Tango im Lapislazuli
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 218
ISBN: 978-3-7116-0930-4
Erscheinungsdatum: 31.08.2026
Aus Neugier wird Nähe, aus Recherche Gefühl. In einer Bar namens Lapislazuli begegnet Samantha einer Welt, die sie nicht gesucht hat – und doch verändert. Zwischen Tanz, Vertrauen und neuen Blickwinkeln beginnt eine Reise, die alles infrage stellt.
Kapitel 1
Sie hätte nicht gedacht, dass sie es wirklich wagen würde. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Während sie noch zögernd vor der Tür stand, halfen ihr ein paar Männer den nächsten Schritt zu tun: „Willst du nun rein oder nicht?“ Erschrocken machte sie Platz und als ihr die Tür aufgehalten wurde, trat sie ein.
Irgendwie hatte sie es sich anders vorgestellt. Es war ein mittelgroßer Raum mit einer erlesenen Bar, in der die tollsten Flaschen aufgereiht waren, und durch den Spiegel wirkte es größer. In der Mitte war eine Tanzfläche und am Rand gab es vereinzelte Sitz- und Schmuseecken. Unschlüssig schaute sie sich um und steuerte dann den Rand der Bar an. Von dort hatte sie einen guten Überblick und konnte auch die Leute hinter sich durch den Spiegel beobachten, ohne dass es zu sehr auffiel. Zumindest hoffte sie das.
Ein Barkeeper erkundigte sich nach ihrem Getränkewunsch und aus lauter Gewohnheit bestellte sie ein kleines, stilles Wasser. Der Blick sprach Bände und sie errötete leicht. „Gibt es hier auch alkoholfreie Cocktails?“ Nun wurde sie von oben bis unten gemustert: „Kann es sein, dass du dich verlaufen hast?“, wurde sie angegrinst. Sie fasste sich ein Herz und entgegnete: „Ich hoffe nicht.“ Da musste der Barkeeper lachen und mit einem „Okay“ bat er um einen kleinen Augenblick.
Sie nickte und vertiefte sich wieder in das Beobachten der Menschen. Im Moment schien sie das einzige weibliche Wesen hier zu sein. Bei gedämpfter Schmusemusik wurde getanzt. Ein Pärchen hatte es ihr besonders angetan, sie tanzten zwar miteinander, hatten aber offenbar eine Auseinandersetzung, die sich in ihrem Tanzstil widerspiegelte. Schmunzelnd beobachtete sie weiter und war fasziniert, was für eine angenehme und harmonische Atmosphäre hier herrschte. „Das gehört sich aber nicht …“ Ertappt zuckte sie zusammen und sah sich einem grinsenden Barkeeper gegenüber, der ihr nun einen Cocktail servierte. „Entschuldigung, das war wohl zu offensichtlich gegafft.“ Jetzt lachte der Barkeeper herzlich: „Du gefällst mir, Mädchen. Was führt dich zu uns?“ „Das ist jetzt irgendwie peinlich und ich weiß noch nicht so richtig, ob ich mich traue, meine Fragen auch wirklich zu stellen.“ Um von sich abzulenken, nahm sie das Glas und schnupperte an dem Getränk. Sie nippte daran und runzelte ein wenig die Stirn. „Nicht gut?“, erkundigte er sich. Nachdem sie noch einen Schluck getrunken hatte, sah sie ihn offen an: „Ich weiß noch nicht, ob er mir schmeckt … vordergründig ist er erst mal sehr süß, aber im Nachgang wird er säuerlich und ich glaube, das mag mein Magen nicht wirklich. Er ist mir … wie drücke ich es nur richtig aus? Er ist mir zu wuchtig.“ Nun sah er sie anerkennend an: „Das ist mal eine richtig gute Beschreibung.“ Er entfernte sich wieder, um ein Pärchen zu bedienen. Als er zu ihr zurückkehrte, fragte sie verschämt: „Dürfte ich wohl um etwas stilles Wasser bitten? Leitungswasser geht auch. Aber so kann ich ihn nicht austrinken und es wäre zu schade, wenn er weggeschüttet wird.“ Sie sah ihn so bettelnd an, dass er schulterzuckend ihrer Bitte nachkam. Sie nickte dankbar und nahm sich vor, auf jeden Fall noch einen Cocktail zu bestellen. Ihr Blick streifte wieder umher und sie fand den Platz hier immer besser. Durch den Spiegel hatte sie tatsächlich den Überblick über die gesamte Bar und dachte, sie könnte unbeobachtet ihren Blick schweifen lassen. Gänzlich in Gedanken versunken, hatte sie nicht bemerkt, dass sie Gesellschaft bekommen hatte. „Wie hast du den Weg zu uns gefunden?“ Erschrocken zuckte sie zusammen, sie hatte zwar bemerkt, dass es immer voller wurde und auch die Plätze neben ihr belegt waren. In der Hauptsache waren es schwule Pärchen. „Na ja, gegoogelt, wie sagt man: gesucht und gefunden“, grinste sie verlegen und vertiefte sich in ihren Cocktail. Doch die beiden waren hartnäckig. Sie ließ sich in eine Plauderei verwickeln, an der sich von Zeit zu Zeit der Barkeeper beteiligte. Mittlerweile hatte sie ihren Wassercocktail geleert und meinte: „Ich würde gerne noch einen Cocktail bestellen … mit ein paar kleinen Einschränkungen.“ Entwaffnend lächelte sie den Barkeeper an, der sich zu einem „Lass mal hören“ hinreißen ließ. „Ohne Alkohol, möglichst keine Zitrusfrüchte als Grundlage, es muss nicht unbedingt süß sein, darf aber, es könnte aber auch herber sein …“ Da grinste er sie an und fragte: „Kannst du es noch besser beschreiben?“ Sie erkannte den Schalk in seinem Blick und ließ sich schmunzelnd darauf ein. „Well, I will do my very best … Eine bunte Geschmackswelt sollte sich der Zunge offenbaren, die sich bis zum Gaumen hin ausbreitet, um in blumiger Vielfalt daran vorbeizurinnen, sich dann vollmundig die Speiseröhre immer zarter werdend hinabschleicht, damit sie sanft vom Magen empfangen werden kann.“ Himmel, was mache ich hier eigentlich? Ich flirte mit schwulen Männern. Gespannt schaute sie nun den Barkeeper an. „Verrätst du mir deinen Namen?“ „Sam.“ Über die hochgezogene Augenbraue musste sie lachen: „Samantha.“ Er reichte ihr die Hand über die Theke: „Hallo Sam, ich bin Alex.“ Ungefragt stellte sich das Pärchen auch gleich mit Theo und Vincent vor. „Nun Alex, zeig ihr, wie gut du bist“, forderten die beiden den Barkeeper auf. Dieser ließ sich nicht zweimal bitten. Er kreierte einen alkoholfreien Cocktail für Sam, der seinesgleichen suchte. Außerdem brachte er einen Zweiten dem Barbesitzer auf der anderen Seite der Theke. Sam roch erst mal daran und schmunzelte. Es schien eine vielversprechende Kreation zu sein, die sich irgendwann vielleicht auf der hiesigen Karte wiederfand. Der Chef hob sein Glas und prostete ihr zu, diese erwiderte den Gruß. Mit geschlossenen Augen nahm sie einen Schluck. Schmunzelnd nahm sie noch einen, um diesen langsam die Kehle hinabrinnen zu lassen. Ihre Zunge fuhr über die Lippen, die leicht geöffnet blieben, dann holte sie tief Luft, kaute leicht auf der Unterlippe und öffnete wieder die Augen. Etwas Sinnlicheres hatten die Männer lange nicht mehr gesehen und warteten fasziniert auf ihr Urteil. Der Barbesitzer schlenderte mit dem Cocktail zu ihnen und hörte gerade noch: „Das ist richtig lecker, aber irgendwas passt noch nicht.“ Gespannt wartete er ab, was jetzt kommen würde. Samantha nahm noch einen Schluck und schmatzte ein bisschen, um dann noch mal daran zu nippen. „Du hast Erdbeersirup drin, oder?“ Anerkennend nickte Alex. „Kannst du aus dem Sirup Eiswürfel machen? So würde sich die Erdbeere erst mit dem Apfel treffen und wäre nicht von Anfang an dabei. Der Optik wegen wäre vielleicht auch eine Erdbeere gut oder so? Allerdings weiß ich nicht, wie lange es braucht und ob eine Erdbeere überhaupt etwas Geschmack ins Glas abgibt.“ Alex sah seinen Chef an, der den Arm um Samanthas Schultern legte und ihr Zusammenzucken ignorierte: „Mir scheint, da hast du eine besondere Muse gefunden. Notiere alles, den nehmen wir ins Programm auf. Testet das mit den Eiswürfeln und Erdbeeren mal aus. Wie heißt du, mein Kind?“ Fragend sah er sie nun an. Vincent antwortete an ihrer statt: „Das ist Samantha, du hättest die Bestellung dazu hören sollen.“ „Nun, Samantha, wie sollen wir die neue Kreation nennen?“ Sie zuckte mit den Schultern und nun half Theo weiter: „Was haltet ihr von ‚Sanfter Sam‘?“ „Perfekt, ist gebongt, den Rest überlasse ich euch vieren“, grinste der Besitzer und zog weiter zu den nächsten Gästen. Wie ungewöhnlich, dachte Samantha, irgendwie scheint das Leben hier leichter zu funktionieren und mit wesentlich weniger Formalismen auszukommen. Alex kam zurück, als Samanthas neugieriger Blick seine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Nein, ich verrate es dir nicht.“, grinste er sie an. „Nun gut, dann rate ich mal. Erdbeersirup und Apfel habe ich schon rausgeschmeckt. Der Hauptanteil ist offensichtlich Mango, dann, schätze ich, sind noch etwas Banane und Birne drin, nein, keine Birne, Papaya, und im Abgang habe ich noch … Litschi geschmeckt.“ Sie nahm noch einen Schluck und sah ihn erwartungsvoll an. Ehrlich verblüfft fragte er: „Mehr Banane oder mehr Papaya?“ „Ich würde sagen, Papaya, weil die besser zur Litschi passt … vielleicht“, sagte sie mit gekräuselter Nase, weil sie sich auf einmal nicht mehr sicher war. Alex nickte beeindruckt und die Jungs beglückwünschten Samantha zu ihrem guten Geschmackssinn. „So, Sam, jetzt raus mit der Sprache. Was machst du wirklich hier? Und erzähl uns nicht … ‚Männersuche‘.“ Sie grinste verschmitzt: „Na ja, wenn ich ganz ehrlich bin …, doch.“ Drei Augenpaare wurden groß, als sie das langgezogene, von unten nach oben betonte „Doch“ hörten. Ob der Gesichter musste sie herzlich lachen. „Entschuldigt“, sie beruhigte sich wieder und wurde ernst: „Also, wenn ich ehrlich bin, suche ich tatsächlich ‚schwule‘ Männer.“ Das „schwule“ setzte sie bildlich in Anführungszeichen. „Puh, das wird jetzt echt peinlich …“, sie holte noch mal tief Luft. „Also, in meinem Kopf hat sich da eine Idee festgesetzt, die ich vielleicht umsetzen werde … ähm … also ich habe angefangen, ein Buch zu schreiben und jetzt festgestellt, dass ich vielleicht doch besser ein paar Recherchen durchführen sollte, bevor ich es eventuell veröffentlichen werde … oder so.“ Eigentlich hatte sie erwartet, ausgelacht zu werden, und nicht damit, dass ihr die drei regelrecht an den Lippen hängen würden. Sie schaute in erwartungsvolle Gesichter. So fing sie an: „Ein Manga hat mich über die Maßen inspiriert und ich habe angefangen zu schreiben. Nun ja, ich habe gemerkt, dass ich es für meinen inneren Frieden unbedingt weiterführen muss. Meiner Fantasie sind hierbei keinerlei Grenzen gesetzt und ich kann schreiben, was und wie ich will. Wie gesagt, ist mir jetzt aufgefallen, dass ich keine Ahnung habe, ob meine Fantasie ausreicht und ob das, was ich schreibe, wenigstens ansatzweise der Realität entspricht.“ Ihre Hände begannen, ihr Erzählen zu begleiten, und plötzlich war sie sehr nervös. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht? Es war das eine, solche Szenarien in der Fantasie durchzuspielen, und etwas ganz anderes, nun wirklich und wahrhaftig schwule Männer nach ihrem Sexualleben zu befragen. Unmerklich war die Gruppe um sie größer geworden und sie wurde noch unsicherer. Kurz verließ sie der Mut und sie wäre am liebsten geflohen, doch Vincent nahm ihre Hand in seine und nickte ihr aufmunternd zu. Alex hatte ihr einen sehr verdünnten Longdrink gemacht, da er ihr ansah, dass ihr Hals langsam trocken wurde. Dankbar lächelte sie ihn an und er fragte: „Warum hast du dir einen Schwulen als Hauptperson ausgesucht?“ Auf diese Frage konnte sie leicht und unbefangen antworten: „Weil ihr mich total fasziniert. Es ist so schön zu beobachten, wie alles augenscheinlich in Harmonie verläuft, wie ihr aufeinander achtet und euch gegenseitig unterstützt, ohne Hintergedanken und ohne später irgendwelche Rechnungen auf den Tisch zu knallen.“ Über die teilweise sehr ungläubigen Gesichter musste sie grinsen und holte etwas weiter aus: „Es ist mir schon klar, dass nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Ich finde es halt einfach schön zu sehen, wie liebevoll ihr miteinander umgeht. In euren Beziehungen geht es viel respektvoller zu als bei gemischten Pärchen. Ihr seid sehr tolerant, geht ohne Vorurteile aufeinander zu und nichts scheint euch aus dem Gleichgewicht bringen zu können … Ein Beispiel … Entschuldigt, ihr zwei. Theo und Vincent hatten vorhin beim Tanzen eine kleine Auseinandersetzung miteinander.“ Die Kinnladen der beiden stürzten ab und die Umstehenden begannen zu lachen. „Jetzt tut nicht so … ihr brauchtet auf einmal die komplette Tanzfläche“, kam es von den Umstehenden. Samantha hob beschwichtigend die Hände: „Ja, man hat die Diskussion auch an eurem Tanzstil erkannt. Aber ihr habt darüber gesprochen, ich würde sogar behaupten, ihr habt euch ausgesprochen und euch wieder versöhnt. Auch wenn Theo dir ins Ohr geflüstert hat, dass er auf seine Meinung beharrt. Ihr habt euch geküsst und dann wieder vertragen, ohne nachtragend zu sein, und das, obwohl ihr weiterhin unterschiedlicher Meinung seid. Das bewundere ich an euch. Dieses Rücksichtnehmen auf andere, diese Toleranz einer anderen Meinung gegenüber und dieses Verlangen nach Harmonie. Ihr respektiert euch und begegnet euch immer auf Augenhöhe. Keiner wird wegen seines Aussehens, Sprechens oder Denkens ausgelacht, gehänselt oder gar gemobbt. Diesbezüglich seid ihr sehr reif und ich würde sogar so weit gehen, dass ihr für viele als Vorbilder fungieren könntet. Andererseits könnt ihr manchmal sehr anstrengend sein, weil ihr sehr liebesbedürftig seid, immer ein bisschen den Hang zur Dramatik habt und so herrlich vor Selbstmitleid zerfließen könnt.“
Ihre Hände unterstützten mittlerweile wieder ihre Erläuterungen und die Zuhörerschaft wurde immer größer. Damit hatte sie sich beinahe um Kopf und Kragen geredet und eine heftige Diskussion ausgelöst. Man war sich nicht so ganz einig, denn Samantha hatte natürlich nur die für sie ersichtlichen Vorzüge der gleichgeschlechtlichen Paare aufgeführt. Sie lauschte den anderen und fing irgendwann das Schmunzeln an. Es wurde über verschiedene Paare diskutiert, die süß zusammenpassten, und auch über solche, die vielleicht lieber keine Beziehung haben sollten. Auch überlegten sie, ob die Beziehungen wirklich so anders waren als bei gemischten Paaren. Alex stellte ihr wieder einen Cocktail hin, den sie schon ablehnen wollte. Doch er schüttelte nur den Kopf und der Besitzer flüsterte in ihr Ohr: „Geht aufs Haus.“ Artig bedankte sie sich und sah den Spender nun fragend an. „Seit ich diesen Laden übernommen habe, wurde noch nie so lebhaft diskutiert und so viel dabei getrunken. Du bist jederzeit herzlich willkommen.“ So stieß sie mit ihrem Spender an und probierte vorsichtig. „Wow, du hast etwas Kokosmilch hineingetan und den Apfelsaft dafür gänzlich weggelassen.“ Sie nahm noch einen Schluck und sah Alex stirnrunzelnd an: „Was ist das noch für ein Geschmack? Ist das Ingwer? Es wird im Nachgang etwas schärfer.“ Er nickte anerkennend. „Sehr gut“, meinte der Besitzer, „nicht nur Muse, sondern auch Meister.“ Mit einem „Oh nein!“, hob Samantha abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf. Nun stürmten Fragen auf sie ein, Gefühle und Beziehungen zwischen gemischten Paaren betreffend; lächelnd stand sie jedem Rede und Antwort, soweit es ihr möglich war. Inzwischen war die Zeit sehr weit fortgeschritten und es lichteten sich die Reihen. Der Besitzer sah Alex fragend an und dieser nickte nur. Samantha schaute auf ihre Uhr und bekam große Augen: „Oje, es tut mir leid, dass du heute Überstunden machen musst. Ich wollte nicht so einen Tumult auslösen.“ „Wenn du bis zum Schluss bleibst, ist das für mich in Ordnung“, grinste er sie an. „Nur wenn ich bitte, bitte ein Glas Wasser bekommen könnte.“ Für sich dachte sie: Was würde ich jetzt für einen Latte geben. Theo hatte ihre Gedanken erraten und fragte Alex: „Kommst du nachher mit auf einen Latte Macchiato?“ „Prima Idee, Sam nehmen wir auch mit, schließlich wissen wir immer noch nicht, worauf sie vorhin hinauswollte.“ Sie schaute Vincent und Theo an und übersprang den zweiten Teil der Bemerkung: „Kannst du Gedanken lesen?“ Er grinste sie an: „Dein Gesichtsausdruck gleicht dem von Vinc-Darling, wenn er einen Kaffee braucht.“ „Seht ihr, genau das habe ich gemeint. Ihr seid viel feinfühliger als die Gemischten. Euer Augenmerk ist nicht nur auf das Ersichtliche begrenzt. Ihr könnt euch in andere hineinversetzen und freut euch heimlich, wenn ihr für jemanden etwas in die Wege leiten konntet, so wie Theo eben für mich mit dem Latte.“ Jetzt nickten viele verstehend und die rege Diskussion versandete in kleine Turtelleien. Alle gingen zur Bar und Alex hatte noch mal richtig zu tun, denn jeder wollte einen Abschlusscocktail haben. Vincent und Theo plauderten mit Samantha, bis Alex fertig war. Zum Schluss mixte er jedem der drei noch einen besonderen Cocktail. Lächelnd beobachtete er seine Kunden und fand es faszinierend, wie Samantha die Bar an nur einem Abend erobert hatte. Viele winkten ihr zum Abschied noch einmal zu, bevor sie gingen. „Gut, nun wissen wir, warum du einen Schwulen als Hauptperson ausgewählt hast, aber was ist denn genau deine Frage dazu?“, schaltete sich Vincent wieder ein. Als Alex sah, wie Samantha plötzlich rot wurde, fing er das Lachen an. „Du hast dich heute Abend in ganz viele Herzen eingeschmuggelt und jetzt wirst du rot?“ Immer noch lachend verabschiedete Alex die letzten Kunden und schloss hinter ihnen die Bar ab. Dann kam er zu den dreien zurück. „Ich muss hier noch kurz aufräumen, anschließend können wir gehen.“ „Können wir dir irgendwie helfen?“ Samantha hatte überhaupt nicht nachgedacht, es war die reine Gewohnheit, um aus dem Rampenlicht zu kommen. Er langte über die Theke und strich ihr sanft über die Wange. „Danke dir, mein Herz, aber es ist nicht viel. Ich muss hier noch ein paar Sachen wegräumen und die Spülmaschine starten, dann können wir los.“ Theo lehnte sich an Vincent, der den Arm um ihn gelegt hatte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Über sein strahlendes „Ja“ musste er leise lachen und Samantha schmunzelte über die Freude in seinem Gesicht. „Du hast zwar den Schwulen ein gutes Gespür bekundet, aber auch du scheinst ein sehr feinfühliger Mensch zu sein, Sam.“ Stirnrunzelnd registrierte Alex wieder ihr Zusammenzucken, sagte aber nichts dazu. Samantha hingegen fragte sich, wie er so plötzlich unbemerkt hinter ihr auftauchen konnte. „Wie seid ihr hergekommen?“, fragte er nun. „Auto“, bekundete Samantha und das Pärchen deutete „per Fuß“ an, während er „Bahn“ zur Auskunft gab. „Ich kann euch gerne mitnehmen … wenn ihr euch neben einen Bären traut“, schelmisch schaute sie in die Runde. „Prima, dafür kommt ihr noch mit zu uns. Wir wollen doch noch einen Latte zusammen trinken.“ Wow, dachte Samantha, das geht mir jetzt auf einmal doch zu schnell und eine Stimme in ihrem Kopf lachte sie aus. Mit einem: Was soll’s, schüttelte sie den Kopf und meinte: „Wenn die Herren mir dann bitte folgen wollen.“ Alex fing wieder das Lachen an: „Du bist eine sehr interessante Person, Samantha. So formvollendet wurde ich noch nie zu einer Autofahrt eingeladen.“ Theo und Vincent mussten auch herzlich lachen und gaben Alex recht. Wieder kam der Schelm in ihr durch: „Na ja, ich würde damit warten, bis wir angekommen sind.“ Ein lachendes „Luder“ war die Antwort. Sie hatte in einer Seitengasse geparkt und fragte während des Einsteigens, wo es hingehen sollte, räumte aber gleich ein, dass sie sich hier überhaupt nicht auskannte. Es wurde beschlossen, dass Vincent bei ihr vorne sitzen sollte, um ihr den Weg zu zeigen.
Dieser lotste sie durch die Stadt: „Zu Fuß ist es gar nicht so weit, weil wir durch den Stadtpark laufen können“, erläuterte er. Sie kamen in ein Viertel, das offensichtlich der besseren Gesellschaft gehörte. Es gab hier hauptsächlich große Villen. „Du kannst vor unserer Garage parken. Hier direkt vor dem Garagentor links … Was machst du denn?“ Sie achtete nicht auf den Einspruch, sondern wendete und parkte dann rückwärts vor dem Tor. „Wow, das ist jetzt beeindruckend“, stellte Vincent fest. „Macht der Gewohnheit, neige zum Fluchtwagenfahrer.“ Drei Männer stiegen lachend aus. Vincent ging voraus, um sie alle hereinzulassen, während Alex Samantha für ihre Fahrweise ein Kompliment machte. Theo führte sie ins Wohnzimmer und Vincent verschwand in der Küche, um für alle einen Latte zuzubereiten. Im Wohnzimmer stellte Alex fest, dass sie eine gut bestückte Bar hatten. Vincent brachte den Latte und sie genossen ihn plaudernd zusammen.
Einiges später oder vielmehr sehr früh am Morgen stand sie am großen Wohnzimmerfenster und blickte über die Lichter der Stadt. Auf was hatte sie sich da eingelassen? Sie hatte einem schwulen Paar beim Sex zugeschaut, wurde verführt und hatte Sex mit drei Männern. Großartige Leistung, erst jahrelang nichts und dann gleich so. Sie musste über sich selbst den Kopf schütteln. Befreit aus Alex’ Umarmung hatte sie eines der herumliegenden Hemden übergezogen und betrachtete nun das Erwachen dieser Stadt. Als sich von hinten Arme um sie schlangen, zuckte sie heftig zusammen. „Was hat man dir nur angetan?“, flüsterte es an ihrem Ohr und Alex küsste sie sanft auf die Schläfe. Sie lehnte sich an ihn und hielt seine Arme fest. Mit sanfter Gewalt drehte er sie zu sich um, legte seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie so, ihn anzusehen. Langsam drückte er sie an sich und küsste sie sehr zärtlich. Dabei bemerkte sie, dass er in seiner vollen Nacktheit vor ihr stand. Ihre Hände lagen flach auf seiner Brust und schienen ihr als Mauer zu dienen. Seine Hand wanderte langsam zu ihrem Hals und strich weiter sacht über ihren Arm, dabei löste er eine Gänsehaut aus. Als er merkte, dass ihr Kuss salzig von ihren Tränen schmeckte, ließ er fragend von ihr ab: „So schlimm?“ Sie konnte nur den Kopf schütteln und barg ihn an seiner Brust. Er nahm sie nun fest in seine Arme. Als sie Schluckauf bekam, führte er sie zum Sofa, fand Taschentücher und brachte ein Glas Wasser mit. Vincent und Theo waren zwar auch wach geworden, doch ließen sie die beiden erst mal allein. Sie fanden, dass die beiden ein wundervolles Paar abgaben. Da sie vorhin schon sehr emotional geworden war, als sie den Grund verriet, warum sie schrieb, hatte sie die Bewunderung der Männer nicht wahrgenommen. Diese fühlten sich geehrt, dass Samantha wildfremden Menschen von ihrem Versuch, ein Buch zu schreiben, erzählte. Als sie dann ein bisschen vom Inhalt ihrer Geschichte berichtete, konnten sie die Finger nicht mehr voneinander lassen und wurden intim. Bald bezogen sie Alex und Samantha in ihr Liebesspiel mit ein und waren erstaunt und freudig überrascht, dass sie sich darauf einließen.
Theo küsste Vincent: „Sie hat da etwas sehr lange unterdrückt.“ Dieser nickte nur und erwiderte seinen Kuss. So aneinander geschmiegt schliefen sie wieder ein.
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken. Du musst nachher sicher wieder arbeiten und solltest nicht …“ Er setzte sich neben sie: „Du entschuldigst dich eindeutig zu oft, Sam.“ Woraufhin ihr ein: „Entschuldige, bin es so gewohnt“ entschlüpfte. Er zog sie an sich und als er ihren Widerstand spürte, flüsterte er in ihr Ohr: „Entspann dich, ich werde dich jetzt nicht vernaschen. Ich möchte lieber diesen herrlichen Sonnenaufgang mit dir genießen.“ Zweifelnd schaute sie ihn an. Sein schelmisches, doch einladendes Grinsen ließ sie sich entspannen und so lehnte sie sich an ihn. Als Vincent später nach ihnen sah, waren auch sie wieder eingeschlafen und lagen zusammengekuschelt auf dem Sofa zusammen. Grinsend holte er eine Decke und breitete sie über die beiden aus, um dann selbst noch mal zu seinem Lover ins Bett zu krabbeln.
...
Sie hätte nicht gedacht, dass sie es wirklich wagen würde. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Während sie noch zögernd vor der Tür stand, halfen ihr ein paar Männer den nächsten Schritt zu tun: „Willst du nun rein oder nicht?“ Erschrocken machte sie Platz und als ihr die Tür aufgehalten wurde, trat sie ein.
Irgendwie hatte sie es sich anders vorgestellt. Es war ein mittelgroßer Raum mit einer erlesenen Bar, in der die tollsten Flaschen aufgereiht waren, und durch den Spiegel wirkte es größer. In der Mitte war eine Tanzfläche und am Rand gab es vereinzelte Sitz- und Schmuseecken. Unschlüssig schaute sie sich um und steuerte dann den Rand der Bar an. Von dort hatte sie einen guten Überblick und konnte auch die Leute hinter sich durch den Spiegel beobachten, ohne dass es zu sehr auffiel. Zumindest hoffte sie das.
Ein Barkeeper erkundigte sich nach ihrem Getränkewunsch und aus lauter Gewohnheit bestellte sie ein kleines, stilles Wasser. Der Blick sprach Bände und sie errötete leicht. „Gibt es hier auch alkoholfreie Cocktails?“ Nun wurde sie von oben bis unten gemustert: „Kann es sein, dass du dich verlaufen hast?“, wurde sie angegrinst. Sie fasste sich ein Herz und entgegnete: „Ich hoffe nicht.“ Da musste der Barkeeper lachen und mit einem „Okay“ bat er um einen kleinen Augenblick.
Sie nickte und vertiefte sich wieder in das Beobachten der Menschen. Im Moment schien sie das einzige weibliche Wesen hier zu sein. Bei gedämpfter Schmusemusik wurde getanzt. Ein Pärchen hatte es ihr besonders angetan, sie tanzten zwar miteinander, hatten aber offenbar eine Auseinandersetzung, die sich in ihrem Tanzstil widerspiegelte. Schmunzelnd beobachtete sie weiter und war fasziniert, was für eine angenehme und harmonische Atmosphäre hier herrschte. „Das gehört sich aber nicht …“ Ertappt zuckte sie zusammen und sah sich einem grinsenden Barkeeper gegenüber, der ihr nun einen Cocktail servierte. „Entschuldigung, das war wohl zu offensichtlich gegafft.“ Jetzt lachte der Barkeeper herzlich: „Du gefällst mir, Mädchen. Was führt dich zu uns?“ „Das ist jetzt irgendwie peinlich und ich weiß noch nicht so richtig, ob ich mich traue, meine Fragen auch wirklich zu stellen.“ Um von sich abzulenken, nahm sie das Glas und schnupperte an dem Getränk. Sie nippte daran und runzelte ein wenig die Stirn. „Nicht gut?“, erkundigte er sich. Nachdem sie noch einen Schluck getrunken hatte, sah sie ihn offen an: „Ich weiß noch nicht, ob er mir schmeckt … vordergründig ist er erst mal sehr süß, aber im Nachgang wird er säuerlich und ich glaube, das mag mein Magen nicht wirklich. Er ist mir … wie drücke ich es nur richtig aus? Er ist mir zu wuchtig.“ Nun sah er sie anerkennend an: „Das ist mal eine richtig gute Beschreibung.“ Er entfernte sich wieder, um ein Pärchen zu bedienen. Als er zu ihr zurückkehrte, fragte sie verschämt: „Dürfte ich wohl um etwas stilles Wasser bitten? Leitungswasser geht auch. Aber so kann ich ihn nicht austrinken und es wäre zu schade, wenn er weggeschüttet wird.“ Sie sah ihn so bettelnd an, dass er schulterzuckend ihrer Bitte nachkam. Sie nickte dankbar und nahm sich vor, auf jeden Fall noch einen Cocktail zu bestellen. Ihr Blick streifte wieder umher und sie fand den Platz hier immer besser. Durch den Spiegel hatte sie tatsächlich den Überblick über die gesamte Bar und dachte, sie könnte unbeobachtet ihren Blick schweifen lassen. Gänzlich in Gedanken versunken, hatte sie nicht bemerkt, dass sie Gesellschaft bekommen hatte. „Wie hast du den Weg zu uns gefunden?“ Erschrocken zuckte sie zusammen, sie hatte zwar bemerkt, dass es immer voller wurde und auch die Plätze neben ihr belegt waren. In der Hauptsache waren es schwule Pärchen. „Na ja, gegoogelt, wie sagt man: gesucht und gefunden“, grinste sie verlegen und vertiefte sich in ihren Cocktail. Doch die beiden waren hartnäckig. Sie ließ sich in eine Plauderei verwickeln, an der sich von Zeit zu Zeit der Barkeeper beteiligte. Mittlerweile hatte sie ihren Wassercocktail geleert und meinte: „Ich würde gerne noch einen Cocktail bestellen … mit ein paar kleinen Einschränkungen.“ Entwaffnend lächelte sie den Barkeeper an, der sich zu einem „Lass mal hören“ hinreißen ließ. „Ohne Alkohol, möglichst keine Zitrusfrüchte als Grundlage, es muss nicht unbedingt süß sein, darf aber, es könnte aber auch herber sein …“ Da grinste er sie an und fragte: „Kannst du es noch besser beschreiben?“ Sie erkannte den Schalk in seinem Blick und ließ sich schmunzelnd darauf ein. „Well, I will do my very best … Eine bunte Geschmackswelt sollte sich der Zunge offenbaren, die sich bis zum Gaumen hin ausbreitet, um in blumiger Vielfalt daran vorbeizurinnen, sich dann vollmundig die Speiseröhre immer zarter werdend hinabschleicht, damit sie sanft vom Magen empfangen werden kann.“ Himmel, was mache ich hier eigentlich? Ich flirte mit schwulen Männern. Gespannt schaute sie nun den Barkeeper an. „Verrätst du mir deinen Namen?“ „Sam.“ Über die hochgezogene Augenbraue musste sie lachen: „Samantha.“ Er reichte ihr die Hand über die Theke: „Hallo Sam, ich bin Alex.“ Ungefragt stellte sich das Pärchen auch gleich mit Theo und Vincent vor. „Nun Alex, zeig ihr, wie gut du bist“, forderten die beiden den Barkeeper auf. Dieser ließ sich nicht zweimal bitten. Er kreierte einen alkoholfreien Cocktail für Sam, der seinesgleichen suchte. Außerdem brachte er einen Zweiten dem Barbesitzer auf der anderen Seite der Theke. Sam roch erst mal daran und schmunzelte. Es schien eine vielversprechende Kreation zu sein, die sich irgendwann vielleicht auf der hiesigen Karte wiederfand. Der Chef hob sein Glas und prostete ihr zu, diese erwiderte den Gruß. Mit geschlossenen Augen nahm sie einen Schluck. Schmunzelnd nahm sie noch einen, um diesen langsam die Kehle hinabrinnen zu lassen. Ihre Zunge fuhr über die Lippen, die leicht geöffnet blieben, dann holte sie tief Luft, kaute leicht auf der Unterlippe und öffnete wieder die Augen. Etwas Sinnlicheres hatten die Männer lange nicht mehr gesehen und warteten fasziniert auf ihr Urteil. Der Barbesitzer schlenderte mit dem Cocktail zu ihnen und hörte gerade noch: „Das ist richtig lecker, aber irgendwas passt noch nicht.“ Gespannt wartete er ab, was jetzt kommen würde. Samantha nahm noch einen Schluck und schmatzte ein bisschen, um dann noch mal daran zu nippen. „Du hast Erdbeersirup drin, oder?“ Anerkennend nickte Alex. „Kannst du aus dem Sirup Eiswürfel machen? So würde sich die Erdbeere erst mit dem Apfel treffen und wäre nicht von Anfang an dabei. Der Optik wegen wäre vielleicht auch eine Erdbeere gut oder so? Allerdings weiß ich nicht, wie lange es braucht und ob eine Erdbeere überhaupt etwas Geschmack ins Glas abgibt.“ Alex sah seinen Chef an, der den Arm um Samanthas Schultern legte und ihr Zusammenzucken ignorierte: „Mir scheint, da hast du eine besondere Muse gefunden. Notiere alles, den nehmen wir ins Programm auf. Testet das mit den Eiswürfeln und Erdbeeren mal aus. Wie heißt du, mein Kind?“ Fragend sah er sie nun an. Vincent antwortete an ihrer statt: „Das ist Samantha, du hättest die Bestellung dazu hören sollen.“ „Nun, Samantha, wie sollen wir die neue Kreation nennen?“ Sie zuckte mit den Schultern und nun half Theo weiter: „Was haltet ihr von ‚Sanfter Sam‘?“ „Perfekt, ist gebongt, den Rest überlasse ich euch vieren“, grinste der Besitzer und zog weiter zu den nächsten Gästen. Wie ungewöhnlich, dachte Samantha, irgendwie scheint das Leben hier leichter zu funktionieren und mit wesentlich weniger Formalismen auszukommen. Alex kam zurück, als Samanthas neugieriger Blick seine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Nein, ich verrate es dir nicht.“, grinste er sie an. „Nun gut, dann rate ich mal. Erdbeersirup und Apfel habe ich schon rausgeschmeckt. Der Hauptanteil ist offensichtlich Mango, dann, schätze ich, sind noch etwas Banane und Birne drin, nein, keine Birne, Papaya, und im Abgang habe ich noch … Litschi geschmeckt.“ Sie nahm noch einen Schluck und sah ihn erwartungsvoll an. Ehrlich verblüfft fragte er: „Mehr Banane oder mehr Papaya?“ „Ich würde sagen, Papaya, weil die besser zur Litschi passt … vielleicht“, sagte sie mit gekräuselter Nase, weil sie sich auf einmal nicht mehr sicher war. Alex nickte beeindruckt und die Jungs beglückwünschten Samantha zu ihrem guten Geschmackssinn. „So, Sam, jetzt raus mit der Sprache. Was machst du wirklich hier? Und erzähl uns nicht … ‚Männersuche‘.“ Sie grinste verschmitzt: „Na ja, wenn ich ganz ehrlich bin …, doch.“ Drei Augenpaare wurden groß, als sie das langgezogene, von unten nach oben betonte „Doch“ hörten. Ob der Gesichter musste sie herzlich lachen. „Entschuldigt“, sie beruhigte sich wieder und wurde ernst: „Also, wenn ich ehrlich bin, suche ich tatsächlich ‚schwule‘ Männer.“ Das „schwule“ setzte sie bildlich in Anführungszeichen. „Puh, das wird jetzt echt peinlich …“, sie holte noch mal tief Luft. „Also, in meinem Kopf hat sich da eine Idee festgesetzt, die ich vielleicht umsetzen werde … ähm … also ich habe angefangen, ein Buch zu schreiben und jetzt festgestellt, dass ich vielleicht doch besser ein paar Recherchen durchführen sollte, bevor ich es eventuell veröffentlichen werde … oder so.“ Eigentlich hatte sie erwartet, ausgelacht zu werden, und nicht damit, dass ihr die drei regelrecht an den Lippen hängen würden. Sie schaute in erwartungsvolle Gesichter. So fing sie an: „Ein Manga hat mich über die Maßen inspiriert und ich habe angefangen zu schreiben. Nun ja, ich habe gemerkt, dass ich es für meinen inneren Frieden unbedingt weiterführen muss. Meiner Fantasie sind hierbei keinerlei Grenzen gesetzt und ich kann schreiben, was und wie ich will. Wie gesagt, ist mir jetzt aufgefallen, dass ich keine Ahnung habe, ob meine Fantasie ausreicht und ob das, was ich schreibe, wenigstens ansatzweise der Realität entspricht.“ Ihre Hände begannen, ihr Erzählen zu begleiten, und plötzlich war sie sehr nervös. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht? Es war das eine, solche Szenarien in der Fantasie durchzuspielen, und etwas ganz anderes, nun wirklich und wahrhaftig schwule Männer nach ihrem Sexualleben zu befragen. Unmerklich war die Gruppe um sie größer geworden und sie wurde noch unsicherer. Kurz verließ sie der Mut und sie wäre am liebsten geflohen, doch Vincent nahm ihre Hand in seine und nickte ihr aufmunternd zu. Alex hatte ihr einen sehr verdünnten Longdrink gemacht, da er ihr ansah, dass ihr Hals langsam trocken wurde. Dankbar lächelte sie ihn an und er fragte: „Warum hast du dir einen Schwulen als Hauptperson ausgesucht?“ Auf diese Frage konnte sie leicht und unbefangen antworten: „Weil ihr mich total fasziniert. Es ist so schön zu beobachten, wie alles augenscheinlich in Harmonie verläuft, wie ihr aufeinander achtet und euch gegenseitig unterstützt, ohne Hintergedanken und ohne später irgendwelche Rechnungen auf den Tisch zu knallen.“ Über die teilweise sehr ungläubigen Gesichter musste sie grinsen und holte etwas weiter aus: „Es ist mir schon klar, dass nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Ich finde es halt einfach schön zu sehen, wie liebevoll ihr miteinander umgeht. In euren Beziehungen geht es viel respektvoller zu als bei gemischten Pärchen. Ihr seid sehr tolerant, geht ohne Vorurteile aufeinander zu und nichts scheint euch aus dem Gleichgewicht bringen zu können … Ein Beispiel … Entschuldigt, ihr zwei. Theo und Vincent hatten vorhin beim Tanzen eine kleine Auseinandersetzung miteinander.“ Die Kinnladen der beiden stürzten ab und die Umstehenden begannen zu lachen. „Jetzt tut nicht so … ihr brauchtet auf einmal die komplette Tanzfläche“, kam es von den Umstehenden. Samantha hob beschwichtigend die Hände: „Ja, man hat die Diskussion auch an eurem Tanzstil erkannt. Aber ihr habt darüber gesprochen, ich würde sogar behaupten, ihr habt euch ausgesprochen und euch wieder versöhnt. Auch wenn Theo dir ins Ohr geflüstert hat, dass er auf seine Meinung beharrt. Ihr habt euch geküsst und dann wieder vertragen, ohne nachtragend zu sein, und das, obwohl ihr weiterhin unterschiedlicher Meinung seid. Das bewundere ich an euch. Dieses Rücksichtnehmen auf andere, diese Toleranz einer anderen Meinung gegenüber und dieses Verlangen nach Harmonie. Ihr respektiert euch und begegnet euch immer auf Augenhöhe. Keiner wird wegen seines Aussehens, Sprechens oder Denkens ausgelacht, gehänselt oder gar gemobbt. Diesbezüglich seid ihr sehr reif und ich würde sogar so weit gehen, dass ihr für viele als Vorbilder fungieren könntet. Andererseits könnt ihr manchmal sehr anstrengend sein, weil ihr sehr liebesbedürftig seid, immer ein bisschen den Hang zur Dramatik habt und so herrlich vor Selbstmitleid zerfließen könnt.“
Ihre Hände unterstützten mittlerweile wieder ihre Erläuterungen und die Zuhörerschaft wurde immer größer. Damit hatte sie sich beinahe um Kopf und Kragen geredet und eine heftige Diskussion ausgelöst. Man war sich nicht so ganz einig, denn Samantha hatte natürlich nur die für sie ersichtlichen Vorzüge der gleichgeschlechtlichen Paare aufgeführt. Sie lauschte den anderen und fing irgendwann das Schmunzeln an. Es wurde über verschiedene Paare diskutiert, die süß zusammenpassten, und auch über solche, die vielleicht lieber keine Beziehung haben sollten. Auch überlegten sie, ob die Beziehungen wirklich so anders waren als bei gemischten Paaren. Alex stellte ihr wieder einen Cocktail hin, den sie schon ablehnen wollte. Doch er schüttelte nur den Kopf und der Besitzer flüsterte in ihr Ohr: „Geht aufs Haus.“ Artig bedankte sie sich und sah den Spender nun fragend an. „Seit ich diesen Laden übernommen habe, wurde noch nie so lebhaft diskutiert und so viel dabei getrunken. Du bist jederzeit herzlich willkommen.“ So stieß sie mit ihrem Spender an und probierte vorsichtig. „Wow, du hast etwas Kokosmilch hineingetan und den Apfelsaft dafür gänzlich weggelassen.“ Sie nahm noch einen Schluck und sah Alex stirnrunzelnd an: „Was ist das noch für ein Geschmack? Ist das Ingwer? Es wird im Nachgang etwas schärfer.“ Er nickte anerkennend. „Sehr gut“, meinte der Besitzer, „nicht nur Muse, sondern auch Meister.“ Mit einem „Oh nein!“, hob Samantha abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf. Nun stürmten Fragen auf sie ein, Gefühle und Beziehungen zwischen gemischten Paaren betreffend; lächelnd stand sie jedem Rede und Antwort, soweit es ihr möglich war. Inzwischen war die Zeit sehr weit fortgeschritten und es lichteten sich die Reihen. Der Besitzer sah Alex fragend an und dieser nickte nur. Samantha schaute auf ihre Uhr und bekam große Augen: „Oje, es tut mir leid, dass du heute Überstunden machen musst. Ich wollte nicht so einen Tumult auslösen.“ „Wenn du bis zum Schluss bleibst, ist das für mich in Ordnung“, grinste er sie an. „Nur wenn ich bitte, bitte ein Glas Wasser bekommen könnte.“ Für sich dachte sie: Was würde ich jetzt für einen Latte geben. Theo hatte ihre Gedanken erraten und fragte Alex: „Kommst du nachher mit auf einen Latte Macchiato?“ „Prima Idee, Sam nehmen wir auch mit, schließlich wissen wir immer noch nicht, worauf sie vorhin hinauswollte.“ Sie schaute Vincent und Theo an und übersprang den zweiten Teil der Bemerkung: „Kannst du Gedanken lesen?“ Er grinste sie an: „Dein Gesichtsausdruck gleicht dem von Vinc-Darling, wenn er einen Kaffee braucht.“ „Seht ihr, genau das habe ich gemeint. Ihr seid viel feinfühliger als die Gemischten. Euer Augenmerk ist nicht nur auf das Ersichtliche begrenzt. Ihr könnt euch in andere hineinversetzen und freut euch heimlich, wenn ihr für jemanden etwas in die Wege leiten konntet, so wie Theo eben für mich mit dem Latte.“ Jetzt nickten viele verstehend und die rege Diskussion versandete in kleine Turtelleien. Alle gingen zur Bar und Alex hatte noch mal richtig zu tun, denn jeder wollte einen Abschlusscocktail haben. Vincent und Theo plauderten mit Samantha, bis Alex fertig war. Zum Schluss mixte er jedem der drei noch einen besonderen Cocktail. Lächelnd beobachtete er seine Kunden und fand es faszinierend, wie Samantha die Bar an nur einem Abend erobert hatte. Viele winkten ihr zum Abschied noch einmal zu, bevor sie gingen. „Gut, nun wissen wir, warum du einen Schwulen als Hauptperson ausgewählt hast, aber was ist denn genau deine Frage dazu?“, schaltete sich Vincent wieder ein. Als Alex sah, wie Samantha plötzlich rot wurde, fing er das Lachen an. „Du hast dich heute Abend in ganz viele Herzen eingeschmuggelt und jetzt wirst du rot?“ Immer noch lachend verabschiedete Alex die letzten Kunden und schloss hinter ihnen die Bar ab. Dann kam er zu den dreien zurück. „Ich muss hier noch kurz aufräumen, anschließend können wir gehen.“ „Können wir dir irgendwie helfen?“ Samantha hatte überhaupt nicht nachgedacht, es war die reine Gewohnheit, um aus dem Rampenlicht zu kommen. Er langte über die Theke und strich ihr sanft über die Wange. „Danke dir, mein Herz, aber es ist nicht viel. Ich muss hier noch ein paar Sachen wegräumen und die Spülmaschine starten, dann können wir los.“ Theo lehnte sich an Vincent, der den Arm um ihn gelegt hatte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Über sein strahlendes „Ja“ musste er leise lachen und Samantha schmunzelte über die Freude in seinem Gesicht. „Du hast zwar den Schwulen ein gutes Gespür bekundet, aber auch du scheinst ein sehr feinfühliger Mensch zu sein, Sam.“ Stirnrunzelnd registrierte Alex wieder ihr Zusammenzucken, sagte aber nichts dazu. Samantha hingegen fragte sich, wie er so plötzlich unbemerkt hinter ihr auftauchen konnte. „Wie seid ihr hergekommen?“, fragte er nun. „Auto“, bekundete Samantha und das Pärchen deutete „per Fuß“ an, während er „Bahn“ zur Auskunft gab. „Ich kann euch gerne mitnehmen … wenn ihr euch neben einen Bären traut“, schelmisch schaute sie in die Runde. „Prima, dafür kommt ihr noch mit zu uns. Wir wollen doch noch einen Latte zusammen trinken.“ Wow, dachte Samantha, das geht mir jetzt auf einmal doch zu schnell und eine Stimme in ihrem Kopf lachte sie aus. Mit einem: Was soll’s, schüttelte sie den Kopf und meinte: „Wenn die Herren mir dann bitte folgen wollen.“ Alex fing wieder das Lachen an: „Du bist eine sehr interessante Person, Samantha. So formvollendet wurde ich noch nie zu einer Autofahrt eingeladen.“ Theo und Vincent mussten auch herzlich lachen und gaben Alex recht. Wieder kam der Schelm in ihr durch: „Na ja, ich würde damit warten, bis wir angekommen sind.“ Ein lachendes „Luder“ war die Antwort. Sie hatte in einer Seitengasse geparkt und fragte während des Einsteigens, wo es hingehen sollte, räumte aber gleich ein, dass sie sich hier überhaupt nicht auskannte. Es wurde beschlossen, dass Vincent bei ihr vorne sitzen sollte, um ihr den Weg zu zeigen.
Dieser lotste sie durch die Stadt: „Zu Fuß ist es gar nicht so weit, weil wir durch den Stadtpark laufen können“, erläuterte er. Sie kamen in ein Viertel, das offensichtlich der besseren Gesellschaft gehörte. Es gab hier hauptsächlich große Villen. „Du kannst vor unserer Garage parken. Hier direkt vor dem Garagentor links … Was machst du denn?“ Sie achtete nicht auf den Einspruch, sondern wendete und parkte dann rückwärts vor dem Tor. „Wow, das ist jetzt beeindruckend“, stellte Vincent fest. „Macht der Gewohnheit, neige zum Fluchtwagenfahrer.“ Drei Männer stiegen lachend aus. Vincent ging voraus, um sie alle hereinzulassen, während Alex Samantha für ihre Fahrweise ein Kompliment machte. Theo führte sie ins Wohnzimmer und Vincent verschwand in der Küche, um für alle einen Latte zuzubereiten. Im Wohnzimmer stellte Alex fest, dass sie eine gut bestückte Bar hatten. Vincent brachte den Latte und sie genossen ihn plaudernd zusammen.
Einiges später oder vielmehr sehr früh am Morgen stand sie am großen Wohnzimmerfenster und blickte über die Lichter der Stadt. Auf was hatte sie sich da eingelassen? Sie hatte einem schwulen Paar beim Sex zugeschaut, wurde verführt und hatte Sex mit drei Männern. Großartige Leistung, erst jahrelang nichts und dann gleich so. Sie musste über sich selbst den Kopf schütteln. Befreit aus Alex’ Umarmung hatte sie eines der herumliegenden Hemden übergezogen und betrachtete nun das Erwachen dieser Stadt. Als sich von hinten Arme um sie schlangen, zuckte sie heftig zusammen. „Was hat man dir nur angetan?“, flüsterte es an ihrem Ohr und Alex küsste sie sanft auf die Schläfe. Sie lehnte sich an ihn und hielt seine Arme fest. Mit sanfter Gewalt drehte er sie zu sich um, legte seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie so, ihn anzusehen. Langsam drückte er sie an sich und küsste sie sehr zärtlich. Dabei bemerkte sie, dass er in seiner vollen Nacktheit vor ihr stand. Ihre Hände lagen flach auf seiner Brust und schienen ihr als Mauer zu dienen. Seine Hand wanderte langsam zu ihrem Hals und strich weiter sacht über ihren Arm, dabei löste er eine Gänsehaut aus. Als er merkte, dass ihr Kuss salzig von ihren Tränen schmeckte, ließ er fragend von ihr ab: „So schlimm?“ Sie konnte nur den Kopf schütteln und barg ihn an seiner Brust. Er nahm sie nun fest in seine Arme. Als sie Schluckauf bekam, führte er sie zum Sofa, fand Taschentücher und brachte ein Glas Wasser mit. Vincent und Theo waren zwar auch wach geworden, doch ließen sie die beiden erst mal allein. Sie fanden, dass die beiden ein wundervolles Paar abgaben. Da sie vorhin schon sehr emotional geworden war, als sie den Grund verriet, warum sie schrieb, hatte sie die Bewunderung der Männer nicht wahrgenommen. Diese fühlten sich geehrt, dass Samantha wildfremden Menschen von ihrem Versuch, ein Buch zu schreiben, erzählte. Als sie dann ein bisschen vom Inhalt ihrer Geschichte berichtete, konnten sie die Finger nicht mehr voneinander lassen und wurden intim. Bald bezogen sie Alex und Samantha in ihr Liebesspiel mit ein und waren erstaunt und freudig überrascht, dass sie sich darauf einließen.
Theo küsste Vincent: „Sie hat da etwas sehr lange unterdrückt.“ Dieser nickte nur und erwiderte seinen Kuss. So aneinander geschmiegt schliefen sie wieder ein.
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken. Du musst nachher sicher wieder arbeiten und solltest nicht …“ Er setzte sich neben sie: „Du entschuldigst dich eindeutig zu oft, Sam.“ Woraufhin ihr ein: „Entschuldige, bin es so gewohnt“ entschlüpfte. Er zog sie an sich und als er ihren Widerstand spürte, flüsterte er in ihr Ohr: „Entspann dich, ich werde dich jetzt nicht vernaschen. Ich möchte lieber diesen herrlichen Sonnenaufgang mit dir genießen.“ Zweifelnd schaute sie ihn an. Sein schelmisches, doch einladendes Grinsen ließ sie sich entspannen und so lehnte sie sich an ihn. Als Vincent später nach ihnen sah, waren auch sie wieder eingeschlafen und lagen zusammengekuschelt auf dem Sofa zusammen. Grinsend holte er eine Decke und breitete sie über die beiden aus, um dann selbst noch mal zu seinem Lover ins Bett zu krabbeln.
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