Cover: Schöne lila Welt

Schöne lila Welt
Eine ironische Dystopie


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 216
ISBN: 978-3-99146-814-1
Erscheinungsdatum: 10.05.2024
Ironische Dystopie. Die „Schöne lila Welt“ hat eine Farbe, wenn auch eine recht seltsame. Ironisch, aber auch mit viel Herz und Augenzwinkern wird eine scheinbar erstrebenswerte Welt präsentiert, die sich jedoch immer mehr als mentales Gefängnis entpuppt.
1

Jutta Zita saß in ihrem Lieblingscafé in S2, an einem Herbstnachmittag, mild wie häufig im Oktober, am Großen Fluss. Der milde Spätherbst lud noch einmal auf die Terrasse ein. Der föhnige Wind drehte die bunten Blätter vor dem darunterliegenden Platz des Cafés. Das zumindest war genau wie vor 35 Jahren. Damals hieß die Stadt einfach nur Köln und der Fluss Rhein, doch im Zuge der Großen Feministischen Transformation (GFT) sollte alles Nationalistische und in der alten Zeit Verhaftete verbannt werden. Die Mäzeninnen, die führenden Protagonistinnen der GFT legten Zahlencodes als Städtebezeichnungen fest. Köln, Stadt 2, S2, völlig am echten Leben vorbei und von orwellschen Ausmaßen. Doch die Menschen akzeptierten das nicht, wie schon früher bei ähnlichen Versuchen sprachlicher Exzesse. Jutta, obwohl sie von Anfang an als Aktivistin gegen zu viel Traditionalismus der bürgerlichen Ära war, damals schon nicht mit Leidenschaft und heute überhaupt nicht mehr. Was für ein Blödsinn das doch ist, absolut realitätsentfremdet, dachte sie umso mehr in diesen Tagen. Es wurde seit Kurzem wieder Köln am Rhein zu sagen toleriert, ohne dass die pk-Hüter zum Gespräch „baten“. Vor 35 Jahren, als das hier noch schlicht das Rheinland war, wirkte alles fröhlicher, heute eintönig mit einem deutlichen Hang zum Grau des allgemeinen Niedergangs. Und das, obwohl damals hier überall Regenbogenfahnen wehten und der erklärte Wille aller die Gestaltung einer großen, bunten gesellschaftlichen Vielfalt sein sollte. Das scheint irgendwie nicht geklappt zu haben, dachte sie bitter. Jutta war sich lange sicher, sie hätte mit ihrem politischen Engagement alles richtig gemacht. Sie war ein personifizierter Bestandteil des Systems, welches die neue Ordnung geschaffen hatte. Feminine Gelassenheit statt eines toxischen Chauvinismus und einer martialischen Dominanz; Lebensfreude, Vielfalt und Transparenz sollten bestimmend sein. Aber heute an diesem Platz war ihr wiederholt symbolisch bewusst, dass die Realität anders aussah. So waren an der Terrasse des Cafés dicke Glasscheiben zum darunterliegenden Platz, an dem das Volk saß, installiert. Die Abgrenzung war gewollt, offiziell zur Sicherheit der Hohen Aktivistinnen und ihrer Gäste. In Wahrheit wollte man nur unter sich sein. Mit den Jahren waren anfänglicher Glanz und Enthusiasmus der Erneuerung verschwunden, es gab selbst hier, an diesem zentralen Ort, unübersehbare Zeichen der Degeneration. Eine der Scheiben war vor drei Wochen zerbrochen und nicht ersetzt worden. Das durfte selbstverständlich so nicht sein, aber es fehlte, wie so häufig in den letzten Jahren, sowohl am Willen wie auch an der Substanz. Selbst wenn das Personal des Lokals von Jutta als Stammgast wusste, befleißigten sich die Mitarbeiter nicht, das vermeintliche Sicherheitsproblem zu lösen. Jutta beobachte durch die intakte Scheibe an ihrem Tisch zwei Männer, die im Lokal gegenüber saßen, ziemlich weit auf der Fußgängerzone, somit gut für sie zu beobachten. Der eine war männlich gekleidet, der andere ein PINK. Wie auch immer waren sie an reichlich Alkohol gelangt, der Normale mehr als der PINK. Sie hörte nicht alles durch ihre dicke Scheibe, aber der Normale schimpfte auf „die ganze Scheiße hier“ und was „die“ mit seinem Freund gemacht hätten …
Sie beobachtete das Geschehen anfangs eher teilnahmslos; gerade als sie sich intensiver mit dem Vorfall zu beschäftigen begann, sah sie Karin und Waltraud kommen, sie waren verabredet. Küsschen, von Karin, ihrer Frau, und distanziert artiger Faustgruß, wie es sich für eine Adeptin gehörte, von Waltraud.
Waltraud war schrecklich. Sie bekräftigte in Juttas Anwesenheit ständig und nachdrücklich, dass die Große Feministische Transformation GFT für sie das überwältigendste Ereignis überhaupt gewesen sei, wichtiger als ihre eigene Geburt. Sie selbst von zunehmenden Zweifeln geplagt, war von so viel Enthusiasmus genervt. Aber als Mitglied des 1. Rates der Republik musste sie Karin zuliebe die Möchtesehrgernaktivistin ertragen. Es half nur durchhalten.
Karin war wie immer gut gelaunt. Sie war 15 Jahre jünger, Jutta liebte sie. Sie war so, wie Jutta es früher gerne gewesen wäre, fröhlich, natürlich, weiblich und eher unbeschwert, manchmal sogar etwas leichtsinnig. Nach der Trennung von Dieter, ihrem Heteromann, konnte sie sich als eine der angehenden Größen der Transformationsbewegung den Grundsätzen der GFT nicht einfach entziehen. Jutta lebte nach der Scheidung einige Jahre allein. Anfangs gab es noch keine Pflicht zur Applikation von HL2 für Frauen, lediglich für Männer in Führungspositionen. HL2 ist eine Substanz, die selektiv antiandrogen wirkt und toxische männliche Verhaltensmuster unterdrücken soll. Nach und nach versuchten aber die Aktivistinnen eine Quasipflicht für alle Männer zu erzwingen. Diese beanspruchten nun die von der GFT vehement durchgesetzte Emanzipation auch für sich. Im Ergebnis dieser skurrilen Entwicklung gab es dann eine HL2-Pflicht für alle, durchgedrückt und kontrolliert werden konnte sie letztlich nur für alle Männer und Frauen in leitenden Positionen. HL2 veränderte auch Jutta. Sie hatte das Gefühl, nach Beginn der Injektionen mit dem Antikörper würde ihre Arbeit effektiver, sie wäre ausgeglichener. Deshalb verwarf sie den Gedanken, dass die Wesensveränderungen durch die Wirkung des HL2 gesamtgesellschaftlich zu unnatürlich und zu umfassend sein könnten. Der Alltag unter den Bedingungen der Großen Feministischen Transformation schien für alle leichter und besser zu werden. Echte Gegenwehr gab es daher anfangs nur in einem unerwartet geringen Maße. Warum das so war, wurde Jutta erst später klar, sie war damals viel zu sehr mit ihren persönlichen Erfolgen beschäftigt. Viele, die sich mit den neuen Verhältnissen nicht abfinden wollten, wanderten aus oder wurden zur Auswanderung gedrängt. Es gab Repressionen gegen Andersdenkende, die bleiben wollten. Jutta war in ihrer Position verpflichtet, diese durchzusetzen. Sie hatte sich die Überzeugung erarbeitet, dass dies im Interesse aller unabdinglich sei. Restzweifel an den Vorgängen begleiteten Jutta allerdings immer. Einschneidend und wichtig aber für sie war, dass sie mithilfe von HL2 in Karin ihre Partnerin fand.

Karin sagte: „Siehst du die beiden Jungs da drüben, die schimpfen über die Zustände, da gibt’s was. Da vorn ist ’ne Scheibe kaputt, lass uns hingehen, da hören und sehen wir besser.“
Jutta ahnte nichts Gutes. „Nee, wollen wir uns das Elend wirklich antun?“
„Ach komm“, schmachtete Karin.
Waltraud warf ein: „Vielleicht müssen wir ja verantwortungsvoll einschreiten.“
Nervensäge, dachte Jutta. Sie weiß genau, das ist mein Verantwortungsbereich.
Karin erneut: „Och komm, das hieß früher Kabinett oder so. Realsatire trifft’s vielleicht auch.“
„Karin, man macht sich nicht lustig über das Elend anderer Menschen.“
„Wieso, das ist doch hier das wahre Leben, oder? Vielleicht hilft es uns ja bei der Weiterentwicklung der Großen Transf…“
„Karin!!“, unterbrach schneidend Waltraud. „Das ist alles andere als pk!“
Politisch korrekt, pk, war einer der Lieblingsaxiome der sehr linientreuen Adeptinnen.
Jutta musste standesgemäß zustimmen, wenn auch amüsiert.
Deshalb konzilierte sie geschickt: „Also gut, lasst uns an den Platz mit der gebrochenen Scheibe gehen, vielleicht wird es ja doch noch lustig. Wir achten gemeinsam auf ‚politisch korrekt‘.“
Es wurde nicht lustig. Die dem Straßenlokal zugeordneten Amazonen waren bereits informiert. Bis zu deren Eingreifen spielte sich Folgendes ab:
Der „Normale“ rief zornig und leicht lallend: „Ihr seid alle hormonfehlgesteuerte militante Pseudolesben und Pseudoschwuchteln!“
Was die Ursache seiner Entrüstung war, blieb den dreien unklar.
Der Köbes in gerade noch milden, aber schon etwas strengerem Ton: „Bitte mäßigen Sie sich, Gast.“
Der Normale: „Halt’s Maul, du Angepasster. Bist du normal schwul oder nur von HL2 verschwult?“ Sein Zorn hatte etwas von maximalem Enthemmtsein. Der Köbes hatte eindeutig zu viel Kölsch, ein ungebrochen beliebtes Getränk, gereicht. Er fand wohl im Vorfeld, die beiden hätten sich das verdient, und erkannte zu spät den Fehler.
Mittlerweile hatte sich der Normale regelrecht in Rage geredet, er ließ seinen Zornesworten freien Lauf: „Ihr habt meinen Freund hier, früher ein ganz gewöhnlicher Mann, Vater von zwei Kindern, die er liebte, zu einem Vagabunden und, noch schlimmer, zu einem ‚politisch Inkorrekten, gleich PINK‘ (er verhöhnte die gesamte Bezeichnung sprachlich so gut es sei Zustand zuließ), gemacht und in diese Scheiß-Männerburka gesteckt, ihr Fotzen!“
Der Köbes: „Jetzt reicht es!“
Der PINK: „Lass gut sein.“
Er hatte zu Recht Angst, es drohte eine Erziehungsmaßnahme, stationär. Beschwichtigungsversuche, auch von anderen Gästen, scheiterten, ebenso der Versuch, die beiden aus gutem Grund zum raschen Verlassen des Lokals zu veranlassen.
Es erschienen die Amazonen, offensichtlich sehr gut ausgebildete, muskulöse Ordnungshüterinnen in dunkelblauen Overall-Uniformen, durch und durch feminomartialisch auftretend. Sie stellten den Normalen, vermutlich mit dem gefürchteten Sedospray, ruhig und nahmen ihn mit geübten Griffen fest. Der Köbes, sich seiner Verantwortung im Sinne des Humanismus bewusst, erklärte, der PINK habe sich nicht beteiligt. Es schien anfangs so, dass die Amazonen ihm das nicht glauben wollten, schließlich ließen sie aber mit einer eindrucksvollen Drohgebärde von ihm ab. Offensichtlich überzeugte sie der ängstliche Blick aus dem Augenschlitz seiner Verkleidung. Die beiden Amazonen schleiften den Frischverhafteten vom Platz in ihr Bereitschaftsfahrzeug und schwebten von dannen.
„Was für eine Schau!“, sagte Karin in einer Mischung von Faszination, Erstaunen und Entsetzen.
„Ekelhaft“, kommentierte Waltraud.
Dumme Gans, dachte Jutta verdrossen, genau das ist es, was mich zweifeln lässt, der Vorgang fällt letztlich in meinen Aufgabenbereich als Sicherheitsintendantin. Ich bin auch und mit dafür verantwortlich, dass der eine in der unsäglichen Männerburka steckt und der andere das Recht hat, sich darüber zu beklagen. Aber besoffen herumzupöbeln und Aggressionen auf der Straße auszutoben, das Recht hat keiner. So betrachtet werden meine Anweisungen konsequent umgesetzt, ohne dass die Amazonen wussten, ich sehe das Geschehen. Andererseits wird denen klar gewesen sein, sie könnten beobachtet werden, da der Vorgang in unmittelbarer Nähe zu einem Stammcafé von Aktivistinnen stattfand. Egal, wenn beide HL2 genommen und friedlich ihr Kölsch geschlürft hätten, wäre alles gut gewesen.
Oder?
Karin sagte: „Bevor die Anglizismen verboten wurden, war pink eine meiner Lieblingsfarben. PINK für politisch Inkorrekte find ich doof. Außerdem diese Verhüllung, ich weiß nicht …“
Waltrauds Konter ließ nicht auf sich warten.
„War es dir lieber, das obszöne Grinsen der altgeilen PINKs zu ertragen?! Nein, dann schon lieber ein Tuch drüber, was die darunter tun, ist mir egal, Hauptsache ich seh’s nicht. Die nehmen sowieso nie und nimmer HL2, sollen sie doch an ihrer pseudomännlichen Giftigkeit ersticken!“
„Lasst gut sein, Mädels …“, sagte Jutta gestelzt jovial, sie wusste, das Statement war für sie bestimmt und wollte das Generve von Waltraud nicht länger ertragen und ergänzte deshalb: „… und lasst uns über unser eigentliches Thema reden.“
Das eigentliche Thema war belanglos und Jutta wusste, Waltrauds „Thema“ würde sie nicht fesseln, und so versank sie wieder in ihren Gedanken, höchstens mit einem Viertelohr für Waltraud.

Jutta Zita Lindner wurde in das System hineinerzogen. Ihre Mutter war eine Initiatorin der GFT Mitte bis Ende der 2020er-Jahre. Sie benannte ihre Tochter nach einer der Uraktivistinnen. Juttas Vater hatte sie schnell „abgelegt“, wie sie gerne sagte. Jutta hat den Kontakt zum Vater rasch verloren. Er war schwach, hatte viel zu schnell kampflos aufgegeben und sich gebeugt und war dann irgendwie verschwunden. Jutta verlor daraufhin den Kontakt. Sie hörte erst wieder von ihm mit der traurigen Nachricht, er habe sich erhängt. Jutta fühlte sich anfangs an seinem Schicksal mitschuldig. In einer daraus resultierenden Phase der Auflehnung gegen die Mutter lernte sie Dieter kennen und heiratete ihn schnell. Er war anders, anders als der Zeitgeist. Klug, unangepasst, fantasievoll, ein bisschen zu hibbelig, aber nie langweilig. Er hatte aus GFT-Sichtweise später den völlig falschen Beruf ergriffen, er hatte Medizin studiert und war als Mann Frauenarzt geworden. Er meinte, große Krebsoperationen und nachts um halb drei schwierige Entscheidungen bei einer Entbindung zu treffen, sei durchaus auch Männersache. Das fiel ihm auf die Füße. Irgendwann gab Jutta Zita der Generallinie des neuen Feminismus nach. Dieters Einstellungen waren konträr zu den Idealen der GFT, in fast jeder Beziehung. Er musste weg. Der Mann, der sie liebte, musste weg. Seine Argumente gegen das Ganze waren Blasphemie, waren gegen das „Neue Denken“ gerichtet. Irgendwie brach dann die Prägung der Mutter in Jutta wieder durch. Die Möglichkeiten, die sich ihr damals boten, waren außerdem einfach zu verlockend. Sie war talentiert, sie erkannte sehr schnell und selbstbewusst ihre Begabungen und wollte diese ihre Fähigkeiten für Sicherheit und innere Ordnung konsequent einsetzen. Begonnen hatte sie ihre Karriere mit einem Psychologiestudium und dem Ziel, im Polizeidienst zu arbeiten. Und weil sie gut war in allem, was sie in dieser Beziehung tat, und weil wenige Frauen ihr das gleich tun konnten, war sie schnell und überzeugt von der Richtigkeit ihres Handelns im politischen Geschehen etabliert. Mit ein paar Glücksgriffen in ihrem beruflichen Werdegang, ihrem klugen und spätjugendlichen frischen Esprit mit Anfang 30 und der Protektion durch die Mutter kam sie, auch für sich selbst überraschend, ganz oben im politischen Geschehen an. Später erkannte sie, dass Dieter damals keine Wahl blieb, als zu gehen. Es musste schmerzlich für ihn gewesen sein, sie und die Kinder zu verlassen und nach Polen auszuwandern. Er erkannte, Jutta war für ihn verloren. Sie war damals so überzeugt von der GFT, da war kein Platz mehr für ihn. Heterosexuelle Liebe mit traditionellem Familienzusammenhalt zählte nicht mehr. Die Kinder vermissten den Vater sehr. Jutta versuchte sich das immer schönzureden, aber sie wusste im Innersten und als Psychologin, welche Folgen das hatte.

„Wir müssen mehr für die Sicherheit in den westlichen Grenzregionen tun, so weit weg von S2 ist das Ganze ja nicht“, platzte Waltraud in Juttas Erinnerungen.
Richtig war, dass sich aus dem Westen im Zuge der islamischen Orientierung und zunächst unter Missbrauch der völkerverbindenden Idee der GFT Übergriffe auf Kameradinnen und Aktivistinnen häuften. Houellebecq hatte die Veränderungen im Nachbarland hin zu einem Gottesstaat visionär vorausgesehen. Es gab damals eigentlich keine Mehrheit für eine Islamische Republik Frankreich, aber sie kam. Mit dieser Entwicklung wurde der Nährboden geschaffen für das, was sich danach als radikale Gegenbewegung entwickelte, ein aus Sicht der GFT faschistisches Regime. Die „alte Ordnung“ sollte wiederhergestellt werden. In Wahrheit war es aber eine neue Ordnung, die Franzosen erduldeten dies. Entweder sie passten sich an oder hielten es für das kleinere Übel, obwohl die rechte Diktatur menschliche und ideelle Opfer gekostet hatte. Ein Franzose hatte Jutta knapp erklärt: „Entweder Islam oder GFT, da nehm ich lieber Durand.“ Das war der neue, mittlerweile dauerhafte und starke Mann Frankreichs. Der apodiktisch regierende Durand würde keinesfalls freiwillig den Chefsessel räumen, wie fast alle historischen Vorbilder seiner Art. Leider war ihr Sohn Robert der Faszination des autoritären Regimes erlegen, er war einige Jahre nach der Machtergreifung, so wurden die Veränderungen in Frankreich vom 1. Rat definiert, ins Nachbarland übergesiedelt. Glücklicherweise war der Kontakt zu ihm nicht völlig abgerissen.

„Was wirst du tun?“, schnatterte die aufdringliche Waltraud erneut in Juttas Gedanken. Sie merkte, dass Jutta nicht recht bei der Sache war. Offenbar bewertet sie die Vorgänge mit dem Betrunkenen, dachte sie und ärgerte sich, kaum ausgesprochen, über ihre unangemessene, penetrante Nachfrage.
„Wie immer, deeskalieren“, sagte Jutta jetzt wieder selbstsicher wirkend und in angemessener Diktion entsprechend ihrer Funktion als Sicherheitsintendantin der westlichen Distrikte und Untersekretärin für Sicherheit des 1. Rates.
„Der Kontakt zum Pariser Innenminister ist gar nicht so schlecht. Auch wenn er arrogant daherschwadroniert, die Zusammenarbeit war in letzter Zeit bei Problemen immer ganz gut. Für die Übergriffe sind die bekannten großen Familienverbände verantwortlich. Wenn sie aus den bekannten Gründen nicht aus dem Lande vertrieben werden konnten, hat sie Durand in die grenznahen Regionen verdrängt, viele haben sich auch im Elsass niedergelassen. Leider fühlten sie sich trotz all unserer protektiven Maßnahmen eingeladen, unsere Toleranz teils recht dreist auszunutzen. Sie sind uns nach der Machtergreifung leider ungewollt näher gekommen. Und ihre Verwandten in S6, S9, auch S4 und so weiter sind fast nebenan. Trotz unserer intensiven Bemühungen haben auch wir hier in manchen Regionen das gleiche Problem, Waltraud, wenn wir ehrlich sind.“
Waltraud war vorübergehend verwirrt, das Nummernspiel war ihr zu anstrengend, war S6 jetzt das frühere Duisburg oder Essen oder beides? Gott sei Dank waren die Städtenamen wieder zugelassen. Jutta musste aber so reagieren, als Führungsfrau. Stark, dachte sie.
„Du hast recht, Jutta. Glücklicherweise haben die Faschisten in Frankreich keine Expansionstendenzen, sie sind eher wie Pinochet“, politisierte Waltraud.
Wo hat sie das aufgeschnappt? Von alleine ist die da nie draufgekommen. Aber recht hat sie, oder die, von der sie das hat, war Jutta überzeugt.
„Wir leben in keiner einfachen Welt“, warf Karin ein, „und wer geglaubt hat, dass mit der Entdeckung der Kalten Fusion alle Probleme dieser Welt gelöst wären, hat sich wohl gründlich verrechnet.“
Karin hatte sich das ebenso wenig selbst erarbeitet wie Waltraud ihren Pinochet. Aber der eher unpolitischen und alles andere als geltungssüchtigen Karin musste man das nicht übel nehmen. Sie war in allem, was sie tat, ehrlich. Jutta war überzeugt, Karin sei von Natur aus lesbisch, auch ohne HL2. Jutta nicht. Sie mochte Karin sehr, mit HL2 liebte sie sie.
Waltraud plapperte noch allerlei Zeug zum Thema. Jutta flocht gelegentlich geschickt Floskeln ein, wie „sehr interessant“, „ich stimme dir zu“, „danke für die Anregung“ und Ähnliches, sodass sie deren Ausführungen auf das optimale Minimum reduzieren konnte. Irgendwann verabschiedete sich Waltraud offenbar zufrieden mit Botschaften und Plazets, welche sie hier und heute erhalten hatte. Zum Abschied sogar ein Küsschen auch von Jutta. Klasse, triumphierte Waltraud!
Jutta und Karin blieben noch etwas.
„Die eine oder andere HL2-Säumige freut sich durchaus über die eine oder andere eine Attacke der ‚richtigen Kerle‘“, spöttelte Karin in Bezug auf Waltrauds Geschwätz. Jutta lächelte, zumindest etwas war da dran, sie hatte da auch so ihre Erfahrungen, Karin dürfte das allerdings nicht wissen. Alles überhaupt nicht pk. Man sollte sich sehr überlegen, in welchem Kreis man das schon mal so sagen darf, dachte sie, und bitte nicht vertiefen.

Sie fuhren mit der Bahn in ihr Viertel. Individualverkehr gab es schon seit Jahren nur noch in Ausnahmefällen, der Überfluss an Elektrizität hatte auch den städtischen Verkehr revolutioniert. Die Ideen und Entwicklungen waren ursprünglich beeindruckend, aber in den Jahren mit der GFT hatte die Innovationskraft gelitten. Vieles wirkte jetzt wie gelähmt, wurde unansehnlich und sogar häufig marode, auch der früher revolutionäre Nahverkehr. Jutta wusste im Innersten, woran es lag. Sie fuhren durch Straßen mit Häusern, an denen die Fassaden bröckelten, durch schmutzige Tunnel, vorbei an Haltestellen, an denen sich der Müll türmte. Jutta sollte sich an den Anblick gewöhnt haben, aber die Unzulänglichkeiten nahmen zu oder wurden ihr bewusster. Selbst der Grüngürtel, der wild wachsend sein durfte, kam ihr verwahrlost vor. Karin starrte schweigend aus dem Fenster und schien das Gleiche zu denken. Sie schien zu ahnen, was Jutta bewegte.
„Sag bloß nicht, früher war alles besser.“
„Natürlich nicht“, antwortete Jutta, „aber es muss wieder besser werden, sonst fühle ich mich hier nicht mehr wohl.“
„Wir haben es doch schön zu Hause, das zählt am meisten.“
Sie hat ja recht, dachte Jutta. Aber wenn man sich für das alles mitverantwortlich fühlt, nervt der sichtbare Verfall schon sehr.

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