Cover: Reiseführer Polen

Reiseführer Polen
Ostpreußen, Westpreußen und Danzig


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 280
ISBN: 978-3-7116-0257-2
Erscheinungsdatum: 18.11.2025
Entdecken Sie die einst deutschen Provinzen West- und Ostpreußen sowie Danzig mit seinem Umland auch abseits bekannter Wege, egal, ob mit Auto, Boot, Fahrrad oder zu Fuß. Praktische Tipps helfen dabei. Unvergessen werden Ihre Erlebnisse bleiben.
Vorwort

Fast 70 000 Exemplare meines Reiseführers durch Ostpreußen, Westpreußen und Danzig haben bisher Reisenden in dieses Land als Wegweiser gedient. Diese Zahl macht deutlich, dass die Nachfrage nach sachkundigen Informationen für Reisen in diese ehemals deutschen Provinzen groß ist. Dies ist die 14. Auflage. Ich habe mich bemüht, in jeder Auflage unter Verwertung der von mir auf meinen vielen Reisen durch dieses wunderschöne und interessante Land gesammelten Erfahrungen und Erkenntnissen den Reiseführer zu ergänzen und jeweils auf den aktuellen Stand zu bringen. Auch in der neuen Auflage ist der Reiseführer wiederum aktualisiert worden. Wieder habe ich neue interessante Stellen entdeckt und Veränderungen festgestellt, die in einem aktuellen Reiseführer Berichtigungen erfordern.
Der vorliegende Reiseführer will Sie durch das ehemalige Westpreußen, soweit es Ende des 13. Jahrhunderts zum Kernland des Deutschen Ritterordens gehört hat, nach Danzig und durch das südliche, nach dem 2. Weltkrieg an Polen gefallene Ostpreußen führen. Ich will dem Benutzer dieses Reiseführers – sei er Autofahrer, Radler, Wanderer oder Bootsfahrer – auch außerhalb der üblichen Touristenrouten Wege zeigen, die ihm die Schönheiten der Natur dieses Landes und seiner historischen Stätten erschließen.
Ostpreußen, Westpreußen – für viele Deutsche bedeutet das Heimat, unvergessene Erinnerung an Kindheit, Jugend, Geborgenheit im Familien- und Freundeskreis, jäh beendet durch die Folgen eines schrecklichen Krieges. Für viele ist es nur noch ein historischer Begriff. Heute ist dieses Land von der einheimischen deutschen Bevölkerung nahezu entblößt. Aber immer noch, insbesondere im südlichen Ostpreußen, finden wir in jeder Stadt, fast in jedem Dorf zurückgebliebene Deutsche.
Die Motive für eine Reise nach West- und Ostpreußen der deutschen Besucher sind vielfältig. Viele wollen dort die Stätten ihrer Kindheit wiedersehen, Verwandte und Freunde besuchen, viele wollen dieses Land, seine Städte und Dörfer, seine Landschaft kennenlernen, von der sie andere haben schwärmen hören. Andere wollen einfach nur die einsame Natur mit ihren Seen, ihren stillen Wäldern und weiten Feldern erleben.
Ich habe dieses Land, das meine Heimat ist, seit 1975 jedes Jahr bereist und durchwandert und will den Lesern sagen, was sie dort erwartet, was sie sehen sollten, was sie wissen müssen, um zu begreifen, was sie sehen. Dieser Reiseführer soll ihnen Wegweiser und hilfreicher Begleiter für ihr Erleben dieses Landes sein. Es soll das Wissen um seine Vergangenheit vermitteln, und seine Gegenwart beschreiben. Er soll helfen, dass der Besuch dieses alten deutschen Landes zu einem Erlebnis wird.
Zur Vorbereitung einer solchen Reise gehört, dass man die wichtigsten Ereignisse aus der Geschichte dieses Landes kennt. Sie sind daher dieser Schrift in ihren groben Grundzügen vorangestellt und im weiteren Text ergänzt worden. Die steinernen Dokumente dieser Geschichte geben den Städten und Dörfern auch heute noch ihr Gepräge. Das Land legt Zeugnis ab, dass es von deutschen Menschen geprägt worden ist, deren Heimat es über Jahrhunderte war. Unübersehbar ist aber auch die Realität der Gegenwart: Neue Bauten, neue Straßen, andere Menschen mit einer fremden Sprache und Kultur. Viele von ihnen sind dort nach 1945 geboren und betrachten dieses Land ebenfalls als ihre Heimat. Oft stammen sie aus den früheren ostpolnischen Gebieten, die heute zu den Nachfolgestaaten der einstigen Sowjetunion gehören, oder aus dem polnischen Grenzgebiet zur Ukraine, aus dem 1947 die Ukrainer von den Polen von dort zwangsweise hierher deportiert worden sind.

Dank schulde ich meiner polnischen Ehefrau und meinen deutschen und polnischen Freunden, die mir auf meinen Fahrten Wegbegleiter waren und mir mit Rat und Tat für das Gelingen meines Reiseführers beigestanden haben. Dank gesagt sei auch den vielen Lesern, die mir durch ihre Briefe Anregungen und Hinweise gegeben haben, für die ich auch in Zukunft stets ein offenes Ohr haben werde.

Gerd Hardenberg



Ein Blick in die Geschichte*

Die Vorgeschichte des alten Preußenlandes liegt weitgehend im Dunkeln. Sicher wissen wir, dass sich in den Jahrhunderten vor und nach Christi Geburt im unteren Weichselgebiet, nach Osten bis etwa zur Passarge, Goten und im Süden Ostpreußens, in der Gegend von Neidenburg (Nidzica)/Soldau (Działdowo), Vandalen ausgebreitet hatten. Diese germanischen Stämme zogen dann aber in der Zeit der großen Völkerwanderungen allmählich (etwa ab 200 n. Chr.) nach Süden ab. Im übrigen späteren Ost- und Westpreußen östlich der Weichsel saß um diese Zeit ein Volk, das der baltischen Volksgruppe, einem Zweig der großen indogermanischen Sprach- und Völkergemeinschaft, angehörte. Die baltische Volksgruppe begann sich später in Völker und Stämme zu gliedern, so in Litauer, Letten, Kuren und die Prußen, die im späteren Ostpreußen wohnten. Griechische, römische und angelsächsische Berichterstatter nannten sie zunächst Aestier, Easten, später Brus, Borussi, Pruteni, in späteren deutschen und polnischen Chroniken werden sie Brus, Pruzzi, Prusci, Prutones genannt. Sie wurden von der Völkerwanderung nicht erfasst, breiteten sich jedoch nach Westen hin zur Weichsel aus, nachdem die germanischen Stämme von dort abgezogen waren.
Die Prußen hatten keine Schrift. Wir kennen ihre Sprache nur aus den zahlreichen erhalten gebliebenen Orts- und Personennamen, aus dem „Elbinger Vokabular“, einem 800 Wörter umfassenden Verzeichnis mit deutscher Übersetzung, und der in der Zeit des Herzogs Albrecht angefertigten Übersetzung des lutherischen Katechismus in die prußische Sprache. Das prußische Volk von Bauern und Jägern mit seinen Göttern Perkunos, Potrimpos und Pikollos wird in alten Schriften als arbeitsam, friedlich und gastfreundlich geschildert. Es wusste sich aber auch seiner Haut zu wehren: Als der polnische Herzog Boleslaw Chrobry den ersten Versuch unternahm, die Prußen zu christianisieren und wohl auch ihr Land zu erobern, verteidigten sich diese erfolgreich. Die beiden von Chrobry ausgesandten Missionare, Adalbert von Prag (997) und der Thüringer Grafensohn Bruno von Querfurt (1009), wurden von ihnen umgebracht. Fast 200 Jahre später rief Papst Innozenz III. zum Kreuzzug gegen die letzten Heiden Europas zwischen Weichsel und dem Finnischen Meerbusen auf. Er ernannte 1199 den Bremer Domherrn Albert zum Missionsbischof von Livland und 1215 den Mönch Christian aus dem polnischen, aber mit deutschen Mönchen besetzten Kloster Lekno zum Bischof des Prußenlandes. Den Widerstand der Prußen vermochte aber weder Christian noch sein Landesherr Konrad, der Herzog des polnischen Teilfürstentums Masowien, zu brechen. Vielmehr fielen die Prußen wiederholt in Masowien ein und verheerten das Land. In seiner Not rief Konrad von Masowien 1225 den Deutschen Ritterorden zu Hilfe, dem er das zu erobernde Kulmer Land frei von polnischen Rechten anbot. Der Hochmeister des Ordens, Hermann von Salza, war aber nicht geneigt, den Orden für einen bloßen Grenzkrieg zwischen Masowien und den Prußen einzusetzen und das Prußenland für eine fremde Macht zu erobern. Er wollte vielmehr in diesem Land nach dessen Christianisierung einen christlichen Ordensstaat aufbauen. Dazu brauchte er den Auftrag der beiden höchsten Autoritäten des damaligen Abendlandes, von Kaiser und Papst, den er auch erhielt: von Kaiser Friedrich II. durch die „Goldene Bulle“ von Rimini im März 1226 und durch Papst Gregor IX. durch die Bulle von Rieti im Jahre 1234. Konrad von Masowien trat 1230 durch die Urkunde zu Kruschwitz (Kruszwica), deren Echtheit allerdings umstritten ist, dem Ritterorden das Kulmerland ab.

Über das Prußenland konnte er nicht verfügen, da er kein Recht darauf hatte, während Kaiser und Papst nach der Anschauung der damaligen Zeit über heidnisches und somit als herrenlos geltendes Land verfügen durften.
Im Jahre 1231 setzte der Deutsche Ritterorden (7 Ritter und etwa 200 Kreuzfahrer) unter der Führung des Landmeisters Hermann Balk bei Thorn über die Weichsel. In 50-jährigem Kampf gelang es dem Orden mit seinen vornehmlich deutschen aber auch aus fast allen anderen europäischen Ländern stammenden Kreuzfahrern die Prußen zu unterwerfen. Zu Unrecht wird dem Ritterorden zuweilen vorgeworfen, die einheimische prußische Bevölkerung ausgerottet zu haben. Sicher werden die Opfer nicht unbeträchtlich gewesen sein. Dem Interesse des Ordens, der in dem eroberten Land einen Staat gründen wollte, konnte es aber nicht dienlich sein, ein leeres Land in Besitz zu nehmen. Auch seine missionarische Aufgabe, die prußischen Heiden zum Christentum zu bekehren, verbot es, sie als auszurottende Feinde zu betrachten, sobald sie sich zu Christen bekannt hatten. Dass eine Ausrottung der Prußen nicht erfolgt ist, beweisen viele Urkunden, aus denen sich die Einsetzung von Prußen in Hofstellen ergibt. Bewiesen wird das auch durch die Vielzahl von prußischen Orts- und Personennamen, die sich bis in unsere Zeit erhalten haben, und die Tatsache, dass sich die prußische Sprache bis in das 17. Jahrhundert erhalten hat. Noch zur Zeit Herzog Albrechts, Anfang des 16. Jahrhunderts, wurde der lutherische Katechismus in die prußische Sprache übersetzt!
Nach der Unterwerfung des Prußenlandes ging der Orden mit Umsicht und Geschick daran, den Ordensstaat aufzubauen. Bauern und Handwerker aus allen Teilen Deutschlands folgten dem Ruf des Ordens zur Besiedlung des Landes. Neben den prußischen Siedlungen entstanden neue Dörfer mit deutschen Siedlern. Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts wurden im Ordensland etwa 1400 Dörfer und 97 Städte gegründet. Die Organisation des Staates muss für die damalige Zeit als vorbildlich und einmalig angesehen werden. Neben dem Aufbau des neuen Staates nahmen während des 14. Jahrhunderts den Deutschen Ritterorden auch die ständigen Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn in starkem Maße in Anspruch, so der Streit mit Polen um das Kulmerland und Pommerellen, Kämpfe mit den zum Heidentum zurückgekehrten Litauern sowie eine langjährige Fehde mit dem Erzbischof von Riga. Durch den Vertrag zu Kalisch (Kalisz) im Jahre 1343, in dem der König von Polen, Kasimir der Große, endgültig auf alle Ansprüche auf Pommerellen und das Kulmerland verzichtete und in dem die bis 1919 bestehende Grenze zwischen Ostpreußen und Polen festgelegt wurde, konnte der Streit mit Polen beendet und der Frieden wiederhergestellt werden. Er sollte aber nur 66 Jahre erhalten bleiben. Nachdem der Großfürst Jagiello von Litauen mit seinem Volke 1386 den christlichen Glauben angenommen, die polnische Königin Hedwig geheiratet hatte und selbst König von Polen geworden war, stand dem Orden in dem vereinigten Litauen-Polen eine Macht gegenüber, der er unterliegen musste. Am 15. Juli 1410 erlag das Ordensheer der Übermacht der litauisch-polnischen Heerscharen in der verlustreichen Schlacht von Tannenberg, von den Polen Schlacht von Grunwald genannt. Sie war eine der größten Feldschlachten im Mittelalter. Etwa 12 000–15 000 Mann auf der Ordensseite standen etwa 20 000 Mann auf der polnisch-litauischen Seite gegenüber. (Andere Quellen geben noch höhere Zahlen an). Durch die Tatkraft des Schwetzer Komturs Heinrich von Plauen gelang es, die Marienburg, den Sitz des Hochmeisters, erfolgreich gegen die polnische Belagerung zu verteidigen und damit die Eroberung des Ordenslandes abzuwehren. Ein neuer Krieg konnte 1422 mit dem Frieden am Melnosee beendet werden. In diesem Friedensvertrag wurde die Grenze zu Litauen festgelegt. Sie hatte bis 1945 Bestand und gehört damit zu den dauerhaftesten Grenzen der Welt. Lediglich ein kleiner, der nördlich der Memel gelegene Teil Ostpreußens – das Memelgebiet – wurde durch den Versailler Vertrag vom Deutschen Reich abgetrennt und sollte ein Freistaat werden. 1923 von den Litauern im Handstreich besetzt, unterstand es von 1924 bis zum Abschluss des deutsch-litauischen Staatsvertrages vom 22. März 1939 der Souveränität Litauens.
Nicht zuletzt ausgelöst durch die Niederlage des Ordens in der Schlacht von Tannenberg, begann auch die innere Stabilität des Ordensstaates zu zerbröckeln. Im Lande begann sich eine Unzufriedenheit breit zu machen. Sie wurde noch dadurch verstärkt, dass der durch seine Kriegszüge in Geldnot geratene Orden erstmals Steuern von seinen Untertanen erheben musste. Das besondere Gefüge des Ordensstaates, das sich bei der Eroberung und Besiedlung des Landes so hervorragend bewährt hatte, erwies sich zunehmend als auf die Dauer nicht haltbar. In der Folge der Generationen erwuchsen im Lande selbst Kräfte, die nach einem Mitregieren im Staate strebten. Die hier im Ordensland lebenden Bauern, Handwerker, Landherren und Kaufleute fühlten sich als die Eingesessenen, als die Preußen, während sie die Ordensherren als Landfremde ansahen. Denn diese waren nicht im Lande geboren und aufgewachsen, da der Orden seinen Nachwuchs aus dem Reiche holen musste. Von dem sich bildenden preußischen Stammesbewusstsein waren die Ordensritter ausgeschlossen und das innere Gesetz des Ordens als geistliche Bruderschaft schloss es aus, die Stände des Landes an der Regierung zu beteiligen. So ist es zu erklären, dass sich viele Adlige und Bürger in den Städten immer stärker gegen die Herrschaft des Ordens auflehnten. So kam es 1440 zur Gründung des „Preußischen Bundes“, in dem sich ein Teil des Adels und mehrere Städte unter Führung Thorns (Toruń) zusammenschlossen. Sie trugen später dem polnischen König die Schutzherrschaft an, der daraufhin 1454 durch einseitigen Akt im sogenannten Incorporationsprivileg ganz Preußen der Krone Polen angliederte und mit einer Heeresmacht in das Ordensland zog. Es begann ein mehr als zwölf Jahre dauernder zermürbender Krieg, an dem sich die Polen allerdings nicht entscheidend beteiligten, sondern der mehr ein „Bürgerkrieg“ und ein sinnloser Kampf der einzelnen Söldnerführer gegeneinander war.
Durch den 2. Thorner Frieden wurde 1466 diesem Geschehen ein Ende gesetzt. Das Ordensland wurde geteilt. Seine westlichen Teile (Kulmerland, Pommerellen und die Gebiete Christburg (Dzierzgoń), Marienburg (Malbork), Stuhm (Sztum) und Elbing (Elbląg)) sowie das Ermland wurden autonome Gebiete der Krone Polen.

Danzig (Gdańsk) wurde ein Freistaat im Verband der Krone Polen mit besonderen Privilegien.
Thorn und Elbing wurden mit Sonderrechten ausgestattete Stadtrepubliken.
Diese Gebiete hatten eine gemeinsame ständische Verfassung mit einem Landesrat und einem Landtag. Die Selbständigkeit dieses Landesteils wurde durch ein dem Incorporationsprivileg von 1454 widersprechendes Dekret des polnischen Königs auf dem Reichstag von Lublin 1569 gegen den Protest der preußischen Stände – Danzig hat dieses Dekret nie anerkannt – beendet und dieser Teil des früheren Ordenslandes zusammen mit Litauen in einer Realunion mit dem Königreich Polen vereinigt. Die Mitglieder des Landesrates wurden nunmehr Mitglieder des polnischen Reichstages, der jetzt auch für die preußischen Landesangelegenheiten zuständig sein sollte. Dennoch verblieben dem preußischen Landtag selbstständige Aufgaben, so das Steuerbewilligungsrecht und das Entscheidungsrecht über die Beteiligung des Landes an Kriegen Polens. Auch in der Führung eines eigenen Landeswappens kam die staatsrechtliche Sonderstellung des Landes zum Ausdruck.
Der übrige Teil des Landes verblieb unter der Herrschaft des Ordens. Der jeweilige Hochmeister musste aber für seine Person dem polnischen König den Treueeid schwören. Der Deutsche Ritterorden, der nun aufgehört hatte, eine Großmacht zu sein, setzte in dem ihm verbliebenen Reststaat die Siedlungsarbeit fort. Da aber der Zuzug deutscher Siedler im Wesentlichen versiegt war, ließ er auch Polen aus Masowien und Litauer in das Land, mit deren Hilfe vorwiegend die „Große Wildnis“, das zunächst als Schutzwall gegen Polen und die heidnischen Litauer im Urzustand belassene riesige Waldgebiet, besiedelt wurde. Der Anreiz für diese fremden Siedler, nach Preußen zu kommen, war der Umstand, dass sie hier im Gegensatz zu ihrer Heimat, in der noch Leibeigenschaft herrschte, größere Freiheiten genossen.
Auch in der Zeit nach dem 2. Thorner Frieden blieb das Verhältnis zwischen dem Deutschen Ritterorden und Polen von mannigfachen Konflikten belastet, die zu neuen kriegerischen Auseinandersetzungen führten. Der von dem letzten Hochmeister, Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach, begonnene sogenannte Reiterkrieg, der 1520 hauptsächlich im Ermland und im Weichselgebiet tobte, brachte Albrecht zwar keinen militärischen, wohl aber einen politischen Erfolg. Nach vierjährigem Waffenstillstand kam es 1525 zum Frieden von Krakau. Darin musste Albrecht die durch den 2. Thorner Frieden erfolgte Teilung Preußens und die polnische Oberlehenshoheit anerkennen. Letzteres wurde ihm dadurch erleichtert, dass der polnische König Sigismund I. sein Onkel, der Bruder seiner Mutter war, zu dem er in einem guten verwandtschaftlichen Verhältnis stand.
Dafür erkannte ihn König Sigismund als erblichen Herzog von Preußen an. Damit wurde praktisch auch der von Albrecht gehegte Wunsch, zum Luthertum überzutreten und den Ordensstaat in ein weltliches Herzogtum umzuwandeln, „legalisiert“. Schon vorher hatte die Reformation im Ordensland Fuß gefasst. So wurde das Ende der Ordensherrschaft im Land begrüßt, und mit ihrem Herzog traten auch die meisten seiner Untertanen zum evangelischen Glauben über, während das Ermland katholisch blieb. Auch die meisten Ordensritter stimmten der Säkularisation zu und legten ihren weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz ab.
Nun begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte Ost- und Westpreußens. Die Besiedlung des Landes nahm einen erneuten Aufschwung. Calvinisten und Mennoniten aus Holland, Sozinianer aus Polen, Bauern aus Litauen und Masowien, Hugenotten aus Frankreich, Juden aus Österreich im 16. und 17. Jahrhundert, nach dem großen Peststerben zu Anfang des 18. Jahrhunderts Salzburger, Pfälzer, Schweizer und Nassauer, später noch die Philipponen aus Russland, sie alle fanden in Ostpreußen eine neue Heimat. Fast immer war es ihr Glaube, der sie zum Verlassen ihrer alten Heimat nötigte. Hier in Preußen wurden sie in nationaler und konfessioneller Toleranz aufgenommen und verschmolzen mit der deutsch-prußischen Bevölkerung im Lauf der Generationen zu dem Stamm der Ostpreußen.
Mitte des 17. Jahrhunderts wurde das Herzogtum Preußen, das bis dahin von dem in der Mitte Europas wütenden 30-jährigen Krieg verschont geblieben war, in die schwedisch – polnischen Auseinandersetzungen hineingezogen. Durch geschicktes Paktieren mit beiden Gegnern wusste der Große Kurfürst aber deren Konflikt zu nutzen. So erreichte er, dass er sowohl die Lehenshoheit des polnischen als auch des schwedischen Königs, die er im Januar 1656 zunächst hatte anerkennen müssen, abschütteln konnte. Durch den Vertrag von Labiau erkannte der König von Schweden 1656 die Souveränität des Kurfürsten in ganz Preußen an. Durch den Vertrag zu Wehlau gestand der Polenkönig ihm 1657 die Souveränität in Preußen ohne das Ermland zu. Diese wurde dann auch im Frieden von Oliva 1660 von den damaligen großen europäischen Mächten allseits endgültig anerkannt und verbürgt. Damit beginnt die Geschichte Preußens als souveräner Staat. 1701 krönte sich Friedrich I. in Königsberg zum König in Preußen.
In den Anfang des 18. Jahrhunderts fällt auch die Pestzeit, die die Bevölkerung von 600 000 auf 240 000 dezimierte. Dank des Einsatzes von König Friedrich Wilhelm I. und seiner Beamten im Rahmen seines berühmten „Retablissements“ und der Ansiedlung von Bauern und Bürgern aus fast allen Himmelsrichtungen Europas wuchs die Einwohnerzahl 1740 wieder auf 600 000 an.
Durch die zwischen Russland, Österreich und Preußen 1772 beschlossene sogenannte 1. polnische Teilung kamen das Ermland und die 1466 vom Ordensland abgetrennten Gebiete Westpreußens, 1793 durch die 2. polnische Teilung auch Danzig und Thorn nach 300-jähriger polnischer Oberherrschaft wieder an das vom Ordensstaat zum Herzogtum und dann zum Königreich gewordene Preußen zurück. Das Ermland und die Städte wie Danzig und Elbing waren bis zu dieser Zeit fast vollständig, die übrigen Gebiete etwa zur Hälfte deutschsprachig geblieben.

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