Two (porcelain) Hips On Hike
423 Kilometer auf dem Sentier des Douaniers – eine Wanderung entlang der bretonischen Küste
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 124
ISBN: 978-3-7116-1050-8
Erscheinungsdatum: 22.09.2025
24 Tage, 423 km auf dem Sentier des Douaniers: eine Wanderung entlang der bretonischen Nordküste – mit zwei Porzellanhüften. Eine persönliche Erzählung über Aufbruch, Selbstsuche, Mut und Vertrauen. Und über die berauschende Schönheit der Bretagne.
Prolog
Wie kam ich eigentlich auf die Idee?
Es begann mit einem Buch. Ich glaube, ich suchte nach einem Geburtstagsgeschenk für eine Freundin und schlenderte durch den Buchladen in meinem Wohnviertel. Ich gehe gerne nach dem Prinzip: „das Buch findet mich und nicht ich das Buch“ vor. Zumindest, wenn ich noch keine konkrete Vorstellung von dem Geschenk habe, das ich suche. In der Abteilung „Reise“ gibt es in dieser Buchhandlung eine kleine, gemütliche Leseecke, mit einem großen Tisch in der Mitte und bequemen Stühlen, in der eigentlich immer Menschen sitzen, die in Büchern schmökern. Und auf einem kleinen Tisch vor dieser Leseecke lag dieses dicke, große Buch. Festes, weißes, hochwertiges Papier, ein matter, schlichter Kartoneinband mit dem klaren, einfachen Titel: „BRETAGNE – Eine Augenreise“. Ich musste es anfassen, aufschlagen, durchblättern. Was ich sah, zog mich sofort in seinen Bann. Großformatige Fotos auf mattem Papier, die verzauberte Landschaften, ungewöhnliche Perspektiven, unscheinbare Kleinigkeiten abbildeten und mir das Gefühl gaben, die „wahre“ Schönheit der Bretagne zu sehen. Dazu kleine, ungewöhnliche Geschichten von den Bretonen, der eigenwilligen bretonischen Kultur, den bizarren Landschaften, der bretonischen Küche und der turbulenten Historie. „Das ist mein perfektes Coffee Table Buch“, ich sah mich schon auf meinem Sofa unter meiner kuscheligen Decke in diesem Schatz blättern und lesen. Ein Geschenk für die Freundin fand ich zwar an diesem Tag nicht, aber ich schleppte glücklich dieses besondere Reisebuch nach Hause.
Das Buch lag dann einige Jahre auf meinem Wohnzimmertisch und immer, wenn ich den Tisch aufräumte, dachte ich, ich muss es mal wieder anschauen. Doch bei diesem Gedanken blieb es.
2023 ließ ich mir eine neue Hüfte einbauen. Meine zweite. Eine nicht erkannte Hüftdysplasie im Kindesalter hatte über die Jahre eine ausgeprägte Arthrose in beiden Hüftgelenken verursacht und nach einer aufreibenden, schmerzhaften und kräftezehrenden Zeit entschied ich mich, trotz meines für Total-Hüftendoprothesen wirklich jugendlichen Alters, mein weiteres Leben auf Porzellan-Hüften zu verbringen. Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber das ist eine andere Geschichte. Dass die zweite Hüft-OP so rasch nach der ersten notwendig war, überraschte mich allerdings doch, ich hatte eigentlich auf eine etwas längere „Bedenkzeit“ gehofft. Aber diese kurz aufeinanderfolgenden, einschneidenden Ereignisse in meinem Leben verunsicherten mich. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass sich irgendetwas veränderte in meinem Leben. Und damit meinte ich nicht das Material meiner Hüftgelenke. Ich sah auf einmal auf mein Leben aus einer anderen Perspektive. Ich fing an, mich ehrlich zu fragen, wie ich mich und mein Leben sah. Wer bin ich? Was macht mir Freude? Worüber kann ich schallend lachen? Was ist mir wichtig im Leben? Welchen Beruf würde ich wählen, wenn ich nochmal 18 wäre? Wo will ich leben?
Ich beschäftigte mich mit Büchern, Artikeln und Podcasts über Selbstfindung, Selbsterkenntnis, Psyche, Coaching und merkte, dass ich mich auf einen Weg gemacht hatte. Einen Weg, von dem ich zwar nicht wusste, wohin er mich führte, den ich aber nicht wieder zurückgehen konnte. Ich erkannte für mich, dass ich bisher immer den angeblich „richtigen, den vernünftigen, den vorherbestimmten“ Weg gewählt hatte und mich nicht ein Mal dabei gefragt hatte, ob ich diesen Weg auch wirklich wählen wollte. Wenn ich in den Spiegel blickte, musste ich leider zugeben, dass ich gar nicht mehr wusste, was ich wollte. Zu Beginn meines beruflichen Lebens überwogen natürlich die Annehmlichkeiten: Karriere, Anerkennung, finanzielle Sicherheit, Erfolg. Aber mit der Zeit schlich sich eine Unzufriedenheit, eine Traurigkeit, eine Gleichgültigkeit in mein Leben. Ich bemerkte diese dunklen Gedanken zwar, aber ich war überzeugt davon, dass ich allein durch meine Willenskraft jederzeit wieder Licht und Lachen in mein Leben bringen könnte, ich musste es nur richtig wollen. Ich hatte bisher doch immer funktioniert, warum sollte sich das denn jetzt ändern? Doch mein Körper zeigte mir, dass mein Funktionieren Grenzen hat. Und dass die Funktion neben dem Willen noch von anderen Dingen abhängt. Dem Körper, der Seele. Ich befand mich in einem Prozess, der innerhalb weniger Jahre meine Einschätzungen und Gedanken über mein Leben komplett über den Haufen warf. Und während dieses Prozesses reifte der Gedanke, eine Auszeit zu nehmen.
Als ich nach der zweiten Hüft-OP noch ziemlich benommen die Augen aufschlug, stand mein Entschluss fest: Ich werde etwas ändern. Und ich fange mit einer Auszeit an.
Ein 3/4 Jahr später begann mein neues Leben.
Es begann ziemlich unspektakulär. Ich genoss meine neue Freiheit, nicht arbeiten zu müssen, aber eigentlich wusste ich gar nichts mit mir anzufangen. Ich versuchte, meine Erwartungen klein zu halten, aber ich vermutete an jedem Tag, hinter jeder Ecke die große neue Chance oder Idee für mein weiteres Leben. Irgendwann räumte ich meinen Wohnzimmertisch auf und hielt dieses schwere, schöne Buch in den Händen: „Bretagne – eine Augenreise“. Und ich kuschelte mich in meine Decke auf der Couch und begann zu blättern und zu lesen.
Am Anfang bemerkte ich nur dieses freudig-aufgeregte, neugierige Gefühl, das meinen Körper flutete. Ich begann im Internet zu recherchieren, ich schaute mir Karten der Bretagne an, ich klickte mich durch unzählige Fotos. Ich las vom Zöllnerweg, einem Langstrecken-Wanderweg, der die gesamte Bretagne umrundet. Ich stöberte in Blogs über Langstreckenwanderungen. Während meine Neugier und meine Aufregung wuchsen, war ich gleichzeitig überzeugt davon, dass ich mich nie auf diese Reise begeben würde. Aber ich las und schaute und blätterte weiter. Und ganz langsam verliebte ich mich in die Bretagne. Ich verliebte mich in den Gedanken, allein zu wandern. Ich verliebte mich in die Chance, mutig zu sein und es einfach zu wagen. Ich erzählte Bekannten und Freunden von meinen Plänen und war überrascht, wie viele Menschen, die ich kannte, schon auf mehrtägigen Wanderungen oder in der Bretagne gewesen waren. Ich bekam immer mehr Lust auf ein Abenteuer, aber irgendwie klang dieses Vorhaben noch irre. Ich beschäftigte mich mit meiner Angst und kam letztendlich zu dem Schluss, dass ich ja jederzeit mein Vorhaben abbrechen könnte. Dass ich, wenn es mir nicht gefallen würde, jederzeit in den nächsten Bus oder Zug steigen und nach Hause fahren könnte.
Diese Erkenntnis war für mich der Wendepunkt. Es klingt so einfach, aber letztendlich schrumpfte mein Angst-Monster durch diesen Gedanken auf eine gesunde Größe zusammen, nur durch die Gewissheit, dass ich entscheide, wie ich Lernen, Erfolg und Wachstum definiere und dass ich mein Leben gestalte.
Und dann legte ich meine Route fest, plante meine Tagesstrecken und buchte meine Unterkünfte. Jetzt wusste ich, was ich wollte! Ich wollte allein wandern, nicht im Zelt schlafen, viel Zeit in der Natur verbringen, fotografieren und schreiben. Und ich war gespannt darauf, was mich erwartete.
Und ich war so aufgeregt!
***
Tag 1
Saint-Malo
Oha, heute ist es so weit. Ich habe so lange auf diesen Tag gewartet. Seit Monaten fiebere ich diesem Tag entgegen. Schlafen geht natürlich gar nicht und nach vier Stunden Hin-und-her-Wälzen fliehe ich aus meinem Bett, noch bevor der Wecker eine Chance hat, sich bemerkbar zu machen. Da er natürlich eingeschnappt ist, klingelt er trotzdem herzzerreißend, während ich gerade den Mund und die Hände voller Zahnpasta habe.
MaPa sind so süß und stehen in dieser Herrgottsfrühe mit auf, fahren mich zum Bahnhof und wischen sich heimlich ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln. Ich versuche die Situation mit: „Ich wandere doch nur durch die Bretagne“ zu entschärfen; da fährt der Zug auch schon ab. Je weiter ich mich von zu Hause entferne, desto entspannter werde ich. Die Züge sind alle ziemlich pünktlich und alle Umstiege klappen problemlos. Es sind immerhin sechs Zugwechsel bis Saint-Malo. Ich gönne mir ein kleines süßes Erdbeermarmeladen-Frühstück mit einem großen Kaffee im Bord-Bistro, wo um diese Uhrzeit kaum jemand sitzt. In den Abteilen und Waggons liegen die Menschen in skurrilen, unbequemen Verrenkungen und versuchen zu schlafen.
Ich nehme mir vor, Commissaire Dupin zu lesen, merke aber, dass ich immer wieder wegdöse. Die Zeit im Bett war heute einfach viel zu kurz. Im Zug nach Paris lasse ich ganz unauffällig den mittlerweile durchgelesenen Dupin-Krimi im Aufbewahrungsnetz am Vordersitz stecken – meiner Meinung nach eine prima Entsorgungsmethode des nun unnützen Extragepäcks, vielleicht erfreut sich ja der nächste Reisende an der unverhofften Lektüre. Als ich jedoch aussteigen will, bringt mir mein sympathischer junger Sitznachbar das Buch netterweise hinterher. Tja, also wird es weitergetragen. Dabei habe ich meinen Rucksack mindestens zehn Mal umgepackt, um die Neun-Kilogramm-Marke zu erreichen, die ich mir fest als Tragegewicht-Höchstgrenze gesetzt habe. Ist mir natürlich nicht gelungen. Aber die kurzen Strecken in den Bahnhöfen meistere ich ohne Probleme.
Ab Rennes fängt es zu regnen an, auf den Straßen, die am Zugfenster vorbeifliegen, bilden sich ordentliche Regenpfützenteiche. Oha! In Saint-Malo hat sich der Regen erbarmt und nieselt nur noch vom Himmel; also nehme ich die erste Herausforderung an und laufe die 1,8 km vom Bahnhof zum Hôtel de la Cité! In meinem Zimmer angekommen, sehe ich das riesige Bett und würde am liebsten sofort hineinfallen.
Das Hotel liegt vis-à-vis zur muro (Stadtmauer), ich kann einem kurzen Abstecher zum Stadtstrand nicht widerstehen. Trotz des Regens zeigt sich das Meer in magischen Blau/Grau/Grün-Tönen und ich bin begeistert. Das Mädel an der Rezeption empfiehlt mir „La Duchesse Anne“, eine Crêperie, und dort trinke ich zum ersten Mal einen Muscadet, der wirklich mundet. Der Galette végétarien ist lecker, zu Ehren Commissaire Dupins gibt’s zum Abschluss einen Petit Café.
Ich schaffe es gerade noch zum Hotel und lasse mich in die weißen Decken und Kissen fallen.
Das Abenteuer „Leben“ beginnt.
***
Tag 2
Saint-Malo
Schlaf ist wirklich nicht zu unterschätzen.
Nach neun Stunden (zumindest im Bett liegend) beginne ich meinen ersten Tag in meinem eigenen Abenteuer. Die im Waschbecken gewaschene Wäsche ist trocken (und hat somit den Funktionalitäts-Check bestanden), die Regenwalddusche funktioniert einwandfrei, Shampoo und Haarspülung – Beitrag meiner Friseurin zu meinem Abenteuer – tun meinen Haaren gut und das Frühstück des Hotels ist für meine Ansprüche ausreichend. Pain-au-chocolat, Erdbeermarmelade, Käse, Joghurt, Obst und ein guter Kaffee – ich werde satt. Um halb zehn bin ich auf der Plage du Sillon. Ich kann mich nicht sattsehen an dem sich vor mir ausbreitenden Panorama. Die Sonne strahlt, der Himmel ist übersät von wunderschönen weißen Wolkenformationen, die jedes Foto allein durch ihre Anwesenheit aufwerten. Und ich strahle auch. Ich laufe über die Stadtmauer, klettere über Steine am Strand, um in alle Ecken zu gelangen, steige Hunderte Stufen, atme die frische Luft voller neuer Gerüche – Commissaire Dupin hat schon recht, wenn er vom Salz auf der Zunge, dem Algengeruch in der Nase und dem Wind und dem Meeresrauschen in den Ohren schwärmt. Ich fühle, schmecke, rieche, taste mit allen Sinnen die Natur und sauge all diese Eindrücke in mich auf.
Die Mittagspause mit Chips de sel et de vinaigre und Wasser genieße ich auf der Plage du Môle, bis eine Horde von Schulkindern auftaucht. Ich überlasse den lachenden, kreischenden, herumtollenden Kindern gerne diesen wunderschönen Strand und stürze mich in die engen Gassen der Altstadt. An jeder Ecke offenbaren sich neue, beeindruckende Perspektiven und herrliche Fotomotive und ich staune und genieße. In einer kleinen Bar verweile ich bei einem Petit Café und beobachte die Touristen, nebenbei bearbeite ich meine viel zu vielen Fotos. Es ist gemütlich hier: An der Decke hängen Surfbretter und die Fotos und Plakate an den Wänden zeugen von einem guten „Independent“-Musikgeschmack.
Irgendwann schlendere ich weiter und übe mich im „parler français“ – da ist echt noch viel Luft nach oben, ich habe doch wirklich vergessen, was Briefmarke auf Französisch heißt. „Timbre“ hilft mir der Kioskbesitzer weiter und grinst. An der nächsten Ecke laden die weit geöffneten Türen der Cathédrale Saint Vincent zum Rundgang ein, also wandere ich durchs Kirchenschiff und bewundere die Motive der Buntglasfenster und das große Rosenfenster.
Entlang der Stadtmauer erreiche ich mein Hôtel de la Cité und ruhe meine Füße ein wenig aus. Ich stelle meinen Instagram-Post für Freunde und Familie von diesem Tag online und habe wahrscheinlich selbst am meisten Spaß daran. Untermalt von ZAZs „Port coton“ bewundere ich noch mal die Schönheit dieser Korsaren-Stadt auf dem Bildschirm meines Handys. Um 17:00 Uhr erstehe ich beim Boulanger am Place Guy la Chambre ein Käse/Schinken-Baguette und mein zweites Pain au chocolat und setze mich damit auf die Plage du Sillon in die Abendsonne. Es ist einfach unbeschreiblich. Ich bin glücklich. Ich beschließe, jeden Tag ein Pain au chocolat zu genießen. Sozusagen als neue Routine. Meine Bretagne-Routine.
Nachdem ich die Zeit im Hotel auch zu einem kleinen, schönen Telefonat mit MaPa genutzt habe, rufe ich am Strand meine beste Freundin an und sage ihr, neben mir ist noch ein Platz frei.
Weil es einfach zu schön ist – und Ebbe –, laufe ich über den Meeresboden zur Île Grand Bé und bewundere das Meeresschwimmbad an der Plage Bonsecours. Ich sollte wirklich weniger Fotos machen. Ich werde heute gut schlafen. Morgen geht’s vom Port de Dinan mit der Fähre nach Dinard und dann wandere ich endlich.
***
Tag 3
Saint-Briac-sur-Mer
Wirre Träume.
Zwischendurch immer wieder Tiefschlaf.
Draußen schreien die Möwen bei ihrem Flug über die Stadt.
Um 07:00 Uhr bin ich wach, richtig wach. Der Weg zum Verkaufshäuschen der Compagnie Corsaire an der Cale de Dinan ist kurz, nach 15 Minuten halte ich mein Ticket in den Händen. Beim Warten auf die Fähre sehe ich einen Delfin, der gemächlich durchs Hafenbecken schwimmt. Unglaublich. Ich erinnere mich, dass es eine Kolonie großer Tümmler in der Bucht Mont-Saint-Michel gibt, aber diesen Delfin in aller Seelenruhe seine Kreise durch den Hafen von Saint-Malo ziehen zu sehen, berührt mich. Kurz bevor die Fähre ankommt, gesellen sich zwei Radfahrer zu mir. Das Mädel macht gerade ein dreimonatiges Sabbatical und sie wollen bis nach Bordeaux. Im Gegensatz zu mir mit dem Zelt.
Die Überfahrt ist kurz und angenehm ruhig und dann geht sie los, meine Wanderung. Nach einer halben Stunde genieße ich erst einmal, wie ich es mir vorgenommen habe, mein Frühstück an der Plage de l’Écluse in Dinard mit einem Petit Café und einem Pain au Chocolat. Es ist einfach herrlich.
Die Promenaden von Dinard winden sich direkt oberhalb des Wassers die Küste entlang, mit spektakulären Aussichten, gesäumt von herrlich weiß-gelben Sandstränden, und von oben blicken die Belle-Époque-Villen auf einen herab. An der Plage de l’Écluse zieren die meisten Strandkabinen Namen internationaler Filmstars wie Roger Moore, Jane Birkin, Charlotte Rampling oder Catherine Deneuve. Rechts das Meer, links scheinbar endlose Steintreppen, die zu den Jugendstil-Villen führen, die hoch oben auf den Klippen thronen und den Golfe de Saint-Malo überblicken; es ist schon eine Pracht. Die Sonne strahlt vom Himmel, bald steckt meine Regenjacke im Netz des Rucksacks, die Fleecejacke ist um die Hüften gebunden und die Sonnenbrille sitzt auf der Nase.
Nach wenigen Kilometern fällt mir auf, wie schnell ich im JETZT bin. Keine Gedankenfetzen, keine innere Stimme, die alles kommentiert; nur reines Aufsaugen und Genießen. Überall, wo ich hinschaue, ist es wunderschön. Ich wandere jetzt auf dem GR34, dem Zöllnerweg oder „Sentier des Douaniers“, der früher den Zöllnern dazu diente, Schmuggler aufzuspüren. Entlang der Pointe de la Malouine, vorbei an der Plage de Port-Riou, weiter an der Plage de Saint-Énogat bis zur Plage de la Fosse aux Vaults reihen sich kleine, einsame Strände wie Perlen einer Halskette aneinander; die Wellen rollen an den weiß-gelben Sand und brechen dramatisch kurz zuvor. Die unzähligen zerklüfteten Küstenformationen und die Farben des Meeres machen mich sprachlos. Alle Blautöne vermischt mit allen Grün-Nuancen, die es gibt. Die Farben scheinen zu leuchten. Ich bin begeistert. OHA!
In Saint-Lunaire finde ich eine Strandbar, die mir unter Bast-Sonnenschirmen auf weißem Sand ein Schokoladeneis samt Jus de Pommes und dem mittlerweile obligatorischen Petit Café serviert. Es ist einfach alles ein Gedicht. Drei französische Damen setzen sich an den Nebentisch. Ich frage, ob ich ein Foto von ihnen mit dem wunderbaren Strand im Hintergrund machen soll, und so kommt man ins Gespräch. Sie wandern schon etwas länger, starteten ab Mont-Saint-Michel und übernachten abwechselnd in Hotels und auf Zeltplätzen. Wahrscheinlich wird ihr Gepäck von Unterkunft zu Unterkunft transportiert, denn sie tragen nur wenig mit sich. Sie wollen noch nach Fort la Latte. Das steht ja auch auf meiner Liste. Plötzlich ist der Himmel schwarz und wir sagen bon voyage und brechen schnell auf. Zunächst glaube ich, ich hätte Glück, denn es nieselt nur ein bisschen. Doch ab der Plage de Longchamps regnen immer wieder ordentliche Schauer auf mich herunter. Ich sehe es sportlich: Teste ich doch so mal meinen Regenschutz. Auf die Regenhose verzichte ich allerdings noch, letztendlich nicht die schlechteste Entscheidung, denn meine Wanderleggings bleibt ziemlich trocken. Irgendwann kommen mir auf den hügeligen Sandwegen regelrechte Wasserstraßen von oben entgegengeflossen, sodass ich mich nach einer Weile doch für den Weg abseits der Küste entscheide. Zumindest für kurze Zeit. Plötzlich treffe ich auf die drei Wanderinnen vom Bast-Sonnenschirm-Café und sie machen mir Mut, mich doch wieder auf den Sentier des Douaniers zu wagen. Zum Teil besteht der Weg nur aus Felsgestein und mit meinem 9-kg-Rucksack ist das Hoch- und Runterklettern echt anstrengend. Aber im Verlauf werde ich besser und sicherer – und mutiger. Da ich erst um 17:00 Uhr in meinem Air-BnB angemeldet bin, entscheide ich mich für die längere Strecke entlang der Küste und sehe mir die zauberhaften Strände von Saint-Briac-sur-Mer an. Ich habe das Gefühl, dass der Regen die Farben noch satter und leuchtender schillern lässt.
...
Wie kam ich eigentlich auf die Idee?
Es begann mit einem Buch. Ich glaube, ich suchte nach einem Geburtstagsgeschenk für eine Freundin und schlenderte durch den Buchladen in meinem Wohnviertel. Ich gehe gerne nach dem Prinzip: „das Buch findet mich und nicht ich das Buch“ vor. Zumindest, wenn ich noch keine konkrete Vorstellung von dem Geschenk habe, das ich suche. In der Abteilung „Reise“ gibt es in dieser Buchhandlung eine kleine, gemütliche Leseecke, mit einem großen Tisch in der Mitte und bequemen Stühlen, in der eigentlich immer Menschen sitzen, die in Büchern schmökern. Und auf einem kleinen Tisch vor dieser Leseecke lag dieses dicke, große Buch. Festes, weißes, hochwertiges Papier, ein matter, schlichter Kartoneinband mit dem klaren, einfachen Titel: „BRETAGNE – Eine Augenreise“. Ich musste es anfassen, aufschlagen, durchblättern. Was ich sah, zog mich sofort in seinen Bann. Großformatige Fotos auf mattem Papier, die verzauberte Landschaften, ungewöhnliche Perspektiven, unscheinbare Kleinigkeiten abbildeten und mir das Gefühl gaben, die „wahre“ Schönheit der Bretagne zu sehen. Dazu kleine, ungewöhnliche Geschichten von den Bretonen, der eigenwilligen bretonischen Kultur, den bizarren Landschaften, der bretonischen Küche und der turbulenten Historie. „Das ist mein perfektes Coffee Table Buch“, ich sah mich schon auf meinem Sofa unter meiner kuscheligen Decke in diesem Schatz blättern und lesen. Ein Geschenk für die Freundin fand ich zwar an diesem Tag nicht, aber ich schleppte glücklich dieses besondere Reisebuch nach Hause.
Das Buch lag dann einige Jahre auf meinem Wohnzimmertisch und immer, wenn ich den Tisch aufräumte, dachte ich, ich muss es mal wieder anschauen. Doch bei diesem Gedanken blieb es.
2023 ließ ich mir eine neue Hüfte einbauen. Meine zweite. Eine nicht erkannte Hüftdysplasie im Kindesalter hatte über die Jahre eine ausgeprägte Arthrose in beiden Hüftgelenken verursacht und nach einer aufreibenden, schmerzhaften und kräftezehrenden Zeit entschied ich mich, trotz meines für Total-Hüftendoprothesen wirklich jugendlichen Alters, mein weiteres Leben auf Porzellan-Hüften zu verbringen. Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber das ist eine andere Geschichte. Dass die zweite Hüft-OP so rasch nach der ersten notwendig war, überraschte mich allerdings doch, ich hatte eigentlich auf eine etwas längere „Bedenkzeit“ gehofft. Aber diese kurz aufeinanderfolgenden, einschneidenden Ereignisse in meinem Leben verunsicherten mich. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass sich irgendetwas veränderte in meinem Leben. Und damit meinte ich nicht das Material meiner Hüftgelenke. Ich sah auf einmal auf mein Leben aus einer anderen Perspektive. Ich fing an, mich ehrlich zu fragen, wie ich mich und mein Leben sah. Wer bin ich? Was macht mir Freude? Worüber kann ich schallend lachen? Was ist mir wichtig im Leben? Welchen Beruf würde ich wählen, wenn ich nochmal 18 wäre? Wo will ich leben?
Ich beschäftigte mich mit Büchern, Artikeln und Podcasts über Selbstfindung, Selbsterkenntnis, Psyche, Coaching und merkte, dass ich mich auf einen Weg gemacht hatte. Einen Weg, von dem ich zwar nicht wusste, wohin er mich führte, den ich aber nicht wieder zurückgehen konnte. Ich erkannte für mich, dass ich bisher immer den angeblich „richtigen, den vernünftigen, den vorherbestimmten“ Weg gewählt hatte und mich nicht ein Mal dabei gefragt hatte, ob ich diesen Weg auch wirklich wählen wollte. Wenn ich in den Spiegel blickte, musste ich leider zugeben, dass ich gar nicht mehr wusste, was ich wollte. Zu Beginn meines beruflichen Lebens überwogen natürlich die Annehmlichkeiten: Karriere, Anerkennung, finanzielle Sicherheit, Erfolg. Aber mit der Zeit schlich sich eine Unzufriedenheit, eine Traurigkeit, eine Gleichgültigkeit in mein Leben. Ich bemerkte diese dunklen Gedanken zwar, aber ich war überzeugt davon, dass ich allein durch meine Willenskraft jederzeit wieder Licht und Lachen in mein Leben bringen könnte, ich musste es nur richtig wollen. Ich hatte bisher doch immer funktioniert, warum sollte sich das denn jetzt ändern? Doch mein Körper zeigte mir, dass mein Funktionieren Grenzen hat. Und dass die Funktion neben dem Willen noch von anderen Dingen abhängt. Dem Körper, der Seele. Ich befand mich in einem Prozess, der innerhalb weniger Jahre meine Einschätzungen und Gedanken über mein Leben komplett über den Haufen warf. Und während dieses Prozesses reifte der Gedanke, eine Auszeit zu nehmen.
Als ich nach der zweiten Hüft-OP noch ziemlich benommen die Augen aufschlug, stand mein Entschluss fest: Ich werde etwas ändern. Und ich fange mit einer Auszeit an.
Ein 3/4 Jahr später begann mein neues Leben.
Es begann ziemlich unspektakulär. Ich genoss meine neue Freiheit, nicht arbeiten zu müssen, aber eigentlich wusste ich gar nichts mit mir anzufangen. Ich versuchte, meine Erwartungen klein zu halten, aber ich vermutete an jedem Tag, hinter jeder Ecke die große neue Chance oder Idee für mein weiteres Leben. Irgendwann räumte ich meinen Wohnzimmertisch auf und hielt dieses schwere, schöne Buch in den Händen: „Bretagne – eine Augenreise“. Und ich kuschelte mich in meine Decke auf der Couch und begann zu blättern und zu lesen.
Am Anfang bemerkte ich nur dieses freudig-aufgeregte, neugierige Gefühl, das meinen Körper flutete. Ich begann im Internet zu recherchieren, ich schaute mir Karten der Bretagne an, ich klickte mich durch unzählige Fotos. Ich las vom Zöllnerweg, einem Langstrecken-Wanderweg, der die gesamte Bretagne umrundet. Ich stöberte in Blogs über Langstreckenwanderungen. Während meine Neugier und meine Aufregung wuchsen, war ich gleichzeitig überzeugt davon, dass ich mich nie auf diese Reise begeben würde. Aber ich las und schaute und blätterte weiter. Und ganz langsam verliebte ich mich in die Bretagne. Ich verliebte mich in den Gedanken, allein zu wandern. Ich verliebte mich in die Chance, mutig zu sein und es einfach zu wagen. Ich erzählte Bekannten und Freunden von meinen Plänen und war überrascht, wie viele Menschen, die ich kannte, schon auf mehrtägigen Wanderungen oder in der Bretagne gewesen waren. Ich bekam immer mehr Lust auf ein Abenteuer, aber irgendwie klang dieses Vorhaben noch irre. Ich beschäftigte mich mit meiner Angst und kam letztendlich zu dem Schluss, dass ich ja jederzeit mein Vorhaben abbrechen könnte. Dass ich, wenn es mir nicht gefallen würde, jederzeit in den nächsten Bus oder Zug steigen und nach Hause fahren könnte.
Diese Erkenntnis war für mich der Wendepunkt. Es klingt so einfach, aber letztendlich schrumpfte mein Angst-Monster durch diesen Gedanken auf eine gesunde Größe zusammen, nur durch die Gewissheit, dass ich entscheide, wie ich Lernen, Erfolg und Wachstum definiere und dass ich mein Leben gestalte.
Und dann legte ich meine Route fest, plante meine Tagesstrecken und buchte meine Unterkünfte. Jetzt wusste ich, was ich wollte! Ich wollte allein wandern, nicht im Zelt schlafen, viel Zeit in der Natur verbringen, fotografieren und schreiben. Und ich war gespannt darauf, was mich erwartete.
Und ich war so aufgeregt!
***
Tag 1
Saint-Malo
Oha, heute ist es so weit. Ich habe so lange auf diesen Tag gewartet. Seit Monaten fiebere ich diesem Tag entgegen. Schlafen geht natürlich gar nicht und nach vier Stunden Hin-und-her-Wälzen fliehe ich aus meinem Bett, noch bevor der Wecker eine Chance hat, sich bemerkbar zu machen. Da er natürlich eingeschnappt ist, klingelt er trotzdem herzzerreißend, während ich gerade den Mund und die Hände voller Zahnpasta habe.
MaPa sind so süß und stehen in dieser Herrgottsfrühe mit auf, fahren mich zum Bahnhof und wischen sich heimlich ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln. Ich versuche die Situation mit: „Ich wandere doch nur durch die Bretagne“ zu entschärfen; da fährt der Zug auch schon ab. Je weiter ich mich von zu Hause entferne, desto entspannter werde ich. Die Züge sind alle ziemlich pünktlich und alle Umstiege klappen problemlos. Es sind immerhin sechs Zugwechsel bis Saint-Malo. Ich gönne mir ein kleines süßes Erdbeermarmeladen-Frühstück mit einem großen Kaffee im Bord-Bistro, wo um diese Uhrzeit kaum jemand sitzt. In den Abteilen und Waggons liegen die Menschen in skurrilen, unbequemen Verrenkungen und versuchen zu schlafen.
Ich nehme mir vor, Commissaire Dupin zu lesen, merke aber, dass ich immer wieder wegdöse. Die Zeit im Bett war heute einfach viel zu kurz. Im Zug nach Paris lasse ich ganz unauffällig den mittlerweile durchgelesenen Dupin-Krimi im Aufbewahrungsnetz am Vordersitz stecken – meiner Meinung nach eine prima Entsorgungsmethode des nun unnützen Extragepäcks, vielleicht erfreut sich ja der nächste Reisende an der unverhofften Lektüre. Als ich jedoch aussteigen will, bringt mir mein sympathischer junger Sitznachbar das Buch netterweise hinterher. Tja, also wird es weitergetragen. Dabei habe ich meinen Rucksack mindestens zehn Mal umgepackt, um die Neun-Kilogramm-Marke zu erreichen, die ich mir fest als Tragegewicht-Höchstgrenze gesetzt habe. Ist mir natürlich nicht gelungen. Aber die kurzen Strecken in den Bahnhöfen meistere ich ohne Probleme.
Ab Rennes fängt es zu regnen an, auf den Straßen, die am Zugfenster vorbeifliegen, bilden sich ordentliche Regenpfützenteiche. Oha! In Saint-Malo hat sich der Regen erbarmt und nieselt nur noch vom Himmel; also nehme ich die erste Herausforderung an und laufe die 1,8 km vom Bahnhof zum Hôtel de la Cité! In meinem Zimmer angekommen, sehe ich das riesige Bett und würde am liebsten sofort hineinfallen.
Das Hotel liegt vis-à-vis zur muro (Stadtmauer), ich kann einem kurzen Abstecher zum Stadtstrand nicht widerstehen. Trotz des Regens zeigt sich das Meer in magischen Blau/Grau/Grün-Tönen und ich bin begeistert. Das Mädel an der Rezeption empfiehlt mir „La Duchesse Anne“, eine Crêperie, und dort trinke ich zum ersten Mal einen Muscadet, der wirklich mundet. Der Galette végétarien ist lecker, zu Ehren Commissaire Dupins gibt’s zum Abschluss einen Petit Café.
Ich schaffe es gerade noch zum Hotel und lasse mich in die weißen Decken und Kissen fallen.
Das Abenteuer „Leben“ beginnt.
***
Tag 2
Saint-Malo
Schlaf ist wirklich nicht zu unterschätzen.
Nach neun Stunden (zumindest im Bett liegend) beginne ich meinen ersten Tag in meinem eigenen Abenteuer. Die im Waschbecken gewaschene Wäsche ist trocken (und hat somit den Funktionalitäts-Check bestanden), die Regenwalddusche funktioniert einwandfrei, Shampoo und Haarspülung – Beitrag meiner Friseurin zu meinem Abenteuer – tun meinen Haaren gut und das Frühstück des Hotels ist für meine Ansprüche ausreichend. Pain-au-chocolat, Erdbeermarmelade, Käse, Joghurt, Obst und ein guter Kaffee – ich werde satt. Um halb zehn bin ich auf der Plage du Sillon. Ich kann mich nicht sattsehen an dem sich vor mir ausbreitenden Panorama. Die Sonne strahlt, der Himmel ist übersät von wunderschönen weißen Wolkenformationen, die jedes Foto allein durch ihre Anwesenheit aufwerten. Und ich strahle auch. Ich laufe über die Stadtmauer, klettere über Steine am Strand, um in alle Ecken zu gelangen, steige Hunderte Stufen, atme die frische Luft voller neuer Gerüche – Commissaire Dupin hat schon recht, wenn er vom Salz auf der Zunge, dem Algengeruch in der Nase und dem Wind und dem Meeresrauschen in den Ohren schwärmt. Ich fühle, schmecke, rieche, taste mit allen Sinnen die Natur und sauge all diese Eindrücke in mich auf.
Die Mittagspause mit Chips de sel et de vinaigre und Wasser genieße ich auf der Plage du Môle, bis eine Horde von Schulkindern auftaucht. Ich überlasse den lachenden, kreischenden, herumtollenden Kindern gerne diesen wunderschönen Strand und stürze mich in die engen Gassen der Altstadt. An jeder Ecke offenbaren sich neue, beeindruckende Perspektiven und herrliche Fotomotive und ich staune und genieße. In einer kleinen Bar verweile ich bei einem Petit Café und beobachte die Touristen, nebenbei bearbeite ich meine viel zu vielen Fotos. Es ist gemütlich hier: An der Decke hängen Surfbretter und die Fotos und Plakate an den Wänden zeugen von einem guten „Independent“-Musikgeschmack.
Irgendwann schlendere ich weiter und übe mich im „parler français“ – da ist echt noch viel Luft nach oben, ich habe doch wirklich vergessen, was Briefmarke auf Französisch heißt. „Timbre“ hilft mir der Kioskbesitzer weiter und grinst. An der nächsten Ecke laden die weit geöffneten Türen der Cathédrale Saint Vincent zum Rundgang ein, also wandere ich durchs Kirchenschiff und bewundere die Motive der Buntglasfenster und das große Rosenfenster.
Entlang der Stadtmauer erreiche ich mein Hôtel de la Cité und ruhe meine Füße ein wenig aus. Ich stelle meinen Instagram-Post für Freunde und Familie von diesem Tag online und habe wahrscheinlich selbst am meisten Spaß daran. Untermalt von ZAZs „Port coton“ bewundere ich noch mal die Schönheit dieser Korsaren-Stadt auf dem Bildschirm meines Handys. Um 17:00 Uhr erstehe ich beim Boulanger am Place Guy la Chambre ein Käse/Schinken-Baguette und mein zweites Pain au chocolat und setze mich damit auf die Plage du Sillon in die Abendsonne. Es ist einfach unbeschreiblich. Ich bin glücklich. Ich beschließe, jeden Tag ein Pain au chocolat zu genießen. Sozusagen als neue Routine. Meine Bretagne-Routine.
Nachdem ich die Zeit im Hotel auch zu einem kleinen, schönen Telefonat mit MaPa genutzt habe, rufe ich am Strand meine beste Freundin an und sage ihr, neben mir ist noch ein Platz frei.
Weil es einfach zu schön ist – und Ebbe –, laufe ich über den Meeresboden zur Île Grand Bé und bewundere das Meeresschwimmbad an der Plage Bonsecours. Ich sollte wirklich weniger Fotos machen. Ich werde heute gut schlafen. Morgen geht’s vom Port de Dinan mit der Fähre nach Dinard und dann wandere ich endlich.
***
Tag 3
Saint-Briac-sur-Mer
Wirre Träume.
Zwischendurch immer wieder Tiefschlaf.
Draußen schreien die Möwen bei ihrem Flug über die Stadt.
Um 07:00 Uhr bin ich wach, richtig wach. Der Weg zum Verkaufshäuschen der Compagnie Corsaire an der Cale de Dinan ist kurz, nach 15 Minuten halte ich mein Ticket in den Händen. Beim Warten auf die Fähre sehe ich einen Delfin, der gemächlich durchs Hafenbecken schwimmt. Unglaublich. Ich erinnere mich, dass es eine Kolonie großer Tümmler in der Bucht Mont-Saint-Michel gibt, aber diesen Delfin in aller Seelenruhe seine Kreise durch den Hafen von Saint-Malo ziehen zu sehen, berührt mich. Kurz bevor die Fähre ankommt, gesellen sich zwei Radfahrer zu mir. Das Mädel macht gerade ein dreimonatiges Sabbatical und sie wollen bis nach Bordeaux. Im Gegensatz zu mir mit dem Zelt.
Die Überfahrt ist kurz und angenehm ruhig und dann geht sie los, meine Wanderung. Nach einer halben Stunde genieße ich erst einmal, wie ich es mir vorgenommen habe, mein Frühstück an der Plage de l’Écluse in Dinard mit einem Petit Café und einem Pain au Chocolat. Es ist einfach herrlich.
Die Promenaden von Dinard winden sich direkt oberhalb des Wassers die Küste entlang, mit spektakulären Aussichten, gesäumt von herrlich weiß-gelben Sandstränden, und von oben blicken die Belle-Époque-Villen auf einen herab. An der Plage de l’Écluse zieren die meisten Strandkabinen Namen internationaler Filmstars wie Roger Moore, Jane Birkin, Charlotte Rampling oder Catherine Deneuve. Rechts das Meer, links scheinbar endlose Steintreppen, die zu den Jugendstil-Villen führen, die hoch oben auf den Klippen thronen und den Golfe de Saint-Malo überblicken; es ist schon eine Pracht. Die Sonne strahlt vom Himmel, bald steckt meine Regenjacke im Netz des Rucksacks, die Fleecejacke ist um die Hüften gebunden und die Sonnenbrille sitzt auf der Nase.
Nach wenigen Kilometern fällt mir auf, wie schnell ich im JETZT bin. Keine Gedankenfetzen, keine innere Stimme, die alles kommentiert; nur reines Aufsaugen und Genießen. Überall, wo ich hinschaue, ist es wunderschön. Ich wandere jetzt auf dem GR34, dem Zöllnerweg oder „Sentier des Douaniers“, der früher den Zöllnern dazu diente, Schmuggler aufzuspüren. Entlang der Pointe de la Malouine, vorbei an der Plage de Port-Riou, weiter an der Plage de Saint-Énogat bis zur Plage de la Fosse aux Vaults reihen sich kleine, einsame Strände wie Perlen einer Halskette aneinander; die Wellen rollen an den weiß-gelben Sand und brechen dramatisch kurz zuvor. Die unzähligen zerklüfteten Küstenformationen und die Farben des Meeres machen mich sprachlos. Alle Blautöne vermischt mit allen Grün-Nuancen, die es gibt. Die Farben scheinen zu leuchten. Ich bin begeistert. OHA!
In Saint-Lunaire finde ich eine Strandbar, die mir unter Bast-Sonnenschirmen auf weißem Sand ein Schokoladeneis samt Jus de Pommes und dem mittlerweile obligatorischen Petit Café serviert. Es ist einfach alles ein Gedicht. Drei französische Damen setzen sich an den Nebentisch. Ich frage, ob ich ein Foto von ihnen mit dem wunderbaren Strand im Hintergrund machen soll, und so kommt man ins Gespräch. Sie wandern schon etwas länger, starteten ab Mont-Saint-Michel und übernachten abwechselnd in Hotels und auf Zeltplätzen. Wahrscheinlich wird ihr Gepäck von Unterkunft zu Unterkunft transportiert, denn sie tragen nur wenig mit sich. Sie wollen noch nach Fort la Latte. Das steht ja auch auf meiner Liste. Plötzlich ist der Himmel schwarz und wir sagen bon voyage und brechen schnell auf. Zunächst glaube ich, ich hätte Glück, denn es nieselt nur ein bisschen. Doch ab der Plage de Longchamps regnen immer wieder ordentliche Schauer auf mich herunter. Ich sehe es sportlich: Teste ich doch so mal meinen Regenschutz. Auf die Regenhose verzichte ich allerdings noch, letztendlich nicht die schlechteste Entscheidung, denn meine Wanderleggings bleibt ziemlich trocken. Irgendwann kommen mir auf den hügeligen Sandwegen regelrechte Wasserstraßen von oben entgegengeflossen, sodass ich mich nach einer Weile doch für den Weg abseits der Küste entscheide. Zumindest für kurze Zeit. Plötzlich treffe ich auf die drei Wanderinnen vom Bast-Sonnenschirm-Café und sie machen mir Mut, mich doch wieder auf den Sentier des Douaniers zu wagen. Zum Teil besteht der Weg nur aus Felsgestein und mit meinem 9-kg-Rucksack ist das Hoch- und Runterklettern echt anstrengend. Aber im Verlauf werde ich besser und sicherer – und mutiger. Da ich erst um 17:00 Uhr in meinem Air-BnB angemeldet bin, entscheide ich mich für die längere Strecke entlang der Küste und sehe mir die zauberhaften Strände von Saint-Briac-sur-Mer an. Ich habe das Gefühl, dass der Regen die Farben noch satter und leuchtender schillern lässt.
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