Cover: Ursa Major - Das Glitzern der Wellen

Ursa Major - Das Glitzern der Wellen


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 170
ISBN: 978-3-99146-990-2
Erscheinungsdatum: 13.08.2024
Diane lebt in Südengland zu Beginn des 19. Jahrhunderts und ist in ihrem Leben als Ehefrau gefangen, bis sie während eines Ausritts von Piraten entführt wird. Als Gefangene beginnt sie auf See ihre Suche nach einem neuen freien Leben.
1. Letzter Ritt

Über die Nacht hatte sich das Wetter verschlechtert. Den ganzen Tag lang schien der Regen nicht aufhören zu wollen und Diane befürchtete schon, auf ihren letzten Ausritt verzichten zu müssen. Die Nähe zu den Pferden war eine der wenigen Freuden, die ihr geblieben war, nun wollte George ihr auch das noch nehmen. Ihr häufiger Aufenthalt in den Ställen und der lockere Umgang mit den Stallburschen waren nicht standesgemäß und schon gar nicht war es ihre Gewohnheit, in Männerkleidung zu reiten. An den Damensattel hatte sie sich nie gewöhnen können. Generell betrachtete Diane die sperrigen Frauenkleider als Bewegungsverhinderungspanzer, der es unmöglich machte, zu rennen, springen und durch die Gegend zu streifen. In ihren Augen dienten sie nur dazu, Frauen vom aktiven Leben fernzuhalten. Deshalb hatte sie sich Hosen und ein Hemd auf ihre Maße schneidern lassen.
Auf Pferderücken war sie glücklich und wenigstens beim Reiten wollte sie sich frei fühlen, frei von den Zwängen der Etikette. Aber auch damit sollte es nun vorbei sein.
Am Nachmittag ließ der Regen endlich nach. Rasch schlüpfte Diane in ihre Reitkleider und eilte zum Stall, der abseits des Hauses verborgen unter einigen alten Buchen lag.
Joel, der Stallmeister, kam ihr im Hof entgegen. „Madame, es tut mir so leid, Sie wissen sicher schon, dass Duke und Belle verkauft wurden. Mr. Ballister holt sie morgen ab.“ Mr. Ballister war der Pferdehändler, Diane sollte also nicht einmal erfahren, in welche Hände ihre Pferde geraten würden. Joel fühlte mit ihr, das war offensichtlich, aber ebenso wie Diane, war er machtlos gegen den Willen des Hausherrn. Sein Ton war familiärer, als es sich für einen Dienstboten geziemte, aber ihr war das recht so. Er teilte ihre Liebe zu Pferden und war einer der Wenigen, zu denen sie Vertrauen hatte und Zuneigung empfand.
„Joel, ich bin ganz verzweifelt, ich kann aber nichts dagegen unternehmen. Heute will ich zum Abschied wenigstens noch einen langen Ausritt machen.“
Mit Tränen in den Augen holte sie ihre beiden Pferde aus den Boxen. Zutraulich legte Duke seinen Kopf auf Dianes Schulter und schnaubte entspannt. Mit ihren Armen umfing sie seinen Hals und nahm die Wärme des großen Tieres in sich auf. Morgen würde er ebenso wie Belle in den Händen fremder Menschen sein, die Vorstellung der Leere im Stall war für sie kaum zu ertragen.
Sorgfältig striegelte sie ihr glänzendes Fell, kämmte Mähne und Schweif, kraulte die Tiere zwischen den Ohren und sprach mit ihnen. Beide waren ihr zugetan, und ließen die Prozedur genüsslich über sich ergehen.
Diane hatte sich vorgenommen, heute ihre temperamentvolle Fuchsstute Belle zu reiten, die sie besonders liebte. Ihr Galopp war wie Fliegen, mit ihr wollte Diane am liebsten davonfliegen und nie wiederkehren.
Joel hielt die Stute am Zügel, während Diane aufstieg, er wünschte ihr einen schönen Ritt, als sie den Hof verließ.
Die Luft war feucht und roch nach Laub und Humus. Diane sog genießerisch ihre Lungen voll, während die Zweige, an denen noch Tropfen hingen, nass ihre Wangen streichelten. Die dicke Wolkendecke ließ wenig Licht durch und es schien zu dämmern, obwohl die Sonne an diesem Augustnachmittag noch hoch über dem Horizont stand. Im Schritt ritt sie den sandigen Weg entlang, der durch ein Wäldchen zum Strand führte. Um sie herum war es still bis auf das Geräusch der schweren Tropfen, die von den Blättern zur Erde fielen.
Das Pferd schritt am langen Zügel fleißig voran und schnaubte von Zeit zu Zeit. Die Hufe gaben ein schmatzendes Geräusch von sich, wenn sie im nassen Boden ein Stück versanken. Zwischen den Bäumen war es fast dunkel, aber am Ende des Pfades, wo sich der Wald lichtete, schimmerte das Meer zwischen den Stämmen. Unter den Pferdehufen wurde der Boden immer fester, und die frische Meeresluft verdrängte den Duft der Blätter. Ein Gefühl von Freiheit kam in Diane auf. Sie liebte die Gerüche, den Wind, und die Einheit, die sie mit dem Pferd verband. Der warme Körper des Tieres zwischen ihren Beinen und die kühle Meeresbrise, die ihr nun kräftig ins Gesicht wehte, zeigten ihr, heute zum letzten Mal, dass sie noch lebte.
Nachdem sie den Wald hinter sich gelassen hatte, hielt sie die Stute an und stieg ab. Hier versperrte eine Klippe den direkten Zugang zum Strand. Diane streifte den Zügel über die Ohren ihres Pferdes und ließ es grasen, während sie sich auf einen Felsen setzte und in die Weite des Ozeans blickte. Oft war sie in der Vergangenheit hier gesessen, nie dabei einem Menschen begegnet. Jeden Tag zeigte das Meer ein anderes Gesicht, manchmal freundlich, glatt und blau, heute aber grau und aufgewühlt, mit Wellen, die sich geräuschvoll am Ufer brachen. Über das Wasser schweiften ihre Gedanken in die Ferne, frei und ungehindert zu fernen Horizonten. Im Vergleich dazu erschienen die Enge und Aussichtslosigkeit ihres Lebens auf Fonteyn House noch erdrückender. ‚Kein Lichtstreif am Horizont‘, als ihr dieser Spruch in den Sinn kam, musste sie beim Anblick des goldenen Streifens Sonnenlicht zwischen Himmel und Meer fast lächeln.
Um nicht vollends in ihren düsteren Gedanken zu versinken, stieg sie rasch wieder auf ihr Pferd und schlug den steilen Pfad hinunter zum Strand ein. Im lockeren Sand rutschte Belle mehr auf ihrer Hinterhand, als dass sie schritt. Diane gab die Zügel nach und entlastete die Vorhand, indem sie sich nach hinten lehnte und sich der Trittsicherheit ihrer Stute anvertraute.
Schließlich erreichten sie den festen Boden am Meeressaum. Kein Mensch war zu sehen. An diesem kühlen und feuchten Nachmittag wollten die Wenigsten ihre trockenen Häuser verlassen. Die Illusion, allein auf der Welt zu sein, beflügelte sie. Keine Kontrolle, kein Getuschel hinter ihrem Rücken, all das war weit weg, vor ihr lag ein Stück grenzenloser Freiheit. Da, wo die Sonne hinter den Wolken verschwunden war, zog sich nun ein schmaler türkisfarbener Streifen über den Horizont. Die Brise ließ die Mähne des Pferdes flattern, wie ein Lebenshauch umfing sie der frische Wind.
Zu ihrer Rechten dehnte sich der Sandstrand so weit sie sehen konnte. Als Diane vorsichtig die Zügel aufnahm, begann Belle nervös zu trippeln, denn jetzt kam die gewohnte Galoppstrecke. Diane brauchte nur leicht die Zügel nachzugeben, und schon schoss das Tier mit langen flachen Sprüngen über den festen Sandstreifen zwischen Wasser und Dünen.
Diane stand in den Bügeln, ihr Gesicht berührte fast die spitzen Ohren vor ihr, sie flüsterte: „Ruhig, ruhig!“ Die Geschwindigkeit, der Wind in ihren Haaren raubten ihr beinahe den Atem. Gleichmäßig hämmerten die Hufe über den Boden und ließen den Sand aufspritzen.
In der Ferne versperrte ein Felsen den Strand. Die Stute verlangsamte allmählich von allein ihren wilden Lauf. Nun lenkte Diane ihr Pferd wieder im Schritt durch die Dünen zwischen das Gestrüpp landeinwärts. Hier war der Sand locker und tief. Die Hufe hatten Mühe, im nachgebenden Boden Halt zu finden. Das Fell des Pferdes fühlte sich feucht an und die Adern traten deutlich unter der warmen gut durchbluteten Haut hervor. Diane sog den Duft des Schweißes tief ein. Sie fühlte sich glücklich, als sie den Rücken des schwer arbeitenden Tieres entlastete, und klopfte seinen angespannten Hals.
Plötzlich riss die Stute den Kopf hoch, beinahe hätte der Mähnenkamm Diane mit voller Wucht ins Gesicht getroffen. Eine Gestalt war hinter einem Baum hervorgesprungen und griff nach dem Zügel. Von beiden Seiten sprangen weitere Schatten aus der Dämmerung und versperrten ihr den Weg. Völlig überrascht bohrte Diane ihre Absätze in die Flanken und riss das Tier herum. Belle bäumte sich auf, befreite sich vom Griff am Zügel und lief in mühsamen Sprüngen durch den tiefen Sand zurück zum Strand. Als die Stute wieder festen Boden unter den Hufen hatte, stürmten weitere dunkle Gestalten aus dem Schatten eines Felsens auf sie zu. Das Pferd erschrak und scheute plötzlich zur Seite, Diane verlor den Halt und stürzte in den Sand.
Ein Mann warf sich über sie und versuchte, sie unter seinem Gewicht niederzudrücken. Blitzschnell rollte Diane zur Seite, es gelang ihr, auf die Beine zu kommen und einige Schritte vorwärts zu stolpern, als gleichzeitig von der Seite mehrere Gestalten über sie herfielen. Ein harter Griff brachte sie erneut aus dem Gleichgewicht. Sie kämpfte, trat und schlug wild um sich, hatte jedoch gegen die Kraft der Angreifer keine Chance. Ihr Gesicht wurde niedergedrückt, zwischen den Zähnen knirschte der Sand, Sand brannte in ihren Augen, sie fürchtete, im Sand zu ersticken. Sie konnte sich nicht mehr bewegen, ein Knie bohrte sich in ihren Rücken, über ihren Beinen lag das Gewicht eines Körpers, ihre Arme wurden nach hinten gerissen und ein rauer Strick schlang sich um ihre Handgelenke.
Das Ganze spielte sich fast lautlos ab, nur Keuchen und Stöhnen waren zu hören. Sie lag jetzt auf dem Boden, und hatte ihren Widerstand aufgegeben.
Zum ersten Mal hörte sie eine Stimme: „Was ist mit dem Pferd?“ „Schieß es ab“, war die Antwort. Diane bäumte sich auf, wollte schreien, doch nur ein Krächzen drang aus ihrer Kehle. Ein Knall und dann das Trommeln sich entfernenden Galopps waren zu hören. Hysterisches Lachen schüttelte Dianes Körper. „Wir müssen weg, bald wimmelt es hier von Suchtrupps“, war von einer der Stimmen zu vernehmen.
Zwei Männer rissen sie auf und zerrten sie zum Wasser. Ihre Knie gaben nach, sie sackte zusammen. Wollte man sie umbringen? Sie war zu erschöpft, um sich weiter zu wehren, empfand in dem Moment aber auch keine Angst. Übermächtig war allein das Gefühl des Nichtverstehens. Was geschah hier und wer war das?
Nun wurde sie getragen, grobe Hände zerrten an ihrem Körper, vergeblich suchten ihre Füße Halt.
Plötzlich spritzte Wasser. Sollte sie ertränkt werden wie eine Katze? Wilde Panik überkam sie. Sie wollte schreien, brachte aber keinen Ton aus ihrem weit aufgerissenen Mund heraus. Erneut wehrte sie sich mit aller Kraft, aber zu viele Arme hielten sie fest. Warum sollte sie hier so sinnlos sterben? Durch die Hände von Menschen, die sie nicht kannte, unter Wasser gedrückt, bis sie nicht mehr zappelte?
Sie wurde emporgehoben und landete unsanft auf den harten Brettern eines Bootes. Sie spürte das Schwanken, als ihre Entführer zustiegen. Dann wurde sie an den Schultern hinaufgezogen und an die Bordwand gelehnt. Sie war fast besinnungslos, der Vorgang hatte etwas so Surreales, dass sie ihre Gedanken nicht in den Griff bekam.
Inzwischen war es nahezu dunkel, der helle Streifen am Himmel hatte eine tiefblaue Farbe angenommen. Niemand sprach ein Wort, nur das Knarren der Riemen in den Dollen und das leise Keuchen der Ruderer waren zu hören. Ausgeliefert und orientierungslos hatte Diane jedes Zeitgefühl verloren. Fuhren sie seit Stunden oder erst Minuten über das Wasser? Sie konnte es nicht sagen. Lediglich ein tiefblauer Streifen da, wo die Sonne untergegangen war, zeigte ihr, dass die Abenddämmerung fortgeschritten war. Mit ihrer Zunge versuchte sie, den Sand aus ihrem Mund zu befördern, während die Fesseln schmerzhaft in ihre Handgelenke schnitten.
Vorsichtig hob sie die Augen und erblickte über sich die dunkle Silhouette eines Mannes, der den Kopf abgewendet hatte und gespannt auf das Meer hinausschaute Sie folgte seinem Blick und sah in den Lücken zwischen den Wolken Sterne funkeln. Im Mondlicht erschienen helle Segel vor dem Horizont und wuchsen rasch empor. Das Schlagen des Segeltuches war bereits zu hören, und schon bald überragte sie der schwarze Schatten eines großen Schiffsrumpfes.
Ein Ruf ertönte neben ihr und wurde von Bord beantwortet. Um sie entstand leichte Unruhe und ein weicher Stoß signalisierte, dass das Boot angelegt hatte. Diane wurde emporgehoben, ihre Fesseln durchschnitten. Sie versuchte, auf den schwankenden Planken Halt zu bewahren, knickte jedoch immer wieder ein. Zwei Arme zerrten sie voran, bis sie am dunklen Rumpf vor sich ein Fallreep sah. Sie sollte da hinaufklettern, das war ihr klar, aber ihre Glieder gehorchten nicht, ihre Hände griffen nicht, und ihre Knie trugen sie nicht. Bisher war noch kein Wort gesprochen, da hörte sie: „Lass eine Leine runter.“ Sogleich spürte sie, wie das Seil um ihre Brust verknotet und sie langsam nach oben gehievt wurde. Sie klammerte sich fest, wurde geschoben und gezogen, bis sie wieder den Himmel erblickte. Zwei Männer griffen nach ihr, hoben sie über die Reling und legten sie vorsichtig auf das trockene feste Deck.
Sie schloss die Augen und vernahm nur die Schritte um sich herum auf den Schiffsplanken, leises Murmeln, bis sie wieder von kräftigen Armen ergriffen und auf die Beine gestellt wurde. Auf beiden Seiten unterstützt, schwankte sie vorwärts, bis sich plötzlich eine gähnende Schwärze vor ihr auftat, die sie zurückschrecken ließ. Der dunkelblaue Himmel, die Sterne verschwanden und sie wurde von der Finsternis verschluckt. Sie stolperte eine steile Stiege hinunter, eine Gestalt führte sie und stützte sie, wenn sie über den Boden des Schiffsbauchs stolperte. Ihnen folgte jemand mit einer Laterne, die gespenstische Schatten an den Wänden aufflackern ließ.
Sie wurde auf einen Balken gesetzt, etwas Kaltes schloss sich um ihr Fußgelenk. Dann entfernten sich die Schritte mit dem Licht, das blaue Viereck, durch das sie hereingekommen war, verschwand. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte sie erfolglos, einen Lichtstrahl zu erspähen, aber auch bei größter Anstrengung konnte sie rein gar nichts sehen. Sie war gefangen in einem Albtraum, schwebend in undurchdringlicher Finsternis. In der Dunkelheit erschienen die Geräusche an Deck intensiver, das Knarren des Holzes, Schritte, Stimmen, der helle Pfiff einer Pfeife, und plötzlich, lauter, ertönten Kommandos. Eiliger dröhnten die Schritte über ihrem Kopf, dann das ohrenbetäubende Rasseln der Ankerkette, mit einem leichten Ruck neigte sich das Schiff. Nur eine Handbreit entfernt von ihr, lediglich getrennt durch die Schiffswand, rauschte das Wasser. Sie waren auf Fahrt.
Das Schiff hatte sich in Bewegung gesetzt, mit ihr als Gefangene.
Eine unermessliche Müdigkeit überkam sie, sie glitt von dem Balken, der ihr als Sitzplatz diente hinunter und blieb erschöpft auf den harten Brettern liegen.

Mit einem leisen Schrei schreckte Diane hoch. Stille und Dunkelheit umgaben sie. Sie ertastete ihre schmerzende Lippe, sie war dick und geschwollen, und überall spürte sie noch den Sand. Er knirschte zwischen den Zähnen, der Mund so trocken, dass Schlucken nicht möglich war. Unsäglicher Durst plagte sie. Als sie versuchte, den Sand aus ihrer Kleidung zu streifen, klirrte bei jeder Bewegung leise die Kette, die ihren rechten Knöchel umfing. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, die Erinnerung an die letzten Ereignisse geisterte durch ihren Kopf wie die Bruchstücke eines Traumes. Nur langsam gelang es ihrem Verstand, das Geschehene zu erfassen. Sie war entführt worden und befand sich auf einem Schiff.
Vorsichtig setzte sie sich auf. Ihre Gliedmaßen waren steif und jede Bewegung schmerzte. Der Boden bestand aus rohen Brettern und sie lehnte an einem dicken Balken, dessen Ende sie in beiden Richtungen nicht ertasten konnte. Die Kette um ihren Fuß war nicht besonders schwer, ihr war aber sofort klar, dass es ihr niemals gelingen würde, sie zu durchbrechen. Sie zog daran, bis sie sich spannte und richtete sich daran auf. Das Schiff lag ruhig im Wasser, und dennoch gelang es ihr zunächst kaum, das Gleichgewicht zu halten. Sie tastete sich an ihrer Fessel entlang, bis sie deren Anfang erreichte. Sie war wenige Fuß lang und locker um einen mächtigen runden Holzpfosten geschlungen, den sie mit ihren Armen kaum zur Hälfte umfassen konnte, wahrscheinlich der Fuß eines Mastes. Beim Versuch, den Mast zu umrunden, stolperte sie über etwas Weiches, Raschelndes, das auf dem Boden lag. Sie ertastete einen Strohsack, über den eine Wolldecke gebreitet war. Man hatte ihr ein Lager bereitet.
Mit jeder Bewegung bekam sie ihren Körper besser in den Griff. Ihr Herz schlug zwar noch wie rasend und ihre Hände fühlten sich eiskalt und feucht an, aber ihre Knie hatten aufgehört zu zittern, und sie stand jetzt aufrecht, ohne zu schwanken. Die absolute Finsternis jedoch machte ihr zu schaffen. Sie hatte ihre Augen so weit aufgerissen, dass sie schmerzten, und dennoch konnte sie nicht den geringsten Lichtstrahl wahrnehmen.
Sie setzte sich auf den Strohsack, legte das Gesicht in die Hände und versuchte, nachzudenken. Warum ein Schiff? Was hatte man mit ihr vor? Die Antwort kam wie ein Schlag. Plötzlich war ihr die Lage völlig klar, sie wusste, wo sie sich befand und warum. Gleichzeitig wusste sie, dass es für sie keine Hoffnung gab.




2. George

Nur wenige Stunden war es her, eine andere Welt, eine andere Zeit.
Sie stand am oberen Ende der breiten Treppe und blickte auf die Gesellschaft unter ihr. Neugierige Augen wandten sich ihr zu, als sie langsam hinunterstieg. Mit jedem Schritt wurde die Luft schwüler, und der schwere Duft, der von den Gästen ausströmte, füllte ihre Lungen wie eine nahrhafte Brühe. Im Raum war es stickig und heiß, dennoch blieben die großen Flügeltüren zum Schutz der nackten Schultern und tiefen Dekolletés geschlossen.
Diane griff nach einem Glas Champagner, wenigstens dieses Getränk vermittelte die Illusion von Frische.
Im Dinner-Saal von Fonteyn House hatte sich die feine Gesellschaft von Dartmouth und Umgebung versammelt, und George hatte weder Geld noch Mühe gescheut, um seiner Selbstdarstellung den würdigen Rahmen zu geben. Diane stand allein am Fenster und war froh, keines dieser öden Gespräche führen zu müssen. Vor allem, da ihr die Neuigkeit, um die sich zurzeit alles drehte, besonders zuwider war.
Von weitem sah sie zwei ältere, hagere Gestalten zielstrebig auf sich zusteuern, vergeblich wandte sie den Blick ab auf der Suche nach einem Fluchtweg. Lady Carnavon und Mrs. Huntington hegten keineswegs Interesse oder Sympathie für ihre Person, das wusste sie. Es war allein die Begierde, neue Details über Georges Heldentat zu erfahren, die sie das Gespräch mit ihr suchen ließen. Diane erfuhr immer sehr schnell, was über sie geredet wurde. ‚Gute Freunde‘ hatten es allzu eilig, ihr alles Geschwätz zu hintertragen. Deshalb war sie bestens darüber informiert, wie wenig sie in den vornehmen Kreisen von Dartmouth akzeptiert wurde. Dafür missachtete sie zu viele Regeln. Sie hatte sich bemüht, hatte Empfänge zum Tee für die Damen gegeben, wollte mit ihnen ins Gespräch kommen, konnte auf Dauer jedoch das gezierte Getue nicht ertragen und reagierte auf die üblichen verlogenen Schmeicheleien oder das bösartige Getratsche schließlich mit Gleichgültigkeit oder schroffer Ablehnung. Andererseits stieß sie mit ihrer spontanen ungekünstelten Art auch auf völliges Unverständnis. Es war, als spräche man verschiedene Sprachen. Die Folge war, dass Diane in ihrem Umfeld keinen einzigen Menschen hatte, dem sie vertraute und mit dem sie sich einigermaßen verstand. Schon gar nicht mit den zwei Damen, die inzwischen bei ihr angelangt waren.
„Ach, liebste Diane,“ begann Lady Carnavon, „erzählen Sie uns doch noch weitere Einzelheiten über die Gefangennahme dieses Piraten, man sagt, Sie hätten ihn gesehen.“ Diane hatte den Kerl tatsächlich gesehen, als man ihn in die Festung einlieferte. Ein dunkelhaariger noch recht junger Mann, käseweiß im Gesicht vom Blutverlust aufgrund seiner Verletzung, der eher geschleift wurde, als dass er selbst gehen konnte. Gefährlich hatte er nicht ausgesehen, und Diane hatte etwas wie Mitleid empfunden, obwohl er und seinesgleichen seit einigen Wochen die ganze Küste unsicher machten, was zur Folge hatte, dass sich kaum noch ein Schiff aus dem Hafen wagte. Für viele der anwesenden Gäste war dadurch erheblicher wirtschaftlicher Schaden entstanden, weniger durch direkte Aktionen der Piraten als durch das nahezu vollständige Erliegen jeglichen Seehandels in der Region. Es war ein einziges Schiff, dem es gelungen war, die Gegend in Atem zu halten. Seit Menschengedenken hatten in diesem Teil Englands keine Piraten mehr ihr Unwesen getrieben, deshalb fehlten auch alle Mittel zu ihrer Abwehr. Ihr Anführer, ein irischer Verbrecher, erschwerte die Verfolgung zusätzlich dadurch, dass kein Coup dem anderen glich und dass er nach vollbrachter Tat jedes Mal spurlos verschwand. Er war über die Verhältnisse in Devon bestens informiert und musste Beziehungen zur Bevölkerung haben, war aber nicht zu fassen. Glitschig wie ein Aal entkam er, ohne jemals Spuren zu hinterlassen.
Der Entdeckung seines Verstecks war George als verantwortlicher Gouverneur jetzt einen guten Schritt nähergekommen, und er kostete den Ruhm seiner Tat weidlich aus.
„Es tut mir leid, Lady Sophie, aber ich weiß auch nicht mehr zu erzählen, als mein Mann es schon den ganzen Nachmittag tut. Sehen Sie, er gibt den Bericht schon wieder zum Besten, ich würde Ihnen empfehlen, sich an ihn zu wenden.“ Sie wies auf eine Gruppe von Leuten neben dem Kamin, aus deren Mitte Georges überdrehte Stimme bis zu ihr durchdrang.
...
4 Sterne
Ursa Major, das glitzern der Wellen - 02.12.2024
Heinz Fischer

Erst dachte ich, typisches Frauenbuch. Dann aber fesselte mich die Handlung, flott geschrieben ohne ermüdende Längen. Das Ende ist offen. Wie geht's weiter?

5 Sterne
Schön, Herzerwärmend. viel Abenteuer - 20.11.2024
Gerhard Erdmann

Mit viel Vergnügen gelesen. Stimmig die Umgebung der Geschichte. Ich freue mich, wenn sie mehr schreibt.

5 Sterne
Spannend! - 20.11.2024
Sabine

Die Geschichte Dianes, die auf ein Schiff entfuehrt wird, ist total spannend erzaehlt. Ich habe das Buch in einer Nacht durchgelesen. Diane entgeht knapp dem Tod und erkaempft sich gegen alle Widerstaende und Schikanen schliesslich ihren Platz in der Mannschaft. Ich hoffe auf eine Fotsetzung.

5 Sterne
Super Spannung! - 10.10.2024
Gallmayer Sigrid

Die Schreiberin versetzte mich in eine mir unbekannte Welt. Ich erfuhr über das Leben auf dem Meer zu früheren Zeiten und schaute in die Welt der Männer.Es gelang Marie de la Bruyere, solch einen Spannungsbogen zu erstellen, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte.Mit stimmigen Adjektiven malte die Verfasserin tolle Bilder.Ich hoffe stark auf den Fortsetzungsband!

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