Überwinterkinder
EUR 25,90
Format: 15 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 196
ISBN: 978-3-7116-0075-2
Erscheinungsdatum: 28.11.2024
Geboren in einem Dorf in den Bergen, erfährt Christl als Kind die bitteren Härten der Nachkriegszeit. Viele Schicksalsschläge und die Bürde schwerer Arbeit begleiten ihre Familie ein Leben lang. Ein beklemmender Einblick in einen Lebensalltag im Wandel der Zeit.
Vorwort
Es wird nun Zeit!
Als hätte es früher nicht schon einen Bleistift gegeben – die Zeit entschwindet zurück, immer weniger Zeitraum in die Zukunft, ist sie nicht mehr dehnbar nach hinten und vorne, eingespannt ins Leben ihrer verbleibenden Zeit.
Früheste Erinnerungen
Wann hatte es schon so viel Schnee gegeben im März, am 9. des Monats 1942? Wer sollte sich noch erinnern an eineinhalb Meter, wenn nicht eine Hebamme (längst selber Vergangenheit) hilflos im Schnee. Das „Wehen“ damals des Schneesturms draußen und die „Wehen“ drinnen ungehört. Doch immer wollen Kinder auf die Welt und immer hilft irgendwer in der Not. So kam es bei dem kleinen Neugeborenen „Fräulein Winter zu einem Gespür für Schnee“, ein Leben lang.
Sie hatte schon einen Bruder zu ihrem Glück, nur vierzehn Monate älter und hungriger, zu viel für eine Mutterbrust im Krieg. Die Mutter, der Vater, der Krieg! Der Krieg hatte Mutter und Vater zu vermählten Eltern gemacht, wie es damals so sein musste für die Moral. Das erste Kind sollte der Vater nicht ledig sehen und auch nicht der Krieg …
Deshalb gab es Bilder von einer Kriegstrauung, mit schwangerer Braut, als Schleier ihr verschleierter Blick. Der Bräutigam, unerfahren in Krieg und Vaterschaft, stolz in Uniform gewandet, für eine strahlende Zukunft.
Ohne diese besonderen Umstände hätte die Liebe zueinander nicht gereicht, diese Winterkinder ins Leben zu rufen.
Es war eine Not an allem, und eine Wohnung zu haben, linderte sie nicht. Da war dieses hochherrschaftliche Haus, mit ebensolchen alt-reichen Viele-Häuser-Besitzern. Deren Reichtum hatte mit diesem Krieg zu tun, begründete sich gegenseitig! Das unersättliche Kriegsmaterial kam aus ihren Fabriken. In diesem feinen Hausanbau für Personal, mit Waschküche, darüber zwei kleine Räume „kalt“, für eine Mutter mit Kind. Als Mietpreis war ihre Arbeitskraft, unentgeltlich, sehr geschätzt das ganze Jahr – für Heizung selbst zuständig, zum Frieren geboren.
Eine junge Frau, nicht von hier, Mama mit Baby acht Monate, nach Fronturlaub des liebeshungrigen Vaters wieder schwanger. Sehr allein, jung und schön, kämpfte sie an ihrer Heimatlos-Front für ihre Kinder, in Existenznot geraten, am Krieg, umgeben von Wahnsinn und Tod.
Ich bin dieses zweite Kind mit dem Gespür für Schnee ein ganzes Leben. Diese Mutter und mein Bruder waren die Welt meiner ersten Jahre. Unsere Entbehrungen an allem waren die Normalität der meisten Leute in dieser Zeit von Hunger und Angst. In den Körpern mit ständiger Mangelernährung haben auch die Seelen gelitten, an tief empfundenen Verwundungen der Väter und Mütter, übertragen auf ihre Kinder.
Zwischen den Jahreszeiten, ohne die „Reichen“ in ihrem Landhaus in den Bergen, war die Mutter allein mit dem Berg an Verantwortung und Pflichten. Mühsam alle Wege oben am Hang, hochherrschaftlich gelegen über dem Land zum Dorf, alle Kraft einer Mutter raubend, allein mit zwei Babys, die langsam kleine, fordernde Menschen wurden. Ein Leben zwischen allen Stühlen, in den Mühlen reicher Leute zerrieben.
Der kleine Bub, mein großer Bruder, hatte einen erwachsenen siebten Sinn für das Befinden seiner leidenden Mama. Ich, die Kleine, konnte bei ihm geführt und behütet sein.
Trotzdem passierten viele kleine und größere Unfälle durch Gefahren im ungeschützten Kinderleben. Mutters Heile-Segen, weit weg, beschäftigt mit dem Überleben. Wir haben schnell gelernt, ungetröstet zu bleiben, damit Mama nicht weint. Überhaupt muss die Kleine ein „goldiges Kindchen“ gewesen sein. Ihren Namen konnte man mit „chen“ und „erl“ verniedlichen. Den Namen des großen Bruders nicht, der klang gescheit und tapfer, so wie Mama ihn brauchte für das Schwesterlein und sich. So vergingen Kriegssommer und Kriegswinter. Unbeschreiblich das tägliche Erleben um alles Geschehen dieser Jahre der betroffenen Menschen.
Wie konnten die vereinsamten, getrennten Paare das Denken aneinander aushalten im Krieg? Mit Warten und Hoffen muss eine Stärke gewachsen sein, die in Friedenszeiten schläft.
Und es gab Bilder in Schwarz-Weiß, eine junge, schöne Mutter, ein Kind im Arm, ein größeres stehend an sie gelehnt. Schön gekleidet für die Würde! Die Mütter waren Meisterinnen in der Kunst, aus Mangel an Material, aus Wenigem kreative Meisterwerke zu machen. Vor Sehnsucht nach Glück und Frieden haben sie ihren Kindern Lieder gesungen von früher, aus dem Schatz besserer Zeiten. Zum Einschlafen von Schutzengeln und „Weißt Du, wie viel Sternlein stehen an dem großen Himmelszelt …; Gott allein hat sie gezählet …; kennt auch Dich und hat Dich lieb!“
Getragen von herzwärmendem Trost ging es wieder weiter.
Damals dann kam des „Winterkind-Mädchens“ früheste Erinnerung für das weitere, ferne Leben mit Bildern, verschwommen wie im Traum. Im Alter von gut drei Jahren kamen erstmals Gedanken zum Erinnern an sich selbst.
Jeden Tag erzählte die Mutter den Kindern von ihrem „Vater“, der weit fort ist, im Krieg, und dass wir ihn deshalb nicht kennen, aber immer auf ihn warten müssen. Unser Nebenhaus am Hang hatte ein Küchenfenster zum weit Hinunterschauen auf die lange Straße um das Dorf herum. Am Tag meiner frühesten Erinnerung standen wir an diesem Fenster. Mama hatte mich im Arm und sie weinte. Ich konnte nicht wegschauen von ihren Tränen. Mit der anderen Hand hielt sie meinen Bruder fest, der auf der Fensterbank saß und nicht wegschauen konnte von dem, was auf der Straße geschah. Von dort unten kam ein Donnern wie bei Gewitter, erfüllte das ganze Tal und hörte nicht auf. Mein Bruder wusste schon, dass Panzer „Panzer“ heißen und wir sahen sie kommen, einer nach dem anderen in einer endlosen Schlange. Mit seinen gerade fünf Jahren fing er an zu zählen, doch es waren viel mehr, als er zählen konnte, und dann weinten wir alle.
So entstand mein erstes Bild von „den Tränen und dem Dröhnen“ und ein wehes Gefühl auf der Brust, ohne mir wehgetan zu haben. Mein Bruder fragte immer: „Warum? Warum kommen so viele Panzer?“ Und Mama sagte: „Damit der Krieg aufhört.“ Und er fragte: „Wann hört der Krieg auf?“ Und sie sagte: „Wenn endlich Frieden ist“. Das also war der Anfang vom Frieden durch die Amerikaner! Doch auch vor denen hatte Mama Habseligkeiten versteckt, in einer trockenen Wasserreserve, und wir kleinen Kinder hatten geholfen, denn es war so wichtig, nichts mehr zu verlieren.
Das alles ist länger als siebzig Jahre her und längst gibt es keine Mutter, keinen Vater und keinen Bruder mehr – geblieben sind die Kriege, und überall auf der Welt fragen Kinder ihre weinenden Mütter nach „Krieg und Frieden“!
Inzwischen waren es fünf Jahre in äußerer und innerer Not, und Mütter hatten es geschafft, auch ihre kranken Kinder durchzubringen. Ich weiß von unserem Keuchhusten und Lungenentzündung, immer mal zwei fiebernde Kinder. Als Arzt eine verzweifelt pflegende, erschöpfte Mutter ohne Medikamente. In jedem Frühling hatten wir gelernt, Gesundes aus der Natur zu sammeln. „Maiwipferl“, die frischen Sprossen von kleinen Fichtenbäumchen für „Maiwipferl-Sirup“, geliebt, weil süß. Den Zucker dafür hat Mama sich vom Mund abgespart. Hollersaft und Lindenblütentee, warme und kalte Wickel und massierende Mutterhände auf alles, was heilen sollte. Und ganz sicher haben Frauen sich untereinander geholfen in ihrem Kollektiv-Schicksal, und ihre Stärke waren die „Globulis“ dieser heillosen Zeit.
Doch es begann langsam sich etwas zu verändern. Immer öfter kamen Männer, Soldaten, auf dem kleinen Weg über unseren Hügel vorbei am Haus. Von Mama hörten wir, einer davon könnte auch unser Vater sein. So begann ein spannendes Fragespiel für uns Kinder, jeden dieser müden, desertierenden Soldaten in Halbzivil zu fragen: „Bist Du unser Vater? Geh mit zur Mama, sie hat warme Kartoffeln mit Salz!“ Wir nahmen sie an der Hand ins Haus und es war für alle eine scheue Freude in Hoffnung. Ich als Kleine hatte einen „Norbert“ ins Herz geschlossen und wollte, dass er mein Vater ist. Als Mädchen hatte ich das Frisieren entdeckt, und als er auf dem alten Kanapee saß, bei Kartoffeln und Salz, durfte ich seine Haare frisieren … Das ist die unvergessliche Erinnerung einer Annäherung an einen möglichen Vater in Liebe. Eines Tages, ohne Erinnerung an seine Ankunft, vielleicht kam er in der Nacht, war unser Vater heimgekehrt. Da war ein fremder, kranker Mann mit grauen Haaren. Er lag in Mamas Bett und brauchte Ruhe und als Zudecke auch noch mein kleines „Plümo“. Ich sollte das verstehen und habe bitterlich geweint, weil ich nun einen Vater hatte, aber nicht mehr meine eigene Bettdecke, und ich blieb ungetröstet. Es war verwirrend, einen Vater zu haben und eine Familie zu sein – ich denke, mein Bruder, der „kleine Mann meiner Mutter“ hat das auch so empfunden und unser armer Vater konnte uns nicht lieben.
Die erste Zeit nach dem Krieg
Ein neues Leben musste angefangen haben mit dem Ende dieses Krieges, der gefühlt für seine Kinder endlose Normalität geworden war.
Vielleicht gibt es frühkindliche Amnesie, denn ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es weiterging im Zusammenleben von „Vater“, Mutter, Kindern. Es war wieder eine andere Not, denn auch ein geschwächter Vater musste Arbeit finden und das Leben stellte neue Weichen!
Oben auf dem Berg, eine Stunde vom Tal, auf erhabenem Gelände, gab es ein Luxus-Berghaus. Gebaut für den Führer des Dritten Reiches, als Erholungszentrum für die „Unverantwortlichen“ des Untergangs – und sie schämten sich nicht. Dazu gehörten Schwimmbäder und Tennisplatz, Prachtstraßen und Großparkplatz und Großgaragen mit integrierter Hausmeisterwohnung.
Diese bestand wieder aus zwei Räumen kläglicher Größe zum Wohnen. Schicksalhaft für die Familie S. als Fortsetzung ihrer einengenden Armut. Es gab nichts anderes für den Unterhalt und das Unterkommen unter einem Dach. Nichts dieses Umbruchs unserer vier Leben: Vater, Mutter, Kinder ist in meiner Erinnerung.
Das kleine Ich, in dieser Zeit nicht wahrgenommen, erinnert sich erst wieder an einen großen Schmerz. Es waren wohl die letzten Tage im Tal, in der vertrauten Umgebung unserer Kriegskinderwelt und ihrer Freiheit. Zum Spielen gab es alle Wiesen der bäuerlichen Landschaft im Umkreis, dazu die Kinder und großen Leute, wohlbekannt und anvertraut. Einer dieser Bauern stand in der Wiese im hohen Gras mit seiner Sense, deren Schneide unsichtbar nach außen stand, wir Kinder beim Fangenspielen drumherum.
So ist es wohl passiert, dass die Kleine mit einem Fuß über die Sense fiel. Durch den dünnen kleinen Schuh kam erschreckend viel Blut und das Schreien aller hatte sogar weit weg die Mutter gehört. Zwei Zehlein waren sehr verletzt.
In den Armen der Mutter begann, unter Weinen und Weh, ein Dauerlauf ums Leben zum nahen Sanatorium. Der Arzt dort empfahl eine OP im Krankenhaus.
Dazu musste der Vater angerufen werden, der wohl schon seine Arbeitsstelle am Berg oben hatte. Mit einem Militärkübelwagen sollte er sein Kind ins Krankenhaus bringen. Er kam und schimpfte laut, warum die „Bangerten“ nicht besser aufpassen könnten. Das hat noch viel mehr wehgetan als die schlimme Verletzung. Die Mutter, ein schmerz-schockiertes verletztes Kind im Schoß, hat den Vater empört zurückgewiesen und ein Riss ging durch die Familie, der sich fortsetzte …
Es war der Anfang vom Unglück, einen Vater zu haben, der den Anforderungen, Frau und Kinder auszuhalten, nie und nimmer gewachsen war. Er selbst war ein Schatten seiner Kindheit von der Schattenseite des Lebens.
Mein Vater und seine Vergangenheit ohne Zukunft fürs Glück! Geboren in der Schönheit der Landschaft, auf einem Bauernhof in herrschaftlicher Lage, auf einem Hügel mit Weitblick ins fruchtbare Flusstal. Im Hintergrund die schönsten Berge im Oberland. Doch das Panorama in der Familie hatte andere tragische Züge, „gesegnet“ schließlich mit zwölf Kindern, für eine zarte Mutter ein Martyrium ohne „Heiligsprechung“. Die Zeit des Aufwachsens der Kinder steuerte auf zwei Weltkriege hin und schon vorher hatte die Mutter einen Fuß verloren. Im Kindsbett war er „brandig“ geworden, wie man sagte, und nicht mehr zu heilen. Ein unfassbarer Schicksalsschlag!
Der Vater aller Kinder, unser unbekannter Großvater, nur angesehener Bauer, weniger Vater, als selbst schwer arbeitender Patriarch ohne Gnade gegen sich und seinen Nachwuchs.
So kam der Erste Weltkrieg, mein Vater zwölf Jahre alt und einer der „großen Buben“. Sein Vaterbauer wurde mitsamt den lebenswichtigen Pferden in den Krieg eingezogen. Inzwischen zehn Buben und zwei Mädchen zu Hause, durften die Großen nicht mehr in die Schule gehen, um die Arbeit auf den Feldern, im Stall und bei den kleineren Geschwistern zu bewältigen. Wo konnte da das Kindsein bleiben in Liebe und das spielerisch ins Leben Wachsen? Doch alle Kinder hatten in der Schule des Lebens ihre Talente entdeckt, neben den einengenden Zwängen zum Durchhalten, als Segen und Fluch für die Zukunft …
Es wird nun Zeit!
Als hätte es früher nicht schon einen Bleistift gegeben – die Zeit entschwindet zurück, immer weniger Zeitraum in die Zukunft, ist sie nicht mehr dehnbar nach hinten und vorne, eingespannt ins Leben ihrer verbleibenden Zeit.
Früheste Erinnerungen
Wann hatte es schon so viel Schnee gegeben im März, am 9. des Monats 1942? Wer sollte sich noch erinnern an eineinhalb Meter, wenn nicht eine Hebamme (längst selber Vergangenheit) hilflos im Schnee. Das „Wehen“ damals des Schneesturms draußen und die „Wehen“ drinnen ungehört. Doch immer wollen Kinder auf die Welt und immer hilft irgendwer in der Not. So kam es bei dem kleinen Neugeborenen „Fräulein Winter zu einem Gespür für Schnee“, ein Leben lang.
Sie hatte schon einen Bruder zu ihrem Glück, nur vierzehn Monate älter und hungriger, zu viel für eine Mutterbrust im Krieg. Die Mutter, der Vater, der Krieg! Der Krieg hatte Mutter und Vater zu vermählten Eltern gemacht, wie es damals so sein musste für die Moral. Das erste Kind sollte der Vater nicht ledig sehen und auch nicht der Krieg …
Deshalb gab es Bilder von einer Kriegstrauung, mit schwangerer Braut, als Schleier ihr verschleierter Blick. Der Bräutigam, unerfahren in Krieg und Vaterschaft, stolz in Uniform gewandet, für eine strahlende Zukunft.
Ohne diese besonderen Umstände hätte die Liebe zueinander nicht gereicht, diese Winterkinder ins Leben zu rufen.
Es war eine Not an allem, und eine Wohnung zu haben, linderte sie nicht. Da war dieses hochherrschaftliche Haus, mit ebensolchen alt-reichen Viele-Häuser-Besitzern. Deren Reichtum hatte mit diesem Krieg zu tun, begründete sich gegenseitig! Das unersättliche Kriegsmaterial kam aus ihren Fabriken. In diesem feinen Hausanbau für Personal, mit Waschküche, darüber zwei kleine Räume „kalt“, für eine Mutter mit Kind. Als Mietpreis war ihre Arbeitskraft, unentgeltlich, sehr geschätzt das ganze Jahr – für Heizung selbst zuständig, zum Frieren geboren.
Eine junge Frau, nicht von hier, Mama mit Baby acht Monate, nach Fronturlaub des liebeshungrigen Vaters wieder schwanger. Sehr allein, jung und schön, kämpfte sie an ihrer Heimatlos-Front für ihre Kinder, in Existenznot geraten, am Krieg, umgeben von Wahnsinn und Tod.
Ich bin dieses zweite Kind mit dem Gespür für Schnee ein ganzes Leben. Diese Mutter und mein Bruder waren die Welt meiner ersten Jahre. Unsere Entbehrungen an allem waren die Normalität der meisten Leute in dieser Zeit von Hunger und Angst. In den Körpern mit ständiger Mangelernährung haben auch die Seelen gelitten, an tief empfundenen Verwundungen der Väter und Mütter, übertragen auf ihre Kinder.
Zwischen den Jahreszeiten, ohne die „Reichen“ in ihrem Landhaus in den Bergen, war die Mutter allein mit dem Berg an Verantwortung und Pflichten. Mühsam alle Wege oben am Hang, hochherrschaftlich gelegen über dem Land zum Dorf, alle Kraft einer Mutter raubend, allein mit zwei Babys, die langsam kleine, fordernde Menschen wurden. Ein Leben zwischen allen Stühlen, in den Mühlen reicher Leute zerrieben.
Der kleine Bub, mein großer Bruder, hatte einen erwachsenen siebten Sinn für das Befinden seiner leidenden Mama. Ich, die Kleine, konnte bei ihm geführt und behütet sein.
Trotzdem passierten viele kleine und größere Unfälle durch Gefahren im ungeschützten Kinderleben. Mutters Heile-Segen, weit weg, beschäftigt mit dem Überleben. Wir haben schnell gelernt, ungetröstet zu bleiben, damit Mama nicht weint. Überhaupt muss die Kleine ein „goldiges Kindchen“ gewesen sein. Ihren Namen konnte man mit „chen“ und „erl“ verniedlichen. Den Namen des großen Bruders nicht, der klang gescheit und tapfer, so wie Mama ihn brauchte für das Schwesterlein und sich. So vergingen Kriegssommer und Kriegswinter. Unbeschreiblich das tägliche Erleben um alles Geschehen dieser Jahre der betroffenen Menschen.
Wie konnten die vereinsamten, getrennten Paare das Denken aneinander aushalten im Krieg? Mit Warten und Hoffen muss eine Stärke gewachsen sein, die in Friedenszeiten schläft.
Und es gab Bilder in Schwarz-Weiß, eine junge, schöne Mutter, ein Kind im Arm, ein größeres stehend an sie gelehnt. Schön gekleidet für die Würde! Die Mütter waren Meisterinnen in der Kunst, aus Mangel an Material, aus Wenigem kreative Meisterwerke zu machen. Vor Sehnsucht nach Glück und Frieden haben sie ihren Kindern Lieder gesungen von früher, aus dem Schatz besserer Zeiten. Zum Einschlafen von Schutzengeln und „Weißt Du, wie viel Sternlein stehen an dem großen Himmelszelt …; Gott allein hat sie gezählet …; kennt auch Dich und hat Dich lieb!“
Getragen von herzwärmendem Trost ging es wieder weiter.
Damals dann kam des „Winterkind-Mädchens“ früheste Erinnerung für das weitere, ferne Leben mit Bildern, verschwommen wie im Traum. Im Alter von gut drei Jahren kamen erstmals Gedanken zum Erinnern an sich selbst.
Jeden Tag erzählte die Mutter den Kindern von ihrem „Vater“, der weit fort ist, im Krieg, und dass wir ihn deshalb nicht kennen, aber immer auf ihn warten müssen. Unser Nebenhaus am Hang hatte ein Küchenfenster zum weit Hinunterschauen auf die lange Straße um das Dorf herum. Am Tag meiner frühesten Erinnerung standen wir an diesem Fenster. Mama hatte mich im Arm und sie weinte. Ich konnte nicht wegschauen von ihren Tränen. Mit der anderen Hand hielt sie meinen Bruder fest, der auf der Fensterbank saß und nicht wegschauen konnte von dem, was auf der Straße geschah. Von dort unten kam ein Donnern wie bei Gewitter, erfüllte das ganze Tal und hörte nicht auf. Mein Bruder wusste schon, dass Panzer „Panzer“ heißen und wir sahen sie kommen, einer nach dem anderen in einer endlosen Schlange. Mit seinen gerade fünf Jahren fing er an zu zählen, doch es waren viel mehr, als er zählen konnte, und dann weinten wir alle.
So entstand mein erstes Bild von „den Tränen und dem Dröhnen“ und ein wehes Gefühl auf der Brust, ohne mir wehgetan zu haben. Mein Bruder fragte immer: „Warum? Warum kommen so viele Panzer?“ Und Mama sagte: „Damit der Krieg aufhört.“ Und er fragte: „Wann hört der Krieg auf?“ Und sie sagte: „Wenn endlich Frieden ist“. Das also war der Anfang vom Frieden durch die Amerikaner! Doch auch vor denen hatte Mama Habseligkeiten versteckt, in einer trockenen Wasserreserve, und wir kleinen Kinder hatten geholfen, denn es war so wichtig, nichts mehr zu verlieren.
Das alles ist länger als siebzig Jahre her und längst gibt es keine Mutter, keinen Vater und keinen Bruder mehr – geblieben sind die Kriege, und überall auf der Welt fragen Kinder ihre weinenden Mütter nach „Krieg und Frieden“!
Inzwischen waren es fünf Jahre in äußerer und innerer Not, und Mütter hatten es geschafft, auch ihre kranken Kinder durchzubringen. Ich weiß von unserem Keuchhusten und Lungenentzündung, immer mal zwei fiebernde Kinder. Als Arzt eine verzweifelt pflegende, erschöpfte Mutter ohne Medikamente. In jedem Frühling hatten wir gelernt, Gesundes aus der Natur zu sammeln. „Maiwipferl“, die frischen Sprossen von kleinen Fichtenbäumchen für „Maiwipferl-Sirup“, geliebt, weil süß. Den Zucker dafür hat Mama sich vom Mund abgespart. Hollersaft und Lindenblütentee, warme und kalte Wickel und massierende Mutterhände auf alles, was heilen sollte. Und ganz sicher haben Frauen sich untereinander geholfen in ihrem Kollektiv-Schicksal, und ihre Stärke waren die „Globulis“ dieser heillosen Zeit.
Doch es begann langsam sich etwas zu verändern. Immer öfter kamen Männer, Soldaten, auf dem kleinen Weg über unseren Hügel vorbei am Haus. Von Mama hörten wir, einer davon könnte auch unser Vater sein. So begann ein spannendes Fragespiel für uns Kinder, jeden dieser müden, desertierenden Soldaten in Halbzivil zu fragen: „Bist Du unser Vater? Geh mit zur Mama, sie hat warme Kartoffeln mit Salz!“ Wir nahmen sie an der Hand ins Haus und es war für alle eine scheue Freude in Hoffnung. Ich als Kleine hatte einen „Norbert“ ins Herz geschlossen und wollte, dass er mein Vater ist. Als Mädchen hatte ich das Frisieren entdeckt, und als er auf dem alten Kanapee saß, bei Kartoffeln und Salz, durfte ich seine Haare frisieren … Das ist die unvergessliche Erinnerung einer Annäherung an einen möglichen Vater in Liebe. Eines Tages, ohne Erinnerung an seine Ankunft, vielleicht kam er in der Nacht, war unser Vater heimgekehrt. Da war ein fremder, kranker Mann mit grauen Haaren. Er lag in Mamas Bett und brauchte Ruhe und als Zudecke auch noch mein kleines „Plümo“. Ich sollte das verstehen und habe bitterlich geweint, weil ich nun einen Vater hatte, aber nicht mehr meine eigene Bettdecke, und ich blieb ungetröstet. Es war verwirrend, einen Vater zu haben und eine Familie zu sein – ich denke, mein Bruder, der „kleine Mann meiner Mutter“ hat das auch so empfunden und unser armer Vater konnte uns nicht lieben.
Die erste Zeit nach dem Krieg
Ein neues Leben musste angefangen haben mit dem Ende dieses Krieges, der gefühlt für seine Kinder endlose Normalität geworden war.
Vielleicht gibt es frühkindliche Amnesie, denn ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es weiterging im Zusammenleben von „Vater“, Mutter, Kindern. Es war wieder eine andere Not, denn auch ein geschwächter Vater musste Arbeit finden und das Leben stellte neue Weichen!
Oben auf dem Berg, eine Stunde vom Tal, auf erhabenem Gelände, gab es ein Luxus-Berghaus. Gebaut für den Führer des Dritten Reiches, als Erholungszentrum für die „Unverantwortlichen“ des Untergangs – und sie schämten sich nicht. Dazu gehörten Schwimmbäder und Tennisplatz, Prachtstraßen und Großparkplatz und Großgaragen mit integrierter Hausmeisterwohnung.
Diese bestand wieder aus zwei Räumen kläglicher Größe zum Wohnen. Schicksalhaft für die Familie S. als Fortsetzung ihrer einengenden Armut. Es gab nichts anderes für den Unterhalt und das Unterkommen unter einem Dach. Nichts dieses Umbruchs unserer vier Leben: Vater, Mutter, Kinder ist in meiner Erinnerung.
Das kleine Ich, in dieser Zeit nicht wahrgenommen, erinnert sich erst wieder an einen großen Schmerz. Es waren wohl die letzten Tage im Tal, in der vertrauten Umgebung unserer Kriegskinderwelt und ihrer Freiheit. Zum Spielen gab es alle Wiesen der bäuerlichen Landschaft im Umkreis, dazu die Kinder und großen Leute, wohlbekannt und anvertraut. Einer dieser Bauern stand in der Wiese im hohen Gras mit seiner Sense, deren Schneide unsichtbar nach außen stand, wir Kinder beim Fangenspielen drumherum.
So ist es wohl passiert, dass die Kleine mit einem Fuß über die Sense fiel. Durch den dünnen kleinen Schuh kam erschreckend viel Blut und das Schreien aller hatte sogar weit weg die Mutter gehört. Zwei Zehlein waren sehr verletzt.
In den Armen der Mutter begann, unter Weinen und Weh, ein Dauerlauf ums Leben zum nahen Sanatorium. Der Arzt dort empfahl eine OP im Krankenhaus.
Dazu musste der Vater angerufen werden, der wohl schon seine Arbeitsstelle am Berg oben hatte. Mit einem Militärkübelwagen sollte er sein Kind ins Krankenhaus bringen. Er kam und schimpfte laut, warum die „Bangerten“ nicht besser aufpassen könnten. Das hat noch viel mehr wehgetan als die schlimme Verletzung. Die Mutter, ein schmerz-schockiertes verletztes Kind im Schoß, hat den Vater empört zurückgewiesen und ein Riss ging durch die Familie, der sich fortsetzte …
Es war der Anfang vom Unglück, einen Vater zu haben, der den Anforderungen, Frau und Kinder auszuhalten, nie und nimmer gewachsen war. Er selbst war ein Schatten seiner Kindheit von der Schattenseite des Lebens.
Mein Vater und seine Vergangenheit ohne Zukunft fürs Glück! Geboren in der Schönheit der Landschaft, auf einem Bauernhof in herrschaftlicher Lage, auf einem Hügel mit Weitblick ins fruchtbare Flusstal. Im Hintergrund die schönsten Berge im Oberland. Doch das Panorama in der Familie hatte andere tragische Züge, „gesegnet“ schließlich mit zwölf Kindern, für eine zarte Mutter ein Martyrium ohne „Heiligsprechung“. Die Zeit des Aufwachsens der Kinder steuerte auf zwei Weltkriege hin und schon vorher hatte die Mutter einen Fuß verloren. Im Kindsbett war er „brandig“ geworden, wie man sagte, und nicht mehr zu heilen. Ein unfassbarer Schicksalsschlag!
Der Vater aller Kinder, unser unbekannter Großvater, nur angesehener Bauer, weniger Vater, als selbst schwer arbeitender Patriarch ohne Gnade gegen sich und seinen Nachwuchs.
So kam der Erste Weltkrieg, mein Vater zwölf Jahre alt und einer der „großen Buben“. Sein Vaterbauer wurde mitsamt den lebenswichtigen Pferden in den Krieg eingezogen. Inzwischen zehn Buben und zwei Mädchen zu Hause, durften die Großen nicht mehr in die Schule gehen, um die Arbeit auf den Feldern, im Stall und bei den kleineren Geschwistern zu bewältigen. Wo konnte da das Kindsein bleiben in Liebe und das spielerisch ins Leben Wachsen? Doch alle Kinder hatten in der Schule des Lebens ihre Talente entdeckt, neben den einengenden Zwängen zum Durchhalten, als Segen und Fluch für die Zukunft …

