Unter dem Schleier des Nullmeridians
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 190
ISBN: 978-3-99130-755-6
Erscheinungsdatum: 17.07.2025
Imperien entstanden und zerfielen unter dem Verlauf des Nullmeridians. Manche Menschen traten aus dem Schleier der Geschichte hervor und bestimmten ihr Schicksal.
Prolog
Famadihana
Madagaskar (15° 43’ S, 46° 19’ O)
im Jahre 2012
Annuratia, der Ombaysi des Dorfes, nahm einen weißen Seidenschleier aus dem heiligen Schrank seines Hauses und segnete ihn mit dem Rauch von immergrünen Blättern. Der Rauch verlieh dem Textil einen angenehmen Geruch. In seiner Funktion als Schamane des Dorfes an der Westküste Madagaskars war Annuratia für das Seelenheil der Foko, seiner Dorfgemeinschaft, verantwortlich. Eine „Fady“ hatte sich ereignet. Dieser Tabubruch war ein schwerwiegendes Vergehen. Ein junger Mann hatte sich heimlich mit einer Frau der benachbarten Foko getroffen. Unter den Kreisen des Geckoweihs hatten sie sich auf einer grasbewachsenen Anhöhe gepaart. Das Kreischen des Habichts hatte den Jungen verunsichert. Er war daraufhin völlig verängstigt zu Annuratia gekommen, da er glaubte, die Ahnen hätten ihn in Form des Schlangenhabichts bei seiner sträflichen Übertretung beobachtet. Eine „Fady“ war das schwerste Verbrechen in der Foko und bedurfte einer reinigenden Auseinandersetzung mit den Ahnen. Die Zeit für den Kontakt mit den Ahnen des jungen Mannes in Form einer „Razana“ war gekommen. Annuratia fokussierte seinen Geist, indem er drei Blätter der heiligen Pflanze Khat in seinen Mund nahm und solange mit seinen Zähnen zerkleinerte, bis er ihre Wirkung verspürte.
Erst als in seinem Innersten völlige Klarheit und Offenheit herrschten, erhob er sich von seinen Knien und trat mit dem weißen Schleier vor sein Haus. Die gesamte Dorfgemeinschaft hatte sich bereits versammelt. In ihrer Mitte stand der völlig verängstigte Jüngling. Annuratia umhüllte das Haupt des jungen Mannes mit dem weißen Schleier und stimmte den heiligen Gesang der Foko an. Gemeinsam zogen sie unter den salbungsvollen Stimmen der Anwesenden und den Klängen der Valiha, einer Bambusröhrenzither, zum Friedhof am Rande der Siedlung. Annuratia übergab dem Jungen eine heilige Schaufel aus Mahajanga, dem Nordwesten der Insel. Das versteinerte Holz war bis weit über seine Grenzen für die purpurfarbene Maserung bekannt. Nachdem das Grab des Großvaters durch den Rauch von Immergrün gesegnet worden war, begann der Jüngling mit der Freilegung der sterblichen Überreste. Zehn Jahre nach seinem Tod waren schlussendlich nur noch die Gebeine des Vorfahren als stumme Zeugen seiner Existenz übrig. Die Exhumierung wurde vom permanenten monotonen Gesang der Foko begleitet. Die Dorfältesten spielten auf der Bambusröhrenzither die heiligen Klänge. Annuratia umhüllte die sterblichen Überreste mit dem weißen Schleier und kniete in einem Akt von Trance neben ihm. Die Razana konnte nur vollzogen werden, wenn er eins mit dem Geist des Verstobenen war. Durch rhythmische Bewegungen seines Kopfes begab sich Annuratia in einen Zustand völliger spiritueller Transzendenz.
Die ostafrikanische Sonne stand hoch am Zenit und strahlte mit unerträglicher Intensität auf die anwesenden Dorfbewohner. Die erdrückende Hitze wurde durch die feucht schwüle Luft noch verstärkt. Hoch am Himmel zog ein Habicht seine Kreise und machte durch lautes Kreischen auf seine Gegenwart aufmerksam. In seinen Fängen kringelte sich eine Schlange im Todeskampf um die tiefsitzenden Krallen. Selbst die omnipräsenten Lemuren, von den Einheimischen „Katta“ genannt, waren verstummt. Plötzlich hielt Annuratia inne und blickte mit weit geöffneten Augen zuerst gen Himmel und daraufhin in die versammelte Menschenmenge. In diesem Moment ließ der kreisende Habicht von seiner Beute ab und die Schlange fiel zu Boden. Ein Raunen ging durch die versammelte Dorfgemeinschaft. Annuratia sah das Omen und beugte sein Haupt in Demut. Das Aufkommen einer sanften Brise kündigte seine Wiederkehr aus einer anderen Welt an. Er öffnete seine Handflächen und signalisierte dadurch als „Tompon’ ny lambantatana“, Meister der hohlen Hand, den Vollzug der „Razana“. Die Ahnen hatten zu ihm gesprochen. Dann wisperte er in völliger geistiger Klarheit die erlösenden Worte: „Famadihana!“
Die Zeit der Wiederbestattung war gekommen. Die sterblichen Überreste des Verstorbenen wurden von vier Männern getragen und in ihr neues Grab überführt. Dieses war zuvor mit den Blättern des Immergrüns gereinigt worden. Nachdem der Leichnam sorgfältig gebettet worden war, bedeckte ihn Annuratia mit einem weiteren Seidenschleier und wies den Jüngling an, die Grablegung zu vollenden. Völlig erschöpft vom heiligen Ritual kniete Annuratia neben dem Grab und stimmte schlussendlich den Versöhnungsgesang der Foko an. Die erleichterte Dorfgemeinschaft feierte unter Jubel die Versöhnung mit den Ahnen.
Es sollte nicht die letzte sein.
Kapitel 1
Die Villa (48°18’ N, 16° 20’ O)
im Jahre 180 n. Chr.
Gaius Flavius Accipiter blickte gegen Westen und sah, dass sich eine gewaltige schwarze Gewitterfront auftürmte. Der Beiname „Accipiter, der Habicht“, war eine Referenz seiner Eltern aus der Kindheit an das Sehvermögen ihres Sohnes. Nach einem langen harten Winter war es ungewöhnlich kalt für Mitte März. Die Reben seiner Weinberge schlummerten noch im Winterschlaf. Ein Greifvogel mit langem Schwanz zog am Himmel seine Kreise auf der Suche nach Beute. Das fahle Licht der Sonne erleuchtete den Mons Zibethicus an der gegenüberliegenden Seite des Stromes Danuvius. Dazwischen lag ein Auwald, in dem Gaius im Herbst oft zur Jagd zu gehen pflegte. Außer Niederwild war der Wald ein Refugium für Biber und Wildschweine. Gaius folgte den kreisenden Bahnen des Greifvogels und fragte sich, warum der Kaiser seine Villa als Quartier ausgewählt hatte. Als Schwager von Titus Germanicus, des Statthalters der Garnison von Vindobona, war Gaius eine führende Persönlichkeit in der Provinz Pannonia superior. „Doch ein Kaiser zu Besuch in seinem bescheidenen Heim?“
„Felix, qui potuit rerum cognoscere“, dachte Gaius.
Marcus Aurelius war erst vor einer Woche nach der Beendigung der „Expeditio Germanica secunda“ in Vindobona eingetroffen. Der Feldzug hatte drei Jahre gedauert und endete mit einem Sieg, jedoch nicht mit der vollständigen Unterwerfung der rebellischen Markomannen und Quaden. Der Kaiser war geschwächt von den Strapazen des Feldzugs und hatte Titus Germanicus damit beauftragt, eine standesgemäße Bleibe zu suchen. Gaius Villa befand sich im Norden der Garnison von Vindobona, etwa einen Tagesmarsch entfernt. Die Hauptstreitkraft des nördlichen Heeres lagerte in den Garnisonen Carnuntum und Sirmium. Titus Germanicus war mit Marcus Valerius Maximianus übereingekommen, die Liegenschaft dem Kaiser als temporäre Residenz anzubieten. Marcus Maximianus, der Tribun der Legio II. Adiutrix, selbst in der Provinz Pannonia, früher Illyricum inferius genannt, geboren, kannte die Vorzüge der Landschaft. Sauberes Wasser, guter Wein und die Abgeschiedenheit von den Truppen. Seit dem Feldzug gegen die Parther vor fünfzehn Jahren hatte die Pest unter den römischen Soldaten um sich gegriffen. Diese Bedrohung musste unbedingt vom Kaiser ferngehalten werden.
Gaius wurde von einem lauten Schreien jäh in seinen Gedanken unterbrochen. Drusus, sein Maior Domus, rannte wild gestikulierend auf ihn zu. „Meister, Meister, der Kessel des Hypokaustums ist gebrochen, wir können das Haus nicht mehr beheizen. Der Kaiser friert. Commodus ist außer sich vor Wut.“
„Holt die Kessel aus dem Weinkeller und bringt sie unter die Villa!“, befahl Gaius. „Sehr wohl, mein Herr“, antwortete Drusus. Beide rannten die Hänge des Mons Fugis hinab und trafen schließlich im Keller der Villa ein. Drusus wies die Sklaven an, die bronzenen Kessel herbeizuschaffen. Nachdem die Kessel mit Wasser befüllt worden waren, beauftragte der Maior Domus vier Sklaven damit, permanent das Röhrensystem mit Holzfächern zu belüften. Erst als sich Gaius sicher war, dass die Heizung wieder funktionierte, rannte er die steinernen Treppen empor und blickte auf den Himmel. Durch die Arkaden des Atriums bahnten sich vereinzelte Schneeflocken ihren Weg und blieben auf dem gefrorenen Boden liegen. Titus Germanicus kam ihm aufgeregt entgegen und stellte seinen Schwager zur Rede. „Der Kaiser des Imperiums verdient nach den Entbehrungen der Expedition ein warmes Heim und du schaffst es nicht, dem Herrn über 1.000 Länder eine warme Liegestatt bereitzustellen!“ „Das Problem ist gelöst, mein Schwager, wie geht es unserem Imperator?“ „Komm und sieh selbst, er wünscht dich kennenzulernen!“
Gaius und Titus durchquerten das Peristylium, den von Kolonnaden gesäumten Innenhof, und öffneten die Tür zum geräumigsten Cubiculum der Villa. Marcus Aurelius lag im Schlafzimmer in einem großen Bett, das von einem Baldachin überdacht wurde. „Wie klein und verletzlich er aussieht“, dachte Gaius. Über dem Bett prangten in goldenen Farben die Insignien der Macht: SPQR, „Senatus populusque romanorum.“ Der Kaiser krümmte sich vor Schmerzen. Die ansonsten so rosige Farbe seines Gesichts war einer fahlen Blässe gewichen. Favola, die Lieblingssklavin des Imperators, war gerade damit beschäftigt, seinen Körper zu waschen. Sie entfernte die Exkremente aus seinem Subligaculum und zeigte sie dem Leibarzt des Kaisers. Flavius Haemostypticos nahm eine bronzene Schale und ging damit in das Tabulinum der Villa. Favola begleitete ihn mit sorgenvoller Miene. Unter dem Licht einer Öllampe betrachtete der Leibarzt die Exkremente des Kaisers. Der Kot in der Patera war pechschwarz und roch abscheulich. „Melaena“, murmelte Flavius und bedeutete Favola, ihm in die Küche zu folgen.
„Bereite ihm einen Sud aus Alraune und Binsenkraut!“ Dann nahm Flavius Haemostypticus eine Glasphiole und goss einige Tropfen ihres Inhalts in den bronzenen Becher. „Was ist das?“, fragte Favola. „Papaveris lacrimae, es wird seine Schmerzen lindern“, antwortete der Leibarzt.
Flavius erinnerte sich an die Zeit seines Dienstes an der Front im Kampf gegen die Germanen. Den Beinamen „Haemostypticus“ hatte er aufgrund seiner Fähigkeit erhalten, abgetrennte Extremitäten mit eigens von ihm entworfenen tellerförmigen Brandeisen zu verschorfen, ohne dass die Soldaten dabei verbluteten oder später an Wundbrand verstarben. Der Inhalt der bronzenen Patera bereitete ihm tiefe Sorge. Als Schüler des großen Galenus wusste er um die Signifikanz der Symptome, die der Kaiser aufwies. Sein Tod war nur noch eine Frage Zeit.
„Wie lange noch, Flavius?“, fragte Commodus, der Sohn des Kaisers, der unbemerkt an ihn herangetreten war. „Wir müssen das Orakel befragen“, antwortete Flavius. „Ich brauche eine Gans, nur dann kann ich gemäß den Regeln der Haruspices eine Eingeweideschau vornehmen.“ Commodus befahl Gaius, eine Gans aus dem Geflügelstall zu holen. „Sehr wohl, mein Herr“, antwortete dieser und übertrug Drusus die Aufgabe, ein geeignetes Exemplar bereitzustellen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte der Maior domus mit einem Federvieh zurück. Flavius Haemostypticus enthauptete das Tier und öffnete seinen Körper in einer goldenen Patera. „Die Leber ist fettig degeneriert, kein eindeutiges Zeichen, aber was mir Sorgen bereitet, ist die Verwicklung des Darms“, sagte Flavius mit ernster Miene. „Es werden weitere Symptome folgen.“
„Wie wird es enden“, fragte Commodus besorgt.
„Mit Tränen und einer Reise ins Jenseits“, antwortete der Leibarzt zögerlich. „Die Götter werden über Orkus oder Elysium entscheiden.“ Mit diesen Worten beendete Commodus die Eingeweideschau. Gaius trat einen Schritt zurück und betrachtete das ausgeweidete Tier. Dann wies er Drusus an, den Kadaver zu verbrennen. Commodus dankte Flavius für seine Prognose und zog sich in seine Gemächer zurück.
In der darauffolgenden Nacht begann das Martyrium des Marcus Aurelius. War es zu Beginn nur eine zaghafte Erleichterung seines Speichels in die bronzene Patera, die Favola dem Kaiser reichte, so intensivierte sich seine Übelkeit in zunehmendem Maße. Favola weckte Flavius Haemostypticus mit den Worten: „Kommt schnell, mein Herr, der Kaiser stirbt.“ Flavius eilte zur Liegestatt des Imperators und nach einer kurzen Phase der Erschütterung betastete er das Abdomen des Kaisers. Es war bretthart und Marcus Aurelius krümmte sich vor Schmerzen. „Schnell, gebt mir einen Becher“, befahl Flavius der Sklavin. Er verabreichte dem beinahe bewusstlosen Imperator eine weitere Dosis von „Papaveris lacrimae“. Marcus Aurelius erbrach sich in diesem Moment schwallartig und Flavius konnte anhand des Erbrochenen sehen, dass es sich um Kot handelte. „Weckt Commodus, Gaius und Titus Germanicus“, befahl er Favola. Minuten später befanden sich die Gerufenen im Cubiculum.
„Miserere habet“, sagte Flavius mit ernster Stimme, „die Vorboten des nahen Todes.“
Flavius Haempstypticus nahm die Zunge des Imperators in die linke Hand und versuchte mit der rechten Hand die Atemwege des Kaisers zu reinigen. Marcus Aurelius krümmte sich in seinem Bett. Sein ganzer Körper verkrampfte sich und die Augen traten auf unnatürliche Art aus seinem Schädel hervor. Nur durch die geballte Kraft der Anwesenden konnte er gebändigt werden. Kurz darauf verlor Marcus Aurelius das Bewusstsein. „Helft mit, ihn aufzusetzen“, befahl er Porticus und Favola. Flavius schlug dem Sterbenden mehrmals auf die Rückseite seines Brustkorbs, um die todbringende schwarze Galle aus seinen Atemwegen zu entfernen. Nach einem letzten Schwall des Erbrechens öffnete Marcs Aurelius unvermittelt seine Augen und senkte seinen Blick auf Porticus, seinen Diener. Porticus war ein Hüne eines Mannes. Mit seinem kahlen Haupt und den muskelbepackten Armen glich er einem Gladiator. Die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen verlieh seinem Antlitz eine Nuance von Milde, besonders wenn er lächelte. In all den Jahren des Triumphes war es gemäß der Lehre der Stoa seine Aufgabe gewesen, den Imperator in den berauschenden Momenten des Bades in der Menschenmenge mit den Worten: „Du bist nur ein Mensch“ an seine Vergänglichkeit zu erinnern. Commodus und Titus blickten auf den beinahe leblosen Körper des Kaisers und mit einem letzten Atemzug schloss der Imperator seine Augen und ließ die Sorgen der Welt und des Imperiums hinter sich.
„Der Kaiser ist tot“, sprach Titus und wandte sich Commodus zu. Eine nahezu erdrückende Stille erfüllte den Raum. Titus Germanicus senkte sein Haupt und kniete vor Commodus. Dann nahm er die rechte Hand des Mitkaisers und küsste sie dreimal.
...
Famadihana
Madagaskar (15° 43’ S, 46° 19’ O)
im Jahre 2012
Annuratia, der Ombaysi des Dorfes, nahm einen weißen Seidenschleier aus dem heiligen Schrank seines Hauses und segnete ihn mit dem Rauch von immergrünen Blättern. Der Rauch verlieh dem Textil einen angenehmen Geruch. In seiner Funktion als Schamane des Dorfes an der Westküste Madagaskars war Annuratia für das Seelenheil der Foko, seiner Dorfgemeinschaft, verantwortlich. Eine „Fady“ hatte sich ereignet. Dieser Tabubruch war ein schwerwiegendes Vergehen. Ein junger Mann hatte sich heimlich mit einer Frau der benachbarten Foko getroffen. Unter den Kreisen des Geckoweihs hatten sie sich auf einer grasbewachsenen Anhöhe gepaart. Das Kreischen des Habichts hatte den Jungen verunsichert. Er war daraufhin völlig verängstigt zu Annuratia gekommen, da er glaubte, die Ahnen hätten ihn in Form des Schlangenhabichts bei seiner sträflichen Übertretung beobachtet. Eine „Fady“ war das schwerste Verbrechen in der Foko und bedurfte einer reinigenden Auseinandersetzung mit den Ahnen. Die Zeit für den Kontakt mit den Ahnen des jungen Mannes in Form einer „Razana“ war gekommen. Annuratia fokussierte seinen Geist, indem er drei Blätter der heiligen Pflanze Khat in seinen Mund nahm und solange mit seinen Zähnen zerkleinerte, bis er ihre Wirkung verspürte.
Erst als in seinem Innersten völlige Klarheit und Offenheit herrschten, erhob er sich von seinen Knien und trat mit dem weißen Schleier vor sein Haus. Die gesamte Dorfgemeinschaft hatte sich bereits versammelt. In ihrer Mitte stand der völlig verängstigte Jüngling. Annuratia umhüllte das Haupt des jungen Mannes mit dem weißen Schleier und stimmte den heiligen Gesang der Foko an. Gemeinsam zogen sie unter den salbungsvollen Stimmen der Anwesenden und den Klängen der Valiha, einer Bambusröhrenzither, zum Friedhof am Rande der Siedlung. Annuratia übergab dem Jungen eine heilige Schaufel aus Mahajanga, dem Nordwesten der Insel. Das versteinerte Holz war bis weit über seine Grenzen für die purpurfarbene Maserung bekannt. Nachdem das Grab des Großvaters durch den Rauch von Immergrün gesegnet worden war, begann der Jüngling mit der Freilegung der sterblichen Überreste. Zehn Jahre nach seinem Tod waren schlussendlich nur noch die Gebeine des Vorfahren als stumme Zeugen seiner Existenz übrig. Die Exhumierung wurde vom permanenten monotonen Gesang der Foko begleitet. Die Dorfältesten spielten auf der Bambusröhrenzither die heiligen Klänge. Annuratia umhüllte die sterblichen Überreste mit dem weißen Schleier und kniete in einem Akt von Trance neben ihm. Die Razana konnte nur vollzogen werden, wenn er eins mit dem Geist des Verstobenen war. Durch rhythmische Bewegungen seines Kopfes begab sich Annuratia in einen Zustand völliger spiritueller Transzendenz.
Die ostafrikanische Sonne stand hoch am Zenit und strahlte mit unerträglicher Intensität auf die anwesenden Dorfbewohner. Die erdrückende Hitze wurde durch die feucht schwüle Luft noch verstärkt. Hoch am Himmel zog ein Habicht seine Kreise und machte durch lautes Kreischen auf seine Gegenwart aufmerksam. In seinen Fängen kringelte sich eine Schlange im Todeskampf um die tiefsitzenden Krallen. Selbst die omnipräsenten Lemuren, von den Einheimischen „Katta“ genannt, waren verstummt. Plötzlich hielt Annuratia inne und blickte mit weit geöffneten Augen zuerst gen Himmel und daraufhin in die versammelte Menschenmenge. In diesem Moment ließ der kreisende Habicht von seiner Beute ab und die Schlange fiel zu Boden. Ein Raunen ging durch die versammelte Dorfgemeinschaft. Annuratia sah das Omen und beugte sein Haupt in Demut. Das Aufkommen einer sanften Brise kündigte seine Wiederkehr aus einer anderen Welt an. Er öffnete seine Handflächen und signalisierte dadurch als „Tompon’ ny lambantatana“, Meister der hohlen Hand, den Vollzug der „Razana“. Die Ahnen hatten zu ihm gesprochen. Dann wisperte er in völliger geistiger Klarheit die erlösenden Worte: „Famadihana!“
Die Zeit der Wiederbestattung war gekommen. Die sterblichen Überreste des Verstorbenen wurden von vier Männern getragen und in ihr neues Grab überführt. Dieses war zuvor mit den Blättern des Immergrüns gereinigt worden. Nachdem der Leichnam sorgfältig gebettet worden war, bedeckte ihn Annuratia mit einem weiteren Seidenschleier und wies den Jüngling an, die Grablegung zu vollenden. Völlig erschöpft vom heiligen Ritual kniete Annuratia neben dem Grab und stimmte schlussendlich den Versöhnungsgesang der Foko an. Die erleichterte Dorfgemeinschaft feierte unter Jubel die Versöhnung mit den Ahnen.
Es sollte nicht die letzte sein.
Kapitel 1
Die Villa (48°18’ N, 16° 20’ O)
im Jahre 180 n. Chr.
Gaius Flavius Accipiter blickte gegen Westen und sah, dass sich eine gewaltige schwarze Gewitterfront auftürmte. Der Beiname „Accipiter, der Habicht“, war eine Referenz seiner Eltern aus der Kindheit an das Sehvermögen ihres Sohnes. Nach einem langen harten Winter war es ungewöhnlich kalt für Mitte März. Die Reben seiner Weinberge schlummerten noch im Winterschlaf. Ein Greifvogel mit langem Schwanz zog am Himmel seine Kreise auf der Suche nach Beute. Das fahle Licht der Sonne erleuchtete den Mons Zibethicus an der gegenüberliegenden Seite des Stromes Danuvius. Dazwischen lag ein Auwald, in dem Gaius im Herbst oft zur Jagd zu gehen pflegte. Außer Niederwild war der Wald ein Refugium für Biber und Wildschweine. Gaius folgte den kreisenden Bahnen des Greifvogels und fragte sich, warum der Kaiser seine Villa als Quartier ausgewählt hatte. Als Schwager von Titus Germanicus, des Statthalters der Garnison von Vindobona, war Gaius eine führende Persönlichkeit in der Provinz Pannonia superior. „Doch ein Kaiser zu Besuch in seinem bescheidenen Heim?“
„Felix, qui potuit rerum cognoscere“, dachte Gaius.
Marcus Aurelius war erst vor einer Woche nach der Beendigung der „Expeditio Germanica secunda“ in Vindobona eingetroffen. Der Feldzug hatte drei Jahre gedauert und endete mit einem Sieg, jedoch nicht mit der vollständigen Unterwerfung der rebellischen Markomannen und Quaden. Der Kaiser war geschwächt von den Strapazen des Feldzugs und hatte Titus Germanicus damit beauftragt, eine standesgemäße Bleibe zu suchen. Gaius Villa befand sich im Norden der Garnison von Vindobona, etwa einen Tagesmarsch entfernt. Die Hauptstreitkraft des nördlichen Heeres lagerte in den Garnisonen Carnuntum und Sirmium. Titus Germanicus war mit Marcus Valerius Maximianus übereingekommen, die Liegenschaft dem Kaiser als temporäre Residenz anzubieten. Marcus Maximianus, der Tribun der Legio II. Adiutrix, selbst in der Provinz Pannonia, früher Illyricum inferius genannt, geboren, kannte die Vorzüge der Landschaft. Sauberes Wasser, guter Wein und die Abgeschiedenheit von den Truppen. Seit dem Feldzug gegen die Parther vor fünfzehn Jahren hatte die Pest unter den römischen Soldaten um sich gegriffen. Diese Bedrohung musste unbedingt vom Kaiser ferngehalten werden.
Gaius wurde von einem lauten Schreien jäh in seinen Gedanken unterbrochen. Drusus, sein Maior Domus, rannte wild gestikulierend auf ihn zu. „Meister, Meister, der Kessel des Hypokaustums ist gebrochen, wir können das Haus nicht mehr beheizen. Der Kaiser friert. Commodus ist außer sich vor Wut.“
„Holt die Kessel aus dem Weinkeller und bringt sie unter die Villa!“, befahl Gaius. „Sehr wohl, mein Herr“, antwortete Drusus. Beide rannten die Hänge des Mons Fugis hinab und trafen schließlich im Keller der Villa ein. Drusus wies die Sklaven an, die bronzenen Kessel herbeizuschaffen. Nachdem die Kessel mit Wasser befüllt worden waren, beauftragte der Maior Domus vier Sklaven damit, permanent das Röhrensystem mit Holzfächern zu belüften. Erst als sich Gaius sicher war, dass die Heizung wieder funktionierte, rannte er die steinernen Treppen empor und blickte auf den Himmel. Durch die Arkaden des Atriums bahnten sich vereinzelte Schneeflocken ihren Weg und blieben auf dem gefrorenen Boden liegen. Titus Germanicus kam ihm aufgeregt entgegen und stellte seinen Schwager zur Rede. „Der Kaiser des Imperiums verdient nach den Entbehrungen der Expedition ein warmes Heim und du schaffst es nicht, dem Herrn über 1.000 Länder eine warme Liegestatt bereitzustellen!“ „Das Problem ist gelöst, mein Schwager, wie geht es unserem Imperator?“ „Komm und sieh selbst, er wünscht dich kennenzulernen!“
Gaius und Titus durchquerten das Peristylium, den von Kolonnaden gesäumten Innenhof, und öffneten die Tür zum geräumigsten Cubiculum der Villa. Marcus Aurelius lag im Schlafzimmer in einem großen Bett, das von einem Baldachin überdacht wurde. „Wie klein und verletzlich er aussieht“, dachte Gaius. Über dem Bett prangten in goldenen Farben die Insignien der Macht: SPQR, „Senatus populusque romanorum.“ Der Kaiser krümmte sich vor Schmerzen. Die ansonsten so rosige Farbe seines Gesichts war einer fahlen Blässe gewichen. Favola, die Lieblingssklavin des Imperators, war gerade damit beschäftigt, seinen Körper zu waschen. Sie entfernte die Exkremente aus seinem Subligaculum und zeigte sie dem Leibarzt des Kaisers. Flavius Haemostypticos nahm eine bronzene Schale und ging damit in das Tabulinum der Villa. Favola begleitete ihn mit sorgenvoller Miene. Unter dem Licht einer Öllampe betrachtete der Leibarzt die Exkremente des Kaisers. Der Kot in der Patera war pechschwarz und roch abscheulich. „Melaena“, murmelte Flavius und bedeutete Favola, ihm in die Küche zu folgen.
„Bereite ihm einen Sud aus Alraune und Binsenkraut!“ Dann nahm Flavius Haemostypticus eine Glasphiole und goss einige Tropfen ihres Inhalts in den bronzenen Becher. „Was ist das?“, fragte Favola. „Papaveris lacrimae, es wird seine Schmerzen lindern“, antwortete der Leibarzt.
Flavius erinnerte sich an die Zeit seines Dienstes an der Front im Kampf gegen die Germanen. Den Beinamen „Haemostypticus“ hatte er aufgrund seiner Fähigkeit erhalten, abgetrennte Extremitäten mit eigens von ihm entworfenen tellerförmigen Brandeisen zu verschorfen, ohne dass die Soldaten dabei verbluteten oder später an Wundbrand verstarben. Der Inhalt der bronzenen Patera bereitete ihm tiefe Sorge. Als Schüler des großen Galenus wusste er um die Signifikanz der Symptome, die der Kaiser aufwies. Sein Tod war nur noch eine Frage Zeit.
„Wie lange noch, Flavius?“, fragte Commodus, der Sohn des Kaisers, der unbemerkt an ihn herangetreten war. „Wir müssen das Orakel befragen“, antwortete Flavius. „Ich brauche eine Gans, nur dann kann ich gemäß den Regeln der Haruspices eine Eingeweideschau vornehmen.“ Commodus befahl Gaius, eine Gans aus dem Geflügelstall zu holen. „Sehr wohl, mein Herr“, antwortete dieser und übertrug Drusus die Aufgabe, ein geeignetes Exemplar bereitzustellen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte der Maior domus mit einem Federvieh zurück. Flavius Haemostypticus enthauptete das Tier und öffnete seinen Körper in einer goldenen Patera. „Die Leber ist fettig degeneriert, kein eindeutiges Zeichen, aber was mir Sorgen bereitet, ist die Verwicklung des Darms“, sagte Flavius mit ernster Miene. „Es werden weitere Symptome folgen.“
„Wie wird es enden“, fragte Commodus besorgt.
„Mit Tränen und einer Reise ins Jenseits“, antwortete der Leibarzt zögerlich. „Die Götter werden über Orkus oder Elysium entscheiden.“ Mit diesen Worten beendete Commodus die Eingeweideschau. Gaius trat einen Schritt zurück und betrachtete das ausgeweidete Tier. Dann wies er Drusus an, den Kadaver zu verbrennen. Commodus dankte Flavius für seine Prognose und zog sich in seine Gemächer zurück.
In der darauffolgenden Nacht begann das Martyrium des Marcus Aurelius. War es zu Beginn nur eine zaghafte Erleichterung seines Speichels in die bronzene Patera, die Favola dem Kaiser reichte, so intensivierte sich seine Übelkeit in zunehmendem Maße. Favola weckte Flavius Haemostypticus mit den Worten: „Kommt schnell, mein Herr, der Kaiser stirbt.“ Flavius eilte zur Liegestatt des Imperators und nach einer kurzen Phase der Erschütterung betastete er das Abdomen des Kaisers. Es war bretthart und Marcus Aurelius krümmte sich vor Schmerzen. „Schnell, gebt mir einen Becher“, befahl Flavius der Sklavin. Er verabreichte dem beinahe bewusstlosen Imperator eine weitere Dosis von „Papaveris lacrimae“. Marcus Aurelius erbrach sich in diesem Moment schwallartig und Flavius konnte anhand des Erbrochenen sehen, dass es sich um Kot handelte. „Weckt Commodus, Gaius und Titus Germanicus“, befahl er Favola. Minuten später befanden sich die Gerufenen im Cubiculum.
„Miserere habet“, sagte Flavius mit ernster Stimme, „die Vorboten des nahen Todes.“
Flavius Haempstypticus nahm die Zunge des Imperators in die linke Hand und versuchte mit der rechten Hand die Atemwege des Kaisers zu reinigen. Marcus Aurelius krümmte sich in seinem Bett. Sein ganzer Körper verkrampfte sich und die Augen traten auf unnatürliche Art aus seinem Schädel hervor. Nur durch die geballte Kraft der Anwesenden konnte er gebändigt werden. Kurz darauf verlor Marcus Aurelius das Bewusstsein. „Helft mit, ihn aufzusetzen“, befahl er Porticus und Favola. Flavius schlug dem Sterbenden mehrmals auf die Rückseite seines Brustkorbs, um die todbringende schwarze Galle aus seinen Atemwegen zu entfernen. Nach einem letzten Schwall des Erbrechens öffnete Marcs Aurelius unvermittelt seine Augen und senkte seinen Blick auf Porticus, seinen Diener. Porticus war ein Hüne eines Mannes. Mit seinem kahlen Haupt und den muskelbepackten Armen glich er einem Gladiator. Die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen verlieh seinem Antlitz eine Nuance von Milde, besonders wenn er lächelte. In all den Jahren des Triumphes war es gemäß der Lehre der Stoa seine Aufgabe gewesen, den Imperator in den berauschenden Momenten des Bades in der Menschenmenge mit den Worten: „Du bist nur ein Mensch“ an seine Vergänglichkeit zu erinnern. Commodus und Titus blickten auf den beinahe leblosen Körper des Kaisers und mit einem letzten Atemzug schloss der Imperator seine Augen und ließ die Sorgen der Welt und des Imperiums hinter sich.
„Der Kaiser ist tot“, sprach Titus und wandte sich Commodus zu. Eine nahezu erdrückende Stille erfüllte den Raum. Titus Germanicus senkte sein Haupt und kniete vor Commodus. Dann nahm er die rechte Hand des Mitkaisers und küsste sie dreimal.
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