Warmland, Feuchtland, Bergland
Pietas
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 286
ISBN: 978-3-99146-439-6
Erscheinungsdatum: 27.06.2024
Die Begegnung mit Jasmin sollte Renatos weiteres Leben entscheidend verändern. Sie steht am Anfang vieler kleiner Episoden, mit denen der Autor Begebenheiten aus unterschiedlichen Gesichtspunkten schildert.
PROLOG: Kleinfeld in Bergland, Jahr 1
Renato Kast ließ die Haustür ins Schloss fallen und trat ins Dunkle. Es war kurz nach Mitternacht, und an dem Straßenabschnitt, wo er nun stand, wohnte kein Dorfpolitiker, weshalb die Gemeinde in dieser Gegend auf eine nächtliche Beleuchtung verzichtet hatte.
In Gedanken an Katja versunken, wäre er beinahe gestürzt, weil er die Bordsteinkante nicht erspürt hatte und dadurch ins Straucheln geraten war. Er hatte sich nicht eigentlich verletzt, war aber beim Auftreten im rechten Knöchel eingesackt, und das tat höllisch weh. „Verdammte Schweinerei!“, rief er in die vermeintliche Leere hinaus. Doch er war nicht als einziger im Dunkeln unterwegs.
„Na, Süßer, wie wärs mit uns beiden?“, flötete eine Stimme hinter ihm. Sie gehörte zu einer geschätzten Mittvierzigerin, blond oder mit blonder Perücke, prall um die Hüften und auch, was die Oberweite betraf. Das fehlte gerade noch, schoss es ihm durch den Kopf. Die Fähigkeit zu klaren Gedanken war schlagartig in seinen Schädel zurückgekehrt. „Nein danke, heute nicht. Es dauert noch zehn Tage bis zum Zahltag, und so reich, wie ich vielleicht aussehe, bin ich nun einmal nicht.“ „Schlappschwanz!“ zischte sie, und es ärgerte Renato, dass manche Leute über einen derart beschränkten Wortschatz verfügen.
Seine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, die Schmerzen im Fuß hatten nachgelassen und er bewegte sich sicheren Schrittes in die nächste Querstraße, stieg in seinen alten Volvo und fuhr nach Hause.
Nach Hause! Konnte man das, was er demnächst ansteuern würde, als ein „Zu-hause“ bezeichnen? Gehörte zu einem Zuhause nicht, dass man dort erwartet wird, wenn man auswärts gewesen ist? In seinem Schlafzimmer hingen dreckige Kleider über der Stuhllehne. Im Spülbecken waren zwei Pfannen und sein ganzes Besteck im abgestandenen Abwaschwasser verteilt, nebst Gläsern, und Tellern. Je sechs waren es, mehr hatte er nicht.
Wenn man die Wohnung mit jemandem teilen konnte, mit Katja beispielsweise, würde es bestimmt leichter fallen, mehr Ordnung zu halten. Überdies könnte man dann auch die Spaghetti mit jemandem teilen. Und den täglichen Abwasch.
Mit jemandem die Wohnung teilen! Noch vor einem Monat war das für ihn keine Option gewesen.
Während er zu seiner Wohnung fuhr, ließ er den vergangenen Abend vor seinem geistigen Auge noch einmal Revue passieren. Er war drei Stunden bei Katja gewesen, einer langjährigen guten Kollegin, die aus Paßland stammte. Sie hatten über Gott und die Welt philosophiert, dabei ziemlich viel Rotwein getrunken und ein paar Häppchen Apéro-Gebäck gegessen.
Renato fand Katja sehr sympathisch. Sie hatte die für die Paßländer typische offene und umgängliche Art. Trotzdem war der Funke der Verliebtheit bisher nicht so richtig auf ihn übergesprungen. Er ertappte sich dabei, wie er am Abwägen war, welche Gründe für und welche gegen eine Vertiefung dieser Freundschaft sprachen. Ein Punkt, der ihn manchmal umtrieb, war Katjas Hang zum Feminismus. Anderseits bewunderte er eigenständige Frauen und traute sich durchaus zu, eine solche Herausforderung anzunehmen.
Erneut mit den Gedanken bei Katja, hatte er nicht bemerkt, wie er mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war, bis ihn ein Blitzkasten jäh in die Realität zurückholte. „Verdammte Schwei …“, war er gerade am Fluchen, als ihm das Flöten der Blondine wieder einfiel und er instinktiv den Kopf nach hinten drehte, um zu kontrollieren, ob er nicht versehentlich noch einen blinden Passagier mitbeförderte. Wenigstens das blieb ihm in dieser Nacht erspart. „Die Polizei, dein Freund und Helfer? Pah, Ausbeuter und Absahner müsste es eigentlich heißen!“
Er durfte nicht vergessen, am nächsten Morgen Esther anzurufen, seine einzige Schwester, zu der er eine starke Bindung hatte, seit sie beide vor 10 Jahren die Eltern durch einen Verkehrsunfall verloren hatten. Normalerweise telefonierten sie jede Woche miteinander. Letztes Wochenende jedoch hatten sie sich verpasst, und bei Renato hatte sich einiges angesammelt, wozu er sich die Außensicht einer unabhängigen, ihm jedoch wohlgesinnten Person wünschte.
Renato hatte die 30 bereits überschritten. In letzter Zeit drehten sich seine Gedanken vermehrt um eine geregelte Partnerschaft. Manchmal traf er sich mit Freunden aus der Schulzeit oder dem Fußball-Club, die geheiratet hatten. Einige waren Väter geworden, wie Michael Inglin, mit dem er seit Jugend an viel Zeit verbracht hatte. Michaels Sohn Jonas war sein Patenkind geworden und Renato wurde sich bewusst, dass er seinen Patenpflichten nicht immer zuverlässig nachkam.
Er bewunderte Michael und seine Frau Ute, war berührt vom stillen Glück der beiden. Sie passten gut zusammen, hier der hochaufgeschossene schlaksige Kerl mit dem Pferdeschwanz, dort die kleingewachsene, leicht untersetzte und stets kurzgeschorene Brünette mit einem Gesicht voller Sommersprossen.
Bei Ute und Michael fühlte er sich zuhause. Hier konnte er seine Seele baumeln lassen, konnte einfach nur sein, ohne sich jemandem beweisen zu müssen. So ein kleines Glück wollte er sich auch aufbauen, das wurde ihm zunehmend bewusst. Mit Katja? Oder vielleicht eher mit Jasmin? Zweifel kamen hoch in ihm.
Morgen würde er sich mit Jasmin treffen.
In seiner Wohnung angekommen, warf er seine Kleider über die Stuhllehne, hockte sich, nur mit der Unterhose bekleidet, auf die Bettkante und stellte den Wecker. Dann kroch er unter die Decke und hoffte, dass ihm der morgige Tag Gewissheit geben möge, mit welcher Frau an seiner Seite ihm das kleine Glück wohl eher zuteilwerden könnte.
KAPITEL 1: Das kleine Glück
Die Entscheidung
Er wachte mit einem brummenden Schädel auf und schaute auf sein linkes Handgelenk, um die Uhrzeit zu kontrollieren. Dann fiel ihm ein, dass sich seine Uhr gerade in der Reparatur befand. Sie war ihm gestern auf der Toilette der Autobahn-Raststätte auf den Steinboden gefallen. Dabei war das Glas zersprungen und der Stundenzeiger herausgekullert. Renato hatte den Zeiger nicht mehr finden können. Höchst eigenartig!
Dem Gefühl nach musste es ungefähr Mittagszeit sein. Er fand den Wecker auf dem Boden, musste ihn wohl im Schlaf abgestellt haben. Glücklicherweise war der beim Sturz nicht kaputtgegangen.
Viertel nach eins! Er setzte sich auf die Bettkante und rieb sich die Augen.
Was hilft besser gegen einen Brummschädel: Bier oder Kaffee? Er entschied sich für Bier und hatte Glück, denn im Kühlschrank ließ sich genau noch eine letzte Dose der Marke Tuborg finden. Und wirklich: Alkohol muss man mit Alkohol bekämpfen. Die Lebensgeister meldeten sich zurück.
Renato musste neu planen. Joggen lag nicht mehr drin. Auch egal. Er hatte mit Joggen eh nur angefangen, weil Michael aufgefallen war, wie sich bei Renato eine kleine Wampe abzuzeichnen begann. Seither drehte er hin und wieder seine Runden, war aber jeweils nicht traurig, wenn ihm ein halbwegs plausibler Grund einfiel, dieses ungeliebte Herumgehopse ausfallen zu lassen.
Er stellte eine Einkaufsliste zusammen: zwei Kästen Bier, etwas Fleischwaren, Eier und Brot. Und dazu etwas Gemüse für den Fall, dass kulinarisch anspruchsvolle Gäste vorbeikommen würden. Danach wollte er zu Michael gehen und Jonas fragen, ob ihm der Sinn nach einer Partie Billard stehe.
Als Renato nach seinen Einkäufen bei Inglins auftauchte, waren diese ausgeflogen. „Ist mir auch recht“, dachte er. So hatte er ausreichend Zeit, sich auf das Treffen mit Jasmin vorzubereiten. Er schlenderte Richtung Waldrand und pflückte sich gemütlich ohne Zeitdruck an der Straßenböschung einen Strauß Wiesenblumen zusammen. Nach einer knappen halben Stunde war er mit dem Resultat zufrieden und lenkte seine Schritte in Richtung seiner Wohnung.
Er wollte noch ein wenig aufräumen und dann ein Vollbad nehmen.
Es war 19:30 Uhr, als er die Wohnung verließ. Renato hatte sich herausgeputzt. Er trug Markenjeans, ein weißes Hemd und seine Lieblingsweste.
Obwohl die Pizzeria nur sechs Straßenzüge weiter lag, am gegenüberliegenden Dorfrand, hatte Renato vor, mit dem Auto zu fahren. Er wollte nicht verschwitzt ankommen, nicht heute.
Schweigend stand er einen kurzen Moment da und sog die frische Luft zwischen den Zähnen ein. Inzwischen waren weitere drei Minuten verstrichen. Trotzdem würde er rechtzeitig dort sein, was bei ihm nicht selbstverständlich war.
Er lenkte den Volvo auf den Parkplatz hinter der Pizzeria und setzte sich auf die Holzbank vor dem Gebäude, denn es blieben noch fünf Minuten bis zum Zeitpunkt, auf den sie sich verabredet hatten.
Jasmin war die Unpünktlichkeit in Person. Er würde hier auf sie warten.
Als Jasmin auch nach einer Viertelstunde noch nicht aufgetaucht war, ergriff die Ungeduld von ihm Besitz und er begann, an seinem Blumenstrauß herumzuzupfen. Hatte sie ihn vergessen oder bewusst versetzt? Oder war sie einfach mal wieder sehr spät unterwegs. Er fand es ein bisschen ungehörig, dass sich jemand bei einem Date so verspätete und war leicht eingeschnappt, weil es ausgerechnet ihm passierte.
Da drang plötzlich Jasmins Stimme an sein Ohr: „Nanu, wieso sitzt du hier draußen? Ich habe drinnen seit einer halben Stunde auf dich gewartet.“ Renato fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gegossen, oder den Nachttopf. Konnte es in diesem Moment irgendwo auf der Welt einen größeren Depp geben als ihn? Wohl kaum. Er wurde puterrot.
„Entschuldige“, stammelte er, „ich bin davon ausgegangen, dass du noch nicht da bist.“
Jasmin strahlte übers ganze Gesicht, was ihrer ohnehin starken Ausstrahlung zusätzlichen Glanz verlieh, und flüsterte: „Einmal im Leben wollte ich nicht zu spät sein.“ Renato fühlte sich in seine Einzelteile zerlegt. Er brauchte einen langen Moment, um sich wieder ganz zu spüren. Dann entgegnete er: „Hast du überhaupt noch Lust, mit mir zu essen?“ Sie schaute ihm in die Augen, ziemlich tief. Dann wisperte sie: „Ja natürlich. Warum denn nicht?“ Renato war erleichtert und ein wenig verwirrt. Er stellte sich die groteske Situation mit der selbstverschuldeten Verspätung mit einigen seiner verflossenen Bekanntschaften vor und kam zur Überzeugung, dass jede von ihnen ihm eine gehörige Szene gemacht hätte.
Übermannt von einer Vielzahl widersprüchlicher Gefühle ließ er den Blumenstrauß auf der Holzbank liegen.
Es wurde ein entspannter Abend, an dem Renato viel über Jasmins bisheriges Leben erfuhr. Sie war in Warmland geboren, jenseits des Großen Teichs.
Von Warmland hatten die meisten Bergländer noch nie etwas gehört. Seine Landsleute waren in ihrer Mehrheit geschäftige Menschen, im Gefühlsleben etwas reserviert, aber korrekt. Was sich außerhalb der Landesgrenzen zutrug, interessierte sie nur am Rand. Renato dagegen war ein Weltenbürger und erstaunte Jasmin wiederholt mit Kenntnissen über ihr Heimatland.
Sie war im gleichen Jahr zur Welt gekommen wie Renato. Er hatte sie deutlich jünger eingeschätzt. Konnte es damit zu tun haben, dass sie so ein sonniges Gemüt hatte und oft lachte? Nannten ihre Freunde sie deshalb Goldie?
Unbeabsichtigt begannen Renatos Gedanken, Vergleiche über seine gegenwärtigen Bekanntschaften anzustellen. Beide Frauen verband ein unverwechselbarer persönlicher Charme. Von der Persönlichkeit her waren sie aber sehr verschieden.
Schon rein äußerlich war Jasmins Erscheinung mit ihrer dunklen Hautfarbe ganz anders als die von Katja. Fernab von der Geborgenheit der Großfamilie wirkte Jasmin manchmal etwas verloren, ja fast ein wenig hilflos. Nichtsdestotrotz empfand Renato sie als überaus liebenswert. Sie war ihm in den beiden Jahren, seit sie sich kannten, ans Herz gewachsen.
Renato wusste von Warmland, dass es über keine bedeutenden Bodenschätze verfügte und auch strategisch für keine Großmacht bedeutsam war. Als Standort für Investitionen übte dieser Staat deshalb auf die modernen Industrienationen wenig Anziehungskraft aus. Die meisten Bewohner von Warmland hatten ihr bescheidenes Auskommen. Wer es zu Reichtum und Ansehen bringen wollte, musste sein Glück im Ausland suchen. Deshalb ergoss sich ein ständiger Strom von Menschen aus Warmland weg, vor allem nach Feuchtland, wo mittlerweile beinahe so viele Warmländer wohnten wie im Mutterland selbst. Einige wenige zog es weiter, meist wegen einer Arbeitsstelle oder weil sie irgendwo in der weiten Welt einen Lebenspartner gefunden hatten.
Jasmin hatte im Dorf Kleinfeld eine Arbeitsstelle in einem Inkasso-Büro gefunden. Sie hatte ein gutes Verhältnis zu ihren Mitarbeitern. Doch machte ihr das Abgeschnittensein von ihren Wurzeln zeitweise stark zu schaffen. Nur wer sie gut kannte, entdeckte in ihren glänzenden Augen einen Anflug von Traurigkeit.
Als der Abend ziemlich fortgeschritten und die vierte Stange Bier gekippt war, sagte Jasmin unvermittelt zu Renato: „Weißt du, ihr wohnt hier in einem sehr schönen Land. Aber manchmal ist mir so kalt, innerlich, dass ich es kaum aushalte. Ich werde wahrscheinlich wieder nach Feuchtland zu meiner Familie ziehen.“
Er hatte eben noch das Wohlgefühl leichter Bierseligkeit genossen, als es ihn erschauderte. Hatte er richtig gehört? Er hatte den Hang zum Taktieren, in allen Bereichen des Lebens. Diese Eigenart hatte ihn schon um gute Stellenangebote gebracht, weil er jeweils zu lange unschlüssig gewesen war. Auch sein Liebesleben hätte bedeutend abwechslungsreicher ausfallen können, wenn er doch nur seine Chancen entschlossen gepackt hätte. Seinem Wesen gemäß wäre er unter normalen Umständen in etwa zwei Stunden zu seiner Wohnung gefahren und hätte abgewogen: was spricht für Katja, was für Jasmin? Aber die Zeiten waren ungewöhnlich, die Normalität in Rauch aufgegangen.
Renato stand von seinem Stuhl auf und umrundete zielstrebig den kleinen Tisch, an dem sie saßen. Wie ein mittelalterlicher Knappe beim Ritterschlag kniete er vor Jasmin nieder und fragte sie: „Willst du mich heiraten?“
Jasmin schaute ihn liebevoll an, die Mundwinkel zu einem Lächeln hochgezogen, und sagte: „Das kommt für mich jetzt ein bisschen überraschend. Du musst mir für eine solche Entscheidung ein wenig Zeit geben.“ „Wie lange?“, wollte er wissen. „Ich rufe dich dann an. Eine Nacht darüber schlafen, vielleicht zwei. Aber wenn ich die Entscheidung getroffen habe, werde ich dich nicht im Ungewissen lassen.“
Die folgende Nacht hatte die Besonderheit, dass zwei Menschen, die normalerweise leicht in Schlaf fallen, lange kein Auge zutun konnten.
Nägel mit Köpfen
Am übernächsten Morgen war Klarheit da. Jetzt war nichts mehr wie vorher. Jasmin hatte wirklich mit Ja geantwortet. Zwei Suchende hatten sich gefunden. Sie machten sich an die Planung einer gemeinsamen Zukunft. Renato gab seine Wohnung auf und zog bei Jasmin ein, weil deren Wohnung etwas größer und ihr Haushalt, naja, … etwas praktischer eingerichtet war.
Es war Ende April, und bereits in der ersten Juliwoche sollte die Hochzeitsfeier steigen, ein farbenfrohes Fest, wozu fürs Auge schon die Anwesenheit der dunkelhäutigen Gäste aus Warmland sorgen würde.
Es gab in dieser Zeit viel zu planen und zu bedenken. Weder Jasmin noch Renato hatten reichlich Geld auf der hohen Kante, doch beiden stand der Sinn nach einem unvergesslichen, abwechslungsreichen Festprogramm.
Eine feierliche Zeremonie in einer Kirche durfte ebenso wenig fehlen wie ein Busausflug in die hügelige Umgebung. Das Essen sollte eine Catering-Firma mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis übernehmen.
Für die Getränke wollte Renato selbst sorgen und für die Dekoration hatte Jasmin gute Freundinnen, die für besondere Anlässe die passenden Ideen haben und diese mit großem Geschick realisieren würden. Es sollte also auch ohne viel Geld ein unvergesslicher Tag werden können.
Der Lauf der Zeit war jetzt einem Fluss vergleichbar, der jeden Tag einen neuen Seitenarm aufnahm, mächtiger wurde und an Fahrt gewann, bis er sich am ersehnten Tag mit Macht ins Meer ergießen würde.
Renato hätte gerne auch Katja zum Fest eingeladen. Doch nachdem er ihr mitgeteilt hatte, er werde heiraten, war sie augenblicklich verstummt. Sie hatte sich abgewandt, mit Tränen in den Augen. Er hatte sie trösten wollen. Das hatte alles nur noch schlimmer gemacht.
Schließlich war sie heulend davongerannt, und er saß minutenlang allein in ihrer Wohnung. Endlich stahl er sich nach draußen.
Sie tat ihm schrecklich leid. Er war bei ihr immer auf offene Ohren gestoßen, wenn ihn etwas besonders beschäftigt hatte. Er hatte sie verletzt und enttäuscht. Würden sie jemals wieder Freunde sein können?
Renato blieb gar nicht die Zeit zum Grübeln. Die Entscheidung war gefallen, er hatte sie gefällt, und so vieles war zu erledigen.
Trotzdem blieb ein Wermutstropfen. Es hatte ihm an Taktgefühl gemangelt.
Zur Freude der Brautleute hatten es alle zwanzig Hochzeitsgäste, die von Feuchtland angereist waren, geschafft, rechtzeitig in der näheren Umgebung ein geeignetes Schlafquartier zu finden, sodass sie nach dem Fest noch ein paar Tage Zeit hatten, die Sehenswürdigkeiten Berglands zu bestaunen.
Jasmin und Renato hatten gemeinsam die Getränke besorgt und bei Freunden Torten, Cremes und Häppchen bestellt, was jetzt, am Vorabend des Festes, in den beiden großen Kühlschränken der alten Scheune eingelagert wurde. Mit Blumengebinden und Stoffgardinen war die geräumige Lokalität festlich geschmückt worden.
Hauptverantwortlich für die Dekoration war Denise, Jasmins beste Freundin. Deren Augen waren rot gerändert, denn sie hatte in den letzten beiden Wochen mehrere Nachtschichten eingelegt. Als Letztes in der Planung sollten morgen hellblaue und weiße Ballons mit Gas gefüllt werden, die teils freischwebend, teils an Stuhllehnen angebunden, der wuchtigen Scheune eine gewisse Leichtigkeit verleihen sollten.
Esther hatte mit geschicktem Verhandeln erreicht, dass zwei stattliche Reisebusse, mit Blumen verziert, zu einem Sondertarif für eine zweistündige Rundfahrt in die Berge zur Verfügung standen.
Das Fest
So versammelte sich an einem Julitag bei strahlendem Sonnenschein eine 90‑köpfige Hochzeitsgesellschaft in der schlichten Kirche des kleinen Dorfes Hügelingen, um die Eheschließung von Jasmin Dupont und Renato Kast mitzuerleben. Es tat der Stimmung keinen Abbruch, dass der Kirchturm seit zwei Tagen vollkommen eingerüstet war, da ausgerechnet jetzt die Naturholz-Schindeln des Dachs ersetzt werden mussten.
Jasmin hütete ein Geheimnis. Seit gestern wusste sie, dass sie schwanger war. Ein neuer kleiner Erdenbürger würde unbemerkt dem Fest beiwohnen. Sie würde es Renato als erstem verraten, aber erst nachdem er ihr in der Kirche sein Ja‑Wort gegeben haben würde. So lange wollte sie die Neuigkeit für sich behalten.
…
Renato Kast ließ die Haustür ins Schloss fallen und trat ins Dunkle. Es war kurz nach Mitternacht, und an dem Straßenabschnitt, wo er nun stand, wohnte kein Dorfpolitiker, weshalb die Gemeinde in dieser Gegend auf eine nächtliche Beleuchtung verzichtet hatte.
In Gedanken an Katja versunken, wäre er beinahe gestürzt, weil er die Bordsteinkante nicht erspürt hatte und dadurch ins Straucheln geraten war. Er hatte sich nicht eigentlich verletzt, war aber beim Auftreten im rechten Knöchel eingesackt, und das tat höllisch weh. „Verdammte Schweinerei!“, rief er in die vermeintliche Leere hinaus. Doch er war nicht als einziger im Dunkeln unterwegs.
„Na, Süßer, wie wärs mit uns beiden?“, flötete eine Stimme hinter ihm. Sie gehörte zu einer geschätzten Mittvierzigerin, blond oder mit blonder Perücke, prall um die Hüften und auch, was die Oberweite betraf. Das fehlte gerade noch, schoss es ihm durch den Kopf. Die Fähigkeit zu klaren Gedanken war schlagartig in seinen Schädel zurückgekehrt. „Nein danke, heute nicht. Es dauert noch zehn Tage bis zum Zahltag, und so reich, wie ich vielleicht aussehe, bin ich nun einmal nicht.“ „Schlappschwanz!“ zischte sie, und es ärgerte Renato, dass manche Leute über einen derart beschränkten Wortschatz verfügen.
Seine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, die Schmerzen im Fuß hatten nachgelassen und er bewegte sich sicheren Schrittes in die nächste Querstraße, stieg in seinen alten Volvo und fuhr nach Hause.
Nach Hause! Konnte man das, was er demnächst ansteuern würde, als ein „Zu-hause“ bezeichnen? Gehörte zu einem Zuhause nicht, dass man dort erwartet wird, wenn man auswärts gewesen ist? In seinem Schlafzimmer hingen dreckige Kleider über der Stuhllehne. Im Spülbecken waren zwei Pfannen und sein ganzes Besteck im abgestandenen Abwaschwasser verteilt, nebst Gläsern, und Tellern. Je sechs waren es, mehr hatte er nicht.
Wenn man die Wohnung mit jemandem teilen konnte, mit Katja beispielsweise, würde es bestimmt leichter fallen, mehr Ordnung zu halten. Überdies könnte man dann auch die Spaghetti mit jemandem teilen. Und den täglichen Abwasch.
Mit jemandem die Wohnung teilen! Noch vor einem Monat war das für ihn keine Option gewesen.
Während er zu seiner Wohnung fuhr, ließ er den vergangenen Abend vor seinem geistigen Auge noch einmal Revue passieren. Er war drei Stunden bei Katja gewesen, einer langjährigen guten Kollegin, die aus Paßland stammte. Sie hatten über Gott und die Welt philosophiert, dabei ziemlich viel Rotwein getrunken und ein paar Häppchen Apéro-Gebäck gegessen.
Renato fand Katja sehr sympathisch. Sie hatte die für die Paßländer typische offene und umgängliche Art. Trotzdem war der Funke der Verliebtheit bisher nicht so richtig auf ihn übergesprungen. Er ertappte sich dabei, wie er am Abwägen war, welche Gründe für und welche gegen eine Vertiefung dieser Freundschaft sprachen. Ein Punkt, der ihn manchmal umtrieb, war Katjas Hang zum Feminismus. Anderseits bewunderte er eigenständige Frauen und traute sich durchaus zu, eine solche Herausforderung anzunehmen.
Erneut mit den Gedanken bei Katja, hatte er nicht bemerkt, wie er mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war, bis ihn ein Blitzkasten jäh in die Realität zurückholte. „Verdammte Schwei …“, war er gerade am Fluchen, als ihm das Flöten der Blondine wieder einfiel und er instinktiv den Kopf nach hinten drehte, um zu kontrollieren, ob er nicht versehentlich noch einen blinden Passagier mitbeförderte. Wenigstens das blieb ihm in dieser Nacht erspart. „Die Polizei, dein Freund und Helfer? Pah, Ausbeuter und Absahner müsste es eigentlich heißen!“
Er durfte nicht vergessen, am nächsten Morgen Esther anzurufen, seine einzige Schwester, zu der er eine starke Bindung hatte, seit sie beide vor 10 Jahren die Eltern durch einen Verkehrsunfall verloren hatten. Normalerweise telefonierten sie jede Woche miteinander. Letztes Wochenende jedoch hatten sie sich verpasst, und bei Renato hatte sich einiges angesammelt, wozu er sich die Außensicht einer unabhängigen, ihm jedoch wohlgesinnten Person wünschte.
Renato hatte die 30 bereits überschritten. In letzter Zeit drehten sich seine Gedanken vermehrt um eine geregelte Partnerschaft. Manchmal traf er sich mit Freunden aus der Schulzeit oder dem Fußball-Club, die geheiratet hatten. Einige waren Väter geworden, wie Michael Inglin, mit dem er seit Jugend an viel Zeit verbracht hatte. Michaels Sohn Jonas war sein Patenkind geworden und Renato wurde sich bewusst, dass er seinen Patenpflichten nicht immer zuverlässig nachkam.
Er bewunderte Michael und seine Frau Ute, war berührt vom stillen Glück der beiden. Sie passten gut zusammen, hier der hochaufgeschossene schlaksige Kerl mit dem Pferdeschwanz, dort die kleingewachsene, leicht untersetzte und stets kurzgeschorene Brünette mit einem Gesicht voller Sommersprossen.
Bei Ute und Michael fühlte er sich zuhause. Hier konnte er seine Seele baumeln lassen, konnte einfach nur sein, ohne sich jemandem beweisen zu müssen. So ein kleines Glück wollte er sich auch aufbauen, das wurde ihm zunehmend bewusst. Mit Katja? Oder vielleicht eher mit Jasmin? Zweifel kamen hoch in ihm.
Morgen würde er sich mit Jasmin treffen.
In seiner Wohnung angekommen, warf er seine Kleider über die Stuhllehne, hockte sich, nur mit der Unterhose bekleidet, auf die Bettkante und stellte den Wecker. Dann kroch er unter die Decke und hoffte, dass ihm der morgige Tag Gewissheit geben möge, mit welcher Frau an seiner Seite ihm das kleine Glück wohl eher zuteilwerden könnte.
KAPITEL 1: Das kleine Glück
Die Entscheidung
Er wachte mit einem brummenden Schädel auf und schaute auf sein linkes Handgelenk, um die Uhrzeit zu kontrollieren. Dann fiel ihm ein, dass sich seine Uhr gerade in der Reparatur befand. Sie war ihm gestern auf der Toilette der Autobahn-Raststätte auf den Steinboden gefallen. Dabei war das Glas zersprungen und der Stundenzeiger herausgekullert. Renato hatte den Zeiger nicht mehr finden können. Höchst eigenartig!
Dem Gefühl nach musste es ungefähr Mittagszeit sein. Er fand den Wecker auf dem Boden, musste ihn wohl im Schlaf abgestellt haben. Glücklicherweise war der beim Sturz nicht kaputtgegangen.
Viertel nach eins! Er setzte sich auf die Bettkante und rieb sich die Augen.
Was hilft besser gegen einen Brummschädel: Bier oder Kaffee? Er entschied sich für Bier und hatte Glück, denn im Kühlschrank ließ sich genau noch eine letzte Dose der Marke Tuborg finden. Und wirklich: Alkohol muss man mit Alkohol bekämpfen. Die Lebensgeister meldeten sich zurück.
Renato musste neu planen. Joggen lag nicht mehr drin. Auch egal. Er hatte mit Joggen eh nur angefangen, weil Michael aufgefallen war, wie sich bei Renato eine kleine Wampe abzuzeichnen begann. Seither drehte er hin und wieder seine Runden, war aber jeweils nicht traurig, wenn ihm ein halbwegs plausibler Grund einfiel, dieses ungeliebte Herumgehopse ausfallen zu lassen.
Er stellte eine Einkaufsliste zusammen: zwei Kästen Bier, etwas Fleischwaren, Eier und Brot. Und dazu etwas Gemüse für den Fall, dass kulinarisch anspruchsvolle Gäste vorbeikommen würden. Danach wollte er zu Michael gehen und Jonas fragen, ob ihm der Sinn nach einer Partie Billard stehe.
Als Renato nach seinen Einkäufen bei Inglins auftauchte, waren diese ausgeflogen. „Ist mir auch recht“, dachte er. So hatte er ausreichend Zeit, sich auf das Treffen mit Jasmin vorzubereiten. Er schlenderte Richtung Waldrand und pflückte sich gemütlich ohne Zeitdruck an der Straßenböschung einen Strauß Wiesenblumen zusammen. Nach einer knappen halben Stunde war er mit dem Resultat zufrieden und lenkte seine Schritte in Richtung seiner Wohnung.
Er wollte noch ein wenig aufräumen und dann ein Vollbad nehmen.
Es war 19:30 Uhr, als er die Wohnung verließ. Renato hatte sich herausgeputzt. Er trug Markenjeans, ein weißes Hemd und seine Lieblingsweste.
Obwohl die Pizzeria nur sechs Straßenzüge weiter lag, am gegenüberliegenden Dorfrand, hatte Renato vor, mit dem Auto zu fahren. Er wollte nicht verschwitzt ankommen, nicht heute.
Schweigend stand er einen kurzen Moment da und sog die frische Luft zwischen den Zähnen ein. Inzwischen waren weitere drei Minuten verstrichen. Trotzdem würde er rechtzeitig dort sein, was bei ihm nicht selbstverständlich war.
Er lenkte den Volvo auf den Parkplatz hinter der Pizzeria und setzte sich auf die Holzbank vor dem Gebäude, denn es blieben noch fünf Minuten bis zum Zeitpunkt, auf den sie sich verabredet hatten.
Jasmin war die Unpünktlichkeit in Person. Er würde hier auf sie warten.
Als Jasmin auch nach einer Viertelstunde noch nicht aufgetaucht war, ergriff die Ungeduld von ihm Besitz und er begann, an seinem Blumenstrauß herumzuzupfen. Hatte sie ihn vergessen oder bewusst versetzt? Oder war sie einfach mal wieder sehr spät unterwegs. Er fand es ein bisschen ungehörig, dass sich jemand bei einem Date so verspätete und war leicht eingeschnappt, weil es ausgerechnet ihm passierte.
Da drang plötzlich Jasmins Stimme an sein Ohr: „Nanu, wieso sitzt du hier draußen? Ich habe drinnen seit einer halben Stunde auf dich gewartet.“ Renato fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gegossen, oder den Nachttopf. Konnte es in diesem Moment irgendwo auf der Welt einen größeren Depp geben als ihn? Wohl kaum. Er wurde puterrot.
„Entschuldige“, stammelte er, „ich bin davon ausgegangen, dass du noch nicht da bist.“
Jasmin strahlte übers ganze Gesicht, was ihrer ohnehin starken Ausstrahlung zusätzlichen Glanz verlieh, und flüsterte: „Einmal im Leben wollte ich nicht zu spät sein.“ Renato fühlte sich in seine Einzelteile zerlegt. Er brauchte einen langen Moment, um sich wieder ganz zu spüren. Dann entgegnete er: „Hast du überhaupt noch Lust, mit mir zu essen?“ Sie schaute ihm in die Augen, ziemlich tief. Dann wisperte sie: „Ja natürlich. Warum denn nicht?“ Renato war erleichtert und ein wenig verwirrt. Er stellte sich die groteske Situation mit der selbstverschuldeten Verspätung mit einigen seiner verflossenen Bekanntschaften vor und kam zur Überzeugung, dass jede von ihnen ihm eine gehörige Szene gemacht hätte.
Übermannt von einer Vielzahl widersprüchlicher Gefühle ließ er den Blumenstrauß auf der Holzbank liegen.
Es wurde ein entspannter Abend, an dem Renato viel über Jasmins bisheriges Leben erfuhr. Sie war in Warmland geboren, jenseits des Großen Teichs.
Von Warmland hatten die meisten Bergländer noch nie etwas gehört. Seine Landsleute waren in ihrer Mehrheit geschäftige Menschen, im Gefühlsleben etwas reserviert, aber korrekt. Was sich außerhalb der Landesgrenzen zutrug, interessierte sie nur am Rand. Renato dagegen war ein Weltenbürger und erstaunte Jasmin wiederholt mit Kenntnissen über ihr Heimatland.
Sie war im gleichen Jahr zur Welt gekommen wie Renato. Er hatte sie deutlich jünger eingeschätzt. Konnte es damit zu tun haben, dass sie so ein sonniges Gemüt hatte und oft lachte? Nannten ihre Freunde sie deshalb Goldie?
Unbeabsichtigt begannen Renatos Gedanken, Vergleiche über seine gegenwärtigen Bekanntschaften anzustellen. Beide Frauen verband ein unverwechselbarer persönlicher Charme. Von der Persönlichkeit her waren sie aber sehr verschieden.
Schon rein äußerlich war Jasmins Erscheinung mit ihrer dunklen Hautfarbe ganz anders als die von Katja. Fernab von der Geborgenheit der Großfamilie wirkte Jasmin manchmal etwas verloren, ja fast ein wenig hilflos. Nichtsdestotrotz empfand Renato sie als überaus liebenswert. Sie war ihm in den beiden Jahren, seit sie sich kannten, ans Herz gewachsen.
Renato wusste von Warmland, dass es über keine bedeutenden Bodenschätze verfügte und auch strategisch für keine Großmacht bedeutsam war. Als Standort für Investitionen übte dieser Staat deshalb auf die modernen Industrienationen wenig Anziehungskraft aus. Die meisten Bewohner von Warmland hatten ihr bescheidenes Auskommen. Wer es zu Reichtum und Ansehen bringen wollte, musste sein Glück im Ausland suchen. Deshalb ergoss sich ein ständiger Strom von Menschen aus Warmland weg, vor allem nach Feuchtland, wo mittlerweile beinahe so viele Warmländer wohnten wie im Mutterland selbst. Einige wenige zog es weiter, meist wegen einer Arbeitsstelle oder weil sie irgendwo in der weiten Welt einen Lebenspartner gefunden hatten.
Jasmin hatte im Dorf Kleinfeld eine Arbeitsstelle in einem Inkasso-Büro gefunden. Sie hatte ein gutes Verhältnis zu ihren Mitarbeitern. Doch machte ihr das Abgeschnittensein von ihren Wurzeln zeitweise stark zu schaffen. Nur wer sie gut kannte, entdeckte in ihren glänzenden Augen einen Anflug von Traurigkeit.
Als der Abend ziemlich fortgeschritten und die vierte Stange Bier gekippt war, sagte Jasmin unvermittelt zu Renato: „Weißt du, ihr wohnt hier in einem sehr schönen Land. Aber manchmal ist mir so kalt, innerlich, dass ich es kaum aushalte. Ich werde wahrscheinlich wieder nach Feuchtland zu meiner Familie ziehen.“
Er hatte eben noch das Wohlgefühl leichter Bierseligkeit genossen, als es ihn erschauderte. Hatte er richtig gehört? Er hatte den Hang zum Taktieren, in allen Bereichen des Lebens. Diese Eigenart hatte ihn schon um gute Stellenangebote gebracht, weil er jeweils zu lange unschlüssig gewesen war. Auch sein Liebesleben hätte bedeutend abwechslungsreicher ausfallen können, wenn er doch nur seine Chancen entschlossen gepackt hätte. Seinem Wesen gemäß wäre er unter normalen Umständen in etwa zwei Stunden zu seiner Wohnung gefahren und hätte abgewogen: was spricht für Katja, was für Jasmin? Aber die Zeiten waren ungewöhnlich, die Normalität in Rauch aufgegangen.
Renato stand von seinem Stuhl auf und umrundete zielstrebig den kleinen Tisch, an dem sie saßen. Wie ein mittelalterlicher Knappe beim Ritterschlag kniete er vor Jasmin nieder und fragte sie: „Willst du mich heiraten?“
Jasmin schaute ihn liebevoll an, die Mundwinkel zu einem Lächeln hochgezogen, und sagte: „Das kommt für mich jetzt ein bisschen überraschend. Du musst mir für eine solche Entscheidung ein wenig Zeit geben.“ „Wie lange?“, wollte er wissen. „Ich rufe dich dann an. Eine Nacht darüber schlafen, vielleicht zwei. Aber wenn ich die Entscheidung getroffen habe, werde ich dich nicht im Ungewissen lassen.“
Die folgende Nacht hatte die Besonderheit, dass zwei Menschen, die normalerweise leicht in Schlaf fallen, lange kein Auge zutun konnten.
Nägel mit Köpfen
Am übernächsten Morgen war Klarheit da. Jetzt war nichts mehr wie vorher. Jasmin hatte wirklich mit Ja geantwortet. Zwei Suchende hatten sich gefunden. Sie machten sich an die Planung einer gemeinsamen Zukunft. Renato gab seine Wohnung auf und zog bei Jasmin ein, weil deren Wohnung etwas größer und ihr Haushalt, naja, … etwas praktischer eingerichtet war.
Es war Ende April, und bereits in der ersten Juliwoche sollte die Hochzeitsfeier steigen, ein farbenfrohes Fest, wozu fürs Auge schon die Anwesenheit der dunkelhäutigen Gäste aus Warmland sorgen würde.
Es gab in dieser Zeit viel zu planen und zu bedenken. Weder Jasmin noch Renato hatten reichlich Geld auf der hohen Kante, doch beiden stand der Sinn nach einem unvergesslichen, abwechslungsreichen Festprogramm.
Eine feierliche Zeremonie in einer Kirche durfte ebenso wenig fehlen wie ein Busausflug in die hügelige Umgebung. Das Essen sollte eine Catering-Firma mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis übernehmen.
Für die Getränke wollte Renato selbst sorgen und für die Dekoration hatte Jasmin gute Freundinnen, die für besondere Anlässe die passenden Ideen haben und diese mit großem Geschick realisieren würden. Es sollte also auch ohne viel Geld ein unvergesslicher Tag werden können.
Der Lauf der Zeit war jetzt einem Fluss vergleichbar, der jeden Tag einen neuen Seitenarm aufnahm, mächtiger wurde und an Fahrt gewann, bis er sich am ersehnten Tag mit Macht ins Meer ergießen würde.
Renato hätte gerne auch Katja zum Fest eingeladen. Doch nachdem er ihr mitgeteilt hatte, er werde heiraten, war sie augenblicklich verstummt. Sie hatte sich abgewandt, mit Tränen in den Augen. Er hatte sie trösten wollen. Das hatte alles nur noch schlimmer gemacht.
Schließlich war sie heulend davongerannt, und er saß minutenlang allein in ihrer Wohnung. Endlich stahl er sich nach draußen.
Sie tat ihm schrecklich leid. Er war bei ihr immer auf offene Ohren gestoßen, wenn ihn etwas besonders beschäftigt hatte. Er hatte sie verletzt und enttäuscht. Würden sie jemals wieder Freunde sein können?
Renato blieb gar nicht die Zeit zum Grübeln. Die Entscheidung war gefallen, er hatte sie gefällt, und so vieles war zu erledigen.
Trotzdem blieb ein Wermutstropfen. Es hatte ihm an Taktgefühl gemangelt.
Zur Freude der Brautleute hatten es alle zwanzig Hochzeitsgäste, die von Feuchtland angereist waren, geschafft, rechtzeitig in der näheren Umgebung ein geeignetes Schlafquartier zu finden, sodass sie nach dem Fest noch ein paar Tage Zeit hatten, die Sehenswürdigkeiten Berglands zu bestaunen.
Jasmin und Renato hatten gemeinsam die Getränke besorgt und bei Freunden Torten, Cremes und Häppchen bestellt, was jetzt, am Vorabend des Festes, in den beiden großen Kühlschränken der alten Scheune eingelagert wurde. Mit Blumengebinden und Stoffgardinen war die geräumige Lokalität festlich geschmückt worden.
Hauptverantwortlich für die Dekoration war Denise, Jasmins beste Freundin. Deren Augen waren rot gerändert, denn sie hatte in den letzten beiden Wochen mehrere Nachtschichten eingelegt. Als Letztes in der Planung sollten morgen hellblaue und weiße Ballons mit Gas gefüllt werden, die teils freischwebend, teils an Stuhllehnen angebunden, der wuchtigen Scheune eine gewisse Leichtigkeit verleihen sollten.
Esther hatte mit geschicktem Verhandeln erreicht, dass zwei stattliche Reisebusse, mit Blumen verziert, zu einem Sondertarif für eine zweistündige Rundfahrt in die Berge zur Verfügung standen.
Das Fest
So versammelte sich an einem Julitag bei strahlendem Sonnenschein eine 90‑köpfige Hochzeitsgesellschaft in der schlichten Kirche des kleinen Dorfes Hügelingen, um die Eheschließung von Jasmin Dupont und Renato Kast mitzuerleben. Es tat der Stimmung keinen Abbruch, dass der Kirchturm seit zwei Tagen vollkommen eingerüstet war, da ausgerechnet jetzt die Naturholz-Schindeln des Dachs ersetzt werden mussten.
Jasmin hütete ein Geheimnis. Seit gestern wusste sie, dass sie schwanger war. Ein neuer kleiner Erdenbürger würde unbemerkt dem Fest beiwohnen. Sie würde es Renato als erstem verraten, aber erst nachdem er ihr in der Kirche sein Ja‑Wort gegeben haben würde. So lange wollte sie die Neuigkeit für sich behalten.
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