Cover: Harry - Einfach Harry!

Harry - Einfach Harry!


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 424
ISBN: 978-3-7116-0157-5
Erscheinungsdatum: 29.10.2024
Auf der Suche nach dem besten Haschisch reist Harry durch halb Europa, endet zunächst auf der heimischen Drogenszene, emanzipiert sich zum Spezialisten und findet sich in Indien und Nepal wieder. Ein echtes "Roadmovie" - eine Reise wie im Rausch, durch die Kulturgeschichte des Dopes.
Drei Wochen Hausarrest. Als Bestrafung sozusagen, denn ­Harry war fortwährend aufsässig gegenüber dem Klassenlehrer gewesen. So stand es in dem Brief, den der „Herr Lehrer“, wie Harrys Vater zu sagen pflegte, ihm mit nach Hause gegeben hatte. ­Harry wurde erst gar nicht gefragt, wie es denn aus seiner Sicht gewesen sei, denn die einzige gültige Wahrheit war die des Lukas Strübel, Klassenlehrer der 10d.
Harrys Vater duldete keine Widerrede und seine Mutter stand schlecht gelaunt daneben und streute spitze Bemerkungen. Aber nur, um den Fall schlimmer zu machen, als er in Wirklichkeit war.
Ein paar Monate zuvor hatte ­Harry wegen einer schlechten Betragensnote ein ganzes Jahr Fernsehsperre bekommen. So musste er, während die Familie am Wochenende bei Familienprogramm und Salzstangen am Fernseher saß, die Zeit mit sich selbst verbringen.
Diesmal fühlte sich ­Harry zu Unrecht bestraft und jetzt war er ganz sicher, dass ihn sein Lehrer nicht leiden konnte. ­Harry schrieb, trotz häufigen Fehlens, meist gute Noten und keiner konnte sich das erklären. Vor allem Lukas Strübel hatte ein Problem damit. Denn häufiges Fehlen und gute Noten, das passte so überhaupt nicht in Strübels Logik und er war ganz und gar davon überzeugt, dass er Harrys Trick irgendwann herausfinden würde.
„Eine Erdbeere ist eine Beere“, belehrte er einen Tag zuvor. „Und keine Nuss“, wie Mario Tränkle, zwei Reihen vor Harry, behauptete.
Harry aber hatte in einem Buch über kuriose Tatsachen gelesen, dass eine Erdbeere keine Beere, sondern eine Sammelnussfrucht sei, und rief seine Weisheit viel zu laut ins Klassenzimmer. Lukas Strübel zog ihn deshalb dermaßen am linken Ohr, dass ­Harry nicht auf seinem Stuhl sitzen bleiben konnte. Seine blonden, glatten, langen Haare fielen in sein längliches Gesicht und bedeckten seine blauen Augen, sodass er einen Moment lang nichts mehr sehen konnte und mit den Armen ruderte.

Dabei traf er den etwas größeren Strübel unterm Kinn und der zog dafür umso heftiger an Harrys Ohr. Für den Kinnhaken schickte ihn Strübel für den Rest des Unterrichts vor die Tür und gab ihm den Brief mit nach Hause. Und so saß ­Harry jetzt in seinem Zimmer, hörte Musik und dachte an drei Wochen Hausarrest, dachte an die Schule, an seinen Lehrer und er ärgerte sich, dass er das mit den Erdbeeren gesagt hatte.
Vielleicht hatte der Lehrer recht, dachte ­Harry und er dachte weiter: Wenn er recht hatte, dann muss er mich ja trotzdem nicht an den Ohren ziehen. Und selbst dann“, dachte er immer weiter: hätte er mich nicht noch mit zwei Stunden Arrest bestrafen müssen.
Aber noch mehr ärgerte sich ­Harry über seine Alten, wie er seine Eltern gerne nannte, und er dachte an seinen Kumpel Bert Bachelle-Stroebelin, den schlaksigen Blonden mit seinem hochglänzenden, schwarzen Klavier, aus der Sonnrainstraße. Bert wohnte in einer Villa, mit Aussicht über ganz Sindeshausen. Seine Eltern wären nie auf die Idee gekommen, ihn wegen zwei Stunden Arrest zu bestrafen.
Die Familie sah das so, dass ihr Bert mit den zwei Stunden Arrest sowieso schon bestraft wäre und ob der Lehrer überhaupt im Recht war, sei dahingestellt. Sie wollten ihren Sohn eigentlich auf eine Waldorfschule schicken und Bert erzählte ­Harry eines Tages, dass seine Eltern vollkommen auf Bestrafung verzichteten, dass sie immer erklärten, worum es ging und dass Lösungen gesucht wurden.
„So lernt man zu diskutieren und zu begründen“, pflegte Bert zu sagen und er wippte dann leicht auf den Zehenspitzen. ­Harry war ganz versunken in seinen Gedanken und sein Ausdruck wurde immer trauriger, sein Gesicht schien noch schmaler als sonst. Denn immer, wenn ­Harry traurig war, fiel sein Kopf leicht nach vorne und einige seiner Haare fielen ihm auf die Wangen.

Und als er so im Zimmer saß, erinnerte er sich an einen Film über einen Jungen, der mit 14 Jahren zu seinem Freund und dessen Familie gezogen war. Das wollte ­Harry auch gerne. Er dachte an die Ruhe, wenn er Bert besuchte, an die angenehme Atmosphäre im Haus, den ruhigen Ton, mit dem gesprochen wurde, und er dachte an sein eigenes Zuhause: das laute Reden, das Türenschlagen, das viel zu laute und ständige Ermahnen.
Harry merkte gar nicht, dass die Musik schon seit einiger Zeit verstummt war. Zu sehr war er in seinen Gedanken versunken. Dann kam ihm eine Idee: Er ging in die Küche, holte einen der großen, blauen Müllbeutel, die unter der Spüle lagen, und verschwand wieder in seinem Zimmer.
Jetzt darf bloß Vater nichts merken, hoffte er.
Flugs nahm er ein paar Klamotten aus dem Schrank, stopfte alles in den Müllsack, zog seine Jacke an, ging ins Wohnzimmer, wo sein Vater gerade Nachrichten schaute, und erzählte etwas von Schallplatten, die er von seinem Kumpel Caspar unten, im ersten Stock des Mietshauses, zurückholen müsse.
Jetzt rannte er im Schnellschritt die Treppen hinunter, nahm jedes Mal zwei oder drei Stufen auf einmal, holte seinen Rucksack aus dem Keller, stopfte seinen Schlafsack zu den anderen Sachen in den Müllbeutel und diesen wiederum in den großen, grauen Rucksack, warf den Kellerschlüssel in den Briefkasten und schlich vorsichtig aus dem Haus.
Hoffentlich regnet es nicht gleich wieder, dachte er und ging dicht an einer Hauswand entlang. Die vierspurige Straße zum Autobahnkreuz Sindeshausen lag in unmittelbarer Nähe. Wenn es ihm jetzt gelang, ein Auto anzuhalten, konnte er in 90 Minuten in Frankfurt sein. Und während er versuchte, mit herausgestrecktem Daumen ein Auto anzuhalten, klingelte es in der Wohnung. Harrys Mutter starrte auf das Telefon und rief in Richtung Wohnzimmer: „Wer ist denn das jetzt um diese Zeit?“
Vorsichtig nahm sie den Hörer ab und nannte ihren Namen: „Fröhlich?“ Dann vernahm sie eine jugendliche Stimme am anderen Ende. „Ah, Caspar – du bist' s! Mit ­Harry sprechen? Wollte der nicht gerade seine Schallplatten bei dir holen?“
In diesem Moment stieg ­Harry in einen dunkelblauen VW in Richtung Frankfurt am Main. Das junge Paar aus Sindeshausen wollte zuerst einen Verwandten zum Frankfurter Flughafen bringen, um dann nach Düsseldorf weiterzufahren. ­Harry entschied spontan, bis nach Düsseldorf zu fahren und danach weiter nach Hamburg zu trampen, stieg ein und der Wagen fuhr in die Nacht.
Im selben Moment stiegen Harrys Eltern in ihren Opel und fuhren die Schnellstraße zur Autobahn entlang, um ­Harry zu suchen.
Hamburg, dachte Harry. Eine richtige Großstadt, freute er sich. Da will ich hin.
Seine Eltern kehrten um, nachdem sie ihren Sohn nirgends erblicken konnten, und dachten nun, dass ­Harry vielleicht doch zu einem Freund in der Nähe gegangen war.
Sie fuhren nach Hause und hofften, dass er bald zurückkommen würde. Stunden später stieg ­Harry müde in Düsseldorf aus dem VW. Und kurz danach stand er wieder an einer Ausfallstraße, in cooler Tramperstellung, als ein frisierter Enddreißiger in einem dunkelgrünen Ford Taunus 3,0 mit quietschenden Bremsen neben ihm anhielt.
„Hamburg?“, fragte Harry.
„Steig ein!“, rief der Typ grinsend und drängte zur Eile. Die Fahrt wurde zu einer Art Autorennen. Der Typ wollte ­Harry zeigen, was seine Karre hergab. Er drängelte und hupte und immer dann, wenn es besonders knapp herging, überholte er einfach ganz rechts, auf dem Standstreifen, sodass der Staub hochwirbelte und kleine Steinchen von unten an die Karosse prasselten.
„Der Wagen ist gerade erst auf den Markt gekommen. 24 Liter Super auf 100 bei 230 Spitze! Da läuft was durch. Dann merkt man, dass die Autobahn Kurven hat!“, tönte er nonstop und mit glasigen Augen.
Gegen halb vier Uhr morgens erreichten sie die Hansestadt. ­Harry stieg aus und verabschiedete sich schnell. Ein kalter Wind blies ihm entgegen, es regnete. Sein Schlafsack, er hatte ihn mit einer Schnur auf den Rucksack gebunden, war schon nass geworden. Um ihn herum standen Hafengebäude und dreckige Fabrikhallen, überall verstreut lag rostiges Gerümpel. Weit und breit kein Platz zum Schlafen. Nur Wind und Regen.
Wo hatte ihn der Rennfahrer nur hingebracht? ­Harry suchte eine Abkürzung in Richtung Innenstadt. Ein riesiger Haufen ölverschmierter Eisenbahnräder versperrte ihm den Weg. Eine trockene Ecke zu finden, einfach nur zum Ausschlafen, daran war nicht zu denken. Der Autonarr hatte ihn inmitten des dreckigsten Teils einer Hamburger Hafengegend aussteigen lassen. Wahrscheinlich aus Rache, dachte sich ­Harry grimmig. Bestimmt, weil ich mich mit 230 Kilometern Spitze und 24 Litern Benzin auf 100 Kilometer nicht habe beeindrucken lassen.
Im frühen Morgendunst kam ihm ein Trupp Arbeiter entgegen. ­Harry fröstelte und alle schauten wie auf Kommando zu ihm hinüber, tuschelten und grinsten. ­Harry schaute so, als würde er sich hier auskennen. Zumindest bemühte er sich so auszusehen, wobei er ja auch nicht wusste, wie jemand schaut, der sich hier in diesem Viertel auskennt.
Er versuchte eigentlich nur, seine Unsicherheit zu verbergen. Würde er hier herausfinden, ohne jemanden fragen zu müssen? Seit einer Stunde suchte er nach einer Abkürzung in die Innenstadt.
Kilometerweit entfernt, in der morgendlichen Feuchteskälte, sah er eine riesige, schwarze Brücke, die über einen breiten Fluss führte.

Das musste die Elbe sein. ­Harry erkannte, dass es sich um eine Autobahn handelte, die dort über diese gewaltige, schwarze Eisenbrücke führte. Für ihn schien die Stadt unerreichbar.
Irgendwann hatte er es geschafft, wenigstens eine Straße zu finden, die aus Hamburg hinausführte. „Autobahn Bremen“ stand da und ­Harry beschloss, Hamburg hinter sich zu lassen, bevor er die Stadt überhaupt gesehen hatte.
Trampend, in seinem coolen Ausfallschritt, ein Bein auf der Straße und den Daumen in Richtung Bremen gestreckt. Das fand ­Harry toll. Wie ein Globetrotter fühlte er sich und er wünschte, dass aus einem der vorbeifahrenden Autos irgendeiner seiner Kumpels ihn sehen könnte und dann in der Schule erzählte, dass ­Harry in Hamburg sei. Ganz vertieft war er in seinen Traum und so merkte er nicht, dass hinter ihm ein Ford Transit angehalten hatte. Zwei Freaks aus Hamburg saßen drin und die mussten erst umständlich das Fenster runterkurbeln, um ­Harry zu rufen. „Amsterdam“, rief die blonde Frau rückwärtsblickend aus dem Fenster. ­Harry rannte hin, stieg ein und entschloss sofort, bis Amsterdam zu fahren. Drinnen roch es nach Zigarettenrauch und Räucherstäbchen. Das Auto war ein umgebauter Campingbus und sehr gemütlich eingerichtet. Alles war mit bunten Tüchern und rotem Samt verkleidet und auf dem Boden lagen drei kleine, orientalische Teppiche.
Während aus den ziemlich großen Boxen laute Musik dröhnte, breitete ­Harry seinen Schlafsack zum Trocknen aus und setzte sich anschließend auf die mit einem indischen Tuch bedeckte Matratze. In das Tuch waren viele kleine, runde Spiegel eingenäht und ­Harry bewunderte die farbigen Muster drumherum. Nach ein paar Kilometern hielten sie an einem hinter Bäumen gelegenen Parkplatz. Der Fahrer öffnete seine Tür und drehte sich zu Harry.
„Wir sind Cindy und Bert!“, erklärte er, bevor er und seine Begleiterin ausstiegen und ­Harry von außen die Seitentür aufschoben.
Und bevor ­Harry über die Namen grinsen konnte, weil er an die Schlagersänger Cindy und Bert denken musste, schob Bert noch nach, dass sie eigentlich anders hießen, aber alle Freunde nannten sie so, weil sie dem richtigen Bert und der richtigen Cindy so ähnlichsehen würden.
„Ich bin Harry!“, stellte er sich vor und streckte die Hand zum Gruß aus. Cindy und Bert waren aber schon beschäftigt und packten ein paar Tüten mit Essen aus. ­Harry war eingeladen und ließ es sich schmecken: Hühnchen, verschiedene Wurstsorten, Käse, Brötchen, Schokolade, eine Flasche Wasser und Orangensaft. Er erfuhr, dass die beiden in England aufgewachsen waren und schon als Kinder zusammen im Sandkasten gespielt hatten.
Die Eltern der beiden waren ebenfalls gute Freunde und als die eine Familie vor 15 Jahren nach Deutschland zog, kam die andere zwei Jahre später nach.
„Jetzt wohnen wir alle in einem großen Haus mit vier Wohnungen, in Worpswede zwischen Bremen und Hamburg“, erklärte Cindy.
„Naja – eigentlich ganz nah bei Bremen“, merkte Bert an. ­Harry bemerkte jetzt einen feinen englischen Akzent. „Worpswede ist eine tolle Ecke – nicht weit vom Meer weg, nahe an Bremen, und nicht so weit von Hamburg“, warf Bert ein. „Viele Künstler wohnen dort. Unsere Eltern malen alle.“
„Ja – auch nach Amsterdam dauert’s nur vier Stunden!“, lachte Cindy. „Und du? Was machst du?“ Sie blickte ­Harry direkt in die Augen und entdeckte darin eine Unruhe.
„Ich?“, meinte ­Harry überrascht. „Ich bin zu Hause weggelaufen. Ich habe die Schnauze voll. Die sollen mich einfach in Ruhe lassen.“ Er sagte das so cool wie möglich.
„Was ist denn passiert?“, fragte Cindy besorgt und mit einem feinen Grinsen auf den Lippen.
„Ja, was war denn, dass du weggelaufen bist?“, wollte auch Bert wissen und schaute ­Harry streng an.
„Ja, ich habe die Schnauze halt voll und so – die sollen mich mal.“
„Ja und warum denn?“
„Weil es alles Arschlöcher sind. Ich lasse mich doch nicht dauernd bevormunden.“
„Willst du uns nicht sagen, was passiert ist? Ich meine …“
„Schule und so halt …“, unterbrach Harry.
„Ja, aber was machst du denn jetzt? Du stehst doch jetzt auf der Straße, wenn du nicht gerade bei uns im Bus mitfährst“, sorgte sich Cindy.
„Ich finde schon was. Ich kenne auch jemanden in Amsterdam“, log Harry.
„Du kennst jemanden in Amsterdam? Verwandte oder so? Na dann bist du ja aufgehoben.“
„Ja, schon. Ich habe kein Problem“, antwortete ­Harry unsicher, während Cindy die Tüten und Flaschen wieder zusammenpackte.
„Was hörst du denn für Musik?“, erkundigte sich Bert, als er wieder auf seinen Fahrersitz kletterte.
„Genesis, Moody Blues, Wishbone Ash, Pink Floyd, Mike Oldfield und so. “
„Genesis hat eine neue Scheibe herausgebracht“, wusste Bert.
„Ach ja? Super! Ich kenne nur Selling England By The Pound, Foxtrot und Nursery Crime. Wie heißt die neue?“
„The Lamb Lies Down on Broadway.“ Bert startete das Auto.
„Was?“
„Der Titel! Die neue heißt The Lamb Lies Down on Broadway“, rief Bert nach hinten.
„Ach so! Und? Ist sie so gut wie Selling England?“
„Ich weiß nicht, ich habe sie noch nicht gehört, aber ich weiß, dass es sie gibt!“
Harry machte es sich wieder gemütlich und wartete auf die Grenze zu Holland. Davor hatte er Angst. Die beiden Zöllner wiesen den Transit zum Wartebereich und schauten hinein. Dann wunderten sie sich über den Geruch im Wagen, winkten zwei Kollegen heran und alle mussten aussteigen. Die Ausweise wurden überprüft und zwei Reisetaschen durchsucht. ­Harry erstarrte.
Er versuchte, gleichgültig zu schauen, aber er fühlte, wie ihm das nicht gelang, und schlenderte vom Fahrzeug weg. Er drehte sich um und sah die Straße entlang, dahin, wo sie hergekommen waren. Er beobachtete andere Autofahrer wie sie – einer nach dem anderen durchgewinkt wurden, hinüber in die Niederlande. ­Harry erkannte, wie hinter einer Scheibe des Zollhauses einer der Beamten aufgeregt telefonierte. Er war sicher, dass dieser Beamte auch noch in seine Richtung schaute. Sein Herz schlug bis zum Hals.
„Harry! Jetzt komm endlich!“ rief jemand. Erleichtert sah Harry, wie Bert mit den Ausweisen in der Hand winkend auf ihn zukam. „Komm jetzt, wir müssen los! Wir rufen dich schon das dritte Mal.“
Harry beeilte sich. Er hatte nicht gemerkt, dass er schon gut 50 Meter vom Fahrzeug weggegangen war.
„Die haben nur kurz reingeguckt“, meinte Cindy.
„Du bist fast genau in dem Moment weggelaufen, als sie fertig waren“, rief Bert beim Einsteigen. „Wir haben inzwischen den Müll entsorgt.“
Beim Weiterfahren fühlte sich ­Harry gleich wieder gut. Jetzt war die größte Hürde überwunden. Er fühlte sich frei und einige Stunden später fuhr der rote Transit in Amsterdam ein.
Direkt vor dem Hauptbahnhof, am Damrak, ließen ihn die beiden aus dem Wagen.
„Wir fahren da jetzt weiter, für dich ist es klasse hier, denn es ist ganz nah zum Zentrum und von hier kannst du dich auch gut abholen lassen.“
Harry ging etwas unsicher erst in den Hauptbahnhof, dann wieder hinaus, ging ein Stück die Straße hinauf in Richtung Dam und setzte sich auf eine Steinbank am inneren Hafen und schaute den Leuten zu, die die Rundfahrtschiffe für die abendliche Lichtertour bestiegen.
Harry wusste nicht, was er hier sollte. Er hatte ja nicht die geringste Ahnung von dieser Stadt und er kannte auch niemanden.
Jetzt ärgerte er sich, dass er Cindy und Bert angelogen hatte. Bestimmt hätte er bei ihnen bleiben können.
Die Größe der Stadt beeindruckte ihn, denn es war das erste Mal, dass er in einer so großen Stadt war. Hamburg konnte er ja nicht mitzählen. Außer ein paar rostigen Fabrikhallen und der großen schwarzen Brücke hatte er nicht viel gesehen.
Amsterdam, die Hauptstadt der Drogen. Das hatte ­Harry schon gehört und das klang spannend. Eine gute Möglichkeit, sich zu Hause einen Namen zu machen bei seinen Kumpels.
Wenn ich denen erzähle, ich sei in Amsterdam mit lauter coolen Typen und Dealern abgehangen. Wow, alle hören mir zu und jeder platzt vor Neid. Vor allem Gerd, der immer nur wichtigtut und irgendwelche Gewürze, stets anders gemischt, als Gras an seine Mitschüler verkauft. In Amsterdam, in der Nähe des Hauptbahnhofs, brauchte ­Harry nur ein paar Straßen entlangzulaufen und schon wurde ihm alles angeboten, was es unterm Himmel geben konnte. Haschisch, Koks, Heroin und LSD, Opium und Psilocybin, von dem ­Harry noch nie gehört hatte. In rosa beleuchteten Schaufenstern saßen Nutten und je später der Abend wurde, desto bunter wurde alles und umso mehr Kunden und neugierige Touristen bevölkerten das Viertel.
Gegen 22 Uhr waren die Straßen so voll wie auf einem Jahrmarkt. Dazwischen traf er immer wieder auf kleine Gruppen deutscher oder französischer Freaks. Ein paar Jungs, die an einer Gracht sitzend einen Joint ansteckten, luden ­Harry im Vorübergehen zum Mitrauchen ein.
Hier ist das Paradies, dachte Harry. Er nahm einen tiefen Zug aus dem Joint, inhalierte tief und – nichts. Weil ­Harry bis dahin noch nie Haschisch geraucht hatte, konnte der Körper noch nicht reagieren, es stellte sich noch keine Wirkung ein.
Die Jungs an der Gracht sollten natürlich nicht mitbekommen, dass es für ­Harry das allererste Mal war. Und weil er schon wusste, dass man über einen gewissen Zeitraum einige Male rauchen muss, ehe man eine Wirkung spürt, benahm er sich erst einmal so, wie er sich vorstellte, wie sich jemand benimmt, der bekifft ist. Er sprach etwas undeutlich und versuchte, einen Silberblick aufzusetzen.
Harry musste die Jungs begeistert haben. Wohl überrascht, dass ihr Dope so gut wirkte, schlug ihm einer auf die Schulter und lobte seinen eigenen Stoff über alles.
„Mann“, sagte der schließlich. „So breit wie du möchte ich auch gerne mal wieder sein.“
Harry war stolz, fühlte sich wichtig und alle guckten ihn an und lachten.
Wow, dachte er. Wenn das Gerd sehen könnte. Dann ging er weiter: Vom Dam den Damrak hinauf über den Heiligenweg, rüber zum Spuiplein dann entlang der Leidsestraat. Irgendwo im Gewühl der orangegelb beleuchteten Großstadt, ganz oben, auf dem Leidseplein, wo sich die Gaukler treffen, um ihre Shows abzuziehen, erkundigte sich ­Harry nach dem Weg zum Vondelpark, denn dort war das Mekka der Backpacker aus aller Welt. So hatten es ihm die Düsseldorfer an der Gracht gesagt. Unter Brücken und hinter Hecken und Büschen saßen oder lagen Freaks. Bekifft, auf LSD oder einfach nur sitzend, zugedröhnt, mit coolem Blick.
5 Sterne
Harry einfach Harry - 01.03.2025
Bärbel Wagner

Das Buch ist mega zu lesen.Für mich ein Kultbuch aus den 70er Jahren , genau was diese Zeit so hergab❤

5 Sterne
Harry einfach Harry - 01.03.2025
Bärbel Wagner

Ein Kultbuch aus den 70ern

5 Sterne
Harry einfach Harry - 01.03.2025

Das ist ein absolutes Kultbuch

5 Sterne
Authentisch und unprätentiös - 06.02.2025
Martin Biebel

Authentizität, das ist es, das Besondere dieses kapitellosen Gedankenstromes, bei dem man sich einfach bei keinem Satz vorstellen kann, dass es nicht genauso zugegangen wäre, bei Harry und in Sindeshausen.Das ist Gremmelspachers Gabe, einfach alles so echt hinzuschreiben, wie es in den 70ern, im Drogenmilieu oder in Nepal zuging, dass man sich unwillkürlich fragt, wie lange der Mann recherchiert hat. Oder hat er einfach ein photografisches Gedächtnis.Unprätentiös, das ist das andere Wort für diesen Schreibstil, für den das Wort Roman einfach garnicht passt. Eine Erzählung ist es, dramaturgisch unverdichtet und eben genau so wie das Leben ist, in seiner Dramatik wie in seiner Banalität. Es passiert Alles in diesem Buch, und doch regt es nicht auf, es läuft halt achselzuckend so, wie es eben ist, im Drogenmilieu eines unterbelichteten Schulabbrechers. Und plötzlich versteht man zum Beispiel wo sie herkommen, die Drogentoten im Stadtpark… Mir fällt vergleichbar nur Trainspotting ein. Ein Buch das mir gefehlt hat. Grossartig.

4 Sterne
Verfilmung gewünscht.... - 03.01.2025
Annette Liebel

Was für ein Typ dieser Harry doch ist. Ja, so richtig sympathisch ist er mir eigentlich nicht. Er ist ein Großmaul, ein Opportunist, ein Arbeitsscheuer und ein Träumer, er hat keine Angst vor Autoritäten- ein angry young man, aber doch ein Bürschchen, das Menschen und auch den Leser irgendwie in den Bann zieht. Er erlebt in diesen miefigen Deutschland der 60/ 70er Jahre seine Jugend. Die Eltern kommen nicht gut weg, die Schule kommt nicht gut weg. Die Stadt, in der er lebt kommt, nicht gut weg. Sindeshausen mit seinen Abhängorten steckt doch irgendwie in jeder Stadt, egal ob Darmstadt oder Freiburg oder sonstwo und auch die Typen aus dem Buch, die auftauchen, kommen einem irgendwie bekannt vor- aus einer Zeit, in der man sich noch traf und abhing und genau wusste, wo man sich findet, auch ohne Whats app und Handy. Harry geht seinen Weg konsequent inkonsequent, ein Weg des Widerstandes, der Provokation. Er ist naiv und frech, er lässt sich treiben. Er geht vorurteilsfrei auf die Leute zu, fällt immer wieder auf die Füße und kommt aus diesen Mief von Deutschland raus, indem er seinen Träumen folgt. Die Fernziele bekommt er erzählt und er reist einfach drauf los, obwohl es Grenzkontrollen gibt, obwohl es noch kein Handy gibt und siehe da, man kann weit kommen, wenn man träumt und ohne Detailplan ist. Harry macht, bevor er denkt und er redet, bevor er denkt. Auch wenn die Träume platzen- es ist nicht immer so schön an den Orten, an denen er landet, wie er sich denkt- es ergeben sich immer neue Gelegenheiten, Verblüffendes. Der Autor packt sehr, sehr viel rein in sein Debut. Vernünftig wird Harry nicht, er ist auch ein wenig größenwahnsinnig, lernt immer neue Leute kennen, die seine großen Idole werden. Man muss doch öfter über diesen Typen schmunzeln und die auch über die Namen seiner Begegnungen, ob Arsch oder Mecki. Das Buch hat für mich seine Stärken in den Passagen, in denen es um fremde Länder, fremde Kulturen geht, um den Blick ins Detail – davon gibt es jede Menge von Spanien; Marokko bis Kathmandu. Sprachlich ist es ein bisschen eckig, und Harry pflegt einen heftigen Ton, der in der heutigen Zeit politisch als unkorrekt gilt- ich möchte nicht wissen, wieviel Sternchen in der englischen Übersetzung auftauchen werden: „explizit language“- aber ja, die Atmosphäre der damaligen Zeit ist authentisch. Ich hätte mir gerne eine Gliederung Kapitel gewünscht, wo ich mal innehalten kann. Der mittlere Teil, als Harry in die Drogenszene bei sich in der Heimat abrutscht und letztendlich im Knast landet, ja, den finde ich ein bisschen langatmig. Der Knast ist es auch in vielen Passagen sehr detailliert, spricht mich nicht immer an, wirkt etwas konstruiert und zieht sich. Aber es lohnt sich auf jeden Fall durchzuhalten und Harrys Reise weiterzuverfolgen und es tauchen immer wieder verblüffende Passagen auf. Am Ende entdeckt Harry einen Blick für andere Menschen- Empathie- als er im Himalaya seine Träume verfolgt und dort den Einheimischen begegnet. Ja, man kann viel entdecken in dem Buch und man kann auch richtig nostalgisch werden – sogar ich, die gerade noch so das Ende dieser Zeit mitbekommen hat- knatternde Käfer und Grenzkontrollen und Langeweile als Motor für Träume und Ziele….Und man lernt, wo es den besten Apfelkuchen der Welt gibt und was Kristallpollen ist. Hier blitzt immer wieder der weitgereiste Dokumentarfilmer Gremmelspacher auf und wo seine Lieblingsmomente auf der Welt gedreht wurden- Soviel sei verraten- es sind nicht die Golfplätze. Man erkennt den vorurteilsfreien, neugierigen Blick für das echte Leben, die echten einfachen Menschen. Das ist für mich auch das Schöne an dem Buch, dass es Bilder bei mir im Kopf erzeugt und Träume erzeugt. Und ja ich könnte mir gut ne eine Verfilmung vorstellen, denn Gremmelspachers eigentliches Metier ist ja eher die Welt der Bilder und Schnitttechnik als die Welt der Worte. Ach ja, aber eigentlich müsste das Buch nicht „Harry einfach Harry „ heißen, sondern „Hasch- einfach Hasch“. Da ich selbst so überhaupt keine Affinität zu Drogenkonsum und Kiffen habe, ist es mir diese Drogenwelt manchmal etwas zu enthusiastisch und auch ein bisschen zu sehr im Fokus, wobei offensichtlich sehr authentisch. Man bekommt lässig eine komplette Einführung rund um das Thema Drogen. Harry wandelt traumtänzerisch durch die Gefahren von Sucht und Drogen hindurch, probiert alles, bleibt aber so ein bisschen wie Hans- im- Glück auf der sicheren Seite. Am Ende, als er den Trekkern im Himalaya begegnet, wird er erstmals richtig nachdenklich und merkt, dass die, die nur Drogen nehmen, Freaks sind und sich für nichts anderes interessieren und dass viel an ihnen vorbeizieht. Ich weiß nicht, wie viel mehr Harry von seiner Reisen hätte erleben können, wenn die Drogen nicht gewesen wären, aber diese Drogen sind sein eigentlicher Antrieb, seine Träume, sein Weg weg aus dem spießigen Milieu seiner Heimatstadt. Und ja, er ist noch jung am Ende…und wird seinen Weg noch gehen. So ganz versteh ich ihn am Ende nicht, er wirkt eigentlich angekommen…Und ich sehe ihn heute vor mir als immer noch neugierigen Mann, der in Asien lebt und sein Glück und seinen Sehnsuchtsort gefunden hat.Viel Spaß beim Lesen! Ich fand das Debut spannend…sieht man an der Länge der Rezension

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