Cover: Verboten!

Verboten!


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-7116-0747-8
Erscheinungsdatum: 15.10.2025
Marie wird gerade 16, als die Corona-Pandemie Europa erreicht und ihr ganzes bisheriges Leben auf den Kopf stellt. Anfangs noch ganz entspannt, trägt sie und ihre Familie immer schwerer an den Folgen.
Prolog


Es war alles so schön geplant: Mein Bruder macht Abitur und reist um die Welt. Oder er macht ein freiwilliges soziales Jahr, irgendwo in Afrika, dem Kontinent, an dem die Herzen der ganzen Familie hängen. Meine kleine Schwester geht ein Jahr in Kalifornien zur Schule. Es war bereits alles organisiert, die Termine standen fest. Ich selbst wollte die Zeit ohne Geschwister genießen, nicht mehr „nur“ das Sandwich-Kind sein, die Aufmerksamkeit der Eltern mal für mich haben, und wir wollten reisen: Malaysia war gebucht, Borneo und Island.

Dann kam der Virus, der die Welt lahmlegte, nicht nur uns Jugendliche einsam machte und alles über den Haufen warf. Leise schlich er sich an. Zuerst dachte ich: Wie jedes Jahr, ein neuer „gefährlicher“ Virus, der kaum Auswirkungen hat. Aber dann wurden wir alle eines Besseren belehrt: Er kam, flaute ab und kam mit voller Wucht zurück. Länder schlossen ihre Grenzen, Reisen war kaum noch möglich, die Maßnahmen wurden ständig „angepasst.“ Menschen starben „mit und an Corona“, zunächst die Hochbetagten, dann aber auch immer jüngere, viele ohne Vorerkrankung. Die Kontakte wurden beschränkt, man durfte nicht ausgehen, nicht feiern, keine Freunde mehr treffen.

In dieser Zeit spielt die Geschichte, die ich hier erzähle. Eine Geschichte, die auf wahren Tatsachen beruht, die ich aber aus meiner persönlichen Sicht schreibe, sodass alles so dargestellt ist, wie es bei mir ankam. Manches ist sicher nicht ganz objektiv. Einiges habe ich nach den Erzählungen meiner Geschwister geschrieben, manches ist auch interpretiert, so, wie es „vermutlich“ war, weil ich nicht alle Fakten kannte. Ich schreibe es auf, weil es uns unmittelbar selbst betroffen hat. Es ist die Geschichte meiner Familie, unserer Freunde, das Leben in Zeiten mit Corona. Und ich meine nicht das Bier.

Die Geschichte beginnt im Dezember 2019, als der Virus sich zunächst zaghaft bemerkbar macht, wir in Deutschland aber noch von nichts ahnten. Ich bin Marie, mittleres von drei Kindern meiner Eltern, wir haben noch ’ne Stiefschwester und ’nen Stiefbruder aus der Ehe meines Vaters mit seiner ersten Frau, die sind aber deutlich älter und wohnen weit weg. Wir haben nicht so viel Kontakt. Ich versteh mich gut mit meinen direkten Geschwistern, insbesondere mit meiner kleinen Schwester Julia. Mein Bruder Lukas war 17, in der letzten Klasse eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums, auf der „Zielgeraden“ Richtung Abitur. Meine Schwester Julia war 14, auch auf dem Gymnasium, und ihr großer Traum war es, ein Jahr in Amerika auf die Highschool zu gehen. Gedacht, geplant: Das Schuljahr 20/21 sollte „ihr“ USA-Jahr werden. Tja … wurde es aber nicht. Alles kam ganz anders.

Wir leben im Rheinland, nicht direkt in der Stadt, mehr so ländlich, in einem eigenen Haus, das meine Eltern gekauft hatten, als Lukas in die Schule kam. Meine Eltern sind beide Naturwissenschaftler und arbeiten selbstständig, sie sind fleißig, aber nicht so viel zu Hause, also genau genommen waren sie vor Corona nicht so viel zu Hause, aber dafür hatten wir im Prinzip auch immer genug Geld.

Die ganze Familie ist neugierig auf die Welt, naturverbunden, an Flora und Fauna interessiert, daher reisten wir. Gerne und oft. Vor 2020.




Kapitel 1


Dezember 2019

„Willst du nicht vielleicht mal anfangen, fürs Abi zu lernen?“

Es war wohl die am meisten gehasste Frage der letzten Wochen. Lukas saß am Computer, war mitten im Spiel, sein Team war dabei zu gewinnen, da wurde er wieder mal durch diese völlig unnötige Frage abgelenkt. Der Bruchteil von Sekunden, in denen man nicht voll konzentriert ist, kann spielentscheidend sein! Wann lernen die Eltern das denn endlich? Schließlich spielte er erst seit ca. 3 Stunden und es war echt noch nicht spät! Gestern war es spät, genau gesagt früh morgens, als er aufhörte zu spielen. Danach konnte er nicht einschlafen, weil er noch so aufgedreht war. Klar, dass man sich dann erst nachmittags aus dem Bett schälen kann, wenn man dann schließlich doch eingeschlafen ist.

„Mann, es sind Ferien, lasst mich in Ruhe! Alle meine Kumpels zocken! Sie sind JETZT online, ich lern schon noch, das Abi ist doch erst im April!“

Lukas war „eigentlich“ ein guter Schüler, er hat eine sehr hohe Auffassungsgabe und ein phänomenales Gedächtnis, aber leider hatte er auch schon immer einen extrem hohen inneren Widerstand gegen das Lernen. Während der gesamten Schulzeit kam er gut damit zurecht, seine Hausaufgaben zwischen Tür und Angel zu machen, z. B. in den Pausen, oder oft auch einfach gar nicht. „Lernen“ war, den Stoff am Tag vor der Klausur mal eben noch für ’ne Stunde anzuschauen – wenn überhaupt. Es kamen nicht immer die besten Noten dabei raus, aber im Verhältnis zum Aufwand doch immer noch recht gute. Und nun sollte er Wochen vor dem Abitur schon anfangen, den ganzen Schulstoff nochmal zu wiederholen? Neeee, lass mal. Dann lieber LOL, sein derzeit favorisiertes Computerspiel. Darin war er richtig gut! Seine Kumpels nannten ihn „the brain“, weil er nicht nur alle Funktionen des Spiels absolut beherrschte, sondern auch blitzschnell strategisch denken konnte.

Mein Vater versuchte seit Langem, ihn dazu zu bringen, sich mehr seinen Pflichten zu widmen, was seit Anfang der Pubertät, also seit Jahren (!), nahezu täglich zu heftigen Auseinandersetzungen führte. Nach Lukas’ Auffassung konnte man so was von einem pubertierenden Jugendlichen echt nicht verlangen. Aber Eltern haben ja auch keine Ahnung! Vor allem nicht davon, was wichtig ist im Leben.

Was war denn wichtig? Bei uns Mädels war ja TikTok echt im Rennen, auf Insta gab es täglich neue Influencer, und die Eltern mussten lernen, dass „chillen“ das Hobby einer ganzen Generation war! Wenn etwas zu tun war und ein Erwachsener uns darauf hinwies, man einen Termin einhalten musste und jemand uns deswegen zur Eile drängte oder sonst eine „vollkommen unnötige“ Ansage machen wollte, war die Standardantwort nicht nur von Lukas „chill mal.“ Gerne auch „chill mal deine Eier“, „chill dein Leben“ oder ähnliche Abwandlungen. Für Eltern im täglichen Termin-Überlebenskampf wahrscheinlich eine extrem unbefriedigende Antwort, unter uns Jugendlichen aber echt lebensnah! Manchmal, wenn es meiner Mom zu viel wurde, hat sie die junge Generation darauf hingewiesen: „Wenn ich immer chille, verhungert ihr! Leider verdient man als Selbstständiger nämlich nur dann Geld, wenn man auch arbeitet. Fürs Chillen gibt’s nix!“ Ebenso nicht für Urlaubstage, Krankheitstage oder ähnliche „Aussetzer.“ Und leider auch nicht, wenn für Selbstständige die Aufträge ausbleiben.

Aus meiner Sicht ist chillen langweilig. Ich habe gerne eine Aufgabe, Pläne, konkrete Vorstellungen. Ich mache auch nicht so gerne immer das Gleiche, z. B. jeden Tag dasselbe Computerspiel spielen. Wobei … das stimmt natürlich nicht so ganz. Ich mache eigentlich auch oft das Gleiche: Ich gehe in die Schule, versorge und reite unsere Pferde, bin aber auch in Gremien in der Schule aktiv, die viel organisieren und Aktionen planen. Das find ich spannend – und cool. Ich bin oft die Anlaufstation für die beiden anderen Pubertiere der Familie, vermittle zwischen ihnen und meinen Eltern. Meine Mom kümmert sich dann um unsere Belange, insbesondere um alles, was wir uns nicht trauen, beim Vater „unterzubringen.“ Die Mutter ist geduldiger, nachgiebiger, mehr zu Kompromissen bereit. Man könnte auch sagen: weniger konsequent (was wir natürlich nicht so sehen!!). Sie bezeichnet sich selbst als „Möglichmacher“, auch für etwas ausgefallenere Sachen, einfach weil es ihr auch Spaß macht. Das nutzen wir gerne.

Ich selbst bin eine mittelgute Schülerin, mittelgroß, mittelschlank, mittelblond. Ich bin nicht so schlau wie mein Bruder und nicht so hübsch wie meine Schwester, aber ich habe meine Pferde und hatte meine Freundinnen. Vor Corona kam ich eigentlich gut mit mir klar. Ich mache nicht immer alles richtig, das weiß ich, aber ich probiere auch gerne mal was Neues. Auch auf die Gefahr hin, dass es dann in die Hose geht.

Nach dem x-ten Streit wegen des Zockens meinte meine Mutter eines Abends: „Wie bekomme ich bloß meinen Großen vom Computer weg?“

„Was hältst du davon, mal wieder zu verreisen?“

Da es bei uns im Dezember bekanntlich Winter ist, kalt und ab halb 5 Uhr dunkel, meistens auch noch mit Regen garniert, schlug ich ein sonniges Ziel vor, am besten eines, wo wir noch nicht waren.

„Puh, schon gar nicht mehr so einfach, also zumindest, solange man nicht ganze Tage nur reisen möchte! Lass mal schauen, wo es im Dezember warm ist und wo man mit dem Flieger schnell hinkommt!“

Wir konnten uns alle schnell einigen, die Koffer wurden gepackt und ab nach Ägypten. Mitten im Winter die Sonne genießen hat schon was für sich. Ägypten bietet auch viel: eine wirklich tolle Unterwasserwelt, die Pharaonengräber, eine Fahrt auf dem Nil, gefolgt von einem Trip in die Wüste. Märkte, Moscheen und Mumien. Das Tollste am Reisen finde ich, dass man das Leben in anderen Ländern wirklich sieht und erlebt, mit den Menschen dort sprechen kann und die ganze Bandbreite und Schönheit der Natur und Kultur sehen kann. In diesen Punkten sind wir echt alle auf demselben Nenner.

Julia war auf dem Englisch-Trip, um sich für die USA vorzubereiten. Sie schaute inzwischen statt deutscher Serien amerikanische Soaps, gerne im O-Ton, und sie erzählte mir mit leuchtenden Augen, dass „das Leben in Amerika wirklich so ist, wie es in den Soaps gezeigt wird.“ Meine Mom versuchte immer wieder vorsichtig, sie davon abzubringen: „Glaub nicht, dass amerikanische Highschools das Tollste sind, was einem als Jugendlichem passieren kann!“ Aber Julia flüsterte mir zu: „Die hat ja keine Ahnung! Ich seh’ das ja nicht nur im Fernsehen, sondern auch auf TikTok und Insta! Da wird immer voll das coole Schulleben in den USA gezeigt! Aber Mama ist ja schließlich schon älter, woher soll die wissen, wie es auf ’ner Highschool ist?“

„Du weißt aber schon, dass sie schon öfter mal in den USA war und dort auch einige Freunde mit Kindern im Schulalter hat?“ Aber das war für Julia nun echt kein Argument! Ich hoffte halt einfach, dass sie nicht allzu hart auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen würde, wenn sie dort ankam.

In der heimischen Schule gefiel es Julia nicht so gut. Lukas und ich gingen auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium ein Stück weiter weg, aber sie ging zu der Zeit noch auf das Gymnasium, das fußläufig bei uns die Straße runter lag. War natürlich praktisch fürs morgendliche Zeitmanagement, aber das ist ja nicht alles. Eine vermeintlich sehr elitäre Schule, leider bestückt mit ziemlich vielen aufgeblasenen Individualisten. Es gab keinen so richtig guten Klassenverband, aber eine starke Gruppenbildung. Die Schule fuhr ein bisschen den Kurs „passt oder passt eben nicht“, „friss oder stirb“, „schau, wie du klarkommst.“ Das war nicht so Julias Ding. Sie ist mehr so für Gemeinschaft zu haben, hat Verständnis auch für die, die nicht mainstream laufen, aber sie ist nicht sehr selbstsicher. Sie bewundert die „Coolen“, gehört aber selbst nicht dazu.

Als sie in die Mittelstufe kam, wurde sie von den anderen Mädels oft als „zu dünn“ und „nix dran“ abgewertet, insbesondere, als es dann losging, sich für die Jungs zu interessieren. Die deutlich runderen „Freundinnen“ posierten mit allem, was sie hatten, Julia punktete dagegen mit wunderschönen großen blauen Augen und sehr langen Beinen.

So, wir also nun in Ägypten. Hatte ich schon erwähnt, dass Julia blond ist? Sie war 14 und wusste noch nicht, dass „Mann“ sich immer für das interessiert, was er nicht täglich in Massen um sich herum hat. Für mich war es lustig zu sehen, wie viel Aufmerksamkeit meine kleine Schwester erweckte, meistens ohne es selbst zu merken. Wir hatten immer irgendwelche jungen Männer um uns herum, die uns sehr gerne bei irgendwas behilflich waren. Sehr praktisch, nicht nur für mich!

An einem Tag machten wir einen Tauch- und Schnorchelausflug zu einem vorgelagerten Riff. Einer der beiden Tourbegleiter, er nannte sich Mogli, ein lustiger Bursche Anfang 20, hatte offenbar nur auf uns gewartet. Julia und ich hatten den ganzen Tag die beste Unterhaltung, und meine Mom machte sich Sorgen, ob sich die anderen Teilnehmer eventuell beschweren würden, weil sie alle zusammen nur einen Tourguide zur Verfügung hatten. Der andere war ja beschäftigt, Lukas übrigens auch. Er hatte nämlich die Haltung „don’t touch my sisters“, zumindest nicht zu oft, und fing seinerseits an, Mogli mit Fragen und Späßen abzulenken. So waren wir die ganze Zeit zu viert, selbst beim Schnorcheln im Wasser unzertrennlich. Als es zurück an Land ging, fragte Mogli im Spaß, ob er Julia heiraten könne, da meinte meine Mom, er müsse noch ein Weilchen warten, sie sei erst 14. Ich habe selten einen so verdutzten jungen Mann gesehen. Vielleicht hätte ich ihm erzählen sollen, dass man Englisch auch von TV-Soaps lernen kann.

Lukas ist sehr ausdauernd, wenn er Tiere beobachten kann. Schon als Kind war sein Berufswunsch „Zoodirektor“, im Laufe der Pubertät weitete sich der Grundgedanke auf einen ganzen Nationalpark aus. Am besten in Afrika. Mal schauen, was draus wird. In Ägypten befinden sich die interessantesten zu beobachtenden Tiere im Meer, darum verbrachte er daran und darin so viel Zeit wie sonst am Computer. Meiner Mom war es recht, immerhin 3D und nicht nur Bildschirmgröße. Der vorsichtige Vorstoß, ihn zumindest in Bio zum Lernen zu bewegen, ging leider trotzdem ins Leere. „Mamaaaaaaaa … Urlauuuuub!“ Na ja, Bio konnte er ja eigentlich. Dachten wir.

An Silvester gab es eine coole Party mit toller Live-Musik, direkt am Strand. Richtig viele Leute begrüßten in bester Stimmung das neue Jahr! Das war dann aber vorerst auch die letzte öffentliche Party … nicht nur dieses Jahres.




Kapitel 2


Frühjahr 2020

Zurück zu Hause folgte jeder wieder dem Alltagstrott. Lukas schrieb seine Abi-Vorklausuren, die er alle problemlos bestand, und nahm dies zum Anlass, weiterhin eher wenig zu lernen. Im Fernsehen kamen die ersten Berichte über den Ausbruch einer neuen Virenepidemie in China. Aber was lief in den letzten Jahren nicht alles schon um die Welt? Die Schweinegrippe, mehrfach die Vogelgrippe, SARS-CoV, EHEC, MERS, jeweils war gesagt worden, es könne sich „verheerend“ auswirken. Meine Eltern waren ziemlich relaxed.

Mit den letzten Wintertagen war die Epidemie in Europa angekommen, es war beachtlich, wie schnell sich die Krankheit ausbreitete. Bereits zu Frühlingsanfang hatte auch Deutschland hohe Infektionszahlen. Meinen 16. Geburtstag im März feierte ich mit nur zwei Freundinnen im Reitstall. Aufgrund der Ansteckungsrate und der Heftigkeit der auftretenden Symptome wurden schnell viele Maßnahmen angeordnet, unter anderem sollte man vermehrt von zu Hause arbeiten, keine nicht notwendigen Reisen antreten und sich Atemschutzmasken basteln, weil es nicht genügend zu kaufen gab. Allerdings war das Erste, was in Deutschland in den Läden ausverkauft war, Klopapier. In Frankreich war es Rotwein, in Italien Nudeln … in Deutschland? Klopapier. Ich finde, das sagt was über uns aus. Sind wir alle Schisser?

Unter uns gesagt, dachte ich immer noch, dass das alles ein bisschen übertriebene Hysterie sei. Zwar gab es bereits einige Tote, aber es traf in den allermeisten Fällen hochbetagte Menschen oder Menschen mit vielen Vorerkrankungen. Nicht falsch verstehen, auch diesen Menschen soll so eine Krankheit nicht zum Verhängnis werden, aber ich hatte den Eindruck, für uns jüngere, gesunde Menschen besteht keine größere Gefahr, als ein paar Tage Fieber zu haben. Aber wir hielten uns an alle Vorgaben. Meine Mom nähte eifrig lustige Atemmasken aus bunten Stoffen für die ganze Familie, wir sprühten Desinfektionsmittel auf die Hände und niesten in die Armbeuge.

Anfang April war in Deutschland schon der Peak der ersten Welle erreicht. Am 2. April 2020 wurden offiziell knapp 7000 Neuinfektionen an einem Tag vermeldet, danach nahm die Zahl der Neuinfektionen bei uns wieder ab. Allerdings war die Epidemie gerade in den USA angekommen, was zur Folge hatte, dass Julias Amerika-Highschool-Traum platzte. Abgesagt, wegen „is nich“. Oder wie der damalige US-Präsident, dessen Namen ich nicht auszusprechen wage, sagte: wegen des „China-Virus.“ Tiefe Enttäuschung bei der Highschool-Anwärterin.

Wegen der Infektionsgefahr fanden die Abi-Vorbereitungen in der Schule unter verschärften Bedingungen statt. Anstatt die Kurse nochmal geschlossen gezielt zu unterrichten, wurde vieles nach Hause verlegt, in der Schule gab es nur noch vereinzelte Veranstaltungen für vereinzelte Schülergrüppchen. Kurz wurde vom Schulministerium überlegt, die Abiturprüfungen einfach ausfallen zu lassen und den Leistungsdurchschnitt der beiden letzten Jahre als Abi-Note zu nehmen. Wäre für Lukas ’ne coole Sache gewesen, wurde dann aber verworfen, denn die Schüler sollten nicht „ewig den Makel der fehlenden Abschlussprüfung mit sich herumtragen.“ Also ging es im April dann los mit Klausuren schreiben. Lukas war nicht ansprechbar und zog es durch.

Im Mai hat Julia Geburtstag. Eine Feier gab es natürlich auch bei ihr nicht. Wegen Corona. Da sie ja nun doch nicht die ganz große Freiheit fern vom Elternhaus genießen konnte, schenkten meine Eltern ihr, dass auch sie den Rollerführerschein machen konnte. Dadurch wäre sie unabhängiger von Hol- und Bring-Dienstleistungen der Eltern, also wenigstens ein bisschen Freiheit. Den Roller hatten wir schon, damit fuhr bisher nur ich. Ein superschönes Retro-Modell in Babyblau. Hingucker, heiß geliebt, Helm in der passenden Farbe.

Wir schauten, was Julia alternativ zu den USA im Sommer noch Schönes machen könnte. Ich selbst hatte mit meiner Pferdemädelstruppe eine Reiterfreizeit gebucht, im Mai waren in Deutschland die Coronazahlen wieder echt niedrig, und es gab auch noch viele Angebote für Jugendliche. Julia entschied sich für eine Jugendreise nach Spanien. Alleine, ohne eine Freundin mitzunehmen.

„Ich möchte lieber neue Freunde finden, die mich noch nicht kennen, mich nicht „bewerten“ und vielleicht wieder ausgrenzen, weil ich vermeintlich nicht elitär genug, cool genug, rund genug oder was weiß ich was genug bin!“ Ich fand es cool und sehr mutig von ihr.

Meine Eltern hatten schon länger eine Reise durch Malaysia und Borneo geplant, sie hatten Freunde in Kuala Lumpur, die einen Teil der Reise mit ihnen gemacht hätten. Lukas wollte sich zusammen mit einem Freund in einem Kinderheim in Nigeria engagieren, die Zeit nach dem Abi hatte sich angeboten, ein bisschen was „anderes“ zu machen, erwachsen zu werden. Lukas war ja erst 17.

Im Mai kamen dann auch die Ergebnisse der Abi-Klausuren. Ernüchtert musste Lukas feststellen, dass ein relaxter Umgang mit dem Lernmaterial, gepaart mit einer gewissen Aufregung während der Prüfung, nicht zu dem gewünschten Ergebnis führt. Er hatte drei von vier Prüfungen nicht bestanden! Die Nachprüfungen begannen in einer Woche. Er war natürlich total geknickt und rief meine Mutter im Büro an: „Das war’s, jetzt muss ich nochmal ein Jahr in die Schule!“ Ich hörte sie nur sagen: „Drei von vier nicht bestanden ist natürlich heftig, aber bei mir gilt: aufgegeben wird erst, wenn es ABSOLUT aussichtslos ist oder wenn man nicht mehr will. Du hast jetzt genau zwei Optionen, beiden stimme ich in gleichem Maß zu: Entweder du lernst jetzt eine Woche ununterbrochen, also kein Computerspiel, kein Chillen, keine Freunde treffen, oder du machst das letzte Schuljahr eben nochmal. Ich mach beides mit, es ist deine Entscheidung! Wenn du dich für die Woche entscheidest, helfe ich dir mit all meinen Möglichkeiten, wenn du das Jahr wiederholen willst … auch ok!“ Sie ist eine Löwenmutter. Sie kämpft! Insbesondere wenn es um ihre Kinder geht. Wobei „ihre“ Kinder mehr sind als wir, also ihre eigenen, dazu später mehr.

Lukas entschied sich für die Woche. Meine Mom hat sich im Büro abgemeldet, ihren Kollegen gesagt „Ich bin in einer Woche wieder da“ und sich daran gemacht, mit Lukas zusammen das Abi zu schaffen.
...
5 Sterne
Sehr packendes Buch. Absolute Empfehlung! - 12.11.2025
Emily

Sehr schöne Geschichte- zum Teil sehr lustig, aber auch packend und tragisch. Der Schreibstil ist sehr angenehm und die Geschichte ist einzigartig.

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