Cover: Liebe im Studium

Liebe im Studium


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3-7116-0634-1
Erscheinungsdatum: 02.04.2025
Liebe geht oft die seltsamsten Wege … so auch bei Steven und Juli. Eigentlich sind sie jeweils in einer festen Beziehung. Doch irgendetwas Magisches zieht die beiden an und lässt sie nicht voneinander kommen. Werden sie endgültig zueinanderfinden?
Kapitel 1


Er lief zu dem grauen Gebäude, welches ihm mit einem großen Vordach Schutz vor dem kalten Regen bot, der auf ihn niederprasselte. Bis auf die Knochen war er durchnässt. Fröstelnd und ein wenig außer Atem sagte er zu der jungen Frau, in schwarz gekleidet, neben sich: „Das passiert, wenn man sich nicht richtig anzieht.“ Dabei wischte er sich vergebens seinen kurzen Ärmel über die Augen und sein Gesicht. Aber die Regentropfen wollten nicht aus seinen Augen verschwinden.
Sie sah ihn für einen Moment verwundert an. Dann dachte sie kurz darüber nach, ihn anzublaffen, aber, nachdem sie sein sanftes Gesicht und sein schönes Lächeln genauer sah, entschied sie sich dagegen. Sie schnipste ihren Zigarettenstummel weg, beteuerte der Sucht nicht länger zu unterliegen und antwortete ihm so freundlich sie konnte: „Es ist wirklich ein kalter Oktobertag, um in Jogginghose und T-Shirt herumzulaufen. Was hast du denn vor? Ist das als Training gedacht?“
Eigentlich hatte sie nach einem langen Tag an der Uni keine Lust, sich mit einem Wildfremden zu unterhalten. Wie jeden Tag würde sich der Nachhauseweg noch lange genug ziehen. Sie wollte heim, sich entspannt auf die Couch setzen und mit niemandem mehr reden. So oft schon dachte sie an einen Umzug in die Nähe der Uni, aber das konnte sie sich schlichtweg nicht leisten. Ihr Viertel war eine sichere Ecke und es war gar nicht mal hässlich. Sie hatte eine kleine Einzimmerwohnung gefunden, dessen Toilette nicht irgendwo im Haus, sondern in ihrer Wohnung zu finden war. Kurz bevor sie ihre jetzige Wohnung fand, sah sie sich eine andere Wohnung an. Da war es so, dass die Toilette eine Etage tiefer im Treppenhaus eingebaut wurde und die durfte man sich dann auch noch mit seinem Etagennachbarn teilen. Wenn das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, gab es kein Waschbecken direkt bei der Etagentoilette. Händewaschen war also nicht möglich, solange man nicht in der eigenen Küche angekommen war. In der Küche befand sich hinter einem erneuerbaren Vorhang die eigene Dusche. Die Küche in ihrer jetzigen Wohnung war sogar bereits möbliert. Mehr konnte sie anscheinend nicht verlangen, dachte sie, als sie sich die Wohnung zum ersten Mal ansah und gleich den Mietvertrag unterzeichnete. Die anderen Wohnungen, die sich in der Nähe der Uni befanden, waren ohne Möbel und um so vieles teurer, dass sie sich nur zwei ansehen brauchte und wusste, dass es keine Alternativen gab. Dennoch schaute sie hoffnungsvoll die Immobilienanzeigen immer wieder durch.
Er riss sie aus ihren Gedanken. „Ich möchte noch zu dem Bäcker da vorne. Meine Freundin braucht noch etwas für morgen und sie wohnt ein paar Häuser weiter. Ich wollte das kurz für sie erledigen.“
„Das ist aber nett von dir! Ich hoffe, du wohnst hier auch in der Nähe. Bei dem Wetter geht keiner gerne raus. Deine Freundin ja offenbar auch nicht.“
Er schaute durch die Regentropfen. Ihm war so kalt und dunkel war es auch bereits geworden, als er auf die Uhr sah. Daher bemerkte er ihren rauen Ton gar nicht.
„Oh, die Bäckerei macht gleich Feierabend. Ich muss mich beeilen. Aber … Nein, ich komme von zuhause. Ich wohne bei der alten Kirche.“ Damit ließ er sie stehen und sprintete weiter.
Sie sah seinem Rücken im nassen Shirt noch einen Moment länger nach. Sie wiederholte leise seine letzten Worte: „Bei der alten Kirche … Was? Das ist ewig weit weg.“ Ohne weitere Selbstgespräche zu führen, spielte sie ihren Gedankengang im Kopf zu Ende: „Das ist doch bei mir auf der Ecke.“
Als Steven die Bäckerei betrat, war kein Kunde mehr zu sehen. Der Kundenbereich wurde bereits gründlich gereinigt und die Beleuchtung auf ein Minimum reduziert. Im Regal hinter dem Tresen lag allerdings noch das Brot, welches seine Freundin Amelie bei ihm bestellt hatte. Er bat die Verkäuferin, so nett er konnte, um das letzte Brot und darum, dass sie es bitte in der Maschine schneiden könnte. Die Frage war ihm sichtlich unangenehm, da man erkennen konnte, dass die Schneidemaschine bereits gesäubert wurde. Er konnte es auch überhaupt nicht leiden, wenn kurz vor Schluss noch jemand in den kleinen Supermarkt kam, in dem er arbeitete und die Kasse bereits gemacht war. Auch wenn es nur sein Nebenjob war, machte er seine Arbeit immer gründlich.
Die Dame hinterm Tresen sah, dass er völlig durchnässt war, und freute sich darüber, dass er sich zumindest dafür entschuldigte, jetzt noch den gewischten Boden zu verdrecken. Sie schnitt ihm das Brot und kassierte ihn ab. Er gab ihr seine letzten Münzen als Trinkgeld und verabschiedete sich mit einem netten Gruß. Auf dem Weg nach draußen versuchte er, umständlich auf den gleichen Trittstellen wieder hinauszugehen, auf denen er hereingekommen war. Die mollige Verkäuferin schüttelte lächelnd den Kopf und schloss hinter ihm zu.
Wieder im peitschenden Regen lief er drei Türen weiter zu Amelies Wohnung und sah nochmal auf seinem Handy nach, um seine Nachrichten zu prüfen.
„Hi Steven. Ich bin heute Abend bei Natalie. Ich habe es nicht mehr geschafft, mein Brot zu kaufen und habe morgen einen so anstrengenden Tag vor mir. Würdest du es eventuell kaufen und dann zu Natalie kommen?? Wäre das möglich?“
Er hatte die Nachricht gar nicht zu Ende gelesen, sondern war sofort nach der Dusche losgelaufen und trug deshalb nur dünne Klamotten. Er sah auf die Klingel und erinnerte sich an eine Erzählung von Amelie, wie entspannt der Abend bei ihrer Nachbarin Natalie letztens erst gewesen sei. Dabei schaute er die Klingeln an der Tür des Hochhauses durch. Es gab eine N. Weber und eine N. Niemann. „Eine von beiden wird’s schon sein“, flüsterte er vor sich hin, bevor er bei beiden gleichzeitig klingelte. Einen Moment später drangen aus der Anlage zwei Hallos. „Hi … ähm, hier ist Steven, der Freund von Amelie.“
„Ah ja super! Komm rauf“, rief N. Weber und N. Niemann legte einfach auf. Der Buzzer ertönte und er sprang in den warmen trockenen Flur, den er noch nicht allzu oft sah. Er besuchte seine Freundin nicht häufig. Meistens waren sie bei ihm oder sie sahen sich an der Uni. Er wunderte sich auch darüber, da ihre Wohnung viel moderner und größer war. Komplett in Weiß gehalten mit einigen sehr verschiedenen Gemälden an der Wand, die sie von ihren Eltern zum Einzug geschenkt bekommen hatte.
Er hastete die Stufen hinauf in die 5. Etage, von der er glaubte, das sei Natalies Wohnung. Angekommen wartete bereits eine schlanke Frau in einem gemütlichen Abendlook aus einer engen Jogginghose und einem Sweatshirt, dennoch waren ihr Gesicht und ihre Haare in einem Top-Zustand. Sie sah toll aus und war genau nach seinem Geschmack. Jedoch konnte keine Frau seiner Freundin das Wasser reichen. Nur zu oft sagte er sich, was er doch für ein Glück hatte, eine Freundin zu haben, die so klug, witzig, charmant und auch noch so hübsch war. Er reichte Natalie die Tüte mit dem Walnussbrot für seine Freundin und fragte sie kurzerhand, ob er reinkommen könnte.
„Reinkommen? Ich habe Besuch. Warum solltest du?“
„Ich will euch auch nicht lange stören, ich hatte gehofft, mich kurz abtrocknen zu können und vor allem sie noch zu sehen.“
Fragend blickte sie ihn an: „Wen willst du sehen?“ Verdutzt antwortete er: „Amelie natürlich. Sie schrieb, sie sei bei dir.“
„Nein, Amelie ist nicht hier. Sie ist bei Natalie, also einer anderen Natalie. Sie schrieb mir, dass jemand kommen würde, um ihr was vorbeizubringen.“ Sie hob die Tüte nochmal hoch und fügte hinzu: „Also danke dafür, aber ich gehe jetzt wieder rein.“
Die Tür schloss sich direkt vor seiner Nase und er blieb einen Moment perplex davor stehen. Langsam trottete er wieder in seine Wohnung. Er brauchte sich nicht mehr zu beeilen, nasser konnte er nicht mehr werden.
Mit Husten und einer triefenden Nase lief er am nächsten Tag durch die Flure in Richtung Kunstsaal. Er suchte sie, wollte sie nochmal sehen, mit ihr sprechen und ehrlich gesagt, wollte er sie auch nochmal spüren. Sie hatten seit Tagen nur noch mit Nachrichten über ihre Handys kommuniziert. „Es sei zurzeit sehr stressig im Studium“, war immer wieder der Grund. Er glaubte ihr. Hatte er denn einen Grund, es nicht zu tun? Nach längerem Suchen fand er sie schließlich draußen mit ein paar Freundinnen zusammenstehend in großem Gelächter ausbrechen.
„Und danach gehen wir vier noch zusammen den letzten Milkshake für dieses Jahr trinken, okay?“ Zusammen freuten sie sich auf die bevorstehende Portion Sünde, die sie ihren wohlgeformten Körpern zufügen wollten, als die blonde Amelie plötzlich von hinten umarmt wurde. Er schlich sich an und rief: „Hey, meine Hübsche!!“, während er sie schwungvoll hob. So laut, dass sich die Köpfe aller zu ihnen umdrehten. Sie schrie erfreut auf und wollte sich spielerisch aus der Umarmung lösen, um ihn anzusehen. Als sie sein Gesicht sah, wurde ihre Stimmung sofort ruhiger.
„Hat Natalie dir das Brot gegeben?“
„Ach so ja! Hab vielen Dank nochmal dafür. Das war so lieb von dir.“ Sie tätschelte seine Wange und merkte jetzt, warum er so fertig aussah. Er hatte sich anscheinend eine Erkältung eingefangen.
„Uih, du bist erkältet?“ Sie zog ihre Hand schnell wieder zurück.
Er musste plötzlich niesen und bemerkte dabei gar nicht ihren angewiderten Gesichtsausdruck.
„Oh entschuldige! Ja, ich muss mir wohl gestern was eingefangen haben. Es wurde recht spät.“
„Ach warst du noch irgendwohin?“
Er belächelte den Kommentar und fügte hinzu: „Ich meine, als ich wieder zuhause war, nachdem ich dein Brot kaufte, war es bereits recht spät und kalt draußen.“
Er spürte etwas und musste sich unwillkürlich danach umdrehen. Es schien so, als würde er beobachtet werden. Nur konnte er nicht ausmachen, woher es kam, da überall Studierende herumliefen und ihren Beschäftigungen nachgingen. So plötzlich das Gefühl der Beschattung kam, so schnell war es auch wieder verschwunden.
„Ihr geht also einen Milkshake trinken? Ich hoffe doch einen mit laktosefreier Hafermilch, nicht wahr? Janine?“, zwinkerte er in Janines Richtung und sie reagierte mit einem verschmitzten Lächeln und einem roten Kopf. Keine Frage, sie mochte ihn. Er sah gut aus und war einer der liebsten Männer, die sie je kennengelernt hatte. Aber er war nun einmal Amelies Freund.
Janine hatte er schon öfter mit seiner Freundin Amelie gesehen. Sie trug nahezu die gleiche Frisur wie Amelie, lange blonde Haare, die bis über ihre Schulterblätter ragten. Beide sahen sich dadurch alleine schon zum Verwechseln ähnlich. Doch wurde diese Tatsache durch den gleichen schmalen Körperbau noch unheimlich verstärkt. Die dritte im Bunde, Luisa, sah etwas anders aus. Mit ihrem braun gefärbten Kurzhaarschnitt, der ihrem schmalen Gesicht wirklich schmeichelte, stach sie hervor, vor allem, weil sie deutlich größer war als die zwei anderen.
„Wohin geht ihr denn? Vielleicht kann ich dich danach abholen?“, fragte Steven mit einem gewollt verführerischen Ton, allerdings machte ihm seine triefende Nase einen Strich durch die Rechnung. Amelie sah auf die Uhr, während er sich die Nase putzte.
„Ach du meine Güte! Es ist schon 11:00 Uhr.“
„Ins ‚Shaki’s‘“, antwortete Janine ihm, bevor Amelie sich eine Ausrede einfallen lassen musste. Steven schaute verwirrt.
„Na, von der Eisdiele habe ich dir schon so oft erzählt …“ sie wartete kurz seine zustimmende Reaktion ab, bevor sie ihm weitere Fakten liefern musste, da seine Eingebung ausblieb. „Die mit den Retro-Möbeln und dem großen Neonschild mit der Eiswaffel über dem Eingang. Waren wir da nicht auch schon zusammen hin?“, fragte Amelie genervt nach. Doch bei Steven klingelte einfach nichts, da sie bisher noch nicht mit ihm dort gewesen war. Als Amelie ihren eigenen Fehler erkannte, scheuchte sie ihre Freundinnen, um endlich loszugehen. Ohne ein weiteres Wort der Erklärung machten sie sich gesammelt auf, um das Gelände zu verlassen. Amelie sprang nochmal zu Steven zurück und gab ihm einen sehr kurzen Kuss auf die Wange und flüsterte ihm zu: „Wir sehen uns später, ja?“ Dann huschte sie davon, ohne sich nochmal umzudrehen. Steven war wie beflügelt und sah ihr träumerisch lange nach. Er merkte gar nicht, wie hastig Amelie in ihrer Tasche nach dem Desinfektionsmittel Ausschau hielt. Auf dem Weg zurück ins Unigebäude wurde er immer noch beobachtet. Auf der anderen Seite des Platzes stand, wieder in unscheinbarem Schwarz gekleidet, die junge Frau vom Abend zuvor. Sie beendete ihre erste und hoffentlich letzte Zigarette für den Tag, hob ihre Tasche vom Boden auf und ging kopfschüttelnd ins Gebäude hinein.




Kapitel 2


Nach einem langen Tag an der Uni, der wieder in einem starken Regenguss endete, ging Juli aus ihrer Wohnung zum Postkasten an der Haupteingangstür. Auch wenn der Weg zur Uni so weit war, war sie dennoch froh, zumindest in der ersten Etage wohnen zu können. Sie hörte kaum Straßenlärm und musste ihre Einkäufe auch nie viele Stufen hochtragen. Sport war so gar nicht ihr Ding, somit war selbst Treppensteigen mit vollen Taschen eine Herausforderung. Voller Eifer, aber immer mit dem Hintergedanken „das wird eh nix“, ging sie an den Kasten und las die Absender auf den Rechnungen und Newslettern alle nacheinander. An jedem Tag dieser Woche hatte sie dem Postboten hinterherspioniert. Montags kam er gar nicht, so viel war ihr vorher schon bekannt. Aber an den restlichen Tagen der Woche brachte er immer irgendwas, nur nie den Brief, auf den sie sehnlichst wartete. So setzte sie ein zweites Mal an, um alles nochmal zu prüfen, dabei stolperte jemand die zwei Eingangsstufen hinein. Als sie ihn wiedererkannte, stockte sie in ihrem Versuch ihm aufzuhelfen.
„Du?“, fragte sie verdutzt. „Moment, lass mich dir helfen.“, fügte sie eilig hinzu. Er sah sie an, konnte sie aber nicht einordnen.
„Entschuldigung, aber kennen wir uns? Es tut mir leid, eigentlich fallen mir die Gesichter und Namen leicht … Ich bin Steven!“ Er konnte ihr Gesicht nicht direkt sehen, da Juli sich bückte, um seine Bücher aufzuheben, während er sich noch aufrappelte und ihr die Hand hinstreckte. Sie gab ihm den Stapel umständlich zurück, weil sie zwischen den Fingern noch die eigene Post festhielt. Er zog seine ausgestreckte Hand wieder zurück und versuchte, den losen Stapel irgendwie abzunehmen, aber der Vorgang endete damit, dass wieder alle Bücher zu Boden fielen und Julis Post gleich mit.
„Ach je!“, stöhnte Juli. „Ich sollte mal dringend die Newsletter abbestellen. Immer ist mein Kasten völlig überfüllt.“ Währenddessen kramten nun beide ihre Habseligkeiten wieder zusammen und verteilten dann die jeweils zueinander gehörenden Briefe und Bücher. Dabei musterte er sie. In ihren schwarzen Kleidern, dem schwarzen Haar und den dunkel geschminkten Augen, wäre sie ihm nie aufgefallen. Er war nicht der Typ für eine düstere Szene. Bestimmt hatte sie überall am Körper Tattoos. Das fand er noch nie schön. An niemandem, weder an Frauen noch an Männern. Solange er selbst keines hatte und seine Freundin auch nicht, störte ihn das aber auch nicht weiter. Es mag prüde klingen, aber was andere sich unter die Haut spritzten, ging ihn schließlich nichts an.
Er fragte höflich nach ihrem Namen und sie erinnerte ihn daran, wie sie vor ein paar Tagen unter einem Vordach Schutz vor dem Regen suchten. Er erinnerte sich aber nicht an die Frau, die vor ihm stand. Plötzlich nieste er wieder.
„Oh, die Erkältung hast du bestimmt vom nächtlichen Brot-Einkauf für deine Freundin!“, sagte sie etwas zu schnippisch.
Er sah sie zögernd an, diesmal merkte er ihren Unterton und meinte: „Na ja, nächtlich? Es war kurz vor acht. Aber ja, ich wollte meiner Freundin den Stress nehmen!“
„Stress? Amelie hat Stress?“, rutschte es Juli raus.
„Du kennst sie?“ Noch verdutzter fügte er hinzu: „Woher weißt du, dass Amelie meine Freundin ist?“
Etwas peinlich berührt versuchte sie sich herauszureden. „Amelie studiert Kunst, oder? Ich auch, daher kenne ich sie und ich habe dich letztens zufällig mit ihr gesehen.“
Juli macht auf dem Absatz kehrt, um nicht als Stalkerin dargestellt zu werden oder im Notfall noch lügen zu müssen. Darin war sie nicht besonders gut. Schon als Kind war sie damit nicht durchgekommen. Wenn sie trottelig etwas hatte fallen lassen und ihre Eltern sie verärgert ansahen, zeigte sie schnurstracks auf eine Statue neben sich und beschuldigte sie.
In Richtung Wohnung sprang Steven Juli hüstelnd hinterher. „Magst du Amelie? Ich habe dich noch nie mit ihr gesehen. Kennt ihr euch gut?“ Fragen über Fragen rasselten auf Juli ein. Sie mochte Amelie nicht. In Julis Augen war sie ein Vorstadtmädchen, was allein gesehen nichts Verwerfliches ist, aber sie war verwöhnt worden und konnte sich nicht einmal ein Brot selbst kaufen. Vorurteile hatte sicherlich jeder hin und wieder, aber Julis wurden ständig bestätigt. Amelies Eltern zahlten alles für sie, sie tauchte bei der Hälfte der Vorlesungen nicht auf, brachte nur einen Teil ihrer Arbeiten zu Ende und ihr machte es nicht das Geringste aus.
Juli war eventuell und nur vielleicht ein bisschen neidisch darauf, neben dem Studium nicht auch noch arbeiten zu müssen, aber so konnte sie zumindest lernen, mit dem eigens verdienten Geld umzugehen. Steven fragte immer noch weitere Fragen, bis sie an ihrer Wohnungstür angekommen waren.
„Ganz ruhig. Ich kenne sie kaum und du fragst mich, ob ich sie mag?“
Erwartungsvoll schaute er Juli an. Sie zögerte kurz, bevor sie ihm am liebsten die Tür vor der Nase zugeknallt hätte. Sie sah seine blauen gerade glitzernden Augen und stellte ihm eine Gegenfrage: „Magst du sie?“
Ohne zu überlegen, fiel es ihm raus: „Nein, ich mag sie nicht, ich liebe sie.“
Sie spielte ein kleines Lächeln und sagte, nachdem sie die Tür aufschloss: „Na dann … das ist doch das Wichtigste. Bis dann.“ Und wieder schloss sich eine Tür direkt vor seiner Nase. Hinter der Tür schlug ihr Herz heftig und sie wusste auch, warum. Amelie … einen Groll hegte sie schon immer gegen sie, aber jetzt trieb sie es auf die Höhe. Nun hatte sie auch noch einen Kerl an ihrer Seite, der tatsächlich glaubte, sie zu lieben. Und dann sieht der auch noch so gut aus, ohne es selbst zu wissen! Warum solche Mädels immer alles bekamen, was sie sich wünschten, war ihrer Meinung nach unmöglich. Nicht einmal in der Liebe war Juli so weit wie Amelie gekommen.
Juli hatte schon länger eine Liebelei mit D. Er nannte sich nur D. Niemand wusste mehr über seinen Namen, auch Juli nicht. Es interessierte sie auch nicht besonders. Ihr Interesse war bisher ein ganz anderes. D. war ein grübelnder Mann im Alter von 28 mit dunklen Augen, die sie völlig verunsicherten, wenn sie sie sah. Seine gut gebaute Statur sah im Anzug einfach umwerfend aus und wenn er den Anzug auszog, würde sie vermutlich zu irgendwas Flüssigem werden. Er war in dem Büro angestellt, in dem sie ihren Nebenjob ausübte. Sie würde an diesem Abend nicht länger über die Zicke Amelie und über den hübschen Steven mit den strahlend blauen Augen nachdenken. Sondern lieber überlegen, was sie D. schreiben sollte, da sie sich am nächsten Tag bei der Arbeit sahen und sie gerne wieder mit ihm alleine wäre. Das musste gut geplant werden, sonst fiel es unter den Kollegen zu sehr auf, dachte sie, bevor sie sich der Briefe entledigte und auf die Couch zu ihrem Handy wechselte.
...
5 Sterne
Weiterempfehlung - 13.07.2025

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, ich kann es weiterempfehlen.

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