Cover: Der Prinz vom Heiligen See

Der Prinz vom Heiligen See
Märchen Potsdam


EUR 19,90

Format: 15 x 19 cm
Seitenanzahl: 104
ISBN: 978-3-7116-0775-1
Erscheinungsdatum: 11.09.2025
Tauchen Sie ein in die magische Atmosphäre der Potsdamer Schlösser und Parks. Vier zauberhafte Märchen entführen Sie an sagenumwobene Orte der königlichen Residenzstadt, wo Geschichte lebendig wird wie nirgendwo sonst.
DER PRINZ VOM HEiLIGEN SEE


Es war einmal eine sehr schöne Stadt. Sie war nicht groß, aber voller Schlösser und Gärten, eingeschlossen von Wäldern und Seen. Ich weiß es genau, denn ich wurde in dieser Stadt geboren. Ich will heute eine Geschichte erzählen. Sie spielt in dem Park, den wir Kinder am meisten liebten. Dieser große königliche Baumgarten lag an einem stillen Wasser, Heiliger See genannt.




In ihm spiegelte sich vor dunkelgrünen Laubkronen das Schloss mit seinen marmornen Säulen und Treppen, die bis hinunter auf den Grund des Sees führten. Hierher schlich sich seit einigen Abenden der junge Prinz.
Geborgen im Schutz der hohen Ufermauer stand er auf der letzten noch trockenen Marmorstufe und horchte über den See.
Ja, da hörte er wieder das Mädchen jenes wehmütige Lied singen, das ihm so tief ins Herz gedrungen war. Wunderschön und liebenswert muss dieses Mädchen sein, dachte der Prinz.




Wasserrauschend und platschend brach plötzlich ein Mann aus dem dichten Schilfwald hervor. Es war der Schlossgärtner in beinlangen schwarzen Fischerstiefeln.
„Oho, mein Prinz“, sagte er, „lasst Euch nicht verhexen von dem singenden Nachtvogel!“
„Pfui!“, schalt der Prinz. „Sag mir lieber, was du von der Sängerin des schönen Liedes weißt! Verrate mir alles!“
„Ei, was weiß ich!“, knurrte der Alte. „Hergelaufenes Volk! Sie haust mit ihrem alten Vater in einer elenden Hütte am anderen Ufer. Stopft Euch die Ohren zu, mein Prinz! Das ist keine Gesellschaft für Euch.“




Der Prinz wünschte dem Alten nur schnell eine gute Nacht und eilte ins Schloss. Als er mit seiner Flöte wieder heraustrat, malte der Mond einen großen gelben Fleck auf den schlummernden See. Ein schwarzes Fischerboot trieb darüber hin.
Der Prinz spielte das wehmütige Lied, dessen Melodie er schon ganz genau im Kopf hatte, obwohl er sich ja eigentlich nach dem Rate des Gärtners die Ohren dagegen hätte verstopfen müssen.
Er sah im Mondfleck die helle Mädchengestalt nach dem Flötenspieler spähen, vergeblich, denn dieser verbarg sich hinter einer Säule.




Das Mädchen wendete das Boot und verschwand im tiefen Dunkel des jenseitigen Ufers. Der Gärtner hatte im Schloss von dem verliebten Prinzen und der kleinen Hexe, wie er sie nannte, berichtet. Das gefiel dem König sehr wenig, und er beschloss sogleich eine Reise mit seinem Sohne durch nachbarliche Länder. Sie ritten von Schloss zu Schloss. Überall gab es hübsche junge Prinzessinnen. Der König wünschte, sein Sohn möge sich eine dieser edlen Töchter zur Braut erwählen. Der Prinz aber dachte nur immer voller Sehnsucht an seinen See, an das Mädchen im Fischerboot und an das schöne, wehmütige Lied.




Er ritt traurig neben seinem Vater her und blieb überall an den Höfen ein stiller, verschlossener Gast. Als sie das letzte Ziel ihrer Reise erreichten, das Schloss einer Fürstin, ermahnte der schon unwillige Vater seinen Sohn, endlich alle Grillen fahren zu lassen.
„In dieses immer fröhliche Haus will ich keinen Sauertopf hineinführen“, sagte der König.
„Ihr sollt mit mir zufrieden sein, mein Vater“, versprach der Prinz. Er dachte nämlich schon voller Freude an die endlich ganz nahe bevorstehende Heimreise.




Lustig sprengten sie über die Zugbrücke und wurden mit großem Vergnügen im Schlosshof von der Fürstin und den zahlreichen Gästen empfangen. Unser Prinz war wieder fröhlich.
Ach, er wusste ja nicht, wie schlimm es jetzt um sein Mädchen vom Heiligen See stand!
Die Hütte, worin es mit dem alten Vater gelebt hatte, stand leer am Ufer. Auf königlichen Befehl hatten die armen Menschen, die als unbekannte Flüchtlinge aus fernem Lande gekommen waren, auch diese Heimstatt wieder verlassen müssen.




Wie wir wissen, fürchtete man ja, der Prinz könne sich verhexen lassen von dem Lied des kleinen Fischermädchens. Wo in aller Welt die Armen nun bleiben sollten, bekümmerte niemand. Dabei meldete sich der nahende Winter schon mit recht kalten Nächten an. Im Fürstenschlosse ging es von Stunde zu Stunde fröhlicher zu. Unser Prinz war der reizendste und beste Tänzer auf dem Fest.
Viel Gewisper und Getuschel gab es unter den jungen Damen. Alle hatten dabei auch ein Verslein im Kopfe, die Weissagung einer alten Zigeunerin für den heutigen Tag:




„In dieser Nacht geht’s lustig schnell,
ein Prinzlein freiet auf der Stell.
Kaum dass er’s sieht, kaum dass er’s hört,
hat ein Prinzesslein ihn betört.“

Natürlich glaubten alle Prinzessinnen, nur unser Prinz könne dieser Freier sein, und jede glaubte auch von sich selbst, nur sie allein könne die Auserwählte sein. Aber, aber, aber … nichts war bisher geschehen! Wie keck und verliebt sie den Prinzen anblitzten! Er tanzte mit ihnen, er scherzte mit ihnen, ja, das war alles.
„Oh“, hatte er einer ganz Neugierigen verraten, „wenn ich ein Lied hörte, das mir tief ins Herz dringt, dann …“




Das sprach sich schnell herum. Die Plappermäulchen wurden ganz still. Jede Prinzessin sann über ein Lied nach.
Ja, es wurde so still, dass man plötzlich von draußen die Käuzchen schreien hörte, ja, fast das Zerplatzen der großen weichen Schneeflocken, die der Nachtwind gegen die Fensterscheiben blies. „Es wird Winter!“, rief die Schlossherrin. Seit einer Stunde schon rollte draußen der Winter seine weißen Teppiche über das Land, nur hier drinnen im Schloss hatte es noch niemand bemerkt. Der Prinz öffnete die hohen Türflügel, um den ersten reinen Hauch des Winters zu fühlen. Was war das? Was hörte er da? Träumte er? Nein!
...
4 Sterne
Der Prinz vom Heiligen See - 14.09.2025
K.N.

Das klingt märchenhaft und weckt den Wunsch, das Weitere zu erfahren.

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