Cover: Jeanne, Elèn & Paul

Jeanne, Elèn & Paul


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 186
ISBN: 978-3-7116-0558-0
Erscheinungsdatum: 23.01.2025
„Ich habe mein Leben lang auf Sie gewartet“, geht ihr durch den Kopf, nachdem sie sich vor einem warmen Sommerregen in den Straßen von Paris in ein Café flüchtet und ein Fremder sich zu ihr an den Tisch setzt. Und das Warten hat sich wahrlich gelohnt.
Kapitel eins


In den Pyrenäen

Jeanne musste fliehen. Sie versteckte sich seit über einer Woche in den Pyrenäen, denn Francos Geheimdienst war auf sie aufmerksam geworden, weil sie sich in Rodriguez’ Bar mit anderen Mitgliedern der örtlichen Résistance traf. Einer ihrer Freunde war bereits unter Beobachtung und so geriet auch sie 1975, noch im letzten Jahr des Regimes von General Franco, in das Raster seiner Schergen. Unter diesen gab es üble Gesellen, denen es außerdem Vergnügen bereitete, einer jungen Frau, nachzustellen, die nicht nur attraktiv war, sondern in deren Augen unverschämt und auf provozierende Weise ihre Unabhängigkeit zur Schau trug. Das passte nicht in deren Weltbild. Jeanne war gerade 18 Jahre alt geworden.
Ein Informant ließ ihr die Nachricht zukommen, dass sie so schnell wie möglich von der Bildfläche verschwinden müsse, denn es gäbe Pläne, sie aus dem Verkehr zu ziehen. Was das bedeutete, war allen in ihrer Gruppe klar. Zu viele verschwanden und die wenigen, die zurückkamen, waren nicht mehr dieselben wie zuvor.
Ihre Freunde versorgten sie mit dem Nötigsten: Käse, Brot, gerauchtem Schinken, ein paar Fischkonserven und einem dunkelgrünen Canvas-Rucksack. Sie packte warme Kleidung, ein Stück englischer Seife, Zahnputzzeug, Unterwäsche, ein Schweizermesser, eine Karte von Nordspanien/Südfrankreich ein und ein feines Satinträgerkleid. Sie wusste nicht, ob sie die Flucht unversehrt oder gar lebend überstehen und jemals würde zurückkehren können, doch sie wollte sich ein letztes Andenken ihrer Weiblichkeit erhalten.

Vor ein paar Jahren war sie mit Freunden in den Pyrenäen gewandert und dabei übernachteten sie in einer Hütte, die halbverlassen schien, aber im Besitz der linientreuen Familie ihres damaligen Freundes war. Niemand würde vermuten, dass sie sich ausgerechnet dort verstecken würde. Es war eine Hütte, die seit Ende des 19. Jahrhunderts nie eine Erneuerung erfuhr. Einfacher, kärglichster Steinbau, einst ein ärmlicher Bauernhof. In einer Ecke eine Feuerstelle auf dem Boden. Ein alter, wackeliger Tisch, drei ebenso wackelige Stühle, ein angeschlagener schwarzer Emaille-Topf, etwas Geschirr aus gebranntem Ton, eine Feldbett-Pritsche. Ein Brunnen vor dem Haus, mit dem man das Wasser händisch hochpumpen musste, aber er war funktionstüchtig. Wilde Apfelbäume.
Für ihre natürlichen Bedürfnisse musste sie ins Freie. Es war nicht bequem, doch der Frühherbst verwöhnte glücklicherweise immer noch mit sommerlichen Temperaturen und machte den Aufenthalt in der Hütte, so spartanisch sie auch eingerichtet war, erträglich. Sie war sich bewusst, dass es bald ungemütlich werden würde, wenn die ersten Herbststürme aufkämen und Regen gegen die verbliebenen Glasscherben in den Fensterluken prasseln würde. Daran erlaubte sie sich nicht zu denken.
Sie musste sich irgendwie verpflegen ohne aufzufallen. Noch nach Tagen ihrer Ankunft fiel sie abends in tiefen Schlaf, obwohl sie tagsüber nicht viel machte, außer Äpfel und ihre Gedanken einzusammeln.
In einer Seitentasche ihres Rucksackes fand sie ein Büchlein, mit Gedichten, das offensichtlich in Handarbeit gebunden war. Einer ihrer Freunde hatte es ihr unbemerkt zugesteckt. Sie mochte ihn sehr, weil er ihr gegenüber immer sehr zuvorkommend und charmant war, doch jetzt erst verstand sie, dass er verliebt in sie war. Sie war ihm unendlich dankbar dafür, denn seine Worte, seine Gedichte waren es, die sie noch an Menschlichkeit glauben ließen, und sie bedauerte, dass sie ihm nicht danken konnte und nicht eher begriffen hatte, was für ein wunderbarer Mensch so lange in ihrem nächsten Umfeld an ihrer Seite war, ohne ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Es war noch früh am Morgen. Ein sonderbares, dumpfes Geräusch ließ sie hochschnellen, was die Federn des Feldbetts sofort mit lautem Quietschen quittierten. Sie rappelte sich auf, blickte vorsichtig aus einer Fensterluke und konnte nicht wirklich ausmachen, was sie sah. Zwischen den alten, verwilderten Apfelbäumen befand sich etwas, das aussah, als hätte sich eine Wolke dort niedergelassen. Mit angehaltenem Atem versuchte sie ihren Blick zu schärfen. Schließlich erkannte sie, dass es sich um einen Fallschirm handeln musste, und bemerkte, wie Bewegung in die Stoffblase kam. Sie sah einen Mann sich aufrappeln, sich orientierend umsehen. Das Herz blieb ihr stehen. Es war kein Franquist, das war klar, aber wer war er?
Er stolperte, noch leicht benommen, auf die Hütte zu. Sie duckte sich schnell vom Fenster weg, geriet in leichte Panik und doch irgendwie auch nicht. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie keine Angst zu haben brauchte. Dennoch langte sie nach ihrem Schweizermesser, das sie unter der Matratze versteckt hatte, und stellte sich hinter die Holztüre, der nur ein Riegel vorgeschoben war und die nicht abgeschlossen werden konnte. Als die Tür knarrend aufging und er eintrat, sprang sie ihn von hinten an, hielt ihn fest –, es muss wie eine Umarmung ausgesehen haben dachte sie später – und hielt ihm die Klinge ihres Messers an den Hals. Sie war sich vollkommen bewusst, in was für eine lächerliche Situation sie sich gebracht hatte, aber etwas Besseres fiel ihr nicht ein. Er griff nach ihrer Hand, in der sie das Messer hielt, drehte sich aus ihrer Umarmung und stand überrascht einer kleinen, doch sehr energisch wirkenden Frau mit funkelnden Augen gegenüber.

„Wait a minute! May I say something before you kill me for good?“
Jeanne hörte seinen unerschrockenen, jungenhaften Unterton, der jedoch bar jeder Arroganz war.
„We might even work for the same firm?“
„Identify yourself!“, zischte Jeanne zwischen zusammengebissenen Zähnen.
„Is there a password?“
„Sorry?“, fragte Jeanne verblüfft, entspannte sich dann aber sogleich.
„Sie haben ein schönes Schweizermesser“, sagte er auf Katalanisch. „Sie hat eine hinreißende Figur und gepflegte Hände“, dachte er.
„Möchten Sie Tee?“, fragte sie ein wenig benommen.
„Danke. Captain Paul Bernard von der 13. Airborne. Hatten Sie neulich Feindkontakt?“
Seine förmliche Vorstellung belustigte sie und spontan schlug sie die Hacken zusammen, grinste, salutierte und erwiderte mit übertrieben ernster Stimme: „Gestatten, ich bin Jeanne d’Arc, von Gott gesandt, mein Volk zu retten!“
Alle Anspannung wich nun aus der Hütte, denn sie beide lachten und schauten sich zum ersten Mal von Mensch zu Mensch, oder eher müsste man sagen von Mann zu Frau, in die Augen.
„Entschuldigen Sie bitte den Scherz“, sagte sie wieder mit ernster, doch nun mit leicht verstörter Stimme. Sie hatte ihm einige Sekunden zu lange in die Augen geschaut und dabei vergessen, warum sie eigentlich hier war, bar jeglicher zivilisatorischen Errungenschaften, in robuster Wanderkleidung und groben Wanderstiefeln und Hunger im Bauch. Seit Tagen hatte sie nicht ordentlich gegessen. Paul Bernard erinnerte sie daran, dass sie eine Frau war und das verunsicherte sie.
„Da, wo ich herkomme, hat man ständig Feindkontakt. Sie sind überall. Doch es wurde gefährlich für mich, ich musste fliehen. Paul Bernard, Sie sind vom Himmel gefallen, wie es scheint. Haben Sie etwas zum Essen dabei? Ach so, ich bin übrigens Jeanne Ferrari.“
„Hocherfreut“, sagte er und ergänzte so beiläufig, wie sie ihren Namen erwähnte: „Nein, Essbares habe ich nicht dabei, denn ich ging selbstverständlich davon aus, dass Sie mich mit einer frisch gebackenen Apfeltorte willkommen heißen würden!“
Erst stutzte sie. Sie hatte seit Tagen mit niemandem ein Wort gewechselt und ihre Kommunikationsfähigkeiten waren etwas eingerostet, wie sie selbst feststellte. Dann aber brachen beide wieder in Gelächter aus. Ihre Mägen knurrten.

„Ich werde uns Tee kochen“, sagte Jeanne, als sie sich wieder fing. „Ich habe wilden Salbei, Minze und Lavendel ums Haus gesehen. Das wird uns guttun. Wir haben Wasser und Feuer, und zur Not schmeiß ich uns noch Apfelscheiben ins Teewasser. Das gibt dem Tee einen feinen Geschmack und etwas Festeres für die Zähne. Haben Sie schon einmal Kaninchen gejagt und möchten Sie nicht erst Ihren Fallschirm in Sicherheit bringen? Der könnte uns nützlich sein und ich glaube auch schon zu wissen, wofür.“
Sie wusste, dass ihr Sinn für Pragmatismus oft Grund dafür war, dass ihre Freunde genervt mit den Augen rollten.
„Kaninchen können wir nicht jagen“, sagte Paul, „doch die RAF hat eine kleine Röhre mit Verpflegung abgeworfen, die müsste ungefähr 3 km von hier heruntergegangen sein. In einem kleinen Tal, ich glaube, ich könnte sie finden. Mademoiselle, ich bin sehr unhöflich: Bitte nehmen Sie meine Schokolade. Ich sehe, Sie frieren?“
„Oh ja, tatsächlich ist mir kalt, jetzt, wo Sie es sagen, fällt es mir erst richtig auf! Ich bin so hungrig, dass alles andere nebensächlich geworden ist. Meinen kleinen Proviant habe ich bereits auf dem Weg hierher aufgebraucht und die letzten Tage habe ich mich von kleinen, wilden Äpfeln ernährt, aber gegen das Magenknurren konnten sie kaum helfen. Deshalb, ich schäme mich fast ein wenig, würde ich Ihr süßes Angebot sehr gerne annehmen. Schokolade klingt himmlisch! Nachher, zum Tee, mmmh! Kann ich Ihnen helfen, den Fallschirm zu bergen? Etwas Bewegung brächte Wärme in meine Glieder. Ich dachte, wir könnten die Matratze von der Pritsche nehmen und auf den Boden legen. Darauf könnten Sie schlafen und die Fallschirmseide würden wir als Unterlage auf den Metallrost der Pritsche legen, auf der ich dann schlafe. Wäre Ihnen das recht? Für eine Nacht würde das gehen, denke ich.
Ach, noch was: Welche Verbindungen haben Sie zur RAF? Warum wirft die RAF hier Verpflegung ab und warum wissen Sie davon?“
Jeanne bemerkte vor lauter Umtriebigkeit nicht, dass Paul sie beobachtete und jedes Mal, wenn er ansetzte etwas zu sagen, den Mund wieder zuklappte, da Jeanne ihn nicht zu Wort kommen ließ. Instinktiv versuchte sie der inneren Erregung, die sie in Gegenwart Pauls erfasst hatte und deren Ursprung sie nicht zu denken wagte, mit Aktionismus Herr zu werden. Darüber hinaus war sie auch immer noch misstrauisch. Ihre Erregung blieb und schien ihr alle Energie aus dem Körper zu ziehen. Plötzlich fühlte sie sich derart matt, dass sie dem Fremden am liebsten einfach um den Hals gefallen und sich an seiner Schulter vor Erschöpfung ausgeheult hätte.
So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie war nicht die tapfere Résistance-Jeanne-d’Arc, die sich für politische Ziele vollständig aufgeben konnte. Sie folgte lediglich ihrem Sinn für Gerechtigkeit und Menschlichkeit und konnte die absurden und verbrecherischen Strukturen von Faschismus nicht ertragen, weil sie alles zerstörten, was Menschlichkeit für sie ausmachte. Sie wollte tanzen, sich schön machen, Lippenstift auftragen, mit ihren Freunden und Freundinnen ins Kino, ins Theater gehen, Gespräche führen, sich verlieben.
Sie sah an sich hinab, fühlte sich ungepflegt und unattraktiv in der Gegenwart dieses überaus gut aussehenden Fremden, der ihr gefiel und dessen physische Nähe sie auf eigentümliche Weise nervös machte. Er strahlte eine wohltuende, ruhige Überlegenheit aus, ohne arrogant zu wirken. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich in Sicherheit. Nicht vor sich selbst, aber vor Francos Schergen. Dann sank sie auf den Boden, das Bewusstsein verlierend.

Als Jeanne wieder zu sich kam, roch es in der Hütte nach frisch gebrühtem Kaffee und im Kamin brannte ein Feuer, fachmännisch entzündet und fast keinen Rauch verbreitend. Draußen war es dunkel geworden. Weiße Pünktchen tanzten vor dem Fenster. Jeanne nahm nur langsam wahr, dass es schneite. Paul stand im dunkelgrünen Pullover am Feuer, über dem ein Rost aufgehängt war, und hantierte mit einer kleinen Pfanne. Bald gesellte sich der Duft von Rührei zum Kaffeeduft hinzu. Jeanne schloss wieder die Augen. Sie lag auf dem Feldbett, eingeschlagen in den seidenen Fallschirm, der sie warm hielt, wie ein effektiver Schlafsack.
„Ah, da ist sie ja wieder, die Gottgesandte“, bemerkte Paul schmunzelnd. „Ich bin froh, Sie etwas rotwangig zu sehen. Sie sahen letzthin ganz grau aus.“ Paul kam näher und befühlte ihre Stirn. „Sehr gut. Das Fieber ist auch herunter. Wissen Sie, ich habe mir Sorgen gemacht. Sie sind viel zu attraktiv, um die Heiligen im Himmel zu erfreuen. Wir hier im Tal der Tränen bedürfen auch des Trostes und nicht nur des geistlichen.“ Dann sah er sie offen und freundlich an: „Im Übrigen müssen Sie in dem Seidenkleid, das Sie mitgenommen haben, betörend aussehen. Wie ich an die Verpflegung gekommen bin? Nun, Sie haben ein paar Tage geschlafen. Ich hatte mich aufgemacht und schon am ersten Abend die von der RAF abgeworfene Verpflegungsröhre gefunden. Inklusive Funkgerät. Das ist sehr schön, wissen Sie? Leider können wir aber erstmal nichts tun: Es schneit. Wir können uns hier nicht wegbewegen, ohne aufgespürt zu werden. Lassen Sie sich also Zeit. Ein paar Tage wird es schon dauern, bis Tauwetter einsetzt.“
Als sie die Augen aufschlug, fehlte ihr jegliche Orientierung. Sie wusste nicht, wo sie war, und konnte im flackernden Licht des Feuers, das in der offenen Herdstelle brannte, nichts richtig erkennen. Ausdruckslos folgte sie seinen Worten, die in wohligem Klang in ihre Ohren drangen und deren Sinn sie erst mit Verzögerung verstand. Es schneit, vernahm sie. Ihr Seidenkleid, betörend an ihr. Warum wusste die Stimme von ihrem Seidenkleid und es gab etwas zu essen? Ja, essen. Sie wollte essen. Sie fühlte die Einwölbung in ihrer Magengegend und hatte entsetzlichen Durst.
Nach und nach kam sie zu sich und versuchte sich aufzurichten, es gelang ihr jedoch nicht, weil sie in etwas Weißes eingewickelt war. „Kafka“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie war kein Käfer, aber sie hatte sich verpuppt.
Sie gab sich geschlagen und ließ sich wieder in die Horizontale sinken, atmete tief durch, öffnete bewusst langsam die Augen und blickte in die von Paul, der sie freundlich auf sehr charmante Weise begrüßte und ihr noch einmal erklärte, dass sie im Fieberschlaf lag. Gleichzeitig half er ihr, sich aus der Fallschirmseide zu befreien, in die er sie eingeschlagen hatte, um sie warm zu halten.
„Danke“, sagte sie, „danke, dass Sie sich um mich gekümmert haben. Wie lange war ich denn weg? … Aber was ist das!? … Das, was ich da anhabe? Das ist doch eindeutig Feinripp-Unterwäsche für einen Mann! Sie gemeiner Kerl! Was erlauben Sie sich!? … Und verstehe ich das richtig? Sie sind losgezogen, den Abwurf der RAF zu suchen, während ich ohnmächtig in diesem Kokon eingesperrt lag? Ganz allein?! Ich hätte von Wölfen gefressen werden können! Ich hätte von Francos Leuten gefunden werden können und Gott-wer-weiß-wem! Ich hätte sterben können!“, stieß sie mit bebender Stimme, halb verzweifelt, halb entrüstet aus und Tränen stiegen ihr in die Augen, in denen sich Wut, Angst und Scham spiegelten, aber auch ein wenig Dankbarkeit.
Paul war zwar froh, dass die kleine Rebellin wieder zu Kräften gekommen war, aber kurz wünschte er sich die Ruhe ihres Atemrhythmus während des Genesungsschlafs zurück und das mädchenhafte Antlitz, das der tiefe Schlaf in ihre Züge gemalt hatte.
Er antwortete nicht auf ihre Fragen, verstand, dass es für eine Frau, wie sie es war, das Seidenkleid ließ es erahnen, nicht einfach war, sich mit Situationen konfrontiert zu sehen, die in ihrem Lebensentwurf so sicher nicht vorgesehen waren. Sich alleine in unwirtlicher Gegend durchzuschlagen, immer die Angst im Nacken, verraten zu werden, den falschen Menschen Vertrauen zu schenken, Männern zu begegnen, die ihr Gewalt antun könnten … er verstand, dass sie panisch reagierte. Er reichte ihr Tee, setzte sich neben sie auf die Pritsche und legte sehr behutsam eine Hand an ihren Rücken und die andere an die ihm zugewandte Schulter.
„Trinken Sie. Der Tee wird Ihnen guttun und dann essen Sie. Mögen Sie Zwieback? Ich habe über dem Feuer Wasser erwärmt, damit Sie sich frisch machen können. Keine Sorge, ich gehe aus der Hütte, während Sie Ihre Toilette machen.“
Jeanne nahm den Tee und auch den Zwieback dankend an. Mit jedem Schluck und jedem Bissen schlich sich wieder Farbe auf ihre Wangen und auch die Zuversicht, mit der sie im Allgemeinen alles anging, kehrte langsam zurück. Sie fasste nach und nach wieder Vertrauen zu diesem Mann an ihrer Seite, den sie kaum kannte, dessen Anwesenheit sie aber in eine überaus angenehme Schwingung versetzte. Nicht zuletzt, weil ihr in den Sinn kam, dass er ihr sagte, dass sie betörend aussehen musste in ihrem Seidenkleid. Dass sie seine Unterwäsche trug, die lange Hose sogar mit Eingriff, stand in krassem Gegensatz dazu und unter anderen Umständen wäre sie vor Scham in den Boden versunken, aber hier hatte das kaum Bedeutung.
Doch von Bedeutung war, wie sie die Nacht verbringen würden. Die dünne Matratze auf den schmutzigen Boden zu legen war keine Option, zumal sie wegen des Schneefalls einige Zeit in der Hütte würden verbringen müssen, um keine Spuren zu hinterlassen. Eine Weile saßen sie so still nebeneinander, während sie ihren Tee trank, an einem Zwieback knabberte und immer wieder aufseufzte. Plötzlich erhob sie sich behände. „Was ist das, was in der Pfanne dort brutzelt?“, fragte sie und bewegte sich Richtung Herdstelle. Dabei rutschte die zu große Männerunterhose nach unten und gab den Blick auf einen Teil nackter Hüfte frei. Sie bemerkte dies nicht und auch nicht, dass Pauls Blicke ihr folgten und nicht von ihr lassen konnten.
Während der ganzen Zeit, als der Schnee die Hütte umgab, waren sich Paul und Jeanne nicht nähergekommen als am ersten Tag. Sie hatte sich aber bald erholt und setzte sich nun öfters in ihrem Bett auf. Paul hatte auf Moos geschlafen, das er unter den Bäumen des nahen Waldes gesammelt hatte. Er betrachtete sie heimlich mit Wohlgefallen, doch vermieden es beide, sich zu berühren.
Nach etwa zwei Wochen klarten die Schneewolken auf und es setzte Tauwetter ein. Bald war der Schnee zusammengeschmolzen. Paul sah hinaus. Es war Zeit. „Jeanne, ich muss Sie jetzt für eine Weile allein lassen. Wenn die Brücke gesprengt ist, werde ich etwas Ausrüstung von hier holen und dann schnell verschwinden.“
„Es kommt gar nicht in Frage, dass Sie allein gehen“, sagte Jeanne bestimmt. „Ich kann zwar nicht sprengen, aber ich kann die Gegend im Auge behalten und auch etwas tragen.“ Ihre Augen blitzten. Sie sah ihm direkt ins Gesicht. Paul sah sie eine Weile an. Dann entschied er sich. „Gut. Wir gehen in der Dämmerung. Die Brücke liegt etwa fünf Meilen von hier. Das können wir an einem Morgen schaffen.“
Die Brücke war kaum bewacht. Sie war aus Stein errichtet und besaß zwei Pfeiler, unter denen ein kleiner Bach floss. Mitunter sah man ein Militärfahrzeug auf der Brücke patrouillieren. Dann wurde wieder alles ruhig. Dies würde sich ändern, sobald das Dynamit seine Wirkung gezeigt hätte. Paul war deshalb mit einem Fluchtplan beschäftigt, den er sorgfältig mit Jeanne durchsprach. Als die Dämmerung einsetzte, bewachte Jeanne am Waldrand den Detonator, während Paul den Sprengstoff an den beiden Pfeilern anbrachte und dann das Kabel ausrollte. „Gut“, sagte Paul, als er die isolierten Enden der beiden Drähte in den Detonator steckte und festschraubte. „Sobald hier alles hochgeht, trennen wir uns. Jeanne, es war mir eine Ehre“, sagte er, gab ihr die Hand und sah ihr dabei in die Augen. „Unter anderen Umständen hätte ich gerne gesehen, wie Ihnen das Seidenkleid gestanden hätte. Viel Glück.“
Jeanne erwiderte seinen männlichen Griff und versuchte mutig auszusehen. „Paul“, hörte sie sich sagen: „Wenn alles vorbei ist, am 14. Juli, Montmartre, das ‚Papillon‘. Kommen Sie?“
„Ja, ich werde da sein … so Gott will.“ Dann ließ er ihre Hand los, vergaß seine Zurückhaltung und nahm sie fest in seine Arme, hielt sie drei Atemzüge lang, bevor er sie wieder frei gab und sich dem Detonator zuwandte, um die Sprengung auszulösen. Mit einem letzten, flüchtigen Blick in ihre Augen entfernte er sich mit schnellen Schritten.
Sie schaute ihm nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte, dann begann sie zu zittern und erschauderte von der kalten Wucht, die mit dem Bewusstsein über sie kam, wieder auf sich allein gestellt zu sein, und von dem Nachhall der gewaltigen Detonation, die die Brücke in einer Wolke aus Schutt und Asche versinken ließ und jede Rückkehr unmöglich machte. Jeanne nahm den Rucksack auf, der gepackt neben ihr stand. Für einen kurzen Moment dachte sie, sie könne das Gewicht nicht tragen, und wollte dem Drang nachgeben, kraftlos in die Knie zu sinken, doch entschlossen riss sie sich zusammen, blendete alle Gedanken und kräftezehrenden Zweifel aus und setzte tapfer einen Schritt vor den anderen, immer in Richtung Norden. Bald würde sie die Grenze zu Andorra erreichen, dann erst würde sie vorerst in Sicherheit sein. Stunde um Stunde ging sie, bedacht einen Fuß vor den anderen setzend, entlang steiniger, schmaler Pfade. Es ging jetzt immer bergan und ihr Rucksack lag ihr zunehmend schwerer auf dem Rücken und die Füße taten ihr weh. Je mühsamer der Anstieg wurde, desto weniger gelang es ihr, zu verdrängen, dass ihr auch das Herz schwer war.
...
5 Sterne
Lesegenuss der Freude bereitet - 26.05.2025
Jasmin M.

Ein wundervoller Roman – sprachlich leicht und dennoch berührend. Die Geschichte zieht einen von Anfang an in den Bann und bleibt bis zur letzten Seite fesselnd. Ein echtes Lesevergnügen.

5 Sterne
Lesegenuss der Freude bereitet - 26.05.2025
Jasmin M.

Ein wundervoller Roman – sprachlich leicht und dennoch berührend. Die Geschichte zieht einen von Anfang an in den Bann und bleibt bis zur letzten Seite fesselnd. Ein echtes Lesevergnügen.

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