Schicksal Hollywood
Das Leben der amerikanischen Schauspielerin Doris Day abseits der Filmindustrie
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-99130-437-1
Erscheinungsdatum: 21.05.2024
Das Leben von Doris Day hat auch abseits der bekannten Film- und Musikveröffentlichungen viel zu bieten. Ihre zahlreichen Ehen haben sie in Höhen und Tiefen und nahezu in den finanziellen Ruin geführt.
Carmel-by-the-Sea, Kalifornien, 1987
Doris trug noch fast das Blond ihrer Jugend, sie hat sich etwas zurechtgemacht, nichts Auffälliges, aber doch schick. Das Haar geföhnt, ein leichtes Make-up, sie war 65 und sah gut aus. Die schwindende Berühmtheit empfand sie nicht nur als Segen, es war mehr als das: Sie genoss jeden einzelnen Tag, denn sie hatte ihre Herzensaufgabe gefunden. Sie musste für ihre Animal Fundation die nächste Spendenaktion organisieren. Deshalb war sie unterwegs in das Büro, das sie für diese Tätigkeit eingerichtet hat. Die Hunde, mit denen sie in den geräumigen Van stieg, kannten sich aus, sprangen sofort nach dem Öffnen der Autotür auf die Hintersitze und reihten sich wie wohlerzogene Kinder auf. Die Fahrt von ihrem Haus in Carmel-by-the-Sea ins Stadtzentrum war kurz. Das moderne Bürohaus hat eigene Parkplätze, aber die waren alle besetzt. Sie ärgerte sich nicht wirklich, so hatte sie einen Grund, weiter hinten in der Nähe der Grünflächen zu parken und mit den Hunden einen kleinen Umweg zum Büro zu gehen. Es war Frühling, die Sonne schien, die gepflegten Wege dieser Gegend waren menschenleer. Sie sah den Mann sehr spät, weil sie mit ihren Hunden beschäftigt war. Er war ein Schatten, dem sie nur Platz machen wollte, aber er blieb vor ihr stehen, sah sie an, sah ihr in die Augen auf eine Art, die sie anmaßend fand. „Guten Tag, steh ich im Weg?“, fragte er sie. Dann blickte an ihr vorbei auf die Hunde, stellte sich gerade hin. Er war in ihrem Alter, gutaussehend und . weit hinten in ihrem Gedächtnis öffnete sich eine Tür.
„Du erkennst mich nicht, Doris? Ich bin dein zweiter Ehemann“, sagte der Mann.
Jetzt erst sah sie ihm wirklich in die Augen und sie erkannte das Blau und die Erinnerung überkam sie wie eine Welle. Sie lächelte. Sie wollte ihn umarmen, aber das war so unangemessen nach ihren harschen Worten. „Ach Georg, ich glaube es nicht, wie lange haben wir uns nicht gesehen?“
„Schätze es sind dreißig Jahre, die du mich nicht gesehen hast.“, sagte Georg. „Ich habe dich viel gesehen, im Kino, im Fernsehen, in der Zeitung …“ Seine Stimme wurde leiser.
„Was machst du hier in diesem verschlafenen Nest?“ Doris konnte es immer noch nicht fassen.
„Was willst du hören? Das, was ich mir zurechtgelegt habe, oder die Wahrheit?“, fragte Georg, den Kopf leicht zur Seite neigend.
Sie sah ihn an. Das freundschaftliche Gefühl, das nach ihrer kurzen Ehe geblieben war, war wieder da. „Was hast du einstudiert?“, fragte sie ihn, ohne zu überlegen.
„Ach Doris, manchmal fühle ich mich mit meinen 61 Jahren sehr alt und ich weiß nicht, wie lange ich noch habe. Ich hörte von deiner Organisation, Animal Foundation, gerade als meine Katze starb, an Altersschwäche. Das war ein Zeichen. Ich dachte, ich fahr hin, es ist nicht weit und bring die Spende persönlich vorbei. Das bin ich Doris schuldig.“ Er sah sie breit lächelnd an.
Nun endlich umarmte sie ihn. „Wie schön, dass wir uns jetzt sehen!“ Doris lächelte. Ihr so ehrlicher Charme war noch da, wie George feststellte. „Lass uns einen Kaffee trinken“, sagte Doris und schlug den Weg zu ihrem Lieblingscafé ein.
Das Café war ein verwunschener Ort in einem Hinterhof. Blumen umrahmten die mit kleinen Steinen gepflasterten Kreise, auf denen runde Metalltische mit je vier verschnörkelten Metallstühlen standen. Georg merkte sofort, dass man sie dort kannte. Die Kellnerin grüßte von weitem und hielt Doris nicht von ihrem zielstrebigen Weg zu einem bestimmten Tisch ab. Als sie an den Tisch trat, bestellte Doris für Georg mit. Es war wie früher, das beruhigte ihn. Er lehnte sich zurück, um sich gleich wieder aufzurichten, die Lehne drückte hart in den Rücken. Seine Blicke schweiften über den zauberhaften Garten, dann sagte er: „Doris, ich glaube zu sehen, dass du glücklich bist.“ Er beugte sich vor und sprach leiser. „Waren es wirklich nur vier Ehemänner, habe ich etwas verpasst?“
Doris lachte. Er verstand es, ihr zu gefallen, selbst nach all den Jahren. „Du hast nichts verpasst, Georg, und du warst der Beste von allen.“ Sie lächelte auf eine Weise, die ihm sagte, dass sie es so meinte und es doch nur ein Kompliment war. „Du siehst aus wie ein Mensch, der angekommen ist, Doris“, sagte Georg.
„Du hast recht, mit jedem Wort. Es war ein langer Weg hierher. Aber ja, ich habe meinen Ort gefunden und etwas, was ich nicht suchen ging“, antwortete sie in der ihr eigenen pragmatischen Art.
„Erzähl es mir Doris, du bist es mir nicht schuldig, aber ich muss wissen, was es war, was ich dir nicht geben konnte.“ Mit diesem Satz leugnete er, dass er sie damals verließ, und es gefiel ihr.
Es waren die 1980er, sie hatte eine leichte, pinkfarbene Bluse an, er saß da, in weiten, hochgeschnittenen Hosen und Poloshirt. Im Hintergrund lief Countrymusik, ganz leise. Sie lehnten sich fast synchron zurück. Doris sah ihn an und es lag sehr viel Zuneigung in ihren Augen.
Cincinnati, Ohio, 1930
Das rote, zweistöckige Backsteinhaus in Evanston, einem Vorort von Cincinnati, war ihr zu Hause. Es stand in einer Stadt, deren Geschichte durch deutsche Einwanderer geprägt war. Ihre Eltern waren in der dritten Generation hier im Land und die Nachnamen ihrer Eltern William Kappelhoff und Alma Sophia Welz sagten genug über ihre Herkunft. Cincinnati war einmal Indianerland und deutsche Söldneroffiziere rangen es ihnen ab. Sie gaben der Stadt den Namen in Gedenken an Lucius Quinctius Cincinnatus, einen römischen Militärführer. Der Fluss sorgte dafür, dass Cincinnati von der tiefen wirtschaftlichen Depression der 1930er Jahre nicht so stark betroffen war wie der große Rest des Landes. Der Handel ging, wenn auch schleppend, weiter und es kam Geld in die Stadt. Geld, das die Menschen auch zur Christian Science trugen, wo ihr Vater Kirchenorganist und Chorleiter war. Sie war das Nesthäkchen, ihre Mutter eine Hausfrau mit Leib und Seele. Der frühe Tod ihres ersten Kindes Richard ließ sehr viel Liebe übrig, die sie auf ihren großen Bruder Paul und sie verteilte – zusätzlich, denn sie hatte mehr davon als andere Mütter. Jedes Mädchen liebt ihren Vater, es kann nichts dagegen tun und ihr Vater sah zudem gut aus. Wenn sie am Sonntag in die Kirche gingen und er besonders gut angezogen war, wurde er von den Gemeindemitgliedern mit „Herr Professor“ gegrüßt, einfach nur weil er es ausstrahlte. Wenn man die Kirchengemeinde fragte, beschrieben sie ihn als zurückhaltend und eher introvertiert in diesen Jahren seines Lebens.
Doris war im Jahr 1930 acht Jahre alt, blond, lebendig und bog wie fast immer rennend in den Weg zum Haus ein und bremste ab, wenn die Verandatür verschlossen war. Das war das Zeichen, dass ihr Vater einen Musikschüler dahatte. Sie ging dann nicht durch die Vordertür, sondern schlich sich hinten hinein. Das Quietschen des Violinschülers übertönte das der Tür.
An diesem Tag wartete ihre Mutter schon auf sie: „Komm schnell rein Doris, ich muss dir was zeigen.“ Sie zog sie am Arm durch die Küche, durch den Flur in Richtung des Wohnzimmers, öffnete die Tür und stellte sich in die Mitte des Raumes, die Arme weit ausgebreitet. „Oh Mom, was hast du wieder getan? Es ist so anders, so ganz anders!“, rief Doris. Alma glühte vor Stolz: „Es ist großartig, oder? Der Schrank ist aus dem Sichtfeld, wenn du reinkommst, die Sessel hier, da möchte sich doch jeder Gast gleich hinsetzen. Es war harte Arbeit, sag ich dir.“ Doris war nicht wirklich überrascht darüber, was hier gerade passiert war. Ihre Mutter räumte öfter um, wenn sie mit dem Putzen und Kochen fertig war. Sie tat in dieser Hinsicht mehr als andere Hausfrauen.
Als Paul aus der Schule kam, gab es Mittagessen in der Küche. Der Vater arbeitete noch. Doris saß mit dem Rücken zur Tür und erschrak, als er eintrat. Wortlos setzte er sich an den Tisch.
Alma holte geschäftig einen Teller, tat ihm die Suppe hinein, legte Brot und Löffel dazu, aber es half nichts. Er sah sie vorwurfsvoll an. „War das unbedingt nötig, Alma?“ „Ja, es war nötig. Am Wochenende haben wir doch unsere Houseparty. Ich kann es unmöglich jedes Mal gleich lassen.“ Williams Stimme war voller Resignation. „Du weißt, ich mag deine Partys nicht. Diese ewige Westernmusik zehrt an meinen Nerven.“ Er aß und sah sie nicht mehr an und keiner wagte, sein Schweigen zu stören.
Vor Jahren, als William und Alma sich kennenlernten, hatte diese Unterschiedlichkeit einen großen Reiz für beide dargestellt. Der andere zog sie magisch an. Wie zwei gegenteilig aufgeladene Magneten konnten sie nicht anders, als zu heiraten und Kinder zu zeugen. Beide waren zufrieden. Das Gehalt der Kirche reichte, dass sie sich um Haus und Kinder kümmern konnte. Der Alltag, das so wärmende Wesen, schlich sich ein, um Mann und Frau heimlich blutleer zu saugen. Und ehe sie es bemerkten, fehlte die Kraft, es zu ändern. William stand auf. „Ich muss nachher gleich noch einmal los, der Chor, die Vorbereitungen des Gottesdienstes, du weißt.“ Ihr Vater war abends sehr selten zu Hause.
Der Samstag kam und ihre Mutter verfiel in jene euphorische Geschäftigkeit, die Partys bei ihr auslösten. Es gab viel vorzubereiten, das Essen, die Musikauswahl, Tischkärtchen. Doris tanzte schon durchs Haus, in dem den ganzen Tag Western- und Countrymusik lief und freute sich auf die Leute, die bald das neu umgeräumte Wohnzimmer fluten würden. Endlich kamen die ersten den Weg herauf, die Schmids. Er war hager, etwas sonderbar in Kleidung und Auftreten und sie war auf eine spezielle Art schön. Sie waren wie ihre Eltern Mitte dreißig und Susanne Schmid strahlte übers ganze Gesicht. Sie waren die Vorhut und bald übertönten die Gespräche die Musik. Ihr Vater duldete den Trubel und saß gern etwas abseits. Doris lief hin und her, holte Gläser, bot Getränke an, brachte auch welche zu ihrem Vater, der sich mit Susanne unterhielt. Irgendwann schlich Doris die Treppe hoch, todmüde fiel sie in ihr Bett. Ihr Zimmer war ein Durchgangszimmer, vor dem Gästezimmer gelegen, das selten benutzt wurde. Es war klein und nur ein Bett und ein Schrank standen darin, es wurde nie umgeräumt.
Sie war so müde, dass sie sich nicht wie gewohnt zur Seite legte, sondern wie eine Aufgebahrte die Hände faltete und es hörte. Sie konnte es nicht ignorieren. Das Haus war innen nur mit leichten Holzwänden geteilt und es war jemand im Gästezimmer. Hellwach und wider Willen konzentrierte sie sich auf die andere Seite der Wand. Es waren zwei Menschen. Sie hörte das tiefe Atmen, das Bett knarrte, hörte das unterdrückte Stöhnen einer Frau. Mein Gott, sie war acht und das gehörte offenbar zum Leben, aber es ließ sie nicht einschlafen. Die Geräusche stürmten einem ihr unbekannten Höhepunkt entgegen. Musste das hier sein, Sie ärgerte sich schon etwas. Endlich drehte sie sich zur Seite, den Blick zur Tür zum Flur gerichtet. Sie war fast eingeschlafen, da öffnete sich die Tür des Gästezimmers. Ein Mann und eine Frau schlichen sich an ihr vorbei. Sie richtete sich die Haare, er stopfte im Gehen das Hemd in die Hose. Die Tür zum Flur öffnete sich und ein Lichtstrahl machte aus den Silhouetten Menschen, die sie kannte. Ein Paar, das keine Sekunde an das Mädchen dachte, das sie dabei beobachtete und dessen Welt dadurch ins Wanken geriet. Susanne Schmid schlüpfte geschickt durch die Tür und ihr Vater zog sie leise hinter sich zu, ohne zurückzusehen.
Am nächsten Morgen saßen sie alle am Frühstückstisch. Ihre Eltern gingen ganz normal miteinander um. Doris beruhigte das, aber sie hörte auch, dass ihr Vater von Verpflichtungen in der Kirche sprach und nicht den ganzen Tag Zeit haben würde. Hoffentlich hatte er nächsten Freitag Zeit, dachte sie, denn sie hatte einen großen Tanzauftritt bei der Schuster Marints Ballet School, die sie besuchte. Ihre Mutter hatte sie dort angemeldet und auch schon das Kostüm genäht. Sie würde mit Jerry tanzen, Jerry Doherty.
Cincinnati, Ohio, 1935
Fünf Jahre später, sie war jetzt zwölf Jahre und Jerry Doherty war immer noch an ihrer Seite. Sie waren ein wunderbares Paar, irgendwie sehr professionell. Es war Samstag, ein ganz besonderer Tag. „Komm, Doris, wir sind spät dran. Die Jury wird nicht auf uns warten.“ Alma war etwas aufgeregt. Es war zwar nur ein Tanzwettbewerb in einem Einkaufszentrum, aber er war mit 500 $ dotiert, das war wirklich viel. Doris war mittlerweile zu den Hesslers auf die Tanzschule gewechselt, der Talentschmiede für Hollywood. Sie stürmte die Treppe hinunter, noch immer rannte sie, wann immer es nicht unschicklich war: „Wird Vater kommen?“, fragte sie im Vorbeilaufen.
„Du weißt, dass er Kirchendienst hat. Er hat wenig Zeit dafür“, sagte Alma und Doris schluckte ihre Enttäuschung herunter.
Sie fuhren mit dem Auto zu den Dohertys. Die Kostüme hatte Alma genäht und in Verwahrung. Wenig später stiegen Jerry und seine Mutter mit einer Selbstverständlichkeit ins Auto, die zeigte, dass es schon so viele Auftritte und Fahrten zu ihnen gegeben hatte. Sie waren wie ein kleines Unternehmen, ein Tanz Duo mit Courtage und Management. Die Hausfrauen waren in diese Riege aufgestiegen, und Alma musste ihre Tochter zu nichts überreden. Sicher, sie motivierte sie, war immer dabei und war sehr stolz, aber Doris tat es nicht fürs Management, sie hatte einfach Freude am Tanzen.
Nach der Anmeldung an kleinen Tischen mit grau wirkenden jungen Menschen gingen sie in die freigehaltenen Räume neben den Toiletten, langsam füllte sich der leere Bereich vor der Bühne, die im Zentrum des großen Einkaufscenters aufgebaut worden war. Sehr viele kamen von weit weg, um hier teilzunehmen. Das Preisgeld rechtfertigte eine nicht unerhebliche Anreise. Doris musste ins Kostüm, die Mutter würde es noch zunähen, wenn sie drinsteckte, dann saß es besser. Ihr blondes Haar war da weniger schwierig. Sie war aufgeregt, wenn es losging, aber auf eine angenehme Weise. Jerry und sie waren ein Team. Er war gut, richtig gut und sie unterstrich es. Sie sah ihn verschwörerisch an, aber er war ein schüchterner Junge. „Jerry, ich glaube, wir können das hier gewinnen.“ Sie warteten auf ihren Auftritt. Jerrys Mutter zupft an ihm herum, Doris stand dicht bei ihrer Mutter Alma. „Du lächelst so schön, Doris, vergiss es nicht. Und freu dich darauf. Die Konkurrenz ist stark, aber ihr seid zusammen stärker“, sagte Alma.
Doris und Jerry gingen hinaus auf die Bühne und lieferten ab. Das Publikum und die Jury waren sich am Ende schnell einig. Alma nahm das sensationelle Preisgeld vom Veranstalter entgegen, strahlend teilten sie es im Auto auf.
Doris wollte so schnell wie möglich nach Hause und ihrem Vater von diesem Sieg erzählen. Er hatte ihr im letzten Jahr Violinunterricht gegeben, das war wenig erfolgreich, aber jetzt, das musste er wissen, war sie in etwas wirklich gut. Sie stürmte ins Haus, Paul, ihr Bruder, kam die Treppe hinunter, er sah sie traurig an und fragte: „Suchst du Vater?“ „Ja“, sie resignierte bereits. „Wir haben gewonnen, im Einkaufscenter …“ Paul war unbeeindruckt, er stand oben auf der halben Treppe und sah auf sie herab. „Er ist weg, heute Nachmittag kommt er nochmal, holt den Rest der Sachen.“ Doris stand unter Schock. Es war ihr nicht verborgen geblieben, sie hätte damit rechnen können. Damals mit acht hoffte sie noch, es war ein böser Traum, aber Vater war immer seltener am Tisch, die Eltern stritten, über die Musik, die Alma hörte, ihre Ruhelosigkeit. Dann stritten sie nicht mehr und ihr Vater war manchmal tagelang nicht zu Hause. Ihre Mutter wusste, dass William wahrscheinlich mehr als eine Affäre hatte und nun eine Frau gefunden hatte, zu der er ziehen wollte. Die Scheidung war vorbereitet, das Unmögliche schien wahr zu werden, denn es gab keine Scheidung in der Christian Church. Ihr Vater würde dadurch seine Anstellung verlieren. Ihr Eltern hatten es versucht, all die Jahre, aber sie zögerten das Ende nur hinaus.
Das Tanzen und der Erfolg schafften es, die Traurigkeit von Doris fernzuhalten, bis zu solchen Momenten. Als ihr Vater später kam, war sie im Wohnzimmer, sie stellte sich hinter einen der schweren Vorhänge. Er lief die Treppe hoch und runter, sprach mit Paul, ihre Mutter war nicht zu sehen. Doris stand hinter dem Vorhang und weinte. Sie weigerte sich, die Bühne zu betreten und es kam niemand, der sie drängte. Ohne Abschied verließ ihr Vater das Haus. Wie damals in der Nacht der Hausparty hatte er sie einfach vergessen. Noch im selben Jahr wurden ihre Eltern nach 19 Ehejahren geschieden. Ihr Bruder und sie blieben zurück.
Cincinnati, Ohio, Frühling 1937
Zwei Jahren später zogen sie aus dem Haus in Evanston zu ihrem Onkel. Sein Haus lag näher am Zentrum von Cincinnati und ihre Mutter half ihm unten in dessen Bäckerei. So hatten sie ein Auskommen und Alma konnte sich weiter gut um ihre Kinder kümmern.
Tanzwettbewerbe füllten unverändert die Wochenenden und die Erfolge und das Talent ihrer Tochter blieben nicht unbemerkt. Eine Künstleragentur in Los Angeles, am anderen Ende des Landes, hatte sie eingeladen, zum Vortanzen, und es gab verschiedene Castings, die sie besuchen konnten. Es war der Silberstreif einer glänzenden Zukunft in Hollywood, aber zunächst ohne eine Option darauf, Geld zu verdienen. Das Geld für die Reise aufzutreiben, war weder für Alma noch für die Eltern ihres Tanzpartners Jerry Doherty einfach, aber irgendwie schafften sie es.
Es war ein Montag im Mai, als es endlich los ging. Für die 2000 Kilometer würden sie fast eine Woche brauchen. Vorn im Auto saßen Jerrys Eltern, Mr. und Mrs. Dohorty, hinten war Doris zwischen Jerry und ihre Mutter gezwängt. Sie waren nun den zweiten Tag auf der Interstate 40 Richtung Los Angeles unterwegs. Die Aufregung hatte sich noch nicht gelegt und bei jedem Halt zum Tanken und Essen wurden die Menschen und ihre Gesichter fremder. Endlich hielten sie wieder und gingen in einen dieser zahllosten Drugstores. Es war heiß für die Jahreszeit und erleichtert fanden sie rasch einen Platz zwischen all den Reisenden, die sie keines Blicks würdigten. Jerry rutschte schnell in die Bank, aber Doris ließ den Blick über den schmierigen Tisch gleiten. „Ich geh mal für kleine Mädchen“, sagte sie. Auf dem Rückweg schlich sie an den Küchentüren vorbei und wartete, bis ein Pendeln der Türen einen Blick freigab. Der Koch spürte ihre Augen in seinem Rücken. Er war dick und schwitzte, Schweiß lief über seine fast kahle Stirn. Er drehte sich um und sah sie für die Ewigkeit einer Sekunde an. Doris war verängstigt. Was war das? Kein Schwarzer, kein Hispano, kein Weißer. Es verwirrte sie, all diese Menschen zu sehen, die in all diesen Küchen und Diners arbeiteten und nirgendwohin zu gehören schienen. Sie waren ihre Reisebegleiter ohne Stadt, ohne Wohnung und der hier auch ohne Zugehörigkeit zu einem Volk. Es ängstigte sie. Kaum saß sie am Tisch, kam die Kellnerin. Jeder gab seine Bestellung auf, aber Doris schüttelte den Kopf. Vor ihrem geistigen Auge sah sie gerade, wie der Schweißtropfen des Kochs auf das Rührei tropfte. „Was ist los Darling?“, fragte ihre Mutter. „Nichts Ma, ich hab die ganze Flasche Milch im Auto ausgetrunken, ich bin satt.“
Sie schliefen in billigen Motels am Rande des Highways. Den Küchencheck führte Doris nun bei jedem Halt durch. Es blieb dann öfter bei der Milch, die sie tatsächlich satt machte. In Los Angeles angekommen, fanden sie ihre Zimmer in einem Bungalow, der sich zwischen andere duckte, am Rande der Stadt. Es war das Billigste, das sie hatten aus der Entfernung finden können. Schmutzig vom Straßenstaub der Überquerung eines ganzen Kontinentes standen sie zu fünft in dem kleinen Apartment mit Wohn- und Schlafzimmer. Eines der drei Betten war an der Tür, man musste es herunterklappen. Alma übernahm wie immer das Zepter. Sie war eine große Frau, nicht teuer aber gepflegt gekleidet und ihre Haare saßen trotz der Strapazen perfekt. „Wir machen es wie besprochen: Nachts schlafen die Kinder und ich“ – sie wand sich den Dohertys zu – „und am Tag, ruhen Martha und Jack sich aus.“ Mr. Doherty nickte zustimmend, er und auch seine Eltern waren nie über die Grenzen Ohios hinausgekommen und dieses Abenteuer, das das Talent seines Sohnes ihm bescherte, war ein Höhepunkt in seinem Leben. Zum Glück war Lawrence, ihr älterer Sohn, groß genug und sie hatten ihn bei einer Tante zurückgelassen. Auch Almas Sohn Paul war gut bei seinen Verwandten aufgehoben.
Doris trug noch fast das Blond ihrer Jugend, sie hat sich etwas zurechtgemacht, nichts Auffälliges, aber doch schick. Das Haar geföhnt, ein leichtes Make-up, sie war 65 und sah gut aus. Die schwindende Berühmtheit empfand sie nicht nur als Segen, es war mehr als das: Sie genoss jeden einzelnen Tag, denn sie hatte ihre Herzensaufgabe gefunden. Sie musste für ihre Animal Fundation die nächste Spendenaktion organisieren. Deshalb war sie unterwegs in das Büro, das sie für diese Tätigkeit eingerichtet hat. Die Hunde, mit denen sie in den geräumigen Van stieg, kannten sich aus, sprangen sofort nach dem Öffnen der Autotür auf die Hintersitze und reihten sich wie wohlerzogene Kinder auf. Die Fahrt von ihrem Haus in Carmel-by-the-Sea ins Stadtzentrum war kurz. Das moderne Bürohaus hat eigene Parkplätze, aber die waren alle besetzt. Sie ärgerte sich nicht wirklich, so hatte sie einen Grund, weiter hinten in der Nähe der Grünflächen zu parken und mit den Hunden einen kleinen Umweg zum Büro zu gehen. Es war Frühling, die Sonne schien, die gepflegten Wege dieser Gegend waren menschenleer. Sie sah den Mann sehr spät, weil sie mit ihren Hunden beschäftigt war. Er war ein Schatten, dem sie nur Platz machen wollte, aber er blieb vor ihr stehen, sah sie an, sah ihr in die Augen auf eine Art, die sie anmaßend fand. „Guten Tag, steh ich im Weg?“, fragte er sie. Dann blickte an ihr vorbei auf die Hunde, stellte sich gerade hin. Er war in ihrem Alter, gutaussehend und . weit hinten in ihrem Gedächtnis öffnete sich eine Tür.
„Du erkennst mich nicht, Doris? Ich bin dein zweiter Ehemann“, sagte der Mann.
Jetzt erst sah sie ihm wirklich in die Augen und sie erkannte das Blau und die Erinnerung überkam sie wie eine Welle. Sie lächelte. Sie wollte ihn umarmen, aber das war so unangemessen nach ihren harschen Worten. „Ach Georg, ich glaube es nicht, wie lange haben wir uns nicht gesehen?“
„Schätze es sind dreißig Jahre, die du mich nicht gesehen hast.“, sagte Georg. „Ich habe dich viel gesehen, im Kino, im Fernsehen, in der Zeitung …“ Seine Stimme wurde leiser.
„Was machst du hier in diesem verschlafenen Nest?“ Doris konnte es immer noch nicht fassen.
„Was willst du hören? Das, was ich mir zurechtgelegt habe, oder die Wahrheit?“, fragte Georg, den Kopf leicht zur Seite neigend.
Sie sah ihn an. Das freundschaftliche Gefühl, das nach ihrer kurzen Ehe geblieben war, war wieder da. „Was hast du einstudiert?“, fragte sie ihn, ohne zu überlegen.
„Ach Doris, manchmal fühle ich mich mit meinen 61 Jahren sehr alt und ich weiß nicht, wie lange ich noch habe. Ich hörte von deiner Organisation, Animal Foundation, gerade als meine Katze starb, an Altersschwäche. Das war ein Zeichen. Ich dachte, ich fahr hin, es ist nicht weit und bring die Spende persönlich vorbei. Das bin ich Doris schuldig.“ Er sah sie breit lächelnd an.
Nun endlich umarmte sie ihn. „Wie schön, dass wir uns jetzt sehen!“ Doris lächelte. Ihr so ehrlicher Charme war noch da, wie George feststellte. „Lass uns einen Kaffee trinken“, sagte Doris und schlug den Weg zu ihrem Lieblingscafé ein.
Das Café war ein verwunschener Ort in einem Hinterhof. Blumen umrahmten die mit kleinen Steinen gepflasterten Kreise, auf denen runde Metalltische mit je vier verschnörkelten Metallstühlen standen. Georg merkte sofort, dass man sie dort kannte. Die Kellnerin grüßte von weitem und hielt Doris nicht von ihrem zielstrebigen Weg zu einem bestimmten Tisch ab. Als sie an den Tisch trat, bestellte Doris für Georg mit. Es war wie früher, das beruhigte ihn. Er lehnte sich zurück, um sich gleich wieder aufzurichten, die Lehne drückte hart in den Rücken. Seine Blicke schweiften über den zauberhaften Garten, dann sagte er: „Doris, ich glaube zu sehen, dass du glücklich bist.“ Er beugte sich vor und sprach leiser. „Waren es wirklich nur vier Ehemänner, habe ich etwas verpasst?“
Doris lachte. Er verstand es, ihr zu gefallen, selbst nach all den Jahren. „Du hast nichts verpasst, Georg, und du warst der Beste von allen.“ Sie lächelte auf eine Weise, die ihm sagte, dass sie es so meinte und es doch nur ein Kompliment war. „Du siehst aus wie ein Mensch, der angekommen ist, Doris“, sagte Georg.
„Du hast recht, mit jedem Wort. Es war ein langer Weg hierher. Aber ja, ich habe meinen Ort gefunden und etwas, was ich nicht suchen ging“, antwortete sie in der ihr eigenen pragmatischen Art.
„Erzähl es mir Doris, du bist es mir nicht schuldig, aber ich muss wissen, was es war, was ich dir nicht geben konnte.“ Mit diesem Satz leugnete er, dass er sie damals verließ, und es gefiel ihr.
Es waren die 1980er, sie hatte eine leichte, pinkfarbene Bluse an, er saß da, in weiten, hochgeschnittenen Hosen und Poloshirt. Im Hintergrund lief Countrymusik, ganz leise. Sie lehnten sich fast synchron zurück. Doris sah ihn an und es lag sehr viel Zuneigung in ihren Augen.
Cincinnati, Ohio, 1930
Das rote, zweistöckige Backsteinhaus in Evanston, einem Vorort von Cincinnati, war ihr zu Hause. Es stand in einer Stadt, deren Geschichte durch deutsche Einwanderer geprägt war. Ihre Eltern waren in der dritten Generation hier im Land und die Nachnamen ihrer Eltern William Kappelhoff und Alma Sophia Welz sagten genug über ihre Herkunft. Cincinnati war einmal Indianerland und deutsche Söldneroffiziere rangen es ihnen ab. Sie gaben der Stadt den Namen in Gedenken an Lucius Quinctius Cincinnatus, einen römischen Militärführer. Der Fluss sorgte dafür, dass Cincinnati von der tiefen wirtschaftlichen Depression der 1930er Jahre nicht so stark betroffen war wie der große Rest des Landes. Der Handel ging, wenn auch schleppend, weiter und es kam Geld in die Stadt. Geld, das die Menschen auch zur Christian Science trugen, wo ihr Vater Kirchenorganist und Chorleiter war. Sie war das Nesthäkchen, ihre Mutter eine Hausfrau mit Leib und Seele. Der frühe Tod ihres ersten Kindes Richard ließ sehr viel Liebe übrig, die sie auf ihren großen Bruder Paul und sie verteilte – zusätzlich, denn sie hatte mehr davon als andere Mütter. Jedes Mädchen liebt ihren Vater, es kann nichts dagegen tun und ihr Vater sah zudem gut aus. Wenn sie am Sonntag in die Kirche gingen und er besonders gut angezogen war, wurde er von den Gemeindemitgliedern mit „Herr Professor“ gegrüßt, einfach nur weil er es ausstrahlte. Wenn man die Kirchengemeinde fragte, beschrieben sie ihn als zurückhaltend und eher introvertiert in diesen Jahren seines Lebens.
Doris war im Jahr 1930 acht Jahre alt, blond, lebendig und bog wie fast immer rennend in den Weg zum Haus ein und bremste ab, wenn die Verandatür verschlossen war. Das war das Zeichen, dass ihr Vater einen Musikschüler dahatte. Sie ging dann nicht durch die Vordertür, sondern schlich sich hinten hinein. Das Quietschen des Violinschülers übertönte das der Tür.
An diesem Tag wartete ihre Mutter schon auf sie: „Komm schnell rein Doris, ich muss dir was zeigen.“ Sie zog sie am Arm durch die Küche, durch den Flur in Richtung des Wohnzimmers, öffnete die Tür und stellte sich in die Mitte des Raumes, die Arme weit ausgebreitet. „Oh Mom, was hast du wieder getan? Es ist so anders, so ganz anders!“, rief Doris. Alma glühte vor Stolz: „Es ist großartig, oder? Der Schrank ist aus dem Sichtfeld, wenn du reinkommst, die Sessel hier, da möchte sich doch jeder Gast gleich hinsetzen. Es war harte Arbeit, sag ich dir.“ Doris war nicht wirklich überrascht darüber, was hier gerade passiert war. Ihre Mutter räumte öfter um, wenn sie mit dem Putzen und Kochen fertig war. Sie tat in dieser Hinsicht mehr als andere Hausfrauen.
Als Paul aus der Schule kam, gab es Mittagessen in der Küche. Der Vater arbeitete noch. Doris saß mit dem Rücken zur Tür und erschrak, als er eintrat. Wortlos setzte er sich an den Tisch.
Alma holte geschäftig einen Teller, tat ihm die Suppe hinein, legte Brot und Löffel dazu, aber es half nichts. Er sah sie vorwurfsvoll an. „War das unbedingt nötig, Alma?“ „Ja, es war nötig. Am Wochenende haben wir doch unsere Houseparty. Ich kann es unmöglich jedes Mal gleich lassen.“ Williams Stimme war voller Resignation. „Du weißt, ich mag deine Partys nicht. Diese ewige Westernmusik zehrt an meinen Nerven.“ Er aß und sah sie nicht mehr an und keiner wagte, sein Schweigen zu stören.
Vor Jahren, als William und Alma sich kennenlernten, hatte diese Unterschiedlichkeit einen großen Reiz für beide dargestellt. Der andere zog sie magisch an. Wie zwei gegenteilig aufgeladene Magneten konnten sie nicht anders, als zu heiraten und Kinder zu zeugen. Beide waren zufrieden. Das Gehalt der Kirche reichte, dass sie sich um Haus und Kinder kümmern konnte. Der Alltag, das so wärmende Wesen, schlich sich ein, um Mann und Frau heimlich blutleer zu saugen. Und ehe sie es bemerkten, fehlte die Kraft, es zu ändern. William stand auf. „Ich muss nachher gleich noch einmal los, der Chor, die Vorbereitungen des Gottesdienstes, du weißt.“ Ihr Vater war abends sehr selten zu Hause.
Der Samstag kam und ihre Mutter verfiel in jene euphorische Geschäftigkeit, die Partys bei ihr auslösten. Es gab viel vorzubereiten, das Essen, die Musikauswahl, Tischkärtchen. Doris tanzte schon durchs Haus, in dem den ganzen Tag Western- und Countrymusik lief und freute sich auf die Leute, die bald das neu umgeräumte Wohnzimmer fluten würden. Endlich kamen die ersten den Weg herauf, die Schmids. Er war hager, etwas sonderbar in Kleidung und Auftreten und sie war auf eine spezielle Art schön. Sie waren wie ihre Eltern Mitte dreißig und Susanne Schmid strahlte übers ganze Gesicht. Sie waren die Vorhut und bald übertönten die Gespräche die Musik. Ihr Vater duldete den Trubel und saß gern etwas abseits. Doris lief hin und her, holte Gläser, bot Getränke an, brachte auch welche zu ihrem Vater, der sich mit Susanne unterhielt. Irgendwann schlich Doris die Treppe hoch, todmüde fiel sie in ihr Bett. Ihr Zimmer war ein Durchgangszimmer, vor dem Gästezimmer gelegen, das selten benutzt wurde. Es war klein und nur ein Bett und ein Schrank standen darin, es wurde nie umgeräumt.
Sie war so müde, dass sie sich nicht wie gewohnt zur Seite legte, sondern wie eine Aufgebahrte die Hände faltete und es hörte. Sie konnte es nicht ignorieren. Das Haus war innen nur mit leichten Holzwänden geteilt und es war jemand im Gästezimmer. Hellwach und wider Willen konzentrierte sie sich auf die andere Seite der Wand. Es waren zwei Menschen. Sie hörte das tiefe Atmen, das Bett knarrte, hörte das unterdrückte Stöhnen einer Frau. Mein Gott, sie war acht und das gehörte offenbar zum Leben, aber es ließ sie nicht einschlafen. Die Geräusche stürmten einem ihr unbekannten Höhepunkt entgegen. Musste das hier sein, Sie ärgerte sich schon etwas. Endlich drehte sie sich zur Seite, den Blick zur Tür zum Flur gerichtet. Sie war fast eingeschlafen, da öffnete sich die Tür des Gästezimmers. Ein Mann und eine Frau schlichen sich an ihr vorbei. Sie richtete sich die Haare, er stopfte im Gehen das Hemd in die Hose. Die Tür zum Flur öffnete sich und ein Lichtstrahl machte aus den Silhouetten Menschen, die sie kannte. Ein Paar, das keine Sekunde an das Mädchen dachte, das sie dabei beobachtete und dessen Welt dadurch ins Wanken geriet. Susanne Schmid schlüpfte geschickt durch die Tür und ihr Vater zog sie leise hinter sich zu, ohne zurückzusehen.
Am nächsten Morgen saßen sie alle am Frühstückstisch. Ihre Eltern gingen ganz normal miteinander um. Doris beruhigte das, aber sie hörte auch, dass ihr Vater von Verpflichtungen in der Kirche sprach und nicht den ganzen Tag Zeit haben würde. Hoffentlich hatte er nächsten Freitag Zeit, dachte sie, denn sie hatte einen großen Tanzauftritt bei der Schuster Marints Ballet School, die sie besuchte. Ihre Mutter hatte sie dort angemeldet und auch schon das Kostüm genäht. Sie würde mit Jerry tanzen, Jerry Doherty.
Cincinnati, Ohio, 1935
Fünf Jahre später, sie war jetzt zwölf Jahre und Jerry Doherty war immer noch an ihrer Seite. Sie waren ein wunderbares Paar, irgendwie sehr professionell. Es war Samstag, ein ganz besonderer Tag. „Komm, Doris, wir sind spät dran. Die Jury wird nicht auf uns warten.“ Alma war etwas aufgeregt. Es war zwar nur ein Tanzwettbewerb in einem Einkaufszentrum, aber er war mit 500 $ dotiert, das war wirklich viel. Doris war mittlerweile zu den Hesslers auf die Tanzschule gewechselt, der Talentschmiede für Hollywood. Sie stürmte die Treppe hinunter, noch immer rannte sie, wann immer es nicht unschicklich war: „Wird Vater kommen?“, fragte sie im Vorbeilaufen.
„Du weißt, dass er Kirchendienst hat. Er hat wenig Zeit dafür“, sagte Alma und Doris schluckte ihre Enttäuschung herunter.
Sie fuhren mit dem Auto zu den Dohertys. Die Kostüme hatte Alma genäht und in Verwahrung. Wenig später stiegen Jerry und seine Mutter mit einer Selbstverständlichkeit ins Auto, die zeigte, dass es schon so viele Auftritte und Fahrten zu ihnen gegeben hatte. Sie waren wie ein kleines Unternehmen, ein Tanz Duo mit Courtage und Management. Die Hausfrauen waren in diese Riege aufgestiegen, und Alma musste ihre Tochter zu nichts überreden. Sicher, sie motivierte sie, war immer dabei und war sehr stolz, aber Doris tat es nicht fürs Management, sie hatte einfach Freude am Tanzen.
Nach der Anmeldung an kleinen Tischen mit grau wirkenden jungen Menschen gingen sie in die freigehaltenen Räume neben den Toiletten, langsam füllte sich der leere Bereich vor der Bühne, die im Zentrum des großen Einkaufscenters aufgebaut worden war. Sehr viele kamen von weit weg, um hier teilzunehmen. Das Preisgeld rechtfertigte eine nicht unerhebliche Anreise. Doris musste ins Kostüm, die Mutter würde es noch zunähen, wenn sie drinsteckte, dann saß es besser. Ihr blondes Haar war da weniger schwierig. Sie war aufgeregt, wenn es losging, aber auf eine angenehme Weise. Jerry und sie waren ein Team. Er war gut, richtig gut und sie unterstrich es. Sie sah ihn verschwörerisch an, aber er war ein schüchterner Junge. „Jerry, ich glaube, wir können das hier gewinnen.“ Sie warteten auf ihren Auftritt. Jerrys Mutter zupft an ihm herum, Doris stand dicht bei ihrer Mutter Alma. „Du lächelst so schön, Doris, vergiss es nicht. Und freu dich darauf. Die Konkurrenz ist stark, aber ihr seid zusammen stärker“, sagte Alma.
Doris und Jerry gingen hinaus auf die Bühne und lieferten ab. Das Publikum und die Jury waren sich am Ende schnell einig. Alma nahm das sensationelle Preisgeld vom Veranstalter entgegen, strahlend teilten sie es im Auto auf.
Doris wollte so schnell wie möglich nach Hause und ihrem Vater von diesem Sieg erzählen. Er hatte ihr im letzten Jahr Violinunterricht gegeben, das war wenig erfolgreich, aber jetzt, das musste er wissen, war sie in etwas wirklich gut. Sie stürmte ins Haus, Paul, ihr Bruder, kam die Treppe hinunter, er sah sie traurig an und fragte: „Suchst du Vater?“ „Ja“, sie resignierte bereits. „Wir haben gewonnen, im Einkaufscenter …“ Paul war unbeeindruckt, er stand oben auf der halben Treppe und sah auf sie herab. „Er ist weg, heute Nachmittag kommt er nochmal, holt den Rest der Sachen.“ Doris stand unter Schock. Es war ihr nicht verborgen geblieben, sie hätte damit rechnen können. Damals mit acht hoffte sie noch, es war ein böser Traum, aber Vater war immer seltener am Tisch, die Eltern stritten, über die Musik, die Alma hörte, ihre Ruhelosigkeit. Dann stritten sie nicht mehr und ihr Vater war manchmal tagelang nicht zu Hause. Ihre Mutter wusste, dass William wahrscheinlich mehr als eine Affäre hatte und nun eine Frau gefunden hatte, zu der er ziehen wollte. Die Scheidung war vorbereitet, das Unmögliche schien wahr zu werden, denn es gab keine Scheidung in der Christian Church. Ihr Vater würde dadurch seine Anstellung verlieren. Ihr Eltern hatten es versucht, all die Jahre, aber sie zögerten das Ende nur hinaus.
Das Tanzen und der Erfolg schafften es, die Traurigkeit von Doris fernzuhalten, bis zu solchen Momenten. Als ihr Vater später kam, war sie im Wohnzimmer, sie stellte sich hinter einen der schweren Vorhänge. Er lief die Treppe hoch und runter, sprach mit Paul, ihre Mutter war nicht zu sehen. Doris stand hinter dem Vorhang und weinte. Sie weigerte sich, die Bühne zu betreten und es kam niemand, der sie drängte. Ohne Abschied verließ ihr Vater das Haus. Wie damals in der Nacht der Hausparty hatte er sie einfach vergessen. Noch im selben Jahr wurden ihre Eltern nach 19 Ehejahren geschieden. Ihr Bruder und sie blieben zurück.
Cincinnati, Ohio, Frühling 1937
Zwei Jahren später zogen sie aus dem Haus in Evanston zu ihrem Onkel. Sein Haus lag näher am Zentrum von Cincinnati und ihre Mutter half ihm unten in dessen Bäckerei. So hatten sie ein Auskommen und Alma konnte sich weiter gut um ihre Kinder kümmern.
Tanzwettbewerbe füllten unverändert die Wochenenden und die Erfolge und das Talent ihrer Tochter blieben nicht unbemerkt. Eine Künstleragentur in Los Angeles, am anderen Ende des Landes, hatte sie eingeladen, zum Vortanzen, und es gab verschiedene Castings, die sie besuchen konnten. Es war der Silberstreif einer glänzenden Zukunft in Hollywood, aber zunächst ohne eine Option darauf, Geld zu verdienen. Das Geld für die Reise aufzutreiben, war weder für Alma noch für die Eltern ihres Tanzpartners Jerry Doherty einfach, aber irgendwie schafften sie es.
Es war ein Montag im Mai, als es endlich los ging. Für die 2000 Kilometer würden sie fast eine Woche brauchen. Vorn im Auto saßen Jerrys Eltern, Mr. und Mrs. Dohorty, hinten war Doris zwischen Jerry und ihre Mutter gezwängt. Sie waren nun den zweiten Tag auf der Interstate 40 Richtung Los Angeles unterwegs. Die Aufregung hatte sich noch nicht gelegt und bei jedem Halt zum Tanken und Essen wurden die Menschen und ihre Gesichter fremder. Endlich hielten sie wieder und gingen in einen dieser zahllosten Drugstores. Es war heiß für die Jahreszeit und erleichtert fanden sie rasch einen Platz zwischen all den Reisenden, die sie keines Blicks würdigten. Jerry rutschte schnell in die Bank, aber Doris ließ den Blick über den schmierigen Tisch gleiten. „Ich geh mal für kleine Mädchen“, sagte sie. Auf dem Rückweg schlich sie an den Küchentüren vorbei und wartete, bis ein Pendeln der Türen einen Blick freigab. Der Koch spürte ihre Augen in seinem Rücken. Er war dick und schwitzte, Schweiß lief über seine fast kahle Stirn. Er drehte sich um und sah sie für die Ewigkeit einer Sekunde an. Doris war verängstigt. Was war das? Kein Schwarzer, kein Hispano, kein Weißer. Es verwirrte sie, all diese Menschen zu sehen, die in all diesen Küchen und Diners arbeiteten und nirgendwohin zu gehören schienen. Sie waren ihre Reisebegleiter ohne Stadt, ohne Wohnung und der hier auch ohne Zugehörigkeit zu einem Volk. Es ängstigte sie. Kaum saß sie am Tisch, kam die Kellnerin. Jeder gab seine Bestellung auf, aber Doris schüttelte den Kopf. Vor ihrem geistigen Auge sah sie gerade, wie der Schweißtropfen des Kochs auf das Rührei tropfte. „Was ist los Darling?“, fragte ihre Mutter. „Nichts Ma, ich hab die ganze Flasche Milch im Auto ausgetrunken, ich bin satt.“
Sie schliefen in billigen Motels am Rande des Highways. Den Küchencheck führte Doris nun bei jedem Halt durch. Es blieb dann öfter bei der Milch, die sie tatsächlich satt machte. In Los Angeles angekommen, fanden sie ihre Zimmer in einem Bungalow, der sich zwischen andere duckte, am Rande der Stadt. Es war das Billigste, das sie hatten aus der Entfernung finden können. Schmutzig vom Straßenstaub der Überquerung eines ganzen Kontinentes standen sie zu fünft in dem kleinen Apartment mit Wohn- und Schlafzimmer. Eines der drei Betten war an der Tür, man musste es herunterklappen. Alma übernahm wie immer das Zepter. Sie war eine große Frau, nicht teuer aber gepflegt gekleidet und ihre Haare saßen trotz der Strapazen perfekt. „Wir machen es wie besprochen: Nachts schlafen die Kinder und ich“ – sie wand sich den Dohertys zu – „und am Tag, ruhen Martha und Jack sich aus.“ Mr. Doherty nickte zustimmend, er und auch seine Eltern waren nie über die Grenzen Ohios hinausgekommen und dieses Abenteuer, das das Talent seines Sohnes ihm bescherte, war ein Höhepunkt in seinem Leben. Zum Glück war Lawrence, ihr älterer Sohn, groß genug und sie hatten ihn bei einer Tante zurückgelassen. Auch Almas Sohn Paul war gut bei seinen Verwandten aufgehoben.

