Wer weiß, wie lang für immer ist?
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 160
ISBN: 978-3-99185-013-7
Erscheinungsdatum: 27.11.2025
Ein Sommer. Ein Tabu. Ein Kuss, der alles verändert. Reanne will nur Sonne, Freiheit und vielleicht ein bisschen Liebe – aber leider nicht von ihm. Oder doch? Ein bittersüßes Teeniedrama über Chaos im Herzen und den Moment, der alles kippen lässt.
Kapitel 1
Es war ein Flug mit den Wolken, warm, wattig, bunte Farben, helle Lichter, schön, unendlich schön, mit der Hoffnung, nie solle sich etwas ändern. Bis plötzlich ein großes, schweres Kissen Re aus ihren Träumen holte und eine tiefe männliche Stimme laut und fordernd ins Zimmer schrie:
„Steh auf und mach dich fertig, in 30 Minuten müssen wir dort sein!“ Es war Ben, Res älterer Bruder. Er war 18 und konnte mitunter echt anstrengend sein. Sie liebte ihn aber trotzdem sehr.
„Was willst du und wo soll ich sein? Es sind Ferien und soweit ich weiß, habe ich heute keine Termine oder Verabredungen und schon gar nicht mit dir. Außerdem“, sie schaute auf ihren Wecker, „ist es erst acht Uhr!“ Ben grinste sie an und zog die Vorhänge zur Seite:
„Ja, das ist es, und um 9:00 Uhr spielen wir am Sandplatz beim See Volleyball!“
„Dann spiel doch! Wofür brauchst du mich dafür? Verzieh dich und lass mich schlafen!“
„Würde ich gern, aber es geht nicht. Die Jungs und ich, wir haben uns um 9:00 Uhr ein Match ausgemacht. Vier gegen vier. Aber Mac hat sich beim Skaten das Knie verletzt und fällt aus. Also brauchen wir dich als vierten Mann. Sam hat keine Zeit.“ Er grinste und sah sie mit seinen großen blauen Augen an. „Bitte, Re, lass uns jetzt nicht hängen.“
„Na gut, aber nur dieses eine Mal!“ Immer wenn er sie so flehend anblickte, war es von vornherein klar, dass sie ihm nichts abschlagen würde. Das wusste er und nützte es schamlos aus. Sie stand auf und ging ins Badezimmer, um sich fertigzumachen. Pünktlich um 9:00 Uhr trafen beide am Platz ein.
Nic und Jeff waren bereits dabei, sich einzuschlagen. Eigentlich hießen sie Nicolas und Jeffrey, aber Nic und Jeff war kürzer und somit praktischer. Als Ben und Re auftauchten, klatschten sie ab, begrüßten sich und begannen wild durcheinanderzureden und ihre Späße zu machen. Re gehörte erst seit ein, zwei Jahren richtig dazu. Zumindest so, dass man sich auch mit ihr unterhielt, sogar wenn Ben nicht dabei war. Früher war sie immer nur die „kleine Schwester“ von Ben. Das lästige Anhängsel. Aber warum auch immer, es hatte sich geändert – und das war gut so.
Auch Mac war da. Er saß mit einem dicken Verband am Knie an der Seite und klatschte mit Ben ab. „Danke, dass du so schnell einen Ersatz für mich gefunden hast!“
„Klar doch, kein Problem.“
„He, Re, vertritt mich gut!“
Re atmete tief durch. Sie verdrehte etwas die Augen und verzog die Mundwinkel kurz zu einem aufgesetzten, nicht ernst gemeinten Lächeln.
Das Spiel war hart und sehr knapp. Am Ende mussten sie sich nur um zwei Punkte geschlagen geben. Beim Abklatschen mit den Gegnern meinte einer mit einem echt süffisanten Grinsen: „Nicht schlecht für ein Mädchen.“ Blödmann, dachte Re. Es war in diesem Fall einfach das Quäntchen Glück mehr auf der Seite der anderen und hatte nichts mit Mädchen oder Jungen zu tun.
Mac kam auf sie zu. „Gutes Spiel!“
Sie klopfte sich den Sand von Armen, Beinen und Bauch. „Danke!“ Er sah großartig aus! Re fühlte sich seit geraumer Zeit mehr zu ihm hingezogen, als ihr lieb war. Er war ein super Typ und einer der besten Freunde von Ben. Trotzdem galt er wohl doch eher als einer der Typen, von denen man die Finger lassen sollte. Außerdem beachtete Mac sie nicht mehr oder weniger wie zuvor. Und wie schon erwähnt – er war Bens Freund.
Zu Hause verbrachte sie den Rest des Tages entspannt am Pool und versuchte, den schönen Traum vom Morgen wiederzuerlangen. Es gelang ihr leider nicht. Auch der Abend verstrich ohne größeres Highlight. Kurz bevor sie zu Bett ging, checkte sie noch einmal ihre Chats. Ihre Freundinnen Ella und Sue waren in Italien bei Ellas Tante und posteten Fotos von gutem Essen und gut aussehenden Italienern. Ihre Freundin Alison verbrachte ihre Ferien zum Teil bei ihrer Großmutter in Miami und jede noch so kleine Boutique bekam Platz auf einem Foto in ihrem Snapchat. Der letzte Snap, den sie öffnete, überraschte sie. Er war von Mac! Er schickte ihr ein Foto von seinem Gesicht mit einem zugegebenermaßen sehr süßen Grinsen und darunter stand.
: Danke! Du hast was gut bei mir, ich schulde dir was.
Sie kannte Mac schon ewig. Ben und er waren schon zusammen in die Elementary School gegangen und Mac war so manchen Nachmittag bei ihnen zu Hause gewesen. Er war schon damals in ihren Augen einer von Bens „nicht ganz so blöden“ Freunden gewesen. Aber wie gesagt, bis vor Kurzem war es das auch schon:
: Passt schon, kein Thema! schrieb sie zurück und wollte gerade das Licht ausdrehen, als prompt eine Antwort einging:
: Nein, wirklich, ich bestehe darauf! Fürs Erste würde ich dich
als kleines Dankeschön gern auf ein Getränk einladen. Natürlich
nur, wenn dir das recht ist.
So großartig war ihre Hilfsbereitschaft nun auch wieder nicht gewesen, dass er ihr gleich etwas schuldete und auch noch eine Einladung zu einem Getränk für angemessen hielt. Aber bitte, wenn er das gerne wollte.
: Ok, wann und wo?
: Wie wäre es mit übermorgen um 15:00 Uhr im Einkaufscenter?
: Gut, das passt für mich, bis dann.
***
Sie war wie immer etwas zu spät. Aber als sie auf das Center zuging, sah sie schon von Weitem, dass da einer stand und wartete. Es war Mac. Sie ging auf ihn zu und begrüßte ihn kurz und knapp mit einem freundlichen „Hallo“ und einem Handschlag. Zumindest war das so geplant – wie immer eben – aber diese Begrüßung war nicht wie immer. Mac umarmte sie kurz und begrüßte sie mit Küsschen links und rechts auf die Wange. Sein Körper fühlte sich gut an. Irgendwie größer, fester und breiter als gedacht. Bei diesem Gedanken musste sie etwas schmunzeln. Mac sah sie fragend an. „Ist was?“
„Nein.“ Sie winkte ab und ging vor ihm ins Center.
Im Café auf der Terrasse suchten sie sich ein schattiges Plätzchen und bestellten etwas zu trinken. Mac trank eine Cola und Re orderte einen Eiskaffee. Sie trank eigentlich so gut wie nie Kaffee, aber wenn man schon mal in ein Café eingeladen wurde, dann erschien ihr der Eiskaffee als ein passendes Getränk.
Sie erzählten, lachten, stupsten sich an den Schultern, ihre Hände berührten sich immer wieder rein zufällig und freundschaftlich und so kam es ihr vor, als würde die Zeit verfliegen. Gerade noch herumalbernd wurden sie vehement von einer Stimme unterbrochen:
„Habt ihr noch einen Wunsch?“
Eine etwas ältere Dame hatte die kleine, quirlige Kellnerin mit den wirr herumwirbelnden Haaren, welche sie zuvor bedient hatte, abgetauscht. Re war bei der Kleinen das Gefühl nicht losgeworden, dass sie etwas zu viel Interesse an Mac gezeigt hatte, als es für eine Servicekraft nötig war. Die Kleine von vorhin hatte ihren Kopf immer wieder verführerisch geschüttelt und sich danach einzelne Haarsträhnen aus dem Gesicht gewischt. Sie lachte überschwänglich über alles, was Mac sagte und blieb beim Aufnehmen und Servieren der Getränke so lange neben ihnen stehen, dass Re ihr schon beinahe einen Platz anbieten wollte.
Die ältere Dame, die viel zu streng und verschlossen gekleidet war für 35° im Schatten, wiederholte ihre Frage mit einem etwas lauteren Ton:
„Habt ihr noch einen Wunsch?“
Re sah Mac an, richtete sich gerade in ihrem Stuhl auf und wiederholte die Frage ebenfalls an Mac gerichtet, etwas überspitzt höflich:
„Haben wir noch einen Wunsch?“ Mac lächelte sie an, blickte auf die Uhr und sagte dann schnell und leicht hektisch:
„Die Rechnung bitte, ein anderes Mal gerne, Re. Sehr gerne sogar, aber ich muss heute noch etwas erledigen.“
Wie von einem Schlag aus diesem so schönen Nachmittag geprügelt, sah Re, wie Mac bezahlte und aufstand. Danach verließen beide wortlos das Café. Mac verabschiedete sich schnell von ihr. Er zog sie wieder an sich und küsste sie wieder links und rechts auf die Wange. Dieses Mal kam es nicht so überraschend für sie. Insgeheim hatte sie es sogar gehofft und es fühlte sich wieder so verdammt gut an.
„Wir hören uns“, sagte er kurz und bündig, dann ging er.
Als Re nach Hause kam, waren Ben, Nic und Jeff im Pool und spielten Volleyball.
„Komm rein und hilf mir“, rief Nic, der allein gegen die anderen zwei spielte, ihr zu. Vor zwei Jahren noch, als sie 14 war, wäre sie tausend Tode dafür gestorben, wenn sie von ihm, „Nic“, diese Aufforderung erhalten hätte. Er war ihre große Liebe im Kindesalter gewesen. Jede Berührung beim Begrüßen und Verabschieden war mehr wert als alles andere gewesen. Aber das war lange her oder vielmehr wurde es ganz anders, als sie letztes Jahr zufällig gemeinsam einen Zusatzkurs in Kunst an der Schule belegten. Re war sehr talentiert in allem, was mit bildnerischer Kunst zu tun hatte, und Nic war ein großes Talent im Bereich der Fotografie. Sie halfen sich gegenseitig aus Mangel an anderen verfügbaren Personen, die sie kannten. So entwickelte sich langsam aus einer anfänglich reinen Win-win-Situation eine echte Freundschaft ohne das kindliche Liebesgedöns.
Re war eigentlich etwas verwirrt wegen des abrupten und schon fast überhasteten Endes des Treffens mit Mac, somit kam ihr die Aufforderung zum Spiel sehr gelegen. Sie zog sich um und sprang ins Wasser.
Stunden später saßen sie alle gemeinsam um die Feuerschale und wärmten sich. Ihre Mutter hatte Pizzaschnecken vorbereitet und Kuchen gebacken. Re fragte sich, wer um alles in der Welt diesen Haufen an Pizzateilchen verdrücken sollte und wer dann noch Platz für Kuchen haben könnte. Sie wurde jedoch jäh aus ihren Gedanken gerissen, als Sam das Gartentor öffnete und hereinkam.
„Hey Partypeople, was geht ab?“
Sam, also Samuel, war ebenfalls ein langjähriger Freund von Ben. Er war sehr nett, charmant, nicht ganz so laut wie die anderen und einfach zum Liebhaben. Re und er verstanden sich schon von der ersten Sekunde an gut. Nicht erst seit ein, zwei Jahren. Ihn drückte und herzte sie fast gleich wie Ben, somit war die „Familie“ bis auf Mac eigentlich komplett. Alle bis auf einer waren da. Ben und die Jungs und seit Kurzem auch Re als gleichwertig dazugehörig, so war es immer.
Nach nicht einmal einer Stunde war alles aufgegessen und ihre Mutter versuchte, den noch immer vorhandenen Hunger der Jungs mit belegten Broten, Chips und Keksen zu stillen. Bevor sie ins Bett gingen, bedankten sich alle mit einer Umarmung und dem Satz „Danke! Super wie immer, Ms. B“ und verschwanden in Bens Zimmer. Bei Re verabschiedeten sie sich mit einem „High Five“, nur Sam und Ben umarmten sie, und das passte genauso, wie es war. Es war schön zu wissen, dass die ganze Bande zur Not auf sie achtgeben würde. Wo und wann auch immer.
Im Zimmer der Burschen ging es noch wild zu. Sie sangen, lachten und redeten über Gott und die Welt. Re lag in ihrem Bett und wollte eigentlich nur noch schlafen. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Erst das eigenartig schöne Treffen mit Mac, der komische Abschied, dann alle anderen – sie war müde, zufrieden, leicht verwirrt, aber sehr glücklich.
Als sie am nächsten Tag aufwachte, kontrollierte sie ihr Snapchat. Mist, einen hatte sie gestern wohl übersehen, er war von Mac. Zu später Stunde hatte er noch geschrieben:
: Danke für den schönen Nachmittag!
Ok, warum, wenn er doch so schön war, brach er ihn so abrupt ab? In der nächsten Nachricht schrieb er weiter:
: Ich würde dich gerne wiedersehen. Wie wäre es mit einem Film?
Bitte, was sollte das denn nun? Natürlich freute sie sich darüber, aber gestern glich die Verabschiedung nach einem genialen Nachmittag eher einer Flucht und jetzt das.
: Ok, an welchen Kinofilm hast du gedacht?
: Kino ist mit meinem Knie derzeit etwas schwierig.
: Was dann?
Natürlich hatte er recht, und eigentlich war es etwas dumm von ihr, ihn nach Kino zu fragen, wo er doch gestern im Café auch seinen Fuß auf einen zweiten Stuhl hochgelagert hatte, um der Schwellung entgegenzuwirken.
: Wie wäre es bei mir?
Ok, bei ihm. Er lebt mit seinen Eltern in einem Haus. Sie musste ihre Eltern erst fragen, und Ben …? Das waren alles Überlegungen, die man nicht außer Acht lassen konnte.
: Ich muss das erst abklären.
: Gut, sag mir Bescheid.
„Mum, was wäre denn theoretisch, wenn ich sagen wir mal, zum Beispiel, vielleicht und vermutlich nur so oder ach, keine Ahnung, also …“.
„Re, hör auf zu labern und sag, was du willst.“
„Also, ich wurde von einem Jungen zu einem Film eingeladen.“
„Warum fragst du mich, ob du ins Kino gehen darfst? Du bist alt genug oder soll ich dich hinfahren?“
„Nein Mum, nicht ins Kino, bei ihm zu Hause.“
„Wie alt ist er, was macht er und kenn ich ihn?“
„Er ist 18, geht in die Schule und ja, du kennst ihn. Es ist Mac.“
„Oh Schätzchen, sicher darfst du. Mac ist ein lieber Kerl! Läuft da etwas zwischen euch? Und wenn ja, weiß Ben davon?“
„Nein, Mum, es läuft nichts zwischen uns. Ben weiß nichts davon, weil es nichts zu wissen gibt, und ich wäre dir sehr dankbar, wenn das so bleiben könnte.“
„Sicher kann das so bleiben, aber warum lädt er dich zu sich nach Hause ein? Wenn da, so wie du sagst, nichts ist?“
„Keine Ahnung, aber danke, dass du mich gehen lässt.“
„Aber sicher, nur Mac hin oder her, du bist erst knapp 16 und somit gelten die Hausregeln. Wie immer, du bist um 23:00 Uhr zu Hause, egal an welchem Tag.“
„Sicher, Mum, ich weiß das.“
Immer wieder wurde das Treffen verschoben. Seine Großeltern oder die Schwester, die zu Besuch kamen, eingeschobener Physiotherapie-Termin, Aushelfen bei seinem Vater in der Werkstatt – irgendwas kam immer kurzfristig dazwischen. Gerade als Re schon gar nicht mehr darüber nachdachte, kam eine Nachricht.
: Wie wäre es Samstag um 18:00 Uhr bei mir, hast du Zeit, würde das für dich passen?
So einfach nicht, mein Freundchen, dachte sie und schrieb, obwohl sie genau wusste, dass sie Zeit hatte, entschlossen zurück.
: Keine Ahnung, muss erst schauen, aber eventuell geht es.
: Würde mich sehr freuen, nachdem wir die Sache schon so oft wegen mir verschieben mussten.
Sie wartete drei Tage ab, ob nicht doch wieder eine Absage kommen würde, dann schrieb sie.
: Bei mir ginge es am Samstag, aber wäre es auch für deine Eltern in Ordnung?
: Ich bin 18, meine Eltern frage ich nur noch bei größeren Partys, ob bzw. wie viele zu mir kommen können. Und das aus reiner Höflichkeit und nicht, weil ich muss. Aber wenn es dich beruhigt, sie hätten sicher nichts dagegen, sind aber gar nicht zu Hause. Sie sind auf der Geburtstagsparty meiner Tante, ich fahre nicht mit wegen meinem Knie und somit muss ich mir nicht wieder anhören, wie gesundheitsschädigend Sport zu treiben nicht ist und was für ein schönes Hobby die Aquaristik nicht wäre.
Re fiel ein Stein vom Herzen, sie kannte seine Eltern zwar, aber nicht besonders gut. Bei Mac zu Hause ging Ben wie selbstverständlich ein und aus, sie selbst aber nicht. So fixierten sie also ihren Filmabend für Samstag um 18:00 Uhr.
...
Es war ein Flug mit den Wolken, warm, wattig, bunte Farben, helle Lichter, schön, unendlich schön, mit der Hoffnung, nie solle sich etwas ändern. Bis plötzlich ein großes, schweres Kissen Re aus ihren Träumen holte und eine tiefe männliche Stimme laut und fordernd ins Zimmer schrie:
„Steh auf und mach dich fertig, in 30 Minuten müssen wir dort sein!“ Es war Ben, Res älterer Bruder. Er war 18 und konnte mitunter echt anstrengend sein. Sie liebte ihn aber trotzdem sehr.
„Was willst du und wo soll ich sein? Es sind Ferien und soweit ich weiß, habe ich heute keine Termine oder Verabredungen und schon gar nicht mit dir. Außerdem“, sie schaute auf ihren Wecker, „ist es erst acht Uhr!“ Ben grinste sie an und zog die Vorhänge zur Seite:
„Ja, das ist es, und um 9:00 Uhr spielen wir am Sandplatz beim See Volleyball!“
„Dann spiel doch! Wofür brauchst du mich dafür? Verzieh dich und lass mich schlafen!“
„Würde ich gern, aber es geht nicht. Die Jungs und ich, wir haben uns um 9:00 Uhr ein Match ausgemacht. Vier gegen vier. Aber Mac hat sich beim Skaten das Knie verletzt und fällt aus. Also brauchen wir dich als vierten Mann. Sam hat keine Zeit.“ Er grinste und sah sie mit seinen großen blauen Augen an. „Bitte, Re, lass uns jetzt nicht hängen.“
„Na gut, aber nur dieses eine Mal!“ Immer wenn er sie so flehend anblickte, war es von vornherein klar, dass sie ihm nichts abschlagen würde. Das wusste er und nützte es schamlos aus. Sie stand auf und ging ins Badezimmer, um sich fertigzumachen. Pünktlich um 9:00 Uhr trafen beide am Platz ein.
Nic und Jeff waren bereits dabei, sich einzuschlagen. Eigentlich hießen sie Nicolas und Jeffrey, aber Nic und Jeff war kürzer und somit praktischer. Als Ben und Re auftauchten, klatschten sie ab, begrüßten sich und begannen wild durcheinanderzureden und ihre Späße zu machen. Re gehörte erst seit ein, zwei Jahren richtig dazu. Zumindest so, dass man sich auch mit ihr unterhielt, sogar wenn Ben nicht dabei war. Früher war sie immer nur die „kleine Schwester“ von Ben. Das lästige Anhängsel. Aber warum auch immer, es hatte sich geändert – und das war gut so.
Auch Mac war da. Er saß mit einem dicken Verband am Knie an der Seite und klatschte mit Ben ab. „Danke, dass du so schnell einen Ersatz für mich gefunden hast!“
„Klar doch, kein Problem.“
„He, Re, vertritt mich gut!“
Re atmete tief durch. Sie verdrehte etwas die Augen und verzog die Mundwinkel kurz zu einem aufgesetzten, nicht ernst gemeinten Lächeln.
Das Spiel war hart und sehr knapp. Am Ende mussten sie sich nur um zwei Punkte geschlagen geben. Beim Abklatschen mit den Gegnern meinte einer mit einem echt süffisanten Grinsen: „Nicht schlecht für ein Mädchen.“ Blödmann, dachte Re. Es war in diesem Fall einfach das Quäntchen Glück mehr auf der Seite der anderen und hatte nichts mit Mädchen oder Jungen zu tun.
Mac kam auf sie zu. „Gutes Spiel!“
Sie klopfte sich den Sand von Armen, Beinen und Bauch. „Danke!“ Er sah großartig aus! Re fühlte sich seit geraumer Zeit mehr zu ihm hingezogen, als ihr lieb war. Er war ein super Typ und einer der besten Freunde von Ben. Trotzdem galt er wohl doch eher als einer der Typen, von denen man die Finger lassen sollte. Außerdem beachtete Mac sie nicht mehr oder weniger wie zuvor. Und wie schon erwähnt – er war Bens Freund.
Zu Hause verbrachte sie den Rest des Tages entspannt am Pool und versuchte, den schönen Traum vom Morgen wiederzuerlangen. Es gelang ihr leider nicht. Auch der Abend verstrich ohne größeres Highlight. Kurz bevor sie zu Bett ging, checkte sie noch einmal ihre Chats. Ihre Freundinnen Ella und Sue waren in Italien bei Ellas Tante und posteten Fotos von gutem Essen und gut aussehenden Italienern. Ihre Freundin Alison verbrachte ihre Ferien zum Teil bei ihrer Großmutter in Miami und jede noch so kleine Boutique bekam Platz auf einem Foto in ihrem Snapchat. Der letzte Snap, den sie öffnete, überraschte sie. Er war von Mac! Er schickte ihr ein Foto von seinem Gesicht mit einem zugegebenermaßen sehr süßen Grinsen und darunter stand.
: Danke! Du hast was gut bei mir, ich schulde dir was.
Sie kannte Mac schon ewig. Ben und er waren schon zusammen in die Elementary School gegangen und Mac war so manchen Nachmittag bei ihnen zu Hause gewesen. Er war schon damals in ihren Augen einer von Bens „nicht ganz so blöden“ Freunden gewesen. Aber wie gesagt, bis vor Kurzem war es das auch schon:
: Passt schon, kein Thema! schrieb sie zurück und wollte gerade das Licht ausdrehen, als prompt eine Antwort einging:
: Nein, wirklich, ich bestehe darauf! Fürs Erste würde ich dich
als kleines Dankeschön gern auf ein Getränk einladen. Natürlich
nur, wenn dir das recht ist.
So großartig war ihre Hilfsbereitschaft nun auch wieder nicht gewesen, dass er ihr gleich etwas schuldete und auch noch eine Einladung zu einem Getränk für angemessen hielt. Aber bitte, wenn er das gerne wollte.
: Ok, wann und wo?
: Wie wäre es mit übermorgen um 15:00 Uhr im Einkaufscenter?
: Gut, das passt für mich, bis dann.
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Sie war wie immer etwas zu spät. Aber als sie auf das Center zuging, sah sie schon von Weitem, dass da einer stand und wartete. Es war Mac. Sie ging auf ihn zu und begrüßte ihn kurz und knapp mit einem freundlichen „Hallo“ und einem Handschlag. Zumindest war das so geplant – wie immer eben – aber diese Begrüßung war nicht wie immer. Mac umarmte sie kurz und begrüßte sie mit Küsschen links und rechts auf die Wange. Sein Körper fühlte sich gut an. Irgendwie größer, fester und breiter als gedacht. Bei diesem Gedanken musste sie etwas schmunzeln. Mac sah sie fragend an. „Ist was?“
„Nein.“ Sie winkte ab und ging vor ihm ins Center.
Im Café auf der Terrasse suchten sie sich ein schattiges Plätzchen und bestellten etwas zu trinken. Mac trank eine Cola und Re orderte einen Eiskaffee. Sie trank eigentlich so gut wie nie Kaffee, aber wenn man schon mal in ein Café eingeladen wurde, dann erschien ihr der Eiskaffee als ein passendes Getränk.
Sie erzählten, lachten, stupsten sich an den Schultern, ihre Hände berührten sich immer wieder rein zufällig und freundschaftlich und so kam es ihr vor, als würde die Zeit verfliegen. Gerade noch herumalbernd wurden sie vehement von einer Stimme unterbrochen:
„Habt ihr noch einen Wunsch?“
Eine etwas ältere Dame hatte die kleine, quirlige Kellnerin mit den wirr herumwirbelnden Haaren, welche sie zuvor bedient hatte, abgetauscht. Re war bei der Kleinen das Gefühl nicht losgeworden, dass sie etwas zu viel Interesse an Mac gezeigt hatte, als es für eine Servicekraft nötig war. Die Kleine von vorhin hatte ihren Kopf immer wieder verführerisch geschüttelt und sich danach einzelne Haarsträhnen aus dem Gesicht gewischt. Sie lachte überschwänglich über alles, was Mac sagte und blieb beim Aufnehmen und Servieren der Getränke so lange neben ihnen stehen, dass Re ihr schon beinahe einen Platz anbieten wollte.
Die ältere Dame, die viel zu streng und verschlossen gekleidet war für 35° im Schatten, wiederholte ihre Frage mit einem etwas lauteren Ton:
„Habt ihr noch einen Wunsch?“
Re sah Mac an, richtete sich gerade in ihrem Stuhl auf und wiederholte die Frage ebenfalls an Mac gerichtet, etwas überspitzt höflich:
„Haben wir noch einen Wunsch?“ Mac lächelte sie an, blickte auf die Uhr und sagte dann schnell und leicht hektisch:
„Die Rechnung bitte, ein anderes Mal gerne, Re. Sehr gerne sogar, aber ich muss heute noch etwas erledigen.“
Wie von einem Schlag aus diesem so schönen Nachmittag geprügelt, sah Re, wie Mac bezahlte und aufstand. Danach verließen beide wortlos das Café. Mac verabschiedete sich schnell von ihr. Er zog sie wieder an sich und küsste sie wieder links und rechts auf die Wange. Dieses Mal kam es nicht so überraschend für sie. Insgeheim hatte sie es sogar gehofft und es fühlte sich wieder so verdammt gut an.
„Wir hören uns“, sagte er kurz und bündig, dann ging er.
Als Re nach Hause kam, waren Ben, Nic und Jeff im Pool und spielten Volleyball.
„Komm rein und hilf mir“, rief Nic, der allein gegen die anderen zwei spielte, ihr zu. Vor zwei Jahren noch, als sie 14 war, wäre sie tausend Tode dafür gestorben, wenn sie von ihm, „Nic“, diese Aufforderung erhalten hätte. Er war ihre große Liebe im Kindesalter gewesen. Jede Berührung beim Begrüßen und Verabschieden war mehr wert als alles andere gewesen. Aber das war lange her oder vielmehr wurde es ganz anders, als sie letztes Jahr zufällig gemeinsam einen Zusatzkurs in Kunst an der Schule belegten. Re war sehr talentiert in allem, was mit bildnerischer Kunst zu tun hatte, und Nic war ein großes Talent im Bereich der Fotografie. Sie halfen sich gegenseitig aus Mangel an anderen verfügbaren Personen, die sie kannten. So entwickelte sich langsam aus einer anfänglich reinen Win-win-Situation eine echte Freundschaft ohne das kindliche Liebesgedöns.
Re war eigentlich etwas verwirrt wegen des abrupten und schon fast überhasteten Endes des Treffens mit Mac, somit kam ihr die Aufforderung zum Spiel sehr gelegen. Sie zog sich um und sprang ins Wasser.
Stunden später saßen sie alle gemeinsam um die Feuerschale und wärmten sich. Ihre Mutter hatte Pizzaschnecken vorbereitet und Kuchen gebacken. Re fragte sich, wer um alles in der Welt diesen Haufen an Pizzateilchen verdrücken sollte und wer dann noch Platz für Kuchen haben könnte. Sie wurde jedoch jäh aus ihren Gedanken gerissen, als Sam das Gartentor öffnete und hereinkam.
„Hey Partypeople, was geht ab?“
Sam, also Samuel, war ebenfalls ein langjähriger Freund von Ben. Er war sehr nett, charmant, nicht ganz so laut wie die anderen und einfach zum Liebhaben. Re und er verstanden sich schon von der ersten Sekunde an gut. Nicht erst seit ein, zwei Jahren. Ihn drückte und herzte sie fast gleich wie Ben, somit war die „Familie“ bis auf Mac eigentlich komplett. Alle bis auf einer waren da. Ben und die Jungs und seit Kurzem auch Re als gleichwertig dazugehörig, so war es immer.
Nach nicht einmal einer Stunde war alles aufgegessen und ihre Mutter versuchte, den noch immer vorhandenen Hunger der Jungs mit belegten Broten, Chips und Keksen zu stillen. Bevor sie ins Bett gingen, bedankten sich alle mit einer Umarmung und dem Satz „Danke! Super wie immer, Ms. B“ und verschwanden in Bens Zimmer. Bei Re verabschiedeten sie sich mit einem „High Five“, nur Sam und Ben umarmten sie, und das passte genauso, wie es war. Es war schön zu wissen, dass die ganze Bande zur Not auf sie achtgeben würde. Wo und wann auch immer.
Im Zimmer der Burschen ging es noch wild zu. Sie sangen, lachten und redeten über Gott und die Welt. Re lag in ihrem Bett und wollte eigentlich nur noch schlafen. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Erst das eigenartig schöne Treffen mit Mac, der komische Abschied, dann alle anderen – sie war müde, zufrieden, leicht verwirrt, aber sehr glücklich.
Als sie am nächsten Tag aufwachte, kontrollierte sie ihr Snapchat. Mist, einen hatte sie gestern wohl übersehen, er war von Mac. Zu später Stunde hatte er noch geschrieben:
: Danke für den schönen Nachmittag!
Ok, warum, wenn er doch so schön war, brach er ihn so abrupt ab? In der nächsten Nachricht schrieb er weiter:
: Ich würde dich gerne wiedersehen. Wie wäre es mit einem Film?
Bitte, was sollte das denn nun? Natürlich freute sie sich darüber, aber gestern glich die Verabschiedung nach einem genialen Nachmittag eher einer Flucht und jetzt das.
: Ok, an welchen Kinofilm hast du gedacht?
: Kino ist mit meinem Knie derzeit etwas schwierig.
: Was dann?
Natürlich hatte er recht, und eigentlich war es etwas dumm von ihr, ihn nach Kino zu fragen, wo er doch gestern im Café auch seinen Fuß auf einen zweiten Stuhl hochgelagert hatte, um der Schwellung entgegenzuwirken.
: Wie wäre es bei mir?
Ok, bei ihm. Er lebt mit seinen Eltern in einem Haus. Sie musste ihre Eltern erst fragen, und Ben …? Das waren alles Überlegungen, die man nicht außer Acht lassen konnte.
: Ich muss das erst abklären.
: Gut, sag mir Bescheid.
„Mum, was wäre denn theoretisch, wenn ich sagen wir mal, zum Beispiel, vielleicht und vermutlich nur so oder ach, keine Ahnung, also …“.
„Re, hör auf zu labern und sag, was du willst.“
„Also, ich wurde von einem Jungen zu einem Film eingeladen.“
„Warum fragst du mich, ob du ins Kino gehen darfst? Du bist alt genug oder soll ich dich hinfahren?“
„Nein Mum, nicht ins Kino, bei ihm zu Hause.“
„Wie alt ist er, was macht er und kenn ich ihn?“
„Er ist 18, geht in die Schule und ja, du kennst ihn. Es ist Mac.“
„Oh Schätzchen, sicher darfst du. Mac ist ein lieber Kerl! Läuft da etwas zwischen euch? Und wenn ja, weiß Ben davon?“
„Nein, Mum, es läuft nichts zwischen uns. Ben weiß nichts davon, weil es nichts zu wissen gibt, und ich wäre dir sehr dankbar, wenn das so bleiben könnte.“
„Sicher kann das so bleiben, aber warum lädt er dich zu sich nach Hause ein? Wenn da, so wie du sagst, nichts ist?“
„Keine Ahnung, aber danke, dass du mich gehen lässt.“
„Aber sicher, nur Mac hin oder her, du bist erst knapp 16 und somit gelten die Hausregeln. Wie immer, du bist um 23:00 Uhr zu Hause, egal an welchem Tag.“
„Sicher, Mum, ich weiß das.“
Immer wieder wurde das Treffen verschoben. Seine Großeltern oder die Schwester, die zu Besuch kamen, eingeschobener Physiotherapie-Termin, Aushelfen bei seinem Vater in der Werkstatt – irgendwas kam immer kurzfristig dazwischen. Gerade als Re schon gar nicht mehr darüber nachdachte, kam eine Nachricht.
: Wie wäre es Samstag um 18:00 Uhr bei mir, hast du Zeit, würde das für dich passen?
So einfach nicht, mein Freundchen, dachte sie und schrieb, obwohl sie genau wusste, dass sie Zeit hatte, entschlossen zurück.
: Keine Ahnung, muss erst schauen, aber eventuell geht es.
: Würde mich sehr freuen, nachdem wir die Sache schon so oft wegen mir verschieben mussten.
Sie wartete drei Tage ab, ob nicht doch wieder eine Absage kommen würde, dann schrieb sie.
: Bei mir ginge es am Samstag, aber wäre es auch für deine Eltern in Ordnung?
: Ich bin 18, meine Eltern frage ich nur noch bei größeren Partys, ob bzw. wie viele zu mir kommen können. Und das aus reiner Höflichkeit und nicht, weil ich muss. Aber wenn es dich beruhigt, sie hätten sicher nichts dagegen, sind aber gar nicht zu Hause. Sie sind auf der Geburtstagsparty meiner Tante, ich fahre nicht mit wegen meinem Knie und somit muss ich mir nicht wieder anhören, wie gesundheitsschädigend Sport zu treiben nicht ist und was für ein schönes Hobby die Aquaristik nicht wäre.
Re fiel ein Stein vom Herzen, sie kannte seine Eltern zwar, aber nicht besonders gut. Bei Mac zu Hause ging Ben wie selbstverständlich ein und aus, sie selbst aber nicht. So fixierten sie also ihren Filmabend für Samstag um 18:00 Uhr.
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