Pegasus
Bitterer Zucker
EUR 15,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 196
ISBN: 978-3-7116-1472-8
Erscheinungsdatum: 09.04.2026
1811. Diane, Tochter aus vornehmer Familie, hat es auf St. Vincent in die Karibik verschlagen, wo sie sich in ihr neues Leben im Haus ihres Geliebten John einrichtet.In dieser fremden Welt wird sie mit dem Horror der Sklaverei konfrontiert.
Ankunft
Seitdem sie den kleinen Hafen von Layou verlassen hatten, führte die schmale Straße stetig und manchmal recht steil bergauf. Der Kutscher motivierte die Pferde zu Höchstleistungen, indem er kräftig auf sie einschlug.
Zu viert, gemeinsam mit Johannes, dessen Haus unweit von Johns eigenem stand, hatten sie den Wagen angeheuert, der sie nach langer Abwesenheit endlich wieder heimbringen sollte.
Francis und Johann war die Vorfreude deutlich anzumerken. Der eine rutschte auf dem Sitz unruhig hin und her, während der andere mit den Fingern nervös auf seinen Schenkeln klopfte und nach innen lächelte.
Nur für Diane eröffnete sich eine neue, fremde Welt. Mit gemischten Gefühlen blickte sie in die nahe Zukunft. Sie zog in das Haus eines Mannes ein, den sie erst vor drei Monaten kennengelernt hatte, unter Bedingungen, die zu Beginn alles andere als erfreulich gewesen waren.
Nach etwa einer halben Stunde erreichten sie das Haus. Es lag auf einer Anhöhe an der westlichen Seite der Insel. Der Eingang öffnete sich nach Osten, üppige Bäume und einige Palmen spendeten wohltuenden Schatten. Das Gebäude war weiß gestrichen, nicht besonders groß, ein Mitteltrakt mit zwei Seitenflügeln, die Richtung Meer ragten. Durch das Grün der Vegetation leuchtete das hellrote Ziegeldach. Ein geschnitzter Bogen überspannte das Tor, er war die einzige Verzierung am ansonsten schlichten und schnörkellosen Bau. Insgeheim verglich Diane dieses Haus mit der pompösen Villa, in der sie bis vor Kurzem zusammen mit ihrem Ehemann George gelebt hatte. Johns Haus dagegen wirkte einladend durch seine geradlinige Einfachheit.
Der Kutscher zog heftig an den Zügeln und beide Pferdchen stemmten ihre Beine in den Boden, sodass sie noch einige Zentimeter auf dem lockeren Schotter rutschten. Geräuschvoll blieb die Kutsche in der Einfahrt stehen.
John half Diane beim Aussteigen, umfing ihre Schultern und zeigte auf das Gebäude. „Willkommen in meinem Haus“, sagte er feierlich.
Zweimal bereits war sie in ein fremdes Haus, das ihr nicht gehörte, eingezogen. Noch nie zuvor hatte sie etwas Eigenes besessen, nun wiederholte sich die Prozedur zum dritten Mal, mit dem Unterschied, dass sie diesmal den Besitzer des Hauses liebte und sie sich im Besitz von über 80 Pfund befand, ihr Anteil an der Piratenbeute.
Francis war freudig vom Wagen heruntergesprungen und rannte Richtung Tür, die sich in diesem Moment öffnete. Eine etwas korpulente Frau und ein zierlicher Mann, beides schwarze Menschen, standen freudestrahlend im Hof. Francis stürzte sich in die geöffneten Arme der Frau und begrüßte sie stürmisch.
„Sind das deine Sklaven?“ flüsterte Diane.
„Wo denkst du hin“, lachte John. „Sie arbeiten für mich und ich bezahle sie gut.“
Er nahm Diane bei der Hand und stellte sie vor. „Das sind die guten Geister meines Hauses. Holly und Joseph, das ist Diane, sie wird fortan bei uns wohnen.“
Die Frau musterte Diane prüfend, dann streckte sie ihre Hand aus. „Ich hoffe, Sie werden sich hier wohlfühlen, Miss“, sagte sie und ein vorsichtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Der Kutscher wendete seinen Wagen, Johann verabschiedete sich noch im Abfahren: „Ich hoffe, ihr seid nicht böse, aber ich habe es eilig, nach Hause zu kommen!“
„Wir sehen uns bald!“ rief ihm John nach. „Er wohnt zwei Meilen nördlich von hier, wir sind Nachbarn“, erklärte er Diane. „Er kann es gar nicht erwarten, seine Frau und seine kleinen Söhne wiederzusehen.“
Dann nahm er Diane bei der Hand. „Komm, wir gehen ins Haus.“
Ihr einziges Gepäck war ein kleiner Seesack, darin befand sich ihr ganzes Hab und Gut. Ihr Geld war in Johanns Obhut, dort wusste sie es in guten Händen.
Im Eingangsbereich herrschte eine angenehme Kühle. Es war eine kleine Halle, in deren hinterem Teil eine Treppe nach oben führte. Links und rechts befanden sich Räume hinter dunklen Holztüren. Unschlüssig stand Diane mitten im Vorraum. Mit ihrer Seemannskleidung fühlte sie sich fremd und fehl am Platze in diesem neuen Zuhause. Nach den Wochen auf dem Schiff musste sie sich schon wieder umgewöhnen. Sie war niedergeschlagen und unterdrückte die Tränen, die sie hochsteigen spürte.
John legte seinen Arm um ihre Schulter. „Lass dein Gepäck hier liegen, ich zeige dir erst mal das Haus.“
Im oberen Stockwerk führten zwei Gänge nach links und rechts in die Seitenflügel. „Francis wohnt im Nordflügel, ich benutze den südlichen Teil. Es sind mehrere Zimmer, von denen ich eigentlich nur zwei bewohne. Es ist viel Platz im Haus, du kannst dir aussuchen, welche Räume du nutzen willst. Du hast dann deinen Bereich, ganz für dich.“
John öffnete jede Tür. Die Zimmer des Südflügels waren verdunkelt, um die Hitze des Tages draußen zu halten. Diane schob einen der Vorhänge zur Seite und blickte in einen Garten. Ein Rasenstück, zwei Kieswege und viel Vegetation. Rosen blühten in einem Beet, vor dem ein kleiner Tisch mit mehreren bequemen Sesseln stand. Der flache Teil des Gartens war nicht besonders groß, nach Westen hin schloss er mit einer Reihe dichter Bäume und Gebüsch ab, hinter denen es steil hinunter zum Meer ging. In der Ferne glitzerte der Ozean. Von den Zimmern aus würde man den Sonnenuntergang sehen. Diane atmete tief durch. Alles, was John ihr gezeigt hatte, gefiel ihr. Nichts davon war überladen. Genau wie das Haus waren die Räume schlicht und funktional eingerichtet, ohne Gold und Schnörkel, wie sie es in ihrem früheren Leben oft in Villen gesehen hatte. Allmählich beruhigte sich ihr Herz wieder, vor allem, weil John keine Anstalten machte, sie zu irgendetwas zu zwingen.
Der letzte Raum im Gang hatte drei Fenster. Das rechte öffnete sich zum Garten, das mittlere erlaubte einen weiten Blick aufs Meer.
„Hier würde ich mich vorerst gern einrichten“, erklärte sie. „Glaubst du, ich könnte etwas warmes Wasser bekommen, um mich zu waschen?“
„Natürlich, Holly wird dir alles bringen, was du brauchst. Und wenn du fertig bist, komm in den Garten. Wir essen etwas und trinken ein Glas Wein.“
Als sie allein war, setzte Diane sich ans Fenster und blickte in die Ferne. Die Stille, die sie umgab, war ungewohnt. Kein Knarren von Holz, kein Plätschern von Wellen, keine Schritte und Stimmen über ihrem Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob all das ihr nicht fehlte, oder ob sie die Ruhe genießen sollte. Was sie durchs Fenster sah, war schön. Das Wasser leuchtete noch blau in der beginnenden Abenddämmerung, die Bäume und Palmen wiegten sich sanft im Wind. Schon wieder kamen ihr die Tränen, war es Freude oder Trauer? Sie wusste es nicht, das neue Leben überwältigte sie einfach.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Joseph trug eine Blechwanne und einen Eimer warmes Wasser. Holly überreichte ihr den Seesack und ein großes Badetuch. „Ich hole noch Seife. Leider haben wir nichts Duftendes, bisher war das hier ein reiner Männerhaushalt. Morgen fahre ich gleich in die Stadt und besorge alles nach Ihren Wünschen“, erklärte sie. „Ich glaube aber, heute möchten Sie sich nur ausruhen und erst mal ankommen. Wenn Sie fertig sind, gibt es unten im Garten etwas zu essen.“
„Danke, Holly und Joseph, dass ihr euch so um mich kümmert. Das bin ich gar nicht mehr gewöhnt. Auf dem Schiff musste ich das meiste selbst machen und arbeiten wie ein Mann.“
„Sie Ärmste“, bedauerte Holly, „das wird sich jetzt sicher ändern.“
„Das war gar nicht so schlimm, als Mann hat man auch viel mehr Freiheiten, die möchte ich mir nicht mehr nehmen lassen.“
„Natürlich, Miss“, erwiderte ihr Holly, und Diane sah ihr an, dass sie noch nicht einordnen konnte, was sie von der neuen Mitbewohnerin halten sollte.
Die kleine Wanne war halb voll mit warmem Wasser, genug, um das Salz von ihrer Haut und den Haaren zu spülen. Als sie sich abgetrocknet hatte, kramte sie aus ihrem Seesack ihr leichtes Baumwollkleid heraus. Es war zerknittert und roch etwas muffig. Dennoch streifte sie es über, an der frischen Luft würde es hoffentlich wieder eine einigermaßen akzeptable Form erhalten.
Unten im Garten saßen John und Francis bereits am Tisch. Francis war gleich nach der Ankunft in seinen Wohnbereich verschwunden, er konnte es gar nicht erwarten, seine gesammelten Schätze zu sortieren. Er sprühte vor Freude, offensichtlich genoss er es, wieder an Land zu sein.
„Morgen kontrolliere ich meine Beete, ich bin gespannt, was aus den ausgesäten Tuberosen geworden ist. Jetzt ist es zu dunkel dafür. Diane, wenn es dich interessiert, zeige ich dir meine Kulturen“, erklärte er eifrig.
Holly servierte das Essen: Reis und Gemüse und kleine Fleischbällchen, die so scharf gewürzt waren, dass es Diane den Schweiß aus allen Poren trieb. Mit einem Schluck Wein versuchte sie erfolglos, die Schärfe in ihrem Mund zu dämpfen.
„Das ist die übliche kreolische Küche“, erklärte John. „Es ist Gewohnheitssache, nach einiger Zeit wirst du es sicher zu schätzen wissen.“
Nach dem Essen verschwand Francis in seinen Räumen. John und Diane trugen ihre Stühle an die Kante, von der ein Pfad steil hinab zum Meer führte. An dieser Stelle erlaubte eine Lücke in der Vegetation einen Durchblick in die Ferne. Es war jetzt dunkel, vor Kurzem war ein abnehmender Mond aufgegangen, der noch hell die Wellen zum Glitzern brachte. Schmale, schwarze Wolken, deren Rand silbern vom Mondlicht nachgezeichnet wurde, zogen über den Himmel. Der Wind hatte aufgefrischt und wehte jetzt vom Meer den Hang hinauf.
„Wie geht’s dir nach dem ersten Tag an Land?“, erkundigte sich John.
„Ich weiß nicht so richtig, es ist wie ein neues Leben, in das ich hineingeworfen bin.“
„Seitdem wir uns kennen, wurde dir einiges an Veränderungen zugemutet“, lächelte John. „Ich hoffe, dass es diesmal nicht so unbequem ist wie auf dem Schiff und du dich schnell einlebst.“
Dann fügte er hinzu: „Ich kann es verstehen, wenn du heute Nacht allein sein willst. Ich aber würde mich freuen, wenn du an meiner Seite schlafen würdest.“
Diane rückte näher an John heran, nahm seine Hand und legte ihren Kopf an seine Schulter. „Ich auch.“
In der Werft
Kaum erblickte Francis Diane am nächsten Morgen im Garten, ergriff er ihre Hand und sagte: „Komm, ich zeige dir mal meine Beete.“
In einem hinteren Areal des Grundstücks, wo auch Holly und Joseph Gemüse angebaut hatten, zeigte Francis auf eine Stelle, an der Parzellen mit Stöcken unterteilt waren. Beete hätte Diane diese bepflanzten Vierecke nicht genannt, es war eher ein Wildwuchs von Unkraut, in dem Francis’ Blumen auf den ersten Blick nicht auszumachen waren.
„Ich habe Joseph streng ermahnt, die Beete nicht zu gießen oder zu pflegen. Ich wollte sehen, wie sich Plantura ohne menschliches Zutun entwickelt.“
Er zeigte auf ein abgezirkeltes Quadrat. „Hier habe ich die Samen ausgesät, die aus England stammen, einer Gegend mit viel Feuchtigkeit und gemäßigtem Klima. Da ist überhaupt nichts gekommen.“
Und so ging es weiter, auf der Mehrzahl der Parzellen war nichts gewachsen oder sofort vertrocknet und eingegangen. Diane wunderte sich, dass Francis nicht den Eindruck erweckte, er wäre deshalb enttäuscht.
„Aber hier, das ist interessant. Ausgerechnet von den Pflänzchen aus Aran haben einige überlebt.“ Mit Mühe konnte Diane zwischen dem Unkraut einzelne Blümchen erkennen, die purpurrot aus dem Grün herausstachen.
...
Seitdem sie den kleinen Hafen von Layou verlassen hatten, führte die schmale Straße stetig und manchmal recht steil bergauf. Der Kutscher motivierte die Pferde zu Höchstleistungen, indem er kräftig auf sie einschlug.
Zu viert, gemeinsam mit Johannes, dessen Haus unweit von Johns eigenem stand, hatten sie den Wagen angeheuert, der sie nach langer Abwesenheit endlich wieder heimbringen sollte.
Francis und Johann war die Vorfreude deutlich anzumerken. Der eine rutschte auf dem Sitz unruhig hin und her, während der andere mit den Fingern nervös auf seinen Schenkeln klopfte und nach innen lächelte.
Nur für Diane eröffnete sich eine neue, fremde Welt. Mit gemischten Gefühlen blickte sie in die nahe Zukunft. Sie zog in das Haus eines Mannes ein, den sie erst vor drei Monaten kennengelernt hatte, unter Bedingungen, die zu Beginn alles andere als erfreulich gewesen waren.
Nach etwa einer halben Stunde erreichten sie das Haus. Es lag auf einer Anhöhe an der westlichen Seite der Insel. Der Eingang öffnete sich nach Osten, üppige Bäume und einige Palmen spendeten wohltuenden Schatten. Das Gebäude war weiß gestrichen, nicht besonders groß, ein Mitteltrakt mit zwei Seitenflügeln, die Richtung Meer ragten. Durch das Grün der Vegetation leuchtete das hellrote Ziegeldach. Ein geschnitzter Bogen überspannte das Tor, er war die einzige Verzierung am ansonsten schlichten und schnörkellosen Bau. Insgeheim verglich Diane dieses Haus mit der pompösen Villa, in der sie bis vor Kurzem zusammen mit ihrem Ehemann George gelebt hatte. Johns Haus dagegen wirkte einladend durch seine geradlinige Einfachheit.
Der Kutscher zog heftig an den Zügeln und beide Pferdchen stemmten ihre Beine in den Boden, sodass sie noch einige Zentimeter auf dem lockeren Schotter rutschten. Geräuschvoll blieb die Kutsche in der Einfahrt stehen.
John half Diane beim Aussteigen, umfing ihre Schultern und zeigte auf das Gebäude. „Willkommen in meinem Haus“, sagte er feierlich.
Zweimal bereits war sie in ein fremdes Haus, das ihr nicht gehörte, eingezogen. Noch nie zuvor hatte sie etwas Eigenes besessen, nun wiederholte sich die Prozedur zum dritten Mal, mit dem Unterschied, dass sie diesmal den Besitzer des Hauses liebte und sie sich im Besitz von über 80 Pfund befand, ihr Anteil an der Piratenbeute.
Francis war freudig vom Wagen heruntergesprungen und rannte Richtung Tür, die sich in diesem Moment öffnete. Eine etwas korpulente Frau und ein zierlicher Mann, beides schwarze Menschen, standen freudestrahlend im Hof. Francis stürzte sich in die geöffneten Arme der Frau und begrüßte sie stürmisch.
„Sind das deine Sklaven?“ flüsterte Diane.
„Wo denkst du hin“, lachte John. „Sie arbeiten für mich und ich bezahle sie gut.“
Er nahm Diane bei der Hand und stellte sie vor. „Das sind die guten Geister meines Hauses. Holly und Joseph, das ist Diane, sie wird fortan bei uns wohnen.“
Die Frau musterte Diane prüfend, dann streckte sie ihre Hand aus. „Ich hoffe, Sie werden sich hier wohlfühlen, Miss“, sagte sie und ein vorsichtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Der Kutscher wendete seinen Wagen, Johann verabschiedete sich noch im Abfahren: „Ich hoffe, ihr seid nicht böse, aber ich habe es eilig, nach Hause zu kommen!“
„Wir sehen uns bald!“ rief ihm John nach. „Er wohnt zwei Meilen nördlich von hier, wir sind Nachbarn“, erklärte er Diane. „Er kann es gar nicht erwarten, seine Frau und seine kleinen Söhne wiederzusehen.“
Dann nahm er Diane bei der Hand. „Komm, wir gehen ins Haus.“
Ihr einziges Gepäck war ein kleiner Seesack, darin befand sich ihr ganzes Hab und Gut. Ihr Geld war in Johanns Obhut, dort wusste sie es in guten Händen.
Im Eingangsbereich herrschte eine angenehme Kühle. Es war eine kleine Halle, in deren hinterem Teil eine Treppe nach oben führte. Links und rechts befanden sich Räume hinter dunklen Holztüren. Unschlüssig stand Diane mitten im Vorraum. Mit ihrer Seemannskleidung fühlte sie sich fremd und fehl am Platze in diesem neuen Zuhause. Nach den Wochen auf dem Schiff musste sie sich schon wieder umgewöhnen. Sie war niedergeschlagen und unterdrückte die Tränen, die sie hochsteigen spürte.
John legte seinen Arm um ihre Schulter. „Lass dein Gepäck hier liegen, ich zeige dir erst mal das Haus.“
Im oberen Stockwerk führten zwei Gänge nach links und rechts in die Seitenflügel. „Francis wohnt im Nordflügel, ich benutze den südlichen Teil. Es sind mehrere Zimmer, von denen ich eigentlich nur zwei bewohne. Es ist viel Platz im Haus, du kannst dir aussuchen, welche Räume du nutzen willst. Du hast dann deinen Bereich, ganz für dich.“
John öffnete jede Tür. Die Zimmer des Südflügels waren verdunkelt, um die Hitze des Tages draußen zu halten. Diane schob einen der Vorhänge zur Seite und blickte in einen Garten. Ein Rasenstück, zwei Kieswege und viel Vegetation. Rosen blühten in einem Beet, vor dem ein kleiner Tisch mit mehreren bequemen Sesseln stand. Der flache Teil des Gartens war nicht besonders groß, nach Westen hin schloss er mit einer Reihe dichter Bäume und Gebüsch ab, hinter denen es steil hinunter zum Meer ging. In der Ferne glitzerte der Ozean. Von den Zimmern aus würde man den Sonnenuntergang sehen. Diane atmete tief durch. Alles, was John ihr gezeigt hatte, gefiel ihr. Nichts davon war überladen. Genau wie das Haus waren die Räume schlicht und funktional eingerichtet, ohne Gold und Schnörkel, wie sie es in ihrem früheren Leben oft in Villen gesehen hatte. Allmählich beruhigte sich ihr Herz wieder, vor allem, weil John keine Anstalten machte, sie zu irgendetwas zu zwingen.
Der letzte Raum im Gang hatte drei Fenster. Das rechte öffnete sich zum Garten, das mittlere erlaubte einen weiten Blick aufs Meer.
„Hier würde ich mich vorerst gern einrichten“, erklärte sie. „Glaubst du, ich könnte etwas warmes Wasser bekommen, um mich zu waschen?“
„Natürlich, Holly wird dir alles bringen, was du brauchst. Und wenn du fertig bist, komm in den Garten. Wir essen etwas und trinken ein Glas Wein.“
Als sie allein war, setzte Diane sich ans Fenster und blickte in die Ferne. Die Stille, die sie umgab, war ungewohnt. Kein Knarren von Holz, kein Plätschern von Wellen, keine Schritte und Stimmen über ihrem Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob all das ihr nicht fehlte, oder ob sie die Ruhe genießen sollte. Was sie durchs Fenster sah, war schön. Das Wasser leuchtete noch blau in der beginnenden Abenddämmerung, die Bäume und Palmen wiegten sich sanft im Wind. Schon wieder kamen ihr die Tränen, war es Freude oder Trauer? Sie wusste es nicht, das neue Leben überwältigte sie einfach.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Joseph trug eine Blechwanne und einen Eimer warmes Wasser. Holly überreichte ihr den Seesack und ein großes Badetuch. „Ich hole noch Seife. Leider haben wir nichts Duftendes, bisher war das hier ein reiner Männerhaushalt. Morgen fahre ich gleich in die Stadt und besorge alles nach Ihren Wünschen“, erklärte sie. „Ich glaube aber, heute möchten Sie sich nur ausruhen und erst mal ankommen. Wenn Sie fertig sind, gibt es unten im Garten etwas zu essen.“
„Danke, Holly und Joseph, dass ihr euch so um mich kümmert. Das bin ich gar nicht mehr gewöhnt. Auf dem Schiff musste ich das meiste selbst machen und arbeiten wie ein Mann.“
„Sie Ärmste“, bedauerte Holly, „das wird sich jetzt sicher ändern.“
„Das war gar nicht so schlimm, als Mann hat man auch viel mehr Freiheiten, die möchte ich mir nicht mehr nehmen lassen.“
„Natürlich, Miss“, erwiderte ihr Holly, und Diane sah ihr an, dass sie noch nicht einordnen konnte, was sie von der neuen Mitbewohnerin halten sollte.
Die kleine Wanne war halb voll mit warmem Wasser, genug, um das Salz von ihrer Haut und den Haaren zu spülen. Als sie sich abgetrocknet hatte, kramte sie aus ihrem Seesack ihr leichtes Baumwollkleid heraus. Es war zerknittert und roch etwas muffig. Dennoch streifte sie es über, an der frischen Luft würde es hoffentlich wieder eine einigermaßen akzeptable Form erhalten.
Unten im Garten saßen John und Francis bereits am Tisch. Francis war gleich nach der Ankunft in seinen Wohnbereich verschwunden, er konnte es gar nicht erwarten, seine gesammelten Schätze zu sortieren. Er sprühte vor Freude, offensichtlich genoss er es, wieder an Land zu sein.
„Morgen kontrolliere ich meine Beete, ich bin gespannt, was aus den ausgesäten Tuberosen geworden ist. Jetzt ist es zu dunkel dafür. Diane, wenn es dich interessiert, zeige ich dir meine Kulturen“, erklärte er eifrig.
Holly servierte das Essen: Reis und Gemüse und kleine Fleischbällchen, die so scharf gewürzt waren, dass es Diane den Schweiß aus allen Poren trieb. Mit einem Schluck Wein versuchte sie erfolglos, die Schärfe in ihrem Mund zu dämpfen.
„Das ist die übliche kreolische Küche“, erklärte John. „Es ist Gewohnheitssache, nach einiger Zeit wirst du es sicher zu schätzen wissen.“
Nach dem Essen verschwand Francis in seinen Räumen. John und Diane trugen ihre Stühle an die Kante, von der ein Pfad steil hinab zum Meer führte. An dieser Stelle erlaubte eine Lücke in der Vegetation einen Durchblick in die Ferne. Es war jetzt dunkel, vor Kurzem war ein abnehmender Mond aufgegangen, der noch hell die Wellen zum Glitzern brachte. Schmale, schwarze Wolken, deren Rand silbern vom Mondlicht nachgezeichnet wurde, zogen über den Himmel. Der Wind hatte aufgefrischt und wehte jetzt vom Meer den Hang hinauf.
„Wie geht’s dir nach dem ersten Tag an Land?“, erkundigte sich John.
„Ich weiß nicht so richtig, es ist wie ein neues Leben, in das ich hineingeworfen bin.“
„Seitdem wir uns kennen, wurde dir einiges an Veränderungen zugemutet“, lächelte John. „Ich hoffe, dass es diesmal nicht so unbequem ist wie auf dem Schiff und du dich schnell einlebst.“
Dann fügte er hinzu: „Ich kann es verstehen, wenn du heute Nacht allein sein willst. Ich aber würde mich freuen, wenn du an meiner Seite schlafen würdest.“
Diane rückte näher an John heran, nahm seine Hand und legte ihren Kopf an seine Schulter. „Ich auch.“
In der Werft
Kaum erblickte Francis Diane am nächsten Morgen im Garten, ergriff er ihre Hand und sagte: „Komm, ich zeige dir mal meine Beete.“
In einem hinteren Areal des Grundstücks, wo auch Holly und Joseph Gemüse angebaut hatten, zeigte Francis auf eine Stelle, an der Parzellen mit Stöcken unterteilt waren. Beete hätte Diane diese bepflanzten Vierecke nicht genannt, es war eher ein Wildwuchs von Unkraut, in dem Francis’ Blumen auf den ersten Blick nicht auszumachen waren.
„Ich habe Joseph streng ermahnt, die Beete nicht zu gießen oder zu pflegen. Ich wollte sehen, wie sich Plantura ohne menschliches Zutun entwickelt.“
Er zeigte auf ein abgezirkeltes Quadrat. „Hier habe ich die Samen ausgesät, die aus England stammen, einer Gegend mit viel Feuchtigkeit und gemäßigtem Klima. Da ist überhaupt nichts gekommen.“
Und so ging es weiter, auf der Mehrzahl der Parzellen war nichts gewachsen oder sofort vertrocknet und eingegangen. Diane wunderte sich, dass Francis nicht den Eindruck erweckte, er wäre deshalb enttäuscht.
„Aber hier, das ist interessant. Ausgerechnet von den Pflänzchen aus Aran haben einige überlebt.“ Mit Mühe konnte Diane zwischen dem Unkraut einzelne Blümchen erkennen, die purpurrot aus dem Grün herausstachen.
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