La Patera
Das weiße Fell der Ziege
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 198
ISBN: 978-3-7116-0227-5
Erscheinungsdatum: 19.11.2024
Zwei Jahre nach Arnaud Calvez Beitritt zum Templerorden geht sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung: Das Heilige Land Jerusalem. Doch anstatt zu Gott findet er eine uralte Schale, die die Geschichte der Menschheit verändern sollte.
Prolog
Arnaud warf einen prüfenden Blick auf die Wunde des Verletzten und sah, dass sich diese entzündet hatte. Der Mann war gestern von einigen seiner Glaubensbrüder schwer verletzt und kaum bei Bewusstsein auf die Burg Montsegur gebracht worden. Seiner Kleidung nach zu schließen war er ein „Perfectus“ und abgesehen von seiner Verletzung war er bei guter Gesundheit. Arnaud hatte den blutgetränkten Verband von seinem linken Oberschenkel entfernt und das gesamte Ausmaß der Verletzung gesehen. Der Schwerthieb hatte eine tiefe Furche im Oberschenkel des Mannes hinterlassen und reichte von der Innenseite des Beines bis zum Kniegelenk. Aus der Tiefe der Wunde sickerte unaufhaltsam frisches Blut. Nachdem er die Wunde gesäubert und mit dem Brandeisen verschorft hatte, hatte er einen frischen Verband angelegt und dem Patienten einen Sud aus Weidenrinde gegeben. An der Außenseite des Kniegelenks hatte sich nun eine tiefrote Blase gebildet. Der Mann lag in hohem Fieber. Arnaud nahm sein Messer, erhitzte es über dem Feuer und mit einem gezielten Stich seitlich der Kniescheibe öffnete er das Gelenk. Der Verletzte gab ein tiefes Stöhnen von sich und hellbrauner Eiter quoll aus der Stichwunde hervor. Nun nahm Arnaud den Flaum der Patera und verteilte ihn sorgfältig auf der Wunde. „Wird er es überleben?“, fragte Bernadette, die soeben das Haus betreten hatte. „Das liegt in der Hand Gottes. Wenn das Fieber in drei Tagen zurückgeht, dann vielleicht.“ Arnaud gab dem halb Bewusstlosen zu trinken und drei kleine Kugeln aus Bienenwachs, welche dieser nur widerwillig schluckte. „Claire ist mit dem Essen fertig“, sagte Bernadette, „kommst du, Vater?“ Arnaud nickte und betrachtete seine Tochter. Sie war über die Jahre eine wunderschöne Frau geworden. Die schwarzen Haare und die dunklen gütigen Augen hatte sie von ihrer Mutter, aber ihr Gesicht war runder und manchmal glaubte er, sich selbst in seiner Jugend in ihrem Blick zu erkennen. Arnaud nahm seinen Stock und ging hinaus auf die Straße in Richtung oberer Teil der Burg.
Die Sonne blendete ihn, da sein Augenlicht bereits getrübt war. Seine Gelenke ließen ihn mitunter im Stich und er kam nur langsam voran. Claire erwartete ihn an der Eingangstür. „Und wie geht es dem Verletzten?“ „Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, wir können nur beten.“ Die Patera hatte ihm über die Jahre gute Dienste geleistet, doch schlussendlich waren alle in der Hand Gottes. Beim Mahl sagte Bernadette: „Weißt du, dass der Bischof heute angekommen ist?“ „Guilhabert ist hier?“, fragte Arnaud mit staunendem Blick. „Ja, er ist extra aus Pieusse gekommen.“ „Ich muss ihn unbedingt sprechen.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sich mit einem lauten Knarren die Eingangstür öffnete und Guilhabert de Castres den Raum betrat. „Arnaud, mein alter Freund, wie geht es dir?“ Der Bischof war älter geworden über die Jahre, doch seine blauen Augen hatten nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt und die beiden umarmten sich innig. „Danke, ich bin zufrieden, du kennst meine Frau Claire?“ „Ja, natürlich, es ist zwar schon eine Zeit her. Guten Tag, Claire, und mein Gott, bist es du, Bernadette?“ Bernadette warf dem Bischof einen freundlichen Blick zu. Guilhabert kannte sie seit ihrer Kindheit und war überrascht, nun eine wunderschöne und offensichtlich selbstbewusste Frau vor sich zu sehen. „Wie ich sehe, hast du die höheren Weihen erhalten.“ „Ja, Bruder Guilhabert“, sagte Bernadette im Gewand einer „Perfecta“ gekleidet. „Das macht mich sehr stolz“, erwiderte der Bischof, „lass dich umarmen.“ Guilhabert legte seinen weißen Mantel ab und setzte sich mit einem Ausdruck der Erleichterung auf den Stuhl. „Ich habe betrübliche Nachrichten, meine Freunde. Raymond von Toulouse hat sich ergeben und der König wird Okzitanien unter seine Herrschaft bringen. Die Heilige Inquisition und der Dominikanerorden sind uns auf den Fersen.“ Claire und Bernadette bedeckten ihre Münder in einem Ausdruck der Ungläubigkeit. Zwanzig Jahre hatte sich Raymond von Toulouse dem Aufruf des Papstes zur Vernichtung der Albigenser und dem darauffolgenden Kreuzzug widersetzt. Selbst nach seinem Exil in England war er wieder zurückgekehrt, um die Katharer zu unterstützen.
„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte Arnaud. „Ich habe mit Raymond de Pereille, eurem Burgherrn, vereinbart, die Burg Montsegur stärker zu befestigen. Wir haben nur noch wenig Unterstützung im Adel, aber in Queribus und Usson gibt es auch noch eine sichere Zuflucht.“ Bernadette und Claire waren erschüttert. „Genug der Politik“, sagte der Bischof. „Lasst uns gemeinsam essen!“ Arnaud war innerlich aufgewühlt. Toulouse verloren, der Papst und der König würden die Reste der Albigenser-Bewegung vom Erdboden löschen. Er musste dringend mit Guilhabert unter vier Augen reden. Nach dem Essen bedeutete Arnaud seinem Freund, in seine Kammer zu kommen. „Ich muss unbedingt mit dir reden, mein Freund“, sagte er mit besorgter Stimme. Guilhabert entschuldigte sich bei Claire und Bernadette und folgte Arnaud. „Ich brauche deine Hilfe. Dieser Brief muss unbedingt seinen Adressaten finden und ich möchte, dass du ihn mit deinem bischöflichen Siegel versiehst.“ „Geht es um die Patera?“, fragte Guilhabert. Arnaud nickte. „Ich werde dir natürlich helfen.“ Arnaud erhitzte etwas Siegelwachs und tropfte es auf einen Umschlag, der verschlossen am Tisch lag. Bischof Guilhabert de Castres drückte seinen Siegelring in das noch weiche Wachs.
Kapitel 1
Chateau Gisors im Jahre 1183
Arnaud Calvez trat im Alter von achtzehn Jahren in die Dienste des Templerordens ein. Mit einer Unterschrift der Willenserklärung hatte er vor einer Woche sein Schicksal besiegelt. Er würde gegen den Willen seines Vaters die Arbeit in der nächstgelegenen Burg der Ordensherren aufnehmen. Nun auf dem Weg zu ihnen stockte ihm beim Anblick der Burg Gisors der Atem. Die Burg lag auf einer Anhöhe und war von einer runden, meterhohen Mauer umgeben. In der Mitte ragte auf der Motte* ein mächtiger Donjon empor. Von dem Wehrturm aus konnte das umgebende Land kilometerweit überblickt werden. Die Burg Gisors lag an der alten Römerstraße, welche von Paris in die Normandie führte. „Komm schon, Junge“, sagte der alte Händler aus Dinan, der ihn aus seiner Heimatstadt mitgenommen hatte. Auf seinem Ochsenkarren sitzend, eine Flasche Wein in seinen Händen und immer ein Lied auf den Lippen, war er mit seinem Leben zufrieden. Nicht so Arnaud. Er wollte die Welt kennenlernen. Hinaus aus dem kleinbürgerlichen Leben seiner Familie. Er wollte partout nicht in die Fußstapfen seines Vaters als Gewürzhändler treten und hatte sich deshalb für ein Leben bei den Templern entschieden. Diese hatten Burgen in ganz Europa und schützten die Pilgerrouten ins Heilige Land. Das Heilige Land zu sehen, das war sein Traum.
* La Motte, altfranzösisch für Erdklumpen, ist der Erdhügel, auf dem die Burgen im Mittelalter zur besseren Verteidigung errichtet wurden. Der Teppich Nr. 19 von Bayeux beschreibt die Belagerung von Dinan durch Wilhelm, den Eroberer.
An der Außenmauer der Burg hingen die weißen Schilder mit rotem Kreuz, die Insignien der Templer. Nachdem sie den Burghügel erklommen hatten, standen sie vor dem riesigen Eingangstor, welches durch zwei schwere, nach oben hin abgerundete Eichentüren gesichert war. „Wer begehrt Einlass?“, fragte die Wache. „Ach, du bist es François“, sagte der Templer, nachdem sich der Händler zu erkennen gegeben hatte. „Wen hast du denn da im Schlepptau?“ „Einen jungen Burschen aus Dinan, er möchte in eure Dienste treten.“ „Lass mich deine Papiere sehen!“, forderte der Wachmann. „Arnaud Calvez aus Dinan“, murmelte er. „Gut, ihr könnt passieren. Hast du den guten Wein dabei, François?“ „Natürlich, zwei Fässer.“ „Und du, junger Mann, melde dich beim Drapier, du findest ihn im großen Haus unterhalb des Donjons gleich neben der Eisentür.“ Als Arnaud die hohen Mauern der Burg hinter sich gebracht hatte, war er erstaunt vom geschäftigen Treiben, welches sich dahinter abspielte. Der Donjon und der innere Zirkel der Burg waren von einer weiteren Mauer geschützt, welche nur einen Eingang über eine steinerne Treppe und ein großes schmiedeeisernes Tor hatte. Unmittelbar davor waren Ritter und Knappen mit Übungen für den Schwertkampf beschäftigt. Anstatt der scharfen Klingen wurden Deckung und Kampftechnik mit hölzernen Schwertern geprobt und nicht selten ging einer der Übenden mit einem lauten Stöhnen zu Boden. Arnaud ging zu einem der Kämpfenden. „Wo finde ich den Drapier?“ „Gleich im Haus da drüben, welches an der Mauer zum Donjon liegt“, sagte der Junge mit gebrochener Stimme. Er erholte sich nur langsam von dem Hieb auf den Rücken, den er soeben erhalten hatte. Arnaud dankte ihm höflich und überquerte den Übungsplatz in Richtung des großen Hauses. An der Eingangstür stand ein korpulenter Mann und beobachtete mit prüfendem Blick die Schwertkämpfe. Arnaud trat auf ihn zu und zeigte ihm seine Papiere. „Aus Dinan? So, so. Ich bin Richard de Delincourt, der Drapier dieser Komturei. Wenn du in deinem Leben bisher nicht Disziplin und Gottesfürchtigkeit gelernt hast, so werden wir es dir beibringen“, sprach er mit einem strengen Blick. „Kannst du lesen und schreiben?“ „Ja, ich war drei Jahre bei den Benediktinern in Mont Saint Michel.“ „Dann müsstest du Bruder Phillipp kennen, er ist ein guter Freund von mir und wir halten seit Jahren Briefkontakt.“ „Er war mein Lehrer“, erwiderte Arnaud mit einem breiten Grinsen. Arnaud erinnerte sich an seine Zeit auf dem Klosterfelsen. Wenn seine Studien beendet waren, musste er täglich den Säulengang neben der heiligen Kapelle kehren. Er liebte den Vorplatz der Kirche, denn von dort konnte man das Meer in allen Himmelsrichtungen überblicken. In der Ferne sah er im Westen die Schiffe, welche nach St. Malo einliefen. Ihre Segel zeugten davon, dass sie aus fernen Ländern dem Hafen zusteuerten. Nach Norden hin war die offene See, aber Richtung Süden konnte man bei Ebbe sehen, wie sich das Meer vom Felsen zurückzog und den sandigen Boden preisgab. Es war ein beeindruckendes Schauspiel der Natur, welches sich zweimal am Tag vollzog. Nur kleine Ströme von Wasser bahnten sich dann mäanderförmig ihren Weg Richtung Festland. Arnaud liebte den Geruch des Meeres, diese Mischung aus verwesendem Seetang, gepaart mit dem Duft der Muscheln. „Blick dich um!“, sollte Bruder Phillipp sagen, „die Welt gehört dir, mein Junge.“ Arnaud wurde jäh durch die forschen Worte des Drapiers aus seinen Erinnerungen gerissen. „Gut, das werden wir morgen überprüfen. Dein bisheriges Leben endet hier und jetzt, du wirst nie wieder der sein, der du einmal warst. Entkleide dich und nimm dir einen der braunen Mäntel. Folge mir!“, befahl er, „ich werde dich einweisen.“ Richard de Delincourt war von gedrungener Gestalt und hatte weißes, wallendes Haar und einen Kinnbart, welcher nach vorne spitz endete. Er trug den weißen Mantel der Templer mit rotem Kreuz und seine Gesichtszüge hatten etwas Gütiges, außer, wenn er mit der ihm innewohnenden Autorität sprach. „Da drüben sind die Stallungen und gleich daneben befindet sich deine Schlafstatt.“ Delincourt zeigte zu den Gebäuden im Osten der Burg. Arnaud folgte ihm und betrachtete sein neues Zuhause. Der Korridor der Knappen war sparsam eingerichtet, nur ein Tisch in der Mitte mit wackeligen Stühlen und eine Reihe von Betten mit Strohmatratzen. „Du kannst dieses Bett haben. Es gehörte Berengar, einem meiner Diener. Er ist vorigen Monat verstorben. Sollte Bruder Phillipp bei deiner Erziehung gute Arbeit geleistet haben, wirst du seinen Platz einnehmen. Die Heilige Messe wird fünfmal täglich gelesen und der Besuch ist verpflichtend. Wenn du im Krankheitsfall nicht daran teilnehmen kannst, musst du dreizehn Pater Noster beten. Verstanden?“, sagte Richard mit ernster Miene. „Sehr wohl, Meister.“ „Wenn du dich erleichtern musst, findest du an der Außenseite der Mauern einen Aborterker. Komm, Arnaud, ich zeige dir unseren Heiligsten Ort.“ Die Kapelle der Burg war sowohl von außen als auch im Inneren nicht an Schönheit zu überbieten. Die mehrbahnigen Maßwerkfenster verliehen dem Innenraum eine helle Atmosphäre, gepaart mit schier unendlichen Reflexionen aus den bunten Fenstern. Die Erbauer wollten mit den farbigen Fenstern, welche aus tausenden in Blei gefassten Gläsern bestanden, das Aufgehen der irdischen Existenz in einem mystischen Farbraum schaffen. Arnaud war tief beindruckt und völlig überwältigt von der Aura, die diesen Raum erfüllte. „Darf ich noch etwas verweilen, Meister?“, fragte er. „Natürlich, wir sehen uns bei der Vesper.“ Nach dem bescheidenen Abendmahl, bei dem sich alle Anwesenden in Schweigen gehüllt hatten, begab sich Arnaud in seine Unterkunft. Er wurde von den anwesenden Knappen und Sergeanten keines Blickes gewürdigt und verkroch sich in seine Strohmatte. Die Nacht hatte sich schon über die Burg gesenkt und Arnaud lag immer noch wach, den Kopf voller Fragen: „War es die richtige Entscheidung gewesen, sich den Templern anzuschließen? Wie wird mein Leben ab nun verlaufen?“ „Bist du noch wach?“, fragte eine Stimme vom Bett neben ihm. „Ja“, sagte Arnaud. „Wie heißt du?“
„Ich bin Arnaud Calvez aus Dinan. Wer bist du?“ „Ich heiße Simon Faiblos. Mach dir keine Sorgen, das ist am ersten Tag immer so. Ich bin schon fast mein ganzes Leben hier, du wirst es mögen. Schlaf gut Arnaud.“
Am nächsten Morgen wurde Arnaud durch ein kräftiges Rütteln jäh aus seinen Träumen gerissen. „Arnaud, steh auf, wir müssen zur Messe!“ „Was, jetzt schon? Es ist noch dunkel draußen.“ „Komm schon!“, erwiderte Simon ungeduldig und die beiden machten sich auf den Weg zur Kapelle. Dabei fiel Arnaud auf, dass Simon am linken Bein hinkte und sein Fuß eine komische Form hatte. „Was ist mit deinem Bein?“ „Das habe ich schon seit meiner Geburt, mein Fuß ist verklumpt, die Mönche nennen es ‚pied bot‘. Es tut nicht weh, aber für den Dienst mit der Waffe bin ich nicht geeignet.“
In der Kapelle hatten sich schon alle zum Morgengebet versammelt und Richard de Delincourt warf den beiden jungen Knappen einen ernsten Blick zu. Die Messe begann mit dem Psalm „Venite“ und endete so wie auch die Mette mit dem „Gloria patri“ zum Ruhme der Trinität. Erst als sich der Großmeister und die zelebrierenden Kapläne erhoben hatten, durften die Sergeanten und Knappen ebenfalls aufstehen und die Kapelle verlassen. Nach der Messe gab es ein bescheidenes Frühstück aus Brot und Suppe. Arnaud hatte gerade sein Mahl beendet, als sein Name gerufen wurde. „Arnaud Calvez, du sollst dich sofort beim Drapier melden!“, schrie ein Sergeant. „Jawohl, Bruder“, erwiderte dieser und begab sich unversehens zum Haus von Richard. „Nun, mein Sohn, lass uns sehen, was Bruder Phillipp dir beigebracht hat.“ Auf dem Tisch lag ein Bündel von Papieren. „Das sind die Rechnungen für Verpflegung und die Bestellungen für Bekleidung für diese Woche. Ich möchte, dass du eine Liste erstellst und den Bedarf errechnest. Kennst du dich mit dem Abakus aus?“ „Ja, mein Herr“, erwiderte Arnaud. Im Hause eines Händlers war der Abakus ein unverzichtbares Utensil und Arnaud hatte schon in seiner Kindheit gelernt, damit umzugehen. Die Tafel mit den Ringen erlaubte es in kurzer Zeit, Zahlen zu addieren und zu subtrahieren. „Ich kehre zu Mittag wieder zurück und erwarte eine vollständige Auflistung!“ Mit diesen Worten schloss Delincourt die schwere Tür und Arnaud machte sich daran, die einzelnen Papiere zu entschlüsseln. Anfangs tat er sich schwer, denn er war mit der Schriftweise nicht vertraut, doch als er einmal dieses Hindernis überwunden hatte, ging die Arbeit rasch voran. Als der Großdrapier, wie angekündigt, zu Mittag wieder zurückkehrte, lagen eine sorgfältige Auflistung der erwünschten Dokumente und die entsprechende Berechnung der Kosten auf dem Tisch. Richard setzte sich und ging das Geschriebene Punkt für Punkt durch und spitzte dabei mit prüfendem Gesichtsausdruck immer wieder seine Lippen. „Bien joué, mon fils“, sagte er am Ende. „Du wirst einer meiner Sekretäre. Heute Abend wirst du den Eid auf den Tempel leisten!“
Die Kapelle war bis auf den letzten Platz gefüllt. Arnaud kniete auf dem ihm zugewiesenen Platz vor dem Altar. Nachdem die Anwesenden den Eröffnungschoral gesungen hatten, stand der Meister, Almarich de Villefort, auf und ging auf ihn zu und sah ihm tief in die Augen. Er sprach mit festlicher Stimme: „Wollet Ihr Knappe unseres ehrbaren Ordens werden?“ Arnaud antwortete, „Ja, das will ich.“ „So erhebet nun Eure Schwertrechte zum Schwur und sprecht mir nach: ‚Ich bin hier erschienen, um unserem ehrbaren Orden und dem hochedlen Großmeister Treue zu geloben. Ich werde stets bemüht sein, gewissenhaft meine Pflichten zu erfüllen und das Amt eines Ritters zu erstreben! Das gelobe ich.‘“ Als Arnaud diese Worte gesprochen hatte, erhob de Villefort sein Haupt und fuhr fort: „Wir haben Euer Wort gehört und sohin nehmen wir Euch als Knappen in unserem Orden auf. Nur wisset: Ein wahres Gelöbnis abzulegen, ziemt nur einem wahren Mann!“ Nach einer kurzen Pause, in der seine Worte in der Kapelle nachhallten, sagte er: „Doch seid gewahr, wenn Ihr das Gelöbnis leichtfertig brechen solltet, wird Euer Name in den Annalen unseres Ordens gelöscht werden, wie wir diese Kerze löschen!“ Mit einer raschen Bewegung der rechten Hand löschte der Großmeister die auf dem Altar stehende Kerze aus und bedeutete Arnaud, sein Haupt zu neigen. „Nimm dies als Zeichen deiner Zugehörigkeit.“ Es war ein hölzernes Templerkreuz und auf der Rückseite waren seine Initialen, der Name seiner Stamm-Komturei und die Jahreszahl seines Beitritts in kunstvollen Lettern eingebrannt. Daraufhin wies de Villefort Arnaud an, sich zu erheben und auf seinen Platz zurückzukehren. Die versammelten Templer stimmten das „Gloria patri“ an. Erst jetzt realisierte Arnaud, was soeben passiert war. Er hatte die Worte wie in Trance gesprochen und nun war er tatsächlich ein Mitglied des Templerordens.
Am nächsten Morgen war auch die Zurückhaltung der anderen Knappen und Sergeanten beim Frühstückstisch gewichen. Arnaud wurde mit einem festen Hieb auf die Schulter von den Anwesenden in ihren Kreis aufgenommen. Simon Faiblos gesellte sich zu ihm. „Nun, da du einer von uns bist, sollst du auch in unsere Regeln eingeweiht werden. Wie lautet unser Leitspruch?“ Bereits am ersten Tag hatte sich Arnaud die Worte, welche ab nun sein Leben bedeuten würden, eingeprägt. Mit stolzer Stimme erwiderte er: „Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam“, nicht uns, oh Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre. Simon nickte zufrieden. „Was weißt du über unsere Kommenden?“, fragte er. „Jede Komturei wird von einem Meister geleitet.“ „Ja, Almarich de Villefort ist unser Meister, aber ihm zur Seite stehen noch der Komtur, der Marschall und der Drapier. Richard de Delincourt kennst du ja bereits. Unser Komtur und oberster Tressler ist Jacques de Montalban und ich würde dir raten, dich soweit es geht von ihm fernzuhalten. Im Gegensatz zu Richard ist er von Grund auf misstrauisch und neigt zu Wutanfällen bei der kleinsten Ungereimtheit seiner Finanzen“, sagte Simon mit einem breiten Grinsen. „Für Waffen und die Verteidigung ist Marschall Guy de Toroge zuständig. Sein Bruder Arnaud bekleidet seit vier Jahren das Amt des Großmeisters des Tempels* zu Paris und ist somit oberster Meister unseres Ordens. Er hat beste Kontakte zum Königshof. Hast du dir alle Namen gemerkt?“ „Natürlich, aber können wir nun endlich etwas essen? Ich sterbe vor Hunger.“
* Der Templerorden wurde 1118 zum Schutz der Pilgerrouten über Jaffa und Ramla nach Jerusalem gegründet. Die Gründungsmitglieder waren Hugo von Payns, Gottfried Saint-Omer und Andreas von Montbard. Dieser war ein Onkel von Bernard de Clairvaux, einem der bedeutendsten Zisterzienser und Scholastiker des Hochmittelalters. Bernard de Clairvaux veröffentlichte flammende Aufrufe zu den Kreuzzügen und rief mehrmals zum Beitritt zum Templerorden auf.
Nach dem Frühstück wurden täglich Waffenübungen abgehalten. Simon war auf Grund seiner Verstümmelung davon befreit und auch Arnaud bereiteten sie keine rechte Freude. Er war von mittlerer Größe und hatte einen sehnigen Körper. Sein langes braunes Haar war der Ordensregel zum Opfer gefallen und er fühlte sich irgendwie nackt am Haupt, vor allem, wenn der Wind um seine Ohren blies. Er hatte die grünen Augen seiner Mutter und ein ebenmäßiges Gesicht mit einer dünnen Nase. Beim Schwertkampf konnte er sich mit dem Schild gut verteidigen und rasch Attacken seines Gegenübers ausweichen, doch er verspürte kein Verlangen, einem anderen Menschen Schmerz zuzufügen. „Was ist mit dir, Bruder Calvez?“, fragte Marschall de Toroge, der die Kampfesübungen überwachte. „Du musst deinen Gegner deine Überlegenheit spüren lassen und ihn attackieren!“ Arnaud wusste keine rechte Antwort auf die Aufforderung. „Nun, offensichtlich bist du nicht zum Kampf geboren, aber Richard de Delincourt hat, wie ich höre, Verwendung für dich“, herrschte de Toroge Arnaud an.
Arnaud gewöhnte sich rasch an den täglichen Ablauf in der Burg. Nur mit dem Fasten konnte er sich schwer abfinden. Die Templer fasteten von Allerheiligen bis Ostern, was bedeutete, dass sie in dieser Zeit nur Gemüse, Hülsenfrüchte, Suppe mit Brot zu sich nahmen. Es gab zwei Mahlzeiten am Tag und Arnaud hatte ständig Hunger. Nach dem Osterfest wurde an Freitagen Fisch und Geflügel gereicht und am Sonntag gab es immer eine Fleischspeise. Einzig im Februar durften die Templer das Fasten brechen und siebzehn Tage lang Fleisch essen. Diese Zeit wurde nach dem lateinischen Ausdruck für „Lebe wohl, Fleisch“ als „carne val“ bezeichnet. Wenn Arnaud nicht mit Arbeiten für den Drapier beschäftigt war, traf er sich meistens mit Simon. Sie wurden über die Zeit beste Freunde. Eines Tages gingen sie bei den Stallungen vorbei, in denen die Knappen gerade mit dem Aufzäumen der Pferde beschäftigt waren. „Warum gibt es hier so viele Pferde?“, fragte Arnaud. „Die Burg beheimatete zwanzig Ritter und zehn Kapläne, die jedoch von weltlichen Aktivitäten ausgenommen waren. Nun, jeder Ritter braucht drei Pferde.
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Arnaud warf einen prüfenden Blick auf die Wunde des Verletzten und sah, dass sich diese entzündet hatte. Der Mann war gestern von einigen seiner Glaubensbrüder schwer verletzt und kaum bei Bewusstsein auf die Burg Montsegur gebracht worden. Seiner Kleidung nach zu schließen war er ein „Perfectus“ und abgesehen von seiner Verletzung war er bei guter Gesundheit. Arnaud hatte den blutgetränkten Verband von seinem linken Oberschenkel entfernt und das gesamte Ausmaß der Verletzung gesehen. Der Schwerthieb hatte eine tiefe Furche im Oberschenkel des Mannes hinterlassen und reichte von der Innenseite des Beines bis zum Kniegelenk. Aus der Tiefe der Wunde sickerte unaufhaltsam frisches Blut. Nachdem er die Wunde gesäubert und mit dem Brandeisen verschorft hatte, hatte er einen frischen Verband angelegt und dem Patienten einen Sud aus Weidenrinde gegeben. An der Außenseite des Kniegelenks hatte sich nun eine tiefrote Blase gebildet. Der Mann lag in hohem Fieber. Arnaud nahm sein Messer, erhitzte es über dem Feuer und mit einem gezielten Stich seitlich der Kniescheibe öffnete er das Gelenk. Der Verletzte gab ein tiefes Stöhnen von sich und hellbrauner Eiter quoll aus der Stichwunde hervor. Nun nahm Arnaud den Flaum der Patera und verteilte ihn sorgfältig auf der Wunde. „Wird er es überleben?“, fragte Bernadette, die soeben das Haus betreten hatte. „Das liegt in der Hand Gottes. Wenn das Fieber in drei Tagen zurückgeht, dann vielleicht.“ Arnaud gab dem halb Bewusstlosen zu trinken und drei kleine Kugeln aus Bienenwachs, welche dieser nur widerwillig schluckte. „Claire ist mit dem Essen fertig“, sagte Bernadette, „kommst du, Vater?“ Arnaud nickte und betrachtete seine Tochter. Sie war über die Jahre eine wunderschöne Frau geworden. Die schwarzen Haare und die dunklen gütigen Augen hatte sie von ihrer Mutter, aber ihr Gesicht war runder und manchmal glaubte er, sich selbst in seiner Jugend in ihrem Blick zu erkennen. Arnaud nahm seinen Stock und ging hinaus auf die Straße in Richtung oberer Teil der Burg.
Die Sonne blendete ihn, da sein Augenlicht bereits getrübt war. Seine Gelenke ließen ihn mitunter im Stich und er kam nur langsam voran. Claire erwartete ihn an der Eingangstür. „Und wie geht es dem Verletzten?“ „Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, wir können nur beten.“ Die Patera hatte ihm über die Jahre gute Dienste geleistet, doch schlussendlich waren alle in der Hand Gottes. Beim Mahl sagte Bernadette: „Weißt du, dass der Bischof heute angekommen ist?“ „Guilhabert ist hier?“, fragte Arnaud mit staunendem Blick. „Ja, er ist extra aus Pieusse gekommen.“ „Ich muss ihn unbedingt sprechen.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sich mit einem lauten Knarren die Eingangstür öffnete und Guilhabert de Castres den Raum betrat. „Arnaud, mein alter Freund, wie geht es dir?“ Der Bischof war älter geworden über die Jahre, doch seine blauen Augen hatten nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt und die beiden umarmten sich innig. „Danke, ich bin zufrieden, du kennst meine Frau Claire?“ „Ja, natürlich, es ist zwar schon eine Zeit her. Guten Tag, Claire, und mein Gott, bist es du, Bernadette?“ Bernadette warf dem Bischof einen freundlichen Blick zu. Guilhabert kannte sie seit ihrer Kindheit und war überrascht, nun eine wunderschöne und offensichtlich selbstbewusste Frau vor sich zu sehen. „Wie ich sehe, hast du die höheren Weihen erhalten.“ „Ja, Bruder Guilhabert“, sagte Bernadette im Gewand einer „Perfecta“ gekleidet. „Das macht mich sehr stolz“, erwiderte der Bischof, „lass dich umarmen.“ Guilhabert legte seinen weißen Mantel ab und setzte sich mit einem Ausdruck der Erleichterung auf den Stuhl. „Ich habe betrübliche Nachrichten, meine Freunde. Raymond von Toulouse hat sich ergeben und der König wird Okzitanien unter seine Herrschaft bringen. Die Heilige Inquisition und der Dominikanerorden sind uns auf den Fersen.“ Claire und Bernadette bedeckten ihre Münder in einem Ausdruck der Ungläubigkeit. Zwanzig Jahre hatte sich Raymond von Toulouse dem Aufruf des Papstes zur Vernichtung der Albigenser und dem darauffolgenden Kreuzzug widersetzt. Selbst nach seinem Exil in England war er wieder zurückgekehrt, um die Katharer zu unterstützen.
„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte Arnaud. „Ich habe mit Raymond de Pereille, eurem Burgherrn, vereinbart, die Burg Montsegur stärker zu befestigen. Wir haben nur noch wenig Unterstützung im Adel, aber in Queribus und Usson gibt es auch noch eine sichere Zuflucht.“ Bernadette und Claire waren erschüttert. „Genug der Politik“, sagte der Bischof. „Lasst uns gemeinsam essen!“ Arnaud war innerlich aufgewühlt. Toulouse verloren, der Papst und der König würden die Reste der Albigenser-Bewegung vom Erdboden löschen. Er musste dringend mit Guilhabert unter vier Augen reden. Nach dem Essen bedeutete Arnaud seinem Freund, in seine Kammer zu kommen. „Ich muss unbedingt mit dir reden, mein Freund“, sagte er mit besorgter Stimme. Guilhabert entschuldigte sich bei Claire und Bernadette und folgte Arnaud. „Ich brauche deine Hilfe. Dieser Brief muss unbedingt seinen Adressaten finden und ich möchte, dass du ihn mit deinem bischöflichen Siegel versiehst.“ „Geht es um die Patera?“, fragte Guilhabert. Arnaud nickte. „Ich werde dir natürlich helfen.“ Arnaud erhitzte etwas Siegelwachs und tropfte es auf einen Umschlag, der verschlossen am Tisch lag. Bischof Guilhabert de Castres drückte seinen Siegelring in das noch weiche Wachs.
Kapitel 1
Chateau Gisors im Jahre 1183
Arnaud Calvez trat im Alter von achtzehn Jahren in die Dienste des Templerordens ein. Mit einer Unterschrift der Willenserklärung hatte er vor einer Woche sein Schicksal besiegelt. Er würde gegen den Willen seines Vaters die Arbeit in der nächstgelegenen Burg der Ordensherren aufnehmen. Nun auf dem Weg zu ihnen stockte ihm beim Anblick der Burg Gisors der Atem. Die Burg lag auf einer Anhöhe und war von einer runden, meterhohen Mauer umgeben. In der Mitte ragte auf der Motte* ein mächtiger Donjon empor. Von dem Wehrturm aus konnte das umgebende Land kilometerweit überblickt werden. Die Burg Gisors lag an der alten Römerstraße, welche von Paris in die Normandie führte. „Komm schon, Junge“, sagte der alte Händler aus Dinan, der ihn aus seiner Heimatstadt mitgenommen hatte. Auf seinem Ochsenkarren sitzend, eine Flasche Wein in seinen Händen und immer ein Lied auf den Lippen, war er mit seinem Leben zufrieden. Nicht so Arnaud. Er wollte die Welt kennenlernen. Hinaus aus dem kleinbürgerlichen Leben seiner Familie. Er wollte partout nicht in die Fußstapfen seines Vaters als Gewürzhändler treten und hatte sich deshalb für ein Leben bei den Templern entschieden. Diese hatten Burgen in ganz Europa und schützten die Pilgerrouten ins Heilige Land. Das Heilige Land zu sehen, das war sein Traum.
* La Motte, altfranzösisch für Erdklumpen, ist der Erdhügel, auf dem die Burgen im Mittelalter zur besseren Verteidigung errichtet wurden. Der Teppich Nr. 19 von Bayeux beschreibt die Belagerung von Dinan durch Wilhelm, den Eroberer.
An der Außenmauer der Burg hingen die weißen Schilder mit rotem Kreuz, die Insignien der Templer. Nachdem sie den Burghügel erklommen hatten, standen sie vor dem riesigen Eingangstor, welches durch zwei schwere, nach oben hin abgerundete Eichentüren gesichert war. „Wer begehrt Einlass?“, fragte die Wache. „Ach, du bist es François“, sagte der Templer, nachdem sich der Händler zu erkennen gegeben hatte. „Wen hast du denn da im Schlepptau?“ „Einen jungen Burschen aus Dinan, er möchte in eure Dienste treten.“ „Lass mich deine Papiere sehen!“, forderte der Wachmann. „Arnaud Calvez aus Dinan“, murmelte er. „Gut, ihr könnt passieren. Hast du den guten Wein dabei, François?“ „Natürlich, zwei Fässer.“ „Und du, junger Mann, melde dich beim Drapier, du findest ihn im großen Haus unterhalb des Donjons gleich neben der Eisentür.“ Als Arnaud die hohen Mauern der Burg hinter sich gebracht hatte, war er erstaunt vom geschäftigen Treiben, welches sich dahinter abspielte. Der Donjon und der innere Zirkel der Burg waren von einer weiteren Mauer geschützt, welche nur einen Eingang über eine steinerne Treppe und ein großes schmiedeeisernes Tor hatte. Unmittelbar davor waren Ritter und Knappen mit Übungen für den Schwertkampf beschäftigt. Anstatt der scharfen Klingen wurden Deckung und Kampftechnik mit hölzernen Schwertern geprobt und nicht selten ging einer der Übenden mit einem lauten Stöhnen zu Boden. Arnaud ging zu einem der Kämpfenden. „Wo finde ich den Drapier?“ „Gleich im Haus da drüben, welches an der Mauer zum Donjon liegt“, sagte der Junge mit gebrochener Stimme. Er erholte sich nur langsam von dem Hieb auf den Rücken, den er soeben erhalten hatte. Arnaud dankte ihm höflich und überquerte den Übungsplatz in Richtung des großen Hauses. An der Eingangstür stand ein korpulenter Mann und beobachtete mit prüfendem Blick die Schwertkämpfe. Arnaud trat auf ihn zu und zeigte ihm seine Papiere. „Aus Dinan? So, so. Ich bin Richard de Delincourt, der Drapier dieser Komturei. Wenn du in deinem Leben bisher nicht Disziplin und Gottesfürchtigkeit gelernt hast, so werden wir es dir beibringen“, sprach er mit einem strengen Blick. „Kannst du lesen und schreiben?“ „Ja, ich war drei Jahre bei den Benediktinern in Mont Saint Michel.“ „Dann müsstest du Bruder Phillipp kennen, er ist ein guter Freund von mir und wir halten seit Jahren Briefkontakt.“ „Er war mein Lehrer“, erwiderte Arnaud mit einem breiten Grinsen. Arnaud erinnerte sich an seine Zeit auf dem Klosterfelsen. Wenn seine Studien beendet waren, musste er täglich den Säulengang neben der heiligen Kapelle kehren. Er liebte den Vorplatz der Kirche, denn von dort konnte man das Meer in allen Himmelsrichtungen überblicken. In der Ferne sah er im Westen die Schiffe, welche nach St. Malo einliefen. Ihre Segel zeugten davon, dass sie aus fernen Ländern dem Hafen zusteuerten. Nach Norden hin war die offene See, aber Richtung Süden konnte man bei Ebbe sehen, wie sich das Meer vom Felsen zurückzog und den sandigen Boden preisgab. Es war ein beeindruckendes Schauspiel der Natur, welches sich zweimal am Tag vollzog. Nur kleine Ströme von Wasser bahnten sich dann mäanderförmig ihren Weg Richtung Festland. Arnaud liebte den Geruch des Meeres, diese Mischung aus verwesendem Seetang, gepaart mit dem Duft der Muscheln. „Blick dich um!“, sollte Bruder Phillipp sagen, „die Welt gehört dir, mein Junge.“ Arnaud wurde jäh durch die forschen Worte des Drapiers aus seinen Erinnerungen gerissen. „Gut, das werden wir morgen überprüfen. Dein bisheriges Leben endet hier und jetzt, du wirst nie wieder der sein, der du einmal warst. Entkleide dich und nimm dir einen der braunen Mäntel. Folge mir!“, befahl er, „ich werde dich einweisen.“ Richard de Delincourt war von gedrungener Gestalt und hatte weißes, wallendes Haar und einen Kinnbart, welcher nach vorne spitz endete. Er trug den weißen Mantel der Templer mit rotem Kreuz und seine Gesichtszüge hatten etwas Gütiges, außer, wenn er mit der ihm innewohnenden Autorität sprach. „Da drüben sind die Stallungen und gleich daneben befindet sich deine Schlafstatt.“ Delincourt zeigte zu den Gebäuden im Osten der Burg. Arnaud folgte ihm und betrachtete sein neues Zuhause. Der Korridor der Knappen war sparsam eingerichtet, nur ein Tisch in der Mitte mit wackeligen Stühlen und eine Reihe von Betten mit Strohmatratzen. „Du kannst dieses Bett haben. Es gehörte Berengar, einem meiner Diener. Er ist vorigen Monat verstorben. Sollte Bruder Phillipp bei deiner Erziehung gute Arbeit geleistet haben, wirst du seinen Platz einnehmen. Die Heilige Messe wird fünfmal täglich gelesen und der Besuch ist verpflichtend. Wenn du im Krankheitsfall nicht daran teilnehmen kannst, musst du dreizehn Pater Noster beten. Verstanden?“, sagte Richard mit ernster Miene. „Sehr wohl, Meister.“ „Wenn du dich erleichtern musst, findest du an der Außenseite der Mauern einen Aborterker. Komm, Arnaud, ich zeige dir unseren Heiligsten Ort.“ Die Kapelle der Burg war sowohl von außen als auch im Inneren nicht an Schönheit zu überbieten. Die mehrbahnigen Maßwerkfenster verliehen dem Innenraum eine helle Atmosphäre, gepaart mit schier unendlichen Reflexionen aus den bunten Fenstern. Die Erbauer wollten mit den farbigen Fenstern, welche aus tausenden in Blei gefassten Gläsern bestanden, das Aufgehen der irdischen Existenz in einem mystischen Farbraum schaffen. Arnaud war tief beindruckt und völlig überwältigt von der Aura, die diesen Raum erfüllte. „Darf ich noch etwas verweilen, Meister?“, fragte er. „Natürlich, wir sehen uns bei der Vesper.“ Nach dem bescheidenen Abendmahl, bei dem sich alle Anwesenden in Schweigen gehüllt hatten, begab sich Arnaud in seine Unterkunft. Er wurde von den anwesenden Knappen und Sergeanten keines Blickes gewürdigt und verkroch sich in seine Strohmatte. Die Nacht hatte sich schon über die Burg gesenkt und Arnaud lag immer noch wach, den Kopf voller Fragen: „War es die richtige Entscheidung gewesen, sich den Templern anzuschließen? Wie wird mein Leben ab nun verlaufen?“ „Bist du noch wach?“, fragte eine Stimme vom Bett neben ihm. „Ja“, sagte Arnaud. „Wie heißt du?“
„Ich bin Arnaud Calvez aus Dinan. Wer bist du?“ „Ich heiße Simon Faiblos. Mach dir keine Sorgen, das ist am ersten Tag immer so. Ich bin schon fast mein ganzes Leben hier, du wirst es mögen. Schlaf gut Arnaud.“
Am nächsten Morgen wurde Arnaud durch ein kräftiges Rütteln jäh aus seinen Träumen gerissen. „Arnaud, steh auf, wir müssen zur Messe!“ „Was, jetzt schon? Es ist noch dunkel draußen.“ „Komm schon!“, erwiderte Simon ungeduldig und die beiden machten sich auf den Weg zur Kapelle. Dabei fiel Arnaud auf, dass Simon am linken Bein hinkte und sein Fuß eine komische Form hatte. „Was ist mit deinem Bein?“ „Das habe ich schon seit meiner Geburt, mein Fuß ist verklumpt, die Mönche nennen es ‚pied bot‘. Es tut nicht weh, aber für den Dienst mit der Waffe bin ich nicht geeignet.“
In der Kapelle hatten sich schon alle zum Morgengebet versammelt und Richard de Delincourt warf den beiden jungen Knappen einen ernsten Blick zu. Die Messe begann mit dem Psalm „Venite“ und endete so wie auch die Mette mit dem „Gloria patri“ zum Ruhme der Trinität. Erst als sich der Großmeister und die zelebrierenden Kapläne erhoben hatten, durften die Sergeanten und Knappen ebenfalls aufstehen und die Kapelle verlassen. Nach der Messe gab es ein bescheidenes Frühstück aus Brot und Suppe. Arnaud hatte gerade sein Mahl beendet, als sein Name gerufen wurde. „Arnaud Calvez, du sollst dich sofort beim Drapier melden!“, schrie ein Sergeant. „Jawohl, Bruder“, erwiderte dieser und begab sich unversehens zum Haus von Richard. „Nun, mein Sohn, lass uns sehen, was Bruder Phillipp dir beigebracht hat.“ Auf dem Tisch lag ein Bündel von Papieren. „Das sind die Rechnungen für Verpflegung und die Bestellungen für Bekleidung für diese Woche. Ich möchte, dass du eine Liste erstellst und den Bedarf errechnest. Kennst du dich mit dem Abakus aus?“ „Ja, mein Herr“, erwiderte Arnaud. Im Hause eines Händlers war der Abakus ein unverzichtbares Utensil und Arnaud hatte schon in seiner Kindheit gelernt, damit umzugehen. Die Tafel mit den Ringen erlaubte es in kurzer Zeit, Zahlen zu addieren und zu subtrahieren. „Ich kehre zu Mittag wieder zurück und erwarte eine vollständige Auflistung!“ Mit diesen Worten schloss Delincourt die schwere Tür und Arnaud machte sich daran, die einzelnen Papiere zu entschlüsseln. Anfangs tat er sich schwer, denn er war mit der Schriftweise nicht vertraut, doch als er einmal dieses Hindernis überwunden hatte, ging die Arbeit rasch voran. Als der Großdrapier, wie angekündigt, zu Mittag wieder zurückkehrte, lagen eine sorgfältige Auflistung der erwünschten Dokumente und die entsprechende Berechnung der Kosten auf dem Tisch. Richard setzte sich und ging das Geschriebene Punkt für Punkt durch und spitzte dabei mit prüfendem Gesichtsausdruck immer wieder seine Lippen. „Bien joué, mon fils“, sagte er am Ende. „Du wirst einer meiner Sekretäre. Heute Abend wirst du den Eid auf den Tempel leisten!“
Die Kapelle war bis auf den letzten Platz gefüllt. Arnaud kniete auf dem ihm zugewiesenen Platz vor dem Altar. Nachdem die Anwesenden den Eröffnungschoral gesungen hatten, stand der Meister, Almarich de Villefort, auf und ging auf ihn zu und sah ihm tief in die Augen. Er sprach mit festlicher Stimme: „Wollet Ihr Knappe unseres ehrbaren Ordens werden?“ Arnaud antwortete, „Ja, das will ich.“ „So erhebet nun Eure Schwertrechte zum Schwur und sprecht mir nach: ‚Ich bin hier erschienen, um unserem ehrbaren Orden und dem hochedlen Großmeister Treue zu geloben. Ich werde stets bemüht sein, gewissenhaft meine Pflichten zu erfüllen und das Amt eines Ritters zu erstreben! Das gelobe ich.‘“ Als Arnaud diese Worte gesprochen hatte, erhob de Villefort sein Haupt und fuhr fort: „Wir haben Euer Wort gehört und sohin nehmen wir Euch als Knappen in unserem Orden auf. Nur wisset: Ein wahres Gelöbnis abzulegen, ziemt nur einem wahren Mann!“ Nach einer kurzen Pause, in der seine Worte in der Kapelle nachhallten, sagte er: „Doch seid gewahr, wenn Ihr das Gelöbnis leichtfertig brechen solltet, wird Euer Name in den Annalen unseres Ordens gelöscht werden, wie wir diese Kerze löschen!“ Mit einer raschen Bewegung der rechten Hand löschte der Großmeister die auf dem Altar stehende Kerze aus und bedeutete Arnaud, sein Haupt zu neigen. „Nimm dies als Zeichen deiner Zugehörigkeit.“ Es war ein hölzernes Templerkreuz und auf der Rückseite waren seine Initialen, der Name seiner Stamm-Komturei und die Jahreszahl seines Beitritts in kunstvollen Lettern eingebrannt. Daraufhin wies de Villefort Arnaud an, sich zu erheben und auf seinen Platz zurückzukehren. Die versammelten Templer stimmten das „Gloria patri“ an. Erst jetzt realisierte Arnaud, was soeben passiert war. Er hatte die Worte wie in Trance gesprochen und nun war er tatsächlich ein Mitglied des Templerordens.
Am nächsten Morgen war auch die Zurückhaltung der anderen Knappen und Sergeanten beim Frühstückstisch gewichen. Arnaud wurde mit einem festen Hieb auf die Schulter von den Anwesenden in ihren Kreis aufgenommen. Simon Faiblos gesellte sich zu ihm. „Nun, da du einer von uns bist, sollst du auch in unsere Regeln eingeweiht werden. Wie lautet unser Leitspruch?“ Bereits am ersten Tag hatte sich Arnaud die Worte, welche ab nun sein Leben bedeuten würden, eingeprägt. Mit stolzer Stimme erwiderte er: „Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam“, nicht uns, oh Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre. Simon nickte zufrieden. „Was weißt du über unsere Kommenden?“, fragte er. „Jede Komturei wird von einem Meister geleitet.“ „Ja, Almarich de Villefort ist unser Meister, aber ihm zur Seite stehen noch der Komtur, der Marschall und der Drapier. Richard de Delincourt kennst du ja bereits. Unser Komtur und oberster Tressler ist Jacques de Montalban und ich würde dir raten, dich soweit es geht von ihm fernzuhalten. Im Gegensatz zu Richard ist er von Grund auf misstrauisch und neigt zu Wutanfällen bei der kleinsten Ungereimtheit seiner Finanzen“, sagte Simon mit einem breiten Grinsen. „Für Waffen und die Verteidigung ist Marschall Guy de Toroge zuständig. Sein Bruder Arnaud bekleidet seit vier Jahren das Amt des Großmeisters des Tempels* zu Paris und ist somit oberster Meister unseres Ordens. Er hat beste Kontakte zum Königshof. Hast du dir alle Namen gemerkt?“ „Natürlich, aber können wir nun endlich etwas essen? Ich sterbe vor Hunger.“
* Der Templerorden wurde 1118 zum Schutz der Pilgerrouten über Jaffa und Ramla nach Jerusalem gegründet. Die Gründungsmitglieder waren Hugo von Payns, Gottfried Saint-Omer und Andreas von Montbard. Dieser war ein Onkel von Bernard de Clairvaux, einem der bedeutendsten Zisterzienser und Scholastiker des Hochmittelalters. Bernard de Clairvaux veröffentlichte flammende Aufrufe zu den Kreuzzügen und rief mehrmals zum Beitritt zum Templerorden auf.
Nach dem Frühstück wurden täglich Waffenübungen abgehalten. Simon war auf Grund seiner Verstümmelung davon befreit und auch Arnaud bereiteten sie keine rechte Freude. Er war von mittlerer Größe und hatte einen sehnigen Körper. Sein langes braunes Haar war der Ordensregel zum Opfer gefallen und er fühlte sich irgendwie nackt am Haupt, vor allem, wenn der Wind um seine Ohren blies. Er hatte die grünen Augen seiner Mutter und ein ebenmäßiges Gesicht mit einer dünnen Nase. Beim Schwertkampf konnte er sich mit dem Schild gut verteidigen und rasch Attacken seines Gegenübers ausweichen, doch er verspürte kein Verlangen, einem anderen Menschen Schmerz zuzufügen. „Was ist mit dir, Bruder Calvez?“, fragte Marschall de Toroge, der die Kampfesübungen überwachte. „Du musst deinen Gegner deine Überlegenheit spüren lassen und ihn attackieren!“ Arnaud wusste keine rechte Antwort auf die Aufforderung. „Nun, offensichtlich bist du nicht zum Kampf geboren, aber Richard de Delincourt hat, wie ich höre, Verwendung für dich“, herrschte de Toroge Arnaud an.
Arnaud gewöhnte sich rasch an den täglichen Ablauf in der Burg. Nur mit dem Fasten konnte er sich schwer abfinden. Die Templer fasteten von Allerheiligen bis Ostern, was bedeutete, dass sie in dieser Zeit nur Gemüse, Hülsenfrüchte, Suppe mit Brot zu sich nahmen. Es gab zwei Mahlzeiten am Tag und Arnaud hatte ständig Hunger. Nach dem Osterfest wurde an Freitagen Fisch und Geflügel gereicht und am Sonntag gab es immer eine Fleischspeise. Einzig im Februar durften die Templer das Fasten brechen und siebzehn Tage lang Fleisch essen. Diese Zeit wurde nach dem lateinischen Ausdruck für „Lebe wohl, Fleisch“ als „carne val“ bezeichnet. Wenn Arnaud nicht mit Arbeiten für den Drapier beschäftigt war, traf er sich meistens mit Simon. Sie wurden über die Zeit beste Freunde. Eines Tages gingen sie bei den Stallungen vorbei, in denen die Knappen gerade mit dem Aufzäumen der Pferde beschäftigt waren. „Warum gibt es hier so viele Pferde?“, fragte Arnaud. „Die Burg beheimatete zwanzig Ritter und zehn Kapläne, die jedoch von weltlichen Aktivitäten ausgenommen waren. Nun, jeder Ritter braucht drei Pferde.
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