Cover: Mit dem Camper Van an den Atlantik

Mit dem Camper Van an den Atlantik


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 210
ISBN: 978-3-7116-0954-0
Erscheinungsdatum: 08.01.2026
Ralf Schiebuhr nimmt den Leser mit auf Reisen in seinem Camper Van: im Winter entlang der südlichen Atlantikküste bis nach Gibraltar und im darauffolgenden Sommer zu einer Reise in den Norden, von der norwegisch-russischen Grenze bis in den Süden Norwegens.
Teil 1
Der Süden: Von Groningen bis Gibraltar
Winter 2022/23




Mi, 16.11.22
Vorbemerkung oder Wie es dazu kam


Wenn ich aus dem Fenster schaue, frage ich mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Draußen herrscht nasskaltes Novemberwetter, der Wetterbericht sagt für die nächsten Tage Minustemperaturen und Schnee voraus, und ich will nächste Woche los, mit meinem Camper Van an die europäische Atlantikküste. Wie bin ich nur auf diese Schnapsidee gekommen?

Ganz einfach bzw. zweifach: Erstens, ich liebe die Atlantikküste mehr als jede andere Landschaft in Europa. Allerdings kenne ich nur den Norden vom Nordkapp bis Land’s End in Cornwall, von Irland bis zur Bretagne. Ist es da nicht an der Zeit, auch die südlicheren Küsten Frankreichs, Spaniens und Portugals kennenzulernen?

Zweitens hasse ich den Kieler Winter mit seinem nasskalten Wetter. Was spricht also dagegen, im sonnigen Süden zu überwintern, zumindest einen Teil des Winters zum Beispiel an der Algarve zu verbringen?

Beide Fragen führten mich zu dem Vorhaben, jetzt, Ende November, aufzubrechen und langsam und gemächlich immer am Meer entlang von Groningen in Holland bis Gibraltar zu fahren.

Aber wenn ich nun aus dem Fenster schaue, … egal, ich ziehe das jetzt durch – oder???




Eine Woche später – Mi, 23.11.22


Die ganze Woche pendelte ich zwischen den Polen Reiselust und selbstkritische Frage nach meiner Zurechnungsfähigkeit. Das Packen des Autos gestern kostete mich ordentlich Überwindung. Wegen der Kälte und sowieso. Neben den Winterklamotten musste ich ja auch noch Sommerklamotten bedenken und Kleidung für alles, was dazwischen liegt. Allerdings machte ich mir schnell klar, dass man bei sommerlichen Temperaturen ja nur den größten Teil der Winterklamotten weglassen muss. Trotzdem, ein paar Polohemden und ein Paar Shorts mussten mit. Die versteckten sich aber schnell und schamhaft zwischen dicken Pullovern und Winterjacke. Ich denke mal, ich bin jetzt gut ausgerüstet. Die Foodbox (= unterste Schublade der Küchenzeile) ist voller Tüten mit Traveller Lunch, dehydrierten Eintöpfen wie Pasta mit Lachs-Sahne-Soße oder Reis mit Boeuf Stroganoff. Diese Mahlzeiten sind außerordentlich schmackhaft und leicht zuzubereiten. Wasser zum Kochen bringen, Inhalt der Tüte rein, 10 Minuten ziehen lassen und fertig. Genau das Richtige, wenn mal keine Kneipe oder kein Restaurant in der Nähe ist.

Heute hatte ich ein Restaurant in der Nähe. Dazu gleich mehr. Die Fahrt führte mich über Hamburg, Bremen, Oldenburg nach Groningen.

Dort verließ ich die Autobahn und bog nach Norden Richtung Meer ab. Die Fahrt war angenehm, teilweise sonnig. Abends kam allerdings Regen auf. Meine App Park4Night empfahl mir einen Stellplatz am Deich von St. Jacobiparochie neben dem Restaurant Zwarte Haan. Übernachtungspreis 14,50 Euro inklusive Strom und Ver- und Entsorgung. Alles, Landschaft, Gasthof und Abgeschiedenheit, erinnerte mich an Thamsens Gasthof in Ockholm bei Bordelum, berühmt für seine Aalspezialitäten. Inzwischen ist Hanni Thamsen tot und der Gasthof dauerhaft geschlossen. Nicht so der Zwarte Haan. Der hatte geöffnet, obwohl es außer mir keine weiteren Gäste gab. Auf dem Womo-Stellplatz des Gasthofes stand zwar noch ein anderer Camper, aber offensichtlich ein Selbstversorger. Nach Fish and Chips und einem netten Klönschnack mit dem jungen Wirt lief ich durch Nieselregen und stockfinstere Nacht zurück zu meinem Camper.




Do, 24.11.22


Der heutige Tag brachte vor allem eines, Sonne; am Morgen erst zaghaft, dann strahlend. Nachdem ich meinen Wassertank nachgefüllt und mein Mitcamper, offensichtlich auch ein allein reisender Graukopp, mich mit einem freundlichen Winken verabschiedet hatte, ging es los. Marschlandschaft, soweit das Auge reicht, allerdings mit viel mehr Gräben und Kanälen als an unserer schleswig-holsteinischen Westküste. Ein Hinweis darauf, dass das Land hier tiefer liegt als unsere Marsch. Auch die Ortschaften sind von malerischen Kanälen durchzogen. Von St. Jacobiparochie fahre ich über Harlingen und den kilometerlangen Autobahndamm, der die Nordsee vom Ijsselmeer trennt, nach Wijk aan Zee nördlich von Haarlem. Ich will die Nacht auf dem dortigen Campingplatz verbringen, aber der hat geschlossen. Zum Glück sind auf dem benachbarten Parkplatz zwei Stellplätze für Camper reserviert. Auf einem stehe ich jetzt, ansonsten ist der Parkplatz sehr ruhig und ziemlich leer. Da ich mich heute von meinen Beständen ernähre, ist es ein kostenfreier Tag.




Fr, 25.11.22


Genau genommen bin ich eigentlich noch nicht da, wo ich sein will, nämlich an der Atlantikküste. Wo hört die Nordsee auf, wo beginnt der Ärmelkanal, wo der Atlantik? Sicherlich sind die Grenzen fließend. Passt ja zum Wasser. Aber ist das Meer nun ein fließendes oder stehendes Gewässer (Gezeiten?!) Solche und ähnliche überflüssige Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich allein unterwegs bin. Und dann gibt es die Tage, wie den kostenfreien Tag gestern, an denen ich mit keiner Menschenseele rede. Keine Frau, kein Mann an einer Kasse, die/der mir zumindest sagt, was ich zu zahlen habe, kein/e Kellner/in, der/die meine Bestellung aufnimmt, geschweige denn Menschen, mit denen ich einen kleinen Klönschnack halten kann. Mal ehrlich, wer von Euch hat diese Erfahrung schon einmal gemacht? Einen ganzen Tag weder seine eigene noch eine andere Stimme zu hören. Zum Glück geht es mir damit gut, ich mag diese Tage sogar, wenn ich ganz auf mich zurückgeworfen bin. Ich gehe auf in der Absorption der Sinneseindrücke, sprich: der Landschaft, die an mir vorbeizieht, abends in der Lektüre meiner Bücher und schließlich im Schreiben des Tagebuchs.

Der Tag heute war sehr durchwachsen. Er begann regnerisch und war damit dafür geeignet, ein bisschen Strecke zu machen. Auf der Autobahn ging es nach Rotterdam durch das riesige Hafengebiet. Ich musste schmunzeln, als ich am Europoort vorbeikam. Auf meinen vielen Reisen von und nach Schottland habe ich häufig die Fähre Rotterdam/Europoort – Hull genommen. Ich brauchte für die Strecke von Kiel bis zum Rotterdamer Hafen ungefähr einen halben Tag. Auf dieser Tour bin ich schon fast drei Tage unterwegs. Aber es ist schön, sich Zeit lassen zu können. Schön wurden auch das Wetter und der nächste Streckenabschnitt. Über unzählige Brücken und Sperrwerke führte mich die R57 am Meer entlang Richtung Südwesten. In Belgien war die Strecke besonders schön, direkt am unendlichen Strand entlang. Blöderweise waren die Parkplätze an der Straße für Camper verboten, die Campingplätze zwischen De Haan und Oostende alle geschlossen. Nun stehe ich südlich von Oostende auf einem Parkplatz neben einem rummeligen Campingplatz. Für eine Nacht geht’s.




Sa, 26.11.22


Ich war heute Morgen gerade mit Duschen und Anziehen fertig, als ein älterer Mann an die Tür klopfte und mich in gebrochenem Deutsch beschimpfte, weil ich auf einem Parkplatz parkte, der offensichtlich einem belgischen Camping-Club gehörte. Ich entschuldigte mich vielmals und versicherte, dass ich sofort wegfahren würde, aber der Mann redete sich weiter in Rage und schimpfte schließlich auf alle Deutschen. „Wie eure Fußballmannschaft!“ Keine Ahnung, was er damit meinte. Und dann kam der Vergleich mit der Besetzung durch die Nazis. Gerne hätte ich dem Mann geantwortet, dass der Vergleich zwischen dem widerrechtlichen Parken eines alten Mannes in seinem Camper mit der Besetzung des Landes durch die Nazis doch wohl unpassend sei und deren Verbrechen unerträglich verniedlichen würde. Aber eine derartige Diskussion verbot sich selbstverständlich. Mich noch einmal entschuldigend fuhr ich los. Zum Glück ließ ich mir von ihm die Laune nicht lange verderben.

Bei Sonnenschein fahre ich auf einer immer parallel zu einem Kanal verlaufenden Landstraße nach Dünkirchen; ein beeindruckender Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg scheint das Schimpfen auf die Deutschen heute Morgen legitimieren zu wollen.

Das nächste Elend erblicke ich in Calais in Form mehrerer offensichtlich illegaler Flüchtlingslager. Die jungen Männer, die ich mit ihren flatterigen Plastiktüten sehe, tun mir unendlich leid, so verloren, wie sie wirken. Zwischen Calais und Boulogne werde ich ebenso wie andere Kastenwagenfahrer von der Polizei angehalten. Sie wollen einen Blick in den Wagen werfen, um sicherzustellen, dass ich keine Flüchtlinge verstecke. Ich habe solche Aktionen schon häufiger in Frankreich erlebt. Jedes Mal sind die Polizisten superfreundlich, als wollten sie sich für den Generalverdacht entschuldigen, unter den sie jeden Transporterfahrer stellen.

Hinter Calais mache ich einen Abstecher zum Cap Gris-Nez. Leider ist die Sicht nicht besonders gut, die englische Küste nur sehr schemenhaft zu erkennen. Immerhin winke ich den Briten freundlich zu. Als hätten meine Kinder in London das gesehen, klingelt kurz darauf das Telefon. Ich höre nur Laras und Fenjas fröhliches „Hallo Opa!“, dann bricht die Verbindung ab und kann auch nicht wieder aufgebaut werden. Immerhin kommt abends noch einmal eine Verbindung zustande. Leider ist meine Enkelin Lara schon im Bett, aber auch das Telefonat mit meiner Tochter Fenja tut richtig gut.

Meinen Standplatz habe ich heute Nacht oberhalb der Hafenstadt Le Tréport gefunden, ein offizieller Stellplatz für 7 Euro/24 Std. Der Ausblick von den Klippen über das Meer und die Stadt ist herrlich, aber es weht hier oben auch ein kalter Wind. Eine kostenlose Zahnradbahn bringt mich zur Innenstadt am Fuß der weißen Kreidefelsen. Leider fährt die letzte Bahn um 17 Uhr (oder habe ich den freundlichen jungen Mann und sein Gestikulieren falsch verstanden?). Weil ich keine Lust auf die Treppen habe, alle Restaurants, an denen ich vorbeikomme, aber noch geschlossen sind, gibt es Dinner wieder im Auto. Jetzt sitze ich hier und fröstele ein wenig vor mich hin, obwohl die Heizung läuft. Ich werde sie mal höherstellen, obwohl der Gasverbrauch jetzt schon ziemlich hoch ist. Dafür ist der Dieselpreis niedriger als bei uns. In Belgien habe ich 1,79 Euro bezahlt.

...
5 Sterne
Nabehamhmwd940@gmail.com  - 09.01.2026
نبيهه صالح محمود معلمه متقاعده في التربيه

Nabehamhmwd940@gmail.com

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