. Werner zog seine Schuhe aus, um ja keinen Schmutz zu hinterlassen, und stieg auf Socken die Treppe hoch, denn im Obergeschoss befand sich das offenstehende Fenster. Seine Hand streifte das Geländer, es fühlte sich kalt und unpersönlich, wie das ganze Haus, an.
Bedächtig immerzu ihren Namen rufend näherte er sich dem Ende der Treppe. Wenn die Bewohnerin schon nicht anwesend war, so wollte er doch wenigstens alles dicht machen und später auch die Haustür fest hinter sich zu ziehen. Er achtete penibel darauf, nichts anzufassen, nicht dass noch jemand auf die absurde Idee kam, er wolle hier einbrechen. Vielleicht befand sie sich hinterm Haus in ihrem Garten und erschreckte sich zu Tode, wenn er so unverhofft plötzlich vor ihr stand.
Er zögerte, seine Stimme klang seltsam belegt, als er flüsterte: „Was mache ich hier eigentlich?“
Mit einem letzten Schritt stand er oben auf dem Treppenabsatz, nichts unterbrach die unheimliche Stille.
Vielleicht war die gute Frau schon ein wenig zerstreut oder gedankenverloren, war weggefahren und hatte einfach vergessen abzuschließen. Sowas passierte doch täglich. Er beruhigte sich mit diesen Gedanken selbst, „ja so wird es wohl sein“.
Hoppla! Was war das? Beinahe wäre er auf etwas getreten. Werner bückte sich und hielt einen Seidenstrumpf hoch, ein filigranes Teil, zart und verführerisch. Er schmunzelte und dachte: „Sowas hat meine Gerti schon lange nicht mehr getragen.“ Dabei standen Männer auf solche Attribute, es waren diese Kleinigkeiten, die einem die Sinne verwirrten.
Er schnupperte daran, ein zarter Duft von Lavendel haftete an dem Strumpf. Dass er neu war, noch nie getragen, konnte man erkennen. Der einzige Makel: Das seidige Teil war zusammengeknüllt und fühlte sich feucht an. Werner atmete tief durch, riss sich zusammen und dachte daran, warum er eigentlich hier war. Er hob den Kopf und blickte auf eine Tür einige Schritte weiter: Zwei Dinge fielen ihm gleichzeitig auf: Die Tür war weit nach innen geöffnet, und ein Haarschopf ragte aus einem Berg von zerwühlten Kissen.
Sein erster Impuls war, kehrtzumachen und schleunigst zu verschwinden. „Verdammt noch mal!“ Dass er laut fluchte, schien er gar nicht zu bemerken. Werner war sicher, eine schlafende Frau vor sich zu haben. Wahrscheinlich war sie krank und lag mit Fieber und Schüttelfrost ans Bett gefesselt, vor ihm. Er wagte nicht zu atmen, um sie ja nicht auf sich aufmerksam zu machen. Doch die Person vor ihm gab nicht das leiseste Geräusch von sich. Er sah kein Heben und Senken des Brustkorbes, was normal wäre, wenn jemand ein- und ausatmete. Werner schlich so vorsichtig wie möglich ans Kopfende des Betts. Mit zwei Fingern lupfte er die Zudecke. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht, und plötzlich wollte er es ganz genau wissen.
Werner war zwar kein Held, aber auch kein besonders ängstlicher oder gar feiger Mann. Das Grauen packte ihn unvermittelt, es schien ihn regelrecht anzuspringen.
Mit einem Stöhnen ließ er die Decke fallen, als hätte er sich die Finger verbrannt. „Mein Gott, o mein Gott!“
Weit aufgerissene, tote Augen starrten ihn an. Der gleiche feine Seidenstrumpf, den er auf der Treppe gefunden hatte, lag fest um die Kehle seiner Nachbarin geschnürt.
Wie in Trance stolperte Werner die Treppe hinunter. Seine Hand, die immer noch den gefundenen Strumpf umklammert hielt, zitterte. Fahrig steckte er das Ding in seine Hosentasche, er schien dies gar nicht zu registrieren. Wie ein Schlafwandler setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er endlich im Freien stand, wo er die kühle Luft einatmete. Der Schreck der vergangenen Sekunden wich, und er konnte wieder klar denken.
Gerti, die immer noch an der gleichen Stelle verharrte, hatte noch nie einen derart verstörten Blick in seinem vertrauten Gesicht gesehen. Aschgrau und zitternd ging er an ihr vorbei, schlurfte wortlos und kopfschüttelnd ins Haus. Er griff sich das Handy, das wie immer auf dem kleinen, zierlichen Biedermeiertischchen im Flur lag, und wählte den Notruf der Polizei. Gerti, die ihm gefolgt war, hörte deutlich die Worte „ich muss einen Mord melden“. Dann nannte er seinen Namen und seine Adresse und beendete das Gespräch. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, stand er wie ein begossener Pudel vor Gerti, die ihn ungläubig anstarrte. Er fühlte das winzige Stück Stoff, den Seidenstrumpf in seiner geballten Faust und hütete sich, es herauszunehmen. Seine Gerti sollte es nicht sehen. Er ärgerte sich jetzt über sich selbst, dass er dieses Ding überhaupt eingesteckt hatte.
Nach wenigen Minuten hielt ein Streifenwagen der hiesigen Polizei vor ihrem Haus, und zwei Beamte stiegen bedächtig aus. Mit skeptischen Blicken kamen sie auf Werners Gartenpforte zu. Es gab einen Haufen Spinner, die sich einen Spaß daraus machten, der Polizei einen Streich zu spielen, doch als sie vor dem aufgewühlt und erschüttert wirkenden Anrufer standen, war ihnen klar: Hier ging es tatsächlich um Mord!
Werner überquerte mit den Beamten die Straße, hinein gehen wollte er auf keinen Fall mehr, Werner erklärte ihnen, wo die Tote lag, und schlich bedrückt zurück zu seiner Gerti, die tröstend einen Arm um ihn legte.
Nach kürzester Zeit kamen die Polizisten wieder hinaus und riefen die Mordkommission. Noch nie hatte es in dieser sonst so friedlichen Straße einen solchen Aufruhr gegeben. Sämtliche Nachbarn, die noch nicht zur Arbeit gefahren waren, standen vor ihren Häusern oder kamen aus ihren Wohnungen und starrten hinüber zum schmucken Einfamilienhaus des, wie sich schnell wie ein Lauffeuer herumsprach, Mordopfers. Die Sirenen und Blaulichter scheuchten auch den letzten der Anwohner auf die Straße.
Mit brüchiger Stimme wiederholte Werner, warum er ins Haus der Petzold gegangen war, wie er den grausigen Mord entdeckt hatte. Vom offenstehenden Fenster, der nur angelehnten Haustür, dem Verdacht seiner besseren Hälfte, die befürchtet hatte, der seit dem Tod ihres Mannes alleinstehenden Nachbarin könnte etwas zugestoßen sein. An so eine entsetzliche Tat hatte allerdings niemand gedacht. Wie oft las oder hörte man, dass Leute nach Haushaltsunfällen hilflos in ihrer Wohnung lagen und erst nach Tagen gefunden wurden – so in etwa hatte die Vorstellung Gertis ausgesehen. An einen entsetzlichen Mord, nein, mit so was rechnete doch keiner. Noch nie hatte es in dieser eher langweiligen und biederen Gegend ein solch abscheuliches Verbrechen gegeben. Jeder einzelne war geschockt, Angst kroch in die Eingeweide der Nachbarn. Die Furcht, es könnte wieder geschehen, stand in ihre betretenen Gesichter geschrieben. Wer würde dann das nächste Opfer sein?
Dieses Verbrechen war für die biedere Landpolizei einige Nummern zu groß, die Mordkommission übernahm den Fall. Sie schickten ihren besten Mann: Paul Ulrich Krasser, schlicht und ergreifend von sämtlichen Kollegen „Puck“ genannt.
Dieser war erst vor kurzem Papa geworden, glücklicher Vater eines kleinen Prinzen, dementsprechend kurz waren seine Nächte. So sehr er den kleinen „Puck“ auch liebte, war er an manchen Tagen heilfroh, in sein Büro flüchten zu können. Der Winzling hielt seine Eltern gehörig auf Trab, trotzdem wollten Puck und Ulla, seine Frau, keine Sekunde mehr auf den kleinen Schreihals verzichten. Der neue Erdenbürger war mit einer überaus kräftigen Stimme ausgestattet, dennoch waren die beiden mit Sicherheit die stolzesten Eltern der Welt. Ein Enthusiasmus, den sie wahrscheinlich mit Tausenden von Neueltern teilten.
***
An diesem Tag war der Chef schon vor Morgengrauen im Präsidium, als hätte er geahnt, dass es einen bizarren Mord aufzuklären galt. Puck war nach dem letzten spektakulären Fall von Gmeiner, seines Zeichens Polizeipräsident und Pucks direkter Vorgesetzter, zum Revierleiter befördert worden. Ganz ohne Bedingungen ging die Beförderung allerdings nicht über die Bühne. Für einen Bürosessel war er nicht geschaffen, also kein Innendienst. Puck verstand es meisterhaft, den ganzen lästigen Bürokrempel auf seine Mitarbeiter abzuwälzen, allen voran auf Sandra, den Neuzugang vom Betrugsdezernat, die sich als echter Computerfreak wunderbar in die Abteilung einfügt hatte. Die neue Kollegin war eine immense Bereicherung für das Morddezernat. Sie kam am besten mit dem Papierkram klar, was alle zu schätzen wussten. Sie hatte einen engagierten Fürsprecher im Oberstaatsanwalt, letztendlich war es dessen Verdienst, dass sie zur Mordkommission versetzt worden war. Von diesem war man solch lobende Worte in der Regel nicht gewöhnt, es passte nicht zu ihm, war er sich doch üblicherweise selbst der nächste.
Wie gut, dass er verheiratet war, dachte Puck. Man könnte sonst glatt auf seltsame Gedanken kommen … Wahrscheinlich war der Mann aber viel zu klug, um derartige Spekulationen entstehen zu lassen. Die Ehe schien intakt zu sein, seine Frau engagierte sich sehr intensiv für verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen. Er hingegen hielt lieber Abstand zu solchen Aktivitäten, was allgemein bekannt war, sehr zum Missfallen seines stinkreichen Schwiegervaters, einem erfolgreichen Geschäftsmann.
In der kurzen Zeit, die Sandra jetzt auf dem Revier war, schafften es sämtliche männlichen Kollegen, einschließlich Falko und Fleck, sich zum Deppen zu machen. Doch jeder Versuch, bei der hübschen Blondine zu landen, ging in die Hose. Fleck hatte sehr schnell das Interesse an der kühlen Kollegin verloren, war er doch in seiner Beziehung mit Marlies Berger sehr happy. War Sandra überhaupt eine echte Blondine? Ihre dunklen Augen widersprachen dieser Theorie.
Es war nur Flecks Machodenken, das ihn ausprobieren ließ, wie leicht sie möglicherweise rumzukriegen wäre. Dabei stellte er zu seiner eigenen Überraschung fest, dass er nicht wirklich an ihr interessiert ist. Sie war zu allen gleichermaßen freundlich, lachte die derben Sprüche weg und blieb unnahbar. Doch wie hieß es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Also Männer: am Ball bleiben.
Puck hingegen amüsierte sich köstlich über die plumpen Annäherungsversuche seiner werten Mitarbeiter. Er war der Einzige, der mitbekam, dass Falko in Sandras Gegenwart immer einsilbiger wurde. Er bemerkte die verliebten Blicke, die dieser der jungen Frau hinterherwarf, wenn er sich unbeobachtet fühlte. „Sieh mal einer an, unser Kleiner wird doch nicht flügge werden.“ Puck murmelte die Worte leise vor sich hin, doch anscheinend nicht leise genug, denn Fleck, der ihm gegenübersaß, zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Habe ich etwas verpasst, läuft da was?“
Puck schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung was du meinst“, mit diesen Worten war das Thema für ihn vom Tisch.
Er schielte verstohlen zur großen Wanduhr, die oberhalb des Ablageregals hing und mit lautem Schlag die volle Stunde anzeigte. Sein Aufbruch heute früh war eher eine überstürzte Flucht vor dem Gebrüll des kleinen Pucks gewesen. Ulla schickte ihn genervt zur Arbeit. Doch ihr Lachen machte ihn fröhlich, und die bittere, traurige Zeit lag weit hinter ihnen, hatte keinerlei Bedeutung mehr. Die Tage waren hell und freundlich, nichts trübte ihr Glück mit dem kleinen Puck. Es stimmte ja auch, Ulla kam mit dem Racker viel besser klar als er. Manchmal fühlte er sich alt und ausgelaugt, doch er hütete sich, diese Gefühle in ihrer Gegenwart aufkommen zu lassen. Lieber flüchtete er in seine Arbeit, da hatten diese frustrierenden Gedanken keine Chance, da war er in seinem Element.
...

