Rumpelstilzchens Reise
Ein Märchenroman
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 136
ISBN: 978-3-7116-1178-9
Erscheinungsdatum: 20.11.2025
Fragen Sie sich auch, wo das Rumpelstilzchen herkam? Diese Frage ist wichtig – immerhin beherrscht das Rumpelstilzchen einen großen Teil unserer heutigen Gesellschaft. „Rumpelstilzchens Reise“ ist die Geschichte einer Jagd auf Zeit.
Vorsatz
… und fragen Sie sich auch, wo das Rumpelstilzchen herkam? Diese Frage zählt zu den wertvollsten meines Lebens seit dem Tag, an dem mir dieses Wesen erstmals wahrhaftig begegnete.
Der alte Maestro Marini führte mich eine steile Treppe hinunter zu einer schmalen Tür. Der Gewölbekeller dahinter lag im Stockdunkeln. Ich tat einen erprobenden Atemzug, und sowie wir eintraten, stieg mir das unverkennbare Duftgemisch von Lack und Holz in die Nase, und blinkend ging das trübe Licht an. Die Größe des Kellers war nicht einzuschätzen, weil er mit einer Vielzahl an Regalreihen zugestellt war, in denen Hunderte Marionetten aller Formen und Gestalten hingen. So sah das also aus: die Eingeweide eines Marionettentheaters.
Diese dumpfe Unterwelt beruhigte und erregte mich zugleich. Nachträglich bin ich unsicher, wie ich hätte reagieren sollen, hätte ich damals geahnt, was alles noch geschehen sollte. An den atmosphärischen Wechsel mussten sich Aug und Ohr erst gewöhnen. Maestro Marini machte die schmale Tür zur Oberwelt zu und sprach an, was ich empfand: „Das fidele Alltagsauge ist zu hektisch und ungenau, und das Ohr fast gänzlich zu und lässt nur ein, was es hören will. Adesso, nun sind wir in einer anderen Sphäre – einer alten, sagenvollen Welt. Hier walten Geheimnisse, von denen man droben nichts ahnt. Also Ragazzo, Augen und Ohren auf!“
Staunend folgte ich dem Alten durch die ersten Regalreihen. Es hatte etwas anziehend Unheimliches, im Halbdunkeln zwischen den Reihen schlafender Holzpuppen zu wandeln. Hi und da blitzte ein gespaltenes Krokodilsauge zu mir, schielte mir ein dämonisches Gesicht entgegen, erschreckte mich eine tragische Geisterfratze mit aufgerissenen Augen. Obwohl es mich reizte, gab ich acht, nichts zu berühren. In der Grundschule hatte ich einst ein solch fädiges Individuum selber gebastelt, das sich aber beim ersten Mal Spielen unheilbar verwickelte. Jeder Rettungsversuch hatte nur zur endgültigen Verknotung beigetragen, weshalb die Fadenpuppe seither verstaubt auf meinem Estrich liegt. Ich wusste also um die Heimtücke des Marionettenmechanismus.
„Impressionante“, staunte ich, und Maestro Marini nickte großäugig.
„Sì, sì. Es ist, als ob sie schlafen. Die meisten habe ich selbst gemacht. Hier.“ Er schob ein paar Kartons mit einem Tritt zur Seite und wies auf eine mitgenommen aussehende Hobelbank zwischen zwei holzigen Gerüsten. Die war vollgestellt mit Farb- und Lackdosen, Pinseln, etlichem Werkzeug wie Hobel, Hämmer, Beitel, Feilen und vielem mehr, dessen Namen ich nicht kenne, und einigen übervollen Aschenbechern. Darüber war ein Ablagebrett in die grobe Wand geschraubt mit einer Vielzahl kleiner Glasschälchen mit Knopfaugen in allen Farben und Größen, Haar- und Fellteilen, Stoffresten, kleinen Holzfüßen, teils in Schuhen, teils mit winzigen Zehen dran, ja sogar eines voller Zähne, die erschreckend reell wirkten.
Im Schraubstock war ein nackter Holzkörper eingespannt, an welchem zwei Beinchen, aber noch keine Ärmchen hingen. In das splittrige Schulterskelett waren zwei Augenschrauben gedreht, wo später die sogenannten Haltefäden der Marionette einen aufrechten Gang ermöglichen sollten, wie Marini fingerzeigend erklärte. Der Holzkopf wies bereits die groben Konturen eines dicklichen Gesichts auf.
„Das wird mal ein schläfriger Koch. Den brauchen wir nächste Frühlingssaison für die neue Märchenproduktion.“
Fasziniert beugte ich mich zu den toten Augenlöchern herab. Aus diesem ungeschliffenen Stück Lindenholz sollte mal eine lebendige Puppe werden, die im Rampenlicht steht, geht und spricht, vielleicht sogar tanzt und mit ihrer Geschichte Kinder zum Lachen oder zum Weinen bringt? Ich spürte, dass daran etwas Magisches war, und für diesen besonderen Zweig der Magie lege ich noch heute eine Schwäche an den Tag.
„Unvorstellbar, dass alle Marionetten hier mal so ausgesehen haben sollen“, meinte ich.
„Da staunen Sie, vero? Mit Pläsier zeige ich Ihnen, was wir hier sonst noch so hängen haben.“
Maestro Marini führte mich also durch die Reihen der hängenden Gestalten und erklärte, dass sie alle geordnet waren. Jedes Regal hatte einen beschriftenden Aufkleber an der Gangseite. Da war die Reihe der Mägde und Knechte mit aufgemaltem Schmutz auf den elenden, angestrengten Gesichtern. Da waren die Zauberer mit verkupferten Instrumenten, die zerzausten Vagabunden mit Bettelsack und Wanderstock, die Clowns mit unproportionalen Kleidungsstücken, die tiefdekolletierten Prostituierten mit grell geschminkten, ausladenden Leibern, die zierlichen Prinzessinnen und Prinzen mit schläfrigen Augen und die silbern glänzenden Ritter – ich meinte, die sizilianischen Orlando und Rinaldo zu erkennen. Gegenüber hingen die bleichen Gespenster, die Buckelhexen mit winzigen Reisbesen und das Drachengezücht. Die Abteilung Tiere war die größte. Sie vermochte meinen Entschluss, nichts anzufassen, hart auf die Probe zu stellen. Da gab es flauschige Affen und Wölfe, Pferde, haarige Spinnen, bunte Vögel, Hunde, Kühe, Mäuse und anderes mehr. Da waren die bärtigen Zwerge und Riesen mit Keulen, die geistlich-sittlichen Engel, glitzerweiß mit goldenen Schärpen, und anderes heiliges Volk; die Polizisten und die Soldaten in Uniformen aller Epochen, die Adelsleute in samtigem Vlies protzten vor Schmuck, und nicht zu vergessen: unzählige Kinder.
Alles war mit Gefühl gemacht und strotzte vor Detailliebe. Obgleich die Gesichter meist karikaturengleich etwas verzerrt schienen, hatte der Künstler jeder einzelnen Marionette einen Hauch Echtheit und emotionalen Tiefgang zu verleihen gewusst. Dann und wann richtete der sachkundige Maestro meine Aufmerksamkeit auf eine Puppe und hielt rasselnde Reden über die Hintergründe des teilweise lange zurückliegenden Herstellungsprozesses, damit mir das Genie dahinter ja nicht entging. Ihm folgte ein leicht überfordertes Ich, Lob und ständige Interessensbekundungen auf den Lippen.
„Sie interessieren sich zu Recht“, proklamierte Marini, und ich spürte seine ungespielte Liebe zum Spielen. „Die Theaterwelt ist eine Schnittstelle zwischen Realität und Fantasie. Eine Fadenpuppe ist ein Mittelding zwischen zwei Wirklichkeiten, durch die Fäden mit beiden Welten verbunden. Meine Aufgabe ist es, die Fäden verschwinden zu lassen. Gar nicht so leicht, wenn man bedenkt, wie omnipräsent Fäden in unserer Gesellschaft sind.“
Besonders eindrücklich fand ich die Reihe mit der Überschrift Demagogen. Da hing allerlei Gehörntes. Diese Holzgesichter waren furchtbar zu schauen und trotzdem von einer eigenartigen Süßigkeit.
„Lästige kleine Teufel“, schmunzelte ich und wunderte mich zugleich über meinen Flüsterton. Tatsächlich fühlte ich mich wie in einem Raum voller Schlafender.
„O ja. Teufel haben wir einige. Hier ist der Geizteufel, der die Geizigen holen kommt. Sehen Sie, hier haben wir einen Schneeteufel, seine Krone besteht aus Eiszapfen; ein gescheutes Etwas, aber alles in allem gelungen. Der Lumpenteufel ist für das Lumpengesindel zuständig“, ich lachte, „ah und hier ist ein Luzifer.“
Diese Gestalt wich deutlich von den anderen ab. Der milde, leicht entrückte Ausdruck, der glänzend schwarze Geschäftsanzug schufen ein adrettes und anmutiges Aussehen. Bis auf zwei kleine Hörner unterschied sie sich nicht von einem Menschen. Gerade das war es, was sie so unheimlich machte.
„Den kennen Sie sicher“, fuhr Marini fort. „Das ist Mephistopheles, gut zu erkennen am roten Wams, der Hahnenfeder und dem Degen. Und der hier hinten sieht sehr harmlos aus, aber lassen Sie sich nicht täuschen!“ Er holte einen gewöhnlich aussehenden Flötenspieler mit Federhut hervor, griff das Holzkreuz mit der Rechten und ließ die Fadenpuppe mit sanften Zuckungen seiner geübten Finger liebevoll über den Holzboden tanzen.
„Der Rattenfänger“, erkannte ich staunend.
„Einer der Schlimmsten“, bestätigte der Altmeister.
Im Regal gegenüber hingen die Hauptfiguren. Hamlet direkt neben Frau Holle zu sehen, war für mich schon fast bizarr.
„Die Figuren passen nicht zueinander“, warf ich ein. „Schauen Sie, da hängt Dr. Faust zwischen Max und Moritz. Und da König Arthus neben Pippi Langstrumpf.“
Marini gab mir recht: „Die Hauptfiguren waren nie gruppenfähig. Sie wirken nur, wenn sie allein gegen die Welt spielen. Schauen Sie, das hier ist meine älteste Marionette.“ Er zeigte mir einen finster dreinblickenden König im schottischen Kilt.
„Wie heißt der?“, fragte ich naiv. Signore Marini tat, als pralle er zurück, tippte sich entsetzt an die Stirn und ging ein Regal weiter. Diese Reaktion verstand ich erst Jahre später, als ich selber zum Theater ging. Für die Nicht-Theatermenschen erkläre ich das kurz: Es handelte sich bei diesem nordischen König natürlich um Macbeth. Der Legende nach hatte Shakespeare einige Zaubersprüche, die Macbeth in der Geschichte zum Verhängnis wurden, nicht selber gedichtet, sondern aus einem echten Hexenbuch abgeschrieben, weshalb nun ein wirklicher Fluch auf dem Namen Macbeth läge. Noch heute sprechen Theatermenschen diesen Namen nicht aus, um zu verhindern, dass der böse Zauber auf sie zurückfällt.
Das nächste Regal ließ mich verwirrt und beelendet zurück. Es war nicht angeschrieben und ich sah zunächst keinen Zusammenhang zwischen den Figuren, außer dass alle menschlicher Gestalt waren.
„Das sind die Nicht-mehr-Korrekten“, bekundete Marini traurig. Seine Mundwinkel zogen sich tragisch herab und offenbarten ungeordnete Zähne. „Hier haben wir die gelben Chinesen mit den Schlitzaugen. Hier die roten Indianer mit den Tabakpfeifen und die halbnackten Mohren mit Strohröcken.“ Jetzt sah ich es auch.
„Die dürfen nicht mehr auf die Bühne“, konstatierte ich und der Alte schüttelte kräftig den gekrausten Kopf und lachte auf.
„O nein. Nie mehr. Ist ja auch recht so. Ich frag mich nur“, fügte er nach einer nachdenklichen Weile hinzu, „wer es den Puppen beibringt, warum sie nicht mehr auftreten dürfen. Wie sagt man einem Stück Holz, dass es jetzt böse ist?“
Im letzten Regal, dem vorletzten angestückt und kaum sichtbar, da das Licht nicht mehr hinreichte, hingen die unbrauchbaren Puppen, die aus diversen Gründen noch nie aufgetreten waren.
Als ich mich, sattgesehen und geistig angeregt ob der vielen Eindrücke, auf den Rückweg machen wollte, blieb der alte Marini in diesem letzten Regal zurück. Er stand unbeweglich ganz hinten im Dunkel und war in den Anblick einer Puppe versunken. Sein schattenhaftes Profil brummte etwas vor sich her, das ich nicht verstehen konnte.
„Was ist?“, fragte ich. Es kam keine Antwort. Ich hatte zu warten und noch einmal zu fragen. Nach einer zu langen Weile kam Marini gebrochenen Blickes wieder ans Licht. Sein Antlitz mit den harmvollen Hautsäcken unter den Glutaugen, der südländischen Adlernase, den flatternden Nüstern, der angegrauten Schnauzbehaarung wirkte stark gealtert, als hätte er den leibhaftigen Teufel gesehen. Jede Form von Eigendünkel war verflogen. Seine wässrigen Augen spiegelten eine Gefühlsfülle und zugleich vollkommene Leere. Er hatte eine kleine, verstaubte Marionette dabei. Mein Herz schlug höher. Welche Puppe konnte den großen Maestro Marini in seiner erfahrenen Unerschütterlichkeit so sehr ergreifen? Doch dieser war in seiner eigenen Welt und schien nicht ansprechbar. Also fiel mein Blick auf die kleine Puppe und ich schnappte nach Luft. Sie ließ alle Teufel und die Gespenster niedlich aussehen.
Die Figur war klein wie die Marionettenkinder, aber nichts sah jemals weniger aus wie ein Kind. Nie hatte etwas dermaßen alt und unkindlich ausgeschaut. Das geschnitzte, faltige Gesicht war eingefallen, die Augen gefüllt mit Sorgen, die Lider schwer. Die Beinchen hörten bei den Knien auf und gingen in zwei gleich lange, gerade Stecken über. Die ausgebleichten Kleider waren sogar dieser kleinen Puppe noch zu knapp. Die dürre Gestalt war ein Spiegel der reinen Verzweiflung. Alles an dieser Erscheinung war elend und von Verfall gezeichnet.
„Was ist das denn?“, fragte ich entsetzt.
„Rumpelstilzchen“, war die Antwort in versagendem Ton. Mehr brachte ich nicht aus dem Alten heraus. Er wankte zur Hobelbank zurück und sackte auf seinem Arbeitsstuhl zusammen. Auf eine gehuschte, einladende Handbewegung setzte ich mich auf einen Hocker. Erst nach der zweiten Lucky Strike hängte Marini die dürre Marionette an einen Haken über dem Tisch, hustete breiig gurgelnd und begann sodann in tiefen Atemzügen zu sprechen, wie er es stets dann zu tun pflegte, wenn es ihm schwer ums Gemüt war.
„Diese Marionette hatte ich ganz vergessen. Ich hatte sie damals gemacht vor so vielen Jahren. Damals wusste ich noch nicht …“ Er machte sich die dritte Zigarette an, seufzte die staubig-rauchige Luft ein und ließ erneut seinen schaudervoll breiorganischen Husten hören. „Gewiss darf dieses Rumpelstilzchen nie auf die Bühne.“ Ich muss wohl nicht anfügen, dass ich hochgradig verwirrt war ob der Aussage, dies sei das Rumpelstilzchen aus dem Kindermärchen.
„Das glaube ich, nachvollziehen zu können“, versuchte ich vorsichtig. „Das Rumpelstilzchen sieht doch nicht so aus, oder?“ Maestro Marini dämpfte seine baritonale Stimme, als fürchtete er, die Marionette könne ihn belauschen.
„Das Rumpelstilzchen ist keine bloße Erfindung. Es ist echt. Es gibt es wirklich. Und so sieht es eigentlich aus. Wissen Sie, was sein Name bedeutet? Madonna! Haben Sie das Märchen überhaupt gelesen?“ Ich nickte hastig und Marini fuhr fort: „Und? Worum geht es?“
Das Gespräch schien den Alten wiederzubeleben, ja, er wurde gar rot vor erregtem Vergnügen, und mich hatte die Neugierde gepackt, also versuchte ich mein Bestes.
„Um eine Müllerstochter, die von ihrem Vater zum König gebracht wird, weil sie angeblich aus Stroh Gold spinnen konnte. Sie soll Königin werden, wenn sie es schafft, in einer Nacht eine Kammer voll Stroh zu Gold zu verspinnen. Als sie es dann aber nicht kann, erscheint ihr das Rumpelstilzchen und macht es für sie und verlangt im Gegenzug ihr erstes Kind. Und zuerst war noch etwas mit einer Halskette und einem Ring, glaube ich.“
„Und dann?“ stürmte Signore Marini ungeduldig, die vierte Zigarette zwischen den Lippen.
„Weil es um ihr Leben geht, geht sie auf den Pakt ein, wird Königin und als sie nach einem Jahr ein Kind zur Welt bringt, kommt das Rumpelstilzchen wieder und will ihr Kind mitnehmen.“
„Und dann? Avanti, avanti!“, fuhr der Alte bewegt hinein und seine umdunkelten Augen glühten feurig.
„Dann hat sie noch eine letzte Chance, ihr Kind zu retten. Sie muss dafür den Namen vom Rumpelstilzchen herausfinden.“
„Ecco! Den Namen muss sie herausfinden! Und? Schafft sie es?“
„Ja, ein Diener erspäht das Rumpelstilzchen an einem Berg im Wald und hört, wie es singt: ‚Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind. Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.‘ Und als dieses dann zur Königin kommt und sie den Namen kennt, darf sie das Kind behalten und …“, ich hielt inne, „… dann reißt sich das Rumpelstilzchen in zwei Hälften. Nicht gerade schön, wenn Sie mich fragen.“
„Schön? Märchen müssen nicht schön sein. Sie sind ein Spiegel der Welt, wie sie ist, und nicht Flucht vor ihr.“ Marini schwang sich in seiner Rede hoch, wild gestikulierend, einen Hustenanfall unterdrückend. „Märchen sind darum nie unwahr oder weltfremd, sondern viel wahrer als alle anderen Textgattungen, weil nur sie die Welt in ihrer Ganzheit darstellen können.“
Als Mann von direkter Rauigkeit besaß Maestro Marini die Gabe, so dicht zu sprechen, dass ich am liebsten jeden Satz mitgeschrieben hätte. Schnell trat feurige Erregung auch in meine Seele. Ich war nur halb gebildet, allerdings klug genug, zu wissen, dass in Märchen viel Weisheit steckte, die es zu entdecken gilt.
„Auch das Rumpelstilzchen ist nicht einfach vom Himmel erfunden. Was denken diese Schulkinder eigentlich, die sich Buchkritiker nennen?“ Marini machte an dieser Stelle wilde Gesten, die ich als typisch italienisch verstand. „Das Rumpelstilzchen ist echt! Es beherrscht unsere Zeit, denn in vielen lebt dieses Wesen. Im Volksmund nennt man es den Stolz.“
Da ich darauf nur ein verdutztes Gesicht machte, setzte Marini nach: „Rumpel bedeutet wüten, toben. Am passendsten ist das Wort, das ihr im Schweizerischen für das Quengeln eines rasenden Kindes verwendet: täubele. Das heißt auch irrsinniges, zielloses Reden, ohne Verstand lallen. Das ist, was der Stolz in uns macht: täubele. Und Stilzchen kommt von Stelzen und das wiederum kommt von stolzieren, ecco: Stolz. Darum hat meine Marionette diese Stelzen, statt der Beine. Das Märchen der Grimm erklärt, wie man den Stolz loswerden kann. Man muss ihn beim Namen nennen. Einmal benannt, für immer erkannt, und das selbstzerstörerische Wesen kann nicht weiter … täubele.“
Ich war baff: „Unglaublich. Aber inwiefern ist die Müllerstochter stolz?“
„No, no. So funktionieren Märchen nicht.“ Marini winkte meine lachhafte Aussage mit aller Entschiedenheit ab und fügte zu meiner Belehrung hinzu: „Märchen wie dieses, die mit dem Es-war-einmal beginnen, erklären einen ewig richtigen Sachverhalt, in diesem Fall den Stolz, und verwenden meist mehrere Figuren, um an ihnen zu zeigen, wie dieser Sachverhalt funktioniert. Das Rumpelstilzchen beginnt mit dem Es-war-einmal. Was denken Sie, was steht da? Es war einmal … was?“
Ich konnte mich nicht erinnern und riet: „Es war einmal eine Müllerstochter, wahrscheinlich?“
„Eben nicht!“, rief Marini aus, zutiefst glücklich, sich über mein Laienwissen aufregen zu können. Er war wieder ganz in seinem Element. „Sie müssen sich immer achten, was da steht, was denn da einmal gewesen sein soll. Überhaupt ist es wegweisend, wie ein Text anfängt. Es heißt: Es war einmal ein Müller! Obwohl der Müller nur am Anfang kurz vorkommt. Erstaunlich, nicht? Das ist aber sehr typisch. Der Müller führt in das Thema Stolz ein, darauf wird er fallengelassen und das Thema geht mit einer anderen Figur weiter, in diesem Fall seiner Tochter. Hier heißt es, der Müller kam mit dem König zu sprechen und um sich ein Ansehen zu geben, log er, er habe eine Tochter, die aus Stroh Gold spinnen kann. Allora! Um sich ein Ansehen zu geben! Das Thema ist gesetzt: der Stolz.“
„Und die Tochter?“, fragte ich.
„Mit der Tochter wird dargestellt, wie der Stolz mit uns verhandelt. Sehen Sie, der Stolz will etwas Gutes von uns und gibt dafür etwas Gefälschtes. Das Rumpelstilzchen spinnt dreimal Stroh zu Gold. Die Dreiheit ist im Märchen auch wesentlich! Stroh sieht von der Farbe her zwar aus wie Gold, dieses Strohgold ist aber Fake. Beim ersten Mal verlangt das Rumpelstilzchen im Gegenzug eine Halskette, beim zweiten Mal einen Ring. Und was haben diese gemeinsam?“
„Hm … Das wäre echtes Gold gewesen“, verstand ich tonlos. In meinem Kopf wurde langsam alles klarer und ich flüsterte in mich hinein: „Grundgütiger. Welch Ironie!“
„So funktioniert der Stolz“, meinte Marini. „Wenn zum Beispiel eine introvertierte Person aus Stolz extrovertiert sein will, kauft sie beim Rumpelstilzchen die Scheingabe des Lärmmachens und bezahlt sie mit der echten Gabe des Zuhörens, die sie gehabt hätte. Und ein Handel mit dem Rumpelstilzchen führt zum andern, bis man nichts Eigenes, nichts Echtes mehr hat. Dann kommt das Rumpelstilzchen zum dritten Mal. Und dann will es …“
„Das Kind“, hauchte ich, den Moment nutzend, wo Marinis Exegese von einem schaumigen Husten unterbrochen wurde, der ihn zum Augenwasser trieb. Auch ich war jetzt Feuer und Flamme für das Thema.
„… das, was in uns selbst lebt, ja“, fasste sich der Alte. „Gemeint ist die Seele, das wahre Wesen. Hat man das mal verloren, gibt es kein Zurück. Dann hat der Stolz gewonnen und wir werden Sklaven des Rumpelstilzchens. Können Sie sich vorstellen, wie viele Menschen da draußen, ohne es zu wissen, von diesem Monster diktiert werden? Man muss seinen Namen herauskriegen, es benennen. Man muss den Mut haben, zu sich zu sagen: ‚Ich gestehe es, mein Antrieb heißt Stolz.‘ Wer das geschafft hat, wer demütig sein Rumpelstilzchen benannt hat, wird wieder sich selber sein können.“
„Also erzählt uns das Märchen vom Rumpelstilzchen, wie der Stolz funktioniert; er nimmt unsere wahren Gaben und Fähigkeiten und tauscht sie gegen unechte, sodass wir immer unauthentischer werden. Und man braucht den Mut, seinen Antrieb als Stolz zu benennen, damit der Teufelskreis durchbrochen werden kann“, fasste ich zusammen und zermarterte mir den Kopf.
Da kam mir ein Gedanke: „Da wir gesprächsweise schon dabei sind … woher kommt das Rumpelstilzchen eigentlich? Wie entsteht Stolz?“ Die Frage hatte sich seit einer Weile dicht hinter meinen Zähnen angestaut. Als hätte er diese erwartet, kniff Marini die Augen zu und atmete tief durch, als hätte ich mit dieser Frage etwas ins Rollen gebracht, das nicht mehr aufzuhalten war. Lange saß er so. Seine Hand mit dem Zigarettenstummel begann zu zittern, sodass der lange Stängel Restasche abfiel und über seinen knöchernen Fingern verstaubte.
„Das ist ein anderes Märchen. Es ist die Geschichte von Rumpelstilzchens Reise. Sie geht mir immer so nah … verzeihen Sie.“ Marini trocknete seine gramvollen Augen.
„Tut mir leid“, verteidigte ich hastig, „ich belästige Sie hier mit meiner Fragerei …“, doch Marini gab beruhigende Gegenversicherungen und meinte: „Nein, Sie tun gut daran, die Frage nach dem Ursprung des Rumpelstilzchens zu stellen. Alle Menschen haben ein Recht, zu erfahren, wie dieses Wesen entstanden ist. Es ist höchste Zeit, diese Geschichte zu erzählen. Allora. Hören Sie zu.“
Ich will nicht behaupten, dass folgende, sehr ergreifende Geschichte von Rumpelstilzchens Reise mir Wort für Wort von Maestro Marini überliefert worden war. Ich kann nur versuchen, das, was in jener Nacht in diesem Marionettenkeller passiert ist, so getreu wie möglich nachzuerzählen. Es bleibt dabei aber meine Auffassung der Geschichte.
Allora. Hören Sie zu.
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… und fragen Sie sich auch, wo das Rumpelstilzchen herkam? Diese Frage zählt zu den wertvollsten meines Lebens seit dem Tag, an dem mir dieses Wesen erstmals wahrhaftig begegnete.
Der alte Maestro Marini führte mich eine steile Treppe hinunter zu einer schmalen Tür. Der Gewölbekeller dahinter lag im Stockdunkeln. Ich tat einen erprobenden Atemzug, und sowie wir eintraten, stieg mir das unverkennbare Duftgemisch von Lack und Holz in die Nase, und blinkend ging das trübe Licht an. Die Größe des Kellers war nicht einzuschätzen, weil er mit einer Vielzahl an Regalreihen zugestellt war, in denen Hunderte Marionetten aller Formen und Gestalten hingen. So sah das also aus: die Eingeweide eines Marionettentheaters.
Diese dumpfe Unterwelt beruhigte und erregte mich zugleich. Nachträglich bin ich unsicher, wie ich hätte reagieren sollen, hätte ich damals geahnt, was alles noch geschehen sollte. An den atmosphärischen Wechsel mussten sich Aug und Ohr erst gewöhnen. Maestro Marini machte die schmale Tür zur Oberwelt zu und sprach an, was ich empfand: „Das fidele Alltagsauge ist zu hektisch und ungenau, und das Ohr fast gänzlich zu und lässt nur ein, was es hören will. Adesso, nun sind wir in einer anderen Sphäre – einer alten, sagenvollen Welt. Hier walten Geheimnisse, von denen man droben nichts ahnt. Also Ragazzo, Augen und Ohren auf!“
Staunend folgte ich dem Alten durch die ersten Regalreihen. Es hatte etwas anziehend Unheimliches, im Halbdunkeln zwischen den Reihen schlafender Holzpuppen zu wandeln. Hi und da blitzte ein gespaltenes Krokodilsauge zu mir, schielte mir ein dämonisches Gesicht entgegen, erschreckte mich eine tragische Geisterfratze mit aufgerissenen Augen. Obwohl es mich reizte, gab ich acht, nichts zu berühren. In der Grundschule hatte ich einst ein solch fädiges Individuum selber gebastelt, das sich aber beim ersten Mal Spielen unheilbar verwickelte. Jeder Rettungsversuch hatte nur zur endgültigen Verknotung beigetragen, weshalb die Fadenpuppe seither verstaubt auf meinem Estrich liegt. Ich wusste also um die Heimtücke des Marionettenmechanismus.
„Impressionante“, staunte ich, und Maestro Marini nickte großäugig.
„Sì, sì. Es ist, als ob sie schlafen. Die meisten habe ich selbst gemacht. Hier.“ Er schob ein paar Kartons mit einem Tritt zur Seite und wies auf eine mitgenommen aussehende Hobelbank zwischen zwei holzigen Gerüsten. Die war vollgestellt mit Farb- und Lackdosen, Pinseln, etlichem Werkzeug wie Hobel, Hämmer, Beitel, Feilen und vielem mehr, dessen Namen ich nicht kenne, und einigen übervollen Aschenbechern. Darüber war ein Ablagebrett in die grobe Wand geschraubt mit einer Vielzahl kleiner Glasschälchen mit Knopfaugen in allen Farben und Größen, Haar- und Fellteilen, Stoffresten, kleinen Holzfüßen, teils in Schuhen, teils mit winzigen Zehen dran, ja sogar eines voller Zähne, die erschreckend reell wirkten.
Im Schraubstock war ein nackter Holzkörper eingespannt, an welchem zwei Beinchen, aber noch keine Ärmchen hingen. In das splittrige Schulterskelett waren zwei Augenschrauben gedreht, wo später die sogenannten Haltefäden der Marionette einen aufrechten Gang ermöglichen sollten, wie Marini fingerzeigend erklärte. Der Holzkopf wies bereits die groben Konturen eines dicklichen Gesichts auf.
„Das wird mal ein schläfriger Koch. Den brauchen wir nächste Frühlingssaison für die neue Märchenproduktion.“
Fasziniert beugte ich mich zu den toten Augenlöchern herab. Aus diesem ungeschliffenen Stück Lindenholz sollte mal eine lebendige Puppe werden, die im Rampenlicht steht, geht und spricht, vielleicht sogar tanzt und mit ihrer Geschichte Kinder zum Lachen oder zum Weinen bringt? Ich spürte, dass daran etwas Magisches war, und für diesen besonderen Zweig der Magie lege ich noch heute eine Schwäche an den Tag.
„Unvorstellbar, dass alle Marionetten hier mal so ausgesehen haben sollen“, meinte ich.
„Da staunen Sie, vero? Mit Pläsier zeige ich Ihnen, was wir hier sonst noch so hängen haben.“
Maestro Marini führte mich also durch die Reihen der hängenden Gestalten und erklärte, dass sie alle geordnet waren. Jedes Regal hatte einen beschriftenden Aufkleber an der Gangseite. Da war die Reihe der Mägde und Knechte mit aufgemaltem Schmutz auf den elenden, angestrengten Gesichtern. Da waren die Zauberer mit verkupferten Instrumenten, die zerzausten Vagabunden mit Bettelsack und Wanderstock, die Clowns mit unproportionalen Kleidungsstücken, die tiefdekolletierten Prostituierten mit grell geschminkten, ausladenden Leibern, die zierlichen Prinzessinnen und Prinzen mit schläfrigen Augen und die silbern glänzenden Ritter – ich meinte, die sizilianischen Orlando und Rinaldo zu erkennen. Gegenüber hingen die bleichen Gespenster, die Buckelhexen mit winzigen Reisbesen und das Drachengezücht. Die Abteilung Tiere war die größte. Sie vermochte meinen Entschluss, nichts anzufassen, hart auf die Probe zu stellen. Da gab es flauschige Affen und Wölfe, Pferde, haarige Spinnen, bunte Vögel, Hunde, Kühe, Mäuse und anderes mehr. Da waren die bärtigen Zwerge und Riesen mit Keulen, die geistlich-sittlichen Engel, glitzerweiß mit goldenen Schärpen, und anderes heiliges Volk; die Polizisten und die Soldaten in Uniformen aller Epochen, die Adelsleute in samtigem Vlies protzten vor Schmuck, und nicht zu vergessen: unzählige Kinder.
Alles war mit Gefühl gemacht und strotzte vor Detailliebe. Obgleich die Gesichter meist karikaturengleich etwas verzerrt schienen, hatte der Künstler jeder einzelnen Marionette einen Hauch Echtheit und emotionalen Tiefgang zu verleihen gewusst. Dann und wann richtete der sachkundige Maestro meine Aufmerksamkeit auf eine Puppe und hielt rasselnde Reden über die Hintergründe des teilweise lange zurückliegenden Herstellungsprozesses, damit mir das Genie dahinter ja nicht entging. Ihm folgte ein leicht überfordertes Ich, Lob und ständige Interessensbekundungen auf den Lippen.
„Sie interessieren sich zu Recht“, proklamierte Marini, und ich spürte seine ungespielte Liebe zum Spielen. „Die Theaterwelt ist eine Schnittstelle zwischen Realität und Fantasie. Eine Fadenpuppe ist ein Mittelding zwischen zwei Wirklichkeiten, durch die Fäden mit beiden Welten verbunden. Meine Aufgabe ist es, die Fäden verschwinden zu lassen. Gar nicht so leicht, wenn man bedenkt, wie omnipräsent Fäden in unserer Gesellschaft sind.“
Besonders eindrücklich fand ich die Reihe mit der Überschrift Demagogen. Da hing allerlei Gehörntes. Diese Holzgesichter waren furchtbar zu schauen und trotzdem von einer eigenartigen Süßigkeit.
„Lästige kleine Teufel“, schmunzelte ich und wunderte mich zugleich über meinen Flüsterton. Tatsächlich fühlte ich mich wie in einem Raum voller Schlafender.
„O ja. Teufel haben wir einige. Hier ist der Geizteufel, der die Geizigen holen kommt. Sehen Sie, hier haben wir einen Schneeteufel, seine Krone besteht aus Eiszapfen; ein gescheutes Etwas, aber alles in allem gelungen. Der Lumpenteufel ist für das Lumpengesindel zuständig“, ich lachte, „ah und hier ist ein Luzifer.“
Diese Gestalt wich deutlich von den anderen ab. Der milde, leicht entrückte Ausdruck, der glänzend schwarze Geschäftsanzug schufen ein adrettes und anmutiges Aussehen. Bis auf zwei kleine Hörner unterschied sie sich nicht von einem Menschen. Gerade das war es, was sie so unheimlich machte.
„Den kennen Sie sicher“, fuhr Marini fort. „Das ist Mephistopheles, gut zu erkennen am roten Wams, der Hahnenfeder und dem Degen. Und der hier hinten sieht sehr harmlos aus, aber lassen Sie sich nicht täuschen!“ Er holte einen gewöhnlich aussehenden Flötenspieler mit Federhut hervor, griff das Holzkreuz mit der Rechten und ließ die Fadenpuppe mit sanften Zuckungen seiner geübten Finger liebevoll über den Holzboden tanzen.
„Der Rattenfänger“, erkannte ich staunend.
„Einer der Schlimmsten“, bestätigte der Altmeister.
Im Regal gegenüber hingen die Hauptfiguren. Hamlet direkt neben Frau Holle zu sehen, war für mich schon fast bizarr.
„Die Figuren passen nicht zueinander“, warf ich ein. „Schauen Sie, da hängt Dr. Faust zwischen Max und Moritz. Und da König Arthus neben Pippi Langstrumpf.“
Marini gab mir recht: „Die Hauptfiguren waren nie gruppenfähig. Sie wirken nur, wenn sie allein gegen die Welt spielen. Schauen Sie, das hier ist meine älteste Marionette.“ Er zeigte mir einen finster dreinblickenden König im schottischen Kilt.
„Wie heißt der?“, fragte ich naiv. Signore Marini tat, als pralle er zurück, tippte sich entsetzt an die Stirn und ging ein Regal weiter. Diese Reaktion verstand ich erst Jahre später, als ich selber zum Theater ging. Für die Nicht-Theatermenschen erkläre ich das kurz: Es handelte sich bei diesem nordischen König natürlich um Macbeth. Der Legende nach hatte Shakespeare einige Zaubersprüche, die Macbeth in der Geschichte zum Verhängnis wurden, nicht selber gedichtet, sondern aus einem echten Hexenbuch abgeschrieben, weshalb nun ein wirklicher Fluch auf dem Namen Macbeth läge. Noch heute sprechen Theatermenschen diesen Namen nicht aus, um zu verhindern, dass der böse Zauber auf sie zurückfällt.
Das nächste Regal ließ mich verwirrt und beelendet zurück. Es war nicht angeschrieben und ich sah zunächst keinen Zusammenhang zwischen den Figuren, außer dass alle menschlicher Gestalt waren.
„Das sind die Nicht-mehr-Korrekten“, bekundete Marini traurig. Seine Mundwinkel zogen sich tragisch herab und offenbarten ungeordnete Zähne. „Hier haben wir die gelben Chinesen mit den Schlitzaugen. Hier die roten Indianer mit den Tabakpfeifen und die halbnackten Mohren mit Strohröcken.“ Jetzt sah ich es auch.
„Die dürfen nicht mehr auf die Bühne“, konstatierte ich und der Alte schüttelte kräftig den gekrausten Kopf und lachte auf.
„O nein. Nie mehr. Ist ja auch recht so. Ich frag mich nur“, fügte er nach einer nachdenklichen Weile hinzu, „wer es den Puppen beibringt, warum sie nicht mehr auftreten dürfen. Wie sagt man einem Stück Holz, dass es jetzt böse ist?“
Im letzten Regal, dem vorletzten angestückt und kaum sichtbar, da das Licht nicht mehr hinreichte, hingen die unbrauchbaren Puppen, die aus diversen Gründen noch nie aufgetreten waren.
Als ich mich, sattgesehen und geistig angeregt ob der vielen Eindrücke, auf den Rückweg machen wollte, blieb der alte Marini in diesem letzten Regal zurück. Er stand unbeweglich ganz hinten im Dunkel und war in den Anblick einer Puppe versunken. Sein schattenhaftes Profil brummte etwas vor sich her, das ich nicht verstehen konnte.
„Was ist?“, fragte ich. Es kam keine Antwort. Ich hatte zu warten und noch einmal zu fragen. Nach einer zu langen Weile kam Marini gebrochenen Blickes wieder ans Licht. Sein Antlitz mit den harmvollen Hautsäcken unter den Glutaugen, der südländischen Adlernase, den flatternden Nüstern, der angegrauten Schnauzbehaarung wirkte stark gealtert, als hätte er den leibhaftigen Teufel gesehen. Jede Form von Eigendünkel war verflogen. Seine wässrigen Augen spiegelten eine Gefühlsfülle und zugleich vollkommene Leere. Er hatte eine kleine, verstaubte Marionette dabei. Mein Herz schlug höher. Welche Puppe konnte den großen Maestro Marini in seiner erfahrenen Unerschütterlichkeit so sehr ergreifen? Doch dieser war in seiner eigenen Welt und schien nicht ansprechbar. Also fiel mein Blick auf die kleine Puppe und ich schnappte nach Luft. Sie ließ alle Teufel und die Gespenster niedlich aussehen.
Die Figur war klein wie die Marionettenkinder, aber nichts sah jemals weniger aus wie ein Kind. Nie hatte etwas dermaßen alt und unkindlich ausgeschaut. Das geschnitzte, faltige Gesicht war eingefallen, die Augen gefüllt mit Sorgen, die Lider schwer. Die Beinchen hörten bei den Knien auf und gingen in zwei gleich lange, gerade Stecken über. Die ausgebleichten Kleider waren sogar dieser kleinen Puppe noch zu knapp. Die dürre Gestalt war ein Spiegel der reinen Verzweiflung. Alles an dieser Erscheinung war elend und von Verfall gezeichnet.
„Was ist das denn?“, fragte ich entsetzt.
„Rumpelstilzchen“, war die Antwort in versagendem Ton. Mehr brachte ich nicht aus dem Alten heraus. Er wankte zur Hobelbank zurück und sackte auf seinem Arbeitsstuhl zusammen. Auf eine gehuschte, einladende Handbewegung setzte ich mich auf einen Hocker. Erst nach der zweiten Lucky Strike hängte Marini die dürre Marionette an einen Haken über dem Tisch, hustete breiig gurgelnd und begann sodann in tiefen Atemzügen zu sprechen, wie er es stets dann zu tun pflegte, wenn es ihm schwer ums Gemüt war.
„Diese Marionette hatte ich ganz vergessen. Ich hatte sie damals gemacht vor so vielen Jahren. Damals wusste ich noch nicht …“ Er machte sich die dritte Zigarette an, seufzte die staubig-rauchige Luft ein und ließ erneut seinen schaudervoll breiorganischen Husten hören. „Gewiss darf dieses Rumpelstilzchen nie auf die Bühne.“ Ich muss wohl nicht anfügen, dass ich hochgradig verwirrt war ob der Aussage, dies sei das Rumpelstilzchen aus dem Kindermärchen.
„Das glaube ich, nachvollziehen zu können“, versuchte ich vorsichtig. „Das Rumpelstilzchen sieht doch nicht so aus, oder?“ Maestro Marini dämpfte seine baritonale Stimme, als fürchtete er, die Marionette könne ihn belauschen.
„Das Rumpelstilzchen ist keine bloße Erfindung. Es ist echt. Es gibt es wirklich. Und so sieht es eigentlich aus. Wissen Sie, was sein Name bedeutet? Madonna! Haben Sie das Märchen überhaupt gelesen?“ Ich nickte hastig und Marini fuhr fort: „Und? Worum geht es?“
Das Gespräch schien den Alten wiederzubeleben, ja, er wurde gar rot vor erregtem Vergnügen, und mich hatte die Neugierde gepackt, also versuchte ich mein Bestes.
„Um eine Müllerstochter, die von ihrem Vater zum König gebracht wird, weil sie angeblich aus Stroh Gold spinnen konnte. Sie soll Königin werden, wenn sie es schafft, in einer Nacht eine Kammer voll Stroh zu Gold zu verspinnen. Als sie es dann aber nicht kann, erscheint ihr das Rumpelstilzchen und macht es für sie und verlangt im Gegenzug ihr erstes Kind. Und zuerst war noch etwas mit einer Halskette und einem Ring, glaube ich.“
„Und dann?“ stürmte Signore Marini ungeduldig, die vierte Zigarette zwischen den Lippen.
„Weil es um ihr Leben geht, geht sie auf den Pakt ein, wird Königin und als sie nach einem Jahr ein Kind zur Welt bringt, kommt das Rumpelstilzchen wieder und will ihr Kind mitnehmen.“
„Und dann? Avanti, avanti!“, fuhr der Alte bewegt hinein und seine umdunkelten Augen glühten feurig.
„Dann hat sie noch eine letzte Chance, ihr Kind zu retten. Sie muss dafür den Namen vom Rumpelstilzchen herausfinden.“
„Ecco! Den Namen muss sie herausfinden! Und? Schafft sie es?“
„Ja, ein Diener erspäht das Rumpelstilzchen an einem Berg im Wald und hört, wie es singt: ‚Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind. Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.‘ Und als dieses dann zur Königin kommt und sie den Namen kennt, darf sie das Kind behalten und …“, ich hielt inne, „… dann reißt sich das Rumpelstilzchen in zwei Hälften. Nicht gerade schön, wenn Sie mich fragen.“
„Schön? Märchen müssen nicht schön sein. Sie sind ein Spiegel der Welt, wie sie ist, und nicht Flucht vor ihr.“ Marini schwang sich in seiner Rede hoch, wild gestikulierend, einen Hustenanfall unterdrückend. „Märchen sind darum nie unwahr oder weltfremd, sondern viel wahrer als alle anderen Textgattungen, weil nur sie die Welt in ihrer Ganzheit darstellen können.“
Als Mann von direkter Rauigkeit besaß Maestro Marini die Gabe, so dicht zu sprechen, dass ich am liebsten jeden Satz mitgeschrieben hätte. Schnell trat feurige Erregung auch in meine Seele. Ich war nur halb gebildet, allerdings klug genug, zu wissen, dass in Märchen viel Weisheit steckte, die es zu entdecken gilt.
„Auch das Rumpelstilzchen ist nicht einfach vom Himmel erfunden. Was denken diese Schulkinder eigentlich, die sich Buchkritiker nennen?“ Marini machte an dieser Stelle wilde Gesten, die ich als typisch italienisch verstand. „Das Rumpelstilzchen ist echt! Es beherrscht unsere Zeit, denn in vielen lebt dieses Wesen. Im Volksmund nennt man es den Stolz.“
Da ich darauf nur ein verdutztes Gesicht machte, setzte Marini nach: „Rumpel bedeutet wüten, toben. Am passendsten ist das Wort, das ihr im Schweizerischen für das Quengeln eines rasenden Kindes verwendet: täubele. Das heißt auch irrsinniges, zielloses Reden, ohne Verstand lallen. Das ist, was der Stolz in uns macht: täubele. Und Stilzchen kommt von Stelzen und das wiederum kommt von stolzieren, ecco: Stolz. Darum hat meine Marionette diese Stelzen, statt der Beine. Das Märchen der Grimm erklärt, wie man den Stolz loswerden kann. Man muss ihn beim Namen nennen. Einmal benannt, für immer erkannt, und das selbstzerstörerische Wesen kann nicht weiter … täubele.“
Ich war baff: „Unglaublich. Aber inwiefern ist die Müllerstochter stolz?“
„No, no. So funktionieren Märchen nicht.“ Marini winkte meine lachhafte Aussage mit aller Entschiedenheit ab und fügte zu meiner Belehrung hinzu: „Märchen wie dieses, die mit dem Es-war-einmal beginnen, erklären einen ewig richtigen Sachverhalt, in diesem Fall den Stolz, und verwenden meist mehrere Figuren, um an ihnen zu zeigen, wie dieser Sachverhalt funktioniert. Das Rumpelstilzchen beginnt mit dem Es-war-einmal. Was denken Sie, was steht da? Es war einmal … was?“
Ich konnte mich nicht erinnern und riet: „Es war einmal eine Müllerstochter, wahrscheinlich?“
„Eben nicht!“, rief Marini aus, zutiefst glücklich, sich über mein Laienwissen aufregen zu können. Er war wieder ganz in seinem Element. „Sie müssen sich immer achten, was da steht, was denn da einmal gewesen sein soll. Überhaupt ist es wegweisend, wie ein Text anfängt. Es heißt: Es war einmal ein Müller! Obwohl der Müller nur am Anfang kurz vorkommt. Erstaunlich, nicht? Das ist aber sehr typisch. Der Müller führt in das Thema Stolz ein, darauf wird er fallengelassen und das Thema geht mit einer anderen Figur weiter, in diesem Fall seiner Tochter. Hier heißt es, der Müller kam mit dem König zu sprechen und um sich ein Ansehen zu geben, log er, er habe eine Tochter, die aus Stroh Gold spinnen kann. Allora! Um sich ein Ansehen zu geben! Das Thema ist gesetzt: der Stolz.“
„Und die Tochter?“, fragte ich.
„Mit der Tochter wird dargestellt, wie der Stolz mit uns verhandelt. Sehen Sie, der Stolz will etwas Gutes von uns und gibt dafür etwas Gefälschtes. Das Rumpelstilzchen spinnt dreimal Stroh zu Gold. Die Dreiheit ist im Märchen auch wesentlich! Stroh sieht von der Farbe her zwar aus wie Gold, dieses Strohgold ist aber Fake. Beim ersten Mal verlangt das Rumpelstilzchen im Gegenzug eine Halskette, beim zweiten Mal einen Ring. Und was haben diese gemeinsam?“
„Hm … Das wäre echtes Gold gewesen“, verstand ich tonlos. In meinem Kopf wurde langsam alles klarer und ich flüsterte in mich hinein: „Grundgütiger. Welch Ironie!“
„So funktioniert der Stolz“, meinte Marini. „Wenn zum Beispiel eine introvertierte Person aus Stolz extrovertiert sein will, kauft sie beim Rumpelstilzchen die Scheingabe des Lärmmachens und bezahlt sie mit der echten Gabe des Zuhörens, die sie gehabt hätte. Und ein Handel mit dem Rumpelstilzchen führt zum andern, bis man nichts Eigenes, nichts Echtes mehr hat. Dann kommt das Rumpelstilzchen zum dritten Mal. Und dann will es …“
„Das Kind“, hauchte ich, den Moment nutzend, wo Marinis Exegese von einem schaumigen Husten unterbrochen wurde, der ihn zum Augenwasser trieb. Auch ich war jetzt Feuer und Flamme für das Thema.
„… das, was in uns selbst lebt, ja“, fasste sich der Alte. „Gemeint ist die Seele, das wahre Wesen. Hat man das mal verloren, gibt es kein Zurück. Dann hat der Stolz gewonnen und wir werden Sklaven des Rumpelstilzchens. Können Sie sich vorstellen, wie viele Menschen da draußen, ohne es zu wissen, von diesem Monster diktiert werden? Man muss seinen Namen herauskriegen, es benennen. Man muss den Mut haben, zu sich zu sagen: ‚Ich gestehe es, mein Antrieb heißt Stolz.‘ Wer das geschafft hat, wer demütig sein Rumpelstilzchen benannt hat, wird wieder sich selber sein können.“
„Also erzählt uns das Märchen vom Rumpelstilzchen, wie der Stolz funktioniert; er nimmt unsere wahren Gaben und Fähigkeiten und tauscht sie gegen unechte, sodass wir immer unauthentischer werden. Und man braucht den Mut, seinen Antrieb als Stolz zu benennen, damit der Teufelskreis durchbrochen werden kann“, fasste ich zusammen und zermarterte mir den Kopf.
Da kam mir ein Gedanke: „Da wir gesprächsweise schon dabei sind … woher kommt das Rumpelstilzchen eigentlich? Wie entsteht Stolz?“ Die Frage hatte sich seit einer Weile dicht hinter meinen Zähnen angestaut. Als hätte er diese erwartet, kniff Marini die Augen zu und atmete tief durch, als hätte ich mit dieser Frage etwas ins Rollen gebracht, das nicht mehr aufzuhalten war. Lange saß er so. Seine Hand mit dem Zigarettenstummel begann zu zittern, sodass der lange Stängel Restasche abfiel und über seinen knöchernen Fingern verstaubte.
„Das ist ein anderes Märchen. Es ist die Geschichte von Rumpelstilzchens Reise. Sie geht mir immer so nah … verzeihen Sie.“ Marini trocknete seine gramvollen Augen.
„Tut mir leid“, verteidigte ich hastig, „ich belästige Sie hier mit meiner Fragerei …“, doch Marini gab beruhigende Gegenversicherungen und meinte: „Nein, Sie tun gut daran, die Frage nach dem Ursprung des Rumpelstilzchens zu stellen. Alle Menschen haben ein Recht, zu erfahren, wie dieses Wesen entstanden ist. Es ist höchste Zeit, diese Geschichte zu erzählen. Allora. Hören Sie zu.“
Ich will nicht behaupten, dass folgende, sehr ergreifende Geschichte von Rumpelstilzchens Reise mir Wort für Wort von Maestro Marini überliefert worden war. Ich kann nur versuchen, das, was in jener Nacht in diesem Marionettenkeller passiert ist, so getreu wie möglich nachzuerzählen. Es bleibt dabei aber meine Auffassung der Geschichte.
Allora. Hören Sie zu.
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