Raiza’s Café Cuba
EUR 28,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 106
ISBN: 978-3-7116-1044-7
Erscheinungsdatum: 30.09.2025
Liebe Leser und Leserinnen, Raiza öffnet Ihnen die Tür zu ihrem Café in Havanna. Setzen Sie sich an einen Tisch, lassen Sie sich einen Kaffee oder Mojito servieren und lauschen Sie den Geschichten der Gäste nach.
Vorwort
Zwischen den Jahren 2010 und 2014 verarbeitete ich zwei Bücher zu Kunstobjekten. Anfang des Jahres 2015 entschied ich mich wieder für eine gestalterische Arbeit. Ausgangspunkt sollte auch dieses Mal ein bereits existierendes Buch sein.
Ich überließ die Entscheidung dem Zufall und wählte deshalb mit geschlossenen Augen ein Buch aus meinem Regal.
Der Roman „Café Cuba“ von Zoé Valdés fiel mir so zu. Etwa zehn Jahre vorher gelesen, war mir der Inhalt des Buches nicht mehr bekannt. Was ich noch wusste, war, dass die zentrale Gestalt Marcela, eine in Europa gestrandete Fotografin, war.
Ihre Freunde und Bekannten lebten über den halben Erdball verstreut. Doch egal, wo sie ihr Exil suchten, sie waren Gestrandete.
In meinem Buchobjekt sollte nicht eine Figur wie Zoé Valdés Marcela durch die Geschichte führen, sondern ein zentraler, fiktiver Ort: das Café Cuba. In meinem Café existiert keine Marcela. Gleich einem roten Faden wurde das Café Cuba in Havanna, Begegnungsort und Inspiration für die Gäste, die dort ein- und ausgingen. Ich erzähle aus ihrem Leben. Menschen mit unterschiedlicher Vergangenheit und Gegenwart fanden sich in Raizas Café ein. Alle Personen und Geschichten sind frei erfunden.
Sie entstanden aus archaischem Material eigener Träume, aus Erfahrungen und aus Recherchen über Kuba.
Ausgangspunkt war die künstlerische Gestaltung des Buches. Die Entscheidung, die Geschichten auch aufzuschreiben, entstand während der Auseinandersetzung mit der Biografie von Rogelio. Da Rogelio, ein Schriftsteller in Gedanken zurück in seine Vergangenheit geht, schrieb ich seine Geschichte rückwärts in die Zeilen des Romans. Er, weckte in mir das Interesse an der Kombination von Gestaltung und Text.
Die Geschichten der Café-Besucher und -Besucherinnen platzierte ich zufällig im Roman von Zoé Valdés. Diese Zufälligkeit ermöglichte mir eine zusätzliche Inspiration, indem ich einzelne Wörter oder Sätze in die Handlung der Personen integrierte. Einmal war es die Gestaltung, die sich im Text der entsprechenden Seite widerspiegelte, ein anderes Mal war es ein Satz oder ein Text, der mein Gestalten beeinflusste. Oft staunte ich über die Synchronizität.
Zu Beginn der Arbeit entschied ich mich für Ausschnitte diverser Postkarten, die als Anregung für meine Personen dienen sollten.
Die Treffen der Gäste im Café waren teilweise geplant. Oft waren es Einzelpersonen, und manchmal ergaben sich Annäherungsversuche einzelner Gäste untereinander. Das gestaltete Buchobjekt entstand über einen Zeitraum von fünf Jahren und hatte tagebuchähnlichen Charakter.
Das Kunstobjekt gliedert sich in drei Bücher: Das gestaltete Buch, die parallel dazu hervorgegangenen Geschichten und die Überarbeitung der Texte bilden eine Einheit. Die Gestaltung des Klappendeckels entstand nach Abschluss der ersten beiden Bücher 2015–2020, und den Text dazu schrieb ich 2008. Die definitive Überarbeitung des Textes erfolgte 2023/2024.
Dank
Einmal im Jahr muss man das Meer sehen!
Ode an meine Mutter, die mir ihre Kreativität und Weitsicht vorlebte.
Ein großes Geschenk, welches wesentlich zu meiner Entwicklung beitrug.
Einen großen Dank all den Freunden und Menschen, die mir in meinem Leben mit ihren Erfahrungen und Gedanken Inspiration waren und sind und die so Einfluss hatten in der Erarbeitung des Buches.
Einen besonderen Dank an Justina Derungs, der ich die Geschichten vorlesen durfte und so eine erste Rückmeldung bekam. Auch danke ich Marianne Lüthi für das ausführliche Gegenlesen. Ein Danke an meine Schwägerin, Anna Gadient-Maurer, die das Kunstwerk fotografisch festhielt.
Auch danke ich dem Internet (Wikipedia) und der Literatur, die mir ermöglichten, den geschichtlichen und politischen Hintergrund zu erarbeiten, der in Teilen in die Geschichten einfloss.
Einen Dank geht an Zoé Valdés und Eduardo Melón Vallat, AMV Agencia Literaria S.L. Madrid, die mir die Urheberrechte für den Roman Café Nostalgia übertrugen. Auch danke ich Herrn Klaus Laabs, Berlin, Übersetzer des Romans von Zoé Valdés, für die deutschen Urheberrechte. Gerne denke ich an die anregenden Gespräche mit ihm zurück.
Der Himmel legt sich sanft.
Die Erde hat Beständigkeit.
Visionen schlagen Brücken zum Jetzt.
Carole Gadient 2008
Raiza, die Rose des Cafés Cuba
Es war das Jahr 1941. Raiza wurde als Älteste von fünf Kindern in Havanna geboren.
Getauft unter dem Namen Raiza Vea, gelebt in Havanna, sie wird auch hier sterben.
Die Eltern waren einfache Leute. Der Vater arbeitete in der Zuckerrohrfabrik und brachte Ende des Monats treu das Geld nach Hause. Es fehlte der Familie an allen Enden, und Mirsiana, die Mutter, wusste oft nicht, wie sie die hungrigen Münder ihrer Kinder stopfen konnte. Raiza, die Älteste, hatte früh gelernt, auf ihre jüngeren Geschwister aufzupassen. Wenn das Essen nicht reichte, bettelte sie sich durch die Straßen Havannas, um etwas Zusätzliches zu bekommen. Zuverlässig brachte sie die Almosen nach Hause und teilte sie unter ihren Geschwistern auf. Abends half sie, ihre Brüder und Schwestern ins Bett zu bringen oder oft auch zu jagen.
Seit etwa einem halben Jahr beobachtete sie ihre Mutter, wie diese am Abend ihre ausgelatschten Sandalen gegen hohe, rote Pumps tauschte, sich die Haare kämmte, sich mit Parfüm besprühte und eilends das heruntergekommene Haus verließ.
Raiza hatte sich nie gefragt, wohin ihre Mutter ging. Bis heute hat sie das Bild vor sich, wie ihre Mutter mit kurzem Kleid und kleiner Handtasche, umherschauend, ob sie jemand sah, die Treppe hinunterstöckelte. Auch fehlte Raiza der Mut, ihren Vater danach zu fragen.
Erst Jahre später realisierte sie, dass Papas Lohn nie gereicht hatte.
Morgens war Mutter müde und wollte ihre Ruhe haben.
Die einzige Ablenkung für Raiza von der Arbeit zu Hause waren die Mädchentreffs mit ihren Freundinnen. Abends trafen sich die Jugendlichen auf der Straße. Sie tauschten ihre Erlebnisse aus, sangen oder übten sich in der Kunst des Flirtens. Da die Mädchen und Jungen alle im gleichen Quartier wohnten, kannten sie sich von klein auf. José war einer von ihnen. Er war der Sohn der Nachbarn auf der rechten Seite. Seit die beiden Kinder in die Pubertät kamen, hatte José ein Auge auf Raiza geworfen. Er bewunderte ihren Mut und ihre Direktheit. Vor allem aber gefielen ihm ihre Brüste. Als die beiden elf Jahre alt waren, kam es zum ersten Kuss. Der sicherste Ort, um nicht zum Gespött des „Barrios“,der Nachbarschaft,zu werden, war die dunkle Calle Martínez. Anfangs wollten die beiden natürlich auch nicht, dass ihre Eltern von ihren Liebeleien etwas erfuhren. Raiza hatte sich in diesen mageren Jungen verliebt, und José nutzte jede Möglichkeit, Raiza in die Arme zu nehmen und ihren üppigen Körper an sich zu drücken. Manchmal wehrte sie ihn lachend ab.
Die Jahre vergingen, und José war längst Raizas Ehemann geworden. Leider blieben sie kinderlos, da half auch Mirsianas Beten und Segnen nichts. Raiza versuchte immer wieder, dieses Schicksal, wie sie es nannte, anzunehmen. Ihre Eltern und Schwiegereltern sahen den Fluch oder die Schuld einmal bei ihr oder bei José oder bei den Göttern, den „Orishas“. Es war für Raiza nicht einfach, diesem Druck standzuhalten. Sie suchte und fand eine erfüllende Arbeit und wollte auf andere Gedanken kommen und Leute kennenlernen. Es sprach sich herum, dass José zwischendurch zu den „Putas“, wie man im Barrio die Prostituierten nannte, ging. Sein Lebenswandel und die vorübergehende Arbeitslosigkeit zehrten an seinen Kräften. Es wunderte niemanden im Quartier, als der Medico ihm eines Tages offenbarte, dass der Krebs ihn zerfresse. Für das Paar begann eine schwierige Zeit. Auch als José Raiza immer öfter anschrie oder seine Ungeduld handfest zeigte, stand sie stets zu ihm und an seiner Seite.
Am Begräbnis wehte ein leiser Wind, und in der Kirche war es kühl und düster. Als Raiza an diesem Novembertag aus der Kirche trat und zum Himmel schaute, meinte sie, ein Zeichen zu erkennen. Sie war überzeugt, dass sie zu gegebener Zeit ihr Leben in die eigenen Hände nehmen würde. An diesem Abend schaute sie in den Spiegel im Bad und sah ihre Hände an. Es waren die Hände einer 44-jährigen Frau, die gelernt hatte, Arbeiten anzupacken. Auch wusste Raiza, dass sie etwas Eigenes erschaffen wollte. Die nächsten drei Monate verkroch sie sich oft unter der Wolldecke und verließ die Wohnung nur, wenn sie musste. Ihren Geschwistern wollte sie nicht zur Last fallen. Dieser Rückzug, das wusste sie, war nötig, um von ihrem alten Leben Abschied zu nehmen.
José war in ihren Gedanken und Erinnerungen bei ihr. Oft weinte und schluchzte sie an seinem Grabe. Leid und Mitleid mit sich selbst lösten sich dabei ab.
Die Zeit verging, langsam wurde die Trauer kleiner und wich einer Ahnung vom neuen Leben. Als sie eines Abends auf dem Heimweg vom Friedhof war, traf sie Lucian in der Calle Martínez. Lucian fragte, ob sie gehört hätte, dass das Café Cuba einen neuen Pächter sucht. Da das Café in einem schlechten Zustand sei, biete sich die Gelegenheit, es nach eigenen Vorstellungen einzurichten.
Als Frau hatte man in Kuba zu dieser Zeit keine Chance, einen Pachtvertrag zu bekommen. Sollte sie aber Interesse an diesem Projekt haben, übernähme Lucian die Bürgschaft. Er würde ihr auch bei den Formalitäten helfen. Da er keine feste Anstellung hatte, bot er ihr seine Hilfe bei der Umgestaltung des Cafés an.
In dieser Nacht schlief Raiza kaum. Sie wälzte sich bis in die Morgenstunden im Bett und wog das Dafür und Dagegen ab. Als der Morgen kam, war der Entschluss reif, das Café zu übernehmen. Es kam, wie es kommen musste. Raiza unterzeichnete den Pachtvertrag für die nächsten fünf Jahre. Nachdem sie diesen unterschrieben hatte, feierte sie mit Lucian bis tief in die Nacht ihr neues Leben.
Nun hatte sie sechs Wochen Zeit, das alte Café zu renovieren und auf Vorderfrau, wie sie es gerne nannte, zu bringen.
Neue Leben müssen auch erarbeitet werden.
Raiza, Lucian und weitere Freunde halfen mit, die Wände des Cafés zu streichen, Nägel einzuschlagen, Sitzflächen zu reparieren oder lose Tischbeine anzuschrauben. Alle Tische wurden geschliffen und neu geölt, sodass die Maserung wieder zur Geltung kam. Raiza suchte in Havanna kleine Lampen im Jugendstil. Leah, eine Freundin von Raiza reinigte die farbigen Keramikkacheln. Sebastian brachte einen großen Spiegel mit Goldrand mit. Zu viert hängten sie ihn hinter der Theke auf. Raizas Geschwister sammelten verschiedenes Geschirr. Das Café sollte eine Oase der Begegnung werden. Raiza freute sich über die gelungene Renovierung des Cafés. Dank ihrem Geschick konnte sie eine gebrauchte Kaffeemaschine auftreiben. Für den Anfang taten es auch preiswerte Kaffeebohnen. Sie ließ ihre Beziehungen spielen, und so hatte sie bald einige Frauen, die für das Café kleine Gebäckstücke zauberten. Diese „Churros“, wie die gezuckerten Teigtaschen in Havanna heißen, waren bald heiß begehrt. Leah, buk für das Café kubanische Schokoladentorten mit Bananen und Sahne. Sie brachte diese jeden Morgen auf einem Tablett ins Cuba.
Die Wiedereröffnung sprach sich im Quartier und in Havanna wie ein Lauffeuer herum, und nach einigen Monaten bewirtete Raiza bereits vielfältige Gäste. Diese liebten den guten Kaffee, die Leckereien, vor allem aber den neuen Geist des Cafés Cuba. Jeweils früh morgens, wenn Raiza die Rollläden heraufgezogen hatte, setzte sie sich an einen Tisch und bereitete in einem großen Topf „Cuba Libre“ zu. Dabei mischte sie die Limetten mit frischen Minzblättern, Zucker und Rum und goss Sodawasser darüber. Raizas Mojito war geboren. Da sie den besten Rum auftreiben konnte, lockte sie zusehends auch Männer ins Café Cuba.
Lisian, welche jeden Mittwoch auf ihre Tanzstunde um die Ecke wartete, nahm meist einen Milchshake mit Bananen. „Eh, pequeña, dein Shake ist bereit! Möchtest du ein Stück des „Pudín de Pan“?“
Da fiel Raizas Blick auf Paolo, der jeden Morgen seine Gläser Wein brauchte. El pobre! …
Fremdgehen ist eine Entscheidung
„Das Leben schlägt manchmal Kapriolen, die niemand je zu prophezeien wagt.“
An einem Tischchen saß sich ein junges Paar gegenüber, beide etwa 35-jährig. Es war schwierig zu erfassen, in welcher Stimmung sie waren. Zum Schein entspannt entwickelte sich ein stummes Drama. Er trank den Espresso in einem Zuge, sie dagegen nippte an ihrem Café con Leche. Die beiden sprachen kein Wort. Sie, in Gedanken versunken, realisierte jede Regung seinerseits. Er, wartend und mit einem Funken Ungeduld, kämpfte gegen den Ausbruch seines inneren Vulkans. Je länger er wartete, desto mehr verschwand sie in andere Welten. Für ihn wurde der Gedanke immer konkreter, dass sie fremdging. Anzeichen hatte er beobachtet, jetzt wurden sie zu seiner Gewissheit. Seit einigen Wochen lagen ein Gedichtband von Arthur Rimbaud und Bücher von Henry Miller auf ihrem Nachttisch. Titel wie „Sexus“ oder „Lachen, Liebe, Nächte“ sprangen ihm ins Auge. Er erinnerte sich an die Anfangszeit, als sie oft über Kleinigkeiten oder eigene Unzulänglichkeiten lachen oder schmunzeln konnten. Irgendwie war ihnen das Lachen und die Heiterkeit im Laufe der Jahre abhandengekommen. Er fragte sich, ob sie nur gedanklich fremdging oder ob da ein anderer Mann zwischen ihnen stand. Seine Miene verfinsterte sich zusehends und wechselte von einem warmen Ocker in ein raues, zwingendes Schwarz. Es kratzte ihn im Hals. Während am Anfang des Cafébesuchs sein Blick vorher zu ihrer Linken auf den Boden fiel, suchte er jetzt Ablenkung, indem er zu den anderen Tischen sah. Es war für ihn kaum auszuhalten, in dieser Ungewissheit ausharren zu müssen.
„Ihm machte es keinen Spaß, in seinen Problemen zu wühlen und seinen Kummer anderen Leuten zu erzählen.“
Sein Mund blieb offen, und die Sprache war versiegt.
Die Zeit am Tisch der beiden schien atemlos stillzustehen.
Sie blieb weiterhin stumm, und ihr Kaffee wurde kalt.
…
Zwischen den Jahren 2010 und 2014 verarbeitete ich zwei Bücher zu Kunstobjekten. Anfang des Jahres 2015 entschied ich mich wieder für eine gestalterische Arbeit. Ausgangspunkt sollte auch dieses Mal ein bereits existierendes Buch sein.
Ich überließ die Entscheidung dem Zufall und wählte deshalb mit geschlossenen Augen ein Buch aus meinem Regal.
Der Roman „Café Cuba“ von Zoé Valdés fiel mir so zu. Etwa zehn Jahre vorher gelesen, war mir der Inhalt des Buches nicht mehr bekannt. Was ich noch wusste, war, dass die zentrale Gestalt Marcela, eine in Europa gestrandete Fotografin, war.
Ihre Freunde und Bekannten lebten über den halben Erdball verstreut. Doch egal, wo sie ihr Exil suchten, sie waren Gestrandete.
In meinem Buchobjekt sollte nicht eine Figur wie Zoé Valdés Marcela durch die Geschichte führen, sondern ein zentraler, fiktiver Ort: das Café Cuba. In meinem Café existiert keine Marcela. Gleich einem roten Faden wurde das Café Cuba in Havanna, Begegnungsort und Inspiration für die Gäste, die dort ein- und ausgingen. Ich erzähle aus ihrem Leben. Menschen mit unterschiedlicher Vergangenheit und Gegenwart fanden sich in Raizas Café ein. Alle Personen und Geschichten sind frei erfunden.
Sie entstanden aus archaischem Material eigener Träume, aus Erfahrungen und aus Recherchen über Kuba.
Ausgangspunkt war die künstlerische Gestaltung des Buches. Die Entscheidung, die Geschichten auch aufzuschreiben, entstand während der Auseinandersetzung mit der Biografie von Rogelio. Da Rogelio, ein Schriftsteller in Gedanken zurück in seine Vergangenheit geht, schrieb ich seine Geschichte rückwärts in die Zeilen des Romans. Er, weckte in mir das Interesse an der Kombination von Gestaltung und Text.
Die Geschichten der Café-Besucher und -Besucherinnen platzierte ich zufällig im Roman von Zoé Valdés. Diese Zufälligkeit ermöglichte mir eine zusätzliche Inspiration, indem ich einzelne Wörter oder Sätze in die Handlung der Personen integrierte. Einmal war es die Gestaltung, die sich im Text der entsprechenden Seite widerspiegelte, ein anderes Mal war es ein Satz oder ein Text, der mein Gestalten beeinflusste. Oft staunte ich über die Synchronizität.
Zu Beginn der Arbeit entschied ich mich für Ausschnitte diverser Postkarten, die als Anregung für meine Personen dienen sollten.
Die Treffen der Gäste im Café waren teilweise geplant. Oft waren es Einzelpersonen, und manchmal ergaben sich Annäherungsversuche einzelner Gäste untereinander. Das gestaltete Buchobjekt entstand über einen Zeitraum von fünf Jahren und hatte tagebuchähnlichen Charakter.
Das Kunstobjekt gliedert sich in drei Bücher: Das gestaltete Buch, die parallel dazu hervorgegangenen Geschichten und die Überarbeitung der Texte bilden eine Einheit. Die Gestaltung des Klappendeckels entstand nach Abschluss der ersten beiden Bücher 2015–2020, und den Text dazu schrieb ich 2008. Die definitive Überarbeitung des Textes erfolgte 2023/2024.
Dank
Einmal im Jahr muss man das Meer sehen!
Ode an meine Mutter, die mir ihre Kreativität und Weitsicht vorlebte.
Ein großes Geschenk, welches wesentlich zu meiner Entwicklung beitrug.
Einen großen Dank all den Freunden und Menschen, die mir in meinem Leben mit ihren Erfahrungen und Gedanken Inspiration waren und sind und die so Einfluss hatten in der Erarbeitung des Buches.
Einen besonderen Dank an Justina Derungs, der ich die Geschichten vorlesen durfte und so eine erste Rückmeldung bekam. Auch danke ich Marianne Lüthi für das ausführliche Gegenlesen. Ein Danke an meine Schwägerin, Anna Gadient-Maurer, die das Kunstwerk fotografisch festhielt.
Auch danke ich dem Internet (Wikipedia) und der Literatur, die mir ermöglichten, den geschichtlichen und politischen Hintergrund zu erarbeiten, der in Teilen in die Geschichten einfloss.
Einen Dank geht an Zoé Valdés und Eduardo Melón Vallat, AMV Agencia Literaria S.L. Madrid, die mir die Urheberrechte für den Roman Café Nostalgia übertrugen. Auch danke ich Herrn Klaus Laabs, Berlin, Übersetzer des Romans von Zoé Valdés, für die deutschen Urheberrechte. Gerne denke ich an die anregenden Gespräche mit ihm zurück.
Der Himmel legt sich sanft.
Die Erde hat Beständigkeit.
Visionen schlagen Brücken zum Jetzt.
Carole Gadient 2008
Raiza, die Rose des Cafés Cuba
Es war das Jahr 1941. Raiza wurde als Älteste von fünf Kindern in Havanna geboren.
Getauft unter dem Namen Raiza Vea, gelebt in Havanna, sie wird auch hier sterben.
Die Eltern waren einfache Leute. Der Vater arbeitete in der Zuckerrohrfabrik und brachte Ende des Monats treu das Geld nach Hause. Es fehlte der Familie an allen Enden, und Mirsiana, die Mutter, wusste oft nicht, wie sie die hungrigen Münder ihrer Kinder stopfen konnte. Raiza, die Älteste, hatte früh gelernt, auf ihre jüngeren Geschwister aufzupassen. Wenn das Essen nicht reichte, bettelte sie sich durch die Straßen Havannas, um etwas Zusätzliches zu bekommen. Zuverlässig brachte sie die Almosen nach Hause und teilte sie unter ihren Geschwistern auf. Abends half sie, ihre Brüder und Schwestern ins Bett zu bringen oder oft auch zu jagen.
Seit etwa einem halben Jahr beobachtete sie ihre Mutter, wie diese am Abend ihre ausgelatschten Sandalen gegen hohe, rote Pumps tauschte, sich die Haare kämmte, sich mit Parfüm besprühte und eilends das heruntergekommene Haus verließ.
Raiza hatte sich nie gefragt, wohin ihre Mutter ging. Bis heute hat sie das Bild vor sich, wie ihre Mutter mit kurzem Kleid und kleiner Handtasche, umherschauend, ob sie jemand sah, die Treppe hinunterstöckelte. Auch fehlte Raiza der Mut, ihren Vater danach zu fragen.
Erst Jahre später realisierte sie, dass Papas Lohn nie gereicht hatte.
Morgens war Mutter müde und wollte ihre Ruhe haben.
Die einzige Ablenkung für Raiza von der Arbeit zu Hause waren die Mädchentreffs mit ihren Freundinnen. Abends trafen sich die Jugendlichen auf der Straße. Sie tauschten ihre Erlebnisse aus, sangen oder übten sich in der Kunst des Flirtens. Da die Mädchen und Jungen alle im gleichen Quartier wohnten, kannten sie sich von klein auf. José war einer von ihnen. Er war der Sohn der Nachbarn auf der rechten Seite. Seit die beiden Kinder in die Pubertät kamen, hatte José ein Auge auf Raiza geworfen. Er bewunderte ihren Mut und ihre Direktheit. Vor allem aber gefielen ihm ihre Brüste. Als die beiden elf Jahre alt waren, kam es zum ersten Kuss. Der sicherste Ort, um nicht zum Gespött des „Barrios“,der Nachbarschaft,zu werden, war die dunkle Calle Martínez. Anfangs wollten die beiden natürlich auch nicht, dass ihre Eltern von ihren Liebeleien etwas erfuhren. Raiza hatte sich in diesen mageren Jungen verliebt, und José nutzte jede Möglichkeit, Raiza in die Arme zu nehmen und ihren üppigen Körper an sich zu drücken. Manchmal wehrte sie ihn lachend ab.
Die Jahre vergingen, und José war längst Raizas Ehemann geworden. Leider blieben sie kinderlos, da half auch Mirsianas Beten und Segnen nichts. Raiza versuchte immer wieder, dieses Schicksal, wie sie es nannte, anzunehmen. Ihre Eltern und Schwiegereltern sahen den Fluch oder die Schuld einmal bei ihr oder bei José oder bei den Göttern, den „Orishas“. Es war für Raiza nicht einfach, diesem Druck standzuhalten. Sie suchte und fand eine erfüllende Arbeit und wollte auf andere Gedanken kommen und Leute kennenlernen. Es sprach sich herum, dass José zwischendurch zu den „Putas“, wie man im Barrio die Prostituierten nannte, ging. Sein Lebenswandel und die vorübergehende Arbeitslosigkeit zehrten an seinen Kräften. Es wunderte niemanden im Quartier, als der Medico ihm eines Tages offenbarte, dass der Krebs ihn zerfresse. Für das Paar begann eine schwierige Zeit. Auch als José Raiza immer öfter anschrie oder seine Ungeduld handfest zeigte, stand sie stets zu ihm und an seiner Seite.
Am Begräbnis wehte ein leiser Wind, und in der Kirche war es kühl und düster. Als Raiza an diesem Novembertag aus der Kirche trat und zum Himmel schaute, meinte sie, ein Zeichen zu erkennen. Sie war überzeugt, dass sie zu gegebener Zeit ihr Leben in die eigenen Hände nehmen würde. An diesem Abend schaute sie in den Spiegel im Bad und sah ihre Hände an. Es waren die Hände einer 44-jährigen Frau, die gelernt hatte, Arbeiten anzupacken. Auch wusste Raiza, dass sie etwas Eigenes erschaffen wollte. Die nächsten drei Monate verkroch sie sich oft unter der Wolldecke und verließ die Wohnung nur, wenn sie musste. Ihren Geschwistern wollte sie nicht zur Last fallen. Dieser Rückzug, das wusste sie, war nötig, um von ihrem alten Leben Abschied zu nehmen.
José war in ihren Gedanken und Erinnerungen bei ihr. Oft weinte und schluchzte sie an seinem Grabe. Leid und Mitleid mit sich selbst lösten sich dabei ab.
Die Zeit verging, langsam wurde die Trauer kleiner und wich einer Ahnung vom neuen Leben. Als sie eines Abends auf dem Heimweg vom Friedhof war, traf sie Lucian in der Calle Martínez. Lucian fragte, ob sie gehört hätte, dass das Café Cuba einen neuen Pächter sucht. Da das Café in einem schlechten Zustand sei, biete sich die Gelegenheit, es nach eigenen Vorstellungen einzurichten.
Als Frau hatte man in Kuba zu dieser Zeit keine Chance, einen Pachtvertrag zu bekommen. Sollte sie aber Interesse an diesem Projekt haben, übernähme Lucian die Bürgschaft. Er würde ihr auch bei den Formalitäten helfen. Da er keine feste Anstellung hatte, bot er ihr seine Hilfe bei der Umgestaltung des Cafés an.
In dieser Nacht schlief Raiza kaum. Sie wälzte sich bis in die Morgenstunden im Bett und wog das Dafür und Dagegen ab. Als der Morgen kam, war der Entschluss reif, das Café zu übernehmen. Es kam, wie es kommen musste. Raiza unterzeichnete den Pachtvertrag für die nächsten fünf Jahre. Nachdem sie diesen unterschrieben hatte, feierte sie mit Lucian bis tief in die Nacht ihr neues Leben.
Nun hatte sie sechs Wochen Zeit, das alte Café zu renovieren und auf Vorderfrau, wie sie es gerne nannte, zu bringen.
Neue Leben müssen auch erarbeitet werden.
Raiza, Lucian und weitere Freunde halfen mit, die Wände des Cafés zu streichen, Nägel einzuschlagen, Sitzflächen zu reparieren oder lose Tischbeine anzuschrauben. Alle Tische wurden geschliffen und neu geölt, sodass die Maserung wieder zur Geltung kam. Raiza suchte in Havanna kleine Lampen im Jugendstil. Leah, eine Freundin von Raiza reinigte die farbigen Keramikkacheln. Sebastian brachte einen großen Spiegel mit Goldrand mit. Zu viert hängten sie ihn hinter der Theke auf. Raizas Geschwister sammelten verschiedenes Geschirr. Das Café sollte eine Oase der Begegnung werden. Raiza freute sich über die gelungene Renovierung des Cafés. Dank ihrem Geschick konnte sie eine gebrauchte Kaffeemaschine auftreiben. Für den Anfang taten es auch preiswerte Kaffeebohnen. Sie ließ ihre Beziehungen spielen, und so hatte sie bald einige Frauen, die für das Café kleine Gebäckstücke zauberten. Diese „Churros“, wie die gezuckerten Teigtaschen in Havanna heißen, waren bald heiß begehrt. Leah, buk für das Café kubanische Schokoladentorten mit Bananen und Sahne. Sie brachte diese jeden Morgen auf einem Tablett ins Cuba.
Die Wiedereröffnung sprach sich im Quartier und in Havanna wie ein Lauffeuer herum, und nach einigen Monaten bewirtete Raiza bereits vielfältige Gäste. Diese liebten den guten Kaffee, die Leckereien, vor allem aber den neuen Geist des Cafés Cuba. Jeweils früh morgens, wenn Raiza die Rollläden heraufgezogen hatte, setzte sie sich an einen Tisch und bereitete in einem großen Topf „Cuba Libre“ zu. Dabei mischte sie die Limetten mit frischen Minzblättern, Zucker und Rum und goss Sodawasser darüber. Raizas Mojito war geboren. Da sie den besten Rum auftreiben konnte, lockte sie zusehends auch Männer ins Café Cuba.
Lisian, welche jeden Mittwoch auf ihre Tanzstunde um die Ecke wartete, nahm meist einen Milchshake mit Bananen. „Eh, pequeña, dein Shake ist bereit! Möchtest du ein Stück des „Pudín de Pan“?“
Da fiel Raizas Blick auf Paolo, der jeden Morgen seine Gläser Wein brauchte. El pobre! …
Fremdgehen ist eine Entscheidung
„Das Leben schlägt manchmal Kapriolen, die niemand je zu prophezeien wagt.“
An einem Tischchen saß sich ein junges Paar gegenüber, beide etwa 35-jährig. Es war schwierig zu erfassen, in welcher Stimmung sie waren. Zum Schein entspannt entwickelte sich ein stummes Drama. Er trank den Espresso in einem Zuge, sie dagegen nippte an ihrem Café con Leche. Die beiden sprachen kein Wort. Sie, in Gedanken versunken, realisierte jede Regung seinerseits. Er, wartend und mit einem Funken Ungeduld, kämpfte gegen den Ausbruch seines inneren Vulkans. Je länger er wartete, desto mehr verschwand sie in andere Welten. Für ihn wurde der Gedanke immer konkreter, dass sie fremdging. Anzeichen hatte er beobachtet, jetzt wurden sie zu seiner Gewissheit. Seit einigen Wochen lagen ein Gedichtband von Arthur Rimbaud und Bücher von Henry Miller auf ihrem Nachttisch. Titel wie „Sexus“ oder „Lachen, Liebe, Nächte“ sprangen ihm ins Auge. Er erinnerte sich an die Anfangszeit, als sie oft über Kleinigkeiten oder eigene Unzulänglichkeiten lachen oder schmunzeln konnten. Irgendwie war ihnen das Lachen und die Heiterkeit im Laufe der Jahre abhandengekommen. Er fragte sich, ob sie nur gedanklich fremdging oder ob da ein anderer Mann zwischen ihnen stand. Seine Miene verfinsterte sich zusehends und wechselte von einem warmen Ocker in ein raues, zwingendes Schwarz. Es kratzte ihn im Hals. Während am Anfang des Cafébesuchs sein Blick vorher zu ihrer Linken auf den Boden fiel, suchte er jetzt Ablenkung, indem er zu den anderen Tischen sah. Es war für ihn kaum auszuhalten, in dieser Ungewissheit ausharren zu müssen.
„Ihm machte es keinen Spaß, in seinen Problemen zu wühlen und seinen Kummer anderen Leuten zu erzählen.“
Sein Mund blieb offen, und die Sprache war versiegt.
Die Zeit am Tisch der beiden schien atemlos stillzustehen.
Sie blieb weiterhin stumm, und ihr Kaffee wurde kalt.
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