Schmetterlinge auf Pilgerreise
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 180
ISBN: 978-3-99185-322-0
Erscheinungsdatum: 28.10.2026
Zwei junge Menschen, ein Sommer auf Juist – und Gefühle, die alles verändern. Zwischen Sternenhimmel, Briefen und verpassten Chancen beginnt eine Geschichte über Liebe, Mut und die Frage: Was wäre gewesen, wenn…?
Ein Leben lang
Der Wind roch nach Salz und nach einem warmen Sommertag. Vielleicht auch etwas nach früher. Nach schönen Kindheitserinnerungen an Urlaube an der Nordsee.
Elke liebte die Nordsee, die Wellen, den Wind und das platte Land. Das knappe „Moin“ in allen Lebenslagen und dass dieses eine Wort für alles stand, was man anderen Menschen so mitteilen wollte. Den Rest erklärte einem ihr Gesichtsausdruck. Die manchmal knarzigen Ostfriesen und dass nur so viel gesprochen wurde, wie eben nötig war. Doch hatte man es einmal in ihre Herzen geschafft, wurden sie auf ihre Art und Weise durchaus charmant und hilfsbereit.
Ein wichtiges Gesetz stand allerdings in Stein gemeißelt: Gesabbelt wurde nicht. Also niemals.
Sie stand barfuß im Sand, ließ sich das kühle Wasser über die Füße laufen, die Schuhe hielt sie in der Hand und fragte sich, warum eine Firma ihre Auszubildenden ausgerechnet für einen zweiwöchigen Segelfluglehrgang auf eine Nordseeinsel schickte. Warum mussten alle ausgerechnet nach Juist anreisen?
Der Wind, die Möwen, dazu Menschen aus allen möglichen Regionen, die durch die Firma miteinander verbunden waren, ohne sich jedoch wirklich zu kennen. Ohne sich jemals persönlich getroffen zu haben. Im Grunde Fremde.
Es handelte sich um die kaufmännische Ausbildung bei einer zentral gelegenen Firma mit einigen Verwaltungsbüros, verteilt in Deutschland.
Für Elke hätte es nicht besser laufen können, denn die Alternative zum Segelfliegen wäre Segeln in Glücksburg gewesen.
Zum Glück mussten die Organisatoren nach Juist ausweichen, da in Glücksburg keine Kurse mehr für so eine hohe Teilnehmerzahl zur Verfügung standen. Außerdem hätte sie das Segeln mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überlebt. Ihr wurde schon flau im Magen, wenn sie nur an das Schaukeln der Jollen dachte.
Voilà, Juist war also perfekt. Sie freute sich, wieder mal im Norden sein zu können.
Elke überlegte, wann sie das letzte Mal auf einer der ostfriesischen Inseln gewesen war. Das musste gewesen sein, als sie ihren Vater begleitet hatte vor einem, nein, es war bestimmt schon zwei Jahre her. Er hatte während seiner 40 Jahre, die er in derselben Firma gearbeitet hatte, in der nun auch Elke tätig war, einige Kuraufenthalte auf Norderney. Als er in seinen wohlverdienten Ruhestand gegangen war, hatte er Elke gebeten, mit ihm einen Urlaub auf Norderney zu verbringen.
Er liebte den Norden, genauso wie sie. Woher ich das wohl habe?, dachte Elke amüsiert und musste lächeln.
Ihr Vater arbeitete in dem Unternehmen, ihre Mutter und ihr Großvater waren dort ebenfalls beschäftigt gewesen. Generation für Generation. So war das damals.
Völlig in Gedanken versunken, zuckte sie zusammen, als sie bemerkte, dass sich ihr jemand von hinten näherte. Die Schritte knirschten im Sand.
„Entschuldigung, bist du auch auf der Ausbildungsfahrt? Ich hatte einen Namen in der Teilnehmerliste gelesen, der mir bekannt vorkam“, lächelte er sie an. „Und wenn ich mich nicht täusche, bist du Elke.“
Elke drehte sich um. Und für einen Moment vergaß sie zu atmen. Das Gesicht kam ihr bekannt vor. Konnte das denn sein? Er hatte sich etwas verändert, sah aber immer noch unverschämt gut aus.
„Klaus?“, fragte sie erstaunt.
Dieses vorsichtige, fast ungläubige Lächeln. Diese Augen, deren Blau kaum noch Zweifel zuließ.
Sie hatten sich nach der Schulzeit zwar noch einige Male in Bonn getroffen, das war allerdings lange her.
„Du hast doch bei deinen Großeltern gewohnt“, überlegte er. „Du bist doch die Elke, die immer an der Straßenecke auf mich gewartet hat, und wir sind dann zusammen zur Schule gegangen.“
Sie lachte leise. „Und du hast mit deinen Eltern auf dem Hof ganz in der Nähe gewohnt. Wie viele Schulwege sind wir gemeinsam gegangen! Wie oft haben wir uns getroffen, um zusammen für die Schule zu lernen.“
„Und sind nach der Schule mit Lucky, unserem Hund, spazieren gegangen“, ergänzte Klaus.
„Lebt Lucky noch?“, fragte sie ihn aufgeregt.
„Yep“, antwortete er. „Der liebenswerte Racker lebt noch“, grinste er. „Es geht ihm prächtig.“
Sie sahen sich an.
Ein langer, tiefer Blick, der all die schönen Bilder ihrer Schulzeit hervorrief. Er dauerte zu lange für ein bloßes Wiedererkennen – und zu kurz für all die Jahre, die dazwischenlagen.
„Das ist ja ein schöner Zufall“, unterbrach Klaus ihre Gedanken. „Wir werden uns sicher viel zu erzählen haben.“
„Bestimmt“, sagte Elke, ihre Verlegenheit überspielend.
Klaus bemerkte, dass er sie etwas verunsichert hatte, und verabschiedete sich von ihr.
Später trafen sie sich alle bei der Begrüßungsveranstaltung.
Die Organisatoren des Fluglehrgangs, einige der Piloten, die Leitung der Unterkünfte und Versorgungsräume sowie die Betreuer, die von der Firma und den Verwaltungsbüros mitgekommen waren, informierten alle Teilnehmer über den Ablauf der nächsten 14 Tage.
Sie wurden in kleinere Arbeitsgruppen eingeteilt, die verschiedene Tätigkeiten auf ihren Plänen hatten. Vom Flugunterricht über das Fliegen mit den Motorseglern bis hin zu Küchendienst und Reinigung der Unterkünfte war alles dabei. Elke und Klaus wurden verschiedenen Gruppen zugeteilt. Die beiden erwischten einander dabei, wie sie sich ansahen und fast gleichzeitig mit den Schultern zuckten.
In den ersten Tagen war alles erstaunlich unkompliziert. Sie saßen im Theorieunterricht nebeneinander, nutzten jede Möglichkeit, die sich ihnen bot, Zeit miteinander zu verbringen, und teilten sich sogar die Thermoskanne voll schwarzem Tee mit Milch und Zucker während der Veranstaltungen, an denen alle Gruppen gemeinsam teilnahmen.
„Als Kaffeetrinkerin ist das gewöhnungsbedürftig“, meinte Elke und nahm trotzdem noch einen Schluck. „Aber irgendwie auch lecker.“ – „Wie im Norden so üblich“, sagte Klaus. „Man mag es oder eben nicht.“
Den Tag verbrachte jeder für sich in seiner zugeteilten Gruppe auf dem Flugplatz, oder sie sahen den anderen kurz vorbeihuschen, wenn sie „Innendienst“ hatten. Dabei lächelten sie sich an und wechselten schnell einen oder zwei Sätze. Gegen Abend gingen sie an den Strand, den unglaublichen Himmel bestaunen, der sich über der Insel auftat.
„Da“, sagte Klaus und zeigte nach oben. „Der Große Wagen.“ Elke suchte kurz. „Und da ist der Kleine Wagen.“ Sie standen nebeneinander im Sand und staunten berührt von dieser Schönheit fast schon demütig über all die Sterne und darüber, wie unendlich der Himmel hier oben war.
Sie erzählten einander von ihrem Leben, was sie bisher erlebt hatten, und sprachen von den schönen Erinnerungen ihrer Schulzeit. Elke besuchte ihre Großeltern noch immer regelmäßig. „Es ist immer noch ein Zuhause für mich“, sagte sie. „Auch wenn ich mittlerweile in einem anderen Stadtteil von Bonn lebe.“
Klaus erzählte ihr, dass sie umgezogen waren. Sie lebten jetzt weiter nördlich. Die Eltern hatten einen Hof in Münster übernommen. Er und sein Bruder halfen dort mit, sooft sie konnten und soweit ihre Ausbildung es zuließ.
Das Segelfliegen war fantastisch. Es war eine grandiose Erfahrung, so frei in der Luft zu schweben! Wobei es Motorsegler waren, was bei dem Wind an der Küste sinnvoll war. Nur so gelangen saubere Starts und Landungen auf der unebenen Wiese. Die asphaltierte Landebahn war ausschließlich den planmäßigen Starts und Landungen der Besucher oder dem Transport vom und zum Festland vorbehalten.
Sie alle machten den sogenannten Pinch-Hitter-Kurs für Mitflieger. Ein Sicherheitsseminar, um in Notfällen, etwa bei Pilotenausfall, ein einmotoriges Flugzeug sicher zu steuern und zu landen. Der Kurs umfasste theoretische Kenntnisse und praktische Flugübungen.
Tatsächlich durften sie unter den kritischen Blicken der Fluglehrer am letzten Tag selbstständig eine Maschine starten und landen. In den kleinen gelben Motorseglern saßen jeweils ein Kursteilnehmer und der Fluglehrer nebeneinander. Alle waren fasziniert von dem Programm.
Das Ziel des Unternehmens war, die Zusammenarbeit in den Gruppen zu stärken und die Teilnehmer dahin zu führen, eigenverantwortlich Entscheidungen treffen zu können. Es wurde ein voller Erfolg.
Die jeweilige Gruppe war auch für den reibungslosen Ablauf auf dem Flugfeld verantwortlich. Die erste Gruppe musste morgens die kleinen gelben Motorsegler aus dem Hangar schieben und die letzte Gruppe war abends dafür zuständig, die Flieger wohlbehalten wieder in die Halle zu schieben und zu reinigen. Dann wurden sorgfältig Checklisten mit dem jeweiligen Piloten abgehakt und Kontrollen durchgeführt. Dabei fühlte man sich fast schon wie Maverick in „Top Gun“.
Das Ganze fand in regelmäßigem Wechsel statt. Dass alle sehr pflichtbewusst arbeiteten, war Voraussetzung, denn man wusste ja nicht, auf welches der kleinen Flugzeuge man sich am nächsten Tag verlassen können musste, wollten doch alle sicher beim Abendessen ankommen.
Die Gruppe, die zum Fliegen eingeteilt wurde, war auch für ihre eigene Koordination auf der Flugwiese zuständig. Dafür hatte man einen kleinen Minitower auf Rädern gebaut, den alle Gruppen nutzen konnten. Knallrot mit weiß umrandeten Fenstern, ausgestattet mit Funkgerät, Mikrofon und einigen bunten Knöpfen.
Dazu gehörte ein „Versorgungstisch“, auf dem immer ein großer Thermotopf mit schwarzem Tee mit Milch, Tassen und etwas Leckeres standen.
Die Funksprüche zwischen den Fliegern und der fahrbaren Telefonzelle, wie der Minitower schnell liebevoll genannt wurde, waren vorher im Theorieunterricht gelernt worden.
Auf dem Flugzeug stand zum Beispiel in großen dicken schwarzen Buchstaben: DKGAZ. Im Funkspruch hieß es dann: Delta, Kilo, Golf, Alpha, Zulu, bereit zur Landung – erbitte QDM. QDM war die direkte Peilung zwischen Flugzeug und Landeplatz. Die Eselsbrücke lautete „Come to Mama“ („Fliege zur Station“). Der kleine Tower holte sich die Landeerlaubnis vom großen Tower im Hauptgebäude und bestätigte den bevorstehenden Landeanflug. Natürlich stets unter der Aufsicht eines Fluglehrers.
Elke und Klaus hatten durch die verschiedene Gruppenaufteilung nur abends die Möglichkeit, sich weiter zu unterhalten. Man traf sich nach den erledigten Aufgaben im Aufenthaltsraum, in dem man nie allein war. Laute Musik, angeregte Unterhaltungen und natürlich Tee.
Die Teeküche im Aufenthaltsraum war der einzige Ort, in dem man einen kurzen Moment zu zweit sein konnte, da auch nicht wirklich mehr Personen dort Platz hatten. Zufällig schob sich Klaus dort immer an Elke vorbei und umgekehrt.
Eine flüchtige Berührung hier, ein suchender Kontakt da. Verlegenes Grinsen in beiden Gesichtern, wenn sie wie ertappt aus dem kleinen Raum kamen und sich zu den anderen gesellten.
Schüchtern wie damals als Kinder. Nicht mehr fähig zu atmen, wenn sich ihre Blicke trafen.
Im Kassettenrekorder liefen die Lieder von Whitney Houston. Es gab genau diese eine Kassette. Alle kannten ihre Lieder nach dem Aufenthalt auswendig.
Die beiden verabredeten sich, sobald es dunkel wurde, um schnell noch einmal an den Strand zu gehen. Durch die Dünen hinauf und durch den Sand und das Dünengras hinab ans Wasser. Das aufbrausende Rauschen der Wellen in ihren Ohren.
Eine laute Stille, die ihnen bewusst machte, wie schön es war, sich durch diesen Zufall hier getroffen zu haben. Vielleicht war es auch kein Zufall. Vielleicht hatte man mehr mit ihnen geplant.
Da es Sommer war, waren die Nächte angenehm warm und klar. Die Luft frisch und salzhaltig. Für den wenigen Schlaf wurden sie jede Nacht immer wieder reichlich belohnt. Ein nicht endender Sternenhimmel. Sie waren alle da. Der Große Wagen, der Kleine Wagen und unzählige andere Sterne. Der Himmel schien unendlich zu sein. Ergriffen staunten die beiden nach oben.
„Unsagbar schön. So viele Sterne kann man in der Stadt nicht sehen, dort ist es viel zu hell“, sagte Elke.
„Du bist der Große Wagen“, sagte Klaus und puffte Elke in die Seite.
„Aha“, sagte Elke, „dann bist du der Kleine Wagen.“
„Warum jetzt genau?“, fragte sie weiter.
„Weil ich den Großen Wagen zuerst gesehen habe“, antwortete Klaus.
Sie standen nebeneinander an der Wasserkante und lauschten den Wellen. Schweigen. Verlegenheit. Ganz flüchtig berührten sich ihre Hände. Sie sahen sich an. Fast erschrocken ging ihr Blick wieder in den Himmel. Wieder Schweigen. Gedanken im Kopf, die beide nicht aussprechen wollten.
Am Tag darauf plante eine kleinere Gruppe der Azubis, die sich untereinander angefreundet hatten, in die Stadt zu gehen. Am späten Nachmittag fuhren die Taxikutschen nicht mehr. Fahrräder gab es nur wenige.
Also beschlossen sie, zu Fuß zu gehen. Bei dem traumhaften Wetter die beste Idee. Eine gute Stunde Fußweg hin. Elke und Klaus waren mit dabei. Die zauberhafte, kleine Stadt lag vor ihnen. Da Hauptsaison war, hatten einige Geschäfte auch noch spät geöffnet.
Einer in der Gruppe kam auf die Idee, eine Disco zu suchen. Alle kicherten vor sich hin. Gab es so was überhaupt auf der Insel? Ein Einheimischer musste her. Sie hatten Glück, es gab eine kleine Bar mit einer Tanzfläche für fünf Personen.
Klaus blickte schelmisch zu Elke. „Tanzen?“
„Auf jeden Fall“, antwortete sie schnell, bevor sie es sich anders überlegen würde.
Klaus erkannte seine Chance, nahm all seinen Mut zusammen und nahm ihre Hand, ließ sie aber schnell wieder los, als er das Getuschel der anderen bemerkte.
Der Weg zurück zum Flugplatz war atemberaubend. Eine warme Sommernacht, Sternenhimmel und Dunkelheit. Es gab keine Beleuchtung und an eine Taschenlampe hatte keiner gedacht.
Es war fast schon finster und die Ersten kamen auf die Idee, sich etwas Gruseliges zu erzählen. Die merkwürdigsten Fantasien kamen zum Vorschein, bis alle laut sangen und fröhlich pfiffen. Natürlich hatte keiner Angst.
„Da!“, rief plötzlich jemand. „Da stehen zwei grüne Augen mitten auf dem Weg!“ Klaus lachte und meinte lässig: „Auf welcher Höhe sind die Augen denn?“
Unsicheres Gekicher. Da stand das furchterregende Riesenmonster mit weit aufgerissenen Augen und langen Beinen schon vor ihnen. Es war eines der großen Pferde, welche die Planwagen zogen. Als die Gruppe dem Monster näher kam, bemerkten sie noch weitere Pferde. Sie liefen hier frei umher. Was für eine ergreifende Begegnung. Leise, um die Tiere nicht zu erschrecken, gingen sie weiter.
Klaus nahm Elkes Hand und ließ sie dieses Mal nicht mehr los, bis sie zu den Unterkünften kamen. „Zu deiner Sicherheit“, erklärte er ihr. Zum Gutenachtwunsch bekam sie ein flüchtiges, gehauchtes Küsschen auf ihre Wange. Dann verschwanden beide in ihre Zimmer.
Der Abreisetag kam viel zu schnell. Die Planwagen mit den Pferden standen schon wieder bereit und wurden beladen. Gemächlich trotteten die Pferde ihren gewohnten Weg zum Hafen.
Da Juist eine autofreie Insel war, gab es nur wenige Ausnahmen, wie Polizei und Krankenwagen.
Elke und Klaus drückten sich in der letzten Bank aneinander, Hand in Hand, kein einziges Wort fiel zwischen ihnen. Ihre Hände verkrampften fast schon, aber keiner der beiden wollte loslassen.
Die Fähre brauchte ihre Zeit und unter den Mitreisenden herrschte eine gedrückte Stimmung. Klaus und Elke schwiegen weiterhin. Ab und zu trafen sich ihre unsicheren Blicke, während die Schmetterlinge mit den Möwen über ihnen um die Wette flogen.
Elke dachte bei sich, sie müsste sich etwas überlegen, um ihre Schmetterlinge in Zukunft besser unter Kontrolle zu haben. Sie würde sich ein hübsches großes Glas mit Deckel besorgen. Dann könnte sie es bei Bedarf aufschrauben oder eben nicht. Damit hätte sie es in der Hand, wann die Schmetterlinge zum Einsatz kämen. Sie musste innerlich grinsen.
Bis die Fähre in Norddeich anlegte, fehlte ihnen der Mut, etwas zu äußern. Keiner wollte aussprechen, was sie gerade bewegte. Es gab so viele unbeantwortete Fragen. Ob es die Möglichkeit gäbe, sich wiederzusehen?
Besser nichts beginnen, was vielleicht schon zu Ende war.
Die Reisebusse warteten bereits ungeduldig an der Mole. Die meisten fuhren mit dem Bus zurück nach Bonn. Klaus und einige andere fuhren mit dem Zug Richtung Münster und Hannover.
Elkes Kolleginnen und Kollegen aus der Ausbildungsklasse stiegen bereits ein. Sie lachten, winkten, sortierten Taschen, verabschiedeten sich wehmütig.
Elke musste nun auch einsteigen, setzte sich, suchte seinen Blick. Klaus war nicht mehr zu sehen. Sie wollten beide auf eine Verabschiedung verzichten.
Das Schicksal sollte entscheiden, ob der Große Wagen den Kleinen Wagen noch einmal treffen würde. Ob es noch einmal ein QDM zwischen ihnen gab.
Die Bustüren schlossen sich. Der Motor lief bereits, als plötzlich ein Ruck durch den Bus ging. Zischen. Die Türen öffneten sich wieder. Alle schauten sich fragend um.
Klaus kam hereingestürzt. Er rannte den Mittelgang entlang, suchend, entschlossen, fand sie. Bevor Elke irgendetwas sagen konnte, stand er vor ihr, beugte sich herunter und küsste sie.
Ein kurzer, echter, unmissverständlicher Kuss.
Einen Moment lang war es still. Dann brach Jubel aus. Pfeifen. Klatschen. Gejohle. Klaus grinste, sagte kein Wort, drehte sich um und rannte genauso schnell wieder hinaus, wie er hereingestürmt war.
Elke saß einfach nur da. Sprachlos. Und hatte jetzt noch viel mehr Fragen als zuvor.
Hätte sie doch schon das Glas für ihre Schmetterlinge! Diese flogen nun kreuz und quer durch den Bus.
Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht schoss. Ganz sicher war sie knallrot.
Die Türen schlossen sich wieder. Der Bus fuhr an. Ihre Sitznachbarin rief sie beim Namen. Elke drehte sich zu ihr um und ein Blitz schoss ihr ins Gesicht.
Dieses Foto sollte einst ein Zeitzeuge für eine strahlende, lachende Elke mit leuchtenden Augen sein.
Klaus, der unterwegs nach Münster war, schloss während der Zugfahrt die Augen und ließ die Momente, in denen sie sich nahe gewesen waren, noch einmal Revue passieren. Angesichts so weniger Minuten, in denen so wenig passiert war, war das Gefühl, sie jetzt schon zu vermissen, enorm groß.
...
Der Wind roch nach Salz und nach einem warmen Sommertag. Vielleicht auch etwas nach früher. Nach schönen Kindheitserinnerungen an Urlaube an der Nordsee.
Elke liebte die Nordsee, die Wellen, den Wind und das platte Land. Das knappe „Moin“ in allen Lebenslagen und dass dieses eine Wort für alles stand, was man anderen Menschen so mitteilen wollte. Den Rest erklärte einem ihr Gesichtsausdruck. Die manchmal knarzigen Ostfriesen und dass nur so viel gesprochen wurde, wie eben nötig war. Doch hatte man es einmal in ihre Herzen geschafft, wurden sie auf ihre Art und Weise durchaus charmant und hilfsbereit.
Ein wichtiges Gesetz stand allerdings in Stein gemeißelt: Gesabbelt wurde nicht. Also niemals.
Sie stand barfuß im Sand, ließ sich das kühle Wasser über die Füße laufen, die Schuhe hielt sie in der Hand und fragte sich, warum eine Firma ihre Auszubildenden ausgerechnet für einen zweiwöchigen Segelfluglehrgang auf eine Nordseeinsel schickte. Warum mussten alle ausgerechnet nach Juist anreisen?
Der Wind, die Möwen, dazu Menschen aus allen möglichen Regionen, die durch die Firma miteinander verbunden waren, ohne sich jedoch wirklich zu kennen. Ohne sich jemals persönlich getroffen zu haben. Im Grunde Fremde.
Es handelte sich um die kaufmännische Ausbildung bei einer zentral gelegenen Firma mit einigen Verwaltungsbüros, verteilt in Deutschland.
Für Elke hätte es nicht besser laufen können, denn die Alternative zum Segelfliegen wäre Segeln in Glücksburg gewesen.
Zum Glück mussten die Organisatoren nach Juist ausweichen, da in Glücksburg keine Kurse mehr für so eine hohe Teilnehmerzahl zur Verfügung standen. Außerdem hätte sie das Segeln mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überlebt. Ihr wurde schon flau im Magen, wenn sie nur an das Schaukeln der Jollen dachte.
Voilà, Juist war also perfekt. Sie freute sich, wieder mal im Norden sein zu können.
Elke überlegte, wann sie das letzte Mal auf einer der ostfriesischen Inseln gewesen war. Das musste gewesen sein, als sie ihren Vater begleitet hatte vor einem, nein, es war bestimmt schon zwei Jahre her. Er hatte während seiner 40 Jahre, die er in derselben Firma gearbeitet hatte, in der nun auch Elke tätig war, einige Kuraufenthalte auf Norderney. Als er in seinen wohlverdienten Ruhestand gegangen war, hatte er Elke gebeten, mit ihm einen Urlaub auf Norderney zu verbringen.
Er liebte den Norden, genauso wie sie. Woher ich das wohl habe?, dachte Elke amüsiert und musste lächeln.
Ihr Vater arbeitete in dem Unternehmen, ihre Mutter und ihr Großvater waren dort ebenfalls beschäftigt gewesen. Generation für Generation. So war das damals.
Völlig in Gedanken versunken, zuckte sie zusammen, als sie bemerkte, dass sich ihr jemand von hinten näherte. Die Schritte knirschten im Sand.
„Entschuldigung, bist du auch auf der Ausbildungsfahrt? Ich hatte einen Namen in der Teilnehmerliste gelesen, der mir bekannt vorkam“, lächelte er sie an. „Und wenn ich mich nicht täusche, bist du Elke.“
Elke drehte sich um. Und für einen Moment vergaß sie zu atmen. Das Gesicht kam ihr bekannt vor. Konnte das denn sein? Er hatte sich etwas verändert, sah aber immer noch unverschämt gut aus.
„Klaus?“, fragte sie erstaunt.
Dieses vorsichtige, fast ungläubige Lächeln. Diese Augen, deren Blau kaum noch Zweifel zuließ.
Sie hatten sich nach der Schulzeit zwar noch einige Male in Bonn getroffen, das war allerdings lange her.
„Du hast doch bei deinen Großeltern gewohnt“, überlegte er. „Du bist doch die Elke, die immer an der Straßenecke auf mich gewartet hat, und wir sind dann zusammen zur Schule gegangen.“
Sie lachte leise. „Und du hast mit deinen Eltern auf dem Hof ganz in der Nähe gewohnt. Wie viele Schulwege sind wir gemeinsam gegangen! Wie oft haben wir uns getroffen, um zusammen für die Schule zu lernen.“
„Und sind nach der Schule mit Lucky, unserem Hund, spazieren gegangen“, ergänzte Klaus.
„Lebt Lucky noch?“, fragte sie ihn aufgeregt.
„Yep“, antwortete er. „Der liebenswerte Racker lebt noch“, grinste er. „Es geht ihm prächtig.“
Sie sahen sich an.
Ein langer, tiefer Blick, der all die schönen Bilder ihrer Schulzeit hervorrief. Er dauerte zu lange für ein bloßes Wiedererkennen – und zu kurz für all die Jahre, die dazwischenlagen.
„Das ist ja ein schöner Zufall“, unterbrach Klaus ihre Gedanken. „Wir werden uns sicher viel zu erzählen haben.“
„Bestimmt“, sagte Elke, ihre Verlegenheit überspielend.
Klaus bemerkte, dass er sie etwas verunsichert hatte, und verabschiedete sich von ihr.
Später trafen sie sich alle bei der Begrüßungsveranstaltung.
Die Organisatoren des Fluglehrgangs, einige der Piloten, die Leitung der Unterkünfte und Versorgungsräume sowie die Betreuer, die von der Firma und den Verwaltungsbüros mitgekommen waren, informierten alle Teilnehmer über den Ablauf der nächsten 14 Tage.
Sie wurden in kleinere Arbeitsgruppen eingeteilt, die verschiedene Tätigkeiten auf ihren Plänen hatten. Vom Flugunterricht über das Fliegen mit den Motorseglern bis hin zu Küchendienst und Reinigung der Unterkünfte war alles dabei. Elke und Klaus wurden verschiedenen Gruppen zugeteilt. Die beiden erwischten einander dabei, wie sie sich ansahen und fast gleichzeitig mit den Schultern zuckten.
In den ersten Tagen war alles erstaunlich unkompliziert. Sie saßen im Theorieunterricht nebeneinander, nutzten jede Möglichkeit, die sich ihnen bot, Zeit miteinander zu verbringen, und teilten sich sogar die Thermoskanne voll schwarzem Tee mit Milch und Zucker während der Veranstaltungen, an denen alle Gruppen gemeinsam teilnahmen.
„Als Kaffeetrinkerin ist das gewöhnungsbedürftig“, meinte Elke und nahm trotzdem noch einen Schluck. „Aber irgendwie auch lecker.“ – „Wie im Norden so üblich“, sagte Klaus. „Man mag es oder eben nicht.“
Den Tag verbrachte jeder für sich in seiner zugeteilten Gruppe auf dem Flugplatz, oder sie sahen den anderen kurz vorbeihuschen, wenn sie „Innendienst“ hatten. Dabei lächelten sie sich an und wechselten schnell einen oder zwei Sätze. Gegen Abend gingen sie an den Strand, den unglaublichen Himmel bestaunen, der sich über der Insel auftat.
„Da“, sagte Klaus und zeigte nach oben. „Der Große Wagen.“ Elke suchte kurz. „Und da ist der Kleine Wagen.“ Sie standen nebeneinander im Sand und staunten berührt von dieser Schönheit fast schon demütig über all die Sterne und darüber, wie unendlich der Himmel hier oben war.
Sie erzählten einander von ihrem Leben, was sie bisher erlebt hatten, und sprachen von den schönen Erinnerungen ihrer Schulzeit. Elke besuchte ihre Großeltern noch immer regelmäßig. „Es ist immer noch ein Zuhause für mich“, sagte sie. „Auch wenn ich mittlerweile in einem anderen Stadtteil von Bonn lebe.“
Klaus erzählte ihr, dass sie umgezogen waren. Sie lebten jetzt weiter nördlich. Die Eltern hatten einen Hof in Münster übernommen. Er und sein Bruder halfen dort mit, sooft sie konnten und soweit ihre Ausbildung es zuließ.
Das Segelfliegen war fantastisch. Es war eine grandiose Erfahrung, so frei in der Luft zu schweben! Wobei es Motorsegler waren, was bei dem Wind an der Küste sinnvoll war. Nur so gelangen saubere Starts und Landungen auf der unebenen Wiese. Die asphaltierte Landebahn war ausschließlich den planmäßigen Starts und Landungen der Besucher oder dem Transport vom und zum Festland vorbehalten.
Sie alle machten den sogenannten Pinch-Hitter-Kurs für Mitflieger. Ein Sicherheitsseminar, um in Notfällen, etwa bei Pilotenausfall, ein einmotoriges Flugzeug sicher zu steuern und zu landen. Der Kurs umfasste theoretische Kenntnisse und praktische Flugübungen.
Tatsächlich durften sie unter den kritischen Blicken der Fluglehrer am letzten Tag selbstständig eine Maschine starten und landen. In den kleinen gelben Motorseglern saßen jeweils ein Kursteilnehmer und der Fluglehrer nebeneinander. Alle waren fasziniert von dem Programm.
Das Ziel des Unternehmens war, die Zusammenarbeit in den Gruppen zu stärken und die Teilnehmer dahin zu führen, eigenverantwortlich Entscheidungen treffen zu können. Es wurde ein voller Erfolg.
Die jeweilige Gruppe war auch für den reibungslosen Ablauf auf dem Flugfeld verantwortlich. Die erste Gruppe musste morgens die kleinen gelben Motorsegler aus dem Hangar schieben und die letzte Gruppe war abends dafür zuständig, die Flieger wohlbehalten wieder in die Halle zu schieben und zu reinigen. Dann wurden sorgfältig Checklisten mit dem jeweiligen Piloten abgehakt und Kontrollen durchgeführt. Dabei fühlte man sich fast schon wie Maverick in „Top Gun“.
Das Ganze fand in regelmäßigem Wechsel statt. Dass alle sehr pflichtbewusst arbeiteten, war Voraussetzung, denn man wusste ja nicht, auf welches der kleinen Flugzeuge man sich am nächsten Tag verlassen können musste, wollten doch alle sicher beim Abendessen ankommen.
Die Gruppe, die zum Fliegen eingeteilt wurde, war auch für ihre eigene Koordination auf der Flugwiese zuständig. Dafür hatte man einen kleinen Minitower auf Rädern gebaut, den alle Gruppen nutzen konnten. Knallrot mit weiß umrandeten Fenstern, ausgestattet mit Funkgerät, Mikrofon und einigen bunten Knöpfen.
Dazu gehörte ein „Versorgungstisch“, auf dem immer ein großer Thermotopf mit schwarzem Tee mit Milch, Tassen und etwas Leckeres standen.
Die Funksprüche zwischen den Fliegern und der fahrbaren Telefonzelle, wie der Minitower schnell liebevoll genannt wurde, waren vorher im Theorieunterricht gelernt worden.
Auf dem Flugzeug stand zum Beispiel in großen dicken schwarzen Buchstaben: DKGAZ. Im Funkspruch hieß es dann: Delta, Kilo, Golf, Alpha, Zulu, bereit zur Landung – erbitte QDM. QDM war die direkte Peilung zwischen Flugzeug und Landeplatz. Die Eselsbrücke lautete „Come to Mama“ („Fliege zur Station“). Der kleine Tower holte sich die Landeerlaubnis vom großen Tower im Hauptgebäude und bestätigte den bevorstehenden Landeanflug. Natürlich stets unter der Aufsicht eines Fluglehrers.
Elke und Klaus hatten durch die verschiedene Gruppenaufteilung nur abends die Möglichkeit, sich weiter zu unterhalten. Man traf sich nach den erledigten Aufgaben im Aufenthaltsraum, in dem man nie allein war. Laute Musik, angeregte Unterhaltungen und natürlich Tee.
Die Teeküche im Aufenthaltsraum war der einzige Ort, in dem man einen kurzen Moment zu zweit sein konnte, da auch nicht wirklich mehr Personen dort Platz hatten. Zufällig schob sich Klaus dort immer an Elke vorbei und umgekehrt.
Eine flüchtige Berührung hier, ein suchender Kontakt da. Verlegenes Grinsen in beiden Gesichtern, wenn sie wie ertappt aus dem kleinen Raum kamen und sich zu den anderen gesellten.
Schüchtern wie damals als Kinder. Nicht mehr fähig zu atmen, wenn sich ihre Blicke trafen.
Im Kassettenrekorder liefen die Lieder von Whitney Houston. Es gab genau diese eine Kassette. Alle kannten ihre Lieder nach dem Aufenthalt auswendig.
Die beiden verabredeten sich, sobald es dunkel wurde, um schnell noch einmal an den Strand zu gehen. Durch die Dünen hinauf und durch den Sand und das Dünengras hinab ans Wasser. Das aufbrausende Rauschen der Wellen in ihren Ohren.
Eine laute Stille, die ihnen bewusst machte, wie schön es war, sich durch diesen Zufall hier getroffen zu haben. Vielleicht war es auch kein Zufall. Vielleicht hatte man mehr mit ihnen geplant.
Da es Sommer war, waren die Nächte angenehm warm und klar. Die Luft frisch und salzhaltig. Für den wenigen Schlaf wurden sie jede Nacht immer wieder reichlich belohnt. Ein nicht endender Sternenhimmel. Sie waren alle da. Der Große Wagen, der Kleine Wagen und unzählige andere Sterne. Der Himmel schien unendlich zu sein. Ergriffen staunten die beiden nach oben.
„Unsagbar schön. So viele Sterne kann man in der Stadt nicht sehen, dort ist es viel zu hell“, sagte Elke.
„Du bist der Große Wagen“, sagte Klaus und puffte Elke in die Seite.
„Aha“, sagte Elke, „dann bist du der Kleine Wagen.“
„Warum jetzt genau?“, fragte sie weiter.
„Weil ich den Großen Wagen zuerst gesehen habe“, antwortete Klaus.
Sie standen nebeneinander an der Wasserkante und lauschten den Wellen. Schweigen. Verlegenheit. Ganz flüchtig berührten sich ihre Hände. Sie sahen sich an. Fast erschrocken ging ihr Blick wieder in den Himmel. Wieder Schweigen. Gedanken im Kopf, die beide nicht aussprechen wollten.
Am Tag darauf plante eine kleinere Gruppe der Azubis, die sich untereinander angefreundet hatten, in die Stadt zu gehen. Am späten Nachmittag fuhren die Taxikutschen nicht mehr. Fahrräder gab es nur wenige.
Also beschlossen sie, zu Fuß zu gehen. Bei dem traumhaften Wetter die beste Idee. Eine gute Stunde Fußweg hin. Elke und Klaus waren mit dabei. Die zauberhafte, kleine Stadt lag vor ihnen. Da Hauptsaison war, hatten einige Geschäfte auch noch spät geöffnet.
Einer in der Gruppe kam auf die Idee, eine Disco zu suchen. Alle kicherten vor sich hin. Gab es so was überhaupt auf der Insel? Ein Einheimischer musste her. Sie hatten Glück, es gab eine kleine Bar mit einer Tanzfläche für fünf Personen.
Klaus blickte schelmisch zu Elke. „Tanzen?“
„Auf jeden Fall“, antwortete sie schnell, bevor sie es sich anders überlegen würde.
Klaus erkannte seine Chance, nahm all seinen Mut zusammen und nahm ihre Hand, ließ sie aber schnell wieder los, als er das Getuschel der anderen bemerkte.
Der Weg zurück zum Flugplatz war atemberaubend. Eine warme Sommernacht, Sternenhimmel und Dunkelheit. Es gab keine Beleuchtung und an eine Taschenlampe hatte keiner gedacht.
Es war fast schon finster und die Ersten kamen auf die Idee, sich etwas Gruseliges zu erzählen. Die merkwürdigsten Fantasien kamen zum Vorschein, bis alle laut sangen und fröhlich pfiffen. Natürlich hatte keiner Angst.
„Da!“, rief plötzlich jemand. „Da stehen zwei grüne Augen mitten auf dem Weg!“ Klaus lachte und meinte lässig: „Auf welcher Höhe sind die Augen denn?“
Unsicheres Gekicher. Da stand das furchterregende Riesenmonster mit weit aufgerissenen Augen und langen Beinen schon vor ihnen. Es war eines der großen Pferde, welche die Planwagen zogen. Als die Gruppe dem Monster näher kam, bemerkten sie noch weitere Pferde. Sie liefen hier frei umher. Was für eine ergreifende Begegnung. Leise, um die Tiere nicht zu erschrecken, gingen sie weiter.
Klaus nahm Elkes Hand und ließ sie dieses Mal nicht mehr los, bis sie zu den Unterkünften kamen. „Zu deiner Sicherheit“, erklärte er ihr. Zum Gutenachtwunsch bekam sie ein flüchtiges, gehauchtes Küsschen auf ihre Wange. Dann verschwanden beide in ihre Zimmer.
Der Abreisetag kam viel zu schnell. Die Planwagen mit den Pferden standen schon wieder bereit und wurden beladen. Gemächlich trotteten die Pferde ihren gewohnten Weg zum Hafen.
Da Juist eine autofreie Insel war, gab es nur wenige Ausnahmen, wie Polizei und Krankenwagen.
Elke und Klaus drückten sich in der letzten Bank aneinander, Hand in Hand, kein einziges Wort fiel zwischen ihnen. Ihre Hände verkrampften fast schon, aber keiner der beiden wollte loslassen.
Die Fähre brauchte ihre Zeit und unter den Mitreisenden herrschte eine gedrückte Stimmung. Klaus und Elke schwiegen weiterhin. Ab und zu trafen sich ihre unsicheren Blicke, während die Schmetterlinge mit den Möwen über ihnen um die Wette flogen.
Elke dachte bei sich, sie müsste sich etwas überlegen, um ihre Schmetterlinge in Zukunft besser unter Kontrolle zu haben. Sie würde sich ein hübsches großes Glas mit Deckel besorgen. Dann könnte sie es bei Bedarf aufschrauben oder eben nicht. Damit hätte sie es in der Hand, wann die Schmetterlinge zum Einsatz kämen. Sie musste innerlich grinsen.
Bis die Fähre in Norddeich anlegte, fehlte ihnen der Mut, etwas zu äußern. Keiner wollte aussprechen, was sie gerade bewegte. Es gab so viele unbeantwortete Fragen. Ob es die Möglichkeit gäbe, sich wiederzusehen?
Besser nichts beginnen, was vielleicht schon zu Ende war.
Die Reisebusse warteten bereits ungeduldig an der Mole. Die meisten fuhren mit dem Bus zurück nach Bonn. Klaus und einige andere fuhren mit dem Zug Richtung Münster und Hannover.
Elkes Kolleginnen und Kollegen aus der Ausbildungsklasse stiegen bereits ein. Sie lachten, winkten, sortierten Taschen, verabschiedeten sich wehmütig.
Elke musste nun auch einsteigen, setzte sich, suchte seinen Blick. Klaus war nicht mehr zu sehen. Sie wollten beide auf eine Verabschiedung verzichten.
Das Schicksal sollte entscheiden, ob der Große Wagen den Kleinen Wagen noch einmal treffen würde. Ob es noch einmal ein QDM zwischen ihnen gab.
Die Bustüren schlossen sich. Der Motor lief bereits, als plötzlich ein Ruck durch den Bus ging. Zischen. Die Türen öffneten sich wieder. Alle schauten sich fragend um.
Klaus kam hereingestürzt. Er rannte den Mittelgang entlang, suchend, entschlossen, fand sie. Bevor Elke irgendetwas sagen konnte, stand er vor ihr, beugte sich herunter und küsste sie.
Ein kurzer, echter, unmissverständlicher Kuss.
Einen Moment lang war es still. Dann brach Jubel aus. Pfeifen. Klatschen. Gejohle. Klaus grinste, sagte kein Wort, drehte sich um und rannte genauso schnell wieder hinaus, wie er hereingestürmt war.
Elke saß einfach nur da. Sprachlos. Und hatte jetzt noch viel mehr Fragen als zuvor.
Hätte sie doch schon das Glas für ihre Schmetterlinge! Diese flogen nun kreuz und quer durch den Bus.
Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht schoss. Ganz sicher war sie knallrot.
Die Türen schlossen sich wieder. Der Bus fuhr an. Ihre Sitznachbarin rief sie beim Namen. Elke drehte sich zu ihr um und ein Blitz schoss ihr ins Gesicht.
Dieses Foto sollte einst ein Zeitzeuge für eine strahlende, lachende Elke mit leuchtenden Augen sein.
Klaus, der unterwegs nach Münster war, schloss während der Zugfahrt die Augen und ließ die Momente, in denen sie sich nahe gewesen waren, noch einmal Revue passieren. Angesichts so weniger Minuten, in denen so wenig passiert war, war das Gefühl, sie jetzt schon zu vermissen, enorm groß.
...

