Cowboyhut und Diadem
Ylaine und ihre Jungs
EUR 16,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 222
ISBN: 978-3-99185-111-0
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
„Als ich im Zimmer bei euch auf der Ranch wach geworden bin und dich im Sessel schlafend gesehen habe, dachte ich mir: Oh, verdammt, sieht der gut aus! Du weißt, ich steh auf Sixpacks! Aber auch, wie du mit den Pferden und anderen Tieren umgehst, gefällt mir.“
1
Die Ausreißerin
Ihr Herz klopfte. Sie war aufgeregt. Ylaine zog sich die heimlich gekauften Sachen an und holte den gepackten Rucksack unter dem Bett hervor. Leise verließ sie ihr Zimmer über den nur ihr bekannten Geheimgang und schlich aus dem Palast. Ihrer Hofdame Bethany hatte sie Bescheid gegeben, dass sie nicht vor 11 Uhr morgens geweckt werden wollte. Der Vorsprung sollte reichen, um schon außer Landes zu sein. Sie fand das von ihrer besten Freundin Liz geparkte Auto außerhalb des Schlossparks, unweit der Stelle, an der der Geheimgang endete. Der Wagen gehörte einem Freund von Liz, der ihr sowieso noch einen Gefallen schuldete. Die Schlüssel lagen, wie vereinbart, im linken vorderen Radkasten. Ylaine wollte Liz so viel wie möglich aus allem raushalten, da sie – als beste Freundin von Prinzessin Ylaine – vom Sicherheitsdienst als Erstes durchleuchtet werden würde. Liz war heute Abend auf einer Party, auf der sie jeder sehen konnte. Somit hatte sie natürlich ein einwandfreies Alibi. Ylaine fuhr zum Flughafen des Nachbarlandes, wo sie einen Flug nach Washington/USA gebucht hatte. Alles war auf ihren neuen Pass abgestimmt. Ylaine konnte als Prinzessin des Landes einen Pass mit einem Pseudonym beantragen. Liz’ andere Freundin wiederum arbeitete auf dem Passamt und gelobte äußerste Diskretion bei dieser Aktion. Mal schauen, wie lange das gut ging. Ylaine parkte den Wagen etwas außerhalb und ging in das Flughafengebäude. Sie zog die Baseballkappe tief ins Gesicht und achtete darauf, dass die Überwachungskameras möglichst nicht ihr Gesicht erfassen konnten. Denn die Daten sämtlicher Kameras wären das Erste, was Mike Banner, der Sicherheitschef des Palastes und enger Vertrauter König Frederiks, ihres Dads, prüfen würde. Deswegen hatte sie sich für den Flughafen des Nachbarlandes entschieden. Das gab ihr hoffentlich einen zusätzlichen Vorsprung, denn die Security würde sich als Erstes auf die Flughäfen und Bahnhöfe des eigenen Landes konzentrieren. Außerdem hatte sie hier einen Nachtflug buchen können. Das machte die Sache einfacher. Bei Tag unerkannt außer Landes zu kommen, war so gut wie unmöglich. Vorsichtshalber hatte sie sich die Haare mit Henna mahagonirot gefärbt und die Verpackung ordentlich entsorgt. Sie kannte ihre Jungs und deren Methoden. Sie kam problemlos durch die Kontrollen und saß endlich im Flieger. Langsam ließ ihre Nervosität nach. Aber schlafen konnte sie während des Fluges nicht. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Dad tat ihr fast ein bisschen leid, weil sie Hals über Kopf abgehauen war. Aber er war nicht ganz unschuldig an der Sache. Er wollte sie mit seinem besten Freund verheiraten! Mit einem über 50-jährigen Mann, Lord Wilmore, der sich angeblich so in sie verliebt hatte! Das sei schon länger so besprochen gewesen und wäre gut für die Dynastie und das Königshaus. Dad hatte nicht mit sich reden lassen und war stur geblieben. Ylaine liebte ihren Vater sehr, aber das ging gar nicht. In fast jedem anderen Land konnten die Königskinder Bürgerliche heiraten, nur sie nicht. Das war nicht fair. Also sah sie keinen anderen Ausweg, als wegzulaufen. Vielleicht brachte das ihren Vater zur Vernunft. Das hoffte sie zumindest. Wenn wenigstens Mutter noch am Leben wäre. Sie hätte Dad bestimmt umstimmen können. Aber sie war kurz nach ihrer Geburt bei einem Unfall ums Leben gekommen. Da war Ylaine circa ein Jahr alt. Also gab es keine weibliche Unterstützung außer ihrer besten Freundin Liz. Ohne sie wäre sie bestimmt nicht so weit gekommen. Hoffentlich hatten beide an alles gedacht. Ylaine kam in Washington, D. C., an und auch hier problemlos durch die Kontrollen. Puh, geschafft. Als Gepäck hatte sie nur den Rucksack als Handgepäck. Auf der Toilette tauschte sie noch mit einem jungen Mädchen die Baseballkappe und die Jacke, da sie ihr so gut gefallen hatten. Das war bestimmt eine gute Idee für ein Ablenkungsmanöver, dachte sich Ylaine. Sie verließ das Flughafengebäude und ging zu den Bussen. Es war bestimmt schwieriger für die Jungs der Security, sie zu verfolgen, wenn sie mit dem Bus fuhr. Sie bestieg einen Greyhoundbus Richtung Westen, setzte sich ziemlich weit hinten hin und schlief dann doch recht schnell ein.
Königlicher Palast, Molderra
Es war 11 Uhr morgens. Die Prinzessin hatte eindeutig zu verstehen gegeben, dass sie nicht vor 11 Uhr geweckt werden wollte. Ihre beiden Bodyguards, Sergej und James, standen seit heute Morgen um 7:00 Uhr vor ihrer Zimmertür. Tom und Rene hatten die Nachtschicht auf dem Flur vor Ylaines Zimmer verbracht und sich nach der Ablösung schlafen gelegt. Bethany, Ylaines Hofdame, klopfte an die Tür und betrat vorsichtig das Zimmer der Prinzessin.
„Ylaine, aufstehen! Es ist schon nach elf!“ Keine Reaktion. Bethany ging zum Bett und zog die Bettdecke zurück. Das Bett war leer. Es schien auch in der Nacht unbenutzt gewesen zu sein. Bethany bekam Herzklopfen. Und was, wenn …? Sie ging ins angrenzende Bad und schaute dort nach – nichts, in den Schränken, unter dem Bett – nichts. Ylaine spielte als Jugendliche gerne solche Spielchen und trieb Bethany und die Jungs oft in den Wahnsinn. Aber doch nicht mehr mit 24 Jahren!
„Sergej! James!“, rief Bethany aufgebracht. Beide Jungs stürmten ins Zimmer. „Ylaine ist weg! Ihr Bett ist unbenutzt! Ich habe überall nachgesehen. Sie ist nicht da!“ Sie hob noch mal die Bettdecke hoch und hoffte einfach, sie hätte Ylaine übersehen. Als sie das Kissen anhob, entdeckte sie einen Zettel mit Ylaines Handschrift. „Sergej, ich habe etwas gefunden. Hier, das muss Ylaine geschrieben haben. Es ist ihre Handschrift!“
Sergej, der erste Bodyguard Ylaines, las laut vor: „Lieber Dad, es tut mir sehr leid, aber ich finde im Moment keinen anderen Ausweg, als zu gehen. Ich will und werde deinen Freund, Lord Wilmore, nicht heiraten. Das kommt für mich definitiv nicht infrage. Da du mit dir nicht mehr reden lässt, bleibt mir leider keine andere Wahl. Die Jungs haben damit nichts zu tun und an meinem Verschwinden keine Schuld! Die kannst du bei dir selber suchen! Ylaine.“
Verdammt, wie schaffte sie das nur immer? Wie sollten sie das nur dem König beibringen?
„Code Red! Code Red! Die Prinzessin ist weg!“ Sergej und James gaben den Notruf durch ihre Funkarmbänder an die anderen Sicherheitskräfte weiter. Auch Tom und Rene, die noch schliefen, wurden dadurch geweckt. Scheiße! Was war passiert? Als sie Nachtwache hielten, war doch alles ruhig. Kein Mucks war aus dem Zimmer der Prinzessin zu hören, keine Auffälligkeiten. Wie hatte sie sich nur rausschleichen können? Schnell zogen sich die beiden an und rannten zu Mike, dem Sicherheitschef des Palastes. Der war auf hundertachtzig und brüllte die Jungs an.
„Wie konnte das passieren?! Wie soll ich das König Frederik beibringen? Könnt ihr mir das vielleicht erklären?“ Er blickte die Jungs durchdringend an. Auch die anderen Sicherheitskräfte waren gekommen.
„Wir haben die Prinzessin gestern Abend gegen halb zehn zu ihrem Zimmer begleitet. Sie hat noch zu Bethany gesagt, dass sie vor 11 Uhr nicht geweckt werden wollte“, sagte James.
„Ja, dann kamen Tom und Rene zur Wachablösung. Sie hatten die Nachtschicht“, bestätigte Sergej.
„Tom, Rene, habt ihr irgendetwas bemerkt oder Auffälliges gehört?“ Mike sah die Jungs durchdringend an.
„Nein, absolut nichts.“ Beide schüttelten den Kopf. „Wir waren die ganze Nacht auf dem Flur und vor ihrem Zimmer, ehrlich!“
Mike wischte sich mit der Hand durch das Gesicht und seufzte. Irgendwie hatte er ein bisschen Verständnis für Ylaine. Sie mit einem älteren Mann zu verheiraten, fand er nicht passend. Er konnte somit ihre Handlungsweise nachvollziehen. König Frederik war einfach zu stur. Das konnte er auch nicht verstehen. Er hatte versucht, mit Frederik darüber zu sprechen. Schließlich hatte sich durch die langjährige Zusammenarbeit eine gewisse Freundschaft gebildet, die es ihm erlaubte, private Themen mit König Frederik zu besprechen. Aber hierbei ließ der König einfach nicht mit sich reden. Das hatte auch Ylaine gemerkt. Tja, nun hatte sie einen Ausweg gefunden. Sie war weg! Definitiv. Auf Kosten der Security, auch wenn sie in ihrem Brief schrieb, dass sie keine Schuld daran hätte. Trotzdem mussten die Jungs und er es ausbaden. Es fiel auf sie zurück. Nun ja, der Palast war kein Gefängnis. Manchmal war er bestimmt ein goldener Käfig, aber kein Hochsicherheitstrakt. Mike machte sich auf den Weg zu König Frederik, nachdem er seine Jungs instruiert hatte, sämtliche Überwachungskameras zu checken und die nächsten Flughäfen und Bahnhöfe zu kontrollieren. Ylaine hatte einen Vorsprung von circa 13 Stunden. Sie konnte schon sonst wo sein. Das wird hart. Mike holte tief Luft, bevor er an die Tür des Arbeitszimmers des Königs klopfte. Er teilte ihm mit, dass seine einzige Tochter auf und davon war und sie nicht die leiseste Ahnung hatten, wo sie sein konnte. Sie waren erst am Anfang der Suche. König Frederik war sehr ungehalten.
„Mike! Wie konnte das passieren! Wozu haben wir Sicherheitsleute? Damit genau so etwas nicht passieren kann! Ich weiß, Ylaine macht es euch nicht immer leicht. Sie hat euch als Kind und Jugendliche oft an der Nase herumgeführt. Aber jetzt? Hast du eine Erklärung dafür?“ Seine Stimme wurde schärfer.
„Majestät, ich vermute, dass Ylaine als Kind den ein oder anderen Geheimgang noch für sich entdeckt hat, der nicht in unseren Plänen verzeichnet ist. Sie war früher oft plötzlich für einige Stunden verschwunden. Sie hat bestimmt noch einen Geheimgang als ‚Notreserve‘ für sich behalten. Das hat sie jetzt ausgenutzt. Nur so konnte sie den Palast unbemerkt verlassen – vielleicht mithilfe einer Freundin. Da sind wir bereits dran. Ich nehme die Schuld auf mich und biete hiermit meinen Rücktritt an.“
„Mike, damit ist mir nicht geholfen. Ylaine ist weg. Wenn du gehst, wer soll sie denn finden wenn nicht Du?“
„Frederik, ich kann Ylaine schon ein bisschen verstehen. Sie mit einem älteren Mann zu verheiraten, ist für eine junge und so hübsche Frau wie Ylaine meiner Meinung nach nicht angemessen. Ich hatte dir schon gesagt, wie ich dazu stehe. Meine Jungs tun alles, um sie zu finden. Aber sie hat einen Vorsprung von circa 13 Stunden. Bis jetzt haben wir noch keinen Anhaltspunkt, wo wir anfangen sollen zu suchen.“
„Findet sie und halte mich auf dem Laufenden, Mike. Das wäre erst mal alles.“ König Frederik nickte zur Tür und gab Mike damit zu verstehen, dass das Gespräch beendet war.
Mike ging zurück zur Zentrale, wo die anwesenden Sicherheitsleute emsig beschäftigt waren, irgendeinen Hinweis zu finden, wo sie Ylaine suchen sollten.
Tom, ein Security-Mann der zweiten Liga, die hauptsächlich die Nachtwachen oder Wachen im Palast stellten, war verzweifelt. Scheiße! Musste das ausgerechnet in seiner Nachtschicht passieren? Jetzt konnte er sich die Chance, irgendwann zur ersten Liga der Bodyguards zu gehören, abschminken. Tom war groß, gut gebaut und dunkelblond. Manchmal trug er einen Dreitagebart. Sein Vater war schon Bodyguard bei König Frederik gewesen, jetzt aber in Rente. Seine Eltern waren unheimlich stolz, dass auch ihr Sohn Teil der Security war. Umso mehr musste er sich nun bemühen, irgendetwas zu finden. Und wenn er Tag und Nacht arbeiten musste. Ein Mal Bodyguard des Königs oder sogar der Prinzessin zu sein, das war sein absoluter Traum. Aber nach der Pleite in der Nacht war das ganz weit weggerückt. Er ging mit den anderen Jungs sämtliche Überwachungskameras vom Palast, den Straßen, Flughäfen und Bahnhöfen durch. Sie konnten aber keinen brauchbaren Anhaltspunkt finden.
2
Der Schuss
Pinefalls, Montana
Ylaine war Tag und Nacht mit dem Bus unterwegs. Wie lange schon, konnte sie kaum sagen, weil sie oft einschlief. Sie kamen in einem kleinen Städtchen in Montana an. Es gefiel ihr. Sie stieg aus dem Bus und stieß unsanft mit einem Typen zusammen.
„Oh, sorry“, entschuldigte sich Ylaine. „Können Sie mir sagen, welche Stadt das ist? Ich bin eben erst im Bus aufgewacht.“
„Sie sind in Pinefalls, Ma’am“, antwortete er höflich mit einem süffisanten Lächeln und ging weiter.
„Danke.“ Ylaine nahm ihren Rucksack und ging ins nächste Café. Sie trank erst mal Kaffee und fragte die Frau am Tresen, wo man sich ein Pferd ausleihen könnte.
„Fragen Sie mal auf der Baker Ranch nach. Die bieten auch geführte Ausritte an. Vielleicht verleihen sie auch Pferde. Die Ranch ist etwas außerhalb der Stadt, südlich von hier, etwa eine halbe Stunde zu Fuß oder Sie nehmen den Bus.“
„Danke, ich gehe lieber zu Fuß, habe lange genug im Bus gesessen. Vielen Dank für den Kaffee und die Auskunft.“ Sie packte ihren Rucksack und machte sich auf den Weg. Nach circa einer halben Stunde war sie an der Ranch angekommen. Da es aber schon Nachmittag war, beschloss Ylaine, eine Nacht auf der Ranch zu verbringen und erst am nächsten Tag loszureiten.
Sie bekam einen schönen Fuchswallach mit breiter weißer Blesse und vier fast gleichmäßigen weißen Beinen. Sie hatte noch eine Satteltasche dazu gekauft, um das Gepäck ein bisschen gleichmäßiger zu verteilen. Sie hatte das Pferd, sein Name war Criollo, für drei Tage ausgeliehen und wollte von Ranch zu Ranch reiten. Eine Karte hatte sie mitbekommen. Sie suchte sich aus, wie sie reiten wollte, prägte sich die Richtung und die Wege ein und ritt los. Außerdem konnte sie jederzeit auf der Karte nachsehen.
Mahoona Ranch
Niclas Carter war stinksauer. Lehrer waren so ungerecht! Er kam zu Hause auf der Mahoona Ranch an, schmiss seine Schultasche hin und knallte die Haustür zu.
„Ah, wir haben schlechte Laune“, bemerkte Jolanta, seine Mutter.
„Ja, der Lehrer ist echt ungerecht. Ich hab die gleichen Noten geschrieben wie Paul. Der bekommt im Zeugnis eine Zwei und ich ’ne Drei! Obwohl ich mündlich mehr mitmache als Paul! Das ist ungerecht! – Ich geh schießen! Muss mich abreagieren!“ Er kochte. Hier kamen das Temperament und die Pubertät eines 17-Jährigen zum Vorschein.
„Schau erst, dass alles abgesichert ist! Ich sag Edmond Bescheid!“, rief Jolanta hinter ihm her. Rums! Nick hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Ob er das gehört hatte? Immer mussten sie Nick daran erinnern und ermahnen, beim Schießen aufzupassen und alles abzusichern. Sie hatten weiter hinten auf dem Gelände der Ranch einen Schießstand eingerichtet, wo Wayne mit seinen beiden Jungs, Edmond und Nick, schießen konnte. Auch die Cowboys nutzten den Schießstand. Jolanta rief Edmond über Funk an. Hier auf der Ranch benutzten sie Funkgeräte, da sie in dem unwegsamen Gelände eine bessere Reichweite hatten. Er war der älteste Sohn Jolantas und Waynes und 28 Jahre alt. Er hatte Jura und Politik in Harvard studiert und als einer der Besten in seinem Jahrgang abgeschnitten. Edmond hatte einen tollen Job bei einer renommierten Anwaltskanzlei in Boston bekommen, war aber sofort zur Ranch zurückgekehrt, als sein Vater sich das Bein gebrochen hatte und nur sehr eingeschränkt einsetzbar war. Edmond war sehr zielstrebig und gewissenhaft, sehr vernünftig und hilfsbereit. Er war das krasse Gegenteil seines jüngeren, aufbrausenden Bruders Nick.
„Mom, habe verstanden. Ich reite sofort rüber zu Nick und pass auf ihn auf.“ Edmond schwang sich in den Sattel und galoppierte sofort zum Schießstand. Er kannte seinen kleinen Bruder. Er war leider, was die Sicherheit beim Schießen anging, eher nachlässig und sah Sicherheitsvorkehrungen als unnötig an.
Ylaine war selig. Sie war hier in Montana, sie war allein. Was für eine fantastische Natur! Sie genoss es und war einfach nur glücklich wie schon lange nicht mehr. Langsam fielen die Sorgen und Ängste von ihr ab. Es ging nichts über einen schönen Ausritt mit einem Pferd. Sie liebte Pferde. Ihr größter Wunsch war es immer gewesen, in den Westen der USA zu reisen und das Ranch-Leben der Cowboys kennenzulernen. Ja, nun war sie ihrem Traum einen Schritt nähergekommen. Sie galoppierte das Pferd an.
Da fielen Schüsse. Ylaine spürte kurz einen heftigen Schmerz, dann wurde es dunkel um sie.
Scheiße! Nick hatte schon ohne ihn angefangen, obwohl er wusste, dass er auf einen Erwachsenen warten musste. So war die Vereinbarung. Hoffentlich hatte er die Sicherheitsabsperrung überprüft. Ein herrenloses Pferd kam ihm entgegen. Oh Gott! Bitte lass nichts passiert sein! Das sah nicht gut aus. Das Pferd stoppte und ließ sich einfangen. Edmond rief Nick sofort über Funk an, er solle aufhören und zu ihm kommen. Er ritt in die Richtung, aus der das Pferd gekommen war. Edmond sah den Reiter auf dem Boden liegen. Oh nein! Er sprang vom Pferd, lief zu dem Reiter hin und drehte ihn vorsichtig um. Nick kam auch schon angaloppiert und sprang ebenfalls vom Pferd.
„Hab ich ihn erwischt? Ist er tot?“, fragte Nick. Die Panik hörte man deutlich in seiner Stimme. Sie überschlug sich. Der Cowboyhut des Reiters fiel zur Seite und das lange mahagonifarbene Haar Ylaines kam darunter hervor. Ihr Gesicht war aschfahl und blass. An der rechten Schläfe hatte sie eine Platzwunde, aus der viel Blut floss. Die hatte sie sich wahrscheinlich beim Sturz vom Pferd zugezogen. Mit großen, leeren Augen sah sie Edmond an und verlor dann wieder das Bewusstsein.
„Oh mein Gott, ich kenne die Frau! Ich habe sie gestern in der Stadt getroffen, wohl eine Touristin auf der Durchreise.“ Er bemerkte die Schusswunde an der rechten Schulter, aus der ebenfalls viel Blut lief. „Nick, du hast sie nicht erschossen. Sie lebt noch. Schnell, ruf Mom an, sie soll Dr. Redford anrufen. Der muss sofort kommen. Hilf mir, sie auf mein Pferd zu heben, ich reite mit ihr zurück. Du reitest schon mal vor und beichtest es Mom und Dad! Mach schnell und ein Mal, was man dir sagt! Und nimm ihr Pferd als Handpferd mit zurück!“ Nick galoppierte zur Ranch zurück. Edmond folgte vorsichtig und etwas langsamer mit Ylaine.
Königspalast, Molderra
Sergej schreckte aus dem Schlaf hoch. Er war klatschnass geschwitzt, die Haare waren verstrubbelt. Er hatte einen Albtraum: Ylaine war erschossen worden! Sie lag am Boden, Blut lief ihr an der rechten Schläfe herunter, das Gesicht war aschfahl und blass. Mit großen, leeren Augen hatte sie ihn angestarrt. Aus der rechten Schulter lief das Blut in Strömen. Oh Gott! Nein! Sergej fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er sprang aus dem Bett und lief mit Pyjamahose, durchgeschwitztem T-Shirt und barfuß zu James’ Apartment im Schloss, das er mit seiner Frau und seinem Sohn bewohnte. Er hämmerte an die Tür. James öffnete.
„Bist du verrückt? Du weckst meine Familie auf! Was ist passiert? Du siehst furchtbar aus!“
„Ylaine ist tot! Sie ist erschossen worden!“
„Moment, Moment. Woher weißt du das?“
„Ich habe sie gesehen! Sie lag auf dem Boden. Das Blut lief ihr an der rechten Schläfe herunter. An der rechten Schulter hatte sie auch eine Wunde, eine Schusswunde, glaube ich. Sie hat mich mit großen, leeren Augen angestarrt und ist dann gestorben!“ Die pure Verzweiflung war aus Sergejs Stimme zu hören.
„Sergej, du hattest einen Albtraum! Glaub mir, es war nur ein Albtraum!“
„Nein, nein“, schrie Sergej, „es war so echt! Ich bin fix und fertig.“
„Sergej, hör mir zu!“ James packte den Freund an den Schultern und schüttelte ihn. „Sergej, du hattest einen Albtraum. Schau dich an! Du hast geschlafen und deine tiefsten Ängste sind in dem Traum zutage gekommen! Ich weiß, du und Ylaine steht euch sehr nah. Ihr habt eine Verbindung zueinander, die niemand so richtig verstehen kann. Vielleicht war es nur ein Hinweis. Was hast du noch gesehen?“ Er schüttelt ihn erneut.
„Es war alles voller Blut! Es war furchtbar. Ich konnte ihr nicht helfen!“ Sergej rutschte an der Wand hinunter auf den Boden und hielt seinen Kopf in beiden Händen, seine Stimme zitterte. „Was ist, wenn sie wirklich erschossen wurde? Was machen wir jetzt?“ „Wir gehen erst mal von einem Albtraum aus“, sagte James gefasst. „Alles andere ist reine Vermutung. Was hast du noch gesehen? Irgendwelche Details? Kannst du dich an etwas erinnern?“ Sergej überlegte.
„Da lag noch etwas neben ihrem Kopf, ein Hut oder so was.“
„Was für ein Hut? Wie sah er aus? Kannst du ihn beschreiben?“
„Er war hell und nach außen gedreht. Man konnte nur das Innere des Hutes sehen. Aber die Ränder waren leicht gebogen.“
„War es ein eleganter oder ein mexikanischer Hut? Ein Cowboyhut?“
„Ja, ich glaube, ein Cowboyhut könnte passen.“
„Ein Cowboyhut? Das könnte vielleicht ein Hinweis sein. Die Prinzessin wollte schon immer in die Rockys auf eine Ranch und reiten. O. k., Sergej, komm! Schlafen können wir beide jetzt sowieso nicht mehr. Wir ziehen uns an und sagen es Mike. Das mit dem ,Erschießen‘ lassen wir erst mal weg. Aber wir haben einen Anhaltspunkt: USA! Im Westen!“
...
Die Ausreißerin
Ihr Herz klopfte. Sie war aufgeregt. Ylaine zog sich die heimlich gekauften Sachen an und holte den gepackten Rucksack unter dem Bett hervor. Leise verließ sie ihr Zimmer über den nur ihr bekannten Geheimgang und schlich aus dem Palast. Ihrer Hofdame Bethany hatte sie Bescheid gegeben, dass sie nicht vor 11 Uhr morgens geweckt werden wollte. Der Vorsprung sollte reichen, um schon außer Landes zu sein. Sie fand das von ihrer besten Freundin Liz geparkte Auto außerhalb des Schlossparks, unweit der Stelle, an der der Geheimgang endete. Der Wagen gehörte einem Freund von Liz, der ihr sowieso noch einen Gefallen schuldete. Die Schlüssel lagen, wie vereinbart, im linken vorderen Radkasten. Ylaine wollte Liz so viel wie möglich aus allem raushalten, da sie – als beste Freundin von Prinzessin Ylaine – vom Sicherheitsdienst als Erstes durchleuchtet werden würde. Liz war heute Abend auf einer Party, auf der sie jeder sehen konnte. Somit hatte sie natürlich ein einwandfreies Alibi. Ylaine fuhr zum Flughafen des Nachbarlandes, wo sie einen Flug nach Washington/USA gebucht hatte. Alles war auf ihren neuen Pass abgestimmt. Ylaine konnte als Prinzessin des Landes einen Pass mit einem Pseudonym beantragen. Liz’ andere Freundin wiederum arbeitete auf dem Passamt und gelobte äußerste Diskretion bei dieser Aktion. Mal schauen, wie lange das gut ging. Ylaine parkte den Wagen etwas außerhalb und ging in das Flughafengebäude. Sie zog die Baseballkappe tief ins Gesicht und achtete darauf, dass die Überwachungskameras möglichst nicht ihr Gesicht erfassen konnten. Denn die Daten sämtlicher Kameras wären das Erste, was Mike Banner, der Sicherheitschef des Palastes und enger Vertrauter König Frederiks, ihres Dads, prüfen würde. Deswegen hatte sie sich für den Flughafen des Nachbarlandes entschieden. Das gab ihr hoffentlich einen zusätzlichen Vorsprung, denn die Security würde sich als Erstes auf die Flughäfen und Bahnhöfe des eigenen Landes konzentrieren. Außerdem hatte sie hier einen Nachtflug buchen können. Das machte die Sache einfacher. Bei Tag unerkannt außer Landes zu kommen, war so gut wie unmöglich. Vorsichtshalber hatte sie sich die Haare mit Henna mahagonirot gefärbt und die Verpackung ordentlich entsorgt. Sie kannte ihre Jungs und deren Methoden. Sie kam problemlos durch die Kontrollen und saß endlich im Flieger. Langsam ließ ihre Nervosität nach. Aber schlafen konnte sie während des Fluges nicht. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Dad tat ihr fast ein bisschen leid, weil sie Hals über Kopf abgehauen war. Aber er war nicht ganz unschuldig an der Sache. Er wollte sie mit seinem besten Freund verheiraten! Mit einem über 50-jährigen Mann, Lord Wilmore, der sich angeblich so in sie verliebt hatte! Das sei schon länger so besprochen gewesen und wäre gut für die Dynastie und das Königshaus. Dad hatte nicht mit sich reden lassen und war stur geblieben. Ylaine liebte ihren Vater sehr, aber das ging gar nicht. In fast jedem anderen Land konnten die Königskinder Bürgerliche heiraten, nur sie nicht. Das war nicht fair. Also sah sie keinen anderen Ausweg, als wegzulaufen. Vielleicht brachte das ihren Vater zur Vernunft. Das hoffte sie zumindest. Wenn wenigstens Mutter noch am Leben wäre. Sie hätte Dad bestimmt umstimmen können. Aber sie war kurz nach ihrer Geburt bei einem Unfall ums Leben gekommen. Da war Ylaine circa ein Jahr alt. Also gab es keine weibliche Unterstützung außer ihrer besten Freundin Liz. Ohne sie wäre sie bestimmt nicht so weit gekommen. Hoffentlich hatten beide an alles gedacht. Ylaine kam in Washington, D. C., an und auch hier problemlos durch die Kontrollen. Puh, geschafft. Als Gepäck hatte sie nur den Rucksack als Handgepäck. Auf der Toilette tauschte sie noch mit einem jungen Mädchen die Baseballkappe und die Jacke, da sie ihr so gut gefallen hatten. Das war bestimmt eine gute Idee für ein Ablenkungsmanöver, dachte sich Ylaine. Sie verließ das Flughafengebäude und ging zu den Bussen. Es war bestimmt schwieriger für die Jungs der Security, sie zu verfolgen, wenn sie mit dem Bus fuhr. Sie bestieg einen Greyhoundbus Richtung Westen, setzte sich ziemlich weit hinten hin und schlief dann doch recht schnell ein.
Königlicher Palast, Molderra
Es war 11 Uhr morgens. Die Prinzessin hatte eindeutig zu verstehen gegeben, dass sie nicht vor 11 Uhr geweckt werden wollte. Ihre beiden Bodyguards, Sergej und James, standen seit heute Morgen um 7:00 Uhr vor ihrer Zimmertür. Tom und Rene hatten die Nachtschicht auf dem Flur vor Ylaines Zimmer verbracht und sich nach der Ablösung schlafen gelegt. Bethany, Ylaines Hofdame, klopfte an die Tür und betrat vorsichtig das Zimmer der Prinzessin.
„Ylaine, aufstehen! Es ist schon nach elf!“ Keine Reaktion. Bethany ging zum Bett und zog die Bettdecke zurück. Das Bett war leer. Es schien auch in der Nacht unbenutzt gewesen zu sein. Bethany bekam Herzklopfen. Und was, wenn …? Sie ging ins angrenzende Bad und schaute dort nach – nichts, in den Schränken, unter dem Bett – nichts. Ylaine spielte als Jugendliche gerne solche Spielchen und trieb Bethany und die Jungs oft in den Wahnsinn. Aber doch nicht mehr mit 24 Jahren!
„Sergej! James!“, rief Bethany aufgebracht. Beide Jungs stürmten ins Zimmer. „Ylaine ist weg! Ihr Bett ist unbenutzt! Ich habe überall nachgesehen. Sie ist nicht da!“ Sie hob noch mal die Bettdecke hoch und hoffte einfach, sie hätte Ylaine übersehen. Als sie das Kissen anhob, entdeckte sie einen Zettel mit Ylaines Handschrift. „Sergej, ich habe etwas gefunden. Hier, das muss Ylaine geschrieben haben. Es ist ihre Handschrift!“
Sergej, der erste Bodyguard Ylaines, las laut vor: „Lieber Dad, es tut mir sehr leid, aber ich finde im Moment keinen anderen Ausweg, als zu gehen. Ich will und werde deinen Freund, Lord Wilmore, nicht heiraten. Das kommt für mich definitiv nicht infrage. Da du mit dir nicht mehr reden lässt, bleibt mir leider keine andere Wahl. Die Jungs haben damit nichts zu tun und an meinem Verschwinden keine Schuld! Die kannst du bei dir selber suchen! Ylaine.“
Verdammt, wie schaffte sie das nur immer? Wie sollten sie das nur dem König beibringen?
„Code Red! Code Red! Die Prinzessin ist weg!“ Sergej und James gaben den Notruf durch ihre Funkarmbänder an die anderen Sicherheitskräfte weiter. Auch Tom und Rene, die noch schliefen, wurden dadurch geweckt. Scheiße! Was war passiert? Als sie Nachtwache hielten, war doch alles ruhig. Kein Mucks war aus dem Zimmer der Prinzessin zu hören, keine Auffälligkeiten. Wie hatte sie sich nur rausschleichen können? Schnell zogen sich die beiden an und rannten zu Mike, dem Sicherheitschef des Palastes. Der war auf hundertachtzig und brüllte die Jungs an.
„Wie konnte das passieren?! Wie soll ich das König Frederik beibringen? Könnt ihr mir das vielleicht erklären?“ Er blickte die Jungs durchdringend an. Auch die anderen Sicherheitskräfte waren gekommen.
„Wir haben die Prinzessin gestern Abend gegen halb zehn zu ihrem Zimmer begleitet. Sie hat noch zu Bethany gesagt, dass sie vor 11 Uhr nicht geweckt werden wollte“, sagte James.
„Ja, dann kamen Tom und Rene zur Wachablösung. Sie hatten die Nachtschicht“, bestätigte Sergej.
„Tom, Rene, habt ihr irgendetwas bemerkt oder Auffälliges gehört?“ Mike sah die Jungs durchdringend an.
„Nein, absolut nichts.“ Beide schüttelten den Kopf. „Wir waren die ganze Nacht auf dem Flur und vor ihrem Zimmer, ehrlich!“
Mike wischte sich mit der Hand durch das Gesicht und seufzte. Irgendwie hatte er ein bisschen Verständnis für Ylaine. Sie mit einem älteren Mann zu verheiraten, fand er nicht passend. Er konnte somit ihre Handlungsweise nachvollziehen. König Frederik war einfach zu stur. Das konnte er auch nicht verstehen. Er hatte versucht, mit Frederik darüber zu sprechen. Schließlich hatte sich durch die langjährige Zusammenarbeit eine gewisse Freundschaft gebildet, die es ihm erlaubte, private Themen mit König Frederik zu besprechen. Aber hierbei ließ der König einfach nicht mit sich reden. Das hatte auch Ylaine gemerkt. Tja, nun hatte sie einen Ausweg gefunden. Sie war weg! Definitiv. Auf Kosten der Security, auch wenn sie in ihrem Brief schrieb, dass sie keine Schuld daran hätte. Trotzdem mussten die Jungs und er es ausbaden. Es fiel auf sie zurück. Nun ja, der Palast war kein Gefängnis. Manchmal war er bestimmt ein goldener Käfig, aber kein Hochsicherheitstrakt. Mike machte sich auf den Weg zu König Frederik, nachdem er seine Jungs instruiert hatte, sämtliche Überwachungskameras zu checken und die nächsten Flughäfen und Bahnhöfe zu kontrollieren. Ylaine hatte einen Vorsprung von circa 13 Stunden. Sie konnte schon sonst wo sein. Das wird hart. Mike holte tief Luft, bevor er an die Tür des Arbeitszimmers des Königs klopfte. Er teilte ihm mit, dass seine einzige Tochter auf und davon war und sie nicht die leiseste Ahnung hatten, wo sie sein konnte. Sie waren erst am Anfang der Suche. König Frederik war sehr ungehalten.
„Mike! Wie konnte das passieren! Wozu haben wir Sicherheitsleute? Damit genau so etwas nicht passieren kann! Ich weiß, Ylaine macht es euch nicht immer leicht. Sie hat euch als Kind und Jugendliche oft an der Nase herumgeführt. Aber jetzt? Hast du eine Erklärung dafür?“ Seine Stimme wurde schärfer.
„Majestät, ich vermute, dass Ylaine als Kind den ein oder anderen Geheimgang noch für sich entdeckt hat, der nicht in unseren Plänen verzeichnet ist. Sie war früher oft plötzlich für einige Stunden verschwunden. Sie hat bestimmt noch einen Geheimgang als ‚Notreserve‘ für sich behalten. Das hat sie jetzt ausgenutzt. Nur so konnte sie den Palast unbemerkt verlassen – vielleicht mithilfe einer Freundin. Da sind wir bereits dran. Ich nehme die Schuld auf mich und biete hiermit meinen Rücktritt an.“
„Mike, damit ist mir nicht geholfen. Ylaine ist weg. Wenn du gehst, wer soll sie denn finden wenn nicht Du?“
„Frederik, ich kann Ylaine schon ein bisschen verstehen. Sie mit einem älteren Mann zu verheiraten, ist für eine junge und so hübsche Frau wie Ylaine meiner Meinung nach nicht angemessen. Ich hatte dir schon gesagt, wie ich dazu stehe. Meine Jungs tun alles, um sie zu finden. Aber sie hat einen Vorsprung von circa 13 Stunden. Bis jetzt haben wir noch keinen Anhaltspunkt, wo wir anfangen sollen zu suchen.“
„Findet sie und halte mich auf dem Laufenden, Mike. Das wäre erst mal alles.“ König Frederik nickte zur Tür und gab Mike damit zu verstehen, dass das Gespräch beendet war.
Mike ging zurück zur Zentrale, wo die anwesenden Sicherheitsleute emsig beschäftigt waren, irgendeinen Hinweis zu finden, wo sie Ylaine suchen sollten.
Tom, ein Security-Mann der zweiten Liga, die hauptsächlich die Nachtwachen oder Wachen im Palast stellten, war verzweifelt. Scheiße! Musste das ausgerechnet in seiner Nachtschicht passieren? Jetzt konnte er sich die Chance, irgendwann zur ersten Liga der Bodyguards zu gehören, abschminken. Tom war groß, gut gebaut und dunkelblond. Manchmal trug er einen Dreitagebart. Sein Vater war schon Bodyguard bei König Frederik gewesen, jetzt aber in Rente. Seine Eltern waren unheimlich stolz, dass auch ihr Sohn Teil der Security war. Umso mehr musste er sich nun bemühen, irgendetwas zu finden. Und wenn er Tag und Nacht arbeiten musste. Ein Mal Bodyguard des Königs oder sogar der Prinzessin zu sein, das war sein absoluter Traum. Aber nach der Pleite in der Nacht war das ganz weit weggerückt. Er ging mit den anderen Jungs sämtliche Überwachungskameras vom Palast, den Straßen, Flughäfen und Bahnhöfen durch. Sie konnten aber keinen brauchbaren Anhaltspunkt finden.
2
Der Schuss
Pinefalls, Montana
Ylaine war Tag und Nacht mit dem Bus unterwegs. Wie lange schon, konnte sie kaum sagen, weil sie oft einschlief. Sie kamen in einem kleinen Städtchen in Montana an. Es gefiel ihr. Sie stieg aus dem Bus und stieß unsanft mit einem Typen zusammen.
„Oh, sorry“, entschuldigte sich Ylaine. „Können Sie mir sagen, welche Stadt das ist? Ich bin eben erst im Bus aufgewacht.“
„Sie sind in Pinefalls, Ma’am“, antwortete er höflich mit einem süffisanten Lächeln und ging weiter.
„Danke.“ Ylaine nahm ihren Rucksack und ging ins nächste Café. Sie trank erst mal Kaffee und fragte die Frau am Tresen, wo man sich ein Pferd ausleihen könnte.
„Fragen Sie mal auf der Baker Ranch nach. Die bieten auch geführte Ausritte an. Vielleicht verleihen sie auch Pferde. Die Ranch ist etwas außerhalb der Stadt, südlich von hier, etwa eine halbe Stunde zu Fuß oder Sie nehmen den Bus.“
„Danke, ich gehe lieber zu Fuß, habe lange genug im Bus gesessen. Vielen Dank für den Kaffee und die Auskunft.“ Sie packte ihren Rucksack und machte sich auf den Weg. Nach circa einer halben Stunde war sie an der Ranch angekommen. Da es aber schon Nachmittag war, beschloss Ylaine, eine Nacht auf der Ranch zu verbringen und erst am nächsten Tag loszureiten.
Sie bekam einen schönen Fuchswallach mit breiter weißer Blesse und vier fast gleichmäßigen weißen Beinen. Sie hatte noch eine Satteltasche dazu gekauft, um das Gepäck ein bisschen gleichmäßiger zu verteilen. Sie hatte das Pferd, sein Name war Criollo, für drei Tage ausgeliehen und wollte von Ranch zu Ranch reiten. Eine Karte hatte sie mitbekommen. Sie suchte sich aus, wie sie reiten wollte, prägte sich die Richtung und die Wege ein und ritt los. Außerdem konnte sie jederzeit auf der Karte nachsehen.
Mahoona Ranch
Niclas Carter war stinksauer. Lehrer waren so ungerecht! Er kam zu Hause auf der Mahoona Ranch an, schmiss seine Schultasche hin und knallte die Haustür zu.
„Ah, wir haben schlechte Laune“, bemerkte Jolanta, seine Mutter.
„Ja, der Lehrer ist echt ungerecht. Ich hab die gleichen Noten geschrieben wie Paul. Der bekommt im Zeugnis eine Zwei und ich ’ne Drei! Obwohl ich mündlich mehr mitmache als Paul! Das ist ungerecht! – Ich geh schießen! Muss mich abreagieren!“ Er kochte. Hier kamen das Temperament und die Pubertät eines 17-Jährigen zum Vorschein.
„Schau erst, dass alles abgesichert ist! Ich sag Edmond Bescheid!“, rief Jolanta hinter ihm her. Rums! Nick hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Ob er das gehört hatte? Immer mussten sie Nick daran erinnern und ermahnen, beim Schießen aufzupassen und alles abzusichern. Sie hatten weiter hinten auf dem Gelände der Ranch einen Schießstand eingerichtet, wo Wayne mit seinen beiden Jungs, Edmond und Nick, schießen konnte. Auch die Cowboys nutzten den Schießstand. Jolanta rief Edmond über Funk an. Hier auf der Ranch benutzten sie Funkgeräte, da sie in dem unwegsamen Gelände eine bessere Reichweite hatten. Er war der älteste Sohn Jolantas und Waynes und 28 Jahre alt. Er hatte Jura und Politik in Harvard studiert und als einer der Besten in seinem Jahrgang abgeschnitten. Edmond hatte einen tollen Job bei einer renommierten Anwaltskanzlei in Boston bekommen, war aber sofort zur Ranch zurückgekehrt, als sein Vater sich das Bein gebrochen hatte und nur sehr eingeschränkt einsetzbar war. Edmond war sehr zielstrebig und gewissenhaft, sehr vernünftig und hilfsbereit. Er war das krasse Gegenteil seines jüngeren, aufbrausenden Bruders Nick.
„Mom, habe verstanden. Ich reite sofort rüber zu Nick und pass auf ihn auf.“ Edmond schwang sich in den Sattel und galoppierte sofort zum Schießstand. Er kannte seinen kleinen Bruder. Er war leider, was die Sicherheit beim Schießen anging, eher nachlässig und sah Sicherheitsvorkehrungen als unnötig an.
Ylaine war selig. Sie war hier in Montana, sie war allein. Was für eine fantastische Natur! Sie genoss es und war einfach nur glücklich wie schon lange nicht mehr. Langsam fielen die Sorgen und Ängste von ihr ab. Es ging nichts über einen schönen Ausritt mit einem Pferd. Sie liebte Pferde. Ihr größter Wunsch war es immer gewesen, in den Westen der USA zu reisen und das Ranch-Leben der Cowboys kennenzulernen. Ja, nun war sie ihrem Traum einen Schritt nähergekommen. Sie galoppierte das Pferd an.
Da fielen Schüsse. Ylaine spürte kurz einen heftigen Schmerz, dann wurde es dunkel um sie.
Scheiße! Nick hatte schon ohne ihn angefangen, obwohl er wusste, dass er auf einen Erwachsenen warten musste. So war die Vereinbarung. Hoffentlich hatte er die Sicherheitsabsperrung überprüft. Ein herrenloses Pferd kam ihm entgegen. Oh Gott! Bitte lass nichts passiert sein! Das sah nicht gut aus. Das Pferd stoppte und ließ sich einfangen. Edmond rief Nick sofort über Funk an, er solle aufhören und zu ihm kommen. Er ritt in die Richtung, aus der das Pferd gekommen war. Edmond sah den Reiter auf dem Boden liegen. Oh nein! Er sprang vom Pferd, lief zu dem Reiter hin und drehte ihn vorsichtig um. Nick kam auch schon angaloppiert und sprang ebenfalls vom Pferd.
„Hab ich ihn erwischt? Ist er tot?“, fragte Nick. Die Panik hörte man deutlich in seiner Stimme. Sie überschlug sich. Der Cowboyhut des Reiters fiel zur Seite und das lange mahagonifarbene Haar Ylaines kam darunter hervor. Ihr Gesicht war aschfahl und blass. An der rechten Schläfe hatte sie eine Platzwunde, aus der viel Blut floss. Die hatte sie sich wahrscheinlich beim Sturz vom Pferd zugezogen. Mit großen, leeren Augen sah sie Edmond an und verlor dann wieder das Bewusstsein.
„Oh mein Gott, ich kenne die Frau! Ich habe sie gestern in der Stadt getroffen, wohl eine Touristin auf der Durchreise.“ Er bemerkte die Schusswunde an der rechten Schulter, aus der ebenfalls viel Blut lief. „Nick, du hast sie nicht erschossen. Sie lebt noch. Schnell, ruf Mom an, sie soll Dr. Redford anrufen. Der muss sofort kommen. Hilf mir, sie auf mein Pferd zu heben, ich reite mit ihr zurück. Du reitest schon mal vor und beichtest es Mom und Dad! Mach schnell und ein Mal, was man dir sagt! Und nimm ihr Pferd als Handpferd mit zurück!“ Nick galoppierte zur Ranch zurück. Edmond folgte vorsichtig und etwas langsamer mit Ylaine.
Königspalast, Molderra
Sergej schreckte aus dem Schlaf hoch. Er war klatschnass geschwitzt, die Haare waren verstrubbelt. Er hatte einen Albtraum: Ylaine war erschossen worden! Sie lag am Boden, Blut lief ihr an der rechten Schläfe herunter, das Gesicht war aschfahl und blass. Mit großen, leeren Augen hatte sie ihn angestarrt. Aus der rechten Schulter lief das Blut in Strömen. Oh Gott! Nein! Sergej fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er sprang aus dem Bett und lief mit Pyjamahose, durchgeschwitztem T-Shirt und barfuß zu James’ Apartment im Schloss, das er mit seiner Frau und seinem Sohn bewohnte. Er hämmerte an die Tür. James öffnete.
„Bist du verrückt? Du weckst meine Familie auf! Was ist passiert? Du siehst furchtbar aus!“
„Ylaine ist tot! Sie ist erschossen worden!“
„Moment, Moment. Woher weißt du das?“
„Ich habe sie gesehen! Sie lag auf dem Boden. Das Blut lief ihr an der rechten Schläfe herunter. An der rechten Schulter hatte sie auch eine Wunde, eine Schusswunde, glaube ich. Sie hat mich mit großen, leeren Augen angestarrt und ist dann gestorben!“ Die pure Verzweiflung war aus Sergejs Stimme zu hören.
„Sergej, du hattest einen Albtraum! Glaub mir, es war nur ein Albtraum!“
„Nein, nein“, schrie Sergej, „es war so echt! Ich bin fix und fertig.“
„Sergej, hör mir zu!“ James packte den Freund an den Schultern und schüttelte ihn. „Sergej, du hattest einen Albtraum. Schau dich an! Du hast geschlafen und deine tiefsten Ängste sind in dem Traum zutage gekommen! Ich weiß, du und Ylaine steht euch sehr nah. Ihr habt eine Verbindung zueinander, die niemand so richtig verstehen kann. Vielleicht war es nur ein Hinweis. Was hast du noch gesehen?“ Er schüttelt ihn erneut.
„Es war alles voller Blut! Es war furchtbar. Ich konnte ihr nicht helfen!“ Sergej rutschte an der Wand hinunter auf den Boden und hielt seinen Kopf in beiden Händen, seine Stimme zitterte. „Was ist, wenn sie wirklich erschossen wurde? Was machen wir jetzt?“ „Wir gehen erst mal von einem Albtraum aus“, sagte James gefasst. „Alles andere ist reine Vermutung. Was hast du noch gesehen? Irgendwelche Details? Kannst du dich an etwas erinnern?“ Sergej überlegte.
„Da lag noch etwas neben ihrem Kopf, ein Hut oder so was.“
„Was für ein Hut? Wie sah er aus? Kannst du ihn beschreiben?“
„Er war hell und nach außen gedreht. Man konnte nur das Innere des Hutes sehen. Aber die Ränder waren leicht gebogen.“
„War es ein eleganter oder ein mexikanischer Hut? Ein Cowboyhut?“
„Ja, ich glaube, ein Cowboyhut könnte passen.“
„Ein Cowboyhut? Das könnte vielleicht ein Hinweis sein. Die Prinzessin wollte schon immer in die Rockys auf eine Ranch und reiten. O. k., Sergej, komm! Schlafen können wir beide jetzt sowieso nicht mehr. Wir ziehen uns an und sagen es Mike. Das mit dem ,Erschießen‘ lassen wir erst mal weg. Aber wir haben einen Anhaltspunkt: USA! Im Westen!“
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